Erbfehler der Philosophen. - Alle Philosophen haben den geme

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Menschliches, Allzumenschliches

Ein Buch für freie Geister

Friedrich Nietzsche

Inhalt

An Stelle einer Vorrede

Von den ersten und letzten Dingen

Zur Geschichte der moralischen Empfindungen

Das religiöse Leben

Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller

Anzeichen höherer und niederer Cultur

Der Mensch im Verkehr

Weib und Kind

Ein Blick auf den Staat

Der Mensch mit sich allein

Ein Nachspiel

Menschliches, Allzumenschliches.

Ein Buch für freie Geister

Erster Band

An Stelle einer Vorrede.

- eine Zeit lang erwog ich die verschiedenen Beschäftigungen, denen

sich die Menschen in diesem Leben überlassen und machte den Versuch,

die beste von ihnen auszuwählen. Aber es thut nicht noth, hier zu

erzählen, auf was für Gedanken ich dabei kam: genug, dass für meinen

Theil mir Nichts besser erschien, als wenn ich streng bei meinem

Vorhaben verbliebe, das heisst: wenn ich die ganze Frist des Lebens

darauf verwendete, meine Vernunft auszubilden und den Spuren der

Wahrheit in der Art und Weise, welche ich mir vorgesetzt hatte,

nachzugehen. Denn die Früchte, welche ich auf diesem Wege schon

gekostet hatte, waren der Art, dass nach meinem Urtheile in diesem

Leben nichts Angenehmeres, nichts Unschuldigeres gefunden werden kann;

zudem liess mich jeder Tag, seit ich jene Art der Betrachtung zu

Hülfe nahm, etwas Neues entdecken, das immer von einigem Gewichte und

durchaus nicht allgemein bekannt war. Da wurde endlich meine Seele so

voll von Freudigkeit, dass alle übrigen Dinge ihr Nichts mehr anthun

konnten.

Aus dem Lateinischen des Cartesius.

Vorrede.

1.

Es ist mir oft genug und immer mit grossem Befremden ausgedrückt

worden, dass es etwas Gemeinsames und Auszeichnendes an allen meinen

Schriften gäbe, von der "Geburt der Tragödie" an bis zum letzthin

veröffentlichten "Vorspiel einer Philosophie der Zukunft": sie

enthielten allesammt, hat man mir gesagt, Schlingen und Netze

für unvorsichtige Vögel und beinahe eine beständige unvermerkte

Aufforderung zur Umkehrung gewohnter Werthschätzungen und geschätzter

Gewohnheiten. Wie? Alles nur - menschlich-allzumenschlich? Mit diesem

Seufzer komme man aus meinen Schriften heraus, nicht ohne eine Art

Scheu und Misstrauen selbst gegen die Moral, ja nicht übel versucht

und ermuthigt, einmal den Fürsprecher der schlimmsten Dinge zu machen:

wie als ob sie vielleicht nur die bestverleumdeten seien? Man hat

meine Schriften eine Schule des Verdachts genannt, noch mehr der

Verachtung, glücklicherweise auch des Muthes, ja der Verwegenheit.

In der That, ich selbst glaube nicht, dass jemals jemand mit einem

gleich tiefen Verdachte in die Welt gesehn hat, und nicht nur als

gelegentlicher Anwalt des Teufels, sondern ebenso sehr, theologisch

zu reden, als Feind und Vorforderer Gottes; und wer etwas von den

Folgen erräth, die in jedem tiefen Verdachte liegen, etwas von den

Frösten und Aengsten der Vereinsamung, zu denen jede unbedingte

Verschiedenheit des Blicks den mit ihr Behafteten verurtheilt, wird

auch verstehn, wie oft ich zur Erholung von mir, gleichsam zum

zeitweiligen Selbstvergessen, irgendwo unterzutreten suchte - in

irgend einer Verehrung oder Feindschaft oder Wissenschaftlichkeit oder

Leichtfertigkeit oder Dummheit; auch warum ich, wo ich nicht fand, was

ich brauchte, es mir künstlich erzwingen, zurecht fälschen, zurecht

dichten musste (- und was haben Dichter je Anderes gethan? und wozu

wäre alle Kunst in der Welt da?). Was ich aber immer wieder am

nöthigsten brauchte, zu meiner Kur und Selbst-Wiederherstellung, das

war der Glaube, nicht dergestalt einzeln zu sein, einzeln zu sehn, -

ein zauberhafter Argwohn von Verwandtschaft und Gleichheit in Auge und

Begierde, ein Ausruhen im Vertrauen der Freundschaft, eine Blindheit

zu Zweien ohne Verdacht und Fragezeichen, ein Genuss an Vordergründen,

Oberflächen, Nahem, Nächstem, an Allem, was Farbe, Haut und

Scheinbarkeit hat. Vielleicht, dass man mir in diesem Betrachte

mancherlei "Kunst", mancherlei feinere Falschmünzerei vorrücken

könnte: zum Beispiel, dass ich wissentlich-willentlich die Augen vor

Schopenhauer's blindem Willen zur Moral zugemacht hätte, zu einer

Zeit, wo ich über Moral schon hellsichtig genug war; insgleichen dass

ich mich über Richard Wagner's unheilbare Romantik betrogen hätte, wie

als ob sie ein Anfang und nicht ein Ende sei; insgleichen über die

Griechen, insgleichen über die Deutschen und ihre Zukunft - und es

gäbe vielleicht noch eine ganze lange Liste solcher Insgleichen?

- gesetzt aber, dies Alles wäre wahr und mit gutem Grunde mir

vorgerückt, was wisst ihr davon, was könntet ihr davon wissen, wie

viel List der Selbst-Erhaltung, wie viel Vernunft und höhere Obhut

in solchem Selbst-Betruge enthalten ist, - und wie viel Falschheit

mir noch noth hut, damit ich mir immer wieder den Luxus meiner

Wahrhaftigkeit gestatten darf?... Genug, ich lebe noch; und das Leben

ist nun einmal nicht von der Moral ausgedacht: es will Täuschung, es

lebt von der Täuschung... aber nicht wahr? da beginne ich bereits

wieder und thue, was ich immer gethan habe, ich alter Immoralist und

Vogelsteller - und rede unmoralisch, aussermoralisch, "jenseits von

Gut und Böse"? -

2.

- So habe ich denn einstmals, als ich es nöthig hatte, mir auch die

"freien Geister" erfunden, denen dieses schwermüthig-muthige Buch mit

dem Titel "Menschliches, Allzumenschliches" gewidmet ist: dergleichen

"freie Geister" giebt es nicht, gab es nicht, - aber ich hatte sie

damals, wie gesagt, zur Gesellschaft nöthig, um guter Dinge zu bleiben

inmitten schlimmer Dinge (Krankheit, Vereinsamung, Fremde, Acedia,

Unthätigkeit): als tapfere Gesellen und Gespenster, mit denen man

schwätzt und lacht, wenn man Lust hat zu schwätzen und zu lachen, und

die man zum Teufel schickt, wenn sie langweilig werden, - als ein

Schadenersatz für mangelnde Freunde. Dass es dergleichen freie Geister

einmal geben könnte, dass unser Europa unter seinen Söhnen von Morgen

und Uebermorgen solche muntere und verwegene Gesellen haben wird,

leibhaft und handgreiflich und nicht nur, wie in meinem Falle, als

Schemen und Einsiedler-Schattenspiel: daran möchte ich am wenigsten

zweifeln. Ich sehe sie bereits kommen, langsam, langsam; und

vielleicht thue ich etwas, um ihr Kommen zu beschleunigen, wenn ich

zum Voraus beschreibe, unter welchen Schicksalen ich sie entstehn, auf

welchen Wegen ich sie kommen sehe? -

3.

Man darf vermuthen, dass ein Geist, in dem der Typus "freier Geist"

einmal bis zur Vollkommenheit reif und süss werden soll, sein

entscheidendes Ereigniss in einer grossen Loslösung gehabt hat, und

dass er vorher um so mehr ein gebundener Geist war und für immer an

seine Ecke und Säule gefesselt schien. Was bindet am festesten? welche

Stricke sind beinahe unzerreissbar? Bei Menschen einer hohen und

ausgesuchten Art werden es die Pflichten sein: jene Ehrfurcht, wie sie

der Jugend eignet, jene Scheu und Zartheit vor allem Altverehrten und

Würdigen, jene Dankbarkeit für den Boden, aus dem sie wuchsen, für

die Hand, die sie führte, für das Heiligthum, wo sie anbeten lernten,

- ihre höchsten Augenblicke selbst werden sie am festesten binden,

am dauerndsten verpflichten. Die grosse Loslösung kommt für

solchermaassen Gebundene plötzlich, wie ein Erdstoss: die junge Seele

wird mit Einem Male erschüttert, losgerissen, herausgerissen, - sie

selbst versteht nicht, was sich begiebt. Ein Antrieb und Andrang

waltet und wird über sie Herr wie ein Befehl; ein Wille und Wunsch

erwacht, fortzugehn, irgend wohin, um jeden Preis; eine heftige

gefährliche Neugierde nach einer unentdeckten Welt flammt und flackert

in allen ihren Sinnen. "Lieber sterben als hier leben" - so klingt die

gebieterische Stimme und Verführung: und dies "hier", dies "zu Hause"

ist Alles, was sie bis dahin geliebt hatte! Ein plötzlicher Schrecken

und Argwohn gegen Das, was sie liebte, ein Blitz von Verachtung gegen

Das, was ihr "Pflicht" hiess, ein aufrührerisches, willkürliches,

vulkanisch stossendes Verlangen nach Wanderschaft, Fremde,

Entfremdung, Erkältung, Ernüchterung, Vereisung, ein Hass auf die

Liebe, vielleicht ein tempelschänderischer Griff und Blick rückwärts,

dorthin, wo sie bis dahin anbetete und liebte, vielleicht eine Gluth

der Scham über Das, was sie eben that, und ein Frohlocken zugleich,

dass sie es that, ein trunkenes inneres frohlockendes Schaudern,

in dem sich ein Sieg verräth - ein Sieg? über was? über wen? ein

räthselhafter fragenreicher fragwürdiger Sieg, aber der erste Sieg

immerhin: - dergleichen Schlimmes und Schmerzliches gehört zur

Geschichte der grossen Loslösung. Sie ist eine Krankheit zugleich,

die den Menschen zerstören kann, dieser erste Ausbruch von Kraft und

Willen zur Selbstbestimmung, Selbst-Werthsetzung, dieser Wille zum

freien Willen: und wie viel Krankheit drückt sich an den wilden

Versuchen und Seltsamkeiten aus, mit denen der Befreite, Losgelöste

sich nunmehr seine Herrschaft über die Dinge zu beweisen sucht! Er

schweift grausam umher, mit einer unbefriedigten Lüsternheit; was er

erbeutet, muss die gefährliche Spannung seines Stolzes abbüssen; er

zerreisst, was ihn reizt. Mit einem bösen Lachen dreht er um, was er

verhüllt, durch irgend eine Scham geschont findet: er versucht, wie

diese Dinge aussehn, wenn man sie umkehrt. Es ist Willkür und Lust an

der Willkür darin, wenn er vielleicht nun seine Gunst dem zuwendet,

was bisher in schlechtem Rufe stand, - wenn er neugierig und

versucherisch um das Verbotenste schleicht. Im Hintergrunde seines

Treibens und Schweifens - denn er ist unruhig und ziellos unterwegs

wie in einer Wüste - steht das Fragezeichen einer immer gefährlicheren

Neugierde. "Kann man nicht alle Werthe umdrehn? und ist Gut vielleicht

Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist Alles

vielleicht im letzten Grunde falsch? Und wenn wir Betrogene sind, sind

wir nicht eben dadurch auch Betrüger? müssen wir nicht auch Betrüger

sein?" - solche Gedanken führen und verführen ihn, immer weiter fort,

immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer

drohender, würgender, herzzuschnürender, jene furchtbare Göttin und

mater saeva cupidinum - aber wer weiss es heute, was Einsamkeit

ist?...

4.

Von dieser krankhaften Vereinsamung, von der Wüste solcher

Versuchs-Jahre ist der Weg noch weit bis zu jener ungeheuren

überströmenden Sicherheit und Gesundheit, welche der Krankheit

selbst nicht entrathen mag, als eines Mittels und Angelhakens der

Erkenntniss, bis zu jener reifen Freiheit des Geistes, welche

ebensosehr Selbstbeherrschung und Zucht des Herzens ist und die Wege

zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen erlaubt -, bis zu jener

inneren Umfänglichkeit und Verwöhnung des Ueberreichthums, welche die

Gefahr ausschliesst, dass der Geist sich etwa selbst in die eignen

Wege verlöre und verliebte und in irgend einem Winkel berauscht

sitzen bliebe, bis zu jenem Ueberschuss an plastischen, ausheilenden,

nachbildenden und wiederherstellenden Kräften, welcher eben das

Zeichen der grossen Gesundheit ist, jener Ueberschuss, der dem freien

Geiste das gefährliche Vorrecht giebt, auf den Versuch hin leben und

sich dem Abenteuer anbieten zu dürfen: das Meisterschafts-Vorrecht

des freien Geistes! Dazwischen mögen lange Jahre der Genesung

liegen, Jahre voll vielfarbiger schmerzlich-zauberhafter Wandlungen,

beherrscht und am Zügel geführt durch einen zähen Willen zur

Gesundheit, der sich oft schon als Gesundheit zu kleiden und zu

verkleiden wagt. Es giebt einen mittleren Zustand darin, dessen ein

Mensch solchen Schicksals später nicht ohne Rührung eingedenk ist: ein

blasses feines Licht und Sonnenglück ist ihm zu eigen, ein Gefühl von

Vogel-Freiheit, Vogel-Umblick, Vogel-Uebermuth, etwas Drittes, in dem

sich Neugierde und zarte Verachtung gebunden haben. Ein "freier Geist"

- dies kühle Wort thut in jenem Zustande wohl, es wärmt beinahe. Man

lebt, nicht mehr in den Fesseln von Liebe und Hass, ohne ja, ohne

Nein, freiwillig nahe, freiwillig ferne, am liebsten entschlüpfend,

ausweichend, fortflatternd, wieder weg, wieder empor fliegend; man ist

verwöhnt, wie Jeder, der einmal ein ungeheures Vielerlei unter sich

gesehn hat, - und man ward zum Gegenstück Derer, welche sich um Dinge

bekümmern, die sie nichts angehn. In der That, den freien Geist gehen

nunmehr lauter Dinge an - und wie viele Dinge! - welche ihn nicht mehr

bekümmern...

5.

Ein Schritt weiter in der Genesung: und der freie Geist nähert

sich wieder dem Leben, langsam freilich, fast widerspänstig, fast

misstrauisch. Es wird wieder wärmer um ihn, gelber gleichsam; Gefühl

und Mitgefühl bekommen Tiefe, Thauwinde aller Art gehen über ihn weg.

Fast ist ihm zu Muthe, als ob ihm jetzt erst die Augen für das Nahe

aufgiengen. Er ist verwundert und sitzt stille: wo war er doch?

Diese nahen und nächsten Dinge: wie scheinen sie ihm verwandelt!

welchen Flaum und Zauber haben sie inzwischen bekommen! Er blickt

dankbar zurück, - dankbar seiner Wanderschaft, seiner Härte und

Selbstentfremdung, seinen Fernblicken und Vogelflügen in kalte Höhen.

Wie gut, dass er nicht wie ein zärtlicher dumpfer Eckensteher immer

"zu Hause", immer "bei sich" geblieben ist! er war ausser sich: es

ist kein Zweifel. Jetzt erst sieht er sich selbst -, und welche

Ueberraschungen findet er dabei! Welche unerprobten Schauder! Welches

Glück noch in der Müdigkeit, der alten Krankheit, den Rückfällen des

Genesenden! Wie es ihm gefällt, leidend stillzusitzen, Geduld zu

spinnen, in der Sonne zu liegen! Wer versteht sich gleich ihm auf

das Glück im Winter, auf die Sonnenflecke an der Mauer! Es sind die

dankbarsten Thiere von der Welt, auch die bescheidensten, diese dem

Leben wieder halb zugewendeten Genesenden und Eidechsen: - es giebt

solche unter ihnen, die keinen Tag von sich lassen, ohne ihm ein

kleines Loblied an den nachschleppenden Saum zu hängen. Und ernstlich

geredet: es ist eine gründliche Kur gegen allen Pessimismus (den

Krebsschaden alter Idealisten und Lügenbolde, wie bekannt -) auf die

Art dieser freien Geister krank zu werden, eine gute Weile krank

zu bleiben und dann, noch länger, noch länger, gesund, ich meine

"gesünder" zu werden. Es ist Weisheit darin, Lebens-Weisheit, sich die

Gesundheit selbst lange Zeit nur in kleinen Dosen zu verordnen.

6.

Um jene Zeit mag es endlich geschehn, unter den plötzlichen Lichtern

einer noch ungestümen, noch wechselnden Gesundheit, dass dem freien,

immer freieren Geiste sich das Räthsel jener grossen Loslösung zu

entschleiern beginnt, welches bis dahin dunkel, fragwürdig, fast

unberührbar in seinem Gedächtniss gewartet hatte. Wenn er sich lange

kaum zu fragen wagte "warum so abseits? so allein? Allem entsagend,

was ich verehrte? der Verehrung selbst entsagend? warum diese Härte,

dieser Argwohn, dieser Hass auf die eigenen Tugenden?" - jetzt wagt

und fragt er es laut und hört auch schon etwas wie Antwort darauf. "Du

solltest Herr über dich werden, Herr auch über die eigenen Tugenden.

Früher waren sie deine Herren; aber sie dürfen nur deine Werkzeuge

neben andren Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt über dein Für

und Wider bekommen und es verstehn lernen, sie aus- und wieder

einzuhängen, je nach deinem höheren Zwecke. Du solltest das

Perspektivische in jeder Werthschätzung begreifen lernen - die

Verschiebung, Verzerrung und scheinbare Teleologie der Horizonte und

was Alles zum Perspektivischen gehört; auch das Stück Dummheit in

Bezug auf entgegengesetzte Werthe und die ganze intellektuelle

Einbusse, mit der sich jedes Für, jedes Wider bezahlt macht. Du

solltest die nothwendige Ungerechtigkeit in jedem Für und Wider

begreifen lernen, die Ungerechtigkeit als unablösbar vom Leben,

das Leben selbst als bedingt durch das Perspektivische und seine

Ungerechtigkeit. Du solltest vor Allem mit Augen sehn, wo die

Ungerechtigkeit immer am grössten ist: dort nämlich, wo das Leben am

kleinsten, engsten, dürftigsten, anfänglichsten entwickelt ist und

dennoch nicht umhin kann, sich als Zweck und Maass der Dinge zu nehmen

und seiner Erhaltung zu Liebe das Höhere, Grössere, Reichere heimlich

und kleinlich und unablässig anzubröckeln und in Frage zu stellen, -

du solltest das Problem der Rangordnung mit Augen sehn und wie Macht

und Recht und Umfänglichkeit der Perspektive mit einander in die Höhe

wachsen. Du solltest" - genug, der freie Geist weiss nunmehr, welchem

"du sollst" er gehorcht hat, und auch, was er jetzt kann, was er jetzt

erst - darf...

7.

Dergestalt giebt der freie Geist sich in Bezug auf jenes Räthsel

von Loslösung Antwort und endet damit, indem er seinen Fall

verallgemeinert, sich über sein Erlebniss also zu entscheiden. "Wie es

mir ergieng, sagt er sich, muss es jedem ergehn, in dem eine Aufgabe

leibhaft werden und `zur Welt kommen` will." Die heimliche Gewalt

und Nothwendigkeit dieser Aufgabe wird unter und in seinen einzelnen

Schicksalen walten gleich einer unbewussten Schwangerschaft, - lange,

bevor er diese Aufgabe selbst in's Auge gefasst hat und ihren Namen

weiss. Unsre Bestimmung verfügt über uns, auch wenn wir sie noch nicht

kennen; es ist die Zukunft, die unserm Heute die Regel giebt. Gesetzt,

dass es das Problem der Rangordnung ist, von dem wir sagen dürfen,

dass es unser Problem ist, wir freien Geister: jetzt, in dem Mittage

unsres Lebens, verstehn wir es erst, was für Vorbereitungen, Umwege,

Proben, Versuchungen, Verkleidungen das Problem nöthig hatte, ehe

es vor uns aufsteigen durfte, und wie wir erst die vielfachsten und

widersprechendsten Noth- und Glücksstände an Seele und Leib erfahren

mussten, als Abenteurer und Weltumsegler jener inneren Welt, die

"Mensch" heisst, als Ausmesser jedes "Höher" und "Uebereinander", das

gleichfalls "Mensch" heisst - überallhin dringend, fast ohne Furcht,

nichts verschmähend, nichts verlierend, alles auskostend, alles vom

Zufälligen reinigend und gleichsam aussiebend - bis wir endlich sagen

durften, wir freien Geister: "Hier - ein neues Problem! Hier eine

lange Leiter, auf deren Sprossen wir selbst gesessen und gestiegen

sind, - die wir selbst irgend wann gewesen sind! Hier ein Höher, ein

Tiefer, ein Unter-uns, eine ungeheure lange Ordnung, eine Rangordnung,

die wir sehen hier - unser Problem!" -

8.

- Es wird keinem Psychologen und Zeichendeuter einen Augenblick

verborgen bleiben, an welche Stelle der eben geschilderten Entwicklung

das vorliegende Buch gehört (oder gestellt ist -). Aber wo giebt es

heute Psychologen? In Frankreich, gewiss; vielleicht in Russland;

sicherlich nicht in Deutschland. Es fehlt nicht an Gründen, weshalb

sich dies die heutigen Deutschen sogar noch zur Ehre anrechnen

könnten: schlimm genug für Einen, der in diesem Stücke undeutsch

geartet und gerathen ist! Dies deutsche Buch, welches in einem weiten

Umkreis von Ländern und Völkern seine Leser zu finden gewusst hat - es

ist ungefähr zehn Jahr unterwegs - und sich auf irgend welche Musik

und Flötenkunst verstehn muss, durch die auch spröde Ausländer-Ohren

zum Horchen verführt werden, - gerade in Deutschland ist dies Buch am

nachlässigsten gelesen, am schlechtesten gehört worden: woran liegt

das? - "Es verlangt zu viel, hat man mir geantwortet, es wendet sich

an Menschen ohne die Drangsal grober Pflichten, es will feine und

verwöhnte Sinne, es hat Ueberfluss nöthig, Ueberfluss an Zeit, an

Helligkeit des Himmels und Herzens, an otium im verwegensten Sinne: -

lauter gute Dinge, die wir Deutschen von Heute nicht haben und also

auch nicht geben können." - Nach einer so artigen Antwort räth mir

meine Philosophie, zu schweigen und nicht mehr weiter zu fragen; zumal

man in gewissen Fällen, wie das Sprüchwort andeutet, nur dadurch

Philosoph bleibt, dass man - schweigt.

Nizza, im Frühling 1886.

Erstes Hauptstück.

Von den ersten und letzten Dingen.

1.

Chemie der Begriffe und Empfindungen. - Die Philosophischen Probleme

nehmen jetzt wieder fast in allen Stücken dieselbe Form der Frage

an, wie vor zweitausend Jahren.- wie kann Etwas aus seinem Gegensatz

entstehen, zum Beispiel Vernünftiges aus Vernunftlosem, Empfindendes

aus Todtem, Logik aus Unlogik, interesseloses Anschauen aus

begehrlichem Wollen, Leben für Andere aus Egoismus, Wahrheit aus

Irrthümern? Die metaphysische Philosophie half sich bisher über diese

Schwierigkeit hinweg, insofern sie die Entstehung des Einen aus

dem Andern leugnete und für die höher gewertheten Dinge einen

Wunder-Ursprung annahm, unmittelbar aus dem Kern und Wesen des "Dinges

an sich" heraus. Die historische Philosophie dagegen, welche gar

nicht mehr getrennt von der Naturwissenschaft zu denken ist, die

allerjüngste aller philosophischen Methoden, ermittelte in einzelnen

Fällen (und vermuthlich wird diess in allen ihr Ergebniss sein), dass

es keine Gegensätze sind, ausser in der gewohnten Uebertreibung der

populären oder metaphysischen Auffassung und dass ein Irrthum der

Vernunft dieser Gegenüberstellung zu Grunde liegt: nach ihrer

Erklärung giebt es, streng gefasst, weder ein unegoistisches Handeln,

noch ein völlig interesseloses Anschauen, es sind beides nur

Sublimirungen, bei denen das Grundelement fast verflüchtigt erscheint

und nur noch für die feinste Beobachtung sich als vorhanden erweist.

- Alles, was wir brauchen und was erst bei der gegenwärtigen Höhe der

einzelnen Wissenschaften uns gegeben werden kann, ist eine Chemie der

moralischen, religiösen, ästhetischen Vorstellungen und Empfindungen,

ebenso aller jener Regungen, welche wir im Gross- und Kleinverkehr der

Cultur und Gesellschaft, ja in der Einsamkeit an uns erleben: wie,

wenn diese Chemie mit dem Ergebniss abschlösse, dass auch auf diesem

Gebiete die herrlichsten Farben aus niedrigen, ja verachteten Stoffen

gewonnen sind? Werden Viele Lust haben, solchen Untersuchungen zu

folgen? Die Menschheit liebt es, die Fragen über Herkunft und Anfänge

sich aus dem Sinn zu schlagen: muss man nicht fast entmenscht sein, um

den entgegengesetzten Hang in sich zu spüren? -

2.

Erbfehler der Philosophen. - Alle Philosophen haben den gemeinsamen

Fehler an sich, dass sie vom gegenwärtigen Menschen ausgehen und durch

eine Analyse desselben an's Ziel zu kommen meinen. Unwillkürlich

schwebt ihnen "der Mensch" als eine aeterna veritas, als ein

Gleichbleibendes in allem Strudel, als ein sicheres Maass der Dinge

vor. Alles, was der Philosoph über den Menschen aussagt, ist aber

im Grunde nicht mehr, als ein Zeugniss über den Menschen eines sehr

beschränkten Zeitraumes. Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler

aller Philosophen; manche sogar nehmen unversehens die allerjüngste

Gestaltung des Menschen, wie eine solche unter dem Eindruck bestimmter

Religionen, ja bestimmter politischer Ereignisse entstanden ist, als

die feste Form, von der man ausgehen müsse. Sie wollen nicht lernen,

dass der Mensch geworden ist, dass auch das Erkenntnissvermögen

geworden ist; während Einige von ihnen sogar die ganze Welt aus

diesem Erkenntnissvermögen sich herausspinnen lassen. - Nun ist

alles Wesentliche der menschlichen Entwickelung in Urzeiten vor sich

gegangen, lange vor jenen vier tausend Jahren, die wir ungefähr

kennen; in diesen mag sich der Mensch nicht viel mehr verändert haben.

Da sieht aber der Philosoph "Instincte" am gegenwärtigen Menschen und

nimmt an, dass diese zu den unveränderlichen Thatsachen des Menschen

gehören und insofern einen Schüssel zum Verständniss der Welt

überhaupt abgeben können; die ganze Teleologie ist darauf gebaut, dass

man vom Menschen der letzten vier Jahrtausende als von einem ewigen

redet, zu welchem hin alle Dinge in der Welt von ihrem Anbeginne eine

natürliche Richtung haben. Alles aber ist geworden; es giebt keine

ewigen Thatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten giebt. -

Demnach ist das historische Philosophiren von jetzt ab nöthig und mit

ihm die Tugend der Bescheidung.

3.

Schätzung der unscheinbaren Wahrheiten. - Es ist das Merkmal einer

höhern Cultur, die kleinen unscheinbaren Wahrheiten, welche mit

strenger Methode gefunden wurden, höher zu schätzen, als die

beglückenden und blendenden Irrthümer, welche metaphysischen und

künstlerischen Zeitaltern und Menschen entstammen. Zunächst hat man

gegen erstere den Hohn auf den Lippen, als könne hier gar nichts

Gleichberechtigtes gegen einander stehen: so bescheiden, schlicht,

nüchtern, ja scheinbar entmuthigend stehen diese, so schön, prunkend,

berauschend, ja vielleicht beseligend stehen jene da. Aber das mühsam

Errungene, Gewisse, Dauernde und desshalb für jede weitere Erkenntniss

noch Folgenreiche ist doch das Höhere, zu ihm sich zu halten ist

männlich und zeigt Tapferkeit, Schlichtheit, Enthaltsamkeit an.

Allmählich wird nicht nur der Einzelne, sondern die gesammte

Menschheit zu dieser Männlichkeit emporgehoben werden, wenn sie

sich endlich an die höhere Schätzung der haltbaren, dauerhaften

Erkenntnisse gewöhnt und allen Glauben an Inspiration und

wundergleiche Mittheilung von Wahrheiten verloren hat. - Die Verehrer

der Formen freilich, mit ihrem Maassstabe des Schönen und Erhabenen,

werden zunächst gute Gründe zu spotten haben, sobald die Schätzung der

unscheinbaren Wahrheiten und der wissenschaftliche Geist anfängt zur

Herrschaft zu kommen: aber nur weil entweder ihr Auge sich noch nicht

dem Reiz der schlichtesten Form erschlossen hat oder weil die in jenem

Geiste erzogenen Menschen noch lange nicht völlig und innerlich von

ihm durchdrungen sind, so dass sie immer noch gedankenlos alte Formen

nachmachen (und diess schlecht genug, wie es jemand thut, dem nicht

mehr viel an einer Sache liegt). Ehemals war der Geist nicht durch

strenges Denken in Anspruch genommen, da lag sein Ernst im Ausspinnen

von Symbolen und Formen. Das hat sich verändert; jener Ernst des

Symbolischen ist zum Kennzeichen der niederen Cultur geworden; wie

unsere Künste selber immer intellectualer, unsere Sinne geistiger

werden, und wie man zum Beispiel jetzt ganz anders darüber urtheilt,

was sinnlich wohltönend ist, als vor hundert Jahren: so werden auch

die Formen unseres Lebens immer geistiger, für das Auge älterer Zeiten

vielleicht hässlicher, aber nur weil es nicht zu sehen vermag, wie das

Reich der inneren, geistigen Schönheit sich fortwährend vertieft und

erweitert und in wie fern uns Allen der geistreiche Blick jetzt mehr

gelten darf, als der schönste Gliederbau und das erhabenste Bauwerk.

4.

Astrologie und Verwandtes. - Es ist wahrscheinlich, dass die Objecte

des religiösen, moralischen und ästhetischen Empfindens ebenfalls nur

zur Oberfläche der Dinge gehören, während der Mensch gerne glaubt,

dass er hier wenigstens an das Herz der Welt rühre; er täuscht sich,

weil jene Dinge ihn so tief beseligen und so tief unglücklich machen,

und zeigt also hier denselben Stolz wie bei der Astrologie. Denn diese

meint, der Sternenhimmel drehte sich um das Loos des Menschen; der

moralische Mensch aber setzt voraus, Das, was ihm wesentlich am Herzen

liege, müsse auch Wesen und Herz der Dinge sein.

5.

Missverständniss des Traumes. - Im Traume glaubte der Mensch in den

Zeitaltern roher uranfänglicher Cultur eine zweite reale Welt kennen

zu lernen; hier ist der Ursprung aller Metaphysik. Ohne den Traum

hätte man keinen Anlass zu einer Scheidung der Welt gefunden. Auch

die Zerlegung in Seele und Leib hängt mit der ältesten Auffassung des

Traumes zusammen, ebenso die Annahme eines Seelenscheinleibes, also

die Herkunft alles Geisterglaubens, und wahrscheinlich auch des

Götterglaubens. "Der Todte lebt fort; denn er erscheint dem Lebenden

im Traume": so schloss man ehedem, durch viele Jahrtausende hindurch.

6.

Der Geist der Wissenschaft im Theil, nicht im Ganzen mächtig. - Die

abgetrennten kleinsten Gebiete der Wissenschaft werden rein sachlich

behandelt: die allgemeinen grossen Wissenschaften dagegen legen, als

Ganzes betrachtet, die Frage - eine recht unsachliche Frage freilich

- auf die Lippen: wozu? zu welchem Nutzen? Wegen dieser Rücksicht auf

den Nutzen werden sie, als Ganzes, weniger unpersönlich, als in ihren

Theilen behandelt. Bei der Philosophie nun gar, als bei der Spitze

der gesammten Wissenspyramide, wird unwillkürlich die Frage nach dem

Nutzen der Erkenntniss überhaupt aufgeworfen, und jede Philosophie hat

unbewusst die Absicht, ihr den höchsten Nutzen zuzuschreiben. Desshalb

giebt es in allen Philosophien so viel hochfliegende Metaphysik und

eine solche Scheu vor den unbedeutend erscheinenden Lösungen der

Physik; denn die Bedeutsamkeit der Erkenntniss für das Leben soll

so gross als möglich erscheinen. Hier ist der Antagonismus zwischen

den wissenschaftlichen Einzelgebieten und der Philosophie. Letztere

will, was die Kunst will, dem Leben und Handeln möglichste Tiefe und

Bedeutung geben; in ersteren sucht man Erkenntniss und Nichts weiter,

- was dabei auch herauskomme. Es hat bis jetzt noch keinen Philosophen

gegeben, unter dessen Händen die Philosophie nicht zu einer Apologie

der Erkenntniss geworden wäre; in diesem Puncte wenigstens ist ein

jeder Optimist, dass dieser die höchste Nützlichkeit zugesprochen

werden müsse. Sie alle werden von der Logik tyrannisirt: und diese ist

ihrem Wesen nach Optimismus.

7.

Der Störenfried in der Wissenschaft. Die Philosophie schied sich von

der Wissenschaft, als sie die Frage stellte: welches ist diejenige

Erkenntniss der Welt und des Lebens, bei welcher der Mensch am

glücklichsten lebt? Diess geschah in den sokratischen Schulen:

durch den Gesichtspunct des Glücks unterband man die Blutadern der

wissenschaftlichen Forschung - und thut es heute noch.

8.

Pneumatische Erklärung der Natur. - Die Metaphysik erklärt die Schrift

der Natur gleichsam pneumatisch, wie die Kirche und ihre Gelehrten es

ehemals mit der Bibel thaten. Es gehört sehr viel Verstand dazu, um

auf die Natur die selbe Art der strengeren Erklärungskunst anzuwenden,

wie jetzt die -Philologen sie für alle Bücher geschaffen haben: mit

der Absicht, schlicht zu verstehen, was die Schrift sagen will, aber

nicht einen doppelten Sinn zu wittern, ja vorauszusetzen. Wie aber

selbst in Betreff der Bücher die schlechte Erklärungskunst keineswegs

völlig überwunden ist und man in der besten gebildeten Gesellschaft

noch fortwährend auf Ueberreste allegorischer und mystischer

Ausdeutung stösst: so steht es auch in Betreff der Natur - ja noch

viel schlimmer.

9.

Metaphysische Welt. - Es ist wahr, es könnte eine metaphysische Welt

geben; die absolute Möglichkeit davon ist kaum zu bekämpfen. Wir sehen

alle Dinge durch den Menschenkopf an und können diesen Kopf nicht

abschneiden; während doch die Frage übrig bleibt, was von der Welt

noch da wäre, wenn man ihn doch abgeschnitten hätte. Diess ist ein

rein wissenschaftliches Problem und nicht sehr geeignet, den Menschen

Sorgen zu machen; aber Alles, was ihnen bisher metaphysische Annahmen

werthvoll, schreckenvoll, lustvoll gemacht, was sie erzeugt hat,

ist Leidenschaft, Irrthum und Selbstbetrug; die allerschlechtesten

Methoden der Erkenntniss, nicht die allerbesten, haben daran glauben

lehren. Wenn man diese Methoden, als das Fundament aller vorhandenen

Religionen und Metaphysiken, aufgedeckt hat, hat man sie widerlegt.

Dann bleibt immer noch jene Möglichkeit übrig; aber mit ihr kann man

gar Nichts anfangen, geschweige denn, dass man Glück, Heil und Leben

von den Spinnenfäden einer solchen Möglichkeit abhängen lassen dürfte.

- Denn man könnte von der metaphysischen Welt gar Nichts aussagen, als

ein Anderssein, ein uns unzugängliches, unbegreifliches Anderssein; es

wäre ein Ding mit negativen Eigenschaften. - Wäre die Existenz einer

solchen Welt noch so gut bewiesen, so stünde doch fest, dass die

gleichgültigste aller Erkenntnisse eben ihre Erkenntniss wäre: noch

gleichgültiger als dem Schiffer in Sturmesgefahr die Erkenntniss von

der chemischen Analysis des Wassers sein muss.

10.

Harmlosigkeit der Metaphysik in der Zukunft. - Sobald die Religion,

Kunst und Moral in ihrer Entstehung so beschrieben sind, dass man

sie vollständig sich erklären kann, ohne zur Annahme metaphysischer

Eingriffe am Beginn und im Verlaufe der Bahn seine Zuflucht zu nehmen,

hört das stärkste Interesse an dem rein theoretischen Problem vom

"Ding an sich" und der "Erscheinung" auf. Denn wie es hier auch stehe:

mit Religion, Kunst und Moral rühren wir nicht an das "Wesen der Welt

an sich"; wir sind im Bereiche der Vorstellung, keine "Ahnung" kann

uns weitertragen. Mit voller Ruhe wird man die Frage, wie unser

Weltbild so stark sich von dem erschlossenen Wesen der Welt

unterscheiden könne, der Physiologie und der Entwickelungsgeschichte

der Organismen und Begriffe überlassen.

11.

Die Sprache als vermeintliche Wissenschaft. - Die Bedeutung der

Sprache für die Entwickelung der Cultur liegt darin, dass in ihr der

Mensch eine eigene Welt neben die andere stellte, einen Ort, welchen

er für so fest hielt, um von ihm aus die übrige Welt aus den Angeln

zu heben und sich zum Herrn derselben zu machen. Insofern der Mensch

an die Begriffe und Namen der Dinge als an aeternae veritates durch

lange Zeitstrecken hindurch geglaubt hat, hat er sich jenen Stolz

angeeignet, mit dem er sich über das Thier erhob: er meinte wirklich

in der Sprache die Erkenntniss der Welt zu haben. Der Sprachbildner

war nicht so bescheiden, zu glauben, dass er den Dingen eben nur

Bezeichnungen gebe, er drückte vielmehr, wie er wähnte, das höchste

Wissen über die Dinge mit den Worten aus; in der That ist die Sprache

die erste Stufe der Bemühung um die Wissenschaft. Der Glaube an

die gefundene Wahrheit ist es auch hier, aus dem die mächtigsten

Kraftquellen geflossen sind. Sehr nachträglich -jetzt erst - dämmert

es den Menschen auf, dass sie einen ungeheuren Irrthum in ihrem

Glauben an die Sprache propagirt haben. Glücklicherweise ist es zu

spät, als dass es die Entwickelung der Vernunft, die auf jenem Glauben

beruht, wieder rückgängig machen könnte. - Auch die Logik beruht auf

Voraussetzungen, denen Nichts in der wirklichen Welt entspricht,

z.B. auf der Voraussetzung der Gleichheit von Dingen, der Identität

des selben Dinges in verschiedenen Puncten der Zeit: aber jene

Wissenschaft entstand durch den entgegengesetzten Glauben (dass es

dergleichen in der wirklichen Welt allerdings gebe). Ebenso steht es

mit der Mathematik, welche gewiss nicht entstanden wäre, wenn man

von Anfang an gewusst hätte, dass es in der Natur keine exact gerade

Linie, keinen wirklichen Kreis, kein absolutes Grössenmaass gebe.

12.

Traum und Cultur.- Die Gehirnfunction, welche durch den Schlaf am

meisten beeinträchtigt wird, ist das Gedächtniss: nicht dass es

ganz pausirte, - aber es ist auf einen Zustand der Unvollkommenheit

zurückgebracht, wie es in Urzeiten der Menschheit bei jedermann am

Tage und im Wachen gewesen sein mag. Willkürlich und verworren, wie es

ist, verwechselt es fortwährend die Dinge auf Grund der flüchtigsten

Aehnlichkeiten: aber mit der selben Willkür und Verworrenheit

dichteten die Völker ihre Mythologien, und noch jetzt pflegen Reisende

zu beobachten, wie sehr der Wilde zur Vergesslichkeit neigt, wie

sein Geist nach kurzer Anspannung des Gedächtnisses hin und her zu

taumeln beginnt und er, aus blosser Erschlaffung, Lügen und Unsinn

hervorbringt. Aber wir Alle gleichen im Traume diesem Wilden; das

schlechte Wiedererkennen und irrthümliche Gleichsetzen ist der Grund

des schlechten Schliessens, dessen wir uns im Traume schuldig machen:

so dass wir, bei deutlicher Vergegenwärtigung eines Traumes, vor

uns erschrecken, weil wir so viel Narrheit in uns bergen. - Die

vollkommene Deutlichkeit aller Traum-Vorstellungen, welche den

unbedingten Glauben an ihre Realität zur Voraussetzung hat, erinnert

uns wieder an Zustände früherer Menschheit, in der die Hallucination

ausserordentlich häufig war und mitunter ganze Gemeinden, ganze Völker

gleichzeitig ergriff. Also: im Schlaf und Traum machen wir das Pensum

früheren Menschenthums noch einmal durch.

13.

Logik des Traumes. - Im Schlafe ist fortwährend unser Nervensystem

durch mannichfache innere Anlässe in Erregung, fast alle Organe

secerniren und sind in Thätigkeit, das Blut macht seinen ungestümen

Kreislauf, die Lage des Schlafenden drückt einzelne Glieder, seine

Decken beeinflussen die Empfindung verschiedenartig, der Magen verdaut

und beunruhigt mit seinen Bewegungen andere Organe, die Gedärme winden

sich, die Stellung des Kopfes bringt ungewöhnliche Muskellagen mit

sich, die Füsse, unbeschuht, nicht mit den Sohlen den Boden drückend,

verursachen das Gefühl des Ungewöhnlichen ebenso wie die andersartige

Bekleidung des ganzen Körpers, - alles diess nach seinem täglichen

Wechsel und Grade erregt durch seine Aussergewöhnlichkeit das gesammte

System bis in die Gehirnfunction hinein: und so giebt es hundert

Anlässe für den Geist, um sich zu verwundern und nach Gründen dieser

Erregung zu suchen: der Traum aber ist das Suchen und Vorstellen der

Ursachen für jene erregten Empfindungen, das heisst der vermeintlichen

Ursachen. Wer zum Beispiel seine Füsse mit zwei Riemen umgürtet,

träumt wohl, dass zwei Schlangen seine Füsse umringeln: diess ist

zuerst eine Hypothese, sodann ein Glaube, mit einer begleitenden

bildlichen Vorstellung und Ausdichtung: "diese Schlangen müssen die

causa jener Empfindung sein, welche ich, der Schlafende, habe", -

so urtheilt der Geist des Schlafenden. Die so erschlossene nächste

Vergangenheit wird durch die erregte Phantasie ihm zur Gegenwart. So

weiss jeder aus Erfahrung, wie schnell der Träumende einen starken

an ihn dringenden Ton, zum Beispiel Glockenläuten, Kanonenschüsse in

seinen Traum verflicht, das heisst aus ihm hinterdrein erklärt, so

dass er zuerst die veranlassenden Umstände, dann jenen Ton zu erleben

meint. - Wie kommt es aber, dass der Geist des Träumenden immer so

fehl greift, während der selbe Geist im Wachen so nüchtern, behutsam

und in Bezug auf Hypothesen so skeptisch zu sein pflegt? so dass ihm

die erste beste Hypothese zur Erklärung eines Gefühls genügt, um

sofort an ihre Wahrheit zu glauben? (denn wir glauben im Traume an den

Traum, als sei er Realität, das heisst wir halten unsre Hypothese für

völlig erwiesen). - Ich meine: wie jetzt noch der Mensch im Traume

schliesst, so schloss die Menschheit auch im Wachen viele Jahrtausende

hindurch: die erste causa, die dem Geiste einfiel, um irgend Etwas,

das der Erklärung bedurfte, zu erklären, genügte ihm und galt als

Wahrheit. (So verfahren nach den Erzählungen der Reisenden die Wilden

heute noch.) Im Traum übt sich dieses uralte Stück Menschenthum in

uns fort, denn es ist die Grundlage, auf der die höhere Vernunft sich

entwickelte und in jedem Menschen sich noch entwickelt: der Traum

bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Cultur wieder zurück und

giebt ein Mittel an die Hand, sie besser zu verstehen. Das Traumdenken

wird uns jetzt so leicht, weil wir in ungeheuren Entwickelungsstrecken

der Menschheit gerade auf diese Form des phantastischen und wohlfeilen

Erklärens aus dem ersten beliebigen Einfalle heraus so gut eingedrillt

worden sind. Insofern ist der Traum eine Erholung für das Gehirn,

welches am Tage den strengeren Anforderungen an das Denken zu

genügen hat, wie sie von der höheren Cultur gestellt werden. - Einen

verwandten Vorgang können wir geradezu als Pforte und Vorhalle des

Traumes noch bei wachem Verstande in Augenschein nehmen. Schliessen

wir die Augen, so producirt das Gehirn eine Menge von Lichteindrücken

und Farben, wahrscheinlich als eine Art Nachspiel und Echo aller

jener Lichtwirkungen, welche am Tage auf dasselbe eindringen. Nun

verarbeitet aber der Verstand (mit der Phantasie im Bunde) diese an

sich formlosen Farbenspiele sofort zu bestimmten Figuren, Gestalten,

Landschaften, belebten Gruppen. Der eigentliche Vorgang dabei ist

wiederum eine Art Schluss von der Wirkung auf die Ursache; indem

der Geist fragt: woher diese Lichteindrücke und Farben, supponirt

er als Ursachen jene Figuren, Gestalten: sie gelten ihm als die

Veranlassungen jener Farben und Lichter, weil er, am Tage, bei

offenen Augen, gewohnt ist, zu jeder Farbe, jedem Lichteindrucke eine

veranlassende Ursache zu finden. Hier also schiebt ihm die Phantasie

fortwährend Bilder vor, indem sie an die Gesichtseindrücke des

Tages sich in ihrer Production anlehnt, und gerade so macht es die

Traumphantasie: - das heisst die vermeintliche Ursache wird aus der

Wirkung erschlossen und nach der Wirkung vorgestellt: alles diess mit

ausserordentlicher Schnelligkeit, so dass hier wie beim Taschenspieler

eine Verwirrung des Urtheils entstehen und ein Nacheinander sich

wie etwas Gleichzeitiges, selbst wie ein umgedrehtes Nacheinander

ausnehmen kann. - Wir können aus diesen Vorgängen entnehmen, wie

spät das schärfere logische Denken, das Strengnehmen von Ursache

und Wirkung, entwickelt worden ist, wenn unsere Vernunft- und

Verstandesfunctionen jetzt noch unwillkürlich nach jenen primitiven

Formen des Schliessens zurückgreifen und wir ziemlich die Hälfte

unseres Lebens in diesem Zustande leben. - Auch der Dichter, der

Künstler schiebt seinen Stimmungen und Zuständen Ursachen unter,

welche durchaus nicht die wahren sind; er erinnert insofern an älteres

Menschenthum und kann uns zum Verständnisse desselben verhelfen.

14.

Miterklingen. - Alle stärkeren Stimmungen bringen ein Miterklingen

verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie wühlen gleichsam

das Gedächtniss auf. Es erinnert sich bei ihnen Etwas in uns und wird

sich ähnlicher Zustände und deren Herkunft bewusst. So bilden sich

angewöhnte rasche Verbindungen von Gefühlen und Gedanken, welche

zuletzt, wenn sie blitzschnell hinter einander erfolgen, nicht einmal

mehr als Complexe, sondern als Einheiten empfunden werden. In diesem

Sinne redet man vom moralischen Gefühle, vom religiösen Gefühle, wie

als ob diess lauter Einheiten seien: in Wahrheit sind sie Ströme mit

hundert Quellen und Zuflüssen. Auch hier, wie so oft, verbürgt die

Einheit des Wortes Nichts für die Einheit der Sache.

15.

Kein Innen und Aussen in der Welt. - Wie Demokrit die Begriffe Oben

und Unten auf den unendlichen Raum übertrug, wo sie keinen Sinn haben,

so die Philosophen überhaupt den Begriff "Innen und Aussen" auf Wesen

und Erscheinung der Welt; sie meinen, mit tiefen Gefühlen komme man

tief in's Innere, nahe man sich dem Herzen der Natur. Aber diese

Gefühle sind nur insofern tief, als mit ihnen, kaum bemerkbar, gewisse

complicirte Gedankengruppen regelmässig erregt werden, welche wir tief

nennen; ein Gefühl ist tief, weil wir den begleitenden Gedanken für

tief halten. Aber der tiefe Gedanke kann dennoch der Wahrheit sehr

fern sein, wie zum Beispiel jeder metaphysische; rechnet man vom

tiefen Gefühle die beigemischten Gedankenelemente ab, so bleibt das

starke Gefühl übrig, und dieses verbürgt Nichts für die Erkenntniss,

als sich selbst, ebenso wie der starke Glaube nur seine Stärke, nicht

die Wahrheit des Geglaubten beweist.

16.

Erscheinung und Ding an sich. - Die Philosophen pflegen sich vor das

Leben und die Erfahrung - vor Das, was sie die Welt der Erscheinung

nennen - wie vor ein Gemälde hinzustellen, das ein für alle Mal

entrollt ist und unveränderlich fest den selben Vorgang zeigt: diesen

Vorgang, meinen sie, müsse man richtig ausdeuten, um damit einen

Schluss auf das Wesen zu machen, welches das Gemälde hervorgebracht

habe: also auf das Ding an sich, das immer als der zureichende Grund

der Welt der Erscheinung angesehen zu werden pflegt. Dagegen haben

strengere Logiker, nachdem sie den Begriff des Metaphysischen scharf

als den des Unbedingten, folglich auch Unbedingenden festgestellt

hatten, jeden Zusammenhang zwischen dem Unbedingten (der

metaphysischen Welt) und der uns bekannten Welt in Abrede gestellt:

so dass in der Erscheinung eben durchaus nicht das Ding an sich

erscheine, und von jener auf dieses jeder Schluss abzulehnen sei. Von

beiden Seiten ist aber die Möglichkeit übersehen, dass jenes Gemälde

- Das, was jetzt uns Menschen Leben und Erfahrung heisst - allmählich

geworden ist, ja noch völlig im Werden ist und desshalb nicht als

feste Grösse betrachtet werden soll, von welcher aus man einen Schluss

über den Urheber (den zureichenden Grund) machen oder auch nur

ablehnen dürfte. Dadurch, dass wir seit Jahrtausenden mit moralischen,

ästhetischen, religiösen Ansprüchen, mit blinder Neigung, Leidenschaft

oder Furcht in die Welt geblickt und uns in den Unarten des

unlogischen Denkens recht ausgeschwelgt haben, ist diese Welt

allmählich so wundersam bunt, schrecklich, bedeutungstief, seelenvoll

geworden, sie hat Farbe bekommen, - aber wir sind die Coloristen

gewesen: der menschliche Intellect hat die Erscheinung erscheinen

lassen und seine irrthümlichen Grundauffassungen in die Dinge

hineingetragen. Spät, sehr spät - besinnt er sich: und jetzt scheinen

ihm die Welt der Erfahrung und das Ding an sich so ausserordentlich

verschieden und getrennt, dass er den Schluss von jener auf dieses

ablehnt - oder auf eine schauerlich geheimnissvolle Weise zum Aufgeben

unsers Intellectes, unsers persönlichen Willens auffordert: um dadurch

zum Wesenhaften zu kommen, dass man wesenhaft werde. Wiederum haben

Andere alle charakteristischen Züge unserer Welt der Erscheinung - das

heisst der aus intellectuellen Irrthümern herausgesponnenen und uns

angeerbten Vorstellung von der Welt - zusammengelesen und anstatt den

Intellect als Schuldigen anzuklagen, das Wesen der Dinge als Ursache

dieses thatsächlichen, sehr unheimlichen Weltcharakters angeschuldigt

und die Erlösung vom Sein gepredigt. - Mit all diesen Auffassungen

wird der stetige und mühsame Process der Wissenschaft, welcher zuletzt

einmal in einer Entstehungsgeschichte des Denkens seinen höchsten

Triumph feiert, in entscheidender Weise fertig werden, dessen Resultat

vielleicht auf diesen Satz hinauslaufen dürfte: Das, was wir jetzt

die Welt nennen, ist das Resultat einer Menge von Irrthümern und

Phantasien, welche in der gesammten Entwickelung der organischen Wesen

allmählich entstanden, in einander verwachsen [sind] und uns jetzt als

aufgesammelter Schatz der ganzen Vergangenheit vererbt werden, - als

Schatz: denn der Werth unseres Menschenthums ruht darauf. Von dieser

Welt der Vorstellung vermag uns die strenge Wissenschaft thatsächlich

nur in geringem Maasse zu lösen - wie es auch gar nicht zu wünschen

ist -, insofern sie die Gewalt uralter Gewohnheiten der Empfindung

nicht wesentlich zu brechen vermag: aber sie kann die Geschichte der

Entstehung jener Welt als Vorstellung ganz allmählich und schrittweise

aufhellen - und uns wenigstens für Augenblicke über den ganzen Vorgang

hinausheben. Vielleicht erkennen wir dann, dass das Ding an sich eines

homerischen Gelächters werth ist: dass es so viel, ja Alles schien und

eigentlich leer, nämlich bedeutungsleer ist.

17.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 1 / 24 段