Meine Vaterstadt hatte sich schon seit längerer Zeit sehnsüchtig nach

einem grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren man wieder einmal in dem

altberühmten Rathskeller ein ansehnliches Festessen unter Pauken-

und Drommetenschall abhalten konnte. Leider war in der ehemaligen

Reichsunmittelbaren eine gewisse Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre

grossen Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben, und der Nachwuchs

zeigte das richtige Militärmass nicht mehr. Da trat ich denn aufopfernd in

die Bresche. Der Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich, und der

Wein liess nichts zu wünschen übrig. Rechts und links schlugen mir »der

opferwillige, selbstlose Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete

Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste jetztlebende Sohn«

und so weiter an die Ohren, und als sich nach leiser Zwiesprache mit mir

der Oberbürgermeister erhob und den Anwesenden verkündete, ich

hätte meine 85 Kisten der geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht

(selbstverständlich unter den bescheidenen Bedingungen, dass sie für

ewige Zeiten ungetheilt blieben, in den hellsten Sälen des neuen Museums

aufgestellt würden und als Karl-Wittmann-Stiftung auf die Nachwelt

übergingen), da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt, und ich genoss

fortan die süssen Früchte der Popularität, die darin bestehen, dass

jener Theil der hoffnungsvollen Jugend, der den Gebrauch der Taschentücher

standhaft verschmäht, auf der Strasse mit den Fingern auf mich deutete,

und die jungen Damen der Stadt, sobald sie meiner ansichtig wurden,

angelegentlich die Auslagen studirten, um, wenn ich vorübergegangen war,

sich umzudrehen und mir nachzublicken. Aber die Götter sind neidisch. Sie

vergassen nicht, einen Tropfen Gift in meinen Freudenbecher zu mischen. Und

was für einen Tropfen! Er war ausgiebig genug, um ein ganzes Fass süssen

Weines in eitel Wermuth und Galle zu verwandeln. Es lebte eine Person in

der Stadt, die meine Verdienste um Mit- und Nachwelt gering schätzte, die

meinen Ruhm nicht anerkannte und trotz meiner allgemeinen Beliebtheit kalt

wie ein Eiszapfen blieb, und diese Person war meine Braut; denn ich habe

eine Braut und zwar eine sogenannte Familienbraut.

Aus Spielgefährten und Jugendfreunden wurden wir, Dank unseren

vortrefflichen Mamas, im Handumdrehen Braut und Bräutigam ohne die

geringste Ungewissheit, den leisesten Zweifel, ohne irgend ein Hangen und

Bangen in schwebender Pein. Meine junge Weisheit beschloss, die stehenden

Gewässer unserer Neigung durch eine längere Entfernung aufzurühren,

damit etwas von dem Idealzustande der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und

Leidenschaft auch auf unser Theil komme. Auch führte ich den auf mich

entfallenden Part des Programms gewissenhaft durch. Einmal von Helene

getrennt, zog ich jeden Augenblick ihre Photographie heraus und machte ihr

die süssesten Augen, zweimal im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle

Episteln an sie zu richten (leider dürften sie dieselbe nicht erreicht

haben, denn ich bin ein schlechter Briefschreiber, und aus den acht Seiten

langen Liebesbotschaften wurden meist kleine Zettelchen, die ihr die

erfreuliche Kunde meines Wohlbefindens zutrugen), und als den »bekannten

Naturforscher« bei seinem Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit

erwartete, riss er sich mitten in der Nacht und mit ziemlich schwerem

Kopf aus dem Kreise seiner Verehrer los, um am nächsten Morgen in seiner

Vaterstadt und bei Helene einzutreffen.

Ich hätte ruhig im Hotel schlafen können. Zur Begrüssung streckte

mir meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen, als ich voll

Wiedersehensfreude auf sie zueilte.

»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei uns zu sehen,« sagte sie und

verbeugte sich tief und spöttisch. Wir waren allein, nichts hinderte

uns, die lang aufgespeicherte Sehnsucht von Lippe zu Lippe ausströmen zu

lassen. Und nun dieser Empfang! Die Arme sanken mir herab, mein Gesicht

verlängerte sich.

»Das Willkommen für deinen Verlobten leidet jedenfalls nicht

an Ueberschwänglichkeit,« sagte ich trocken, nachdem ich meine

Enttäuschung, so gut es ging, niedergekämpft.

»Wer das nicht hoch genug zu schätzende Glück hat, einen so

vernünftigen Bräutigam sein eigen zu nennen, darf sich nicht durch

Sentimentalität lächerlich machen,« versetzte sie.

»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,« betheuerte ich mit

Ueberzeugung. »Ich glaube, seit den Tagen von Hero und Leander hat

kein verliebter Narr so ungeduldig die salzige Fluth durchmessen und so

erleichtert das Gestade berührt, wie ich.«

Eine Steinfigur wäre gerührt worden. Meine theuere Braut jedoch rief

spöttisch an mir vorüber in die Luft hinaus:

»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang ihn, seiner Heimath den Rücken zu

kehren und das harte Brot -- den Schiffszwieback -- der Fremde zu essen.«

Wenn mich etwas aufregen kann, so ist es dieses Sprechen zu einem

abwesenden Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund ansehen, sollte

meine Frau ihre Gardinenpredigten in diesem Stile halten. Allein diesmal

blieb ich gelassen, denn es galt mein Schifflein durch eine etwas

gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern.

»Bedenke, Kind, man hat doch auch Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn ich

meinen verehrten Mitbürgern keine Veranlassung zu einem Bankett gebe,

dann erkranken sie möglicherweise am verhaltenen Jubelfieber, und meine

Unterlassungssünde endet in einem Massenmorde.«

»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich gewartet,« entgegnete Helene;

ihr Ton klang geringschätzig, aber sie wandte sich direct an mich, und

das war ein Fortschritt. »Hätten dich die Wilden mit dem Holzbeile

erschlagen, dann wäre vielleicht das Erlöschen der Pest vor 400

Jahren gefeiert worden, oder der Westfälische Friede, oder sonst eine

erfreuliche, wenn auch schon etwas angejahrte Begebenheit. Ich kenne unsere

würdigen Stadtpapas; wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller lagert, dann

begehen sie Jubiläen bei dem geringfügigsten Anlass.«

Und dieses Wesen, das meine Bedeutung für das Gemeinwohl also

abzuschwächen, ja ganz zu vernichten suchte, sollte das Weib meines Busens

werden! Ich hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung zugestehen wird,

entrüstet zu sein.

»Helenchen, äussere deine Ketzerei nicht vor fremden Ohren. Männlein

und Weiblein in unserer Stadt stimmen darin überein, dass meine

Sammlungen ungeheuer werthvoll sind und meine Tagebücher der Wissenschaft

ausserordentliche Dienste leisten werden. Man soll sein Urtheil freilich

nicht nach dem der Menge bilden, aber es trüge dir doch einen etwas

unerwünschten Ruf der Originalität ein, wenn du, meine Braut, die

Einzige wärest, die meiner Forschungsreise nicht die geringste Wichtigkeit

beimissest.«

Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke empor.

»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei, ich, die ich ihr die trostlosesten,

unerquicklichsten Jahre meines Lebens verdanke!«

Ich grollte Helenen nicht länger, ich fand sie bezaubernd und wollte

auf sie zueilen, aber sie verschanzte sich hinter einem Stuhl, die Augen

blitzend, die Lippen trotzig aufgeworfen, eine Walküre -- freilich eine

aus Meissener Porzellan.

»Du liessest dich von deiner Abenteuerlust in die Fremde locken, und ich

bin hier geblieben, eine lächerliche Figur, über die alle Freundinnen

spotten, eine Braut, deren Bräutigam die Flucht ergriffen!«

»Helene, welch' ein Gedanke!« rief ich schaudernd. »Glücklicherweise

glaubst du selber nicht an ihn. Weisst du doch zu genau, dass ich schon

als grüner Junge im Gymnasium in dir mein Ideal verehrte und dich mit sehr

kunstreichen Strophen im altgriechischen Versmass ansang. Sie haben mich

manchen Schweisstropfen gekostet, und du, Kobold, nahmst sie mit schnöder

Gleichgültigkeit entgegen.«

»Du hast dich zu entschädigen gewusst: Ich musste geduldig zu Hause

warten, bis es dem Herrn Naturforscher« (nicht möglich, den Hohn zu

beschreiben, der diesen Titel begleitete) »gefiel, zurückzukehren,

nachdem er in der Fremde hinlänglichen Zeitvertreib gefunden.«

»Wenn du wüsstest, wie viel Ungemach und Entbehrungen ich ertragen,

welche Gefahren ich überstanden,« warf ich gefühlvoll ein, »du würdest

nicht so sprechen.«

»Man sieht dir nichts davon an. Ich hatte im Stillen gehofft, du werdest

abgebrannt und zur Mumie ausgetrocknet zurückkommen; leider bleiben die

erfüllten Wünsche stets hinter unseren Erwartungen zurück.«

»Ich darf darüber nicht klagen; die meinen wurden weit übertroffen. Dass

mich meine Braut, nachdem wir zwei Jahre von einander getrennt gewesen,

mit der Klage empfangen werde, ich sähe nicht genug mumienhaft aus,

übersteigt selbst meine unwahrscheinlichsten Träume.«

»In diesen zwei Jahren haben Julie Marschall und Karoline Holzwart zehn

Bälle mitgemacht, einige Dutzend Cotillonbouquets nach Hause getragen und

sich von einer Unzahl Lieutenants, der Assessoren und Referendare gar nicht

zu erwähnen, den Hof machen lassen. Und ich habe zu Hause einen langen

Aschermittwoch gehalten, denn meine unnatürliche Mutter erklärte, es

passe sich nicht für eine Braut, deren Verlobter abwesend sei, Bälle

zu besuchen; und meine künftige Schwiegermama rief vorwurfsvoll und mit

Wassertropfen an den Wimpern: »Du willst tanzen, während Karl vielleicht

in Todesgefahr schwebt!«

»Die beiden Frauen haben ein wenig Zärtlichkeit für mich, während

du, kleine Selbstsüchtige, nur an dich und deine banalen Vergnügungen

denkst.«

»Du hättest unter die Advokaten gehen sollen,« warf sie schneidend hin,

»es ist ein alter Kniff dieser Herren, einer Anklage zuvorzukommen, indem

sie dieselbe umkehren. Ich selbstsüchtig? _ich_ habe einem jungen Mädchen

nicht die paar Jahre ihres Frühlings vergällt, indem ich sie band und mir

die Freiheit sicherte, ich nicht!«

»Helene, höre mich an!«

Aber sie liess sich nicht unterbrechen.

»Ist das Experiment nach Wunsch ausgefallen? Hat sich das kleine Mädchen

nach dem gnädigen Herrn gesehnt und um seinetwillen abgehärmt?«

Ich stand diesem übernatürlichen Scharfsinn starr gegenüber. Plötzlich

blendete mich ein grelles Licht.

»Helene, sei aufrichtig,« bat ich, »dein eisiger Empfang drängt mir die

Frage auf: hat mich ein Anderer aus deiner Neigung verdrängt?«

Sie sah mich nicht an, sondern blickte angelegentlich zum Fenster hinaus,

vielleicht dauerte sie meine verstörte Miene; endlich wandte sie mir ein

purpurrothes Gesicht zu.

»Du hast es errathen,« sagte sie, »ich liebe einen Anderen!«

Leichten Tones fuhr sie fort: »Zwei Jahre sind ja eine Ewigkeit; auch

hätten die Menschenfresser Geschmack an dir finden können.«

Dabei blitzten ihre spitzen, weissen Zähne, als könne sie sich nichts

Willkommeneres denken. Die Naturgeschichte hat Recht, unter den Raubthieren

ist das Weibchen der grausamere Theil. Mauna Loa war, gegen mich gehalten,

zahm wie ein Ofenfeuer, aber ich brachte leidlich die Miene überlegener

Ironie zu Stande.

»Der Name des Glücklichen ist wohl noch ein Geheimniss?«

»Er heisst, wie mein Ideal heissen muss, Edgar.«

»Edgar? sehr abgeschmackt, und die italienische Oper ist aus der Mode.«

Meine Worte ärgerten sie (und das war ja auch ihr Zweck; es wäre mir eine

Wollust gewesen, sie zu peinigen, so wüthend und -- das Wort muss heraus

-- unglücklich fühlte ich mich). Sie holte ein Notenheft, auf welchem ein

Strauss knallrother Blumen prangte und hielt es mir triumphirend vor die

Augen. »Brennende Liebe«, Walzer von Edgar Nothnagel, seiner Schülerin,

Fräulein Helene Stubenkammer hochachtungsvoll zugeeignet.

»Damit kann ich freilich nicht wetteifern,« sagte ich bitter und griff

nach meinem Hut.

Eine Gewohnheit aus früheren, schöneren Tagen hing meine treulose Braut

noch immer an; wenn sie mich genug gequält zu haben glaubte, legte sie ein

Pflästerchen auf meine Wunde.

»Willst du gehen, ohne Mama begrüsst zu haben?«

»Ich werde telegraphisch meine Ueberfahrt nach Afrika belegen, denn

diesmal ist es mir wirklich ein Bedürfniss, die Flucht zu ergreifen.« Ich

wollte meinen Verlobungsring abziehen, aber er sass zu fest, und so musste

ich auf den effectvollen Abgang verzichten. Die Scharte einigermassen

auszuwetzen murmelte ich gleichgültig: »O, ich vergass; -- meine besten

Glückwünsche, Fräulein Stubenkammer.«

»Ich weiss nicht, ob ich sie annehmen darf,« versetzte Helene in

äusserster Betrübniss, »Mama wird von dem armen Künstler nichts wissen

wollen.«

Ich bin kein Mann des Gefühls, das sich in Worten äussert. Aus Scham,

die Welt errathen zu lassen, dass ich eigentlich eine gute Dosis

Weichmüthigkeit in mir beherberge, hänge ich meinen Aeusserungen gewisse

kleine Narrenschellen an, die ihren Zweck dann auch vortrefflich erreichen,

zu vortrefflich, denn nicht nur die lieben gleichgültigen Nebenmenschen,

auch meine Braut werden von der Ueberzeugung beherrscht, bei mir gehe keine

Empfindung tief genug, um sich nicht mit einem Witzwort abschütteln zu

lassen.

Sie hatte vermuthlich nicht die leiseste Ahnung, dass der Spötter, dem

nichts heilig zu sein schien, der seine Gefühle durch das Scheidewasser

der Ironie zu zersetzen pflegte, den Riss zwischen uns genau so

schmerzlich -- möglicher Weise noch schmerzlicher -- empfand, als es der

sentimentalste aller Edgars, der je in stillen Mitternächten den Mond

angeseufzt, vermocht hätte. Oder wenn ihr mein Gesicht den Zustand meines

Innern enthüllte, so schien es sie nicht sonderlich zu rühren -- mit

leisem Lächeln sah sie mich meinen Abschied nehmen.

Während ich bei hellklingenden Gläsern zum hervorragendsten jetztlebenden

Sohn proclamirt wurde, focht ich einen schweren Kampf mit meinem Ich aus.

Ich muss bekennen, dass ich dasselbe bisher gehätschelt und in jeder Weise

bevorzugt hatte. Deshalb wehrte es sich nun auf das Heftigste gegen das

erste Opfer, das von ihm gefordert wurde. Das Wesen zu verlieren, mit dem

es sich in jeder Faser verwachsen glaubte, das es zum Mittelpunkt seiner

Pläne und Luftschlösser gemacht, erschien ihm ganz einfach unmöglich.

Zuletzt lag es jedoch besiegt auf der Erde.

Ich trat in das Stubenkammer'sche Wohnzimmer, ein spartanischer Held, der

sich in unser Zeitalter hinübergerettet. Meine Mutter und die Hausfrau

waren unzertrennliche Freundinnen; sie waren auch jetzt beisammen,

wahrscheinlich beschäftigt, ein modernes Paradies aus decorirtem

Tafelgeschirr, Silberbestecken, ungezählten Dutzenden von Bett- und

Tischwäsche für ihre Sprösslinge aufzubauen. Helene sass am Fenster, ein

wenig blässer als sonst, aber wunderhübsch wie immer. Sie warf mir einen

prüfenden Blick zu, aber als sie meine entschlossene Miene sah, die etwas

von dem Todesmuth der Legionen zeigte, wandte sie den Kopf ab.

Wie ein Sprenggeschoss fiel meine Mittheilung, dass ich in einer Woche

eine lange, eine _mehrjährige_ Reise, wie ich mit einem Blick auf Helene

nachdrücklich hervorhob, antreten werde, in den friedlichen Familienkreis.

Die beiden würdigen Damen starrten mich fassungslos an. Helene stand auf

und näherte sich ihnen.

»Ihr seht, er will mich nicht,« sagte die kleine Teufelin lachend, »die

Forschungsreise ist nur ein Vorwand.«

Mama, die es ist, und Mama, die es werden sollte, warfen mir wüthende

Blicke zu; was mich betrifft, ich hätte nie gedacht, dass der kategorische

Imperativ einen so wenig süssen Kern in sich birgt.

»Das ist nun mein Lohn dafür, dass ich 24 Monate und zwei Wochen lang

wie eine Nonne gelebt,« fuhr Helene fort.

Ich bin nur ein Mensch und daher nicht ohne Galle: »Ein Nonnenleben,

das durch Musik und süsse Musiker Abwechselung erhielt, muss nicht

übermässig hart zu ertragen gewesen sein,« sagte ich boshaft.

Die beiden Mamas tauschten erschrockene Blicke, ich hörte die künftige

etwas vom heissen Klima und dem Aequator murmeln.

Nachdem ich meinem Aerger Luft gemacht, schämte ich mich. In Edelmuth und

Selbstlosigkeit hatte ich Helenen, die den Zorn ihrer Mutter zu fürchten

schien, die Bahn ebnen gewollt, und nun liess ich mich so fortreissen.

»Tante Stubenkammer,« sagte ich, »durch meine Entfernung soll ein etwas

verwickelter Knoten gelöst werden. Helene liebt mich nicht; sie hat ihr

Herz einem Anderen geschenkt. Dass ich tief unglücklich darüber bin und

ein einsames trübseliges Leben vor mir sehe, kann ich nicht verhehlen.

Aber die Rücksicht auf mich soll Helene nicht hindern, mit ihrem Edgar

glücklich zu werden.«

Mama hatte längst ihr Taschentuch an die Augen gedrückt, aber Mama

Stubenkammer war aus härterem Stoff gemacht.

»Helene, darf ich dich um eine Erklärung bitten!« sprach sie streng.

»Liebe Mama, für eine Frau von deinem feinen Verständniss bedarf es

deren wohl kaum: Karl ist eifersüchtig und das -- wie lächerlich! -- auf

meinen alten ehrlichen Klavierlehrer.«

Die Strenge der Mutter kehrte sich gegen mich.

»Karl, das ist beleidigend, der Mann hat Frau und Kind.«

»Und widmet meiner Braut seine ›Brennende Liebe‹.«

»Es sollte zuerst ein Marsch ›Vergissmeinnicht‹ sein, aber Karoline

Holzwart capricirte sich auf ihn,« erläuterte meine Braut gleichmüthig,

»und die Chrysanthemumpolka war mir zu fade. Herr Nothnagel arbeitet

nämlich den Erfurter Blumenkatalog durch; die Titel für seine

Kompositionen bereiteten ihm früher grosse Schwierigkeiten. Da verfiel ich

auf diesen Ausweg, und zum Dank dafür widmete er mir eine schöne

rothe Sorte Pelargonien; ich kann nichts dafür, dass die Gärtner sie

›Brennende Liebe‹ getauft haben.«

»Helene,« schrie ich und eilte glückselig auf meine Peinigerin zu. Ein

Geräusch wie der Flügelschlag mächtiger Albatrosse machte uns stutzig.

Aber es waren nur die Mamas, die -- ihrer Meinung nach: geräuschlos -- aus

dem Zimmer huschten.

EIN UNGLÜCKSMENSCH.

Klaus Henning hatte die bestimmte Vorahnung, dass ein Unglück passiren

würde; und er hatte sie nicht zum ersten Male. Er unterschied sich

ausserdem von anderen, mit einer weissagenden Stimme in der Brust

begnadeten Sterblichen dadurch, dass seine Ahnungen immer eintrafen. Das

eine Mal, als er eine Prophetenstimme in seinem Inneren vernahm, ging er

durch die Friedrichstrasse, stolperte gegen ein Schaufenster und musste,

mit zerschnittenem Gesichte und verletzten Händen, Schadenersatz leisten.

Das andere Mal wollte er mit einem allerliebsten Fräulein auf der

Rousseauinsel Schlittschuh laufen und riss sie mit sich zu Boden. Bei

dieser Gelegenheit fuhr ihm ein fremder Schlittschuh über die Finger, sie

für mehrere Monate gebrauchsunfähig machend. Und da das neue Kleid seiner

Dame etliche klaffende Risse bekam (was sie schwerer zu treffen schien,

als seine Verwundung, die ihn anfänglich vier Finger zu kosten drohte),

so wurde sie von diesem Zeitpunkte ab seine Todfeindin. Kurz, es war sehr

leicht, seine abergläubische Angst zu verspotten, aber so oft sich das

bewusste dunkle Gefühl in seinem Inneren regte (und das geschah fast

jedesmal, bevor er sich unter die Menschen mischte), gab es Schaden für

die Zeitgenossen und Spott für ihn.

Seine Hauswirthin sah ihn denn auch nur ungern den Reisekoffer packen.

»Wollen Sie wirklich fort, Herr Henning?« seufzte sie, »denken Sie an

mich, Sie kommen nicht mit heiler Haut nach Hause.«

Er wusste, dass sie Recht habe, aber die Hitze war unerträglich, er

schmachtete nach einem Wellenbade, und da ihm die Geschäftsstille Ferien

vergönnte, wollte er einen kurzen Aufenthalt an der See nehmen. Jeder

minder Erfahrene hätte sich eingebildet, die schwarzen Ahnungen seien

erfüllt, als sein neuer Reiseanzug, gleich nachdem er das Haus verlassen,

von oben bis unten mit Oelfarbe bespritzt wurde, die ein nachlässiger

Anstreicher von seiner Leiter herabträufeln liess, oder als ihm der

Eisenbahnzug davonfuhr und er nun mehrere Stunden zu warten hatte. Er aber

kannte den Kobold besser, der sein Spiel mit ihm trieb, als dass er gehofft

hätte, mit solchen Kleinigkeiten loszukommen. Auch als er unmittelbar nach

der Abfahrt mächtige Rauchsäulen aus der Richtung, wo sein Farbenmagazin

lag, aufsteigen sah, erfüllte ihn noch immer nicht die beruhigende

Ueberzeugung, seinen Zoll entrichtet zu haben, denn bei näherer

Ueberlegung erschien es ihm äusserst unwahrscheinlich, dass sein Geschäft

abbrannte, während er nicht dabei war, um sich schwere Verletzungen

zu holen. Aeusserst unwahrscheinlich, eigentlich nach seinen bisherigen

Erfahrungen vollkommen undenkbar. Vom Augenblicke an, wo er die

Thüre seines Waarenlagers hinter sich zuschloss, konnte die

Versicherungsgesellschaft ruhig schlafen.

Er wollte sich in Sassnitz nicht unter die Badegäste mischen, konnte er

doch sicher darauf rechnen, das erste Glas Rothwein, das er zum Munde zu

führen gedachte, über das Kleid seiner Nachbarin, oder wenigstens über

das Tischtuch auszugiessen, jeden Stuhl mit nervenerschütterndem Gepolter

umzuwerfen, seinen Hut vor aller Augen in's Wasser fliegen zu sehen und

was solcher kleiner Zwischenfälle mehr sind, die an und für sich

sehr geringfügig erscheinen, ihn aber zum Gegenstande des allgemeinen

Gelächters machen mussten.

Im vergangenen Spätherbste hatte er einige Tage in einem Gasthause

ausserhalb des Curorts verlebt, dessen Wirthin im Sommer eine kleine

Colonie von Städtern beherbergte. Damals waren die letzten Fremden,

erschreckt durch ein paar rauhe stürmische Tage, geflohen, und so

verknüpfte sich ihm mit dem Aufenthalte in dem bescheidenen Häuschen am

Strande die Vorstellung von erquickender Ruhe und Geräuschlosigkeit.

Auch schien der Kobold, der ihn verfolgte, an der Grenze von Fleming's

Herrschaftsbezirk die Waffen zu strecken. Klaus ging mit den Haussöhnen

fischen und brachte Beute heim, was ihm nie vorher widerfahren, er kreuzte

in einer Nussschale von Segelboot die Küste entlang und sah es nicht

einmal den Kiel nach oben wenden, er ruderte stundenlang in einem Nachen

und brach kein Ruder. Nach diesem stillen Hafen der Glückseligkeit

richtete er nun seine Schritte. Ach, das war nicht mehr das erträumte

Paradies!

Auf dem Vorplatze, der, mit spärlichem Grün bedeckt, sich vor dem Hause

hinzog, spielte eine Gesellschaft junger Leute Croquet, vom Wasser her

erschallten laute Kinderstimmen, auf der Holzbank im Schatten des Hauses

sassen behäbige Matronen. Henning hatte die Absicht, bei diesem Anblicke

umzukehren und sich ungesehen davonzuschleichen, aber die Wirthin kam mit

ausgestreckten Händen auf ihn zu und rief:

»Das Haus ist zwar gesteckt voll, aber für Sie schaffen wir doch noch

Raum.«

Er wollte murmeln, dass er nur einen Tag bleiben und dann seinen Stab

weiter zu setzen gedenke; da fiel sein Blick auf ein junges Mädchen, die

soeben ihren Ball mit dem Hammer so unglücklich getroffen, dass er, statt

durch den Draht, gegen seine Füsse fuhr. Purpurroth kam sie auf ihn zu

und bat um Entschuldigung. Sie hatte ein Gesicht, wie es die Natur nur

in besonders guter Laune zu bilden pflegt, die zartesten Farben, die

treuherzigsten blauen Augen und das Haar, das sie, wohl nach einem

Wellenbade, gelöst trug, von glänzendem Blond. Und dann behielt er seine

Bemerkungen für sich, liess Frau Fleming für sein Obdach sorgen und

schwang den Hammer, ohne zu besorgen, dass seine Bälle einem Mitmenschen

das Lebenslicht ausblasen würden. Auch bei Tische vergass er alle seine

Ahnungen, er zitterte nicht vor dem Bratensafte, er reichte Fräulein

Mathilde eine Tasse Thee, ohne sie zu verbrühen, kurz, er benahm sich, als

wäre er nie ein Unglücksmensch gewesen.

Freilich fing sein Elend noch am selben Abend wieder an. Die Hausfrau

erzählte, um ihren Liebling vom vorigen Jahre her in das günstigste

Licht zu setzen, dass er das Segelboot wie ein alter Matrose zu handhaben

verstehe. Die Damen versicherten, nichts gewähre ihnen ein solches

Vergnügen wie eine Bootfahrt, die Herren kündigten ihm ihre Begleitung

für den nächsten Tag an, Mathilde, die ihn jeden Augenblick mehr

entzückte, sagte nichts, aber sie richtete ihre schönen blauen Augen

bittend auf ihn. Ihm brach der Angstschweiss aus allen Poren; war er

ausersehen, der Mörder all' dieser braven Leute zu werden? Klaus war

kein Salonmatrose, er hatte seine Knabenjahre in der Nähe von Bremerhaven

verlebt und ein Boot zu regieren beinahe so früh wie das Abc erlernt. Auch

ist das Segeln Alles eher denn eine Kunst -- wenn das Fahrzeug etwas taugt,

aber der Flemingsche Krondiamant besass etliche Flecken. Und was hilft alle

Geschicklichkeit gegen die Tücke eines Koboldes! Der junge Mann ging nicht

mit der Begeisterung, welche die Gesellschaft erwartet haben mochte, auf

die vorgeschlagene Segelpartie ein. Vergeblich nannte man ihn von da an

nicht anders als »Capitän«; er bestand darauf, dass, wer nicht schwimmen

könne, auf dem Festlande bleiben müsse. Die Aengstlichen sahen hierin

einen Beweis, dass er sich nicht sicher fühle und standen sogleich ab.

Mathilde bekannte seufzend, sie könne seine Bedingung nicht erfüllen und

müsse daher verzichten. Es wäre ihm das auserlesenste Vergnügen gewesen,

sie über die Wellen zu fahren, aber er unterdrückte seinen Wunsch, indem

er sich vorsagte, es sei gleichbedeutend mit kaltüberlegtem Morde, sie zu

einer Wasserfahrt mit einem Unglücksmenschen zu bewegen.

Anspruchslose Geschichten · 第 5 / 10 段