vor dem Spiegel ein schwarzes Wittwenhäubchen mit weisser Krause auf, Aber
es sah auf dem blonden lockigen Scheitel, über dem jungen übermüthigen
Gesicht so wenig passend aus, dass ihr Töchterchen von ihrem Platz im
Erker, wo sie Blumen auf einen Porzellanteller malte, aufstand, wobei man
entdecken konnte, dass sie um mehr als Kopfeslänge die Mama überragte,
das Häubchen abnahm und es, ohne ein Wort zu verlieren, in die Schachtel
zurückwarf.
»Gestatte mir die Bemerkung, dass du dir gegen deine Mutter zu viel
herausnimmst,« sprach Adele, »hätte ich mir das erlaubt, dann wäre ich
zu Heulen und Zähneklappern in einer finsteren Kammer verurtheilt worden,
aber« -- ein tiefer Seufzer aus beladener Brust -- »die Kinder entarten
mit jedem Jahre mehr.«
Sophie stellte sich vor sie hin und blickte, sie konnte nicht anders, auf
sie hinunter.
»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb du dich auf einmal so
matronenhaft zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um, welchen Zweck
soll also der dunkle Kopfputz haben, der dir mindestens zehn Lebensjahre
zulegt?«
Die ehrwürdige Mama wurde roth wie ein Schulmädchen, das sich beim
Kirschenstehlen ertappen liess.
»Das ist _mein_ Geheimniss,« sagte sie endlich mit einem kläglichen
Versuch, ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten.
»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich, wie du dir einbildest.«
»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen. Ich habe es satt, beständig
Anspielungen über die Jugendlichheit meines Anzugs zu hören, während du
herumgehst, als hättest du zwanzig Jahre im Kleiderschrank gehangen. Die
Leute sprechen darüber mit gewohnter Nachsicht und Menschenliebe. Gestern
liess mich erst die Tante des Runkelrübenbarons fast ohne jede Verbindung
die zwei Bemerkungen hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft Fräulein
Sophie immer erscheint!‹ und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit den
Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich will keine Stiefmutter aus dem
Volksmärchen vorstellen!« Dabei setzte sie ihr niedliches Füsschen mit
grosser Entschiedenheit auf den parquettirten Boden. »Wenn du nicht heute
im hellen Kleid mit mindestens einem Dutzend himmelblauer oder rosenrother
Schleifen bei Tische erscheinst, dann setze ich nicht nur den Greuel
aus der Schachtel auf, ich hülle mich auch noch in irgend eine ganz
unmögliche härene oder sackleinene Kutte.«
»Das wäre unverantwortlich gegen unseren Gast. Es würde ihn an die
Antwerpener Kathedrale erinnern, die den Andächtigen gratis offen steht,
nur bleibt das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme, hinter grünen
Vorhängen versteckt.« Dabei strich Sophie patronisirend über den
lockigen Scheitel.
Mama verlor beinahe die Geduld, obschon sie Sophiens unkindliches Benehmen
gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie von dem sehr energischen
Fräulein wie ein unflügges Nestkücken behandelt. Das rührte davon her,
dass Adele sich im Pensionat unter die wissenschaftlichen Fittiche ihrer
Busenfreundin zu flüchten pflegte, so oft ihr die höhere weibliche
Bildung, Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra, das Nibelungenlied
Augenblicke des Strauchelns bereiteten.
Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn man im Stillen den Plan ausgeheckt hat,
seine Tochter zu verheirathen, dann kann man unmöglich Geschmack daran
finden, sich von ihr beschützen und bevormunden zu lassen. Schmollend
stellte sich die junge Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete sie eine
Weile mit dem Wohlgefallen eines Künstlers an seinem gelungenen Werk.
»Kleine Mama, ich glaube, dass du noch hübscher geworden bist, seit du
mich hierher begleitet und mein alter grämlicher Herr Papa (mit dem
ich mir das Zusammenleben als eine Art von Pönitenz für die lustige
Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt war, sich auf den ersten Blick in
dich zu verlieben.«
Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen Gemahl, der die blutarme
Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn bewahrt, eine dankbare
Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen, auf den Tag, da die Posaune des
jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten Ehepaare für ewige
Zeiten zusammenfügen wird, freute sie sich nur mässig: Ein kleinlicherer
Haustyrann als der verstorbene Commerzienrath hat wohl selten die Bühne
des Lebens beschritten. So drückte sie denn bei dieser Mahnung an ihn das
Taschentuch nicht gerührt an die Augen, sondern versetzte, vollständig
mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt:
»Damals hast du ohne eine Spur von Selbstsucht Kranz und Schleier in
meinen Haaren befestigt; es ist nichts als billig --«. Dabei brach sie
ab, biss sich auf die Lippen und wandte ihr purpurrothes Gesicht wieder der
kahlen Lindenallee zu, die von dem Schlösschen zum Bahnhof führte.
Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln.
»Zur Diplomatin bist du nicht geboren, liebes Kind,« murmelte sie
unhörbar.
Woher Frau Adele eigentlich den Muth nahm, dem Himmel in's Handwerk
zu pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge Mann, dessen künftige
Glückseligkeit sie zu begründen dachte, hätte vermuthlich einen weiten
Bogen um das Schlösschen gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren Plänen
gehabt, denn obschon kein Frauenhasser, hatte Robert v. Eichberg bisher
nicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem Glück zur Schau getragen.
Dem früheren flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen Gutsherrn auf
Eichberg wären sonst ohne Zweifel die Thüren, an die er gepocht hätte,
bereitwillig aufgemacht worden. Er war ein entfernter Vetter von Adele,
doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren nicht gesehen. Damals ein
tölpelhafter, derber Junge, der sich im Hause ihres Vaters auf den
künftigen Feldmarschall vorbereitete, hatte er seine Mussestunden damit
ausgefüllt, das kleine Mädchen zu hänseln und zu ärgern. Doch
schien sie alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und ihren Kanarienvogel
grossmüthig vergeben und vergessen zu haben. Wäre er eine Patentmedicin
gegen alle erdenklichen Uebel und sie die Erfinderin derselben gewesen,
sie hätte ihn nicht begeisterter loben können. Er besass so viel
Herzensgüte! Gleich nachdem er die Verwaltung von Eichberg angetreten,
hatte er aus seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut. Ihn zeichnete
solch ein reger Familiensinn aus, was man auch schon daran zu erkennen
vermochte, dass er, nachdem er sein Bäschen seit mehr als zwölf
Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich seinen Besuch -- von einer
landwirthschaftlichen Ausstellung auf weitem Umweg heimfahrend --
ankündigte; aber ausser diesem Beweis hatte er auch noch eine alte
Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen lebte, sorgenfrei gestellt, die
Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche bestritten; kurz, wenn man der
eifrigen Sprecherin glauben wollte, dann wird das Jahrhundert zu Ende
gehen, ohne einen zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen.
»Die von dir geschilderten Charakterzüge berechtigen allerdings zu den
besten Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem Gesicht;
nur um ihre Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama fiel ihr ohne jeden
sichtbaren Anlass um den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigung
vermuthlich weniger stürmisch geäussert, wenn sie Sophiens Gedanken
gelesen, denn diese sehr scharfblickende Dame hatte über den
angekündigten Besuch ihre eigene, von der Mamas sehr abweichende Meinung.
»Papas Testament soll ihm nach dem vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit
als Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie für sich, während ein
nicht allzu freundschaftlicher Blick dem staubumwirbelten Wagen, der in
diesem Moment die Lindenallee herauffuhr, entgegenflog.
Zweifle Einer an der Stimme des Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der
junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl ihre kleine zierliche Gestalt
von der imposanten Stieftochter förmlich beschattet wurde, und drückte
und schüttelte ihr die Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht, dass
selbst die eherne Sophie ein wenig zu schmelzen anfing. Herr Robert von
Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten einen Eindruck, als eigne
er sich eher für die Rolle eines Naturburschen, als für die eines glatten
Hofmannes. Dass sich noch eine zweite Dame im Zimmer befand, schien ihn
gar nicht zu kümmern. Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung, hätte
gewünscht, dass er vor der majestätischen Erscheinung Sophiens geblendet
stehen und seine unbedeutende Cousine im vierten oder fünften Glied
vollständig übersehen solle. Statt dessen blickte er sie, die ehrwürdige
Matrone, mit einem naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner Junge den
lichterbesteckten Christbaum. Aber sie wollte ihm die Augen öffnen!
»Robert,« sagte sie mit Nachdruck, »dies ist meine Tochter Sophie.«
Da aber verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit. Er brach in ein
schallendes Gelächter aus. Adele zog befremdet die Augenbrauen in die
Höhe.
»Entschuldigen Sie meine unzeitige Heiterkeit,« sagte Robert und fing von
Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche Beschützerton, Cousinechen,
klingt in Ihrem Munde zu komisch;« vertraulich wandte er sich an Sophie,
»sie ist wohl sehr streng, die ehrwürdige Mama, und wenn Sie nicht auf
den Wink gehorchen, setzt es Fasten und Hausarrest?«
Aber der freundschaftlichen Anrede antwortete kein Echo.
»Ich bin neugierig, wie oft du mich noch durch die Betonung deiner
Autorität vor Fremden lächerlich machen wirst!« sagte das Fräulein
in weinerlichem Ton zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter aus dem
Märchen vorstellen!«
Mama war verblüfft. Herr Robert aber bildete sich in tiefer
Menschenkenntniss ein unfehlbares Urtheil über die junge Dame.
»Das ist eine unangenehme Person,« dachte er.
Man setzte sich, Fräulein Sophie in gemessener Entfernung von den
Anderen, als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber hätte sich schier ein
erleichtertes Aufathmen der Brust des jungen Mannes entrungen. Doch war
sie leider nicht so vertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht von Zeit
zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde Bemerkung in das Gespräch
einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie es bei der Ausstellung
zugegangen, klang es ätzend vom Fenster herüber:
»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest dir deine Frage füglich ersparen
können. Ausstellungen sind nur dazu da, damit die Herren Landwirthe Madame
Cliquot bereichern und den Klatsch der Gegend austauschen können.«
»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,« sagte Rudolf für sich
und warf einen scheuen Blick in den Erker hinüber, »das Dasein, das meine
arme kleine Cousine in Gesellschaft ihrer Stieftochter führt, muss Alles
eher, denn erquicklich sein.«
Frau Adele seufzte. Was für Sorgen bereiten Einem doch die Kinder,
besonders wenn sie erwachsen sind! Von Rechtswegen hätte sie sich
es verschwören sollen, je wieder Pläne zum Heil der Undankbaren zu
schmieden, denn ohne ein Wort der Entschuldigung entwich sie plötzlich
aus dem Zimmer, als sich der Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll,
in Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau Mühlenbruch befand sich auf
der Höhe ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von Uebung und Beruf wies sie dem
Vetter alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller, die
Sophie bemalt, Kreidezeichnungen und Aquarellbilder, das Werk ihrer
Künstlerhände, Makartbouquets, die nur sie so geschmackvoll zu ordnen
verstand, Kissen, Decken und Stuhlbezüge, die sie gestickt.
»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das Leben verschönernden Talenten
bewundernd auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene zu fordern. Aber Robert
traf nicht einmal mit guten Vorsätzen Anstalten dazu. Ihm kam der
Gedanke, um wie viel angenehmer die Wanderung durch Galerien und
Raritätensammlungen wäre, wenn statt des näselnden Leiertons der Führer
solch' eine wohlklingende, einschmeichelnde Stimme bei den Erklärungen
erschallte. Und als sie verstummte, bemerkte er wie erwachend:
»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit bieten, dass eine so viel ältere
Freundin Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus ausschmückt.«
»Viel älter?« sie blickte ihn strafend an, »Sophie zählt kaum zwei
Jahre mehr als ich.«
»O, ich behaupte nicht, dass sie alt aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind
ganz unbegreiflich jung geblieben.«
Sie war böse auf sich, aber sie musste lächeln. Vetter Robert hatte so
eine ungeschminkte ehrliche Art, seine Bewunderung auszudrücken. Wenn es
ihr gelänge, dieselbe an die richtige Adresse zu leiten, so könnte Sophie
in allen Erdtheilen keinen liebenswürdigeren Gatten finden.
Getreu dem mütterlichen Gebot erschien Fräulein Mühlenbruch bei
Tische wirklich mit einem wohlgezählten Dutzend himmelblauer Schleifen
geschmückt. Aber die heimtückische junge Dame hatte sie in äusserst
merkwürdiger Weise vertheilt. An beiden Schultern standen zwei himmelblaue
Henkel in die Höhe, das nicht eben üppige braune Haar wurde von einem
Bandknoten zusammengehalten, dessen Enden bei jeder Bewegung um den Kopf
flatterten (»wie bei einer überlebensgross gerathenen Confirmandin,«
dachte Mama entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium darauf
verwendet, eine Caricatur aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht besser
gelingen können. Doch sollte die Arglistige nicht straflos ausgehen. Als
der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie plötzlich einen Schreckensruf aus
und verschwand, wie von Furien gejagt, aus dem Zimmer.
Adele blickte erstaunt auf. Durch die hohen Glasfenster sah sie eine lange,
magere Gestalt auf das Schloss zuschreiten. Sollte diese Sophie in die
Flucht getrieben haben? Sonst hielt sie mit musterhafter Geduld dem Manne,
ihrem Gutsnachbar, stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd, die
Runkelrüben, kam; sie lauschte seinen Erklärungen über eine neue Dresch-
oder Säemaschine mit der Miene einer begeisterten Adeptin, während
Mama sich meist zurückzog, da sie in der Nähe des Barons Hellmer von
Schlafsucht befallen wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare Mädchen
heute bei seinem Erscheinen? Aber zu weiterem Nachdenken war keine Zeit;
der neue Gast trat ein. Er nahm die angebotene Tasse Kaffee an und blickte
suchend umher.
»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet sich wohl?«
Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit. Glücklicher Weise trat das
unbotmässige Töchterchen bald wieder ein, wie gewöhnlich einfach und
dunkel gekleidet, das Haar in einen Knoten aufgesteckt, die Verkörperung
ruhiger Vernunft und kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem
Runkelrübenbaron zuwendete, blieb der Mama nichts übrig, als sich Robert
zu widmen. Vielleicht wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen, dabei
so leuchtende Augen und geröthete Wangen zu bekommen, doch entschädigte
sie Sophie gewissenhaft. Als diese mit Baron Hellmer durch den Park und
über die nun kahlen Felder schritt, Verbesserungen in der Wirthschaft
besprechend, folgte sie mit Eichberg und verbreitete sich wie vorhin über
die künstlerischen, nun über die praktischen Vorzüge Sophiens. Um das
lichte Bild im breitkrämpigen Hut und wasserdichten Stiefelchen mit seinem
Hintergrund nahrhafter Thätigkeit besser hervortreten zu lassen, malte
Adele sich selber mit Tusch. Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse in
der Hand, verträume sie die Zeit, während Sophie in Regen und Sonnenbrand
die Wirthschaft leite.
Es war ihr erster Versuch im Ehestiften, sonst hätte sie sich vielleicht
gesagt, dass Robert, wenn er auch ein wenig verbauert sein mochte, sich
doch lieber von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als von schweren
Wasserstiefeln regieren lassen wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom
Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass ihm dieser aus den Kleidern
seiner schöneren Hälfte entgegenschlüge.
Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung eine Brücke zwischen Sophie
und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete Neutralität wäre ohnehin nicht
aufrecht zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich lange bitten zu lassen,
seinen Besuch auf mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch liess
sich herbei, mit ihrer gewohnten kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie
anredete; sie mieden einander nicht mehr auffällig und pflogen zuweilen
sogar längere Zwiegespräche. Frau Adele begann zu glauben, dass ihr
geheimer Plan der Verwirklichung entgegenreife. Aber sie machte nun die
Erfahrung, dass das erreichte Ziel bei Weitem nicht so verlockend ist, als
man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachen bekam in den letzten Tagen einen
etwas erzwungenen Klang, ihre Augen einen Ausdruck der Ermüdung, fast, als
hätte sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und während Sophie heiterer und
lebhafter wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen verweilte, erschien
die junge Frau stiller und gedrückter. Dennoch behielt sie vor den Zweien
ziemlich tapfer die Maske der zufriedenen, in dem Glück der Kinder das
ihre findenden Mama bei, aber als sie allein in ihrem Zimmer sass und
den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch über die Kieswege des Parkes
wandern sah, hielt sie die Verstellung für überflüssig und liess
die Betrübniss, die sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem Gesicht
spiegeln. Denn unten verhandelte man Wichtiges, Entscheidendes. Robert
legte seine Hand mehr als einmal betheuernd auf die Brust, und Sophie
antwortete mit ihrem freundlichsten Lächeln. Frau Adele denkt im Stillen,
die Beiden werden eine Ehe führen, um welche sie alle Engel im Himmel
beneiden können. Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie zu
Vergleichen; aber das Zusammenleben mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch
erscheint dabei nicht in seiner günstigsten Beleuchtung.
Das Pärlein unten trennt sich mit einem Händedruck, dessen Wärme sie
durch alle Mauern zu verspüren glaubt, Robert schreitet dem Schlösschen
zu, seine Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie weiss, weshalb er kommt.
Ihre Finger greifen nach der Wittwenhaube, aber was soll ihr in diesem
ernsten Augenblick der Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher Fassung
ihren mütterlichen Segen zu der Verbindung aussprechen, die sie
herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe ist, das soll kein Lebender
erfahren. Wäre es nur vorüber, hätten die zwei Glücklichen ihrem
einsamen Wittwensitz bereits den Rücken gewendet!
Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke, die Sophiens Hände
geschaffen, im Kreise um die junge Frau herum und nehmen Ständer und
Tischchen mit. Als sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten, befand sich
Adele an Robert's Brust. Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen die
Fahrt in das Schlösschen angetreten, ein gelieferter Mann, noch bevor er
kam. Vor etlichen Wochen hat er auf dem Bahnhof in Hannover (wo Adele,
wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin besucht) ein Billet für
eine fremde, rathlos im Gedränge stehende Dame gelöst. Sie hatte den
hülfreichen Mann schleunigst vergessen -- solche kleine Ritterdienste
mochten ihr oft genug erwiesen worden sein. Ihm aber hatten es ihre
übermüthigen braunen Augen angethan; er spürte ihr nach, erfuhr, dass
es sein eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert, und so hatte er sich
aufgemacht, sein Glück zu suchen.
Adele befreite sich plötzlich aus seinen Armen.
»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,« sagte sie stockend und wurde
feuerroth, »wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt das ganze
Mühlenbruch'sche Vermögen an Sophie.«
Ein tiefer Athemzug hob seine breite ehrliche Brust.
»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte ihn erst vor einer Viertelstunde
mit dem Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen, eine kleine warme
Kirchenmaus hat mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst, als ein kalter
klebriger Goldfisch.«
Sophie kam herein und wünschte mit freudigem Gesicht den Verlobten Glück.
»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend Adelen in's Ohr, »für einen
ersten Versuch ist dir das Ehestiften nicht schlecht gelungen.«
Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte Miene. »Ich wollte meine
mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,« sprach sie leise, dem Weinen
nahe.
»Das war vollständig überflüssig; ich bin schon seit drei Wochen mit
Helmer verlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich dich versorgt und aufgehoben
weiss, denn dich, unmündiges Kind, allein auf Juliusruhe zurück zu
lassen, erschien mir als Grausamkeit.«
IM HERBST.
Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben?
Wenn man es recht bedenkt, nein, denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse
zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit,
die Zeit der Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang zum gefürchteten,
ertragsarmen Sommer, der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche
ist, in welcher sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzt. Und er wusste
gut genug, dass all der beglückende Unsinn: Nachtigallenschlag, Rosenduft,
eine kleine Hütte im Grünen, braune Augen und blonde Locken nichts für
ihn seien. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon
gelassen, was insofern nicht schwer war, als er, vom frühen Morgen bis zum
späten Abend rastlos umherlaufend, um unartige Bengel in die Mysterien der
Dur- und Mollscalen einzuweihen, nicht mehr von der Versuchung, glücklich
zu sein, empfand, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und
Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten eingeschlagen hätte.
Aber da war das Schicksal boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem
Präsentirbrett sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne die geringste
Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in welcher
sich obendrein eine Thüre befand, die sehr mangelhaft von einer Seite
durch ein Clavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen
Fähnchen behängten Kleiderschragen verbarricadirt war. Am Abend pflegte
Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von
Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervor zu holen,
ohne praktischen Nutzen, da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen
Fingerübungen hatten, weit überflügelten. Als er nun einmal wieder ein
paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob
sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer eine helle,
frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etuden tapfer mit, die Läufe
selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen
Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in
den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu oft, denn als man ihm noch die
dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die
Claviatur erreiche, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den
Klimperkasten fest.
Das Interesse an der Nachbarschaft hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja
zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom
»Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden muss, um ihn eine Stunde
lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, regten
sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als
sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich an's Fenster, zum erstenmal im
Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? das ist kein Wort; hübsch
ist am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber nicht Jede hat solch ein
pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt,
solche lustig in die Stirn fallende Locken, so ein rosiges Gesicht.
Die Augen kann er nicht sehen, aber sicher blitzen sie in Uebermuth und
Lebensfreude. Frau Lechleitner bringt ihm die obligate Cichorienbrühe
herein, und er getraut sich, in unbefangener Weise die Worte hinzuwerfen:
»Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleusse
ist geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr
Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, aufnehmen, man weiss ja, was dabei
»herausschaut«. Aber die Franzi kennt sie schon von klein auf, hat ihr
manchen Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden
monatlicher Pension war, und die »Zimmerherrn« sind so unverlässlich,
womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben will,
der pünktlich wie eine Uhr ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's Mutter
war ihre beste Freundin und ihren Vater hätte sie einmal heirathen
sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die
Siebenbrunnerwiese spazieren ging.
»Das haben Sie mir schon erzählt!« ruft Leonhard verzweifelnd aus.