Metaphysische Erklärungen. - Der junge Mensch schätzt metaphysische

Erklärungen, weil sie ihm in Dingen, welche er unangenehm oder

verächtlich fand, etwas höchst Bedeutungsvolles aufweisen: und ist er

mit sich unzufrieden, so erleichtert sich diess Gefühl, wenn er das

innerste Welträthsel oder Weltelend in dem wiedererkennt, was er so

sehr an sich missbilligt. Sich unverantwortlicher fühlen und die

Dinge zugleich interessanter finden - das gilt ihm als die doppelte

Wohlthat, welche er der Metaphysik verdankt. Später freilich bekommt

er Misstrauen gegen die ganze metaphysische Erklärungsart, dann sieht

er vielleicht ein, dass jene Wirkungen auf einem anderen Wege eben

so gut und wissenschaftlicher zu erreichen sind: dass physische und

historische Erklärungen mindestens ebenso sehr jenes Gefühl der

Unverantwortlichkeit herbeiführen, und dass jenes Interesse am Leben

und seinen Problemen vielleicht noch mehr dabei entflammt wird.

18.

Grundfragen der Metaphysik. - Wenn einmal die Entstehungsgeschichte

des denkens geschrieben ist, so wird auch der folgende Satz eines

ausgezeichneten Logikers von einem neuen Lichte erhellt dastehen:

"Das ursprüngliche allgemeine Gesetz des erkennenden Subjects

besteht in der inneren Nothwendigkeit, jeden Gegenstand an sich, in

seinem eigenen Wesen als einen mit sich selbst identischen, also

selbstexistirenden und im Grunde stets gleichbleibenden und

unwandelbaren, kurz als eine Substanz zu erkennen." Auch dieses

Gesetz, welches hier "ursprünglich" genannt wird, ist geworden:

es wird einmal gezeigt werden, wie allmählich, in den niederen

Organismen, dieser Hang entsteht, wie die blöden Maulwurfsaugen dieser

Organisationen zuerst Nichts als immer das Gleiche sehen, wie dann,

wenn die verschiedenen Erregungen von Lust und Unlust bemerkbarer

werden, allmählich verschiedene Substanzen unterschieden werden, aber

jede mit Einem Attribut, das heisst einer einzigen Beziehung zu einem

solchen Organismus. - Die erste Stufe des Logischen ist das Urtheil;

dessen Wesen besteht, nach der Feststellung der besten Logiker, im

Glauben. Allem Glauben zu Grunde liegt die Empfindung des Angenehmen

oder Schmerzhaften in Bezug auf das empfindende Subject. Eine neue

dritte Empfindung als Resultat zweier vorangegangenen einzelnen

Empfindungen ist das Urtheil in seiner niedrigsten Form. - Uns

organische Wesen interessirt ursprünglich Nichts an jedem Dinge, als

sein Verhältniss zu uns in Bezug auf Lust und Schmerz. Zwischen den

Momenten, in welchen wir uns dieser Beziehung bewusst werden, den

Zuständen des Empfindens, liegen solche der Ruhe, des Nichtempfindens:

da ist die Welt und jedes Ding für uns interesselos, wir bemerken

keine Veränderung an ihm (wie jetzt noch ein heftig Interessirter

nicht merkt, dass jemand an ihm vorbeigeht). Für die Pflanze sind

gewöhnlich alle Dinge ruhig, ewig, jedes Ding sich selbst gleich. Aus

der Periode der niederen Organismen her ist dem Menschen der Glaube

vererbt, dass es gleiche Dinge giebt (erst die durch höchste

Wissenschaft ausgebildete Erfahrung widerspricht diesem Satze). Der

Urglaube alles Organischen von Anfang an ist vielleicht sogar, dass

die ganze übrige Welt Eins und unbewegt ist. - Am fernsten liegt für

jene Urstufe des Logischen der Gedanke an Causalität: ja jetzt noch

meinen wir im Grunde, alle Empfindungen und Handlungen seien Acte des

freien Willens; wenn das fühlende Individuum sich selbst betrachtet,

so hält es jede Empfindung, jede Veränderung für etwas Isolirtes, das

heisst Unbedingtes, Zusammenhangloses: es taucht aus uns auf, ohne

Verbindung mit Früherem oder Späterem. Wir haben Hunger, aber meinen

ursprünglich nicht, dass der Organismus erhalten werden will, sondern

jenes Gefühl scheint sich ohne Grund und Zweck geltend zu machen, es

isolirt sich und hält sich für willkürlich. Also: der Glaube an die

Freiheit des Willens ist ein ursprünglicher Irrthum alles Organischen,

so alt, als die Regungen des Logischen in ihm existiren; der Glaube

an unbedingte Substanzen und an gleiche Dinge ist ebenfalls ein

ursprünglicher, ebenso alter Irrthum alles Organischen. Insofern aber

alle Metaphysik sich vornehmlich mit Substanz und Freiheit des Willens

abgegeben hat, so darf man sie als die Wissenschaft bezeichnen, welche

von den Grundirrthümern des Menschen handelt, doch so, als wären es

Grundwahrheiten.

19.

Die Zahl. - Die Erfindung der Gesetze der Zahlen ist auf Grund des

ursprünglich schon herrschenden Irrthums gemacht, dass es mehrere

gleiche Dinge gebe (aber thatsächlich giebt es nichts Gleiches),

mindestens dass es Dinge gebe (aber es giebt kein "Ding"). Die Annahme

der Vielheit setzt immer voraus, dass es Etwas gebe, das vielfach

vorkommt: aber gerade hier schon waltet der Irrthum, schon da fingiren

wir Wesen, Einheiten, die es nicht giebt. - Unsere Empfindungen von

Raum und Zeit sind falsch, denn sie führen, consequent geprüft, auf

logische Widersprüche. Bei allen wissenschaftlichen Feststellungen

rechnen wir unvermeidlich immer mit einigen falschen Grössen: aber

weil diese Grössen wenigstens constant sind, wie zum Beispiel unsere

Zeit- und Raumempfindung, so bekommen die Resultate der Wissenschaft

doch eine vollkommene Strenge und Sicherheit in ihrem Zusammenhange

mit einander; man kann auf ihnen fortbauen - bis an jenes letzte

Ende, wo die irrthümliche Grundannahme, jene constanten Fehler,

in Widerspruch mit den Resultaten treten, zum Beispiel in der

Atomenlehre. Da fühlen wir uns immer noch zur Annahme eines "Dinges"

oder stofflichen "Substrats", das bewegt wird, gezwungen, während die

ganze wissenschaftliche Procedur eben die Aufgabe verfolgt hat, alles

Dingartige (Stoffliche) in Bewegungen aufzulösen: wir scheiden auch

hier noch mit unserer Empfindung Bewegendes und Bewegtes und kommen

aus diesem Zirkel nicht heraus, weil der Glaube an Dinge mit unserem

Wesen von Alters her verknotet ist. - Wenn Kant sagt "der Verstand

schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser

vor", so ist diess in Hinsicht auf den Begriff der Natur völlig wahr,

welchen wir genöthigt sind, mit ihr zu verbinden (Natur = Welt als

Vorstellung, das heisst als Irrthum), welcher aber die Aufsummirung

einer Menge von Irrthümern des Verstandes ist. - Auf eine Welt, welche

nicht unsere Vorstellung ist, sind die Gesetze der Zahlen gänzlich

unanwendbar: diese gelten allein in der Menschen-Welt.

20.

Einige Sprossen zurück. - Die eine, gewiss sehr hohe Stufe der Bildung

ist erreicht, wenn der Mensch über abergläubische und religiöse

Begriffe und Aengste hinauskommt und zum Beispiel nicht mehr an die

lieben Englein oder die Erbsünde glaubt, auch vom Heil der Seelen zu

reden verlernt hat: ist er auf dieser Stufe der Befreiung, so hat er

auch noch mit höchster Anspannung seiner Besonnenheit die Metaphysik

zu überwinden. Dann aber ist eine rückläufige Bewegung nöthig: er muss

die historische Berechtigung, ebenso die psychologische in solchen

Vorstellungen begreifen, er muss erkennen, wie die grösste Förderung

der Menschheit von dorther gekommen sei und wie man sich, ohne eine

solche rückläufige Bewegung, der besten Ergebnisse der bisherigen

Menschheit berauben würde. - In Betreff der philosophischen Metaphysik

sehe ich jetzt immer Mehrere, welche an das negative Ziel (dass jede

positive Metaphysik Irrthum ist) gelangt sind, aber noch Wenige,

welche einige Sprossen rückwärts steigen; man soll nämlich über die

letzte Sprosse der Leiter wohl hinausschauen, aber nicht auf ihr

stehen wollen. Die Aufgeklärtesten bringen es nur so weit, sich

von der Metaphysik zu befreien und mit Ueberlegenheit auf sie

zurückzusehen: während es doch auch hier, wie im Hippodrom, noth thut,

um das Ende der Bahn herumzubiegen.

21.

Muthmaasslicher Sieg der Skepsis. - Man lasse einmal den skeptischen

Ausgangspunct gelten: gesetzt, es gäbe keine andere, metaphysische

Welt und alle aus der Metaphysik genommenen Erklärungen der uns einzig

bekannten Welt wären unbrauchbar für uns, mit welchem Blick würden

wir dann auf Menschen und Dinge sehen? Diess kann man sich ausdenken,

es ist nützlich, selbst wenn die Frage, ob etwas Metaphysisches

wissenschaftlich durch Kant und Schopenhauer bewiesen sei, einmal

abgelehnt würde. Denn es ist, nach historischer Wahrscheinlichkeit,

sehr gut möglich, dass die Menschen einmal in dieser Beziehung im

Ganzen und Allgemeinen skeptisch werden; da lautet also die Frage: wie

wird sich dann die menschliche Gesellschaft, unter dem Einfluss einer

solchen Gesinnung, gestalten? Vielleicht ist der wissenschaftliche

Beweis irgend einer metaphysischen Welt schon so schwierig, dass die

Menschheit ein Misstrauen gegen ihn nicht mehr los wird. Und wenn man

gegen die Metaphysik Misstrauen hat, so giebt es im Ganzen und Grossen

die selben Folgen, wie wenn sie direct widerlegt wäre und man nicht

mehr an sie glauben dürfte. Die historische Frage in Betreff einer

unmetaphysischen Gesinnung der Menschheit bleibt in beiden Fällen die

selbe.

22.

Unglaube an das "monumentum aere perennius". - Ein wesentlicher

Nachtheil, welchen das Aufhören metaphysischer Ansichten mit sich

bringt, liegt darin, dass das Individuum zu streng seine kurze

Lebenszeit in's Auge fasst und keine stärkeren Antriebe empfängt,

an dauerhaften, für Jahrhunderte angelegten Institutionen zu bauen;

es will die Frucht selbst vom Baume pflücken, den es pflanzt,

und desshalb mag es jene Bäume nicht mehr pflanzen, welche eine

Jahrhundert lange gleichmässige Pflege erfordern und welche lange

Reihenfolgen von Geschlechtern zu überschatten bestimmt sind. Denn

metaphysische Ansichten geben den Glauben, dass in ihnen das letzte

endgültige Fundament gegeben sei, auf welchem sich nunmehr alle

Zukunft der Menschheit niederzulassen und anzubauen genöthigt sei;

der Einzelne fördert sein Heil, wenn er zum Beispiel eine Kirche, ein

Kloster stiftet, es wird ihm, so meint er, im ewigen Fortleben der

Seele angerechnet und vergolten, es ist Arbeit am ewigen Heil der

Seele. - Kann die Wissenschaft auch solchen Glauben an ihre Resultate

erwecken? In der That braucht sie den Zweifel und das Misstrauen als

treuesten Bundesgenossen; trotzdem kann mit der Zeit die Summe der

unantastbaren, das heisst alle Stürme der Skepsis, alle Zersetzungen

überdauernden Wahrheiten so gross werden (zum Beispiel in der Diätetik

der Gesundheit), dass man sich daraufhin entschliesst, "ewige" Werke

zu gründen. Einstweilen wirkt der Contrast unseres aufgeregten

Ephemeren-Daseins gegen die langathmige Ruhe metaphysischer Zeitalter

noch zu stark, weil die beiden Zeiten noch zu nahe gestellt sind; der

einzelne Mensch selber durchläuft jetzt zu viele innere und äussere

Entwickelungen, als dass er auch nur auf seine eigene Lebenszeit sich

dauerhaft und ein für alle Mal einzurichten wagt. Ein ganz moderner

Mensch, der sich zum Beispiel ein Haus bauen will, hat dabei ein

Gefühl, als ob er bei lebendigem Leibe sich in ein Mausoleum vermauern

wolle.

23.

Zeitalter der Vergleichung. - je weniger die Menschen durch das

Herkommen gebunden sind, um so grösser wird die innere Bewegung der

Motive, um so grösser wiederum, dem entsprechend, die äussere Unruhe,

das Durcheinanderfluten der Menschen, die Polyphonie der Bestrebungen.

Für wen giebt es jetzt noch einen strengeren Zwang, an einen Ort sich

und seine Nachkommen anzubinden? Für wen giebt es überhaupt noch

etwas streng Bindendes? Wie alle Stilarten der Künste neben einander

nachgebildet werden, so auch alle Stufen und Arten der Moralität, der

Sitten, der Culturen. - Ein solches Zeitalter bekommt seine Bedeutung

dadurch, dass in ihm die verschiedenen Weltbetrachtungen, Sitten,

Culturen verglichen und neben einander durchlebt werden können; was

früher, bei der immer localisirten Herrschaft jeder Cultur, nicht

möglich war, entsprechend der Gebundenheit aller künstlerischen

Stilarten an Ort und Zeit. Jetzt wird eine Vermehrung des ästhetischen

Gefühls endgültig unter so vielen der Vergleichung sich darbietenden

Formen entscheiden: sie wird die meisten, - nämlich alle, welche durch

dasselbe abgewiesen werden, - absterben lassen. Ebenso findet jetzt

ein Auswählen in den Formen und Gewohnheiten der höheren Sittlichkeit

statt, deren Ziel kein anderes, als der Untergang der niedrigeren

Sittlichkeiten sein kann. Es ist das Zeitalter der Vergleichung! Das

ist sein Stolz, - aber billigerweise auch sein Leiden. Fürchten wir

uns vor diesem Leiden nicht! Vielmehr wollen wir die Aufgabe, welche

das Zeitalter uns stellt, so gross verstehen, als wir nur vermögen: so

wird uns die Nachwelt darob segnen, - eine Nachwelt, die ebenso sich

über die abgeschlossenen originalen Volks-Culturen hinaus weiss, als

über die Cultur der Vergleichung, aber auf beide Arten der Cultur als

auf verehrungswürdige Alterthümer mit Dankbarkeit zurückblickt.

24.

Möglichkeit des Fortschritts. - Wenn ein Gelehrter der alten Cultur

es verschwört, nicht mehr mit Menschen umzugehen, welche an den

Fortschritt glauben, so hat er Recht. Denn die alte Cultur hat ihre

Grösse und Güte hinter sich und die historische Bildung zwingt Einen,

zuzugestehen, dass sie nie wieder frisch werden kann; es ist ein

unausstehlicher Stumpfsinn oder ebenso unleidliche Schwärmerei

nöthig, um diess zu leugnen. Aber die Menschen können mit Bewusstsein

beschliessen, sich zu einer neuen Cultur fortzuentwickeln, während

sie sich früher unbewusst und zufällig entwickelten: sie können jetzt

bessere Bedingungen für die Entstehung der Menschen, ihre Ernährung,

Erziehung, Unterrichtung schaffen, die Erde als Ganzes ökonomisch

verwalten, die Kräfte der Menschen überhaupt gegen einander abwägen

und einsetzen. Diese neue bewusste Cultur tödtet die alte, welche, als

Ganzes angeschaut, ein unbewusstes Thier- und Pflanzenleben geführt

hat; sie tödtet auch das Misstrauen gegen den Fortschritt, -er ist

möglich. Ich will sagen: es ist voreilig und fast unsinnig, zu

glauben, dass der Fortschritt nothwendig erfolgen müsse; aber wie

könnte man leugnen, dass er möglich sei? Dagegen ist ein Fortschritt

im Sinne und auf dem Wege der alten Cultur nicht einmal denkbar. Wenn

romantische Phantastik immerhin auch das Wort "Fortschritt" von ihren

Zielen (z.B. abgeschlossenen originalen Volks-Culturen) gebraucht:

jedenfalls entlehnt sie das Bild davon aus der Vergangenheit; ihr

Denken und Vorstellen ist auf diesem Gebiete ohne jede Originalität.

25.

Privat- und Welt-Moral. - Seitdem der Glaube aufgehört hat, dass

ein Gott die Schicksale der Welt im Grossen leite und, trotz aller

anscheinenden Krümmungen im Pfade der Menschheit, sie doch herrlich

hinausführe, müssen die Menschen selber sich ökumenische, die ganze

Erde umspannende Ziele stellen. Die ältere Moral, namentlich die

Kant's, verlangt vom Einzelnen Handlungen, welche man von allen

Menschen wünscht: das war eine schöne naive Sache; als ob ein jeder

ohne Weiteres wüsste, bei welcher Handlungsweise das Ganze der

Menschheit wohlfahre, also welche Handlungen überhaupt wünschenswerth

seien; es ist eine Theorie wie die vom Freihandel, voraussetzend,

dass die allgemeine Harmonie sich nach eingeborenen Gesetzen des

Besserwerdens von selbst ergeben müsse. Vielleicht lässt es ein

zukünftiger Ueberblick über die Bedürfnisse der Menschheit durchaus

nicht wünschenswerth erscheinen, dass alle Menschen gleich handeln,

vielmehr dürften im Interesse ökumenischer Ziele für ganze Strecken

der Menschheit specielle, vielleicht unter Umständen sogar böse

Aufgaben zu stellen sein. - Jedenfalls muss, wenn die Menschheit sich

nicht durch eine solche bewusste Gesammtregierung zu Grunde richten

soll, vorher eine alle bisherigen Grade übersteigende Kenntniss

der Bedingungen der Cultur, als wissenschaftlicher Maassstab für

ökumenische Ziele, gefunden sein. Hierin liegt die ungeheure Aufgabe

der grossen Geister des nächsten Jahrhunderts.

26.

Die Reaction als Fortschritt. - Mitunter erscheinen schroffe,

gewaltsame und fortreissende, aber trotzdem zurückgebliebene

Geister, welche eine vergangene Phase der Menschheit noch einmal

heraufbeschwören: sie dienen zum Beweis, dass die neuen Richtungen,

welchen sie entgegenwirken, noch nicht kräftig genug sind, dass Etwas

an ihnen fehlt: sonst würden sie jenen Beschwörern besseren Widerpart

halten. So zeugt zum Beispiel Luther's Reformation dafür, dass in

seinem Jahrhundert alle Regungen der Freiheit des Geistes noch

unsicher, zart, jugendlich waren; die Wissenschaft konnte noch nicht

ihr Haupt erheben. Ja, die gesammte Renaissance erscheint wie ein

erster Frühling, der fast wieder weggeschneit wird. Aber auch in

unserem Jahrhundert bewies Schopenhauer's Metaphysik, dass auch

jetzt der wissenschaftliche Geist noch nicht kräftig genug ist: so

konnte die ganze mittelalterliche christliche Weltbetrachtung und

Mensch-Empfindung noch einmal in Schopenhauer's Lehre, trotz der

längst errungenen Vernichtung aller christlichen Dogmen, eine

Auferstehung feiern. Viel Wissenschaft klingt in seine Lehre hinein,

aber sie beherrscht dieselbe nicht, sondern das alte, wohlbekannte

"metaphysische Bedürfniss". Es ist gewiss einer der grössten und ganz

unschätzbaren Vortheile, welche wir aus Schopenhauer gewinnen, dass er

unsere Empfindung zeitweilig in ältere, mächtige Betrachtungsarten der

Welt und Menschen zurückzwingt, zu welchen sonst uns so leicht kein

Pfad führen würde. Der Gewinn für die Historie und die Gerechtigkeit

ist sehr gross: ich glaube, dass es jetzt Niemandem so leicht gelingen

möchte, ohne Schopenhauer's Beihülfe dem Christenthum und seinen

asiatischen Verwandten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: was

namentlich vom Boden des noch vorhandenen Christenthums aus unmöglich

ist. Erst nach diesem grossen Erfolge der Gerechtigkeit, erst nachdem

wir die historische Betrachtungsart, welche die Zeit der Aufklärung

mit sich brachte, in einem so wesentlichen Puncte corrigirt haben,

dürfen wir die Fahne der Aufklärung - die Fahne mit den drei Namen:

Petrarca, Erasmus, Voltaire - von Neuem weiter tragen. Wir haben aus

der Reaction einen Fortschritt gemacht.

27.

Ersatz der Religion. - Man glaubt einer Philosophie etwas Gutes

nachzusagen, wenn man sie als Ersatz der Religion für das Volk

hinstellt. In der That bedarf es in der geistigen Oekonomie

gelegentlich überleitender Gedankenkreise; so ist der Uebergang

aus Religion in wissenschaftliche Betrachtung ein gewaltsamer,

gefährlicher Sprung, Etwas, das zu widerrathen ist. Insofern hat

man mit jener Anempfehlung Recht. Aber endlich sollte man doch auch

lernen, dass die Bedürfnisse, welche die Religion befriedigt hat und

nun die Philosophie befriedigen soll, nicht unwandelbar sind; diese

selbst kann man schwächen und ausrotten. Man denke zum Beispiel an die

christliche Seelennoth, das Seufzen über die innere Verderbtheit, die

Sorge um das Heil, - alles Vorstellungen, welche nur aus Irrthümern

der Vernunft herrühren und gar keine Befriedigung, sondern Vernichtung

verdienen. Eine Philosophie kann entweder so nützen, dass sie jene

Bedürfnisse auch befriedigt oder dass sie dieselben beseitigt; denn

es sind angelernte, zeitlich begränzte Bedürfnisse, welche auf

Voraussetzungen beruhen, die denen der Wissenschaft widersprechen.

Hier ist, um einen Uebergang zu machen, die Kunst viel eher zu

benutzen, um das mit Empfindungen überladene Gemüth zu erleichtern;

denn durch sie werden jene Vorstellungen viel weniger unterhalten, als

durch eine metaphysische Philosophie. Von der Kunst aus kann man dann

leichter in eine wirklich befreiende philosophische Wissenschaft

übergehen.

28.

Verrufene Worte. - Weg mit den bis zum Ueberdruss verbrauchten Wörtern

Optimismus und Pessimismus! Denn der Anlass, sie zu gebrauchen, fehlt

von Tag zu Tage mehr: nur die Schwätzer haben sie jetzt noch so

unumgänglich nöthig. Denn wesshalb in aller Welt sollte jemand

Optimist sein wollen, wenn er nicht einen Gott zu vertheidigen hat,

welcher die beste der Welten geschaffen haben muss, falls er selber

das Gute und Vollkommene ist, - welcher Denkende hat aber die

Hypothese eines Gottes noch nöthig? - Es fehlt aber auch jeder Anlass

zu einem pessimistischen Glaubensbekenntniss, wenn man nicht ein

Interesse daran hat, den Advocaten Gottes, den Theologen oder

den theologisirenden Philosophen ärgerlich zu werden und die

Gegenbehauptung kräftig aufzustellen: dass das Böse regiere, dass die

Unlust grösser sei, als die Lust, dass die Welt ein Machwerk, die

Erscheinung eines bösen Willens zum Leben sei. Wer aber kümmert sich

jetzt noch um die Theologen - ausser den Theologen? - Abgesehen von

aller Theologie und ihrer Bekämpfung liegt es auf der Hand, dass die

Welt nicht gut und nicht böse, geschweige denn die beste oder die

schlechteste ist, und dass diese Begriffe "gut" und "böse" nur in

Bezug auf Menschen Sinn haben, ja vielleicht selbst hier, in der

Weise, wie sie gewöhnlich gebraucht werden, nicht berechtigt sind: der

schimpfenden und verherrlichenden Weltbetrachtung müssen wir uns in

jedem Falle entschlagen.

29.

Vom Dufte der Blüthen berauscht. - Das Schiff der Menschheit, meint

man, hat einen immer stärkeren Tiefgang, je mehr es belastet wird; man

glaubt, je tiefer der Mensch denkt, je zarter er fühlt, je höher er

sich schätzt, je weiter seine Entfernung von den anderen Thieren wird,

- je mehr er als das Genie unter den Thieren erscheint, - um so näher

werde er dem wirklichen Wesen der Welt und deren Erkenntniss kommen:

diess thut er auch wirklich durch die Wissenschaft, aber er meint

diess noch mehr durch seine Religionen und Künste zu thun. Diese sind

zwar eine Blüthe der Welt, aber durchaus nicht der Wurzel der Welt

näher, als der Stengel ist: man kann aus ihnen das Wesen der Dinge

gerade gar nicht besser verstehen, obschon diess fast jedermann

glaubt. Der Irrthum hat den Menschen so tief, zart, erfinderisch

gemacht, eine solche Blüthe, wie Religionen und Künste,

herauszutreiben. Das reine Erkennen wäre dazu ausser Stande

gewesen. Wer uns das Wesen der Welt enthüllte, würde uns Allen die

unangenehmste Enttäuschung machen. Nicht die Welt als Ding an sich,

sondern die Welt als Vorstellung (als Irrthum) ist so bedeutungsreich,

tief, wundervoll, Glück und Unglück im Schoosse tragend. Diess

Resultat führt zu einer Philosophie der logischen Weltverneinung:

welche übrigens sich mit einer praktischen Weltbejahung ebensogut wie

mit deren Gegentheile vereinigen lässt.

30.

Schlechte Gewohnheiten im Schliessen. - Die gewöhnlichsten Irrschlüsse

der Menschen sind diese: eine Sache existirt, also hat sie ein Recht.

Hier wird aus der Lebensfähigkeit auf die Zweckmässigkeit, aus der

Zweckmässigkeit auf die Rechtmässigkeit geschlossen. Sodann: eine

Meinung beglückt, also ist sie die wahre, ihre Wirkung ist gut, also

ist sie selber gut und wahr. Hier legt man der Wirkung das Prädicat

beglückend, gut, im Sinne des Nützlichen, bei und versieht nun

die Ursache mit dem selben Prädicat gut, aber hier im Sinne des

Logisch-Gültigen. Die Umkehrung der Sätze lautet: eine Sache kann sich

nicht durchsetzen, erhalten, also ist sie unrecht; eine Meinung quält,

regt auf, also ist sie falsch. Der Freigeist, der das Fehlerhafte

dieser Art zu schliessen nur allzu häufig kennen lernt und an

ihren Folgen zu leiden hat, unterliegt oft der Verführung, die

entgegengesetzten Schlüsse zu machen, welche im Allgemeinen natürlich

ebenso sehr Irrschlüsse sind: eine Sache kann sich nicht durchsetzen,

also ist sie gut; eine Meinung macht Noth, beunruhigt, also ist sie

wahr.

31.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 2 / 24 段