Elfter Auftritt

Verwandlung

Kürzeres Zimmer. Rechts die Eingangstür, links führt eine Glastür

nach dem Garten. Auf dieser Seite befindet sich ein massiver

altmodischer Tisch und ein Stuhl. Rechts an der Wand neben der

Tür ein hoher Spiegel. Neben der Gartentür ein Sekretär.

Rappelkopf kömmt in heftiger Bewegung zur Glastür herein. Sein

ganzes Wesen ist sehr auffahrend. Er sieht die Menschen nur auf

Augenblicke oder mit Seitenblicken an und wendet sich schnell,

entweder erzürnt oder verächtlich, von ihnen ab.

Rappelkopf.

Ha! Ja!

Lied

Ja, das kann nicht mehr so bleiben,

's ist entsetzlich, was sie treiben.

Ins Gesicht werd ich belogen,

Hinterm Rücken frech betrogen,

's Geld muß ich am End vergraben,

Denn sie stehln als wie die Raben.

Ich hab keinen Kreuzer Schulden,

Bare hunderttausend Gulden,

Und doch wirds mir noch zu wenig,

Es tät not, ich wurd ein König.

Meine Felder sind zerhagelt,

Meine Schimmel sind vernagelt,

Meine Tochter, wie betrübt,

Ist das ganze Jahr verliebt.

Alle Tag ist das ein Gwinsel

Um den Maler, um den Pinsel,

Der kaum hat ein Renommee,

Und vom Geld ist kein Idee.

Und mein Weib, bei allen Blitzen,

Will die Frechheit unterstützen,

Sagt, er wär ein Mann zum Küssen,

Wie die Weiber das gleich wissen!

Und das soll mich nicht verdrüßen?

Ja, da möcht man sich erschießen.

Und statt daß man mich bedauert,

Wird auf meinen Tod gelauert,

Und so sind sie alle, alle,

Ich zerberste noch vor Galle.

Drum hab ich beschlossen und werd es vollstrecken,

Ich laß von den Menschen nicht länger mich necken.

Ich lasse mich scheiden, ich dringe darauf.

Der ganzen Welt künd auf Michäli ich auf.

Die Liebe, die Sehnsucht, die Freundschaft, die Treue,

Mir falln s' nur nicht alle gschwind ein nach der Reihe,

Die lockenden, falschen, gewandten Mamsellen,

Die mich fast ein halbes Jahrhundert schon prellen,

Die lad ich noch einmal zum Frühstück ins Haus

Und peitsch sie, wie Timon, zum Tempel hinaus.

Es ist aus! Die Welt ist nichts als eine giftge Belladonna, ich

habe sie gekostet und bin toll davon geworden. Ich brauch nichts

von den Leuten, und sie kriegen auch nichts von mir, nichts Gutes,

nichts Übles, nichts Süßes und nichts Saures. Nicht einmal meinen

sauren Wein will ich ihnen mehr verkaufen. Ich habe Aufrichtigkeit

angebaut, und es ist Falschheit herausgewachsen. Es ist

schändlich, ich bin auf dem Punkte durch meinen eignen Schwager

zum Bettler zu werden. Er hat mich überredet, mein Vermögen

einem Handlungshause in Venedig anzuvertrauen, das jetzt dem

Sturze nah sein muß. Ich erhalte keine Interessen, keinen Brief

von meinem heuchlerischen Schwager, den ich verkannt und der

vielleicht im Bunde steht mit dem betrügerischen Volk. Und so

täuscht mich alles! alles! Darum will ich keinen Kameraden mehr

haben als die zanksüchtige Erfahrung.

Das ist der vorsichtge, weltghetzte Hase

Mit der vom Unglück zerstoßenen Nase,

Mit dem millionmal verwundeten Schädel,

Das ist mein Mann, den behandle ich edel.

Ich hab zu viel ausgestanden in der Welt. Mich hat die

Freundschaft getäuscht, die Liebe betrogen und die Ehe gefoltert.

Ich kanns beweisen, ich hab vier Attestaten, denn ich hab das

vierte Weib. Und was für Weiber! Eine jede hat eine andere

Untugend ghabt. Die erste war herrschsüchtig. Die hat wollen

eine Königin spielen. Bis ich als Treffkönig aufgetreten bin.

Die zweite war eifersüchtig bis zum Wahnsinn. Wie sich nur eine

Fliegen auf meinem Gsicht hat blicken lassen, pums, hat sie s'

erschlagen. Das waren zwei Ehen--da kann man sagen, Schlag auf

Schlag. Die dritte war mondsüchtig. Wenn ich in der Nacht hab

etwas auf sie sprechen wollen, ist sie auf dem Dach oben gsessen.

Jetzt frag ich einen Menschen, ob das zum Aushalten war? Aber

sie haben doch behauptet, sie könnten mit mir nicht leben, und

sind aus lauter Bosheit gestorben. Bin aber nicht gscheid

geworden, hat mich die Höllenlust angewandelt, eine vierte zu

nehmen. Eine vierte, die viermal so falsch ist als die andern

drei. Die mein Kind in ihrem Ungehorsam unterstützt. Den Maler

protegiert, den Maler, der vor Hunger alle Farben spielt. Nichts

als immer wispert mit der Dienstbotenbrut, Komplotte macht gegen

ihren Herrn und Meister. (Sieht zur halboffnen Eingangstür

hinaus.) Aha! Da schleicht das Stubenmädel herum. Die hat schon

wieder eine Betrügerei im Kopf. Die wär nicht so übel, das

Stubenmädel, das ist noch die sauberste--aber ich hab einen

Haß auf sie, einen unendlichen--ich werd sie aber doch

hereinrufen, bloß um sie auf eine feine Art auszuforschen. He!

Lischen! (Schreit.) Herein mit ihr!

Der Alpenkönig und der Menschenfeind · 第 16 / 45 题