10. Der Teufel und der beschränkte Bursch

Es wurde einmal ein Bursch, den man für außerstande hielt, etwas zu

lernen, zu Sira Saemund gebracht, damit dieser ihm Religion beibringen

sollte. Der Bursch aber war sehr beschränkt, und es fiel ihm äußerst

schwer, etwas zu begreifen; er selbst war sehr betrübt darüber, und

so manches Mal wünschte er sich Auffassungsgabe. Da träumte er eines

Nachts, daß ein Mann zu ihm käme und ihn fragte, ob er wünschte, daß

er ihm Auffassungsgabe verliehe. Dem Burschen war es, als sagte er ja

dazu. Da verlangte der Traummann als Entgelt dafür, daß der Bursch im

nächsten Frühjahr zur Kreuzmesse bei ihm Dienst nähme, und der Bursch

willigte ein. Darauf verschwand der Traummann.

Nach dieser Nacht fiel dem Burschen das Lernen so leicht, daß der

Pfarrer sich schier darüber wunderte; zugleich aber war der Bursch ein

ganz anderer geworden, als er zuvor gewesen war; denn jetzt war er

traurig und schwermütig. Dem Pfarrer fiel das auf, und er begann, ihn

nach dem Grund dieser Veränderung zu befragen. Lange wollte der Bursch

nichts darüber sagen, schließlich aber erzählte er dem Pfarrer, wie

alles gekommen sei. Dem Pfarrer wurde dabei etwas sonderbar zumute,

und er sagte, daß es wohl kaum ein Mensch gewesen wäre, von dem er

damals geträumt hätte, sondern vielmehr der Teufel, der ihn in sein

Netz locken wollte; nichtsdestoweniger aber bat ihn der Pfarrer, guten

Muts zu sein und nach bestem Wissen zu handeln. Der Winter verstrich,

und man näherte sich der Zeit der Kreuzmesse.

Am Abend vor der Kreuzmesse gebot Saemund dem Burschen, ihm nach der

Kirche zu folgen. Als sie dort hingekommen waren, führte ihn der

Pfarrer an den Altar, zog ihm die Meßkleider an, gab ihm die Monstranz

und den Kelch in die Hand und hieß ihn sich umdrehen. Er gebot ihm,

dort stehen zu bleiben, ohne sich zu bewegen, und jedem, der zu ihm

träte, Brot und Wein zu reichen, und wenn der zu ihm Tretende nichts

genießen wolle, so dürfe er nichts sprechen; und wenn Pfarrer Saemund

auch selbst zu ihm käme, dürfe er ihn nicht ansprechen, wenn er Brot

und Wein nicht genösse. Dann ging Saemund fort, der Bursch aber tat,

wie ihm der Pfarrer vorgeschrieben hatte.

Als er eine Weile am Altar gestanden hatte, kam derselbe Mann zu ihm,

den er früher im Traum gesehen hatte. Nun, sagte er, wäre er gekommen,

um ihn zu holen, und hieß ihn die Meßkleider sofort ausziehen und

das Ding fortstellen, das er in der Hand hatte. Der Bursch erwiderte

hierauf nichts, sondern reichte ihm nur Brot und Wein. Der andere aber

sagte, daß er nicht gekommen sei, um das Abendmahl bei ihm zu nehmen,

und forderte ihn eindringlich auf, jetzt zu kommen; der Bursch aber

ließ sich nicht irreführen, und der andere begab sich unverrichteter

Sache wieder fort. Danach war es dem Burschen, als kämen viele seiner

Freunde, einer nach dem andern, zu ihm, und bäten ihn im bösen und im

guten, den Ort zu verlassen, an dem er stand. Er aber reichte ihnen nur

Brot und Wein, keiner von ihnen aber hatte Lust dazu. Da war es ihm,

als träte Pfarrer Saemund auf ihn zu und fragte grimmig, was er dort

zu tun hätte, indem er ihm gebot, die Kleider sofort auszuziehen, die

Dinge wegzustellen, die er in der Hand hatte, und mit hinauszukommen.

Auch ihm antwortete der Bursch nichts, sondern reichte ihm nur Brot und

Wein. Da machte Pfarrer Saemund ein höhnisches Gesicht, indem er sagte,

daß er nicht gekommen sei, um Wohltaten aus seiner Hand zu empfangen,

und darauf verschwand auch er. Dem Burschen schien es nun, als kämen

allerlei Gespenster und Ungeheuer, ja sogar Teufel herein; es war, als

zittere und schwanke die ganze Kirche, und er glaubte, daß sie jeden

Augenblick in die Erde versinken oder einstürzen könne. Da erschrak er

so sehr, daß er um ein Haar die heiligen Geräte hätte aus den Händen

fallen lassen, um sein Heil in der Flucht zu suchen; da hörte er aber,

daß die Glocken geläutet wurden. Nun verschwanden augenblicklich alle

Mirakel, die er vor seinen Augen zu sehen geglaubt hatte; Pfarrer

Saemund aber kam in die Kirche hinein, ging zum Altar und kostete

von Brot und Wein. Er sagte darauf zu dem Burschen, daß jede Gefahr

vorüber sei; denn jetzt würde ihm keiner mehr nachstellen. Der Bursch

war herzlich froh über seine Befreiung und dankte dem Pfarrer, so gut

er vermochte. Von dieser Zeit ab war er Saemund sehr zugetan, und man

erzählt, daß er seine Fassungsgabe bis zu seinem Todestag behielt und

ein ausgezeichneter Mann wurde.

Isländische Märchen und Volkssagen · 第 108 / 145 题