sondern tanzte, sprach nie einen Satz, ohne ihn mit einem sehr angenehm
klingenden Gelächter einzuleiten und abzuschliessen. Mama Hellmer musste
mehr als einmal den Kopf dabei schütteln. Wenn man es recht bedachte,
hatte Fräulein Hannchen nicht viel mehr Ursache lustig zu sein, als sie
selber einst gehabt. Auch sie stand in jungen Jahren schutzlos und auf sich
selbst angewiesen da, nachdem sie Kindheit und erste Jugend in behaglichen
Verhältnissen verbracht. Hannchen war eine elternlose Waise, schon dieses
hätte sie nach Frau Hellmer's Ansicht bestimmen müssen, in Sack und Asche
einherzugehen, sie musste sich allein durch's Leben schlagen, was sie wie
einen ganz hübschen Zeitvertreib zu betrachten schien. Allerdings glückte
ihr Alles, sie hatte die Finger einer Fee. Wenn Frau Hellmer sie ernsthaft
an die Thatsache erinnerte, dass sie arm sei, warf sie den blonden Kopf
zurück, lachte und meinte: »Was thut das? ich werde mir heute oder morgen
ein Vermögen erwerben.« -- Und Mama, die es nicht verstand, wie man
widrige Verhältnisse mit so vergnügtem, sorglosem Gesicht bekämpfen
könne, hiess sie im Stillen leichtsinnig und begann, sich ernstlichen
Besorgnissen um ihre Zukunft hinzugeben. Sie glaubte es der entfernten
Basenschaft schuldig zu sein, wenn sie die Augen über Hannchen »offen
hielt«, was sie um so leichter thun konnte, als diese gerade über der
Strasse bei einem kinderlosen Ehepaar ein Zimmer gemiethet hatte. Frau
Hellmer kannte jede Kundin, die drüben aus- und einging, sie führte Buch
über die Besuche, die Hannchen in ihrer freien Zeit erhielt und wusste
genau anzugeben, wann und mit wem sie das Haus verlassen hatte. Aber zur
Erwerbung so nützlicher Kenntnisse braucht man Zeit, viel Zeit, und Mama
war genöthigt, ihren Eduard und seine etwaigen Herzensverstrickungen
ausser Acht zu lassen. Und als ihr endlich die Augen aufgingen, da war es
beinahe zu spät. Er fing bereits an, nachzusinnen, ob das Puppenheim
für eine junge Frau geräumig genug sei; sein Gesicht war in eitel
Glückseligkeit getaucht, wenn der Sonntag kam und Hannchen die Base
besuchte; er schritt hinter ihr her, wenn sie in ihrer lebhaften Weise
durch die ganze Wohnung lief, -- einen ziemlich lächerlichen Eindruck
gewährend, da er ebenso verliebt wie unbeholfen erschien --; wenn sie
sang, dann horchte er begeistert und applaudirte, als gälte es der Patti,
und wenn sie etwas Lustiges sagte, lachte er, bis sein Gesicht bläulich
wurde. Und was das Schlimmste war, er schien vollständig mit Taubheit
geschlagen, als Mama wie absichtslos bemerkte, es sei zu arg, dass Hannchen
statt für ihre alten Tage, für Krankheit oder andere Unglücksfälle zu
sparen, was sie verdiente, auf sich hing. Er nahm seinen Hut und ging zu
Hannchen hinüber, als diese durch die plötzliche Unfreundlichkeit ihrer
sonst so gütigen Freundin abgeschreckt, am nächsten Sonntag zu Hause
blieb. Und von ihrer Sternwarte aus konnte Mama beobachten, wie die zwei
drüben in vergnügtester Stimmung nebeneinandersassen, Mama und die ganze
übrige Welt auch nicht mit der Spur einer Erinnerung bedenkend. Da galt
es, rasch und entschieden einzugreifen. Nie vorher war Frau Hellmer so
überzeugt von der Heilsamkeit der Abschreckungstheorie gewesen, wie
diesmal. War nicht auch bei ihrem verstorbenen Gatten der Hauptfehler, aus
dem alle übrigen riesengross herauswuchsen, ein gedankenloser Leichtsinn,
eine Vergnügungssucht, die nach den Mitteln der Befriedigung nicht fragte,
gewesen? Sollte ihr trübseliges Loos sich an dem Sohne wiederholen?
Nicht, solange sie es abzuwenden vermochte. Glücklicherweise gab ihr das
unbesonnene Hannchen selber die Mittel zur Vernichtung in die Hand. Mama
hatte, trotzdem die frühere wohlwollende Gesinnung gegen das Mädchen
ziemlich feindseligen Gefühlen Platz gemacht, ihren Beobachtungsposten
nicht verlassen; freilich war ein kleiner Unterschied gegen ehemals zu
bemerken. Bisher hatte sie Hannchen überwacht, jetzt -- so ungern wir
das Wort gebrauchen, es muss heraus, -- jetzt belauerte sie dieselbe.
Natürlich Alles in der besten Absicht, wie sie sich wiederholt
versicherte, aus einem Pflichtgefühl, das selbst der Mutter der Gracchen
Achtung abgenöthigt hätte. Bald hatte sie genug erspäht.
»Wer war der junge Mensch, mit dem Du vorgestern Abend ausgingst, und in
dessen Gesellschaft Du erst nach Mitternacht, lachend und schwatzend, dass
die ganze Strasse aus dem Schlaf auffuhr, heimkamst?« fragte sie, als
Hannchen mit einem Gesicht, dessen sich alle drei Höllenrichter zusammen
nicht zu schämen gehabt hatten. Das Mädchen machte heute wieder seinen
Sonntagsbesuch bei der ersten Freundin, die sie in der Fremde gefunden,
vermuthlich durch Eduards Versicherungen überzeugt, dass der eisige
Empfang auf irgend welchem häuslichen Aerger beruht und durchaus nichts
mit ihr zu schaffen gehabt hatte. Mamas kühle Begrüssung in ihrer eigenen
Wärme übersehend, hatte sie mit dem Haussohn sogleich ein lustiges
Scharmützel angefangen. Wie eine Bombe rollte die Frage dazwischen, und
vor Schrecken -- Mama erklärte ihrem Sohne nachher aus Schuldbewusstsein
-- wurde sie roth und verlegen.
»Haben wir Dich aufgeweckt, Tante?« sagte sie bedauernd, nachdem sie
sich gefasst. Frau Hellmer hatte zu erwähnen vergessen, dass sie gar nicht
geschlafen, sondern beobachtend am Fenster die Zeit verbracht hatte; und
so war es begreiflich, dass Hannchen versicherte: »es thut mir aufrichtig
leid; aber Karl Sohmer ist solch ein drolliger Kauz, dass man lachen muss,
sobald er zu sprechen anfängt, und wenn die Todesstrafe darauf stünde.«
»Karl Sohmer? ich habe diesen Namen nie gehört.«
»Ich auch nicht, bis vor, lass sehen, vor sechs Tagen. Letzten Dienstag
kam er meinem Hauswirth, dessen Neffe er ist, wie vom Himmel herabgeweht
in's Haus; er lebt in Texas und hält sich nur zu Besuch hier auf.«
»Erlaube mir!« rief Frau Hellmer mit um so ausgesprochenerem Entsetzen,
als sie bemerkte, das Gesicht ihres Sohnes habe sich bedenklich in die
Länge gezogen, »nach so kurzer Bekanntschaft gehst Du mit diesem Texaner
aus! Ich verstehe die heutige Jugend nicht.«
»Er lud mich in die Oper ein, und ich konnte wohl nicht nein sagen, es
hätte meine Hauswirthe verletzt,« erklärte Hannchen ziemlich gedrückt,
aber während des Sprechens lachte sie wieder und rief eifrig, »ich bin
auch übrigens froh, dass ich die Einladung annahm, denn ich habe mich
köstlich unterhalten und zehre an der Erinnerung, während ich über
meiner Arbeit gebückt sitze.«
»Du hörst es,« sagte Mama's Miene ihrem Abgott, der sehr blass und sehr
ärgerlich dasass. Er war verliebt genug und seines Erfolges bei Hannchen
nicht sicher genug, um gewaltig eifersüchtig zu sein. Uebrigens hatte Mama
noch lange nicht ihr ganzes Pulver verschossen.
»Der junge Mann scheint aus Deiner liebenswürdigen Bereitwilligkeit die
Ueberzeugung geschöpft zu haben, dass seine Gesellschaft Dir sehr angenehm
ist, was mich auch gar nicht Wunder nimmt. -- So oft ich an's Fenster trete
und zu Dir hinüberblicke, was ich aus Antheil an Dir häufig thue, sehe
ich ihn in Deinem Arbeitszimmer, schwatzend wie eine Elster.«
»Er ist solch ein drolliger Kauz!« meinte lachend und erröthend das
Hannchen, »er möchte mir weismachen, dass gerade so ein wichtiges
Persönchen, wie ich, dem Staate Texas zu seiner Vollkommenheit fehle.«
»Der junge Mann ist sehr dreist,« brauste Eduard auf.
»O, wer denkt daran, Karl Sohmer ernst zu nehmen!« versetzte sie, »er
ist ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und ich freue mich auf den Ball
morgen Abend, zu dem er mich geladen. Ich gehe mit der Hauswirthin.«
Sie kam nicht weiter. Das war Wasser auf Mama Hellmers Mühle; und die
würdige Dame übertraf sich selber. Die Posaune des jüngsten Gerichtes
kann unmöglich strafender und drohender klingen, als ihre Stimme, während
sie über gedankenlose Coquetterie und Vergnügungssucht loszog, die
ganze Existenzen zerpflückt, Menschen für ihre Lebensdauer elend macht.
Hannchen, die vor der alten würdigen Frau einen ungeheuren Respekt hatte,
war Anfangs zerknirscht wie eine wirkliche Sünderin; sie warf Eduard einen
hilfesuchenden Blick zu, aber er hatte eine Bemerkung Mamas, sie würde
nie einwilligen, mit dem Leichtsinn unter einem Dach zu wohnen, dahin
aufgefasst, dass sie ihn vor die Wahl zwischen sich und dass Mädchen
stelle, und so blieb er stumm, die Stirn gerunzelt, seinen Bart kauend,
sitzen, und vermied es, die Missethäterin anzusehen. Zuletzt erwachte auch
in ihr der Trotz: Sie habe Niemandem Rechenschaft abzulegen; sie werde
ihr junges Leben geniessen und den Ball morgen Abend erst recht besuchen,
erklärte sie. Als man sich an diesem Tage trennte, sah Mama erhitzt, aber
sehr befriedigt, ihr Sohn gleichfalls erhitzt, aber sehr niedergeschlagen
aus; was Hannchen betrifft, so hatte sie verweinte Augen, aber einen sehr
entschiedenen Zug im Gesichte, der auch aus ihrer Erklärung sprach, dass
sie das Haus nie wieder betreten werde. Am nächsten Abend sahen Mutter und
Sohn sie mit dem Fremden zu Balle gehen, und Mama beglückwünschte sich zu
ihrer Entschiedenheit. Dann aber verliess sie das Haus nicht mehr; aber als
der Monat zu Ende ging, verschwand sie ganz und gar aus der Strasse. Durch
Bekannte, für welche sie arbeitete, erfuhr Frau Hellmer, dass der junge
Texaner allein abgereist sei und Hannchen eine Wohnung in einer entfernten
Strasse gemiethet hatte. Es war klar, sie wollte ihnen nicht mehr
begegnen. Mama athmete auf, sie hatte ihren kostbaren Sohn wieder zum
ausschliesslichen Besitz. Aber es war nicht mehr der alte, leichtvergnügte
Sohn; ein wortkarger, stiller Mann, dessen Züge sich täglicher fester
ausprägten; ein Mann, der ass und trank und schlief und seinen Geschäften
nachging, ohne an etwas Vergnügen zu finden, ging er neben ihr her. Er sah
aus, als wäre ihm der Schmelz von den Flügeln gewischt worden. Er wusste,
dass Mama dem Mädchen bitter Unrecht gethan; er wusste, dass er ohne
sie nicht glücklich werden konnte. Aber war es möglich, sich mit einer
solchen Mutter wegen seines eigenen Glücks zu entzweien? Alle Opfer, die
sie für ihn gebracht, standen deutlich vor seinem Geist; und so liess
er, ohne einen Versuch zur Versöhnung zu machen, Hannchen aus seinem
Gesichtskreis verschwinden.
Mama war Anfangs zornig darüber, dass er den Verlust so schwer empfand.
Sie, die sonst eifersüchtig jede Annäherung zwischen ihm und den jungen
Damen der Nachbarschaft vereitelt, lud selber nun oft Gesellschaft zu sich.
Aber so oft Eduard es vermochte, entzog er sich dem Vergnügen durch
die Flucht, und liess er sich einmal durch Ueberredung ins Besuchszimmer
locken, dann sass er stumm und unbehaglich da und schien aufzuathmen, wenn
die Gäste sich entfernten. Frau Hellmer war sehr stolz gewesen, dass sie
ihn wieder einmal vor dem Elend seines Lebens bewahrt, aber nachgerade fing
sie an der Weisheit und dem Erfolg ihrer That zu zweifeln an. Was half es,
wenn sie für die Möglichkeit seines Unglücks, das eine leichtsinnige,
vergnügungstolle Frau auf ihn herabbeschworen hätte, die Gewissheit
desselben eintauschte. Er klagte nie und machte ihr keine Vorwürfe, aber
dass er unglücklich war, konnte ihr jeder Blick und sein blasses,
ernstes Gesicht sagen. Und da fasste sie nach langem hartem Kampf einen
heldenmüthigen Entschluss. Der nächste Tag sah sie neben Hannchen
Stubenhofer in deren Zimmer sitzen, (auch nicht mehr das Hannchen von
ehemals, denn es fing keinen Satz mit Lachen mehr an und endete ihn auch
nicht damit). Im Ganzen sah sie wie das richtige Gegenstück zu Herrn
Eduard Hellmer aus. Da wurde es Mama viel leichter, zu sagen, weshalb sie
gekommen. Aber Hannchen schüttelte den Kopf:
»Ich habe auch meinen Stolz, wenn ich auch nur ein armes Mädchen bin.
Ich bin in Ihrem Hause beleidigt worden, nun setze ich keinen Fuss mehr
hinein.«
Mama war enttäuscht; sie hatte sich es schön ausgemalt, wie sie ihrem
Sohn mittheilen wolle, es sei ein seltener Gast da; wie sie sodann die
Thüre des Besuchszimmers öffnen, ihn allein eintreten lassen und erst
nach einer gut gemessenen Viertelstunde mit zum Segnen erhobenen Händen
nachfolgen werde. Hannchens Eigensinn verdarb den feinen Plan.
Da steckte sich Mama denn hinter eine ältliche Landsmännin und
Busenfreundin, in deren Hause das Mädchen in der nächsten Zeit
beschäftigt war. Hannchen nahm, um alter Freundschaft willen, eine
Ausnahmsstellung in dem Hause ein; nach der Arbeit verbrachte sie
gewöhnlich den Abend als gleichberechtigtes Glied im Kreise der Familie.
Allerdings fiel es ihr auf, dass man nach dem Abendessen sich in die Stube
begab, von der sonst der Spruch galt: »Ziehe deine Schuhe ab, denn die
Stelle ist heilig.« Doch hatte sie kaum Zeit gefunden, sich zu verwundern,
da klingelte es, und herein rauschte Mama Hellmer, gefolgt von ihrem, durch
die feinsten diplomatischen Künste zum Mitkommen veranlassten Sohn. Frau
Hellmer, die sehr anregend sprechen konnte, wenn sie sich die Mühe dazu
nahm, fesselte nicht nur die Freundin, sondern auch noch deren Töchter und
den Hausherrn. Hannchen hörte nicht zu, und Eduard wusste vermuthlich von
früher her, um was es sich handelte. Er stand ziemlich linkisch vor dem
jungen Mädchen, das bei seinem Erscheinen Miene gemacht, zu entweichen;
doch las sie in seinen Augen eine so herzliche Bitte und hörte aus seinem
Munde so viele gute, versöhnende Worte, dass sie den Fluchtplan aufgab.
Den ganzen Abend sah man die zwei sehr eifrige Gespräche führen, doch
vernahm Niemand etwas davon, denn sie klangen sehr leise und schienen nur
für das nachbarliche Ohr berechnet.
Mama Hellmer hat vor Kurzem die Schlüssel, das Abzeichen ihrer absoluten
Herrschermacht, sowie die Oberhoheit über die sehr unbotmässige Vasallin,
welche die Kochtöpfe zu überwachen und den Besen zu schwingen hat,
der jungen Herrin des Hauses abgetreten. Wollte ich behaupten, dass die
unerfahrene Frau Hellmer das Regiment zur vollen Zufriedenheit der alten,
weisen, unfehlbaren Frau Hellmer führt, so würde man mich beschuldigen,
dass ich die Grenzen poetischer Freiheit übersteige und Unwahrscheinliches
berichte. Aber Hannchen hat solch einen eingewurzelten Respekt vor Mama,
fragt sie so häufig um Rath und, was mehr ist, befolgt denselben auch,
dass Schwiegermütterchen, von dem die ganze Nachbarschaft vermuthete,
es werde aus langer Herrschergewohnheit den Frieden des jungen Haushalts
gefährden, ein viel angenehmeres, zufriedeneres und leichter zu
behandelndes Schwiegermütterchen geworden ist, als man es sonst von ihren
Schwestern behauptet.
DAS PFLEGETÖCHTERCHEN.
Die Leute haben nie begreifen können, was mich zu dem Alten hinzog,
nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich aufgegeben. Sie meinten, ich
hätte mich noch entschiedener, als die ganze Welt von ihm lossagen
sollen, denn sein Einfluss hatte es verschuldet, dass ich in meinen
Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das heisst den bequemen Drehstuhl in
meines Vaters Comptoir aufgab und Farben zu verschmieren anfing. Als ich
mit Conrad Stürmer bekannt wurde, hatte er längst aufgehört, seine
Kunst, in der er einst Bedeutendes geleistet, auszuüben; er bildete
Schüler heran, oder wie die nachsichtigen Mitmenschen behaupteten, er
lockte thörichte Jungen aus ihrer gesicherten Lebensbahn, unter der
Vorspiegelung, Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie auszubeuten.
Ich wusste, dass man ihm mit diesem Verdacht Unrecht that; er war ein
Enthusiast, ungemein leicht begeistert und in jedem Pfennig-Kerzlein
einen künftigen leuchtenden Stern sehend. Allerdings hat er ziemlich
viel Unglück angestiftet, aber böse Absicht lag ihm fern. Ich hatte ihn
liebgewonnen, und blieb ihm anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass er
sich und mich getäuscht, als er in meinen dilettantischen Versuchen den
künftigen Meister sah. Mit dieser Erkenntniss war für mich, der von einer
ganzen Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse nüchterne Besonnenheit
geerbt (vielleicht war es gerade diese, die Stürmers entzückte
Prophezeiungen kläglich vereitelt), der Weg klar vorgezeichnet, den
ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete nicht, bis sie vollständig
verbrannte; mit nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie reuig zurück.
Aber daheim schlachtete man kein gemästetes Kalb für den verlorenen Sohn;
mein Vater grollte, weil ich dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig den
Rücken gekehrt, und nachdem ich dieses unsühnbare Verbrechen begangen,
nicht als gefeierter Künstler heimgekommen war; mein jüngerer Bruder, der
mittlerweile meine Stelle eingenommen, konnte nicht einsehn, warum er mir
dieselbe nun wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure Edlinger'sche
Basen- und Vetterschaft sah mich mit mitleidiger Geringschätzung an, als
sei ich vor der Zeit zur Ruine geworden, und -- was mir zumeist an's Herz
griff -- meine gute Mutter, deren Liebling ich war, litt darunter, mich
von der stolzen, für mich erträumten Höhe so kläglich herabgestürzt
zu sehen. Da fasste ich denn eines Tages einen kühnen Entschluss und,
die Brücken hinter mir verbrennend, wanderte ich aus, nun erst recht ein
verlorener Sohn, der nur dann auf Vergebung und freundliche Aufnahme im
Vaterhause rechnen konnte, wenn er, ein Mann des Erfolges, zurückkehrte.
Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt; schon nach zwei Jahren konnte ich
nach Hause schreiben, dass ich mein sicheres Auskommen gefunden, nach vier
Jahren, dass ich mich selbständig gemacht, und wieder nach einiger Zeit,
dass das Haus Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe, auf eine gleiche
Stufe mit dem in der alten zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre in
harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich durfte mir einen Feiertag und die
Genugthuung vergönnen, als Sieger auf dem Schauplatz meiner Niederlage
einzuziehen. Ich packte meinen Koffer und fuhr zu Besuch in die alte
Heimath.
Mein Empfang im Vaterhause liess nichts zu wünschen übrig. Mein
Mütterchen erschien förmlich verjüngt in ihrer Wiedersehensfreude, Papa
nahm mich mit offenen Armen auf, einen dicken Strich durch meine alten
Sünden ziehend; ja ich glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst an,
denn sie verschafften ihm die Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger
dringt durch, auch wenn er ohne Beschützer und Mittel seine Laufbahn
beginnt.« Hans, mein Bruder, fühlte Respekt vor dem »selfmade man«,
Vettern und Basen waren stolz auf die überseeische Rarität. Und in meiner
Glorie durfte ich es mir erlauben, nach meinem alten Freunde auszuspähen,
ohne dass mein Beginnen mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung erregt
hätte.
Es war ein trauriges Wiedersehn. Der alte Mann mit dem Kinderherzen
war furchtbar gealtert. Ich hatte ihn nie in behaglichen Verhältnissen
gekannt, jetzt aber schien er bettelarm; denn selbst die letzte spärliche
Quelle seines Einkommens, die ihm von seinen langhaarigen Jüngern
geflossen, war versiegt; Konrad Stürmer war krank und gebrochen, er
vermochte keinem noch so eiteln jungen Burschen mehr das Vertrauen
einzuflössen, dass er ihn zu einem Lenbach oder Defregger machen werde.
Für die kleinen Unterstützungen, die ich ihm von New York aus zuzuwenden
vermochte, dankte er weinend. Ich erschrak; früher hatte er dergleichen
als selbstverständlich angesehen, als einen Zoll, den der Jünger
seinem Meister zu entrichten hat. Ich fasste ihn schärfer in's Auge, und
entdeckte nun erst, dass er ein schwer kranker Mann sei, vielleicht nur
noch Wochen zu leben habe. Hart und trocken drang der Husten aus seiner
eingefallenen Brust, scharfumgrenzte rothe Flecken standen auf den
hageren Wangen. Er ahnte nichts davon; er theilte mir, nachdem die mich so
befremdenden Ausdrücke seiner Erkenntlichkeit verklungen waren, mit,
dass er nicht lange mein Schuldner bleiben, sondern demnächst »die
Oberösterreichische Kirchweih«, die ich vor mehr als zwölf Jahren
angefangen, zwischen all den andern Entwürfen in seinem Atelier gesehen,
vollenden, mich bezahlen und mit Pepi nach dem Süden ziehen werde. Ich
stutzte. Trotzdem wir vor Jahren täglich mit einander umgegangen, war ich
nie in seiner Wohnung gewesen. Das Atelier lag entfernt von derselben;
die guten Nebenmenschen behaupteten, er besitze eine brave, hartarbeitende
Frau, die das Haus erhalte, während er sich in der Kneipe herumtreibe.
Ich bemerkte nun auch einen schwarzen Flor um seinen zerdrückten Hut und
drückte ihm mein Beileid aus. Die Thränen strömten ihm aus den Augen;
er rief: »sie war eine brave, eine edle Frau; sie hätte ein besseres Loos
verdient. Ihr ganzes Unglück war, dass sie ihr Herz an einen Unwürdigen,
einen Elenden, einen Schurken gehängt.« Vergeblich suchte ich ihn zu
beschwichtigen, die Reue über sein verfehltes Leben, das Leid, das er auf
seine Gefährtin herabbeschworen, brachen mit elementarer Gewalt aus ihm
hervor; erst ein erstickender Hustenanfall liess ihn verstummen. Aber die
alte Zuversicht kehrte nicht zurück; »wenn ich das Bild nicht vollende,
was wird aus Pepi werden!« stöhnte er. Nichts leichter zu beantworten,
als dies. Der Bursche konnte mein Schüler werden, wie ich der seines Papas
gewesen, nur hoffte ich etwas mehr Erfolg mit ihm zu erzielen, als dieser
mit mir. Ich wollte ihn mit mir nach Amerika nehmen und in mein Geschäft
eintreten lassen. Von ihm allein sollte es abhängen, ob er es vorwärts
brächte. Konrad Stürmer war zu erschöpft, als dass ich ihm sogleich
meine ausführlichen Pläne für seinen Sprössling hätte darlegen
können. Ich verschob dies für eine spätere günstigere Gelegenheit, und
erklärte ihm nur, dass ich mich Pepis mit Rath und That annehmen werde.
Er dankte mir nicht mit Worten, aber mit einem Druck der Hand. Mir
schien's, als sei ein schweres Gewicht von seiner Brust gefallen; er
vermochte nun sogar ein Glas guten Rheinweins, ehemals seine grösste
Liebhaberei, -- das bisher unberührt vor ihm gestanden, zu leeren. Wir
hatten uns in unserer ehemaligen Künstlerkneipe zusammengefunden. Als er
sich zum Abschied erhob, übermannte ihn die Schwäche von Neuem. Ich rief
einen Wagen herbei und begleitete ihn zu seinem Hause in einer abgelegenen,
ärmlichen Strasse. Dann half ich ihm die vielen Treppen erklimmen,
klingelte -- und machte, als geöffnet wurde, das erstaunteste
Gesicht meines Lebens. Vor mir stand ein kleines, blasses Mädchen in
Trauerkleidern. Pepi Stürmer hatte nach süddeutschem Sprachgebrauch
ebensogut Josef wie Josefine heissen können. Es war das Letztere, und mein
Lehrling, Gehilfe und künftiger Partner versank, noch bevor er entstanden
war.
Wenige Wochen später wurde Carl Stürmer begraben, und ich trat die
Vormundschaft über seine Waise an. Es bedurfte der ganzen Autorität
des amerikanischen Edlinger, um ihn bei diesem Anlass nicht wieder als
sentimentalen Narren in Misscredit zu bringen. Aber ich setzte meinen
Willen durch; eine arme Tante von mir nahm das Mädchen gegen Vergütung
bei sich auf, und ich reiste, vollständig beruhigt über ihr Wohlergehen,
ab. Ich dachte in den nächsten Jahren nicht allzu oft an sie, pünktlich
beantwortete ich ihre Briefe, und als ich wieder zum Besuch in meine
Heimath kam, war es nicht, weil mich ein besonderes Verlangen nach meinem
Pflegetöchterchen erfasst, sondern weil ich einen sehnlichen Wunsch meiner
Mutter erfüllen wollte.
»Paul,« sagte meine Tante und schüttelte dazu das ehrwürdige Haupt
mit dem hochragenden Kopfputz, um dessentwillen ich sie in ruchlosen
Flegeljahren »das Trauerpferd« getauft, »Du wirst nicht alles so finden,
wie Du es erwartet,« mit Nachdruck, -- »wie Du das Recht gehabt, zu
erwarten.«
Die Wahrheit zu gestehen, blieb ich vollkommen ungerührt von diesen
Kassandratönen. Die verehrte Dame liebte eine gewisse graue Beleuchtung
aller täglichen Vorkommnisse und ich hatte eine Ahnung, dass die
tragischen Andeutungen mich auf das Hinscheiden ihres asthmatischen Mopses
vorbereiten sollten, dem ich schon längst ein friedliches Ende nicht blos
vergönnt, sondern von ganzem Herzen gewünscht hatte. So liess ich
sie denn seufzen und den Kopf schütteln und bemerkte: »Wo bleibt denn
Josefine?«
Das Seufzen verstärkte sich zu einem Stöhnen. »Ich habe sie unter einem
Vorwand entfernt, um Dich, Unglücklichen, vorzubereiten; denn eben bei
Pepi wirst Du nicht alles so finden«, und so weiter, wie bekannt.
»Nun, Kinder sind dazu da, um ihren würdigen Papas Enttäuschungen
zu bereiten. Pflegekinder werden vermuthlich keine Ausnahme machen,«
versetzte ich noch immer gelassen, »ist die Kleine nicht so hübsch
geworden, wie sie vor vier Jahren versprochen?«
»Hübsch?« rief die Tante, »sie ist aussergewöhnlich, sie ist unerlaubt
schön«, damit schob sie mir eine grosse Photographie hin, »urtheile
selbst.«
Ja, da war es freilich mit dem Urtheilen vorbei.
»Aber liebe Tante,« sagte ich und starrte unverwandt auf das Bild, um in
dem wundervollen Gesicht nach den Zügen des mageren verweinten Backfischs
zu spähen, den ich vor vier Jahren in seinem dürftigen Trauerkleidchen
aus dem Hause meines ehemaligen Lehrers in das meiner Tante geführt,
»darin kann ich nun kein so ungeheures Unglück sehen.«
»Dieser Meinung sind auch andere,« erwiderte das alte Fräulein spitz,
»darunter Alle, die in dieser Stadt Schnurrbärte tragen.«
»Hm,« murmelte ich betroffen und legte die Photographie aus der Hand,
nicht ohne noch einen langen Blick auf sie zu heften -- das Hexlein hatte
es mir angethan -- »ich dachte, Du habest mit ihr sehr zurückgezogen
gelebt.«