2. Kalb besucht Saemund den Weisen

Ein andermal wollte Kalb Arneson Saemund den Weisen in Odde besuchen

und sagte seinen Leuten, daß er versuchen wolle, ihn ganz unerwartet

zu überraschen. Es wird von Kalbs Fahrt nichts erzählt, bis er bei

Nacht in Odde ankam und leise an die Tür klopfte. Saemund hörte, daß

geklopft wurde und befahl einem seiner Knechte, an die Tür zu gehen, um

zu sehen, wer der Ankömmling sei. Der Knecht ging hinaus, konnte aber

keinen Menschen entdecken; er ging deshalb wieder hinein und sagte, daß

niemand draußen stände. Da wurde zum zweitenmal geklopft, und Saemund

befahl einem andern Knecht, zur Tür zu gehen. Der Knecht gehorchte,

und da er draußen niemand erblicken konnte, ging er um den ganzen Hof

herum, sah aber trotzdem keinen Menschen; er ging daher unverrichteter

Sache wieder hinein und sagte, daß er niemand draußen gesehen hätte.

Da wurde zum drittenmal an die Tür geklopft. Nun sprang Saemund selber

auf, indem er sagte, daß wohl er es sei, mit dem der Ankömmling zu

sprechen wünsche. Er ging hinaus und sah seinen Genossen Kalb Arneson

draußen stehen, und sie begrüßten sich freundschaftlich. Kalb bat um

Obdach, und das wurde ihm nicht verweigert, wie man sich wohl denken

kann. Er bat Saemund, sein Pferd anzubinden, und Saemund begann, nach

einem solchen zu suchen. Kalb sagte, daß es ja eigentlich eine Schande

sei, von ihm zu verlangen, daß er sein Pferd anbinden solle, er glaube

jedoch, sagte er, daß er ihn darum bitten müsse. Saemund sagte, daß

er es schon tun werde, und sogleich machte er sich daran, es ging ihm

aber eine geraume Zeit nur schlecht von Händen. Kalb tat, als wundere

er sich darüber, wie lange er brauchte, um sein Pferd anzubinden, und

fragte ihn, ob er das nicht verstände. Saemund erwiderte, er glaube es

doch zu verstehen, er könne aber gar keine Füße unter dem Pferd finden.

Kalb sagte, daß sie aus dem Bauche herausständen wie bei jedem anderen

Pferd. Saemund antwortete, es sei, wie es wolle, dieses Pferd habe

keine Füße, wenigstens könne er sie nicht finden. Es verstrich nun eine

gute Zeit, in der Saemund fortfuhr, die Füße des Pferdes zu suchen, und

schließlich ließ er dieses Stück Arbeit sein, so daß man nicht weiß,

ob er je das Pferd angebunden hat oder nicht. Dann lud Saemund Kalb

ein hereinzukommen, und dieser nahm das mit Dank an. Saemund ging mit

einer Kerze in der Hand voraus und wartete ganz am Ende des Ganges auf

Kalb. Kalb aber zögerte noch draußen. Nach Verlauf einer ganzen Zeit

kam Saemunds Frau heraus und fragte, wer der Ankömmling sei. Saemund

sagte es ihr. Sie fragte ihn, ob er denn den Gast aufgefordert hätte,

hereinzukommen. Saemund erwiderte, daß er das schon längst getan

habe. Da wollte sie hinausgehen und ihn nochmals einladen, ins Haus

zu kommen; das wollte aber Saemund nicht haben, er würde schon bald

kommen, meinte er. Es verging noch eine geraume Zeit, bis Kalb endlich

ganz außer Atem hereinkam und Saemunds Frau bat, ihm einen reichlichen

Trunk zu bringen. »Brauchst du viel zu trinken?« fragte Saemund. Kalb

antwortete: »Es könnte leicht geschehen, daß andere als ich trinken

müssen, ehe der Abend um ist.«

Sie geleiteten Kalb dann in eine Stube und tischten ihm Speise auf und

gaben ihm ein Messer zum Essen. Als er aber mit dem Messer schneiden

wollte, war es ganz stumpf. Saemund fragte ihn, ob das Messer nicht

scharf sei. Kalb erwiderte nein. Saemunds Frau sagte, daß es nicht ihre

Absicht gewesen wäre, ihm eins ihrer schlechtesten Messer auszusuchen,

und daß dies Messer ihrer Meinung nach scharf sein müsse. Saemund bat

um das Messer; er wolle versuchen, es zu wetzen. Kalb gab ihm das

Messer, und als es Saemund gewetzt hatte, reichte er es Kalb wieder und

sagte, daß er sich jetzt damit vorsehen möge, denn nun glaube er, daß

es scharf genug sei. Kalb erwiderte, daß er davor keine Angst habe; als

er aber das erste Stück abschnitt, schnitt das Messer durch Brett und

Tisch und fuhr ihm tief in den Schenkel hinein. Saemund sagte, daß er

ihn ja gebeten hätte, sich vorzusehen, da das Messer scharf sei. Kalb

antwortete, daß die Wunde nicht tödlich sei und verband sie dann.

In diesen Zeiten war es Sitte und Brauch, vor und nach der Mahlzeit

ein Tischgebet zu lesen. Während Kalb nach beendeter Mahlzeit das

Tischgebet las, fiel Saemund wie tot vom Stuhl, und Kalb gebot, man

solle ihn sofort mit Wasser besprengen. Saemund erholte sich wieder,

und als ihn Kalb nun aufforderte, etwas Wasser zu trinken, tat er es

sofort. Da sagte Kalb: »Sagte ich nicht, daß andere als ich heute abend

noch trinken müßten, als ich um einen reichlichen Trunk bat, nachdem

ich mich nach der Tür müde gesucht hatte?« Dann hörten sie mit diesen

Neckereien auf und schwatzten miteinander darüber, wer von ihnen wohl

der Klügste sei.

Später aber erzählte Kalb, daß Saemund mehr in der Schwarzen Schule

gelernt hätte als er, und daß er daher mehr könne als er.

Isländische Märchen und Volkssagen · 第 113 / 145 题