11. Der Wunschaugenblick

Saemund der Weise erzählt, daß es an jedem Tage einen Wunschaugenblick

gäbe, der jedoch nicht länger dauere als eine Sekunde, und daß es

deshalb für einen Menschen kaum möglich sei, ihn abzupassen. Andere

dagegen erzählen, daß nur am Sonnabend der Wunschaugenblick vorkäme.

Einmal saß Saemund in der Badstube, während seine Mägde darin

beschäftigt waren. Da sagte er plötzlich: »Paßt auf, Dirnen, jetzt ist

der Wunschaugenblick gekommen; wünscht euch nun, was ihr am liebsten

haben möchtet.«

Da trällerte eine der Mägde und sagte:

»Von allem, was im Weltenrund

Ich wünschen mag vom Schönen?

Am liebsten, daß mich Saemund

Beschenkt mit sieben Söhnen!«

»Daß du stirbst, wenn du den letzten gebärst!« rief Saemund aus; denn

er war der Magd des Wunsches wegen gram. Diese Magd hieß Gudrun, und

sie wurde Pfarrer Saemunds zweite Frau. Sie bekamen sieben Söhne

miteinander, wie sie sich gewünscht hatte, die Frau aber starb im

Wochenbett nach dem letzten.

Saemund hob die Kleider, die Gudrun als Magd getragen hatte, auf und

hielt sie ihr oft vor Augen, um ihren Stolz zu dämpfen; denn sie war

sehr hochmütig über die Ehre, die sie erworben hatte. Es wird unter

anderem als eine Äußerung ihres Hochmuts erzählt, daß sie, als einmal

ein armer Mann zu ihr kam und sie um einen Labetrunk bat, ihm also

antwortete:

»Bester, sieh, der Bach fließt nah,

Trink wie Bischofs Pferd auch da!«

Isländische Märchen und Volkssagen · 第 109 / 145 题