»Das habe ich auch, das Kind ist ausser in meine Kaffeekränzchen -- an

welchen es merkwürdigerweise nicht einmal Geschmack fand -- (ich stattete

ihr im Stillen meinen Glückwunsch darüber ab) nicht in Gesellschaft

gekommen.«

»Nun also,« sagte ich erleichtert, »da werden wohl die Schnurrbärte in

gebührender Entfernung geblieben sein.«

»Du bestimmtest ja, dass lauter Fachlehrer Pepi's Unterricht vollenden

sollten, -- Du hattest Dir ja alle Gouvernantenweisheit verbeten,« sagte

die Tante, die in ihrer Jugend Erzieherin gewesen sein muss, erbost, »nun,

die Folgen konnte jeder vernünftige Mensch voraussehen.« Ich dankte mit

einer Verbeugung für das in ihrer Rede verhüllte Compliment.

»Das Kind hat ohnehin das Menschenmögliche geleistet. Dem Zeichenlehrer

und dem deutschen Professor versicherte sie, ohne Einwilligung ihres

Vormunds und Wohlthäters werde sie sich nie vermählen.«

»Sehr vernünftig«, warf ich ein; meine gute Laune begann

zurückzukehren.

»Aber, mein lieber Neffe, man darf nicht Unmögliches fordern. Wenn

der interessanteste, junge Musiker der Stadt, für den alle Mädchen

schwärmen, mir seine Liebe gewidmet hätte, ich weiss nicht, ob ich kalt

geblieben wäre.«

Ich konnte ein stilles Bedauern nicht unterdrücken, dass er nicht sie auf

die Probe gestellt.

In diesem Augenblick öffnete Pepi die Thür und kam mit glückseligem

Gesicht auf mich zu. Plötzlich blieb sie, erröthend, in höchster

Verwirrung stehen. Der Kleinen hatte ich vermuthlich als gesetzter,

ältlicher Herr vorgeschwebt, das erwachsene Fräulein aber sah, dass

ich mit meinen 37 Jahren mir es noch entschieden verbitten durfte, mit

Methusalem in einem Athem genannt zu werden, und statt mir in die Arme zu

fliegen, wie sie ohne Zweifel beabsichtigt, reichte sie mir nur die Hand

zum Willkommen. Aber sie fasste sich bald, setzte sich neben mich auf das

Sofa und plauderte.

Wovon wir sprachen? ich könnte kein Wort davon wiederholen. Ich weiss

nur, dass der Nachmittag, der Abend wie im Fluge verstrichen, und dass

wir beide, als die altmodische Stutzuhr zehn schlug, ganz erschrocken

auffuhren. Meine gute Mutter zeigte ein wenig Unzufriedenheit, weil ich sie

vernachlässigte. Aber leider gab ich ihr fortan noch manchen Anlass zur

Beschwerde, denn sobald ich vom Hause abkommen konnte, eilte ich zu Pepi.

Vergebens hielt ich mir die Thorheit vor, mein Herz an ein Mädchen zu

hängen, das einen Andern liebte, meine Leidenschaft wuchs mit jedem Tage.

Noch hatte ich den interessanten Musiker nicht gesehen. Die Tante theilte

mir mit, er sei auf einer Concertreise begriffen. Nach seiner Rückkehr

sollte ohne Zweifel die Verlobung gefeiert und der Herr Vormund und

Pflegevater zu dem schönen Fest gebührenderweise eingeladen werden. Pepi

erwähnte seiner nie, wiewohl sie mir sonst mit kindlicher Offenheit über

Alles, was ihr Leben betraf, Aufschluss gab. Wie wünschte ich von ganzem

Herzen, der junge Mann möge mir dergestalt missfallen, dass ich als

gewissenhafter Vormund mein Veto gegen ihre Verbindung mit ihm einlegen

müsste. Aber nein, als er sich mir endlich vorstellte, fand ich nichts

besonders Tadelnswerthes an ihm. Vielleicht war der hübsche Junge ein

wenig eitel, aber das war dem »interessanten Musiker, für den alle

Mädchen schwärmten«, nicht allzu schwer anzurechnen, vielleicht zeigte

er hie und da eine leise Anlage, das Leben leicht zu nehmen, die seine

Gattin mit einer Wiederholung des Looses bedrohen mochte, wie es ihrer

Mutter zu Theil geworden; aber seinem Charakter wurde das beste Zeugniss

ausgestellt; auf Ahnungen und Besorgnisse hin, die vielleicht nur meinen

eigensüchtigen Wünschen ihr Entstehen verdankten, konnte ich ihn nicht

abweisen.

Ich wollte mein Opfer nicht halb bringen. Mit einer Miene, die, wie ich

hoffte, Josephinen nicht allzudeutlich verrieth, was es mich kostete, sagte

ich ihr, dass Fritz Hillmann bei mir um sie geworben habe. Sie wurde blass.

»Wenn Sie es wünschen, Vormund, wenn Sie es für gut halten,« stammelte

sie. Da konnte ich mich nicht zurückhalten.

»Ich es wünschen, ich, dem der einzige Preis, den ich vom Leben

ersehnte, entrissen wird! Nein, Pepi, wenn ich meine Einwilligung zu Deiner

Verbindung mit einem Andern gebe, so geschieht es unter hoffnungslosen

Schmerzen, in dem Bewusstsein, dass ich damit das Siegel auf ein einsames,

unerquickliches Leben drücke. Es ist eigensüchtig, dass ich es Dir sage,

ich weiss es, ich hätte mein Opfer schweigend bringen sollen; aber, Pepi,

ich bin kein Held, der seine Wunden stumm verbirgt.«

Ihr wunderschönes Gesicht leuchtete von Glück. Sie trat auf mich zu und

sprach:

»Ich hatte mich selbst nicht gekannt; erst seit Du kamst, weiss ich, dass

ich nur einen Mann lieben kann, Dich, Paul.«

Ich zog nicht allein über das Meer.

Novellen.

~Gesammelte Schriften von Heinr. Seidel.~

à Band M. 3.-- brosch., M. 4.-- geb. mit Goldschn.

Bd. I. #Leberecht Hühnchen, Jorinde und

andere Geschichten.# 6. Tausend.

Bd. II. #Vorstadtgeschichten.# 6. Tausend.

Bd. III. #Neues von Leberecht Hühnchen

und anderen Sonderlingen.# 5. Taus.

Bd. IV. #Geschichten und Skizzen aus der

Heimat.# Der II. Aufl. 3. Tausend.

Bd. V. #Die goldene Zeit.# 3. Tausend.

Bd. VI. #Ein Skizzenbuch.# 3. Tausend.

Bd. VIII. #Leberecht Hühnchen als Grossvater.#

3. Tausend.

Bd. XI. #Sonderbare Geschichten.#

~Maximilian Schmidt Gesammelte Werke.~

11 Bde. à Band M. 3.-- brosch., M. 3.50 geb.

#Am Küstensaum.# Nov. v. #Th. Justus#. M. 5.--.

#Aus vergangnen Tagen.# Novellen von

#Th. Justus#. M. 4.--.

#Feldspath.# Drei Erzählungen aus Hessen

von #E. Mentzel#. M. 3.--.

#Der heilige Amor.# Nov. v. #J. Proelss#. M. 2.--.

#Ut Sloss un Kathen.# Erzähl. in niederd.

Mundart von #F. Stillfried#. M. 3.--.

~Von H. Grasberger.~

#Aus der ewigen Stadt.# Röm. Nov. M. 6.--.

#Allerlei Deutsames.# Bilder u. Gesch. M. 4.--.

#Auf heimatlichem Boden.# Erzähl. M. 6.--.

~Von R. Baumbach.~

#Es war einmal.# 9. Tausend. M. 2.80.

#Erzählungen u. Märchen.# 8. Taus. M. 2.--.

#Sommermärchen.# 19. Tausend. M. 3.--.

#Liebesmärchen# von E. Ertl. M. 4.--.

(mit 71 Photogravüren und 22 Heliotypien.)

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Antiqua gesetzt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Kursiv~, #fett#.

Im Originalbuch tragen die Kapitel und das Inhaltsverzeichnis jeweils zu

Beginn und Ende einfachen floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription

verzichtet wurde.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 18:

im Original "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium."

geändert in "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.«"

Seite 55:

im Original "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm"

geändert in "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm,"

Seite 60:

im Original "dich wie ein ein vom Dach fallender Sperling"

geändert in "dich wie ein vom Dach fallender Sperling"

Seite 60:

im Original "etwas mittelalterlich troubadourmässiges« dozierte"

geändert in "etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierte"

Seite 63:

im Original "bis unter die Haarwurzeln eröthen machte"

geändert in "bis unter die Haarwurzeln erröthen machte"

Seite 68:

im Original "vielversprechenden Sohn der Vatertadt"

geändert in "vielversprechenden Sohn der Vaterstadt"

Seite 80:

im Original "sich dunkle Röte über ihr Gesicht ergoss"

geändert in "sich dunkle Röthe über ihr Gesicht ergoss"

Seite 186:

im Original "»Ausreisser«! ruft dieser ihm zu"

geändert in "»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu"

Seite 205:

im Original "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd"

geändert in "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd."

Seite 235:

im Original "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivos"

geändert in "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivo's"

Seite 238:

im Original "Beiden schiens, als sei ihnen etwas"

geändert in "Beiden schien's, als sei ihnen etwas"

Seite 286:

im Original "Mein Mütterchen erchien förmlich verjüngt"

geändert in "Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt"

Seite 288:

im Original "Er ahnte nichst davon"

geändert in "Er ahnte nichts davon" ]

Anspruchslose Geschichten · 第 10 / 10 段