erwartet gewiss ein ritterliches Werben, etwas mittelalterlich
troubadourmässiges,« dozierte Ahlfeld. »Ulrich von Liechtenstein,
natürlich etwas den veränderten Zeitläufen angepasst, ohne zerschnittene
Lippe und Verkleidung als Frau Venus (letztere würde die prosaische
Polizei von heute gar nicht erlauben), das dürfte das angemessene sein, du
verstehst mich doch?«
Unser armer Blasengel gab sich alle Mühe, aber zuletzt schüttelte er den
Kopf; er verstand ihn nicht.
»Du schickst ihr jeden Tag Blumen und Gedichte; wenn du die letzteren
nicht zu stande bringst, helfen wir dir alle drei dabei; -- auch giebt
es immer bei den Antiquaren alte, vergessene Schmöker voll lyrischer
Empfindungen, die man, ohne ertappt zu werden, abschreiben kann. -- Zur
Besorgung derselben an deine Dame kannst du den Sohn meiner Hauswirthin
verwenden, den anstelligsten kleinen Taugenichts, der je Stiefel auf unserm
Pflaster zerriss.«
Gegen den vorgeschlagenen Betrug verwahrte sich das arme Opfer unsrer
Ruchlosigkeit, aber mit den übrigen Vorschriften erklärte er sich
einverstanden; ja er dankte seinem Mentor noch, weil dieser seiner
Unerfahrenheit in Liebessachen so brüderlich zu Hilfe kam.
»Du zeigst dich ihr so oft als möglich mit deinem verführerischen
Seraphslächeln und dem fascinierenden Blick, der sie vorhin so
widerstandslos gefangen nahm, aber, höre mein Sohn, hüte dich, ihr durch
ein Wort deine Gefühle zu verraten, bevor sie dir selbst die Erlaubniss
dazu giebt.«
Dies erschien zwar bei Hugos Schüchternheit ohnehin ziemlich
selbstverständlich, aber unser Freund wünschte sicher zu gehen.
»Die Frauen dieser interessanten Nation muss man sehr vorsichtig
behandeln,« fuhr er mit tiefsinnigem Kopfschütteln fort. »Ein wüthend
Weib und eine Ungarin« nennt sie Grillparzer in einem Athem, und
er als nächster Nachbar muss sie doch gekannt haben. Ein
unüberlegt-vertrauliches Wort, und wenn sie in Liebe für dich verginge,
so würde sie dir doch wie eine beleidigte Königin den Rücken wenden.«
Die Wiederholung unsrer angenehmen Erfahrungen mit dem Seidenpintsch,
dem seine schöne Herrin auf dem Fusse folgte, unterbrach weitere
Betrachtungen. Als sie sich mit leichtem Kopfnicken von uns verabschiedete,
unterliess sie es nicht, dem Blondkopf einen schalkhaften Blick zuzuwerfen,
der Hugo bis unter die Haarwurzeln erröthen machte.
Lächerlicher hat sich nie ein liebeskranker Minnesänger benommen, als
unser Blasengel unter dem Einfluss seiner brüderlichen Rathgeber. Rupert
hatte, den günstigen Zufall ausnützend, dass das Gärtchen seiner
Hauswirthin an das zu Fräulein Baloghs Wohnung gehörige stiess, Zutritt
bei ihr zu erlangen gewusst, obschon sie sonst nicht viel Verkehr mit dem
jungen Künstlervolk pflog. Er that dies, wie er versicherte, nur um
Hugos willen, damit er ihn auf das genaueste über ihre Liebhabereien und
Antipathien zu unterrichten vermochte. Diese waren etwas veränderlich;
das blonde Bärtchen, das unserm Opfer fast gleichzeitig mit seiner Liebe
aufgesprosst war, musste sich die einschneidendsten Veränderungen gefallen
lassen, denn einmal schwärmte Ilona für vollbärtige Germanenköpfe,
das nächstemal stellte Heinrich der Vierte ihr Ideal von männlicher
Schönheit vor; bald konnte nur ein Mann mit dem aufgewichsten Schnurrbart
ihrer engeren Landsleute Gnade vor ihren Augen finden; dann wieder zwang
Hugo eine ihrer bizarren Launen, sich mit ausrasiertem Schnurrbart und
zwei fragwürdigen Kotelettes einem amerikanischen Geschäftsreisenden
so ähnlich zu machen, als es einem Blasengel nur immer möglich ist. Die
Kopfbedeckungen, Halsbinden und Sammtröcke, die er um jene Zeit trug,
lockten zuweilen die Gassenbuben auf seine Fährte. Aber das alles waren
verhältnissmässig leichte Opfer, die er seiner Herzensdame brachte; als
aber das Sommerfest der Künstler herankam und sein Gesicht von süssen
Wiedersehnshoffnungen zu leuchten begann, da zog ihn sein Peiniger bei
Seite: »Fräulein Ilona wünscht nicht, das du mit ihr tanzest, die Leute
könnten errathen, was es für ein Bewandniss mit ihrem Herzen habe.«
Und nun stand er die ganze Nacht wie ein Säulenheiliger in der Ecke und
sah zu, wie sich die Geliebte mit jungen Männern -- auch mit Rupert --
im Tanze drehte. Allerdings blieb der Lohn für seine Enthaltsamkeit nicht
aus. Eine dunkle Haarlocke, die, wenn nicht auf Ilonas, so doch auf einem
andern Kopfe gewachsen, eine Schleife von der Farbe, wie sie das schöne
Mädchen auf dem Feste getragen, etliche zwischen Fliesspapier gepresste
Wiesenblümelein wurden von demselben zuverlässigen Liebesboten, der seine
Bouquets abzuliefern hatte, in seine Hände gespielt. Dass wir drei die
krampfhaftesten Zuckungen durchzumachen hatten, als wir ihn dann verklärt,
als schwebe er auf Wolken, herumgehen sahen, kann uns wohl niemand
verübeln. Uebrigens fühlten Karl und ich zuweilen leise Gewissensbisse.
Ohne unser Schüren wäre Hugos Leidenschaft vielleicht aus Mangel
an Nahrung zu einem unschädlichen Häuflein glimmender Kohlen
zusammengefallen, während sie jetzt lichterloh aufbrannte. Aber unser
Hauptmann mochte von einem dramatischen Abschluss mit Enthüllungen nichts
hören. Er hatte selber zu tief in Ilonas schöne Augen geblickt, und nun
bereitete es ihm ein boshaftes Vergnügen, die heilige Einfalt zu quälen,
die sich vermass, ihre Wünsche auf denselben Gegenstand zu richten, wie
Ahlfeld selber. Da verschwand unser Blasengel eines Tags spurlos aus unserm
Kreise und aus der Stadt.
Wiewohl ich über die Gefühle von Strassenräubern nicht sonderlich
genau unterrichtet bin, möchte ich behaupten, dass sie mit meinen und
Schönborns viel Verwandtes hatten. Wir setzten voraus, Hugo habe erfahren,
welche Narrenrolle wir ihn spielen liessen und sich, aus allen erträumten
Himmeln gestürzt, ein Leids angethan. Selbst Rupert ging merkwürdig
kleinlaut herum. Aber als nach vielen Wochen Hugo mit einem Trauerflor um
den Hut wieder in der Glorie eines Vollbärtchens und mit schärfer und
bestimmter umrissenen Zügen unter uns auftauchte, erwachte der alte
Adam sogleich wieder in ihm, und er rief dem Eintretenden entgegen:
»Landstreicher, wo hast du gesteckt? Ilona hat sich nicht wenig um dich
geängstigt; kein Tag verging, an dem sie nicht wenigstens über den
Gartenzaun hinüber nach dir fragte.«
»Ich wurde zu meinem todtkranken Onkel berufen und vermochte, wie ihr euch
vorstellen könnt, an seinem Sterbebette nichts andres zu denken, als dass
der alte Mann mir viel gutes erwies, und dass ich ihm zum Danke dafür die
grösste Enttäuschung seines Lebens bereitet habe.«
»Hoffentlich wurde bei deinem Erscheinen das bewusste gemästete Kalb
geschlachtet?« fragte Karl.
»Zu Festlichkeiten waren die Umstände nicht angethan; aber der verlorene
Sohn wurde mit offenen Armen aufgenommen.«
»Trotz deiner Grünzeugbilder?« spottete Rupert. »Dein Onkel war viel zu
nachsichtig; ich hätte es nicht über mich gebracht.«
»Die Grünzeugbilder (übrigens waren es diesmal zwei Fruchtstücke)
bahnten die Aussöhnung an,« versetzte Hugo triumphierend, »sie wurden in
meiner Heimath ausgestellt, und mein Onkel las im Lokalblättchen allerhand
Erbauliches von einem »vielversprechenden Sohn der Vaterstadt, dem Neffen
eines unsrer angesehensten Mitbürger.« Das Zureden alter Freunde that das
übrige. Vor seinem Tode hat er mir sogar das Zugeständniss gemacht, dass
nicht jeder von Mutter Natur so glücklich begabt sein könne, um eine
Zündhölzchenfabrik mit Erfolg leiten zu können, und dass es auf dieser
unvollkommenen Welt auch »Phantasten« (nämlich Maler, Musiker, Dichter
u. s. f.) geben müsse.«
»Und so bist du vermuthlich ein herzloser Kapitalist geworden?« fragte
Ahlfeld mit einem Stirnrunzeln; (er war keiner).
»Mein armer Onkel hat mich zum Erben eines sehr bedeutenden Vermögens
eingesetzt,« war die Antwort.
»Was wird Fräulein Balogh dazu sagen?« warf Schönborn aus alter
Gewohnheit, sie im Gespräch mit dem Blasengel unaufhörlich zu erwähnen,
ein.
»Dies zu erfahren, ist, wie ich fürchte, heute schon zu spät. Ich werde
morgen meinen Besuch bei ihr machen.«
Er zog seine Uhr heraus, und so mochten ihm die verblüfften Blicke
entgehen, die unser in diesem Augenblick nicht gerade sehr siegreiches
Triumvirat wechselte.
»Mensch, du gedenkst doch nicht selbst ihr Haus zu betreten?« stammelte
Rupert, nach Atem schnappend, »willst du gegen ihr ausdrückliches Verbot
handeln?«
Aber das war nicht mehr der alte Blasengel, der in unsern Händen biegsam
wie weiches Wachs gewesen. Nicht, dass er uns misstraute; aber der ererbte
Reichthum schien ihm eine bedeutende Sicherheit verliehen zu haben.
»Dieses Verbot kann nicht für immer Giltigkeit haben,« versetzte er,
»ich muss endlich in meiner Herzenssache selber handeln; es geht nicht an,
immer meine Freunde für mich eintreten zu lassen; denkt ihr nicht auch?«
Wir dachten im diesem Augenblick nichts anders, als dass eine Versenkung
unter unsern Füssen eine angenehme Sache wäre.
»Es ist kein Geheimniss für euch, wie wir mit einander stehen,« sagte er
roth werdend.
»Ja gewiss, aber überlege doch« --
»Ueberlegen?« er blickte Rupert befremdet an. »Solange ich ein armer
Teufel war, hielt ich es, so schwer es mir auch wurde, für meine Pflicht,
abseits zu stehen. Das ist nun anders geworden, ich vermag ihr ein
gesichertes, behagliches Loos zu bieten, kann ihre Wünsche, soweit sie die
Annehmlichkeiten des Lebens betreffen, erfüllen;« seine Augen blickten
dabei glückselig ins weite, als sähe er seine Geliebte wie eine Rose ins
weichste Moos gebettet. -- »Da Ilona keine herzlose Kokette ist, hoffe
ich, dass sie meine ehrliche Werbung annehmen wird, die sie nach allem nur
erwarten muss.«
Schönborn und mir brach der Angstschweiss aus den Poren. Wir wechselten
einen rathlosen Blick; sollten wir ihm sogleich das Spiel, das wir mit ihm
getrieben, enthüllen? Aber Rupert kam uns zuvor.
»Das heisst männlich gesprochen,« rief er und schlug ihm auf die
Schulter, »gehe zu ihr, wirb und lass dir von ihren Lippen dein Glück
verkünden; wir enthalten uns von jetzt ab jeder Einmischung.«
»Das wird die würdige Krönung unsres Spasses sein,« sagte Rupert
händereibend, als sich Lichtner bald darauf verabschiedet hatte,
vermuthlich um von dem Glück zu träumen, das ihm ja so sicher war. »Aus
ihrem eigenen Munde soll er hören, was für ein lächerlicher Narr er
gewesen ist. Ich will sie sogleich einweihen.«
Er schien Ilonas ziemlich sicher zu sein, dennoch rief ich erschrocken:
»Was fällt dir ein? Wie kannst du sie darüber aufklären, welche Rolle
wir sie in der Komödie spielen liessen?«
»Sei ruhig; in der Beschränkung zeigt sich euch der Meister. _Ihre_
heimliche tiefe Liebe werde ich mit einem mystischen Schleier zu verhüllen
wissen, nur von ihm soll die Rede sein. Mir ist's als hörte ich sie jetzt
schon bei dem Bericht helllaut auflachen.«
»Und du meinst, sie wird ihre Mitwirkung dazu leihen, den Blasengel aus
allen seinen Himmeln zu reissen?«
»Wenn ich sie bitte, gewiss.« Damit war er schon zur Thür hinaus.
»Ehe denn der Hahn kräht, wird es einen Abtrünnigen in unserm
Junggesellentrio geben,« sagte Schönborn, der sich mit Vorliebe auf
Weissagungen verlegt, wiewohl er das merkwürdige Unglück hat, sie nie
eintreffen zu sehen, »ich wette, der arme Hugo wird morgen von der
Anzeige empfangen werden: Rupert Ahlfeld, Ilona Balogh empfehlen sich als
Verlobte.«
»Ich wollte, wir hätten die Geschichte hinter uns,« murrte ich
verdrossen, »eigentlich haben wir uns gegen Lichtner schmählich benommen.
Ich lasse mich von Rupert zu keinem dummen Streich mehr verleiten.«
Ein weiser Entschluss, den ich sehr oft fasste, aber unter dem Einfluss
unsres Führers stets wieder vergass.
Als Rupert zu uns zurückkehrte, sah er zu unsrer Verwunderung alles
eher denn befriedigt aus. Er schleuderte seinen Hut in eine Ecke mit der
Bewegung eines Menschen, der, soll er nicht ersticken, seinem Aerger an
einem unschuldigen Gegenstande Luft machen muss, und warf sich mürrisch
auf einen Stuhl.
»Die Weiber haben keinen Sinn für Humor,« brach er aus, »und Ilona ist
in dieser Hinsicht von der Natur noch kärglicher bedacht worden, als ihre
Schwestern. Glaubt ihr, sie habe die Lippen nur einmal zu einem Lächeln
verzogen, als ich ihr die himmelschreienden Dummheiten ihres Troubadours
schilderte?«
»Hast du ihr erzählt, dass er sich wochenlang mit Häring, Wurst und
Kartoffeln vergnügt hat, damit die hübsche Nanni in unsrer Kneipe jeden
Morgen die prachtvollsten, rothen Zentifolien auf ihre Kammer trage?«
fragte Schönborn, der sich nicht vorstellen konnte, dass unser famoser
Spass ungewürdigt blieb, und der es deshalb vorzog, das Darstellungstalent
unsres Freundes anzuzweifeln.
»Du kannst dir denken, dass ich es mir nicht entgehen liess; und was für
Farben ich auftrug! Stünden sie mir so für die Leinwand zu Gebote, dann
würde ich Makarts Ruhm in einem halben Jahr verdunkeln. Lerne einer die
Frauen aus! Statt den dummen Tropf auszulachen, schien sie Mitleid für
ihn zu fühlen. Es machte mir den Eindruck, als wäre ihr seine stumme
Huldigung nicht entgangen.«
»Dass wir darauf nicht verfielen!« sagte ich verblüfft, »die Stadt
sprach davon, wie konnte ihr allein sein Minnedienst verborgen bleiben!«
»Und nun ärgerte es sie vermuthlich, dass die Toggenburgerei nicht so
ganz spontan war. Sie gab mir ein Pröbchen ihres Pusztentemperaments, dass
sich mir in der Erinnerung daran die Haare sträuben. Für solche elende
Possen sei der Name eines schutzlosen Mädchens zu gut, rief sie, als sie
hörte, ich habe ihn zu seinen Narrheiten mit der Vorspiegelung bestimmt,
er entspreche durch dieselben ihren Wünschen. Mein Benehmen sei
unritterlich, eines Gentleman unwürdig gewesen; was sie über euch, meine
Gehilfen, gesagt, will ich lieber verschweigen.«
»Also will sie nichts von der Rolle wissen, die du ihr zugetheilt?«
fragte ich, nicht sonderlich bekümmert; mir sagte die Pointe unsres
Spasses nicht so zu, wie Rupert, der seit der Rückkehr unsers Blasengels
eine seltsame Gereiztheit gegen ihn verrieth.
»Das hat sie mir zu meinem Erstaunen doch nicht abgeschlagen,« entgegnete
er, »sie will ihn morgen Nachmittag empfangen und die nöthige Aufklärung
geben; entweder fürchtet sie, dieselbe könne aus unsrem Munde nicht
schonend genug ausfallen, oder die Freude am Komödiespielen ist, trotz
allen Mitleids für ihren Getreuen denn doch in ihr erwacht.«
»Schade, dass wir der Entwicklung des Knotens nicht ungesehen beiwohnen
können,« meinte Karl, »der Ring des Gyges wäre jetzt gar nicht übel.«
»Es ist noch die Frage, ob wir nicht ohne diesen zurecht kommen,« warf
Rupert hin; doch selbst er wurde ein wenig verlegen. »Bei schönem Wetter
hält sich Fräulein Balogh meist im Garten auf und empfängt auch dort
ihre Gäste.«
»Und da belauerst du sie ohne Zweifel in euerem Gartenhause an der
Mauer! Höre Ahlfeld, du bist ein noch grösserer Thunichtgut, als ich
vermuthet,« rief Karl bewundernd.
Wie die drei Verschworenen aus einer Operette steckten wir am nächsten
Nachmittage in dem windschiefen Gartenhäuschen, dessen Dielen zu unsrem
Aerger bei jeder Bewegung verrätherisch knarrten. Wir konnten das
Schlachtfeld genau übersehen. Kaum zehn Schritte von uns entfernt sass
Fräulein Ilona mit einer Handarbeit unter einem Kastanienbaume; sie war
um einen Schatten blässer als gewöhnlich und sah für einen Aprilspass
ungemein ernsthaft aus. Ueber den Kiespfad kam der Blasengel mit einem
Gesicht heran, das den lieben Herrgott zu fragen schien »was kostet deine
Welt?« Das Fräulein hielt wie in grosser Befangenheit die Augen auf die
Arbeit gesenkt, die Röthe, die auf ihrem Gesichte kam und ging, hätte
jeden glauben machen können, ein wirklich verliebtes Mägdlein erblicke
den Erkorenen ihres Herzens.
»An ihr ist eine grosse Schauspielerin verloren gegangen,« flüsterte
Rupert entzückt.
»Sie spielt zu gut,« murrte ich, »sein Sturz aus der Höhe wird
fürchterlich sein.«
Darüber entgingen uns die ersten Worte der Begrüssung. Das Pärlein sass
nebeneinander auf einer Gartenbank. Die Sonne machte sich das Vergnügen,
ihnen goldene Funken auf das Haar zu streuen, hie und da fiel tanzend
ein Blatt vom Baume herab; das sah sehr hübsch und friedlich und für
Maleraugen ganz anziehend aus, aber mir bereitete der Anblick keinen
Genuss, denn ich -- eine ins männliche übertragene Kassandra -- sah das
Unheil unter dem Kastanienbaum brauen.
»Ich bin glücklich, dass Sie mir diese Unterredung gewähren, Fräulein
Ilona,« begann Hugo, bei weitem nicht so zaghaft, wie ich vorausgesetzt;
(wir hatten es uns ja auch angelegen sein lassen, ihm durch die
deutlichsten Beweise ihrer Neigung die Flügel zu steifen).
»Warum hätte ich Ihre Bitte abschlagen sollen?« erwiderte sie, »freue
ich mich doch selber, Ihnen endlich meinen Dank für die schönen Blumen
aussprechen zu können, mit welchen Sie mich jeden Morgen überraschten.«
Wir sahen einander starr an; -- welche Idee, für Blumen zu danken, die sie
nie bekommen!
»Wer hat es Ihnen verrathen, dass volle, rothe Rosen meine Lieblinge
sind?«
»Ich dachte an Ihre Landsmännin, die heilige Elisabeth«, sagte er
vergnügt.
»Und ich konnte zum Danke dafür, dass Sie der Fremden in Ihrer Stadt so
viel anheimelnd Freundliches erwiesen, nichts für Sie thun.«
»Nichts?« fragte er vorwurfsvoll und fuhr unwillkürlich mit der Hand
nach der Brusttasche, in welcher der gekaufte Haarsträhn samt Bändern
und Blümelein ohne Zweifel wohlgeborgen ruhte. Mit Falkenaugen folgte sie
seiner Bewegung.
»O, ich vergass; was war es nur? eine Haarlocke, eine Schleife und
dergleichen, nicht wahr?«
Wir konnten von unsrem Versteck aus beobachten, wie sich dunkle Röthe
über ihr Gesicht ergoss und sie die Hand in den Kleiderfalten zu einer
Faust ballte. Das galt uns. Diesen Theil der Historie hatte Rupert nicht
für gut befunden, ihr zu enthüllen.
»Ilona, wissen Sie, welche Deutung ich Ihren Andenken gab?«
»Ich weiss es; wenn ein Mädchen, ohne Einspruch zu erheben, sich die
stumme und doch so beredte Huldigung eines Mannes gefallen lässt, wenn sie
monatelang seine Blumen annimmt und ihn sogar durch kleine Liebespfänder
aufmuntert, dann ist sie entweder eine Gefallsüchtige und nicht werth,
dass ein Mann einen Gedanken an sie verschwende, oder --«
»Oder?« jubelte Hugo, »sprich es aus, Geliebte!«
»Oder sie erwidert seine Neigung.«
»Das geht zu weit«, murmelte Rupert zu meinem Erstaunen in lebhafter
Unruhe, »es ist eine unnütze Grausamkeit, so auf seine Einbildung
einzugehen.«
Hugo hatte sich der Hand Ilonas bemächtigt, doch sie entzog sie ihm.
»Noch nicht«, sagte sie und richtete sich hoch auf.
Jetzt kam ohne Zweifel die Katastrophe heran. Ich bekenne, dass mir das
Herz bänglich an die Rippen klopfte. Der arme Blasengel sah förmlich
rührend in seinem Glück aus.
»Die Zeichen haben Sie betrogen, die Blumen wurden an eine falsche Adresse
befördert, die Liebespfänder von schalen Possenreissern (unsre verdutzten
Gesichter bei diesem Ehrentitel hätte ich selber malen mögen) in Ihre
Hände gespielt; das Ganze war nur ein Aprilscherz.«
Wir durften beruhigt aufatmen, die auszeichnende Inschrift auf den
Grabmonumenten war uns gewiss; das Gesicht des Blasengels erschien grau und
hart wie ein Stein.
»Ein Aprilscherz? Und dazu gaben _Sie_ sich her?« Geringschätzung und
Empörung stritten in seinen Mienen.
Wir hörten deutlich, dass der leichte Ton, in dem sie antwortete,
erzwungen war.
»Mein Gott, was soll ein armes Mädchen thun, wenn es zu seinem guten
Recht kommen will? Sitte und Herkommen stellen sich in Wehr und Waffen
gegen sie auf, sobald sie ein wenig ihre eigene Vorsehung spielen möchte;
so muss sie es denn mit Freude begrüssen, wenn andre -- und wären es
auch nur läppische Clowns -- es für sie thun. Blicken Sie mich nicht so
strafend an, Herr Lichtner, ich habe Ihnen manches zu beichten, wozu ich
eigentlich der Aufmunterung bedarf! -- Auf Schritt und Tritt haben mich
seit Monaten ein paar treue, blaue Augen verfolgt. Sie hefteten sich im
Tanzsaal auf mich, während ich mich im Kreise drehte; sie begleiteten
mich auf meinen Spaziergängen, ja selbst in den Bildergalerien sah ich
sie unverwandt auf mich gerichtet und bald las ich in ihnen wie in einem an
mich gerichteten Briefe. Der Inhalt war sehr hübsch, vielleicht ein wenig
zu schwärmerisch für unsre kühle kluge Zeit, aber welches Mädchen
liesse sich nicht mit Freuden wie eine Heilige aus dem Kalender, statt wie
das gewöhnliche Menschenkind, das sie ist, bewundern! Aber wo blieb das
lebendige Wort? »Warum kommt er nicht und spricht mich an?« fragte ich
mich oft, »So viele gleichgiltige platte Gesellen drängen sich mir auf,
weil ihnen meine Unterhaltung behagt, oder mein Gesicht gefällt, nur
der einzige, der wirklich warm für mich empfindet, hält sich abseits.«
Zuweilen grollte ich Ihnen, manchmal fasste ich tolle Pläne, die sich nie
verwirklichen liessen, um Sie aus den Ecken hervorzulocken, in welche
Sie sich wie eine Fledermaus verbargen. Bis mir endlich eine Rolle in der
hässlichen Posse zugetheilt ward und mit ihr die Gewissheit, den stummen
Mund einmal sprechen zu hören. Sind Sie mir noch böse, dass ich sie
übernahm?«
»Ihnen Ilona? Nein, ich bin es nur mir selber. Was für ein alberner Narr
bin ich gewesen! Wie müssen Sie über den veralteten Minnewerber gelacht
haben!«
»Gelacht? nein; vielleicht im stillen gelächelt. Und auch das nur im
Anfang. Später fühlte ich mich gerührt und beschämt. Wie Schuppen fiel
es mir von den Augen, dass mir vor vielen Würdigeren ein grosses Glück
zugefallen, dass für mich das schöne Wort Wahrheit und mir die Liebe, die
das ihrige nicht fordert, zu Theil geworden.«
»Sie stellen mich zu hoch«, rief Lichtner, »denn ich kam, um zu fordern,
um Sie zu fordern. Ich bin nicht so genügsam und selbstlos wie Sie denken,
ich strecke meine Hand gierig nach dem höchsten Glück aus, das mir das
Leben gewähren kann.«
»Und warum kamen Sie erst heute?« entgegnete sie mit einem
Triumphlächeln. »Weil Sie nun das Weib Ihrer Liebe in Purpur und
köstliches Linnen hüllen können, als wäre es die Königin von Saba.
Dieselbe sorgende, opferwillige Liebe spricht heute aus Ihrem Kommen, wie
ehemals aus Ihrem Fernbleiben. Sie wandelten diesmal auf einem Irrweg,
denn ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich an Wohlstand und Komfort
verschenken; -- wären Sie enterbt, ohne andre Aussichten, als Ihr Talent
und Fleiss sie Ihnen eröffnen, zu mir gekommen, ich hätte Ihnen genau
so wie heute zugerufen: Hugo, wenn Sie mich eitles, oberflächliches
Geschöpf, das Ihre grosse, aufopfernde Liebe nicht verdient, an Ihr Herz
nehmen wollen, so bin ich die Ihre!«
Stockend, im ganzen Gesicht erglühend, sprach sie die letzten Worte.
Selbst einem in irdischen Dingen äusserst unbewanderten Blasengel musste
dies als der geeignetste Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in die Arme
zu schliessen. Für uns hingegen erwies es sich als passend und angemessen,
dem Tête-à-tête endlich die wünschenswerthe Einsamkeit zu verschaffen.
Rupert lief wüthend wie ein angeschossener Eber davon (auf Monate hinaus
allen Spässen so feind, wie der griesgrämigste Schulmeister). Wir zwei
folgten ihm und trotz aller Freundschaft für ihn winkten wir einander
behaglich zu. Es erweist sich stets als im hohen Grade befriedigend für
die unbetheiligten Zuschauer (und als solche fühlten wir uns trotz
unsrer schwächlichen Vorschubleistung der Posse), wenn die Tugend an der
gutbesetzten Tafel Platz nimmt.
»Das war ein zweischneidiger Aprilscherz«, raunte ich Schönborn ins Ohr.
»O, ich habe von allem Anfang an vorausgesehen, dass es so kommen werde!«
Das einzigemal in seinem Leben hatte er eine Prophezeiung für sich
behalten, und die ist in Erfüllung gegangen.
BEIM EHESTIFTEN.