12. Saemund der Weise auf dem Sterbebett

Saemund hatte das kleine Mädchen eines armen Mannes als Pflegetochter

angenommen. Er freute sich sehr mit ihr und liebte sie über alles, so

daß er sie immer in seiner Nähe haben und sich nie von ihr trennen

wollte. Als er in den letzten Zügen lag, ließ er sie am Fußende seines

Bettes liegen; denn er hielt sie für am besten geeignet, Zeugin

seines Todes zu sein. Es ahnte ihm, während er krank dalag, daß dies

sein Sterbelager sein würde; und zugleich konnte das Mädchen ihm

anmerken, daß er in Furcht und Zweifel war, ob er nach dem Tode zur

Glückseligkeit des Himmels eingehen würde, oder ob er an einen anderen

Ort müßte.

Am Abend, ehe er starb, bat er seine Pflegetochter, nachts bei ihm zu

wachen und genau aufzupassen, daß sie nicht einschliefe; denn seine

Gedanken sagten ihm, daß er in dieser Nacht sterben sollte; wenn das

aber der Fall wäre, dann würden Zeichen erscheinen, was in der anderen

Welt aus ihm werde; und darum bat er sie, alles genau zu beobachten,

um seinen Verwandten und Freunden mit voller Sicherheit erzählen zu

können, welcher der beiden Aufenthaltsorte sein Los wäre. Als er das

gesagt hatte, schwieg er und begann einzuschlafen, während das Mädchen

getreulich bei ihm wachte.

Im Laufe der Nacht sah sie, daß sich die Bodenkammer, in der sie sich

befanden, mit Teufelchen füllte. Es schien ihr, als ob sie Saemund

mit ihren Versprechungen zu etwas Bösem verlocken wollten, aus seinen

Worten und Mienen aber schloß sie, daß er ihnen in nichts zu willen

sein wollte. Als die Teufelchen auf diese Weise nichts auszurichten

vermochten, versuchten sie, Saemund durch Drohungen zum Bösen zu

bewegen. Diesen aber widerstand er ebenso mannhaft, wie er zuvor ihren

Lockungen widerstanden hatte. Darauf verschwanden die Teufelchen;

kaum aber waren sie fort, als sich die Kammer mit gefräßigen Mücken

füllte, die Saemund angriffen. Er hatte aber so viel Kraft verloren,

daß er sich der Mücken nicht erwehren, noch sie verscheuchen konnte.

Während aber der Mückenschwarm ihn aufs schlimmste biß, sah sie, daß

ein Lichtglanz aus seinen Augen emporschwebte, und da wußte sie, daß es

seine Seele war, die sich zu den Gefilden der Seligen aufschwang.

Da war aber auch der ganze Mückenschwarm verschwunden und Saemund der

Weise entschlafen.

Fußnoten:

[11] Saemund der Weise, der Sammler der Sänge der älteren Edda,

war einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit.

Isländische Märchen und Volkssagen · 第 110 / 145 题