»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut mit

einander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi

schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.«

Frau Lechleitner wird nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu

rühmen. Vor ihm steigt dräuend das Bild einer mit tausend Spitzen und

Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem

pharisäischen Tugendstolze alleinstehender braver Mädchen. Und er weiss

nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen

soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, die Anwesenheit der hübschen

Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überrascht.

Ziemlich trübselig erwartet er, in die Ecke des alten Sophas gedrückt,

sein Schicksal. Die Thür geht auf, lachend und schwatzend und ein wenig

verlegen kommt die sanglustige Nachbarin herein. Sie ist keine Jungfrau in

Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle

und -- gerade nur zur Würze -- etwas schnippisch. Nach den ersten paar

Minuten erscheint ihm die versessene Sophaecke als das behaglichste

Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere Tasse Kaffee, die ihm

die Hausfrau reicht, über das Tischtuch und Franziskas neues Kleid

ausschüttet, weiss sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen;

natürlich lassen sich die Flecken entfernen, wird das Kleid gewaschen wie

neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust dehnt, wie

seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht,

zu leuchten anfangen! Heute scheint die Sonne ganz anders als sonst,

Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen auf der Strasse. -- In seiner

Stube entlockt er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch

und jauchzend singt die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling!

klingt es aus den Tönen.

Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er

einen Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen er sich herzlos und unkindlich

schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie sind

mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten

Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einer

Witwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei

Viertheile von Leonhard's Verdienst wandern nach Mureck, seit Jahren hat er

keine Oper, kein gutes Concert besuchen können, im Winter trägt er dünne

und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber

so oft er ein solches Schreiben liest, erscheint er sich wie ein schwarzer

Missethäter.

Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft. Das heisst, einem Anderen

würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll klingen, da sie ihm

zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen wird. Aber mein Leonhard Gruber

verspricht sich leicht einen schönen Tag, so oft ein winziges Stückchen

blauen Himmels durch graue Wolken bricht: der zweite Sohn des alten

Organisten wird, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhard's

musikalische Ausbildung ermöglichte, einen Stiftplatz am Wiener

Conservatorium erhalten. Was dem älteren Bruder versagt geblieben, soll

dem jüngeren zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden Stein aus dem Weg

räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen

könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann kann er

die Sorge für die Familie übernehmen.

Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat sie

es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen der Gedanke an ein eigenes Haus

aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es

gezimmert und ausgepolstert ist, das muss ungleich hübscher sein, als in

ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.

Daheim waren sie Anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass

er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die

Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in

der Welt errungen, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung.

Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an

ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit, es war

ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück

heftete sich Anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub

abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen,

zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge

Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hülfe

in ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von

Familienbriefen auf seinem Clavier. Während der Schülertage hatte er Bett

und Tisch des Bruders getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare

Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für

einen gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im

Nebenzimmer -- ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es

freilich nicht mehr -- jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte

ihm das Leben zur Qual. Er miethete sich ein passendes Künstlerheim an

der Ringstrasse. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse

Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft

in den vielen Erholungsstunden. Er besass eine Leidenschaft für alle

schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirthsstube lockten ihn

wie eine Motte an.

Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann liess er sich wie in seiner Schulzeit

vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine

Vorstellungen erlauben, sonst liess sich der Virtuose Monate lang nicht

blicken. Und Leonhard, gutmüthig, schwach und unaufhörlich von der Furcht

gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater

gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte.

Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen, dass man auch

Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste

Bedauern -- wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren

Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh --, dass Meister Karl, eine

ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Thau und Tage aus Wien entwischt

war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegentheil, jetzt erst befand

er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen

Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn

pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den

Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Concert

auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten

Localpatriotismus so viel erpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu

erhalten.

Monate lang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger

Gewissensbisse umher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein

blühendes, junges Leben an das seine, das er Anderen verpfändet hat,

zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren, lagen seine

Hoffnungen auf dem Boden.

»Wir müssen eben warten,« tröstete ihn Franzi, aber es klang anders

als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes

gesehen. »Wie könnte mir einfallen, Dich von Deiner Pflicht abwendig zu

machen!« Leonhard's Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein

anderer Bruder theilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des

Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studiren, dann

war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne

auf dieses künftige Glück: Natürlich wird das Pfarrhaus im Grünen

liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel- und

Birnbäumen es umschliessen -- Franzi wässert schon jetzt der Mund nach

den saftigen Früchten --, man kann nicht allein darin hausen, Mutter

und Schwester werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubt, warum

sollte er nicht? sein ältester Bruder theilt ja auch jeden Bissen mit ihm,

dann kommt Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler

auf das Land geflohen sind, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird herrlich

sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuathmen.

Franziska ist nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen haben viel

von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen,

schliessen sich oft fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen

Träumen schwelgt, dann zeigen sich die Grübchen in Wange und Kinn, und

ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht.

»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten,« meint bewundernd

Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmt, nimmt ihn

nicht Wunder. Was kümmert sich so ein angehender geistlicher Herr um

Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud' und Leid

der Menschen um ihn dürfte er sein! Wird er doch einmal seiner Gemeinde

in Freud' und Leid beizustehen haben. Aber er gehört zu der neuen Schule

kirchlicher Streiter, ist hohlwangig und blass und hat ein düsteres Licht

in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser aufthürmen,

wirft er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versucht

er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich. Franzi,

wie die Meisten ihrer Landsmänninnen, hat nicht das geringste Talent zur

Asketin, und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen sein mögen, an der

Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hofft, denkt er nicht an

Weltentsagung.

Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein

Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden

der strengsten Regel eintrat und schwere Klosterpforten zwischen sich und

die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren

sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der

Aelteste; »einen gar braven Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie ist

doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen

wird, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste.

Franziska wurde todtenbleich, als dieser Blitz ihre Lustschlösser

zertrümmerte.

»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Thränen aus.

Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben,

er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Strasse. Aber konnte

er ihr zumuthen, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast

aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie,

Verzweiflung in der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich.

»Mein Leonhard, wir warten geduldig auf einander, wie bisher«; aber es

war nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es

sei denn, Du möchtest mich nicht mehr.«

Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang

neben einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass

sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe,

so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht

sich verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag mit ihr im Wienerwald

verbringen durfte.

Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard

ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn

günstigere Sterne über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in die Welt

gefunden hätten.

Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf

fremdem, unwirthlichem Strand in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirth,

der borgen wollte, kein Concertsaal, der sich öffnete, so lange ihm der

Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach

Schülern um und da er in der That glänzend spielte, eine unverlegene

Zunge besass und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen

Herzogthum die Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm bald nicht an gut

bezahlten Clavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und

fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so grossen

Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen.

Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lectionen

übernehmen. Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten

Bruders Zartgefühl verletzen können, freilich dauerte es nun einige Zeit,

bis es zusammengespart war; zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard

nach thränenreichem Abschied von den Seinen in New-York landete, da war

der Virtuose bereits nach Californien abgereist, und seine Stunden gab

ein Anderer. Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und

vielleicht nie die nöthige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich

in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne

Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheueren Stadt, die

Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur

das Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein auf dem Wasserspiegel

hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besass nicht

seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch

seinen Künstlerruhm verblüffen. Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm

Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er

hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was

sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf

Karl's Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert, was

aus Joseph, dem jüngsten Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel

sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziska's gedachte,

überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges

Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner

Bedrängniss an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und

hatten an der eigenen Last genug zu tragen.

Er vergass, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt. Mutter und

Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Aelteste sie im

Stiche liess. Aber von der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren

eigenen Hülfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es gethan

und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwerthete allerlei

Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste entschloss sich, dem greisen

Pfarrer die Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte

sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend,

irgendwo festen Fuss zu fassen.

Die New-Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz

und dürr, dennoch mehr als bändelange Schilderungen irdischen Jammers

geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen

bewusstlosen und wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle,

glaubte, betrunkenen Mann vom Strassenpflaster aufgelesen und über Nacht

auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt.

Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der

Bruder eines in New-York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen

geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil

er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen. Das Mitleid verschaffte

Leonhard die ersten Stunden in New-York. Was man auch an den plötzlich

reich gewordenen Amerikanern zu tadeln finden mag, die schlechte

Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen neben der

prahlerischen Vergeudung im Grossen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie

lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die

Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf

ruhiger Fluth dahingleiten.

Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand,

der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald

sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie

ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert nur wenige

Augenblicke. Ihre Seele hat die luftigen Schwingen eingebüsst, mit welchen

sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte.

»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragt sie sich bitter, der

Glanz in den Augen erlischt, und sie zieht wieder die Nadel durch ihre

Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der Danaïden.

Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder

glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhard's Stelle

bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen

Verhältnisse zu einem beständig heischenden und niemals befriedigten

Wesen gemacht, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so

möge ihr Aeltester nun auch einmal an sich denken.

Leonhard's Schüler schütteln verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder

deutsche Professor das unveräusserliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie

würden ihn für verrückt erklären. Er geht umher, als führten die

Engel über seinem Haupte ein Conzert auf. Während die kleinen ungelenken

Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken, lächelt er

stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wüthend zu werden.

Er sieht beinahe gross aus, so dehnt und streckt sich sein kleines

Persönchen vor innerem Wohlgefühl: Er rüstet das Nest für sein Weib,

kein Tag vergeht, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile

Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch besteht der

Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand des Anderen

angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft. Die Eltern

seiner Schüler wissen, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem

Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens und Irrlands, begriffen

wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen,

Porzellanfiguren, Bilder -- an welchen freilich der Rahmen das

Hervorragendste ist --, die ihm in's Haus strömen, würden ein Museum

füllen. Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung äusserst massvoll im

Gebrauch seiner Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird als Herrin

all der Schätze gerade keine Sinecure inne haben, wenn sie dieselben in

halbwegs staubfreiem Zustand erhalten will. Stunden lang steht Leonhard, in

Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Geräth vergass er,

vergassen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das

glückhafte Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den Pfeilerspiegel für

die Vorderstube.

Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und

getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt. Leonhard hat sein Nest in

einer neugierigen, schwatzhaften Strasse gebaut; man braucht nicht viel

Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu

fühlen. Rechts und links drücken die Nachbarinnen die Gesichter an die

Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich keine

Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Monate langen Vorbereitungen,

das verklärte Gesicht liessen sie einen anderen Siegespreis vermuthen.

»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importiren gebraucht,« sagten sie,

»so etwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.«

Franzi hat es glücklicherweise nicht gehört, es hätte einen grauen Flor

über ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erscheint sie nicht so glücklich,

wie man vermuthen sollte. Während Leonhard wie von Flügeln getragen

einhergeht, schlägt sie die Augen zu Boden.

Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard hatte, weil die Blumen spärlich

wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen farbigen Herbstblättern

angefüllt, sie sahen wie leuchtend rothe, goldgelbe und broncefarbige

Blüthen aus. Franzi konnte nicht umhin, einen Ausruf des Entzückens bei

dem Anblick ihrer Wohnung auszustossen. Der Klang der Schelle hatte ihren

Gatten von ihr fortgerufen. Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft

nahm sie ein Figürchen um das andere in die Hand, bewundernd beugte sie

sich über die Stickereien, den Teppich, die Geräthe. Zuletzt trat sie vor

den Spiegel. Und nun verwandelte sich der Ausdruck ihrer Züge, sie brach

in Thränen aus.

Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten der Wunderdinge die Franzi von

ehemals mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, Goldglanz auf dem Haar und

schalkhaftes Leuchten im Auge, zu erblicken. Aber aus dem Spiegel trat

ihr ein Schatten ihres alten Selbst mit traurigen Augen und einem Gesicht

entgegen, aus dem selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge der

Resignation, des unaufhörlichen Verzichtens nicht zu verwischen vermocht

hatte. Geheimnissvoll vor sich hinlächelnd trat Leonhard wieder ein. Da

er sie weinen sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann eilte er auf sie

zu; wenn sie Heimweh fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen Herzen

überwinden. Aber sie machte sich heftig los.

»Müssen wir uns nicht schämen, uns wie andere neuvermählte Paare zu

gehaben? Schnee liegt auf unserem Scheitel, Furchen ziehen sich durch

unsere Züge.«

Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass sie sich verändert. Für ihn war

sie die Franzi geblieben, um die er in ihrem Lenz geworben. Und auch jetzt,

nachdem sie ihm die Binde von den Augen gerissen, meinte er, es gäbe kein

schöneres, kein anziehenderes Weib in der Welt. Er sah sie mit den Augen

der Erinnerung.

»Können wir denn noch glücklich werden?« fragte sie, »vermagst Du mein

verblühtes Gesicht noch zu lieben?«

Er eilte vor die Thür und trug mit Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb

von ungeheurem Umfang, gefüllt mit herrlichen, frischen Blüthen, herein;

eine Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum Einzug in das Haus gesendet.

Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, auf Nelken und Heliotrop.

»Es ist Herbst,« sagte er, »die Luft ist rauh, und Nebel füllt die

Strassen. Aber furchtlos strecken sie die feinen duftenden Köpfchen in

die Luft hinaus und freuen sich der Stunden, in welchen die Sonne ihnen

scheint.«

»Und wie lange dauert es,« warf sie herbe ein, »dann kommt der erste

Frost und vergilbt ihre Blätter.«

»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren

warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar

feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen.«

Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund.

BRENNENDE LIEBE.

Vielleicht halten Sie mich für unbescheiden, aber wahrhaftig, ich half

einem tiefgefühlten Bedürfniss ab, als ich geboren wurde, aufwuchs und

zum Ruhm meiner Vaterstadt unter die Kannibalen ging. Natürlich nicht,

um bei ihnen zu bleiben, sondern um mit 85 Kisten voll staubiger

Merkwürdigkeiten, Schädeln, Amuletten, Pflanzenwurzeln, Pfeilen,

Bogen, Lanzen und ferner mit einem Vorrathe an Notizen und Tagebüchern

heimzukehren, der das Herz jedes Händlers in Makulatur mit den frohesten

Erwartungen erfüllt hätte.

Anspruchslose Geschichten · 第 4 / 10 段