7. Wie Erik dem Bauern seine Frau wieder verschaffte

Ein junger und tüchtiger Bauer auf den Westmändsinseln, der sich eben

verheiratet hatte, verlor seine Frau, als sie nach ihrer Gewohnheit

eines Morgens früh aus dem Bett gestiegen war, während der Bauer liegen

blieb; sie ging hinaus, um das Feuer zu entfachen, wie sie es jeden

Morgen zu tun pflegte, blieb aber diesmal länger als gewöhnlich fort,

so daß der Bauer sich zu langweilen begann. Er stand daher auf, um sie

zu suchen, fand sie aber nirgends auf dem Hof. Da ging er umher von

Hütte zu Hütte, um nach ihr zu fragen; niemand aber hatte sie an diesem

Morgen gesehen. Sowohl an diesem Tage wie an vielen der folgenden

waren viele Leute draußen, um sie zu suchen, sie war aber nicht zu

finden. Der Bauer nahm sich ihr Verschwinden so sehr zu Herzen, daß

er sich zu Bett legte und weder Schlaf noch Speise genießen wollte.

Es verstrich nun eine lange, lange Zeit, und je länger er lag, desto

elender wurde er, am meisten aber ging es ihm nahe, daß er nicht wußte,

auf welche Weise seine Frau gestorben war; denn das nahm er als ganz

sicher an, daß sie tot sei, und er hielt es für das Wahrscheinlichste,

daß sie in der See ertrunken sei. Man glaubte, daß der Bauer hinsiechen

und sterben würde, denn trotz aller möglichen Trostgründe wurde es

schlimmer mit ihm.

Da kam eines Tages ein Freund zu ihm und sagte: »Ob du nicht doch

versuchen solltest aufzustehen, wenn ich dir einen Rat gäbe, der dich

möglicherweise dazu führen könnte, daß du erführest, was aus deiner

Frau geworden ist?« »Das würde ich schon versuchen, wenn ich nur

könnte,« erwiderte der Bauer. Da sagte der andere: »Raffe dich jetzt

auf, verlasse dein Lager und nimm Nahrung zu dir; begib dich dann aufs

Festland und nach Selvog hinunter zu Pfarrer Erik in Vogsosar und bitte

ihn zu versuchen, deiner Frau auf die Spur zu kommen.«

Der Bauer wurde durch diesen Rat sehr gestärkt; er zog sich an und aß

und erholte sich allmählich, bis er sich zutraute, aufs Festland zu

ziehen, und es wird nun nichts von seiner Fahrt erzählt, bis er nach

Vogsosar kam. Erik stand vor seinem Haus, empfing ihn gut und fragte

nach seinem Begehr. Der Bauer erzählte, wie alles war. Da sagte Erik:

»Ich weiß nicht, was aus deiner Frau geworden ist; hast du aber Lust

dazu, dann kannst du ein paar Tage hier bleiben, und wir können sehen,

was zu tun ist.« Der Bauer nahm die Einladung an.

Nach zwei oder drei Tagen ließ sich Erik zwei graue Pferde nach Hause

bringen; das eine war ein schönes Pferd, das andere aber war häßlich

und mager. Erik ließ das letztere Pferd für sich satteln, während das

andere für den Bauern gesattelt wurde; dann sagte er: »Jetzt werden

wir auf den Sand hinausreiten.« Der Bauer sagte: »Besteigt das dürre

Gerippe da doch nicht, das kann Euch ja nicht tragen.« Erik tat, als

hörte er nicht, was der andere sagte. Sie ritten nun fort, in Sturm

und schwerem Regen. Als sie außerhalb der Öffnung der Bucht waren,

begann das magere Pferd stärker zu traben und ließ bald das andere

zurück. Der Bauer ritt hinter ihm her, so schnell er konnte. Erik aber

war ihm bald entschwunden. Er ritt jedoch weiter, bis er nach Gedeli

kam und zu den Steinen, die die Sysselsteine genannt werden und das

Grenzzeichen zwischen Arnes- und Guldbringesyssel bilden. Dort war Erik

schon angelangt. Er hatte ein großes Buch auf den größten Stein gelegt,

und kein einziger Tropfen fiel auf das Buch, und keins von den Blättern

bewegte sich, obgleich es in Strömen goß und furchtbar stürmte. Erik

ging gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte etwas zwischen

den Zähnen, worauf er zu dem Bauern sagte: »Jetzt gib acht, ob du

deine Frau siehst.« Eine Menge Menschen kamen nun an den Stein, und

der Bauer ging zwischen den Gruppen umher, von einem Menschen zum

andern, fand aber seine Frau nicht. Das sagte er Erik, der die Leute

anredete: »Fahrt nun dahin in Frieden und habt Dank dafür, daß ihr

gekommen seid!« Sogleich verschwanden alle. Erik wandte einige Blätter

in dem Buch um, und es ging ebenso wie zuvor. Da versuchte er es zum

drittenmal, und es geschah alles in derselben Weise. Als die letzte

Schar weggegangen war, sagte Erik: »War sie denn nicht in einer der

Gruppen?« Als der Bauer auf die Frage nein antwortete, errötete Erik

und sagte: »Jetzt beginnt es, bunt auszusehen, mein Lieber; ich habe

nun alle die Huldren hergeladen, die auf der Erde, in der Erde und im

Wasser leben, und deren ich mich erinnern konnte.« Er holte darauf ein

kleines Buch aus seiner Brusttasche hervor, sah hinein und sagte: »Mir

fehlt noch das Ehepaar aus Höieli.« Er legte das kleine Buch auf das

große, ging gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte wie zuvor.

Da erschien das Ehepaar und trug ein Glashäuschen zwischen sich; in dem

Häuschen aber sah der Bauer seine Frau. Erik redete sie folgendermaßen

an: »Schlecht habt ihr gehandelt, als ihr die Frau ihrem Manne nahmt;

packt euch, und Schande über euch für diese Tat, und laßt mich nicht

sehen, daß ihr solches öfter tut.« Sie gingen sofort davon, Erik aber

zerschlug das Glashäuschen, nahm die Frau und die Bücher und stieg mit

allem zu Pferde. Da sagte der Bauer: »Laßt mich meine Frau zu mir

aufs Pferd nehmen, denn Euer Pferd kann euch beide ja nicht tragen.«

Erik sagte, dafür würde er schon sorgen, ritt fort und verschwand bald

zwischen den Lavasteinen.

Der Bauer ritt weiter ostwärts, bis er nach Vogsosar kam, wo Erik

schon angelangt war; in der Nacht ließ dieser die Frau in seinem Bett

schlafen, lag aber selber vor ihr am Bettrand. Am nächsten Morgen

machte sich der Bauer zum Heimritt bereit. Da sagte Erik: »Es ist kaum

ratsam, die Frau solcherweise bei dir zu lassen; ich werde sie selbst

nach Hause bringen.« Der Bauer dankte ihm.

Der Pfarrer bestieg die dürre Kracke, setzte die Frau vor sich und ritt

davon. Der Bauer ritt hinterher, merkte aber nichts von Erik, bis er an

die Insel kam; da war er schon dort mit der Frau. Abends ging der Bauer

mit ihr zu Bett. Erik aber wachte drei Nächte bei ihr. Dann sagte er:

»Es ist nicht sicher, ob jeder daran Vergnügen gefunden hätte, diese

Nächte zu wachen, am wenigsten die letzte Nacht.« Von dieser Nacht an

hatte aber die Frau nichts mehr zu befürchten. Während Erik bei der

Frau wachte, gab er ihr jeden Morgen einen Trunk, und so erlangte sie

ihr Gedächtnis wieder, das sie ganz verloren hatte. Danach zog Erik

wieder heimwärts, erhielt aber erst reiche Geschenke von dem Bauern.

Isländische Märchen und Volkssagen · 第 125 / 145 题