»I' hab mi g'stochen«, sagte sie mit völlig veränderter Stimme, die

Nadel war ihr bei einer heftigen Bewegung in den Finger gefahren, ein

Blutstropfen fiel herunter, sie seufzte tief auf. Fritz Teubner schüttelte

den Kopf über das wehleidige Bauernmädchen, das ganz verstört über

einen Nadelstich erschien. Da war die kleine zarte Nachbarin, deren Ring er

am Finger trug, standhafter. Tagaus, tagein handhabt sie die Nadel bis

zu einem gewissen glücklichen Tage, den Cenz's Bild näher rücken soll.

Eifrig führt der Maler den Stift.

Der Thalhofer Franz tritt zu der Gruppe im Hofe.

»Madel, was hast?« fragt er erschrocken, »Du wirst doch net krank wer'n.

Lass Dir rathen und geh in's Haus. Bei derer Hitz'n ist's net gut draussen

sein.«

Merkwürdig wohl thut ihr seine Sorge, und dankbar sieht sie den ehrlichen

hübschen Jungen an.

»Mir is nix«, sagte sie, »aber i denk', i lass, wenn's Ihnen recht is,

das Sitzen auf ein ander Mal.« Fritz ist's zufrieden. Er hat denn auch im

Lauf der Tage, während er im Dorfwirthshaus sein Quartier aufgeschlagen,

das Bild vollendet. Mit Crescenz schloss er gute Freundschaft; sie hat die

ganz ausführliche Geschichte von der kleinen hübschen Nachbarin, von dem

Ring und wie und wann er ihn bekommen, aus seinem Munde gehört. Wie

tief sie diese Geschichte ergriff, hat er nicht erfahren. Das Unkraut war

übrigens ein tapferes Mädchen geworden und wusste seine aussichtslose und

ein wenig lächerliche Neigung zu bekämpfen. Als ein Jahr nachher Fritz

Teubner mit seiner jungen Frau in das Dorf zur Sommerfrische kam, ging

es gerade hoch her im Kreuzwirthshaus. Das hübscheste Mädchen im Orte,

Crescenz Hellgruber, feierte ihren Verspruch mit dem jungen Thalhofer.

»Man soll si nix verreden«, sagte die Wirthin zum Pfarrer, »jetzt hab'

i an dem Unkräutl doch mei Freud erlebt. So brav ist's worden, dass i mir

wünsch, meine Madeln sollen ihr nachgerathen.«

HERBSTBLÄTTER.

Ich kann ihn nun selber tragen! bemühen Sie sich nicht weiter! Die alte

Frau nahm dem Mädchen den kleinen, mit Koth und Blut beschmutzten

Knaben ab und sich mit kurzem Kopfnicken, ja ohne ein Wort des Dankes

verabschiedend, ging sie in ihr Haus hinein. Verblüfft blieb die

Nachbarin, ein junges, nettgekleidetes Mädchen, mit einem zarten

schüchternen Gesicht vor der Thüre stehen. Warum wurde sie so ohne alle

Förmlichkeit entlassen? Das alte, zahnlose Mütterchen hatte es geduldet,

dass sie ihr den schweren Jungen die ganze, ziemlich lange Strecke von der

Pferdebahn bis zum Hause mehr trug als führte. Freilich hätte sie den

Liebesdienst auch nicht abzulehnen vermocht, selbst wenn sie Lust dazu

gehabt hätte. Der Schrecken war ihr in die alten Glieder gefahren, als das

wilde Kerlchen, noch bevor sie das Zeichen zum Halten gegeben, vom Wagen

sprang, hinfiel und sich das Gesicht aufschlug. Und als das junge Mädchen,

das an derselben Strassenecke abstieg, den kleinen Unband, ohne ein Wort zu

sprechen, auf den Arm nahm, war sie ihr wortlos gefolgt; aber die Blicke,

die sie auf die junge Helferin heftete, zeugten von Allem eher als

von Erkenntlichkeit und Wohlwollen, und der Abschied war entschieden

unhöflich. Merkwürdigerweise hatte sich das Büblein ohne Widerrede von

der Fremden tragen lassen, während es sich oft aus den Armen der alten

Frau sträubend loswand, was das Mädchen vom Fenster aus beobachtet.

So war es vermuthlich grossmütterliche Eifersucht, was die Greisin so

ablehnend erscheinen liess. Eine andere Erklärung konnte Johanna Stirner

dem sonderbaren Benehmen nicht geben.

Frau und Kind waren ihr nicht ganz fremd, obschon sie ihre Namen nicht

wusste. Seit etwa vier Wochen hatte sie das einfenstrige Gassenzimmerchen

dem Hause der Alten gegenüber gemiethet. Sie war eine Kleidermacherin,

eine Waise, die sich seit dem Tode ihrer Eltern tapfer und ehrlich durch's

Leben schlug. Erst hatte sie Stunden gegeben, aber das Schneidern wurde

besser bezahlt. Ihre Arbeit ernährte sie und gestattete ihr den Genuss

eines der feineren Vergnügen, an die sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus

gewöhnt gewesen, den Besuch eines Theaters oder Conzerts oder den eines

befreundeten Hauses, das sich nicht von ihr zurückgezogen, als sie den

Kampf um's Dasein selbständig aufnehmen musste. Ihre Beschäftigung zwang

sie, nahe dem Fenster zu sitzen, und während die flinken Hände in das

feine Zeug stachen, hatte ihr Geist Zeit zum Beobachten und Nachdenken.

Unwillkürlich formte sie sich die Lebensgeschichte zu den Gesichtern, die

sie in den Fenstern oder auf der Strasse sah. Das alte Paar ihr gegenüber,

das die wärmende Herbstsonne suchte und in ihrem Schein an je einem

Fenster im ersten Stockwerk sass, musste schwere Verluste erlitten haben.

Sicher war es das verbitternde Unglück, das ihnen die herben Linien in

die Gesichter gezogen, wahrscheinlich der Verlust ihrer Lieben. Das junge

Mädchen glaubte zuerst, sie ständen ganz allein, aber bald sah sie einen

wilden kleinen Jungen, der nicht mehr als vier Jahre zählen mochte, in der

Stube herumstürmen und das Oberste zu unterst kehren. Die Alten liessen

ihm wohl zu viel eigenen Willen, denn es kam vor, dass sich der Wildfang

auf das Fenstersims setzte und die kleinen Beinchen in die Strasse

hinabbaumeln lies. Das sah lebensgefährlich aus, aber wenn es ihm die

Grosseltern wehrten, so bemerkte man keine Wirkung davon. Sie sprachen auf

ihn ein, und er blieb unbekümmert auf seiner Warte, bis ihm ein anderer

Einfall durch das Gehirn schoss, er in die Stube zurückkletterte, um

nach ein paar Minuten auf der Strasse unter den wilden, zerlumpten Rangen

aufzutauchen. Sie waren älter als er, aber das hinderte ihn nicht, wie ein

kleiner trotziger Kampfhahn auf sie einzudringen. Putzig genug sah er

aus, wenn er mit seinen Fäusten auf die grossen Bengel loshämmerte,

unbekümmert darum, wohin sie ihrerseits mit ihren Armen trafen. Wenn er

hinab kam, war er sauber und trug gute Kleider, aber eine halbe Stunde

unter seinen Widersachern sah ihn voll Staub und Schmutz und den Anzug in

Fetzen.

Fräulein Johanna konnte sich nicht enthalten, dem prächtigen

dunkeläugigen Burschen die zerzausten Locken zu streicheln, oder ihm einen

Apfel, ein Stückchen Backwerk zuzustecken, wenn sie an ihm vorbeikam.

Das arme Mädchen ahnte wenig, welchen Missdeutungen sie sich durch ihre

harmlose Freundlichkeit aussetzte.

»Wieder Eine!« sagte die zahnlose Alte und winkte bedeutungsvoll zu ihrem

würdigen Gemahl hinüber.

»Sie speculirt,« pflichtete er bei, »dem Kind schmeichelt sie und meint

jemand Andern. Nun, wir sind auch noch da!«

Da Johanna Abends vom Fenster abrückte und zufällig die ersten Sonntage

bei ihren Freundinnen eingeladen war, wusste sie gar nicht, dass die

interessante Familie über der Strasse noch ein Mitglied zähle; um wie

viel weniger konnte ihr einfallen, dass man ihr niedrige, eigennützige

Pläne auf dasselbe beimesse. Sie wohnte schon eine geraume Zeit in ihrem

Stübchen, bis sie einmal zufällig Abends an das Fenster trat und drüben

einen noch jungen Mann mit einem sehr ernsthaften Gesicht bemerkte. Die

leidenschaftliche Innigkeit, mit der er das Kind liebkoste, fiel ihr auf.

Dann unterhielt sie der Kampf, der in der Regel mit aufgeweckten und nicht

sonderlich lenksamen Kindern ausgefochten werden muss, der Kampf um das

Zubettgehen. Das Kerlchen lief lachend und schreiend vor der Grossmutter

davon, diese mochte bitten und drohen, das sah man an ihren Mienen, aber

ohne einen Eindruck zu erzielen. Zuletzt machte der junge Mann der Komödie

ein Ende, indem er das Kind in den Arm nahm und aus der Stube trug. Ohne

sich zu sträuben, liess es der kleine Junge geschehen, ja er drückte

vergnügt lachend sein Gesicht an das bärtige; -- das war offenbar sein

Papa, der Knabe nicht, wie sie vermuthet, doppelt verwaist. Dann hat sie

auch den jungen Mann hie und da beobachtet; wenn er das Kind nicht bei sich

hatte, wurde sein Gesicht trostlos, abgespannt, das eines Menschen, dem das

Leben nicht leicht fällt. Dem war gewiss mit seiner Frau das beste Theil

gestorben, und das Beisammensein mit den alten Leuten, die seine Eltern

nicht sind, darauf möchte das Mädchen wetten, bietet ihm vermuthlich

keinen vollwichtigen Ersatz für das, was er verloren. Allabendlich setzt

er sich mit ihnen zum Kartenspiel nieder, aber aus der Entfernung kann sie

sehen, dass diese Art Zeitvertreib von ihm als eine einmal übernommene und

ohne Widerstand ausgeführte Pflicht statt als Vergnügen betrachtet wird.

Bleierne Langweile, unzerstörbare Gleichgültigkeit haftet bei Gewinn wie

Verlust in seinen Zügen, während es in den alten Gesichtern gierig oder

enttäuscht aufzuckt und der volle Spieleifer aus ihren hastigen Bewegungen

spricht. -- Wenn sich das Paar endlich zu Ruhe begeben, dann wandert der

Mann noch lange rastlos in dem Wohnzimmer herum; Johanna stellt sich vor,

dass es einst das Glück seiner jungen Ehe umschlossen, und nun von all

den Geistern todter Freuden für ihn bevölkert ist. Eine spuckhafte

Gesellschaft! Kein Wunder, dass sich seine Stirn furcht und das Gesicht

den Ausdruck müder Resignation trägt. Der Mann dauert sie; und sie weiss

nicht einmal, wie sehr er zu bedauern ist.

Seit drei Jahren steht das alte Paar zwischen ihm und jeder erwachenden

Regung von Lebenslust. Ihnen ist mit ihrem einzigen Kind Alles gestorben;

sie könnten es nicht begreifen, wenn es bei dem jungen Mann anders wäre.

Ein eifersüchtiger Liebhaber könnte nicht ängstlicher seine Herzensdame

bewachen, als die beiden Greise ihren Schwiegersohn. Es ist eine

böse Welt, voller Fallstricke. Ihr Alter und ihr Missgeschick hat sie

argwöhnisch gemacht. Am Ende ist es doch nur Liebe, wenn auch eine

verzerrte, missartete, die ihr sonst unverantwortliches Beginnen diktirt;

sie können sich nicht darein finden, eine Andere die Stelle einnehmen zu

sehen, die ihr einziges Kind ausgefüllt. Und sie zittern für Ivo, ihr

Enkelkind, dem eine Fremde nicht die Zärtlichkeit entgegen trüge, die er

bei ihnen findet. Wo könnte der kleine Schelm, der kaum ein Jahr zählte,

als ihm die Mutter starb, besser aufgehoben sein, als bei den Grosseltern?

Die alte Frau hat manche Nacht bei dem Kleinen durchwachen müssen, die

Last und Plage, die solch ein junges Menschenkind verursacht, war für ihre

Jahre nichts Geringes. Ivo's Vater wäre ein verhärteter Bösewicht, wenn

er der grossen Opfer nicht dankbar gedächte und die kleinen Schrullen

übersähe. Dass sie in jeder Frauengestalt, die in seinem Gesichtskreis

auftauchte, eine gewissenlose Glücksjägerin witterten, dass sie und ihr

Mann nicht müde werden konnten, ihn zu warnen und über die unlauteren

Beweggründe für jedes freundliche Wort, an ihn gerichtet, für jede

Liebkosung, die der schöne kleine Bursche empfing, aufzuklären,

erschien ihm allerdings nicht gerade als ein Beweis von liebenswürdiger

Gemüthsart, auch trug es nicht dazu bei, ihm das Zusammenleben mit ihnen

besonders erfreulich zu gestalten. Aber um ihn handelte es sich nicht,

ihn hielt sein Beruf den ganzen Tag vom Hause fern; wenn er sein Kind

treu behütet wusste, so hatte er wohl alles erreicht, was ihm sein armes,

verstörtes Leben noch zu bieten vermochte. Diese nimmermüde Sorgfalt,

die keine andere Hand dem Knaben widmen würde, war ein Dogma. In der Obhut

seiner Grosseltern konnte ihm nichts geschehen, es war unmöglich bei ihrer

unausgesetzten Wachsamkeit! Und nun hatte sich der Junge blutig geschlagen,

als er mit der Grossmama aus dem Park heimfuhr, und um ihr keinen Tropfen

in diesem bittern Kelch zu ersparen, musste eine Fremde ihm zu Hilfe eilen,

nein, keine Fremde, eine Harpye, die schon seit Wochen darauf lauerte,

über den gedeckten Tisch herzufallen, die vermuthlich das einfenstrige

Zimmer nur um ihrer versteckten Pläne willen gemiethet und mit geübter

Hand Zug um Zug auf ihrem Schachbrett gethan. Schon sah die Alte ihren

leichtgetäuschten Schwiegersohn in den Banden einer berechnenden Frau, Ivo

bei Seite geschoben und rauh angefahren, da griff sie denn nach dem ersten

Ausweg, der sich ihr offenbarte, sie hiess den Jungen über den Vorfall

schweigen. Papa würde sehr böse werden, wenn er erführe, dass Ivo vom

Wagen abgesprungen, bevor dieser hielt, schärfte sie ihm ein und blickte

höhnisch zu der Nachbarin hinüber, die nun wieder emsig arbeitend beim

Fenster sass, um sich durch ihren Fleiss »ein gutes Bild einzulegen.«

Für diesmal war ihr das Spiel verdorben. Die Alte hätte kein schlechteres

Mittel ergreifen können; und wäre nicht schon eine so lange Zeit

verstrichen, seit sie ihr eigenes Kind erzog, sie wäre sicher nicht darauf

verfallen. Ivo war, wie die meisten lebhaften, aufgeweckten Kinder kein

Grübler; er hätte bis zum Abend den Hautriss sammt dem Pflaster darüber,

das zarte Mädchengesicht, das sich über ihn gebeugt, das mitleidige

»Hast Du Schmerzen, Du armer Schelm?« vollkommen vergessen, wenn das

Verbot nicht gewesen wäre. Das erhielt den ganzen Vorfall frisch in seinem

Gedächtniss, und verlieh ihm eine tiefe Bedeutung. Und als Papa am Abend

gleich beim Kommen, das Pflaster auf der Stirn bemerkend, auf seine

Frage von Grossmama die Antwort erhielt, Ivo habe sich an der Tischkante

gestossen, wurden die Augen des Kindes sehr gross. Grossmama hatte gelogen,

ein guter Theil ihrer Autorität war für immer dahin. Hartnäckiger als

sonst wehrte sich der Kleine gegen sie, als sie ihn zu Bett bringen wollte.

Aber hartnäckiger als sonst, bestand sie heute auf ihrem Willen; es war

nicht rathsam, Vater und Kind an diesem Abend sich selber zu überlassen.

Aber als sie Ivo trotz seines Sträubens ergriff, schrie er: »Lass mich,

oder ich sage dem Papa, dass ich vom Wagen gefallen bin!«

Ihr fielen die Hände vor Schreck in den Schooss, und ohne Widerstand

duldete sie es, dass der Teufelsjunge sich von Papa emporheben und aus

dem Zimmer tragen liess. Erst nach einer Weile folgte sie ihnen, um ihrem

Schwiegersohn beim Auskleiden des kleinen Prinzen zu helfen, aber der lag

schon im Bett, mit beiden Händchen um den Hals des Vaters, der seinen Kopf

auf das Kissen neben den des Kindes gelegt; es war wie gewöhnlich; kein

Anzeichen, dass der Range geplaudert und alle Mühe umsonst gewesen.

Beruhigt zog sie sich zurück. Sie ahnte nicht, was ihr der nächste Morgen

bringen würde.

Es war ein Sonntag, ein schöner, milder Frühlingstag. Grossmama sah

kein Arges darin, dass ihr Schwiegersohn bat, dem Kinde sein bestes Kleid

anzulegen. Vermuthlich führte er ihn, wie er es fast jeden Sonntag that,

in den Park spazieren. -- Als der junge Mann und das Kind der Thüre

zuschritten, wandte sich der Erstere nochmals um: »Ich hoffe, Grossmama,

wir werden zur rechten Zeit zurück sein, doch sollten wir uns, wider

Erwarten, verspäten, dann nehmt das Essen ohne uns ein. Ich beabsichtige,

mit Ivo einen Besuch zu machen.«

Einen Besuch? Seit dem Tode, nein schon seit der Erkrankung seiner Frau

hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes Haus zu betreten, fing er auf

einmal an, der Aussenwelt Interesse abzugewinnen? Der Alten erschien dies

wie eine Beeinträchtigung ihrer todten Tochter.

»Wohin willst Du mit Ivo gehen?« fragte sie und wischte dem Kinde über

das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte kein Recht zu der Frage, aber

ihre Wissbegier trug manchmal den Sieg über ihre Klugheit davon.

»Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen, das meinem Kinde Beistand

geleistet. Es war nicht recht, Grossmama, dass Du mir den Vorfall

verheimlicht. Die junge Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart

und Erziehung halten, wenn wir ihr nicht einmal unseren Dank dafür

aussprächen, dass sie den schweren Jungen bis zum Hause trug.«

Nun lag ihm schon an der Meinung einer wildfremden Näherin. Grossmama war

wüthend.

»Ich hatte es vergessen,« sagte sie, mühselig eine gleichgültige Miene

behauptend, »gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe übrigens schon

gestern. Sie wird wohl wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre mein armes

Kind noch am Leben, dann hätte die drüben gewiss keine Hand nach Ivo

ausgestreckt.«

»Ja,« schnarrte Grosspapa von seinem Sitz am Fenster dazwischen, »sich

selbst sein Brod verdienen, das ist ein unangenehmes Geschäft für eine

junge Dame, viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes Haus

hinein, selbst wenn man so ein lästiges Anhängsel,« er wies auf Ivo,

»mit in Kauf nehmen muss.«

»Da stösst man dann in alle Ecken«, wehklagte seine Gemahlin, »ich habe

es nicht einmal, nein Dutzendmal mit angesehen. Wenn ein Kind den Vater

verliert, so ist es traurig, aber mit der Mutter büsst es alles, alles

ein.« Beschwörend streckte sie die Hände nach ihrem wie auf Kohlen

stehenden Schwiegersohn aus.

»Franz, wenn Du dem Knaben eine Stiefmutter giebst, sieh' nicht auf Jugend

und Schönheit, sieh' nur, ob sie ein Herz zu dem Kind fassen kann!«

»Ich weiss nicht, was Dir einfällt, Grossmama,« sagte der junge Mann

unwirsch, »ich denke nicht daran, mich wieder zu verheirathen. Mein Sohn

ist bei Euch gut aufgehoben, und ich kann doch nie wieder so glücklich

werden, wie ich es mit Marie gewesen.«

Das war eine Beruhigung für die Alten, aber Franz ging ärgerlich, aus

seiner gewöhnlichen Gelassenheit aufgerüttelt, davon. Die Beschwörungen

und Prophezeihungen wickelten ihn in einen grauen dicken Nebel ein, durch

welchen er die Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte. Zuletzt that

es ihm leid, dass er so bestimmt seine Absicht angekündigt, der Nachbarin

in Person zu danken. Was sollte ihm der Verkehr mit einer Fremden? Er war

durch sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt, fühlte sich am wohlsten allein

oder in der Gesellschaft seines Kindes. Die Alten hatten nicht Unrecht,

er that am besten, wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits von den

anderen Seefahrern lenkte, die unter vollem Segel hinglitten und vom Leben

noch Glück und erfüllte Verheissungen erwarteten. Vielleicht hatten sie

auch recht mit ihren Warnungen; sie kennen die Nachbarin seit längerer

Zeit, haben sie beobachtet, während er sie noch kaum bemerkte.

Ivo hat heute nicht viel Vergnügen von seinem vor sich hingrübelnden

Papa. Aber er verlangt von dem traurigen Mann nicht, dass er sich so

unausgesetzt mit ihm beschäftige, wie es die Grosseltern thun, die ihn

mit ihren Lehren und ihrer Beaufsichtigung gar oft langweilen. Er ist schon

zufrieden, wenn er mit seinem Papa sein, neben ihm hergehen kann, vergebens

bemüht, seine Schritte den weitausgreifenden anzupassen. Im Park setzt

sich Franz auf eine Bank, der Kleine befriedigt an seine Seite. Nach einer

Weile wird er des Stillsitzens überdrüssig und beginnt, die schönen

gelbfarbigen und purpurrothen Blätter aufzulesen, die der Herbst auf den

Rasen verstreut. Ein ganz unterhaltendes Geschäft, und wenn man die minder

schönen immer wieder gegen besser gefärbte vertauschte, mag es auch für

eine geraume Zeit vorhalten.

Der Vater trifft Anstalten, sich von seinem Sitz zu erheben und blickt nach

dem Knaben aus. Beide Hände voll mit seiner prächtigen Beute eilt er auf

ihn zu. Franz ist soeben zu dem Entschluss gekommen, es sei am besten, nach

Hause zu gehen und der Fremden einige Zeilen des Dankes zu schreiben, denn

er ist des Verkehrs mit Frauen vollkommen entwöhnt, und die Worte der

Alten haben, ohne dass er es sich gestehen mag, ihren Einfluss auf ihn

nicht verfehlt. Da sagt Ivo:

»Die rothen und gelben Blumen bringe ich alle dem schönen, grossen

Mädchen, das mich nach Hause getragen hat. Die wird sich freuen!«

Es war feuchtkalt in den Zimmern. Die Sonne schien plötzlich ihre

ganze Macht eingebüsst zu haben. Grossmama sass, in einen dicken Shawl

gewickelt, am Fenster und blickte ingrimmig zu der Nachbarin hinüber. Was

sie sah, war aber auch wirklich geeignet, ihrem Verdacht Nahrung zu geben,

und ihr am Nebenfenster gleich einer grossen grauen Spinne lauernder

Gemahl, ein heimtückischer Greis, der sich freute, für seine geringe

Meinung von der Menschheit im Allgemeinen an besondern Fällen eine

Bekräftigung zu finden, verstand es trefflich, durch gelegentliche

boshafte Bemerkungen, wie »wenn sie das Kind mit ihrer Zärtlichkeit nur

nicht erdrückt!« oder »Franz scheint sich gar nicht von drüben trennen

zu können,« das Feuer zu schüren. Franz war ein ungelenker, steifer

Geselle, seit er sich in seinem Umgang auf die zwei alten Leute

beschränkte. Er hatte sich auf den Sessel gesetzt, den ihm die Nachbarin

angeboten, und nachdem er, unbeholfen genug, seinen Dank für die

geleistete Hülfe ausgesprochen, versank er in ein bedrückendes

Stillschweigen. Das junge Mädchen war zu schüchtern, um es zu

unterbrechen. Im Hause ihrer Eltern, mit dem Rückhalt, den ihr deren

gesicherte Lebensstellung gewährt, war sie heiter, lebhaft und gewandt

gewesen; seit sie sich allein durch's Leben schlagen und und von

hochmüthigen Kunden manche Demüthigung hinnehmen musste, war sie

gedrückt, zurückhaltend, und nur wenn sie freundlichem Entgegenkommen

begegnete, schaute sie auf, und ihre ehemalige liebenswürdige

Gesprächigkeit trat zu Tage. Beide hatten im ersten Augenblick nicht den

günstigsten Eindruck von einander empfangen; Johanna hielt ihren Gast für

hochmüthig, -- (das arme Kind war seit den trüben Erfahrungen, die sie

gemacht, nur zu geneigt, diese Eigenschaft bei ihren lieben Nächsten

vorauszusetzen) -- er dachte, sie wäre eine hübsche geist- und leblose

Kaminfigur und blickte sehnsüchtig nach der Thür, im Stillen die

Augenblicke zählend, bis er sich ohne Verstoss gegen die Schicklichkeit

wieder empfehlen konnte. Nur Ivo fühlte sich wie zu Hause. Ihn würde

der Glanz und die Hoheit eines Königshofes vermuthlich auch nicht im

Geringsten eingeschüchtert haben. Uebrigens kam er nicht mit leeren

Händen, das musste ihm jedenfalls einen freundlichen Empfang sichern.

»Da«, sagte er mit grosser Wichtigkeit, die gelben und rothen Blätter,

die er auf dem Wege durch krampfhaftes Festhalten um ihre natürliche Form

gebracht, Johannaen darreichend, »das alles gehört Dir. Freust Du Dich?«

Es war wie eine Erlösung, die frische, helle, sorglose Kinderstimme in das

drückende Schweigen hineinklingen zu hören. Kein Wunder, dass Johanna

den kleinen Jungen umfasste, herzlich abküsste und auf den Schooss nahm.

Weggewischt war alle Verlegenheit und Zurückhaltung, das junge bildschöne

Kind, das sich so eng an sie schmiegte, dessen warmen Athem sie an ihrer

Wange spürte, wusste nichts von Ueberhebung, wollte nicht verletzen.

Mochte der steife Patron auf dem Sessel drüben mit sich zurechtkommen,

wie er wollte, sie hatte ihren Zeitvertreib. Und nun kam sie ins Plaudern.

Jedes Wort verrieth das Mädchen von Bildung und Verstand, das sich in

gemüthvoller Herzlichkeit zu dem Fassungsvermögen des kleinen Burschen

herablässt. Ihr silbernes Fingerhütchen, das sie selbst heute nicht

abgelegt, da sie trotz des Sonntags ein Kleid anzufertigen hatte, wurde

nun ein undurchdringlicher Panzer, die spitzen Nadeln, Lanzen und Spiesse,

jeder Finger ein wackerer Ritter. Welch ein Turnier entwickelte sich zu

Gunsten Ivo's, der vor Spannung und Entzücken den Athem anhielt. Mit

grossen Augen sah Franz die Umwandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen,

seit sie das Kind auf dem Schooss hielt. Von dem kleinen Medium konnte er

ja auch Nutzen ziehen. Und nun entwickelte sich das anmuthige Spiel,

das die Grossmama und ihren würdigen Gemahl mit so berechtigtem Unmuth

erfüllte. Sobald Ivo von Johanna's Schooss herabgeklettert und irgend

eine fabelhafte Herrlichkeit auf dem Kamin des Parlors, der Johanna's

Hauswirthen gehörte, zu bewundern, hielt sein Papa ihn an und begann

ihm die Haare zurecht zu streichen, einmal in die Stirn und dann zur

Abwechslung aus der Stirn. Dabei sprach er durch ihn zu der Nachbarin.

Anspruchslose Geschichten · 第 7 / 10 段