versicherte sie, er mache ihr keine Mühe. Dann erklärte ihm sein Papa auf
das Nachdrücklichste, sie sei zu gütig gegen ihn, und er verdiene so viel
Nachsicht und Freundlichkeit nicht. Darauf zog sie ihn wieder zu sich, um
den eiteln kleinen Burschen, der vor Freude hochroth im Gesicht wurde, ein
dunkelblaues Band, das ihr von der Näherei übrig geblieben, als Cravatte
um den Hals zu knüpfen. Das erinnerte ihn an die Zeit, da Ivo's Mutter
kein grösseres Vergnügen gekannt, als das winzige Kind mit Schleifen und
Bändern herauszuputzen. Das eine seiner Händchen haltend, sprach er von
jenen schönen Tagen, sie fasste das andere und war ganz Mitleid für das
Kind. Ivo hielt prachtvoll still in seiner Blitzableiterrolle, die den
Beiden über ihre Verlegenheit hinweghalf. Er liess sich von Johanna die
Bilder in der »Gartenlaube« erklären und zeigte dann jedes dem Vater
hinüber, eine sehr drollige Erläuterung in seiner Manier dazugebend.
Und unvermerkt verstrich die Zeit. Hüben und drüben gab es mit jedem
Viertelstündchen mürrischere Gesichter. Ivo's Grosseltern warteten,
trotzdem ihre Essensstunde bereits vorüber war, mit der Sonntagstafel;
dasselbe thaten Johanna's Hauswirthe. Aber beide erschöpften sich dabei
nicht gerade in Segenswünschen für die Schuldtragenden.
Endlich als die Hausfrau ihr ältestes Töchterchen mit der Botschaft
hereinschickte, die Familie könne nicht länger warten, erhob sich Franz,
erstaunt und erschrocken über die ungebührliche Länge seines ersten
Besuchs; aber das junge Mädchen war nun in die Freuden und Leiden seines
Lebens eingeweiht, sie wusste von seinem kurzen Glück und der langen
trostlosen Zeit, die demselben gefolgt. Auch sie hatte mit ihren
Mittheilungen nicht gegeizt. Beiden war es ein seltener Genuss, einmal zu
einem wirklich theilnehmenden Ohr von dem eigenen Schicksal zu sprechen,
und er kannte nun ihr Elternhaus, ihre friedliche sorglose Kindheit und die
harten Schläge, die sie betroffen, als wäre er ein alter Freund. Sprechen
wir nicht von der Sonntagstafel. Hüben wie drüben hätte sie den Beiden
eigentlich durch die missmuthigen Gesichter am Tisch vergällt werden
müssen, aber sie bemerkten nichts davon. Beide waren in Gedanken noch
immer bei dem angenehmen Stündchen, Beiden schien's, als sei ihnen etwas
von ihrem alten Leben zurückgekehrt. Ivo vollends war unausstehlich. Wäre
dies dem verwöhnten Enkelchen gegenüber nicht gar so unmöglich gewesen,
die Grosseltern hätten ihm vermuthlich mehr als einmal barsch Schweigen
geboten. Er wurde nicht müde, von der Tante zu sprechen; alles, was er
drüben gesehen, war viel schöner als daheim, Grossmutter besass nur
einen gewöhnlichen Fingerhut und nichts anderes, ihr Kuchen hielt keinen
Vergleich mit dem aus, den ihm Johanna gegeben, und eine solche Cravatte
wie die, welche sie ihm umgebunden, fand sich im ganzen Hause nicht vor.
Auch fiel seine Begeisterung nicht so schnell in todte Asche zusammen, wie
es sonst bei Kindern der Fall ist. Sobald ihn die Grossmama des Morgens
angekleidet, wand er sich geschmeidig wie ein Aal aus ihren Händen,
polterte die Treppe hinab und winkte ihr nach einigen Augenblicken,
ahnungslos über ihren Verdruss vom Fenster gegenüber lachend zu. Selbst
die betrübende Thatsache, dass er bei der neuen Tante artiger sein musste,
als daheim, dass die enge Stube mit dem angehäuften Nähgeräth seinem
Umhertollen nur ein sehr begrenztes Gebiet gestattete, dass er die
Nähereien nicht verwirren und mit der Scheere dem Aufputz und den Stoffen
nicht nahe kommen durfte, wirkte nicht abkühlend auf seinen Enthusiasmus.
Der rauhe Wind mochte ihm den Aufenthalt auf der Strasse verleiden, und
ehe er sich bei den Grosseltern langweilte, die in der That in ihrer
mürrischen Verbitterung nichts mit dem quecksilbernen Jungen anzufangen
wussten, trug er, mit so viel Geduld, als er aufzutreiben vermochte, die
ungewohnten Zügel. Es wurde ihm nicht allzu schwer gemacht. Während
Johanna flink die Finger rührte, bevölkerte sie für ihn das enge
Stübchen mit all den trauten Gestalten des deutschen Märchen- und
Sagenschatzes; er lauschte ihr in athemloser Spannung und verfiel nur
selten auf eine seiner kleinen Teufeleien. War es jedoch einmal der Fall
und sprach ihm Johanna ernst und eindringlich in's Gewissen, dann senkte
er bussfertig den Lockenkopf und versprach volle Besserung. Selbst daheim
hätten die Grosseltern eine gewisse Milderung seiner wilden Sitten
bemerken müssen, wenn sie dazu geneigt gewesen wären. Aber wenn Johanna
sich mit dem Kinde Mühe nahm, so legte sie nur Fallstricke, um dessen
verblendeten Vater zu fangen. Grossmama nahm sich kein Blättchen vor den
Mund, sie hielt mit ihrer Meinung über die Sirene nicht zurück; freilich
erzielte sie mit ihren Anklagen ein gar sonderbares Resultat. Immer
häufiger richteten sich Franzens Blicke auf das Fenster gegenüber, immer
heller wurde seine Miene, immer mehr verschwand der Trübsinn aus seinem
Blick. Sonst hatte ihm nichts solchen Verdruss erregt, als wenn er Abends
beim Nachhausekommen den Knaben nicht vorfand; jetzt schien es ihm ein
besonderes Vergnügen zu machen, ihn von drüben abzuholen und dabei eine
Viertelstunde mit der Nachbarin zu verplaudern. Grossmama ging den ganzen
Tag wie ein drohendes Gewitter herum, und ihr Gemahl glich mehr als je
einer grossen grauen Spinne, die auf eine unschuldige Fliege lauert.
Zuletzt lief sie ihnen ahnungslos in's Garn. Ivo hatte sich erkältet
und musste das Bett hüten. Mit der Hartnäckigkeit eines kranken Kindes
verlangte er seine Tante Johanna. Grossmama schleppte ihm Spielzeug und
Näschereien in's Bett, aber nichts vermochte seine Gedanken abzulenken.
Papa war früher als sonst aus seinem Geschäft gekommen und hörte noch
vor der Zimmerthür das Kind nach der Tante verlangen.
»Warum habt Ihr sie nicht gebeten, herüberzukommen?« fragte er arglos,
»Fräulein Stirner ist die Gefälligkeit selbst und Ivo ihr besonderer
Liebling. Sie wäre ohne Bedenken an sein Bettchen geeilt.«
»Das glaube ich,« versetzte Grosspapa, »an Bedenken scheint die junge
Dame überhaupt nicht zu kränken.«
Und »Ivo ihr Liebling,« rief höhnisch seine bessere Hälfte, »solche
berechnende Geschöpfe haben für Niemand eine Neigung als für sich
selbst.«
Dem jungen Mann schwoll die Zornader auf der Stirn, aber er hielt an sich.
»Möchtet Ihr nicht, wenn schon nicht aus Rücksicht für mich, so
doch Euer graues Haar bedenkend, etwas weniger gehässig von einem
Wesen sprechen, das unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste
Freundlichkeit erwiesen? Nein, spottet nicht,« -- kam er, als sie sprechen
wollten, ihnen zuvor, »Ihr werdet mich sonst dadurch zu einen Schritt
veranlassen, vor dem Ihr mich bewahren wollt!«
So hatte er noch nie gesprochen. Wenn sie ihn auch verdächtigten, er habe
ihre todte Marie bereits vergessen, so hatte er bisher doch jeden Gedanken,
ihr eine Nachfolgerin zu geben, kurz von der Hand gewiesen, bestürzt zogen
sich die Verschworenen in die Wohnstube zurück, den Vater bei dem Kinde
lassend. Er hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren und grollen
und Pläne schmieden hören können, aber jedenfalls flösste ihm Ivo's
Geplauder, in welchem das junge, blasse Mädchen von drüben beständig
wiederkehrte, theils wegen des Gegenstandes, theils wegen des Sprechers
mehr Interesse ein. Am nächsten Morgen hielt er das widerspenstige Kind
durch das Versprechen, heute werde die Tante gewiss kommen und sich freuen,
ihn so folgsam zu sehen, im Bettchen fest. Bevor er das Haus verliess,
theilte er den Alten mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten. »Ich
brauche Euch wohl nicht zu erinnern, dass ich meines Sohnes beste Freundin
in meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt sehen will,« sagte er
beim Abschied. Die Grossmama nickte mit dem Kopf, aber nicht wie zur
Bestätigung seiner Rede, sondern zu einer, die sie sich selber hielt. In
gemeinverständliches Deutsch übersetzt, mochte es bedeuten: »O warte
nur, Du sollst sehen, wie ich mich vor Deinen lächerlichen Drohungen
fürchte!« Und Grosspapa goss nach seiner lieblichen Gewohnheit Oel in's
Feuer. »Geh doch in die Küche, Kuchen backen für den seltenen Gast!
Und vergiss die guten Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit bekam. Unsere
glatten, weissen sind nicht vornehm genug für die Nähmamsell!«
Sie sahen noch, wie Franz über die Strasse ging, drüben die Klingel
zog und in das Haus trat. Grossmama hatte Furcht, er werde das Geschäft
versäumen, aber so verhängnissvoll war der Einfluss von »der drüben«
doch noch nicht geworden; nach ein paar Minuten trat er wieder auf die
Strasse hinaus, allerdings mehr aus dem Grunde, weil er das junge Mädchen
vor ganzen Bergen von Arbeit überrascht, als weil ihn sein geschäftliches
Gewissen aus ihrer Nähe vertrieben. Sie wollte die erste freie Minute
benutzen, um nach dem kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt nach
ihm gefragt und wirklich erleichtert aufgeathmet, als sie erfuhr, seine
Krankheit sei unbedenklich; ob wohl Grossmama auch darin Zeichen von
Berechnung zu entdecken vermöchte, fragte sich der junge Mann lächelnd.
Mit einem Freudengeschrei, das ihm gleich darauf einen tüchtigen
Hustenanfall zuzog, begrüsste der Knabe seinen Gast. Bei seinem Entzücken
übersah sie zuerst den kühlen Empfang, den ihr die beiden Alten zukommen
liessen. Auch als sie sich über das geringe Vergnügen, das ihr Kommen
in ihnen erregte, nicht länger täuschen konnte, war sie billig genug,
einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen die Grosseltern in der letzten
Zeit ziemlich vernachlässigt, ein wenig Eifersucht begreiflich machte.
Unbehaglich wurde ihr nur zu Muthe, als wirklich die bemalten Tassen zum
Vorschein kamen und die beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern zu
dem an Ivo's Bett gerückten Tisch niedersetzten. O, es entstanden keine
solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch, den Franz ihr gemacht! Grossmama
sprach unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn sie, um Athem zu schöpfen,
innehielt, dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden Stimme ein und
machte irgend eine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken in Johannas Seele
verfing. Ein ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar! Wovon konnte sie
die Fremde unterhalten, wenn nicht von ihrer todten Tochter, die solch ein
Musterbild aller Tugenden gewesen: »ganz anders als die Mädchen, die man
jetzt sieht, und die nur für den Putz und das Geldhinauswerfen geschaffen
sind«, schnarrte der Alte mit einem Blick auf Johannas neumodischen, in
Feierabendstunden mühselig zusammengeschneiderten Anzug dazwischen, dann
wieder Grossmama: »Was war Marie für eine Hausfrau, wie behaglich, wie
angenehm wusste sie es ihrem Manne zu machen, und wie hingen die Beiden
auch aneinander!« So ging es in einem Zug fort. Die Geschichte von
Franzens Glück, die sie einmal aus seinem Mund vernommen, musste sie nun
noch einmal hören, aber von den Lippen der Alten klang sie schier wie ein
Vorwurf gegen ihn. Wie durfte er sich unterfangen, noch einmal lachen und
fröhlich sein zu wollen. Grossmama erliess ihr nichts; sie musste auch die
ganze Krankheit und das Ende Maries mitmachen, Franzens Verzweiflung und
das Versprechen, das er, wenn auch nicht gerade in Worten, geleistet, ihr
nie eine Nachfolgerin zu geben. Warum erzählte sie ihr dies, warum warf
der tückische Greis höhnisch darein: »Und an dieser Thatsache werden
alle mannstollen Glücksjägerinnen nichts ändern!« Ihr zog sich das Herz
zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit Franz, dessen Hausgenossen, dessen
einziger Verkehr mit der Welt sie waren, überkam sie. Die beiden Alten
erinnerten sie, wenn sie sich so gegenübersassen mit den nickenden
boshaften Köpfen, an zwei chinesische Götzen. Sie wäre um Ivo's Willen
noch gern geblieben, aber das Pärchen ward ihr unheimlich, und sie erhob
sich. Doch so leichten Kaufes liessen die Alten sie nicht los. Sie musste
sich noch all die Opfer erzählen lassen, die sie für den Enkel gebracht,
sie musste sich noch in kaum nichtzuverstehender Weise andeuten lassen,
dass man die Motive ihrer Freundlichkeit gegen das Kind, und warum sie es
den Grosseltern so häufig entziehe, ganz wohl verstehe. Kein Wort wurde
gesagt, dass sie als offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit deuten
konnte. Nun ja, solch ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht die alten
vergessen: oder mit der biedersten Miene von der Welt »der kleine Ivo muss
es entgelten, dass sein Papa eine gute Partie ist, was schleppt er nicht an
Bändern und Süssigkeiten in's Haus!«
Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt, sich die glänzenden Flitter, die ihm
gefielen und die keinen Werth mehr hatten, nach Hause zu nehmen, auch einen
und den andern Leckerbissen liess sie dem kleinen Naschmäulchen zukommen.
Kaum konnte sie ihre Thränen zurückhalten, aber als sie auf ihre Stube
gelangte, weinte sie lange und schmerzlich. Die Alten hatten in einer
Hinsicht Recht; Franz war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie wäre
dies auch möglich gewesen, da er der Erste war, der dem alleinstehenden,
verlassenen Mädchen mit menschlichem Antheil entgegen gekommen! Auch das
Kind hatte sich ihr in's Herz gestohlen. Kaum wusste sie, ob sie den
Vater um des Kindes willen, oder das Kind wegen seines Vaters liebe. Aber
eigennützige Berechnung, ja selbst der Gedanke, er könne sie einmal als
seine Frau, als Mutter seines Kindes in das verwaiste Haus führen, waren
ihr fremd geblieben. Was half ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die
bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst sie für eine selbstsüchtige
Männerjägerin hielten. Sie hatte ihre Thränen kaum getrocknet, als
ihre vierschrötige Hauswirthin an die Thüre klopfte, um sich über die
Unordnung zu beklagen, welche die herumfliegenden Fädchen und Läppchen
von Johannas Schneiderei im Hause verursachten. Sie kam ihr eben
recht. Fort aus der Strasse, fort aus dem Hause, wo sie eine solche
Verdächtigung, so bitteres Leid erfahren! Das war das Einzige, was ihr
nach den Hornissenstichen des würdigen Paares übrig blieb. Sie kündigte.
Kaum hatte die Hauswirthin das Zimmer verlassen, fing sie ihre Sachen zu
packen an. Mit höhnischem Winken und Deuten sahen sie die Alten drüben
bei dem Geschäft; aber es wurde ihnen etwas weniger behaglich zu Muthe,
als Franz, auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend, gleichfalls den
offenen Koffer und das geschäftig hin- und hereilende Mädchen sah. Ivo
hatte sich beklagt, die Tante sei so schnell fortgegangen, er habe ihr
nicht einmal einen Kuss geben können. Und Franz wusste, dass die Alten
irgend eine Miene gegraben. Er nahm seinen Hut und eilte, ohne ein Wort
zu sprechen, hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter, die sie mit Wachs
überzogen, und in eine Vase gestellt, von dem Kaminsims herabgenommen. Sie
wollte sie wegwerfen; aber das Kind hatte ihr eine Freude machen wollen; es
konnte nichts dafür, dass sie ihr vergiftet worden war. Sie wollte sie
in den Koffer legen zum Andenken, dass sie glücklich gewesen und zwei
Menschen von Herzen lieb gehabt. Da hörte sie Tritte auf der Treppe,
die ihr das Blut in's Gesicht jagten, ein Pochen an der Thür, das ihr
»Herein« zittern, kaum vernehmlich klingen liess. Franz trat ein. Mit
einem Blick hatte er die Sachlage erfasst.
»Ich habe von drüben recht gesehen,« sagte er traurig, »Sie wollen uns
entfliehen, meinem armen Knaben und mir?« -- Sie wollte etwas antworten,
aber da hatte er schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge Mensch wurde
förmlich beredsam:
»Gehen Sie nicht von uns, Johanna! Sie haben mich wieder das Leben
schätzen, meinen Knaben die vorsorglich lenkende Mutterhand kennen
gelehrt. Bleiben Sie bei uns!«
Sie stand fassungslos.
»Ivo's Grosseltern haben mir die Deutung gegeben, wie die Welt von meinem
harmlosen Verkehr mit Ihnen und Ihrem Kinde denkt,« sagte sie bitter. Sie
wies auf die zusammengerollten Blätter. »Sehen Sie, so ist mein Inneres.
Vor einer Stunde war noch alles frisch und grün, aber nun hat die Welt
einen Herbstschleier angelegt, und ich fürchte, ich könnte nicht mehr
unbefangen mit Ihnen sprechen, es ist zu Vieles in mir welk und dürr
geworden.«
»Vergessen Sie, dass die alten Leute Sie beleidigt; sie sind grämlich,
durch den Tod ihres einzigen Kindes verbittert. Aber sie werden meiner Frau
die Achtung nicht versagen, und mit der Zeit, Johanna, gewinnst Du auch
ihre Zuneigung. Ich war nicht besser als sie, da ich Dich kennen lernte,
und bin durch Dich verwandelt worden. So wird es, so muss es ihnen auch
ergehen.« Er fasste ihre Hand mit den Herbstblättern, die raschelnd,
dürr zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend wie eine Mairose, an
seine Brust.
SCHWIEGERMÜTTERCHEN.
Mama Hellmer hatte nur eine Sorge in ihrem sonst recht angenehmen und
behaglichen Leben (freilich eine Sorge, so gewaltig und alles verschlingend
wie der Leviathan); sie fürchtete, ihr grosser gutmüthiger Junge mit
dem Pudelkopf, ihr grösster Stolz und ihre einzige Freude, werde sich die
Finger oder auch die ganze Hand verbrennen, wenn er an's Freien ging.
Zu ihrer Entschuldigung sei hier bemerkt, dass sie sehr unglücklich
verheirathet gewesen war, dass ihr Mann, ein ganz auserlesener Taugenichts,
ihr alles erdenkliche Herzeleid zugefügt hatte.
Das lag nun weit hinter ihr; sie hatte manches Jahr vom frühen Morgen bis
in die dunkle Nacht hinein unermüdlich gearbeitet, genäht, gestrickt, in
allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften unterrichtet und sich
mit ihrem Jungen tapfer durch's Leben geschlagen. Ja, durch eine Kette
unendlicher Opfer hatte sie es sogar vermocht, ihm eine Erziehung geben zu
können, wie sie selbst manchem Sohn aus wohlhabendem Hause versagt blieb.
Nun hatte er ihr schon seit manchem Jahr alle Mühe und Plage abgenommen
und sie in eine behagliche, sauber und zierlich wie ein Puppenheim
ausgestattete Wohnung hineingesetzt. Was er ihr verdankte, wusste er genau;
er wusste, dass er ohne ihre Entschlossenheit und Aufopferung vermuthlich
ein zerlumpter, schmutziger kleiner Vagabund, ein ungebildeter, vielleicht
verkommener Bursche geworden wäre, und ein innigeres Verhältniss als
zwischen diesem Sohn und dieser Mutter konnte man sich kaum vorstellen. Den
weiblichen Nachbarn -- besonders den verheiratheten -- traten Thränen der
Rührung in die Augen, wenn sie jeden Nachmittag bei hübschem Wetter Mama
Hellmer am Arme ihres stattlichen Sohnes spazieren gehen sahen. Die
Bank, in welcher Eduard Hellmer eine Vertrauensstellung einnahm, schloss
frühzeitig, aber er hätte vielleicht eher seine vortheilhafte Stelle
aufgegeben, als Mama die ihr vom Arzte verordnete Bewegung in der frischen
Luft allein machen lassen. In Papierdüten trug er ihr Blumen und Obst nach
Hause, als wäre sie, wie die unverheiratheten Nachbarinnen, den Mund ein
wenig verziehend, bemerkten, eine junge Dame, der er sein Herz zu Füssen
gelegt. -- Und wie sorgsam er den Shawl um ihre Schultern legte, wenn ein
rauhes Lüftchen sie anblies, wie beflissen er den Kopf zu ihrem Munde
hinabneigte, damit ihm im Strassenlärm kein Wörtchen, das sie sprach,
verloren ging. Ja, Frau Hellmer war eine beneidenswerthe glückliche
Mutter, trotz der grossen Sorge, die der Sohn ihr, freilich ohne es
zu wissen und zu wollen, verursachte. Eduard besass zu seinen übrigen
Tugenden leider auch noch ein leichtempfängliches Herz. Es klopfte hie
und da ganz vernehmlich für irgend ein anmuthiges Mädchenbild, das ihm in
seinem Gesangsverein oder in Mama's Bekanntenkreise begegnete, und er wäre
vermuthlich blindlings in das Unglück seines ganzen Lebens hineingerannt,
wenn Mama nicht die bestconstruirte Dampffeuerspritze in den Schatten
zu stellen und die aufflackernde Gluth durch einen mit voller Kraft
geschleuderten kalten Wasserstrahl zu dämpfen gewusst hätte.
Edith Bogart? O gewiss, sie ist ein schönes Mädchen; Mama könnte sich
nicht beifallen lassen, dies zu bestreiten; sie ist witzig, lebhaft, mit
nicht gewöhnlichem Geist begabt; Frau Hellmer kann es beurtheilen,
denn sie war ja einmal des Kindes Lehrerin gewesen. Himmel! welch' ein
jähzorniges, heimtückisches Temperament die Kleine besass! Erinnerte sich
Eduard nicht mehr, wie Mama einmal ihr bestes Kleid von einer Scheere kreuz
und quer zerschnitten heimgebracht hatte? Es war Edith's boshafter
Racheakt für eine ihr ertheilte Strafe. »Und Du weisst, Eduard, was die
Anschaffung eines neuen Kleides damals für mich bedeutete,« setzte Frau
Hellmer hinzu. Natürlich wusste er es und küsste ihr gerührt die Hand.
Lili Felder? Das Bild eines deutschen Gretchens? Ja gewiss, aber nur die
schwache Copie eines solchen. Mit dem Wesen des ächten Gretchen könnte
man es nicht recht in Einklang bringen, dass sie die schwache, kränkliche
Mutter sich mit dem Haushalt, den jüngeren Kindern und Fräulein Lili's
weit über ihre Verhältnisse glänzenden Putz abquälen liess und mit
einem neuen Roman den Tag verbrachte. Die unverheiratheten Nachbarinnen
fingen an, die Thränen der Rührung dem Sohne allein zu widmen, der in
unverminderter Ehrerbietung die alte Frau am Arme führte, wiewohl sie --
das lag ja klar zu Tage -- ihm das Glück seines Lebens zerstörte. Alle
Welt fing an, der besorgten Mutter masslose Herrschsucht unterzuschieben;
sie wolle die erste Stelle im Hause um keinen Preis einer Anderen abtreten,
sie wolle unumschränkt im Herzen des Sohnes herrschen. Vielleicht
lauerten, ihr unbewusst, derartige Motive in ihrer Seele, aber ihr
Hauptgrund war doch nur die geradezu abergläubische Besorgniss, ihr Eduard
werde, ebenso wie sie einst, unglücklich in der Ehe sein. Der Spruch
vom Hammer und Amboss schien ihr, Dank ihren trüben Erfahrungen, auf
verheirathete Menschenpaare besonders zu passen. Dass Eduard zum Hammer
nicht die mindeste Anlage besass, stand fest, folglich hiess es durch
Anwendung von sehr viel kaltem Wasser ihn vor dem Ambossschicksal so lange
als möglich zu bewahren. Die Feuerspritze arbeitete mit vollem Erfolge, so
lange es sich bei Eduard nur um leicht vergängliche Eindrücke handelte,
aber als sein Stündlein wirklich schlug, da machte Mama betrübende
Erfahrungen. Das Schlimmste war, dass sie sich selber nicht von aller
Schuld freisprechen konnte, denn sie hatte die allerliebste kleine
Zündbüchse in die Nähe der Pulverkammer getragen. Als Hannchen
Stubenhofer, mit deren Mutter sie in einer Provinzstadt zur Schule
gegangen, in die Residenz kam, ohne vorerst zu wissen, wohin sie den
kleinen Kopf sammt der dazu gehörigen reichen blonden Zopfkrone legen
solle, lud Frau Hellmer sie zu sich ins Haus; und als nach einigen Wochen
das flinke geschickte Ding Arbeit gefunden und seine eigene Wohnung aufnahm
(an der Thüre die verlockende Tafel »Erster Klasse Toiletten« tragend),
da bestand die alte Dame darauf, dass sie die Sonntage vom Morgen bis
zum Abend bei ihren Landsleuten, mit welchen sie auch noch eine entfernte
Verwandtschaft verband, zubringe.