Nur zwei Herren waren verwegen genug, sich seiner Führung anzuvertrauen.

Es stellte ohne Zweifel eine Probefahrt vor. Klaus bestand sein Examen

glänzend. Er fing zu hoffen an, der Tückebold habe auch diesmal vor Frau

Fleming's Königreich Halt gemacht. Sein Selbstvertrauen wuchs; denn als

man landete, waren seine zwei Prüfungscommissäre des Lobes voll für

seine nautischen Künste. Da lud er Mathilde zu einer Segelfahrt für

den nächsten Morgen ein. Ein ältlicher, gutmüthiger Herr, der erst vor

einigen Stunden angekommen war, stand neben ihr; Mathilde machte ihn, ihren

Papa, mit dem jungen Manne bekannt, und nun verlebte dieser mit den zwei

liebenswürdigen Menschen einen Abend, der ihm unvergesslich bleiben wird.

Am nächsten Tage vertrauten sich ausser Vater und Tochter noch einige

der Sommergäste seiner Führung an. Auch diesmal verlief die Expedition

prächtig. Auf dem Lande war es erstickend heiss gewesen, nun wehte es die

Gesellschaft kühl und belebend an, und eine leichte Brise trug das Boot

wie auf Schwingen über das Wasser. Alle versicherten, nie angenehmere

Stunden verlebt zu haben, und, was ihm werthvoller erschien, Mathilde

drückte ihm dankbar, mit vor Vergnügen leuchtenden Augen, die Hand. Da

versuchte er die Götter und versprach ihr eine Wiederholung.

Es war ein glorreicher, glückverheissender Tag. Da man in Frau Fleming's

Herrschergebiet eine einschnürende Etikette nicht kannte, ging das

Pärlein allein an's Ufer. So gut wie Klaus es sich vorgestellt, sollte

es ihm freilich nicht werden. Die Insassen des Hauses hielten zwar ihr

Nachmittagsschläfchen, aber die liebenswürdigen Commissäre, die diesmal

vermuthlich seine Geduld wie zuvor seine seemännischen Fähigkeiten

prüfen wollten, kamen eilfertig herbei, um ihren Antheil am Vergnügen zu

beanspruchen. Da sie ihn sozusagen entdeckt hatten, bewahrten sie ihm ein

gewisses gönnerhaftes Wohlwollen, das er jedoch in jenem Augenblicke nicht

voll zu schätzen verstand. Allein sie störten nicht, sie tauschten ihre

Bemerkungen, machten sich beim Steuer unnütz oder starrten in's Wasser.

Klaus konnte ungehindert mit seiner Herzensdame flüstern. Vielleicht hatte

er sich zu tief in die blauen Augen versenkt, vielleicht hatten ihn die

zwei Probefahrten übersicher gemacht, am wahrscheinlichsten jedoch ist,

dass sein Kobold dessen überdrüssig war, unbeschäftigt im Winkel

zu stehen, und dass er im Augenblicke, wo er den Unglücksmenschen am

härtesten treffen konnte, hervorsprang.

Das Boot war nicht so leicht zu regieren, wie sonst, die Brise wehte

scharf, mehr als einmal schlug das Wasser, Alle durchnässend, hinein. Und

Klaus war zerstreut, er hatte Mathilde in ihren Gummimantel gewickelt, und

als sie ihm zum Danke die Hand reichte, sie länger als vernünftig in der

seinen behalten. Er hielt sie noch, als der Boden unter ihnen wich, die

kalte, salzige Flut auf sie einströmte und das Bootkiel oben vor ihnen

trieb. Ein plötzlicher Windstoss musste es getroffen und zum Kentern

gebracht haben. Sie sanken, doch verliess den Unglücksmenschen die

Besinnung nicht, er legte den linken Arm um Mathilde und brachte sie nach

oben.

Sie war die Selbstbeherrschung in Person; sie klammerte sich nicht an ihn,

seine Bewegungen hemmend, und so gelang es ihm nach einiger Anstrengung,

den Kiel seines Bootes zu erreichen und einen Stützpunkt für sich und

seinen schönen Schützling zu gewinnen. Die beiden Genossen sah er rüstig

und unversehrt zur Küste schwimmen. Sie war nicht fern, aber bei der

starken Strömung zum Meere wäre jeder Versuch, sie mit Mathilde im Arme

zu erreichen, aussichtslos gewesen. Zahlreiche Boote kreuzten das Wasser,

entweder nahm eines derselben sie auf, oder die beiden Geretteten lösten

am Strande, der förmlich auf Rufweite vor ihnen lag, ein Ruderboot und

kamen den Genossen zu Hilfe. Wenn Klaus nur bis dahin aushalten konnte,

wenn nur sein Arm, der steif wie der eines Todten wurde, das junge Mädchen

über dem Wasser erhielt! Blass und mit geschlossenen Augen lag sie an

seiner Brust. Eine förmlich wahnsinnige Reue ergriff ihn. Wusste er

nicht voraus, das Alles, was er anfasste, zu Schaden kam? Wie hatte er

so verwegen, nein so verrucht sein können, dieses holde Geschöpf, das

einzige Kind und das einzige Glück ihres Vaters mit sich in's Unglück zu

reissen? Sein Selbstvorwurf machte sich in der wildesten Weise Luft.

So vergingen endlose Minuten. Das Boot trieb in's Meer hinaus, und in

muthloser Verzweiflung gab Klaus seinen Schützling und sich verloren. Da

hörte er lauten, ermunternden Zuruf, warme Hände streckten sich nach ihm

und Mathilden aus, und im nächsten Augenblicke lagen die wasserdichten

Planken einer Barke, die eine Gesellschaft Badegäste von der Stubbenkammer

nach Sassnitz heimführte, zwischen ihnen und den heimtückischen Wellen.

Das junge Mädchen war ohnmächtig geworden. Als sie, von den Damen, die im

Boote waren, umringt, die Augen aufschlug, suchte sie ihren Begleiter mit

den Augen; er las Zutrauen, ja Dankbarkeit -- Dankbarkeit für ihn, der sie

beinahe getödtet hätte! -- in ihnen und konnte den Blick nicht ertragen.

Sie fanden Frau Fleming's Königreich in vollem Aufruhre. Die beiden

Commissäre waren vor einer Weile angekommen, und wenn sie zu Mathildens

Rettung keinen Finger gerührt, so zeigten sie sich jetzt dafür eifrig

beflissen, ihren Vater in die peinigendste Unruhe zu stürzen. Als sie nun

in Hüllen, die ihr die Damen in der Barke aufgedrängt hatten, den Strand

betrat, richtete sich, wie begreiflich, die allgemeine Aufmerksamkeit

auf sie. Ihr Papa drückte sie stürmisch an sich, dann wollte jede der

Hausgenossinnen sie mit einem Kusse begrüssen, zuletzt drängten

sich händeschüttelnd die Herren heran, Niemand eifriger als die zwei

Commissäre.

Klaus schlich sich unbeobachtet in sein Zimmer. Die Anderen hatten wohl

geahnt, das er ein Unglücksmensch sei, denn sie hatten sich -- so schien

es ihm -- ängstlich von ihm fern gehalten. Er wechselte seine nassen

Kleider, packte das Köfferchen, und nachdem er die Adresse auf dasselbe

befestigt und den Betrag, den er Frau Fleming schuldete, auf den Tisch

gelegt, drückte er sich, sachte wie ein Spitzbube, aus dem Hause und fuhr

in die Glühhitze zurück.

Seine Hauswirthin war sehr erstaunt, ihn ohne äussere Verletzung

wiederzusehen. Wie tief es diesmal nach innen ging, ahnte sie nicht.

Ein trübseliger Geselle ging er seinem Tagewerke nach, Abends sass

er missmuthig unter den paar verstäubten, kläglichen Büschen des

Hausgärtchens, ein Buch in der Hand, in dem er nicht las. Da schlug einmal

ein Gruss an sein Ohr. Vor ihm stand ein ältlicher, behäbiger Herr mit

gutmüthigem Gesicht. Klaus springt, wie von einer Feder emporgeschnellt,

von der Bank auf, es war Mathildens Vater.

»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu, »es soll Ihnen nicht gelingen, sich

meinem Danke zu entziehen. Wenn Sie auch heimlich wie ein flüchtiges Reh

entwischten, Ihr Reisekoffer verrieth mir, wo ich den Lebensretter

meiner Tochter zu suchen habe.« Ihren Lebensretter! Dabei drückt er dem

Sprachlosen die Hand, und seine ehrliche Stimme zittert in unterdrückter

Bewegung. »Was wäre aus ihr, was wäre aus mir geworden, wenn Sie auch so

selbstsüchtig wie die beiden Anderen, nur auf Rettung des eigenen

Lebens bedacht, ans Land geschwommen wären? Ohne Sie wäre ich heute ein

einsamer, gebrochener Mann! Es giebt noch Helden im bürgerlichen Leben!«

Klaus suchte abzuwehren. Er sprach von dem Unrecht, das er begangen, er,

ein Unglücksmensch, als er Mathilden zur Segelfahrt einlud. Aber es kam

nicht viel Zusammenhängendes über seine Lippen. Für etwas gepriesen

zu werden, für das er den härtesten Tadel zu verdienen geglaubt, von

Mathildens Vater in die Wolken emporgehoben, ein Held genannt zu werden,

das betäubte ihn, als hätte er jungen Wein getrunken.

»Ich weiss, dass nur Ihr Zartgefühl Sie veranlasste, sich unserem Danke

zu entziehen,« fuhr Herr Hilgendorf fort, »allein ganz recht war es

nicht: Mathilde ist untröstlich, weil Sie verschwanden, ohne zu hören,

wie tief sie sich Ihnen für Ihre Aufopferung verpflichtet fühlt. Und ich

glaube beinahe, dass ich sie nicht eher zufrieden sehen werde, als bis ich

ihren Lebensretter mit Güte oder Gewalt in mein Haus geführt, damit sie

den versäumten Dank nachhole.« Aber es bedurfte keiner Gewalt. Klaus

ging gutwillig mit Herrn Hilgendorf. Mathilde kam ihm mit strahlenden Augen

entgegen. Es war spät Abend, als er, ein seliger Mensch, das gastliche

Haus verliess, nicht ohne versprochen zu haben, bald, sehr bald, schon am

nächsten Tage wiederzukommen. Und zuletzt glaubte er gar nicht mehr daran,

dass er ein Unglücksmensch sei; nein, er hielt sich für ein richtiges

Sonntagskind, denn in der Ecke hinter dem Flügel hat ihm Mathilde gestern

auf seine Frage geantwortet, dass sie keinem Menschen auf der Welt so gut

sei, wie ihm.

UNKRAUT AM WEGE.

Das Dorf lag in vollster Sonnengluth da. Bäume und Büsche am Wegrande

liessen ihre welken, bestaubten Blätter hängen, die Hunde lagen vor den

Häusern, die lechzenden Zungen hervorgestreckt, keuchend, aber zu träge,

einen schattigen Winkel aufzusuchen; langsam, wie weltmüde Philosophen,

zogen Enten und Gänse ihre Kreise auf dem grünlichen Tümpel. Sonst

keine Spur von Leben auf der Dorfstrasse. Die Kinder schwitzten noch in der

Schule, die Erwachsenen waren beim Heumachen. Nur ein halbwüchsiges

Ding mit zerzausten Haaren, einem braungebrannten schmutzigen Gesicht, in

welchem ein paar wilde schwarze Augen flackerten, einem Zigeunermädchen

ähnlicher als dem Sprössling des ehrbaren Kreuzwirthes, schlich sich

geräuschlos wie ein Marder rückwärts längs der Gärten hin, in welchen

die Kirschbäume gerade voll saftiger Früchte standen. Manche waren so

unvorsichtig, ihre Aeste über die Zäune oder sehr nahe an denselben

hängen zu lassen. Auf die schwang sie sich mit der Flinkheit einer Katze

und hielt ihren Schmaus, schonungslos ganze Zweige knickend, aus den

schönsten Zwillingskirschen Ohrgehänge bildend, bis sie noch schönere

erspähte und den bisherigen Schmuck in den Magen wandern liess. Sehr

unparteiisch verfuhr sie bei ihren Beutezügen. Sie brandschatzte ebenso

des Pfarrers Stolz, die seltenen spanischen Weichseln, wie des Schullehrers

Amarellen, des Küsters schwarze und ihres Vaters, zum Verkaufe bestimmten,

weissrothe Herzkirschen. Zuweilen schlug ein Hund an, dann machte sie sich

schnell aus dem Staube, und da aus den alten Zäunen mancher Brettnagel

hervorstand, wurden in ihren noch guten Rock zahlreiche Kreuz- und

Querrisse gezogen. Dies verursachte ihr keinen Kummer. Die Stiefmutter

daheim führte eine flinke rastlose Nadel, und nachdem Cenz etliche

fruchtlose Rebellionsversuche der guten Frau niedergeschlagen, war es ihr

vollständig gelungen, dieselbe nicht nur für die Gastwirthschaft, den

Haushalt und ihre eigenen, noch sehr kleinen Kinder, sondern auch für die

Drohne arbeiten zu lassen, die sie als etwas fragwürdiges Glücks- und

Friedenspfand mit erheirathet hatte.

Im Hofe des Kreuzwirthshauses, unter einem schattigen Nussbaume, sass der

Herr Pfarrer vor einem Krüglein Bier. Die rundliche, gutmüthig aussehende

Wirthin stand neben ihm.

»Man hat halt sei' Kreuz mit denen Kindern«, beantwortete sie soeben eine

Frage des alten Herrn, »besunders wann's net einmal die eig'nen san.«

»Die Crescenz hat doch sonst so gute Anlagen«, meinte kopfschüttelnd

der Geistliche, »der Schullehrer war immer des Lobes voll über ihren

Lerneifer; freilich sonst steckt sie voll Teufeleien, und jetzt verwildert

sie mit jedem Tage mehr. Ich fürchte, Ihr werdet nicht viel Freude an ihr

erleben.«

»Es is halt an recht's Unkräutl am Weg, Hochwürden«, seufzte die

Wirthin, »nixnutz und schnappig (schnippisch); thun will's gar nix und is

doch schon sei vierzehn Jahr alt. Auf d' Kleinen könnt's doch schon a bisl

schauen, wenn i in der Kuchl z'schaffen hab. Aber na, alle Arbeit bleibt

mir, und sie stravanzt den ganzen Tag im Dorf herum, zerrissen und

schlampet, dass i mi schamen muss.«

»Ihr habt die Ruthe zu sehr gespart, gute Frau.«

Die Wirthin setzte sich ihm gegenüber auf die Bank.

»Wahr ist's, Hochwürden, aber mei Schuld ist's net. Damals wie mi'

der Kreuzwirth in's Haus bracht hat als seine Zweite, da hab' i anfangen

woll'n, s' Madel zu zieh'n, und da hat sie si gegen mi g'stellt wie a wilde

Katz', hat gekratzt und gebissen, und i hab halt zugehauen, kommt mei Mann

derzu, krebsroth in' Gesicht, »Du«, schreit er mi an, »Hand von der

Butten, i will ka solche Stiefmutter- und Stiefkindg'schichten im Haus

hab'n, du lasst's in Ruh, und sie lasst di in Ruh; und dass i kane Hetzerei

hinüber und herüber hör'!« Na, und da hab' i's dann aufwachsen lassen,

wie an Unkräutl', dass es an Fried'n im Haus gibt, und so ist's denn a an

Unkräutl worden.«

Cenz war es mittlerweile müde geworden, die Bäume zu plündern und

schlenderte längs des kleinen Baches unter den Weiden hin, für die Augen

eines gewöhnlichen Menschenkindes keine sonderlich fesselnde Erscheinung.

Aber Künstler besitzen zuweilen einen ganz absonderlichen Geschmack. Zwei

Maleraugen verfolgten ihre flinken Bewegungen schon seit einer guten Weile,

ohne dass sie den jungen Menschen mit dem breitkrämpigen Hute beachtet

hätte, der im Schatten der Weiden vor seiner Staffelei sass und den

wundervollen Ausblick auf den Schneeberg, der sich ihm von dem Plätzchen

unter den Weiden bot, auf der Leinwand festzuhalten suchte. Maler waren

keine seltenen Gäste im Dorfe, das sie als erste Haltestelle vor ihrem

Aufstieg in's Gebirge zu benutzen pflegten, und dessen urwüchsige

Bewohner manches Skizzenbüchlein füllten. Und so sah Cenz auch viel mehr

geschmeichelt als befremdet darein, als der junge Künstler, der sich

auf der Suche nach so ziemlich Allem, was dieser Titel rechtfertigt,

nach Erfolg, einem Namen und einem passenden Vorwurf für sein erstes

Ausstellungsbild befand, sie plötzlich anrief.

»Heh, kleiner Wildling, bleib' in derselben Stellung, in der du dich

befindest, ich möchte dich in mein Buch hineinzeichnen.«

Sie wurde feuerroth und murmelte etwas von ihrem Sonntagsstaat, und dass

sie in einer Viertelstunde zurück sein könne. Aber davon wollte er nichts

wissen. Er fand ihren Schmutz und die Risse im Röckchen malerisch.

»Saubere Dirndln kann ich genug haben,« sagte er, »ich brauche gerade so

eine Staubdistel, wie du bist. Was hast du denn vorhin angestellt? Steine

nach Sperlingen geworfen; ich habe es wohl gesehen; das ist ein hübscher

Zeitvertreib für ein Mädchen.«

Sie machte ihr trotzigstes Gesicht, und das wollte er haben; so passte es

für die Skizze des jungen Wildlings.

»Die Spatzen fressen die Kirschen auf«, vertheidigte sie sich, ohne ihr

Gewissen darüber zu beschweren, dass eine sehr grosse Schaar diebischer

Vögel keinen solchen Ausfall in der Kirschenernte verursacht hätte, wie

sie selber.

»Du hast Dich wohl um Deine schönen Ohrgehänge gefürchtet, wie? Behalte

sie nur an, die kommen auch in mein Buch«, sprach Fritz Teubner, eifrig

zeichnend.

In Crescenz hatte sich bisher sehr wenig Mädcheneitelkeit und Zierlichkeit

geregt. Jetzt aber standen die Risse in dem Kleide, die beschmutzten,

zerkratzten Hände, die blaugefärbten Lippen als wahre Schrecken vor

ihr. In die grosse Stadt und auf die Leinwand kommt doch Edelfräulein und

Bauernmädchen gern in vortheilhaftester Gestalt, und wie sah sie aus! Sie

war mit ihrem Vater einmal in Wien und in der Kunstausstellung gewesen, sie

hatte Bilder gesehen, auch Bauernbilder, aber wie schmuck und ordentlich

erschienen die! Cenz schwur allerhand theuere Eide, dass kein Malerauge sie

jemals wieder in solch' einem Aufzuge erblicken solle. Am wenigsten das des

jungen Künstlers, das es ihr angethan hat. Er spricht mit ihr so lustig

und so freundlich, als kenne er sie schon seit Jahren.

»Wie alt bist du eigentlich, Cenz?« fragte er, denn ihren Namen hat sie

ihm schon gesagt.

»Vierzehn Jahre.«

Er macht grosse Augen; sie ist klein und schwächlich für ihr Alter. Aber

was ihn befremdet, ist doch nur, dass bei der ihm wohlbekannten Ausnutzung

der Menschenkraft beim Landvolk, dieses halbwüchsige Ding so ohne jede

Beschäftigung herumstreift. Er hält sie für ein verwahrlostes Kind aus

armseligem Hause, das merkt Crescenz wohl, denn sie ist nicht dumm. Als

er nun auf seine Frage erfährt, dass sie das älteste Kind des reichen,

ansehnlichen Kreuzwirths ist, schüttelt er den Kopf. Das Mädchen fügt

wie beiläufig hinzu, dass sie eine Stiefmutter habe, und dies scheint ihm

Alles zu erklären. In dem jungen Unkraut aber steigt siedendheisse Reue

auf. Sie weiss, dass die arme brave Frau nicht aufhört, die Hände zu

rühren, damit die Erscheinung ihrer Stieftochter ihr keine Schande mache.

Auch sehen die jüngeren Geschwister meist schmuck genug aus, da, wenn

Crescenz's Beispiel verführend auf sie wirkt, der Mutter Hand flink genug

ist, sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Nur die Stieftochter,

des Vaters Liebling, geht bei allen Missethaten straflos aus. Fritz ist

fertig und lässt sie die Skizze sehen. Sie schreit auf. So also stellt sie

sich den Mitlebenden -- und auch dem jungen, hübschen Künstler -- dar.

Man könnte sie für eine Landstreicherin halten. Schier möchte sie

weinen, aber sie schluckt die Thränen tapfer hinunter.

»Bleibst, bleiben S' noch länger im Dorf?«

Fritz schüttelt den Kopf.

»Morgen geht's weiter ins Steirische hinein; warum fragst du?«

Wieder kommt etwas Undeutliches von einem Sonntagsgewand über Cenz's

Lippen.

Der Maler lacht:

»Kann sein, dass ich beim Abstieg noch einmal hier vorspreche, kann sein,

erst auf's Jahr. Dann male ich dich in grossem Staat. Ich habe eine Ahnung,

Cenz, dass du mir Glück bringen wirst.«

Er sah sich nicht getäuscht. »Unkraut am Wege,« das Bild der kleinen

Landstreicherin, das er in Oel ausgeführt, wurde in die Ausstellung

aufgenommen und trug ihm Lob, Geld und Aufträge ein. Cenz wartete derweil

daheim, dass er wiederkommen und sein Versprechen erfüllen werde. Es war

ihr eigentlich weniger um das Bild, als um eine Ehrenerklärung in seinen

Augen zu thun. Da sie nicht wissen konnte, wann er sie überraschen werde,

trug sie sich der Vorsicht halber so nett und sauber als möglich. Keine

Streifzüge über Zäune nach verbotenem Obst, kein Herumklettern und

Herumstreifen in der Sonnengluth mehr. Sie hatte ihm gesagt, dass sie dem

Kreuzwirth gehöre, im Kreuzwirthshaus wird er sie suchen und finden. So

hat es sich von selbst gemacht, dass sie sich mehr in der Nähe des Hauses

hält und anfängt, ihrer Mutter in der Wirthschaft an die Hand zu gehen.

Die schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Cenz nach dem Abschied

vom Maler heimkam, aber sie hat seitdem keine Veranlassung zu einer

Wiederholung dieser Geberde des Entsetzens gefunden, es wäre denn, sie

thäte es, um ihr Erstaunen über die Veränderung in dem Wesen ihres

Stiefkinds auszudrücken. Der Sommer geht vorüber, aber Fritz Teubner nahm

längst den Abstieg auf einer anderen Seite und sitzt in Wien eifrig über

seinem Ausstellungsbild. Zuweilen erwachen in Cenz die Regungen der alten

Ungeberdigkeit, aber nach etlichen leisen Ausbrüchen kämpft sie dieselben

nieder. Der Winter ist lang und das Stillsitzen eine harte Aufgabe für

Cenz, aber sie hilft der Mutter beim Nähen und Flicken, und Sonntags

bedient sie flink die durstigen Bauern und die paar versprengten Städter,

die selbst in Schnee und Frost der Leidenschaft, Berge zu besteigen,

fröhnen. Endlich kommt der Sommer, und Cenz blickt voll Zuversicht

vorwärts. Sie hat, wie manche lang im Wachsthum zurückgebliebene Pflanze,

plötzlich in die Höhe zu schiessen angefangen, sie wird gross und

hübsch, und alle die alten Kleider mit den unverwischbaren Spuren ihrer

Kletterkünste müssen für die kleinen Schwestern übernäht werden. Sie

selber geht in schmucken neuen Gewändern, und wäre nicht der eine und

der andere der Gäste in der Ausstellung gewesen und hätte sie im goldenen

Rahmen sammt der Aufschrift gesehen, ihr alter Spottnamen wäre ganz und

gar in Vergessenheit gerathen. Aber wehe dem, der ihn in ihrer Hörweite

brauchte, das Zünglein hatte keine Veränderung durchgemacht.

Auch dieser Sommer verging und noch ein Winter, ohne dass Fritz Teubner

sein Wort wahr gemacht. Cenz war ein erwachsenes Mädchen geworden, und die

jungen Burschen fingen an, sie mit sehr freundlichen Augen anzusehen.

Ihr schnippisches Wesen und ihr hübsches Gesicht schien es besonders dem

reichen Erben des Thalhofbauern angethan zu haben, er sass so oft und so

lange als möglich im Kreuzwirthshaus, spielte mit Cenz' Vater Karten und

machte sich der Wirthin angenehm; bei dem jungen Mädchen selbst machte

er jedoch keine Fortschritte. Wieder waren die Kirschen reif geworden, und

Cenz trug einen Korb voll aus dem Garten in's Haus, da sah sie unter dem

Nussbaum einen jungen Menschen mit einem breitrandigen Hute sitzen und

musste den Korb hinstellen, sonst wäre er ihren Händen entfallen.

»Grüss Gott, Herr Teubner,« sprach sie, jedoch mit ganz ruhiger Stimme.

Er sah auf, zweifelnd, staunend, wie Einer, der seinen Augen misstraut.

»Ja, bist du das wirklich? Die kleine schwarze Cenz? Aber das ist

unmöglich!«

»Ja, aus Kindern werden Leut',« lachte sie.

»Die Augen und die blitzenden Zähne sind es noch, aber sonst muss dich

eine gute Fee umgetauscht haben.«

»War ich denn gar so an Schrecken?« fragte sie mit dörflicher

Coquetterie.

»Für mich nicht, im Gegentheil, aber für die Sperlinge, die Obstbäume

und für deine Mutter musst du so etwas gewesen sein. Für mich warst du

alles Gute in Person; dass ich dir begegnet bin, muss ich ein wahres Glück

nennen.«

Sie wurde hochroth. Zum Glück rief die Mutter aus dem Hause:

»Cenz, Cenz, wo steckt denn das Madel?«

Sie lief hinein. Im Verschlag neben der Mutter sass der Thalhofer Franz.

»Cenz, siehst du aber bildsauber aus,« sprach er.

»Das geht dich gar nix an«, sagte sie, füllte einen Krug mit Bier und

eilte, ohne von ihrem Verehrer weiter Notiz zu nehmen, in den Hof hinaus.

»So; und wie ist's Ihnen denn alleweil ergangen, Herr Teubner?« fragte

sie und setzte sich auf die Bank ihm gegenüber. Er konnte sich von seinem

Erstaunen kaum erholen. So ruhig waren ihre Bewegungen geworden, so ohne

jede bäurische Ungelenkigkeit, und doch wieder völlig des ehemaligen

dreisten Wesens ermangelnd.

»Gut, sehr gut sogar«, sagte er, »ich erzählte dir schon, dass du mir

Glück gebracht hast. Seit ich dein Bild gemalt, habe ich alle Hände voll

zu thun gehabt.«

»Sie haben g'wiss viel schöne Damen g'malen?« fragte sie mit einer

Regung der Eifersucht.

»Du meinst ja wohl Damen im Sonntagsputz?« versetzte er, sich der eiteln

Regung der Kleinen erinnernd. »Da fällt mir ein, wann willst du mir denn

in deinem besten Staat sitzen?«

»Auf der Stell', i kleid' mi nur um«, sprach sie und verschwand im Hause,

klugerweise aber, ohne das Gastzimmer zu betreten; aus dem Flur führte

die Treppe in ihr Zimmerchen. Die Fragen des Thalhofers wären unbequem

gewesen. Nach einer Weile kam sie wieder, mit einer Näherei in der Hand.

»Blitz, siehst Du sauber aus!« rief Teubner, die Künstleraugen voll

ehrlicher Bewunderung auf ihr verweilen lassend. »Ich bin sicher, die

»Haiderose« wird ebenso viel Erfolg haben, wie -- wie dein früheres

Conterfei. Vielleicht verhilft sie mir zu all' den übrigen guten Dingen,

die ich mir noch für's Leben wünsche. Dem »Unkraut am Wege« verdanke

ich ein schönes Atelier, freundliche Kritiken und dass ich mit etlichen

Münzen in der Tasche klimpern kann. Und wenn das Glück mir wohl will,

dann«, er brach ab und blickte auf einen einfachen Ring an seinem Finger.

»Was hast Du?« fragte er auf einmal aufsehend.

Anspruchslose Geschichten · 第 6 / 10 段