in Verzweifelung bringen können, gehört die Erkenntniss, dass das
Unlogische für den Menschen nöthig ist, und dass aus dem Unlogischen
vieles Gute entsteht. Es steckt so fest in den Leidenschaften, in der
Sprache, in der Kunst, in der Religion und überhaupt in Allem, was dem
Leben Werth verleiht, dass man es nicht herausziehen kann, ohne damit
diese schönen Dinge heillos zu beschädigen. Es sind nur die allzu
naiven Menschen, welche glauben können, dass die Natur des Menschen
in eine rein logische verwandelt werden könne; wenn es aber Grade der
Annäherung an dieses Ziel geben sollte, was würde da nicht Alles auf
diesem Wege verloren gehen müssen! Auch der vernünftigste Mensch
bedarf von Zeit zu Zeit wieder der Natur, das heisst seiner
unlogischen Grundstellung zu allen Dingen.
32.
Ungerechtsein nothwendig. - Alle Urtheile über den Werth des Lebens
sind unlogisch entwickelt und desshalb ungerecht. Die Unreinheit des
Urtheils liegt erstens in der Art, wie das Material vorliegt, nämlich
sehr unvollständig, zweitens in der Art, wie daraus die Summe gebildet
wird, und drittens darin, dass jedes einzelne Stück des Materials
wieder das Resultat unreinen Erkennens ist und zwar diess mit voller
Nothwendigkeit. Keine Erfahrung zum Beispiel über einen Menschen,
stünde er uns auch noch so nah, kann vollständig sein, so dass wir ein
logisches Recht zu einer Gesammtabschätzung desselben hätten; alle
Schätzungen sind voreilig und müssen es sein. Endlich ist das Maass,
womit wir messen, unser Wesen, keine unabänderliche Grösse, wir haben
Stimmungen und Schwankungen, und doch müssten wir uns selbst als ein
festes Maass kennen, um das Verhältniss irgend einer Sache zu uns
gerecht abzuschätzen. Vielleicht wird aus alledem folgen, dass man
gar nicht urtheilen sollte; wenn man aber nur leben könnte, ohne
abzuschätzen, ohne Abneigung und Zuneigung zu haben! - denn alles
Abgeneigtsein hängt mit einer Schätzung zusammen, ebenso alles
Geneigtsein. Ein Trieb zu Etwas oder von Etwas weg, ohne ein Gefühl
davon, dass man das Förderliche wolle, dem Schädlichen ausweiche,
ein Trieb ohne eine Art von erkennender Abschätzung über den Werth
des Zieles, existirt beim Menschen nicht. Wir sind von vornherein
unlogische und daher ungerechte Wesen, und können diess erkennen:
diess ist eine der grössten und unauflösbarsten Disharmonien des
Daseins.
33.
Der Irrthum über das Leben zum Leben nothwendig. - Jeder Glaube an
Werth und Würdigkeit des Lebens beruht auf unreinem Denken; er ist
allein dadurch möglich, dass das Mitgefühl für das allgemeine Leben
und Leiden der Menschheit sehr schwach im Individuum entwickelt ist.
Auch die seltneren Menschen, welche überhaupt über sich hinaus denken,
fassen nicht dieses allgemeine Leben, sondern abgegränzte Theile
desselben in's Auge. Versteht man es, sein Augenmerk vornehmlich
auf Ausnahmen, ich meine auf die hohen Begabungen und die reinen
Seelen zu richten, nimmt man deren Entstehung zum Ziel der ganzen
Weltentwickelung und erfreut sich an deren Wirken, so mag man an den
Werth des Lebens glauben, weil man nämlich die anderen Menschen dabei
übersieht: also unrein denkt. Und ebenso, wenn man zwar alle Menschen
in's Auge fasst, aber in ihnen nur eine Gattung von Trieben, die
weniger egoistischen, gelten lässt und sie in Betreff der anderen
Triebe entschuldigt: dann kann man wiederum von der Menschheit im
Ganzen Etwas hoffen und insofern an den Werth des Lebens glauben: also
auch in diesem Falle durch Unreinheit des Denkens. Mag man sich aber
so oder so verhalten, man ist mit diesem Verhalten eine Ausnahme unter
den Menschen. Nun ertragen aber gerade die allermeisten Menschen
das Leben, ohne erheblich zu murren, und glauben somit an den Werth
des Daseins, aber gerade dadurch, dass sich jeder allein will und
behauptet, und nicht aus sich heraustritt wie jene Ausnahmen: alles
Ausserpersönliche ist ihnen gar nicht oder höchstens als ein schwacher
Schatten bemerkbar. Also darauf allein beruht der Werth des Lebens für
den gewöhnlichen, alltäglichen Menschen, dass er sich wichtiger nimmt,
als die Welt. Der grosse Mangel an Phantasie, an dem er leidet, macht,
dass er sich nicht in andere Wesen hineinfühlen kann und daher so
wenig als möglich an ihrem Loos und Leiden theilnimmt. Wer dagegen
wirklich daran theilnehmen könnte, müsste am Werthe des Lebens
verzweifeln; gelänge es ihm, das Gesammtbewusstsein der Menschheit in
sich zu fassen und zu empfinden, er würde mit einem Fluche gegen das
Dasein zusammenbrechen, - denn die Menschheit hat im Ganzen keine
Ziele, folglich kann der Mensch, in Betrachtung des ganzen Verlaufes,
nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine Verzweifelung.
Sieht er bei Allem, was er thut, auf die letzte Ziellosigkeit
der Menschen, so bekommt sein eigenes Wirken in seinen Augen den
Charakter der Vergeudung. Sich aber als Menschheit (und nicht nur als
Individuum) ebenso vergeudet zu fühlen, wie wir die einzelne Blüthe
von der Natur vergeudet sehen, ist ein Gefühl über alle Gefühle. - Wer
ist aber desselben fähig? Gewiss nur ein Dichter: und Dichter wissen
sich immer zu trösten.
34.
Zur Beruhigung.- Aber wird so unsere Philosophie nicht zur Tragödie?
Wird die Wahrheit nicht dem Leben, dem Besseren feindlich? Eine Frage
scheint uns die Zunge zu beschweren und doch nicht laut werden zu
wollen: ob man bewusst in der Unwahrheit bleiben könne? oder, wenn
man diess müsse, ob da nicht der Tod vorzuziehen sei? Denn ein Sollen
giebt es nicht mehr; die Moral, insofern sie ein Sollen war, ist ja
durch unsere Betrachtungsart ebenso vernichtet wie die Religion. Die
Erkenntniss kann als Motive nur Lust und Unlust, Nutzen und Schaden
bestehen lassen: wie aber werden diese Motive sich mit dem Sinne für
Wahrheit auseinandersetzen? Auch sie berühren sich ja mit Irrthümern
(insofern, wie gesagt, Neigung und Abneigung und ihre sehr ungerechten
Messungen unsere Lust und Unlust wesentlich bestimmen). Das ganze
menschliche Leben ist tief in die Unwahrheit eingesenkt; der Einzelne
kann es nicht aus diesem Brunnen herausziehen, ohne dabei seiner
Vergangenheit aus tiefstem Grunde gram zu werden, ohne seine
gegenwärtigen Motive, wie die der Ehre, ungereimt zu finden und den
Leidenschaften, welche zur Zukunft und zu einem Glück in derselben
hindrängen, Hohn und Verachtung entgegenzustellen. Ist es wahr, bliebe
einzig noch eine Denkweise übrig, welche als persönliches Ergebniss
die Verzweifelung, als theoretisches eine Philosophie der Zerstörung
nach sich zöge? - Ich glaube, die Entscheidung über die Nachwirkung
der Erkenntniss wird durch das Temperament eines Menschen gegeben:
ich könnte mir eben so gut, wie jene geschilderte und bei einzelnen
Naturen mögliche Nachwirkung, eine andere denken, vermöge deren ein
viel einfacheres, von Affecten reineres Leben entstünde, als das
jetzige ist: so dass zuerst zwar die alten Motive des heftigeren
Begehrens noch Kraft hätten, aus alter vererbter Gewöhnung her,
allmählich aber unter dem Einflusse der reinigenden Erkenntniss
schwächer würden. Man lebte zuletzt unter den Menschen und mit sich
wie in der Natur, ohne Lob, Vorwürfe, Ereiferung, an Vielem sich wie
an einem Schauspiel weidend, vor dem man sich bisher nur zu fürchten
hatte. Man wäre die Emphasis los und würde die Anstachelung des
Gedankens, dass man nicht nur Natur oder mehr als Natur sei, nicht
weiter empfinden. Freilich gehörte hierzu, wie gesagt, ein gutes
Temperament, eine gefestete, milde und im Grunde frohsinnige Seele,
eine Stimmung, welche nicht vor Tücken und plötzlichen Ausbrüchen auf
der Hut zu sein brauchte und in ihren Aeusserungen Nichts von dem
knurrenden Tone und der Verbissenheit an sich trüge, - jenen bekannten
lästigen Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an der
Kette gelegen haben. Vielmehr muss ein Mensch, von dem in solchem
Maasse die gewöhnlichen Fesseln des Lebens abgefallen sind, dass er
nur deshalb weiter lebt, um immer besser zu erkennen, auf Vieles, ja
fast auf Alles, was bei den anderen Menschen Werth hat, ohne Neid
und Verdruss verzichten können, ihm muss als der wünschenswertheste
Zustand jenes freie, furchtlose Schweben über Menschen, Sitten,
Gesetzen und den herkömmlichen Schätzungen der Dinge genügen. Die
Freude an diesem Zustande theilt er gerne mit und er hat vielleicht
nichts Anderes mitzutheilen, - worin freilich eine Entbehrung, eine
Entsagung mehr liegt. Will man aber trotzdem mehr von ihm, so wird
er mit wohlwollendem Kopfschütteln auf seinen Bruder hinweisen,
den freien Menschen der That, und vielleicht ein Wenig Spott nicht
verhehlen: denn mit dessen "Freiheit" hat es eine eigene Bewandtniss.
Zweites Hauptstück.
Zur Geschichte der moralischen Empfindungen.
35.
Vortheile der psychologischen Beobachtung. - Dass das Nachdenken über
Menschliches, Allzumenschliches - oder wie der gelehrtere Ausdruck
lautet: die psychologische Beobachtung - zu den Mitteln gehöre,
vermöge deren man sich die Last des Lebens erleichtern könne, dass
die Uebung in dieser Kunst Geistesgegenwart in schwierigen Lagen und
Unterhaltung inmitten einer langweiligen Umgebung verleihe, ja dass
man den dornenvollsten und unerfreulichsten Strichen des eigenen
Lebens Sentenzen abpflücken und sich dabei ein Wenig wohler fühlen
könne: das glaubte man, wusste man - in früheren Jahrhunderten. Warum
vergass es dieses Jahrhundert, wo wenigstens in Deutschland, ja
in Europa, die Armuth an psychologischer Beobachtung durch viele
Zeichen sich zu erkennen giebt? Nicht gerade in Roman, Novelle
und philosophischer Betrachtung, - diese sind das Werk von
Ausnahmemenschen; schon mehr in der Beurtheilung öffentlicher
Ereignisse und Persönlichkeiten: vor Allem aber fehlt die Kunst der
psychologischen Zergliederung und Zusammenrechnung in der Gesellschaft
aller Stände, in der man wohl viel über Menschen, aber gar nicht über
den Menschen spricht. Warum doch lässt man sich den reichsten und
harmlosesten Stoff der Unterhaltung entgehen? Warum liest man nicht
einmal die grossen Meister der psychologischen Sentenz mehr? - denn,
ohne jede Uebertreibung gesprochen: der Gebildete in Europa, der La
Rochefoucauld und seine Geistes- und Kunstverwandten gelesen hat, ist
selten zu finden; und noch viel seltener Der, welcher sie kennt und
sie nicht schmäht. Wahrscheinlich wird aber auch dieser ungewöhnliche
Leser viel weniger Freude an ihnen haben, als die Form jener Künstler
ihm geben sollte; denn selbst der feinste Kopf ist nicht vermögend,
die Kunst der Sentenzen-Schleiferei gebührend zu würdigen, wenn er
nicht selber zu ihr erzogen ist, in ihr gewetteifert hat. Man nimmt,
ohne solche practische Belehrung, dieses Schaffen und Formen für
leichter als es ist, man fühlt das Gelungene und Reizvolle nicht
scharf genug heraus. Desshalb haben die jetzigen Leser von Sentenzen
ein verhältnissmässig unbedeutendes Vergnügen an ihnen, ja kaum einen
Mund voll Annehmlichkeit, so dass es ihnen ebenso geht, wie den
gewöhnlichen Betrachtern von Kameen: als welche loben, weil sie nicht
lieben können und schnell bereit sind zu bewundern, schneller aber
noch, fortzulaufen.
36.
Einwand.- Oder sollte es gegen jenen Satz, dass die psychologische
Beobachtung zu den Reiz-, Heil- und Erleichterungsmitteln des Daseins
gehöre, eine Gegenrechnung geben? Sollte man sich genug von den
unangenehmen Folgen dieser Kunst überzeugt haben, um jetzt mit
Absichtlichkeit den Blick der sich Bildenden von ihr abzulenken? In
der That, ein gewisser blinder Glaube an die Güte der menschlichen
Natur, ein eingepflanzter Widerwille vor der Zerlegung menschlicher
Handlungen, eine Art Schamhaftigkeit in Hinsicht auf die Nacktheit
der Seele mögen wirklich für das gesammte Glück eines Menschen
wünschenswerthere Dinge sein, als jene, in einzelnen Fällen hilfreiche
Eigenschaft der psychologischen Scharfsichtigkeit; und vielleicht hat
der Glaube an das Gute, an tugendhafte Menschen und Handlungen, an
eine Fülle des unpersönlichen Wohlwollens in der Welt die Menschen
besser gemacht, insofern er dieselben weniger misstrauisch machte.
Wenn man die Helden Plutarch's mit Begeisterung nachahmt, und einen
Abscheu davor empfindet, den Motiven ihres Handelns anzweifelnd
nachzuspüren, so hat zwar nicht die Wahrheit, aber die Wohlfahrt der
menschlichen Gesellschaft ihren Nutzen dabei: der psychologische
Irrthum und überhaupt die Dumpfheit auf diesem Gebiete hilft der
Menschlichkeit vorwärts, während die Erkenntniss der Wahrheit
vielleicht durch die anregende Kraft einer Hypothese mehr gewinnt, wie
sie La Rochefoucauld der ersten Ausgabe seiner "Sentences et maximes
morales" vorangestellt hat: "Ce que le monde nomme vertu n'est
d'ordinaire qu'un fantôame formé par nos passions, à qui on donne un
nom honnête pour faire impunément ce qu'on veut." La Rochefoucauld
und jene anderen französischen Meister der Seelenprüfung (denen sich
neuerdings auch ein Deutscher, der Verfasser der "Psychologischen
Beobachtungen" zugesellt hat) gleichen scharf zielenden Schützen,
welche immer und immer wieder in's Schwarze treffen, - aber in's
Schwarze der menschlichen Natur. Ihr Geschick erregt Staunen,
aber endlich verwünscht ein Zuschauer, der nicht vom Geiste der
Wissenschaft, sondern der Menschenfreundlichkeit geleitet wird, eine
Kunst, welche den Sinn der Verkleinerung und Verdächtigung in die
Seelen der Menschen zu pflanzen scheint.
37.
Trotzdem.- Wie es sich nun mit Rechnung und Gegenrechnung verhalte: in
dem gegenwärtigen Zustande einer bestimmten einzelnen Wissenschaft ist
die Auferweckung der moralischen Beobachtung nöthig geworden, und der
grausame Anblick des psychologischen Secirtisches und seiner Messer
und Zangen kann der Menschheit nicht erspart bleiben. Denn hier
gebietet jene Wissenschaft, welche nach Ursprung und Geschichte der
sogenannten moralischen Empfindungen fragt und welche im Fortschreiten
die verwickelten sociologischen Probleme aufzustellen und zu lösen
hat: - die ältere Philosophie kennt die letzteren gar nicht und
ist der Untersuchung von Ursprung und Geschichte der moralischen
Empfindungen unter dürftigen Ausflüchten immer aus dem Wege gegangen.
Mit welchen Folgen: das lässt sich jetzt sehr deutlich überschauen,
nachdem an vielen Beispielen nachgewiesen ist, wie die Irrthümer der
grössten Philosophen gewöhnlich ihren Ausgangspunct in einer falschen
Erklärung bestimmter menschlicher Handlungen und Empfindungen
haben, wie auf Grund einer irrthümlichen Analysis, zum Beispiel
der sogenannten unegoistischen Handlungen, eine falsche Ethik sich
aufbaut, dieser zu Gefallen dann wiederum Religion und mythologisches
Unwesen zu Hülfe genommen werden, und endlich die Schatten dieser
trüben Geister auch in die Physik und die gesammte Weltbetrachtung
hineinfallen. Steht es aber fest, dass die Oberflächlichkeit der
psychologischen Beobachtung dem menschlichen Urtheilen und Schliessen
die gefährlichsten Fallstricke gelegt hat und fortwährend von Neuem
legt, so bedarf es jetzt jener Ausdauer der Arbeit, welche nicht müde
wird, Steine auf Steine, Steinchen auf Steinchen zu häufen, so bedarf
es der enthaltsamen Tapferkeit, um sich einer solchen bescheidenen
Arbeit nicht zu schämen und jeder Missachtung derselben Trotz zu
bieten. Es ist wahr: zahllose einzelne Bemerkungen über Menschliches
und Allzumenschliches sind in Kreisen der Gesellschaft zuerst
entdeckt und ausgesprochen worden, welche gewohnt waren, nicht der
wissenschaftlichen Erkenntniss, sondern einer geistreichen Gefallsucht
jede Art von Opfern darzubringen; und fast unlösbar hat sich der
Duft jener alten Heimath der moralistischen Sentenz - ein sehr
verführerischer Duft - der ganzen Gattung angehängt: so dass
seinetwegen der wissenschaftliche Mensch unwillkürlich einiges
Misstrauen gegen diese Gattung und ihre Ernsthaftigkeit merken lässt.
Aber es genügt, auf die Folgen zu verweisen: denn schon jetzt beginnt
sich zu zeigen, welche Ergebnisse ernsthaftester Art auf dem Boden der
psychologischen Beobachtung aufwachsen. Welches ist doch der Hauptsatz
zu dem einer der kühnsten und kältesten Denker, der Verfasser des
Buches "Ueber den Ursprung der moralischen Empfindungen" vermöge
seiner ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns
gelangt? "Der moralische Mensch, sagt er, steht der intelligiblen
(metaphysischen) Welt nicht näher, als der physische Mensch."
Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag der
historischen Erkenntniss, kann vielleicht einmal, in irgendwelcher
Zukunft, als die Axt dienen, welche dem "metaphysischen Bedürfniss"
der Menschen an die Wurzel gelegt wird, - ob mehr zum Segen, als zum
Fluche der allgemeinen Wohlfahrt, wer wüsste das zu sagen? - aber
jedenfalls als ein Satz der erheblichsten Folgen, fruchtbar und
furchtbar zugleich, und mit jenem Doppelgesichte in die Welt sehend,
welches alle grossen Erkenntnisse haben.
38.
Inwiefern nützlich. - Also: ob die psychologische Beobachtung mehr
Nutzen oder Nachtheil über die Menschen bringe, das bleibe immerhin
unentschieden; aber fest steht, dass sie nothwendig ist, weil die
Wissenschaft ihrer nicht entrathen kann. Die Wissenschaft aber kennt
keine Rücksichten auf letzte Zwecke, ebenso wenig als die Natur
sie kennt: sondern wie diese gelegentlich Dinge von der höchsten
Zweckmässigkeit zu Stande bringt, ohne sie gewollt zu haben, so
wird auch die ächte Wissenschaft, als die Nachahmung der Natur in
Begriffen, den Nutzen und die Wohlfahrt der Menschen gelegentlich, ja
vielfach, fördern und das Zweckmässige erreichen, - aber ebenfalls
ohne es gewollt zu haben. Wem es aber bei dem Anhauche einer solchen
Betrachtungsart gar zu winterlich zu Muthe wird, der hat vielleicht
nur zu wenig Feuer in sich: er möge sich indessen umsehen und er wird
Krankheiten wahrnehmen, in denen Eisumschläge noth thun, und Menschen,
welche so aus Gluth und Geist "zusammengeknetet" sind, dass sie
kaum irgendwo die Luft kalt und schneidend genug für sich finden.
Ueberdiess: wie allzu ernste Einzelne und Völker ein Bedürfniss nach
Leichtfertigkeiten haben, wie andere allzu Erregbare und Bewegliche
zeitweilig schwere niederdrückende Lasten zu ihrer Gesundheit nöthig
haben: sollten wir, die geistigeren Menschen eines Zeitalters, welches
ersichtlich immer mehr in Brand geräth, nicht nach allen löschenden
und kühlenden Mitteln, die es giebt, greifen müssen, damit wir
wenigstens so stetig, harmlos und mässig bleiben, als wir es noch
sind, und so vielleicht einmal dazu brauchbar werden, diesem Zeitalter
als Spiegel und Selbstbesinnung über sich zu dienen? -
39.
Die Fabel von der intelligibelen Freiheit. - Die Geschichte der
Empfindungen, vermöge deren wir jemanden verantwortlich machen, also
der sogenannten moralischen Empfindungen verläuft, in folgenden
Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen gut oder böse ohne
alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein der nützlichen oder
schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man die Herkunft dieser
Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen an sich, ohne Rücksicht
auf deren Folgen, die Eigenschaft "gut" oder "böse" innewohne: mit
demselben Irrthume, nach welchem die Sprache den Stein selber als
hart, den Baum selber als grün bezeichnet - also dadurch, dass man,
was Wirkung ist, als Ursache fasst. Sodann legt man das Gut- oder
Böse-sein in die Motive hinein und betrachtet die Thaten an sich als
moralisch zweideutig. Man geht weiter und giebt das Prädicat gut oder
böse nicht mehr dem einzelnen Motive, sondern dem ganzen Wesen eines
Menschen, aus dem das Motiv, wie die Pflanze aus dem Erdreich,
herauswächst. So macht man der Reihe nach den Menschen für seine
Wirkungen, dann für seine Handlungen, dann für seine Motive und
endlich für sein Wesen verantwortlich. Nun entdeckt man schliesslich,
dass auch dieses Wesen nicht verantwortlich sein kann, insofern
es ganz und gar nothwendige Folge ist und aus den Elementen und
Einflüssen vergangener und gegenwärtiger Dinge concrescirt: also dass
der Mensch für Nichts verantwortlich zu machen ist, weder für sein
Wesen, noch seine Motive, noch seine Handlungen, noch seine Wirkungen.
Damit ist man zur Erkenntniss gelangt, dass die Geschichte der
moralischen Empfindungen die Geschichte eines Irrthums, des Irrthums
von der Verantwortlichkeit ist: als welcher auf dem Irrthum von der
Freiheit des Willens ruht. -Schopenhauer schloss dagegen so: weil
gewisse Handlungen Unmuth ("Schuldbewusstsein") nach sich ziehen, so
muss es eine Verantwortlichkeit geben; denn zu diesem Unmuth wäre
kein Grund vorhanden, wenn nicht nur alles Handeln des Menschen mit
Nothwendigkeit verliefe - wie es thatsächlich, und auch nach der
Einsicht dieses Philosophen, verläuft -, sondern der Mensch selber
mit der selben Nothwendigkeit sein ganzes Wesen erlangte, - was
Schopenhauer leugnet. Aus der Thatsache jenes Unmuthes glaubt
Schopenhauer eine Freiheit beweisen zu können, welche der Mensch
irgendwie gehabt haben müsse, zwar nicht in Bezug auf die Handlungen,
aber in Bezug auf das Wesen: Freiheit also, so oder so zu sein, nicht
so oder so zu handeln. Aus dem esse, der Sphäre der Freiheit und
Verantwortlichkeit, folgt nach seiner Meinung das operari, die Sphäre
der strengen Causalität, Nothwendigkeit und Unverantwortlichkeit.
Jener Unmuth beziehe sich zwar scheinbar auf das operari - insofern
sei er irrthümlich -, in Wahrheit aber auf das esse, welches die That
eines freien Willens, die Grundursache der Existenz eines Individuums,
sei; der Mensch werde Das, was er werden wolle, sein Wollen sei
früher, als seine Existenz. - Hier wird der Fehlschluss gemacht, dass
aus der Thatsache des Unmuthes die Berechtigung, die vernünftige
Zulässigkeit dieses Unmuthes geschlossen wird; und von jenem
Fehlschluss aus kommt Schopenhauer zu seiner phantastischen Consequenz
der sogenannten intelligibelen Freiheit. Aber der Unmuth nach der That
braucht gar nicht vernünftig zu sein: ja er ist es gewiss nicht, denn
er ruht auf der irrthümlichen Voraussetzung, dass die That eben nicht
nothwendig hätte erfolgen müssen. Also: weil sich der Mensch für
frei hält, nicht aber weil er frei ist, empfindet er Reue und
Gewissensbisse. - Ueberdiess ist dieser Unmuth Etwas, das man sich
abgewöhnen kann, bei vielen Menschen ist er in Bezug auf Handlungen
gar nicht vorhanden, bei welchen viele andere Menschen ihn empfinden.
Er ist eine sehr wandelbare, an die Entwickelung der Sitte und Cultur
geknüpfte Sache und vielleicht nur in einer verhältnissmässig kurzen
Zeit der Weltgeschichte vorhanden. -Niemand ist für seine Thaten
verantwortlich, Niemand für sein Wesen; richten ist soviel als
ungerecht sein. Diess gilt auch, wenn das Individuum über sich selbst
richtet. Der Satz ist so hell wie Sonnenlicht, und doch geht hier
jedermann lieber in den Schatten und die Unwahrheit zurück: aus Furcht
vor den Folgen.
40.
Das Ueber-Thier. - Die Bestie in uns will belogen werden; Moral
ist Nothlüge, damit wir von ihr nicht zerrissen werden. Ohne die
Irrthümer, welche in den Annahmen der Moral liegen, wäre der Mensch
Thier geblieben. So aber hat er sich als etwas Höheres genommen und
sich strengere Gesetze auferlegt. Er hat desshalb einen Hass gegen
die der Thierheit näher gebliebenen Stufen: woraus die ehemalige
Missachtung des Sclaven, als eines Nicht-Menschen, als einer Sache zu
erklären ist.
41.
Der unveränderliche Charakter. - Dass der Charakter unveränderlich
sei, ist nicht im strengen Sinne wahr; vielmehr heisst dieser beliebte
Satz nur so viel, dass während der kurzen Lebensdauer eines Menschen
die einwirkenden Motive gewöhnlich nicht tief genug ritzen können, um
die aufgeprägten Schriftzüge vieler Jahrtausende zu zerstören. Dächte
man sich aber einen Menschen von achtzigtausend Jahren, so hätte man
an ihm sogar einen absolut veränderlichen Charakter: so dass eine
Fülle verschiedener Individuen sich nach und nach aus ihm entwickelte.
Die Kürze des menschlichen Lebens verleitet zu manchen irrthümlichen
Behauptungen über die Eigenschaften des Menschen.
42.