östlichen Grenzen vor, wo er den Tod fand, den er suchte, am 14.
Februar 1009. Ein kurzer aber lügenhafter Bericht über seine Predigt,
seine Wunder und sein Ende, der nichts als ein Bettelbrief ist, wie
dergleichen auch sonst vorkommen, angeblich von seinem Begleiter
Wipert, hat sich erhalten[13]; eine andere Schrift über ihn, die als
wahrhaft gerühmt wird, kennen wir nur aus der späteren Magdeburger
Chronik, wo sie benutzt ist. Vielleicht hat auch schon Thietmar
von Merseburg sie vor sich gehabt[14], der letzte Schriftsteller
Sachsens, den wir in dieser Periode zu betrachten haben, und der
erste, bei dem eine Art gelehrter Forschung vorkommt. Denn bei allen
den Schriftstellern, die uns bis jetzt beschäftigt haben, ist die
Aufzeichnung der Zeitgeschichte die Hauptsache, sie schrieben, was sie
erlebt oder gehört hatten. Die Zusammenstoppelung der älteren Theile
der Annalen, Widukinds Berufung auf Bücher am Anfang seiner Geschichte,
lassen sich als gelehrte Arbeit kaum in Anschlag bringen. Diesen ganz
unvollkommenen Anfängen gegenüber zeigt uns die Chronik Thietmars schon
einen bedeutenden Fortschritt.
[13] MG. SS. IV, 579. Bielowski 229. E. Kunik macht mich darauf
aufmerksam, daß der angebliche Name des Preußenkönigs Nethimer
vielmehr slavisch ist.
[14] L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 303.
$Thietmar von Merseburg.$
Ausgabe seiner Chronik von Wagener, 1807, 4. mit guten Anmerkungen.
Die einzige kritisch zuverlässige von Lappenberg MG. SS.
III, 723-871 u. mit weit genauerer Benutzung der Hs. von Fr.
Kurze, Hann. 1889, 8. Die Eintheilung in Bücher und Capitel
ist hier verändert. -- Uebersetzung von Ursinus, Dresden 1790,
mit nützlichen Anmerkungen u. Benutzung des Cod. Dresdensis;
von Laurent, mit Vorwort von Lappenberg, 1848; 2. Ausgabe von
Strebitzki 1879; Berichtigungen 1892, Geschichtschr. XI, 1,
Bd. 39. Nachträgliche Bemerkungen über Thietmars Leben, Archiv
IX, 438. Ueber ein Meßbuch und Kalender mit Eintragungen von
Thietmars Hand, Hesse ib. IV, 276, und Ausgabe von Hesse in
Höfers Zeitschrift für Archivkunde I, 111; Dümmler, N. Mitth. XI,
223-264. Ueber sein Epitaph NA. IX, 246. L. Giesebrecht, Wendische
Geschichten III, 305. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit
I, 785. II, 558. Erklärung von Thietm. Chron. VII, 20 von Waitz,
Forsch. XIII, 492-494. Strebitzki: Thietmarus quibus fontibus
usus sit, Königsb. Diss. 1870. Zur Kritik Thietmars, Forsch. XIV,
349-366. Ueber VII, 5-8, Zeißberg in d. Mitth. d. Wiener Inst.
III, 109-115. -- F. Kurze, Abfassungszeit u. Entstehungsweise
der Chronik Thietmars, NA. XIV, 59-86. Nachlese XVI, 459-472.
Thietmar, ein Sohn des Grafen Sigefrid von Walbeck, am 25. Juli 975
geboren, getauft vom Bischof Hilliward von Halberstadt, stammte
aus einem der vornehmsten Geschlechter Sachsens; er war mit den
bedeutendsten Fürstenhäusern, selbst mit den Ottonen verwandt, und
die wichtigsten Ereignisse im Reiche hatten deshalb eine persönliche
Beziehung zu ihm, so daß er frühzeitig von allen Kunde erhielt und mit
den Verhältnissen des Reiches vertraut wurde. Von Emnilde, einer Nichte
der Königin Mahthild, erhielt er als Knabe den ersten Unterricht in
dem kaiserlichen Stifte Quedlinburg; vom zwölften Jahre an vollendete
er seine Schulbildung im Kloster Bergen und in Magdeburg selbst. An
Belesenheit in kirchlichen und profanen Schriftstellern fehlte es ihm
nicht, einen guten lateinischen Stil zu schreiben hat er aber nicht
gelernt. Im Jahre 1002 wurde er Probst des Klosters Walbeck an der
Aller[15], einer Stiftung seines Großvaters, und endlich 1009 Bischof
von Merseburg; ein Amt, welches er löblich, aber nur zehn Jahre lang
verwaltete, denn er starb schon am ersten December 1018 in seinem
dreiundvierzigsten Lebensjahre. Vom König Heinrich II war er schon 1004
in Allstedt bei seiner Priesterweihe beschenkt, von da an verkehrte
er viel am Hofe und empfing auch als Bischof den König bei sich in
Merseburg.
[15] Ein prachtvolles, aber in den Bildern unvollendetes Evangeliar aus
Walbeck saec. XI mit eingeschriebenen Statuten und Urkunden, in
Libri's Auctionscatalog (1859) n. 358, Facs. pl. 35. Ein schönes
Evangeliar saec. X, das zur Beeidigung diente, in Magdeburg in d.
Bibl. d. Domgymn. 275, s. d. Progr. 1880, S. 99-101.
Das Bisthum Merseburg hatte, obschon erst von Otto I gegründet, doch
schon mannichfaltige und merkwürdige Schicksale erlebt; zum Gedächtniß
der Ungernschlacht auf dem Lechfelde dem h. Laurentius zu Ehren
gestiftet[16], wurde es schon durch den zweiten Bischof Gisiler völlig
zerstört, um diesem den Weg zum Erzbisthum Magdeburg zu bahnen, und
ungeachtet vielfacher Anstrengungen konnte die Herstellung doch erst
nach Gisilers Tode (1004) erlangt werden.
[16] Nach Uhlirz, Gesch. d. Erzb. Magd. S. 164 DD. Ott. II 90, hat
Thietmar diese Urkunde gefälscht, um dem Bisthum einen strittigen
Wald zu erhalten, was nach damaliger Auffassung auch als löblich
gelten mochte.
Diese Ereignisse, so lange sie noch in frischer Erinnerung hafteten,
für die Nachkommen durch schriftliche Ueberlieferung festzuhalten,
war eine dringende Pflicht, die Thietmar zu erfüllen übernahm. Die
Geschichte des Ottonischen Hauses, die verschiedenen Wechselfälle des
stets fortgesetzten Kampfes mit den Wenden gehörten mit Nothwendigkeit
zu einer Geschichte Merseburgs. Thietmar aber beschränkte sich auch
darauf nicht, sondern wie das im Mittelalter so häufig war, und sich,
da so wenig geschrieben wurde und ein Buch schon ein Schatz war, leicht
erklärt: da er überhaupt einmal ein Buch schrieb, so legte er in diesem
auch alles nieder, was ihm denkwürdig schien, alle seine Erlebnisse,
die kleinsten wie die größten, und was er zu Hause und am Hofe sah und
hörte, oder was er in anderen Büchern fand. Noch hat sich seine eigene
Handschrift, wenn auch nicht unversehrt, erhalten, und sie zeigt uns am
deutlichsten, wie er arbeitete, wie er immer neue Zusätze und Nachträge
machte. Bald trug er am Rande nach, was ihm später bekannt wurde, bald
erzählt er rückblickend, was eigentlich an eine frühere Stelle gehört.
Manchmal ist dadurch der Zusammenhang gestört, es sind Widersprüche
entstanden, und die Form ist überall mangelhaft: die letzte Hand
fehlt, und auch durch wiederholte Ueberarbeitung hätte der Verfasser
aus diesem lose an einander gereihten Stoffe kein einheitliches
Geschichtswerk machen können. Aber die ihm vorliegenden Nachrichten des
Widukind, der Quedlinburger Annalen, allerlei Notizen aus Necrologien,
wahrscheinlich auch eine Magdeburger Gründungsgeschichte[17] und eine
Halberstädter Chronik[18], sind doch immer mit verständiger Auswahl
in einander gearbeitet, und mit seiner aus mündlicher Ueberlieferung,
aus Urkunden und späterhin aus eigener Erinnerung geschöpften Kenntniß
verbunden. Wenn man die rohen Excerpte der Annalisten von Hildesheim
und Quedlinburg dagegen hält, so kann man einen bedeutenden Fortschritt
nicht verkennen, und es hat noch lange gedauert, bis man im Stande war
etwas besseres zu leisten.
[17] Vgl. oben S. 329. Die sog. _Erectio Magdeburgensis_ (Stumpf 454.
Leibn. Ann. Imp. III, 238), eine in die scheinbare Form der
Synodalverhandlungen von Ravenna 968 gebrachte Erzählung, ist
von F. van Hout, De chron. Magd. p. 28-33, als in dieser Gestalt
unecht nachgewiesen; Dümmler, Otto I S. 445, legt die Entstehung
nach Halberstadt, Lindeck, Die Stellung des B. Halberstadt zur
Gründung d. Erzb. Magdeb. (Progr. d. Domgymn. zu Halb. 1879) nach
Magdeburg. -- Ruotgers Leben des Erzb. Brun und S. Ulrichs Leben
kannte er, ohne sie eigentlich zu benutzen.
[18] Diese, schon von Weiland vermuthet, nimmt auch Kurze jetzt anstatt
der früher von ihm angenommenen Hild. Ann. maj. von 975 an; Progr.
S. 5, und stellt eine Untersuchung darüber in Aussicht.
Als Geschichtsquelle betrachtet hat aber Thietmars Werk gerade einen
besonderen Werth dadurch, daß das Gefüge seiner Bestandtheile so leicht
zu erkennen ist, wodurch die Kritik wesentlich erleichtert wird; man
bedarf der Vorsicht bei ihm, da er nicht selten aus Flüchtigkeit
Versehen begangen hat. Andererseits kommt es uns nicht minder zu
gut, daß er auch geringfügige Umstände nicht verschmähte und deshalb
ein lebendigeres Bild der damaligen Zustände gewährt, in dem wir
dergleichen kleinere Züge nur ungern vermissen würden.
Wie er nun eigentlich gearbeitet hat, das ist erst durch Fr. Kurze mit
großem Scharfsinn festgestellt worden durch die genaueste Untersuchung
der theils von ihm selbst, theils von acht verschiedenen Schreibern
geschriebenen und überall von ihm überarbeiteten und vermehrten
Handschrift, und dadurch zugleich für die Entwirrung seiner Chronologie
und die Aufklärung mancher Schwierigkeiten Licht gewonnen. Hatte
schon Bethmann ausgefunden, daß er nicht vor 1012 sein Werk begonnen
habe, so hat doch jetzt alles eine ganz andere Gestalt gewonnen durch
den Nachweis, daß Thietmar mit VI, 41-46 (VII, 1-15 K.) begann, in
demselben Jahr 1012 vielleicht auch schon I, 1-10 (18 K.) schrieb. Im
Jahre 1013 schrieb er das zweite und dritte Buch, 1014 IV, 1-8 (9),
10, 11 (15-17), 16 (23-25), 22-24 (31-37), 26-34 (39-54), das fünfte
Buch und vom siebenten 1-4 (VIII, 1-3), im J. 1015 das sechste Buch und
VII, 5-13 (VIII, 4-20). Er schrieb gleichzeitig was er erlebte, ließ
aber Raum für Nachträge und Zusätze, mit welchen im vierten Buch eine
ganze Lage ausgefüllt ist; diese entfernen sich häufig ganz von der
chronologischen Folge und haben dadurch namentlich im vierten Buch die
Ordnung sehr gestört.
Zu solchen Nachträgen gab ihm vorzüglich die Bekanntschaft mit den
Quedlinburger Annalen Anlaß, welche er vor 1016 nicht gekannt hat,
weshalb auch VII, 1-13 (VIII, 1-20) keine Spur davon zu finden ist.
Mit Benutzung derselben schrieb er 1016 die Zusätze zum zweiten und
dritten Buch, ferner VI, 46-61 (VII, 16-41) und VII, 13-25 (VIII,
20-35); im Jahr 1017 den Rest des vierten Buches bis auf die erst 1018
geschriebenen Capitel 47-51 (70-75) und VII, 25-50 (VIII, 36-69), auch
I, 15-17 (26-28); im Jahre 1018 endlich, was von der Fortsetzung noch
übrig war, wobei natürlich die Annalen nicht mehr zu gebrauchen waren.
Möglich, daß nicht alle Einzelheiten richtig sind, aber im wesentlichen
ist wohl an der Richtigkeit dieser Ergebnisse nicht zu zweifeln und es
lösen sich dadurch viele Schwierigkeiten, um so mehr, da auch alle die
zahlreichen Nachträge und Aenderungen zweiter Hand genau verzeichnet
sind. Etwas räthselhaft sind Zusätze einer Hand, welche Lappenberg
Thietmar selbst zuschrieb, während Kurze sie erst in die Zeit Heinrichs
V setzt. Ueberall wo diese Zusätze sich finden, ist zugleich am Rande
etwas ausgekratzt und dem Inhalt nach scheinen sie gleichzeitig zu
sein.
Für die ersten drei Bücher standen Thietmar wenig Quellen zu Gebote,
die wir nicht auch noch besäßen; aber von dem Anfange der Regierung
Otto's III an werden seine eigenen Mittheilungen immer reichhaltiger.
Er schrieb die Geschichte dieser letzten Jahre gleichzeitig mit
den Ereignissen selbst; sein Werk nimmt da fast den Charakter eines
Tagebuches an und verbindet deshalb die Zuverlässigkeit der besseren
Annalen mit größerer Fülle und Reichhaltigkeit.
Daß es ihm, dem Bischof, der viel am Hofe verkehrte und zum Rathe des
Kaisers gehörte, dem nahen Verwandten der bedeutendsten Fürsten nicht
an Mitteln fehlte, sich über die wichtigsten Vorfälle und den ganzen
Gang der Begebenheiten genau zu unterrichten, erwähnten wir schon;
auch entfernte Begebenheiten bei anderen Völkern und an den fremden
Höfen verfolgt er mit bemerkenswerter Aufmerksamkeit und Kenntniß.
Ebensowenig ist aber auch ein Grund vorhanden, seine Wahrheitsliebe zu
bezweifeln. Sich selbst schont er durchaus nicht; mit der rührendsten
Bescheidenheit deckt er seine eigenen Fehler und Schwächen auf, und
durchgehends bewährt er sich als einen redlichen Mann von biederer
Gesinnung und bestem Willen. Dafür können wir ihm denn wohl die
Unbehülflichkeit der Darstellung, die große Leichtgläubigkeit, den
oft gesuchten Ausdruck und das gelegentliche Prunken mit seiner mühsam
erworbenen Gelehrsamkeit verzeihen.
Wegen seines vorherrschend provinziellen Charakters ist Thietmars Werk
zwar von sächsischen Schriftstellern viel benutzt worden, hat aber
eine weitere Verbreitung nicht gefunden. Vorzüglich fleißig wurde es
vom Annalista Saxo ausgebeutet, mit Zusätzen über das Kloster Corvey,
die sich in der Brüsseler Handschrift befinden. Daraus ergiebt sich,
daß die Urschrift derselben schon im zwölften Jahrhundert in Corvey
verfertigt sein muß, doch, wie R. Wilmans nachgewiesen hat[19], erst
gegen das Jahr 1160.
[19] Kaiserurkunden der Provinz Westfalen I, 109-112, zu MG. SS. III,
840 und 860.
Wie viel des für uns werthvollsten Materials aber alle diese Chronisten
unbeachtet bei Seite gelassen haben, davon giebt uns das von Jaffé
entdeckte Aufgebot von 981 zur Heerfahrt nach Italien eine Probe[20].
[20] Bibl. V, 471; vgl. Max Lehmann, Forsch. IX, 435-444. Giesebr. I,
842. G. Matthaei, Klosterpolitik Heinrichs II (Diss. Gott. 1877)
S. 91-95.
§ 6. Lothringen. Cöln. Trier. Metz.
Wir haben in Sachsen die neue Entwickelung litterarischer Thätigkeit
unter der unmittelbaren Einwirkung des Ottonischen Hauses betrachtet,
und auch in Lothringen ist es ein Ludolfinger, der Kirche und Schule
zu neuem Leben weckt, unter dessen Pflege überall frische Keime
hervorspringen, die bald zu reicher Fülle sich entfalten.
Noch mehr als Sachsen war Lothringen durch innere Zwietracht zerrüttet
und durch äußere Feinde verwüstet. Die alten Stätten der Cultur, die
reichen Bischofsitze und Klöster lagen großentheils in Asche, und von
den Einkünften der Stiftsgüter zehrten die Vasallen, denen sie als
Preis ihrer Treue oder Untreue zugefallen waren; kaum bewahrten ein
Paar verwilderter und unwissender Geistlicher den kirchlichen Charakter
von Klöstern, die man früher weithin mit Ehrfurcht und Bewunderung
genannt hatte.
Durch Heinrich und Otto wurde das fast verlorene Land den Westfranken
wieder entrissen und mit dem Ostreiche neu vereinigt; aber den innern
Frieden herzustellen, Ordnung zu schaffen und die beginnende Reform
der verwahrlosten kirchlichen Zustände zu pflegen und zu befestigen,
das war die schwere Aufgabe, welche dem Bruder Otto's des Großen, dem
Erzbischof =Bruno von Cöln= (953-965), zufiel und von diesem auf das
glänzendste gelöst wurde.
Wir haben schon oben S. 321-323 der Wirksamkeit dieses ausgezeichneten
Mannes gedacht, und können um so weniger auf eine ausführliche
Schilderung derselben eingehen, da er selbst nicht als Schriftsteller
aufgetreten ist[1]. Sein Leben hat uns einer seiner Schüler
beschrieben, =Ruotger=, der Bruno sehr nahe gestanden hatte und die ihm
von dessen Nachfolger Folkmar (965-969) übertragene Aufgabe nicht ohne
Geschick gelöst hat[2]. Sein Werk gehört zu den besseren Biographien
des Mittelalters, ist reich an Inhalt, wenn auch für unsere Wünsche
viel zu kurz und gedrängt, und faßt das wesentlichste von Bruns Leben
und Wirken mit richtiger Auffassung und wahrheitsgetreu zusammen.
Die Sprache ist nicht eben gewandt, schwülstig und von den üblichen
Ausdrücken der kirchlichen Redeweise erfüllt, aber frei von Fehlern;
man erkennt die gute Schule darin, von welcher auch die noch zahlreich
erhaltenen Handschriften der Cölner Dombibliothek aus dieser und der
nächstfolgenden Zeit Zeugniß geben. Dem Prudentius entlehnte er einen
Vers zur Charakteristik Otto's I, und auch Citate aus Vergil und
Terenz, aus Persius, Juvenal, Cicero und Sallust fehlen nicht[3].
[1] Die von Peiffer aufgewärmte Nachricht von Commentaren zum
Pentateuch und zu den Evangelien, die er verfaßt haben soll, ist
unglaublich. Man kann Ruotger und der Cölner Kirche den Schimpf
nicht anthun, anzunehmen, daß sie das gänzlich vergessen haben
sollten. Dagegen auch Cardauns, Städtechroniken XII p. LV.
[2] _Ruotgeri Vita Brunonis_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 252-275 und
auch besonders abgedruckt. Varianten bei B. Simson im Archiv
f. Gesch. d. Niederrh. VII, 167-172. Uebersetzung von Jasmund,
1851. 1890. Geschichtschr. Bd. 30 (X, 3). Ueber alte Abschriften
des Testaments Bruno's NA. VIII, 191. -- Vgl. Giesebr. I, 781;
Textkritik S. 826 (vgl. Dümmler Otto I S. 220). 830. Dümmler
S. 372. Janssen in den Annalen des Niederrhein. hist. Vereins
I, 85. Joh. Ph. Peiffer. Hist. krit. Beitr. z. Gesch. Bruns I,
Aachen 1870. Strebitzki, Quellenkrit. Untersuchungen zur Gesch.
Erzb. Br. im Progr. d. kath. Gymn. v. Neustadt in Westpreussen,
1875. Dierauer in Büdingers Untersuchungen z. mittl. Gesch. II,
1-50. Maurenbrecher S. 24-27, dessen Tadel die ganze Gattung der
kirchlichen Biographie trifft, zu welcher diese nun einmal gehört.
Seiner künstlichen Deutung der Stellen über die Motive der Empörer
kann ich nicht beistimmen; vgl. Rommels Aufsatz in den Forsch. IV,
121-158 und Maurenbrechers Entgegnung ib. 587-598; Dümmler Otto
I S. 212. -- Ueber die viel spätere zweite Vita (ib. 275-279) s.
Vogel, Ratherius II, 14-18. Peiffer S. 13. Varianten bei Simson
S. 163-165. Wie Cardauns, Städtechron. XII, p. LVI bemerkt, muß
sie doch schon im 12. Jahrh. entstanden sein, da sie in den Ann.
Col. max. benutzt ist. -- Ein _Epitaphium Brunonis_ bei Dümmler,
Otto I S. 594. Damit verbunden andere, mit griechischen Worten
prunkende Epitaphien aus Bruns Schule, viell. von Ruotger, NA.
X, 346: eines wahrscheinlich auf die Aebtissin Hathuwig von Essen
(† 18. Juli 947), eines auf den Cölner Bürger Wolfrad.
[3] Dümmler, Forsch. XII, 445. Simson S. 172. Manitius, NA. XII, 369.
370.
Für diese eifrigen Studien zeugen auch die _libri prestiti de armamario
S. Petri_ (oben S. 263); unter den Entleihern sind B. Adelbold (von
Utrecht 1010-1026) und Abt Elias (von Groß-Sanct-Martin 1010-1026);
sehr viele aber, darunter 2 Bibeln, 3 Vergile, 2 Lucane, 3 Prisciane,
hat ein Unbekannter, gewiß ein Scholasticus, dessen Name ausgekratzt
ist. Eine sehr schöne, reich geschmückte Evangelienhandschrift, auch
mit Versen über die Evangelisten und poetischen Widmungen versehen,
schenkte der Domkirche ein Diaconus Gerhous, höchst wahrscheinlich
identisch mit dem Erzbischof =Gero= (969-976), dem Bruder des
Markgrafen Thietmar[4]. Ihm als Erzbischof ist die oben S. 42 erwähnte
Ursulalegende gewidmet.
[4] K. Lamprecht im NA. IX, 620-623, vgl. S. 669.
Zu Bruns Gehülfen bei seinen reformatorischen Bestrebungen
gehörte =Christian=, der erste Abt des von ihm gestifteten
Pantaleonsklosters[5], der ihn bis 1001 überlebte. Der erste eilfertig
errichtete Bau stürzte zusammen, man grub zu Erzbischof Folkmars Zeit
(965-969)[6] ein tieferes Fundament und fand dabei Gebeine, die einem
heiligen Maurinus zugeschrieben wurden. Niemand wußte etwas von ihm,
auch =Stephan= nicht, der auf Abt Christians Gebot, als Erzbischof Gero
schon todt war, sein Leben beschrieb; die Geschichte der Auffindung
aber mit den unvermeidlichen Wundern enthält einige geschichtliche
Umstände[7]. Ferner erhielt das Kloster aus Rom durch die Kaiserin
Theophano einen h. Albin, von dem man gar nichts wusste, auf ihn aber
die fabelhafte Legende des h. Albanus übertrug; diese Schrift ist
aber erst aus dem elften Jahrhundert[8]. Erzbischof Everger (985-999)
widmete der Domkirche einen mit besonderer Pracht geschriebenen
Lectionar[9]. Als er am 10. Juni 999 gestorben war, wurden Boten
nach Italien an Otto III geschickt, um sich den Kanzler Heribert
auszubitten; von diesen starb der Diaconus Rudolf in Rom und es wurde
ihm zu Ehren ein Epitaph gedichtet (NA. II, 601).
[5] Ruotgeri Vita Brun. c. 28. „Compertum quantum praestitistis
saeculo, cari invicem et noti, et in verbis prudentiae saepe
admirati“, Translatio S. Maurini.
[6] Peiffer hat darauf hingewiesen, daß Poppo-Folkmar in den Fulder
Todtenannalen zu 969 eingetragen ist, wie schon Leibniz erkannte.
Auch der alte Catalog giebt ihm 4 Jahre. Das Jahr 967 der Cölner
Annalen wird also wohl falsch sein. So auch Dümmler, Otto I S.
466.
[7] _Inventio et Translatio S. Maurini_, Mab. V, 336-341. Acta SS.
Jun. II, 279-283. Ausz. MG. SS. XV, 2, 683-686. Noch unbedeutender
und später geschrieben sind die _Transl. S. Evergisli_ von Tongern
nach der Caecilienkirche und _Patrocli_ von Troyes nach Soest,
MG. SS. IV, 279-281; Varianten zu beiden bei Simson l. c. p.
173. In diesen Kreis gehört auch die oben S. 174 erwähnte ganz
fabelhafte _Vita Reinoldi_. -- Die _Miracula S. Pantaleonis_, Jul.
IV, 421-426 sind späteren Ursprungs und unbedeutend.
[8] _Translatio S. Albini_ ed. L. v. Heinemann, SS. XV, 2, 686-688.
[9] Eccl. Colon. Codd. p. 60.
Uebrigens aber haben Bruns Bemühungen in Cöln selbst am wenigsten
Frucht gebracht; ausser den unbedeutenden kleinen =Cölner Annalen=[10]
ist keine litterarische Erscheinung weiter anzuführen, denn auch die
kleine Chronik des Schottenklosters =Groß-Sanct-Martin=, so wie die
Gründungsgeschichte von =Gladbach= und das =Leben Heriberts=[11], die
ihrem Inhalte nach hierher gehören, sind doch erst in der folgenden
Periode verfaßt worden.
[10] _Ann. Colonienses_ 776-1028 e cod. CII, MG. I, 97-99 mit
unzulänglichen Berichtigungen SS. XVI, 731. Neue Ausg. im Verz. d.
Cölner Handschriften S. 127-131. _Ann. Colon. breves_ 814. 898-964
e cod. Vat. Urb. 290 aus Brauweiler, MG. SS. XVI, 730.
[11] Ihm widmete ein 'Albuinus heremita' einen Sammelband, worin sich
u. a. Adso de antichristo befand, s. Catal. Monac. I, 3, 199; W.
Meyer, Der ludus de antichristo, S. 4; Schum, Catal. bibl. Amplon.
p. 558. -- Verse an Heribert, gekünstelt und ohne Inhalt, NA. XVI,
178.
Jene Annalen aber, die bis 939 auf gemeinsamer Grundlage mit den
alamannischen, Reichenauer und St. Galler Annalen beruhen, von
da an heimischen Ursprungs sind, haben merkwürdiger Weise einen
weitreichenden Einfluß gehabt, indem der erste, von einer Hand aus
einer älteren Handschrift überschriebene Theil von 776 bis 957 in die
Annalen von Dijon, mit diesen dann in die von Rouen, Caen, und anderen
Orten der Normandie, und weiter in die angelsächsische Chronik und in
die Annalen von Lund übergegangen ist[12].
[12] Theopold, Kritische Untersuchungen über die Quellen der
angelsächsischen Geschichte (1872) S. 83-87. Die betreffenden
Stücke aus Annalen der Normandie nebst Auszügen aus den
Fortsetzungen bis ins 14. Jahrh. giebt Holder-Egger: _Ex Annalibus
Normannicis_, MG. SS. XXVI, 488-517.
In Cöln war wenig Boden für wissenschaftliche, wenigstens für
geschichtliche Thätigkeit. Dagegen regte sich in =Trier=, nachdem
wieder bessere Zeiten gekommen waren, der alte Geist aufs neue. Sogar
mitten unter den Stürmen, welche das unglückliche Land verheerten,
hatte man im Kloster =St. Maximin=, wie in Corvey, es nicht ganz
unterlassen, einige geschichtliche Nachrichten aufzuzeichnen[13].
[13] _Annales S. Maximini_, von 708-987, MG. SS. IV, 6. 7. Sie sind bis
840 von einer Hand, und bis dahin, wie B. Simson bemerkt, aus den
Ann. S. Columbae Senon. abgeschrieben.
Im Jahre 882 verwüsteten die Normannen das Stift, und auch hier blieben
nur einige Weltgeistliche ohne klösterliche Zucht; im Jahre 933 stürzte
die Kirche ein. Aber schon 934 wurde die Klosterzucht hergestellt,
und unter dem Abte Hugo oder Ogo[14] gedieh das klösterliche Leben so
gut, dass schon 937 König Otto die Mönche für seine neue Stiftung in
Magdeburg von hier entnahm. Anno, der erste Abt von St. Moritz, wurde
(950-978) zum Bischof von Worms befördert, der zweite Otwin 954 zum
Bischof von Hildesheim, während Abt Hugo selbst 945 Bischof von Lüttich
wurde. Etwas später (972) wurde Sandrad, der erste Abt von Gladbach,
aus St. Maximin entnommen, 975 Ramwold, 978 Hartwich, die Hersteller
klösterlicher Zucht in St. Emmeram und Tegernsee[15]. Unter dem Abte
Wiker (957-966) verfaßte =Sigehard=, ein Mönch von St. Maximin, eine
Schrift über die Wunder ihres Heiligen, welche über den Verfall und
die Herstellung der lothringischen Klöster nicht unwichtige Nachrichten
enthält[16]. Um 965 wurde daselbst eine Sammlung für kanonisches Recht
zusammengestellt[17]. Damit ist die litterarische Thätigkeit von St.
Maximin erschöpft, wenn man nicht die kecke Urkundenfälschung in
Heinrichs V Zeit dazu rechnen will.
[14] Die Namen der 70 Mönche unter Ogo „qui monasterium reparavit“,
MG. SS. XIII, 301. Vgl. Dümmler, Otto I, S. 65. In d. Bibl. de
l'École des chartes XLV (1884), S. 578-580 ist Nachricht gegeben
von einem Evang. mit Nachrichten über Kirchweihen in St. Maximin,
deren erstes Blatt fehlt. Weihe der Krypte 952 unter Willer, einer
Capelle am 2. März 1018 unter Winrich. Ausg. von Sauerland SS. XV,
2, 1269: aus der einst von Wilthem benutzten Hs. v. Nick, Stud.
u. Mitth. aus d. Bened. Orden X, 82 (NA. XV, 212).
[15] Notizen darüber in einem schönen alten Evangeliar aus Tegernsee,
NA. VIII, 377.
[16] _Miracula S. Maximini_, Acta SS. Mai. VII, 25-33. Excerpta
ed. Waitz, MG. SS. IV, 228-234; in Verse gebracht von einem
ungenannten Scholasticus, ed. Kraus im Rheinländ. Jahrb. L,
205-210. Vgl. auch Mabillon, De restitutione disciplinae in
Trevirensibus Monasteriis, Act. V, 341 bis 344. Zwischen 963 und
965 wurde in St. Maximin das Diptychon mit Namen der Ott. Familie
geschrieben, facs. in Papebr. Propyl. Antiq. Acta SS. Apr. II;
Ausg. mit Facs. von Fr. X. Kraus, Westdeutsche Zts. IV, 138-156.
[17] M. Sdralek, Wolfenb. Fragmente, Münster 1891. -- Ueber eine
Urkundenfälschung aus dieser Zeit Bresslau, Westd. Zts. V, 35;
u. daselbst S. 20-65 über ihre ganzen Urkunden-Ueberlieferung u.
Fälschung.
Auch =Prüm= erholte sich wieder, doch scheint es in Regino (oben
S. 259) seinen einzigen Historiker hervorgebracht zu haben; auch
lag es gar fern von der Straße. In den letzten Jahrzehnten dieses
Jahrhunderts, unter den Aebten Hilderich († 993) und Stephan (†
1001), wurde hier auf Kosten und Bitten des Mönches Wicking vom Mönche
Nother ein sehr schönes Antiphonar geschrieben[18]. Auf Befehl des
Abts Wolfram schrieb 1084 der Schüler Arnold die Chronik des Regino,
Einhards Annalen und Leben Karls nebst Thegan in einem Bande[19]. Ein
Verzeichniß der Aebte ist unter Hizo (1068-1077) geschrieben und weiter
fortgesetzt[20], in dem werthvollen Chartular, welches als liber aureus
bekannt ist. In demselben sind die Todesdaten der Könige, Kaiser u.
a. von 768 bis 1106 zusammengestellt[21] und am Schlusse finden sich
sehr schätzbare necrologische Annalen von 1039 bis 1102, wo sich noch
einige Notizen anschließen. Der Anfang scheint durch Ausschneiden eines
Blattes verloren zu sein. Damit ist auch die historische Litteratur von
Prüm erschöpft.
[18] Paris Suppl. Lat. 641 jetzt Lat. 9448, ausgelegt Arm. XIX n. 198.
Zwei Miniaturen bei Jules Labarte, Hist. des Arts Industriels,
Album II, pl. XC nebst der Inschrift. Waagen III, 276.
[19] MG. I, 539. Ermisch, Die Chronik des Regino S. 26. Kurze den
Hersfelder entnommene Annalen 906-919 daraus, Arch. XI, 300.
[20] Fontes IV, 460, MG. SS. XIII, 302. Ein Verz. Prümer Mönche zw. 948
u. 971 ex libro aureo, bei Lamprecht, Deutsches Wirthschaftsleben
III, 319-321.
[21] _Annales necrologici Prumienses_, MG. SS. XIII, 219-223.
Von Erzbischof =Rotger= von =Trier= (917-930) ist eine Sammlung
kanonischer Vorschriften für die Priester seines Sprengels
zusammengestellt, wovon sich leider nur der Anfang erhalten hat[22].
Irrig ist ihm auch eine etwas spätere Materialiensammlung ähnlicher Art
aus Trier zugeschrieben worden[23].
[22] Arch. VIII, 813.
[23] O. v. Heinemann, Cat. d. Wolfenb. Hss. I, 356 nach Wasserschleben;
berichtigt von L. Weiland, Zts. f. Kirchenrecht XX.
Der Erzbischof =Rodbert= (930 bis 956), ein Bruder der Königin
Mahthild[24], war ein gelehrter Mann, der die Wissenschaft liebte;
ein Brief Rathers an ihn zeigt uns, daß er diesem einige Probleme
vorgelegt hatte[25], und Flodoard widmete ihm sein großes Gedicht
über die römischen Päbste[26]. Unter seinen Nachfolgern[27] hat sich
vorzüglich =Ekbert= oder =Egbert= (977-993), ein Sohn des Grafen
Dietrich von Holland, ein dauerndes Andenken geschaffen und nachhaltig
gewirkt. Sehr merkwürdige von ihm gestiftete Weihgeschenke in Trierer
Emailarbeit verwahren die Domschätze in Trier und Limburg[28]. In
der Trierer Stadtbibliothek ist ein Fragment einer reichverzierten
Abschrift von Gregors I Registrum, die er hat machen lassen, mit
Versen zu Otto's II Preise verziert (NA. II, 437). Ihm ist der
berühmte Psalter von Cividale gewidmet[29]. Reichenau brachte ihm das
prachtvolle Evangelistarium dar, welches sich jetzt in der Trierer
Stadtbibliothek befindet[30]. Ekberts Bedeutung zeigt sich auch
darin, daß die ältesten Bischofskataloge bis auf ihn reichen[31]. Nach
langer Zeit des schweren Drucks und angestrengter Kämpfe regte sich
wieder selbstbewußte strebsame Thätigkeit. Mit Gerbert war Ekbert
in Verbindung, und überlegte, ob er zu dem Kreise hervorragender
Männer, welchen Otto II in Italien um sich sammelte, auch aus Trier
Scholastiker schicken sollte[32]. Sehr begreiflich ist es nun, daß man
gerade hier vorzüglich dem Alterthum sich zuwandte. Die alte Größe
Triers, welche aus den gewaltigen Bauwerken der Römerzeit vernehmlich
redete, und die vielfachen Ueberlieferungen aus der früheren Zeit
eines blühenden kirchlichen Lebens, forderten zur Erforschung der
Vergangenheit auf, für welche es aber, nachdem in der normannischen
Verwüstung vieles zu Grunde gegangen war, an zuverlässigen Hülfsmitteln
mangelte. Man bemühte sich, Biographieen der alten Trierer Heiligen
zu schreiben und überließ sich aus Mangel an echten Nachrichten einer
regellosen Phantasie, die zu immer unsinnigeren Fabeleien führte. So
entstand in dieser Zeit jene märchenhafte Urgeschichte Triers, welche
besonders aus der späteren Bisthumsgeschichte bekannt ist[33]. Nicht
viel besser begründet ist auch das Leben des =Diaconus Adalbert=,
eines Gefährten des heiligen Willibrord, dem das Kloster =Egmund=
gewidmet ist; Erzbischof Ekbert, der Sohn des Stifters[34], ließ um
985 durch den Mönch Ruopert von Mettlach an der Saar diese Arbeit
ausführen[35]; von Adalbert wußte er sehr wenig, dieser war aber, wie
Holder-Egger nachgewiesen hat, der erste Abt von Echternach. Die in den
Wundergeschichten gegebenen Nachrichten über die Klosterstiftung hat
gleichfalls Holder-Egger erläutert und als zuverlässig befunden.
[24] S. Waitz, Heinrich I (3. Ausg.) S. 108 und 138.
[25] Vogel, Rather I, 98.
[26] Handschriftlich ist der Erzb. Ruotger genannt († 930), wofür
wegen des chronolog. Widerspruchs in Hist. litt. de la France VI,
318 Rodbert gesetzt ist. Vgl. Dümmler, Otto I S. 543.
[27] Erst Sigebert V. Deod. c. 2 nennt Heinrich (956-964) u. Ekbert
Schüler des Erzb. Brun, was nach Dümmler, Otto I S. 399, grundlos
ist.
[28] Aus'm Weerth, Kunstdenkm. im Rheinland III. Ders. Siegeskreuz
Constantin VII. Weih-Inschriften bei Brower et Masen, Ann.
Trev. I, 483. St. Beissel, Egbert v. Trier u. die byzant. Frage.
Stimmen aus Maria-Laach 1884, II. S. 260 ff. Janitschek, Gesch.
d. deutschen Kunst S. 65 ff.
[29] Piper, Kal. u. Martyrol. d. Angelsachsen S. 20. Eitelberger.
Jahrb. der Centralcommission II, 254, und daraus F. X. Kraus im
Rheinl. Jahrb. XLIV, 166. Archiv XII, 679.
[30] Oberflächl. Nachricht bei Kugler, Kl. Schr. II, 474. Die
Inschriften in Mone's Zeitschr. III, 11-13. K. Lamprecht,
Der Bilderschmuck des Cod. Egberti u. des Cod. Epternac. im
Rheinl. Jahrb. LX (1881) S. 56-112, mit 9 Tafeln. F. X. Kraus,
Die Miniaturen des Cod. Egberti in d. Stadtbibl. zu Trier, in
unveränderl. Lichtdruck, Freiburg 1884, 4. St. Beissel, Bilder der
Hs. des K. Otto in Aachen (1886) S. 9-18; S. 17 gegen Lamprechts
Datierung.
[31] Kraus im Jahrb. d. Alterthumsfr. im Rheinland XXXVIII, 27 ff.
XLIV, 163-167. Vgl. Boehm. Fontt. IV p. LIII. MG. SS. XIII, 296.
[32] Hontheim, Hist. Trev. I, 323 aus Gerberts Briefen; _scholasticos_
deutet er als Schüler, was mir zweifelhaft ist.
[33] S. die Vorrede zu den Gesta Trevirorum von Waitz.
[34] Ueber die von Kleyn mitgetheilten Bücherverzeichnisse, worin auch
die von Ekbert geschenkten, s. NA. XV, 210.
[35] Acta SS. Jun. V, 97-109. Mab. III, 1, 631-646 mit Weglassung der
Vita. Nach der Weihe der neuen Kirche 1143 wurden viele Wunder
hinzugefügt. Auszug von Holder-Egger, MG. SS. XV, 2, 699-704, vgl.
S. 1319 u. NA. XIII, 29-32.
Daneben aber wurde von einem Mönche des Klosters St. =Maximin= auch
eine Geschichte der Gegenwart verfaßt, in der Form ausführlicher
Jahrbücher, welche wir wohl unbedenklich als die beste Reichsgeschichte
dieser Zeit bezeichnen können, ohne damit den eigenthümlichen Vorzügen
Widukinds zu nahe zu treten. Es ist die =Fortsetzung der Chronik des
Regino=, verfaßt um das Jahr 964, und bis 967 fortgeführt von einem
unbekannten Mönche von St. Maximin, der sich nicht allein durch seine
Schreibart als einen der besten Schriftsteller seiner Zeit zu erkennen
giebt, sondern der auch außerdem eine ungewöhnliche Stellung haben
mußte, um einen so klaren Einblick in den Gang der Dinge zu erhalten
und so zuverlässige Nachrichten sammeln zu können. Dem Erzbischof
Wilhelm von Mainz muß der Verfasser nahe gestanden haben, besonders
aber =Adalbert=, dem Mönch von St. Maximin, der 961 als Bischof nach
Rußland geschickt wurde, 966 die Abtei Weißenburg im Elsaß erhielt, und
endlich 968 auf den neuen erzbischöflichen Stuhl von Magdeburg erhoben
wurde, einem Manne also, der kein gewöhnliches Mönchsleben führte[36].
Da nun gerade mit diesem Jahre die Fortsetzung abbricht, so hat W.
v. Giesebrecht[37] richtig bemerkt, daß Adalbert ein nahes Verhältniß
zu dem Verfasser gehabt haben müsse, eine Ansicht, welche nicht nur
allgemeine Zustimmung gefunden hat, sondern auch dahin erweitert ist,
daß Adalbert selbst als der Verfasser angenommen ist, besonders wegen
des Berichts über sein Geschick in den Jahren 961 und 962, welchen
kaum ein anderer so abfassen konnte. Die Ereignisse in Italien sind ihm
ebenso gegenwärtig, wie die lothringischen; er theilt wie die Verfasser
der alten Reichsannalen, die Gesichtspunkte des Hofes und ist durchaus
nicht in provinzieller Einseitigkeit befangen, was bei einem Mönche wie
Widukind, der in seiner Zelle blieb, kaum anders möglich war.
[36] Sickel im 1. Ergänzungsband der Mitth. d. Inst. S. 361 hält ihn
für den Notar Liutolf A, der 953-958 in der k. Kanzlei gearbeitet
hat, und diesen wieder der Schrift nach für identisch mit
einem Adalbertus, der 950 in Köln eine Urk. des Erzb. Wiefrid
recognoscirt (Facs. Kaiserurkunden in Abbildungen, 7. Lief. N.
30). Er müßte sich dann aus der Kanzlei ins Kloster zurückgezogen
haben.
[37] Geschichte der Kaiserzeit I, 778.
Adalbert also kam 962 von seiner gefahrvollen und gänzlich erfolglosen
Sendung nach Rußland zurück; er fand jetzt beim Erzbischof Wilhelm
eine sehr liebevolle Aufnahme „wie ein Bruder vom Bruder“, und ich habe
daran die Vermuthung geknüpft[38], daß er wohl wirklich Wilhelms Bruder
oder Halbbruder gewesen sein möge, ein Sohn jener vornehmen Wendin,
welche Wilhelms Mutter war. Denn Männer geringer Herkunft erhielten
damals nicht leicht ein Bisthum, weil die stolzen Vasallen sich ihnen
nicht unterordneten, und wir wissen sonst gar nichts über Adalberts
Abkunft. Der Erzbischof befahl ihm, die Ankunft des Kaisers im Palast
abzuwarten, und er wird sich dort wohl, trotz seiner Erhebung zum Abt
von Weißenburg, viel aufgehalten haben, zuletzt begleitete er, wie
Uhlirz wahrscheinlich gemacht hat[39], im Spätherbst 967 den jungen
Kaiser Otto II nach Italien, wo er zum ersten Erzbischof von Magdeburg
erhoben wurde. Dadurch wird die weitere Fortführung des Werkes
verhindert sein.
[38] Einleitung zur Uebersetzung (1890) S. VII.
[39] Gesch. d. Erzbisthums Magdeburg S. 56.
Es liegt nun ferner die Vermuthung nahe, daß der Erzbischof Wilhelm
es war, welcher, dem Beispiel seiner Vorgänger folgend, den Anlaß
zu diesen Aufzeichnungen gab. Vor der Heimkehr aus Rußland können
wir den Anfang nicht ansetzen, weil nirgends vorher die Aufzeichnung
als gleichzeitig erscheint, vielmehr die Kenntniß späterer Vorgänge
vorausgesetzt wird; ja, wie Werra[40] bemerkt, setzt sogar noch, was zu
964 über den Grafen Udo geschrieben ist, dessen Unternehmen im Jahre
966 voraus. Es bedurfte also zur Anknüpfung an die Chronik des Regino
schriftlicher Hülfsmittel und als solches diente vorzüglich ein uns
nicht mehr erhaltenes Exemplar der Reichenauer Annalen, reichhaltiger
als das uns bekannte, und kenntlich durch die Benutzung desselben
Exemplars in Hermanns Chronik[41]. Sonst ist außer St. Maximiner
Klosternachrichten u. a. von Fr. Kurze die Benutzung jener oben S. 241
erwähnten Fulder Annalen nachgewiesen, die bis 939 gereicht zu haben
scheinen. Die Erzählung wird nun immer ausführlicher und gestaltet sich
zu einer wirklichen, wenn auch sehr knapp gehaltenen Reichsgeschichte,
ganz in der Weise der alten Reichsannalen. Der Verfasser konnte aus
eigener Erfahrung schöpfen, vielleicht auch frühere Aufzeichnungen
benutzen. Mittheilungen kundiger Zeitgenossen und Berichte, besonders
über die Vorgänge in Italien an den Erzbischof, werden ihm nicht
gefehlt haben. Für den Zeitraum von 960 bis 967 ist keine andere Quelle
damit zu vergleichen[42].
[40] Jos. Werra, Ueber den Continuator Reginonis. Diss. Lips. 1883.
[41] So nach W. Erben, NA. XVI, 613-622, der wohl mit Recht die
Benutzung der Ann. Laubac. u. Sangall. abweist. Besonders
beachtenswerth ist die Bemerkung zum J. 938, wo nach Hermann
„Arnulf“ statt „Eberhard“ gesetzt wird, und Eberhard v. Baiern
ganz aus der Geschichte gestrichen.
[42] _Continuator Reginonis_ ed. Pertz, MG. SS. I, 614-629 und eine
Ergänzung zum Jahre 967 SS. VI, 620. Neue Ausg. von Fr. Kurze
1890; vgl. NA. XV, 324-330. Uebersetzung von Büdinger 1857; 2.
Ausg. 1890. Geschichtschr. 28 (X, 1). Zu Hugo Isenbart: Ueber
den Verfasser und die Glaubwürdigkeit des Cont. Reg. (Diss. Kil.
1889) s. Kurze, NA. XVI, 209. -- In Bern ist ein cod. s. XI. von
Augustin de civ. dei aus St. Maximin „quem Hato bibliotecharius
fecit“. Catal. codd. von H. Hagen S. 9.
Unter den Suffraganen von Trier ist besonders =Metz= ausgezeichnet
durch wissenschaftliche Thätigkeit unter einer Reihe trefflicher
Bischöfe, welche den Glanz von Chrodegangs Zeiten erneuten. Schon 883
April 22 weihte Erzbischof Radbod, ein Alamanne, zum Bischof von Metz
seinen Landsmann Ruotpert, einen Freund Notkers, also vermuthlich
aus der Schule von St. Gallen[43], wie denn auch Radbod 885 das Fest
des Schutzheiligen in St. Gallen feierte, und in die Verbrüderung
aufgenommen wurde[44]. Ruotpert starb am 2. Januar 917. Nachdem der von
König Heinrich 927 eingesetzte Schwabe Benno im folgenden Jahre von
seinen Feinden geblendet war, gelang es =Adalbero= (929-962), eine
gesicherte Wirksamkeit zu gewinnen. Von hier besonders ging durch
eigenen inneren Antrieb die neue Klosterreform aus, hier zuerst faßte
sie festen Boden und verbreitete sich dann auch weiter zu entfernteren
Klöstern: diese Erneuerung von unten auf und von innen heraus, welche
allein für die Wirksamkeit des Erzbischofs Brun eine dauernde Grundlage
gewähren konnte. Die Bischöfe Adalbero und Dietrich beförderten diese
Richtung und die Thätigkeit der Männer, welche sie hauptsächlich
vertraten, auf alle Weise, und bald sehen wir die lothringischen
Klöster aus tiefem Verfall sich zu einer neuen und dauernden Blüthe
erheben.
[43] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 261.
[44] St. Galler Mitth. XI, 13. In dem oben S. 270 angef. Dialog heißt
es S. 489: „Nobilissimo atque scholasticissimo Ruodperto nuper in
Metensis ecclesiae sede pontificatus honore sublimato.“
Der Mittelpunkt dieser Bestrebungen war lange Zeit das Kloster
=Gorze= in der Nähe von Metz, wo der Abt Eginold (933-959) mit großer
Anstrengung und Aufopferung die Zucht hergestellt hatte, und nach
ihm sein Freund und Genosse =Johannes= als Abt (960 bis 974)[45] eine
sehr einflußreiche Stellung einnahm, und die neue strenge Zucht nach
allen Seiten verbreitete. Schon 941 hatte Bischof Adalbero mit König
Otto's Hülfe aus dem =Arnulfskloster= zu Metz die zuchtlosen Canoniker
vertrieben, und unter dem neuen Abt Arbert, einem Mönche von Gorze,
die Benedictiner-Regel eingeführt. Dann war es der Abt =Johannes=
von St. Arnulf, welcher lange Zeit der Freund des Abtes Johannes von
Gorze und der Genosse seiner Wirksamkeit war, und dieser unternahm
es nach dem Tode desselben, sein Leben zu beschreiben, und begann die
Ausführung dieser Aufgabe mit besonderer Liebe und gutem Erfolge. Die
Regeneration des Klosterwesens in Lothringen liegt uns darin in sehr
ausführlicher Schilderung vor; weiterhin gewinnt dieses Werk noch eine
ganz eigenthümliche geschichtliche Wichtigkeit dadurch, daß Johannes es
war, welcher im Jahre 953 sich bereit finden ließ, für den König Otto
als Gesandter zum Kalifen Abderrahman III nach Córdova sich zu begeben.
Auch diese Reise ist hier sehr ausführlich beschrieben, leider aber
bricht unser Text mitten in dieser ebenso merkwürdigen wie anziehenden
Darstellung ab; das Uebrige ist verloren, vielleicht auch die zu
ausführlich angelegte Arbeit nie ganz vollendet worden. Schon einmal,
im Jahre 978, als ein bedeutender Theil derselben vollendet war,
hatte der Verfasser sie unterbrochen, und es bedurfte des Zuspruches
der Bischöfe Dietrich von Metz und Folkmar von Utrecht, um ihn zur
Fortsetzung zu bewegen; ob er sie aber wirklich zu Ende geführt hat,
ist zweifelhaft und kaum wahrscheinlich, zumal da er vor 984 gestorben
ist[46].
[45] Nach Dümmler, Otto I, S. 280, starb er am 7. März 974.
[46] _V. Johannis Gorziensis_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 337-377. Vgl.
W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit, I, 506 ff. 784. 837;
Dümmler, Otto I, S. 302-306, über die Klosterreform. Mathieu, De
Joh. Gorz. vita, Nancy (82 S. 8). Daß die Vita unvollendet blieb,
sagt der Vf. der Hist. S. Arnulfi aus dem 13. Jahrh., für dessen
Glaubwürdigkeit Walther Schultze eintritt, Forschungen zur Gesch.
d. Klosterreform (Diss. Hal. 1883) S. 40, NA. IX, 507.
Pertz hat dem Abt Johannes von Gorze verschiedene Werke zugeschrieben,
die Miracula S. Gorgonii, Vita et Miracula S. Glodesindis, vielleicht
auch Vita Chrodegangi, allein die genaue Untersuchung von Walther
Schultze[47] hat ein ganz anderes Verhältniß wahrscheinlich gemacht.
Zunächst ist nachgewiesen, daß es schon eine ältere Aufzeichnung
gegeben hat, welche in den Miracula S. Gorgonii benutzt und daran
kenntlich ist, daß einzelne Erzählungen derselben mit der Vita Johannis
Gorziensis, andere mit der Vita Chrodegangi so weit übereinstimmen,
daß eine gemeinsame Quelle anzunehmen ist; vermuthlich waren es ältere
Miracula S. Gorgonii. Die uns erhaltenen =Miracula S. Gorgonii=[48],
die Wunderthaten des Schutzheiligen, der schon von Chrodegang im J.
765 nach Gorze gebracht war, sind um das J. 965 von einem Gorzer
Mönch verfaßt, der als Augenzeuge von dem Aufstand des Herzogs
Konrad berichtet, zu einer Zeit, da der Abt Johannes in Spanien war.
Dagegen sind die =Vita et Miracula S. Glodesindis=[49] von einem Abt
Johannes verfaßt, der in der Hist. S. Arnulfi als der von St. Arnulf
bezeichnet ist, und es ist kein Grund daran zu zweifeln. In der Vita
Joh. Gorz. hat er diese seine frühere Schrift benutzt und die Erzählung
etwas erweitert; ebenso die älteren Miracula S. Gorgonii. In beiden
finden sich mancherlei historische Nachrichten, namentlich über die
Klosterreform im Sprengel von Metz.
[47] War Joh. von Gorze hist. Schriftsteller? NA. IX, 495-512.
[48] MG. SS. IV, 235. 238-247. Gegen diese Datierung sind jedoch
Zweifel erhoben von H. Finke, weil B. Milo v. Minden bei
Uebersendung der Passio S. Gorgonii an Abt Immo v. Gorze, zw. 987
u. 996, keine Miracula kennt; s. NA. XVI, 209 §26.
[49] Miracula bei Mab. IV, 1, 436. Auszug MG. SS. IV, 236-238. Eine
Stelle über Lothar II u. Waldrada nachgetragen SS. XXIV, 506,
Anmerkung.
Was endlich die =Vita Chrodegangi=[50] betrifft, welche uns nur
unvollständig erhalten ist, so könnte dieselbe allenfalls von Johannes
von Gorze herrühren; sie ist aber mit einem großen Phrasenschwall
ausgestattet und nach allen Regeln der Rhetorik gearbeitet, was nicht
zu dem paßt, was uns von der mangelhaften Schulbildung des Abtes
Johannes mitgetheilt wird. Sie ist übrigens nur aus denselben Quellen
geschöpft, die auch uns zu Gebote stehen, und reiht sich daher den
zahlreichen Paraphrasen alter Heiligenleben an, welche durch die
höheren Anforderungen der gebildeteren Nachfolger hervorgerufen wurden.
[50] _V. Chrodegangi_ ed. Pertz, MG. SS. X, 552-572. Pertz, Ueber die
Vita Chrodegangi in den Abhandlungen der Berliner Akademie 1852,
S. 507 ff. _Epitaphium Chrod._ Poet. Lat. I, 108.
Eine kräftige Stütze hatte das Kloster Gorze an seinem Schirmvoigt
=Sendebald=, Grafen von Toul, dem nach seinem Tode eine ausführliche
dankerfüllte Grabschrift in ungewöhnlich guten Hexametern gewidmet
wurde[51].
[51] Herausgegeben v. Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XVIII, 306.
Nach Mittheilung desselben ist v. 23 statt _Ostendit_ zu lesen
_Offendit_. Die Hs. aus dem Vincenzstift (Clarom. 659) enthält
folgende Eintragung zum Preise des Bischofs Dietrich: „Sanctae
matris aecclesiae tripudians auriga necnon summae religionis in
omni mundanae adversitatis turbine triumphans gubernaculum, domnus
praesul Deodericus, dum divino adprime cultui deditus quaeque
ad honestatem, augmentum seu defensionem sibi pastorali jure
commissae sedis indefesso nisu enuclearet atque procul posita
offensione cuncta votis ejus responderent, inter multa insignia,
quae consilio, auctoritate, sententia ad gloriam et laudem
summae et individuae trinitatis praesenti in coenobio cum decreto
imperatorum et principum necnon totius populi senatu applaudente
gloriose gessit, etiam hunc librum Gesta sancti Martini
continentem, quo apud futuram posteritatem sempiternae memoriae
immortalitatem pro mortali conditione nancisceretur, archivis
aegregii martyris et laevitae Vincentii in spem patrocinii sibi
electi sub anathematis vinculo votiva manu addidit.“
Zu dem Kreise dieser Reformatoren gehört auch der Schottenabt
=Kaddroe=, der zuerst in Waussor unweit Dinant einem Landsmann als Abt
folgte, von da aber durch Adalbero an das Kloster der heiligen Felix
und Clemens nach Metz berufen wurde. Sein Leben ist auf Veranlassung
des Abtes Immo, vermuthlich von Waussor, bald nach seinem Tode
beschrieben worden[52]. Ihn und seinen Nachfolger Fingen († 1003)
und die Bischöfe, welche die Klöster und die Klosterzucht herstellten,
Adalbero I und Adalbero II, preist ein Gedicht in noch recht roher und
mangelhafter Form, welches vorzüglich dem Ruhme des h. Clemens gewidmet
ist[53].
[52] _Vita S. Cadroae_, ed. G. Henschen, Acta SS. Mart. I, 474. Mab.
V, 489. Auszüge MG. SS. IV, 483 u. XV, 2, 689. Sein Todesjahr ist
unsicher, 978 nach Scheffer-Boichorst, Zts. f. Gesch. d. Oberrh.
N. F. IV, 286, Anm. 5. Vgl. über ihn Sackur, Die Cluniacenser, S.
182 ff.
[53] Bis jetzt ist nur das Ende gedruckt, von Dümmler, NA. V, 433 bis
437.
Wir erwähnten schon, daß der Bischof =Dietrich von Metz= (965-984),
ein Schwestersohn der Königin Mahthild, der aus der Schule des
Erzbischofs Brun stammte[54], nicht minder als Adalbero bemüht war,
seinen Sprengel in jeder Beziehung zu verherrlichen; er beförderte
eifrigst die Klosterreform, und seinen Aufenthalt mit dem Kaiser in
Italien 970 benutzte er, um mit unersättlicher Gier und in den Mitteln
nicht wählerisch zahlreiche Heiligenleiber für Lothringen zu erwerben.
Zugleich nahm er auch in der politischen Geschichte der Zeit eine
sehr bedeutende Stellung ein; sein Ruf war auswärts nicht der beste,
Habsucht wurde ihm vorgeworfen, und seine Untreue gegen Theophano,
sein Abfall von Otto III, befleckten seine letzten Jahre und gaben
Gerbert, wenn er der Verfasser ist, Anlaß, sein Verhältniß zu Carl von
Lothringen in einem für beide Theile gleich anzüglichen Briefwechsel zu
behandeln[55].
[54] Vgl. über ihn Dümmler, Otto I S. 374.
[55] Olleris, Oeuvres de Gerbert, p. 19 ff. u. S. 25-32 d. Ausg. von
Hawet, welcher aber nicht an die Autorschaft Gerberts glaubt. Sie
finden sich auch im Cod. ep. Lauresham. s. NA. III, 328. 340.
Seinen Aufenthalt in Italien scheint Bischof Dietrich aber auch zu
einer anderen Erwerbung benutzt zu haben, nämlich der hinterlassenen
Werke des Bischofs Liudprand von Cremona. Dieser soll, was freilich
unsicher ist, an der Gesandtschaft theilgenommen haben, welche 971 die
Kaiserbraut Theophano in Empfang nahm, und auf dieser Reise gestorben
sein. Dietrich, der griechischen Sprache nicht unkundig, war zum
Empfang der Prinzessin 972 entsandt. Nun enthält, wie Fr. Koehler
nachgewiesen hat[56], eine Handschrift saec. X. aus St. Arnulf Excerpte
griechischer Stellen aus Liudprands Schriften mit der Uebersetzung,
und es ist wahrscheinlich, daß in Metz auch die Abschrift angefertigt
ist, welche bisher als Autograph betrachtet wurde, und in die darin
leer gelassenen Stellen hat vielleicht Dietrich selbst die griechischen
Worte eingetragen.
[56] Neues Archiv VIII, 78.
Die Stiftung des Vincenzklosters trug Dietrich auch eine Biographie
ein[57], welche aber nicht von einem Zeitgenossen, sondern erst ein
Jahrhundert später von Sigebert von Gembloux verfaßt ist. Aufgenommen
ist darin ein gleichzeitiger Bericht über die von ihm erworbenen
Reliquien, welcher sich auch abgesondert erhalten hat.
[57] _Vita Deoderici Mettensis_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 461. Vgl.
dazu Dümmler a. a. O. S. 466. 483. 491. Außer der oben angef.
Inschrift 9 Hexameter zu seinem Preis im Cod. Mett. 215; Schluß:
Me referente sciet Francorum regia cortis, Catal. des Bibl. des
Dép. V, 95. Im Catal. Clarom. p. 173 (cod. 506) 3 Distichen zu
seinem Preis, gefeiert als Verwandter des Kaisers Otto „cujus
consiliis jura dedit populis“.
Glücklicher war sein nicht minder ausgezeichneter Nachfolger =Adalbero=
II (984-1005), der Dietrichs Wirksamkeit in entsprechender Weise
fortsetzte, indem er einen ganz vortrefflichen Biographen fand an
=Constantin=, dem Abte des von ihm wiederhergestellten Schottenklosters
St. Symphorian zu Metz[58]. Ein poetisches Epitaphium, worin der Bischof
gar sehr gepriesen wird, verfaßte =Conrad= im Kloster =Saint-Avold=
(Sancti Naboris) und überreichte es mit anderen Versen seinem Abt
Ratram; beides steht in einem Codex des Prudentius, den er schön
eingebunden und mit Randglossen versehen hatte, wofür er dieses Buch
in zierlichen Versen sich bedanken läßt: so schön sei nicht einmal
der Lucan geziert, den Constantin binden ließ. Diesen Conrad, von
dem es nicht sicher ist, daß er Mönch war, hält L. Delisle für den
Metzer Archidiaconus des Namens, welcher auf dem Wege nach Italien die
eifrigen Studien der Klosterfrauen in Zürich kennen gelernt hatte und
zugleich ihren Kummer, daß der erste Band von Gregors Moralien ihnen
fehle; heimgekehrt übersandte er ihn mit einem artigen Briefe[59].
Doch ist das sehr zweifelhaft und nicht wahrscheinlich, da jener
Conrad allem Anschein nach identisch ist mit Cuono, Klosterlehrer in
St. Avold, von dem sich auch andere Verse erhalten haben[60]. Solche
Schullehrer wurden aber nicht Archidiaconen.
[58] _Vita Adalberonis II Mettensis episcopi_ ed. Pertz, MG. SS. IV,
658 bis 672; geschrieben um das Jahr 1015. Ueber ein Sacramentar
von dort Delisle, Sacram. p. 222.
[59] Die Verse bei Pertz a. a. O. S. 672; die letzten auch bei Delisle,
Cabinet des Manuscrits II, 401. Der Brief bei G. v. Wyß, Gesch.
der Abtei Zürich.
[60] S. NA. XIII, 666 über Studemund in den Breslauer Philolog.
Abhandl. II, 3.
Um dieselbe Zeit schrieb auch ein Mönch im Kloster =Hornbach= im
Sprengel von Metz ein Buch über das Leben des heiligen =Pirmin=[61],
der im achten Jahrhundert das Kloster gestiftet hatte, und widmete
sein Werk dem Erzbischof Ludolf von Trier (994 bis 1008). Es ist
nur eine stilistische Bearbeitung der älteren, schon oben S. 275
erwähnten Vita ohne geschichtlichen Werth, vielleicht, wie schon Mone
vermuthete, von dem Abt =Garemann= von Hornbach († 1008) verfaßt.
Dagegen enthalten die von Mone zuerst bekannt gemachten Wunder[62] (bis
1012) einige geschichtliche Nachrichten, namentlich über Heinrichs II
Zug nach Lothringen im J. 1009; sie sind von einem Hornbacher Mönch
hinzugefügt. Hier wurde auch zur Zeit Otto II vom Schreiber Eburnant
ein prächtiges Sacramentar für den Abt Adalbert geschrieben, mit guten
Dedicationsversen[63].
[61] Gedruckt bei Mab. III, 2, 140-153. Vgl. Mone, Quellens. I, 36-38.
Stälin I, 168, Rettberg II, 52. Nur der Prolog MG. SS. XV, 21.
Ueber die geschichtl. Verhältnisse s. K. Brandi: Die Reichenauer
Urkundenfälschungen (1890) S. 102 ff.
[62] Quellensammlung I, 45-50. MG. SS. XV, 21-31, von Holder-Egger; S.
31-35 _Miracula Hornbacensia_.
[63] Herausgeg. v. Dümmler, NA. X, 344. Delisle, Sacram. p. 190.
So entwickelte sich in Metz jener den Lothringern besonders eigene
Sinn für Localgeschichte, der sich in Biographieen, Klosterchroniken
und Schriften zur Verherrlichung der Ortsheiligen in großer Fülle
kundgegeben hat, aber erst im folgenden Zeitalter zu voller Entfaltung
kommt.
Schließlich ist noch ein Mönch jenes schon erwähnten Klosters des
heiligen =Symphorian= zu nennen, der nur zum Theil dem Metzer Sprengel
angehört, =Alpert= nämlich, der an das Werk des Paulus Diaconus
anknüpfend, =eine Geschichte der Bischöfe von Metz=[64] verfaßte, von
welcher jedoch nur ein Bruchstück erhalten ist. Er widmete sie dem
Abte Constantin. Später aber kam er in den Utrechter Sprengel, und
zwar nach Molls Vermuthung[65] in das um diese Zeit von Bischof Ansfrid
(995-1010) gegründete Kloster bei Amersfoort. Es giebt nämlich eine
aus Alperts Werk geschöpfte _Vita Ansfridi_[66], welche einem monachus
Ultrajectinus S. Pauli zugeschrieben wird; dahin aber war jenes Kloster
verlegt. Sehr möglich ist es, daß die Aussendung einer Mönchscolonie
den sonst ungewöhnlichen Ortswechsel veranlaßte. Hier also schrieb
er um 1022 sein Buch über den =Wechsel der Zeiten=[67], worin er in
bunter Mannigfaltigkeit von allerlei Vorfällen aus diesen Gegenden
erzählt: ein Vorrath geschichtlichen Stoffes ohne bestimmte Ordnung,
der um so willkommener ist, da wir sonst nur wenig Kunde von diesem
entlegeneren Theile des Reiches besitzen. Er übersandte es dem Bischof
Burchard von Worms, bei dem sein Bruder Immo Diaconus war. An denselben
Immo schickte auch der bald zu erwähnende Custos Tielensis sein Werk;
er scheint dann an den Kaiserhof gekommen zu sein und wurde um 1036
Bischof von Arezzo; in der Lorscher Briefsammlung sind Briefe von ihm
und an ihn erhalten[68].
[64] _Alperti de episcopis Mettensibus libellus_ ed. Pertz, MG. SS.
IV, 697. Bischofsverzeichnisse SS. XIII, 303. Ueber Benutzung von
Caesars Bell. Gall. in seinen Werken Manitius, NA. XIII, 203.
[65] Kerkgeschiedenis II, 2, 343.
[66] Acta SS. Maj. I, 428.
[67] _Alperti de diversitate temporum libri II_ ed. Pertz, MG. SS.
IV, 700. Mit Uebersetzung und Comment. herausgeg. v. Dederich,
Münster 1859. Giesebrecht II, 557. Hieraus mit wenigen kleinen
Aenderungen, ist nach Mitth. v. Dümmler das von diesem in Briegers
Zts. f. Kirchengesch. I, 446-450 (1877) abgedr. Stück: Jüdische
Proselyten im Mittelalter (I, c. 7, II, c. 22-24).
[68] S. P. Ewald, NA. III, 324. Als Bischof von Arezzo wird er erwähnt
in der merkwürdigen Capitelschronik, NA. V, 449. Vgl. Bresslau,
Konrad II, II, 531-536.
Das Bisthum =Utrecht= war von den Normannen gar arg heimgesucht und
zeitweise ganz zerstört. =Radbod=, von mütterlicher Seite ein Abkomme
des alten Friesenfürsten Radbod, folgte 899 dem Bischof Odilbald, mußte
aber vor den Dänen nach Deventer entweichen. Ein Neffe des Erzbischofs
Gunthar von Cöln, war er bis zu dessen Entsetzung 863 bei ihm, dann
in der Hofschule Karls des Kahlen und seines Sohnes Ludwig gebildet,
ein Schüler des Manno, und hat einige Homilieen und Verse zum Preise
von Heiligen verfaßt[69], auch über den heiligen Suidbert; doch hatte
er von diesem nur aus Beda Kunde. Trithemius schreibt ihm auch _Laudes
S. Bonifacii_ zu, und eine Gothaer Handschrift (fol. 64) nennt ihn
als Verfasser der Legende des sogenannten Presbyter Ultrajectensis[70],
was entschieden falsch ist[71]. Erhalten hat sich eine Aufzeichnung von
ihm über die Schrecknisse des Jahres 900[72], und eine andere über die
Belagerung der Stadt Tours durch die Normannen 903, und ihre Errettung
durch ein Wunder des h. Martin, des gemeinsamen Schutzheiligen[73].
Zur Feier desselben Ereignisses verfaßte er auch einen _cantus
nocturnalis_, der sich im Antiphonar der Marienkirche erhalten hat[74].
Sein eigenes Leben ist zur Zeit seines Nachfolgers beschrieben worden,
und wenn auch nicht eben reichhaltig, doch nicht unwichtig[75]. Er
starb 917; sein Nachfolger =Balderich= ist der Hersteller des Bisthums
Utrecht[76]; ihm wurde der Königsohn Brun zur Erziehung anvertraut. Er
erneute die verwüsteten Kirchen und erhob viele Leiber der Heiligen,
holte auch 964 aus Veuves an der Loire Reliquien[77]; seine Grabschrift
in der Martiuskirche rühmte von ihm:
Trajectina feris urbs Denis versa latebat,
Baldricus priscum reddidit ipse decus,
Auspicio cujus jam Pontius, Agna, Benignus
Conservant urbem, fulget et ecclesia[78].
[69] S. Moll, Kerkgeschiedenis I, 370, Dümmler, NA. IV, 549. Migne
CXXXII, 547-560. Recht schön sind seine _Versus de hirundine_ im
Pal. 1564, ed. Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 388. Nach der
Hds. ist, wie ders. mir mittheilt, v. 4 zu schreiben Formula....
arta, u. v. 40 steht wirklich Ne.
[70] Jacobs u. Ukert, Beiträge III, 262.
[71] Da dieser Biograph noch eine alte Frau, die bei Bonifazens Tod
zugegen gewesen war, gesprochen haben will, muß er viel älter
sein, s. Rettberg I, 332. Ausg. Acta SS. Junii I, 477-481. Ein
Stückchen bei Jaffé, Bibl. III, 506.
[72] MG. II, 218 mit einigen Versen von ihm, Heda, Hist. Ultraj. p.
71. Er veranlaßte 914 zur Confirmation der Privilegien durch K.
Konrad die älteste Copie der k. Privilegien, s. S. Muller, Het
oudste Cartularium van het Sticht Utrecht, 1892.
[73] _Libellus cujusdam ep. Traject. Radbodi nomine de quodam S.
Martini miraculo_, bei André Salmon, Supplément aux Chroniques de
Touraine p. 1-13. MG. SS. XV, 2, 1239-1244. Vgl. Em. Mabille, Les
invasions Normandes dans la Loire et les pérégrinations du Corps
de S. Martin, Bibl. de l'École des chartes VI, 5, 149-194.
[74] Entdeckt und herausgegeben von W. Moll, im Kerkhist. Archief v.
Kist und Moll, III, 213-221. Ein Sermo de S. Servatio von ihm
Anal. Boll. I, 104-111.
[75] _Vita S. Radbodi_, Mab. V, 25-31 aus Sur. Nov. 29. Ausg. v.
Holder-Egger (mit der Translatio) SS. XV, 1, 568-571. Aus ders.
Hs. Analecta Boll. VI. Benutzt von Adam Brem. I, 40. Vgl. Dümmler,
Ostfr. II, 333.
[76] Seinen Brief von 934 an den Erzb. v. Cöln bei Heda S. 75 nimmt
Moll I, 271 gegen Zweifel in Schutz. Bei dems. S. 530 u. MG. SS.
XV, 571^{a} die Grabschrift seiner Eltern. Unechte Urk. von ihm
mit Aufzählung seiner Verdienste um die Herstellung des Stifts
bei S. Muller a. a. O. S. 222, vgl. S. LI f. Von Waitz, Heinrich
I (3. Ausg.) S. 94 zu günstig beurtheilt.
[77] _Translatio Benigni et Agnetis_, Acta SS. Jan. II. 357-360. Auszug
MG. SS. XV, 1, 571^{e}.
[78] Kraus im Jahrbuch d. Alterthumsfr. im Rheinland L, 201, wo
v. 2 _illa_ steht, was nicht angeht. Auch ist irrig _Agna_ in
_Agnes_ geändert. Es folgt noch: „Obiit a. 977 cum vixisset (leg.
rexisset) 59.“ Aehnlich aus dem alten Catal. in Bijdragen en
Mededeelingen XI, 490, wo auch S. 489 das eben erwähnte Epitaph
seines Vaters Ricfrid.
Es läßt sich erwarten, daß er in seiner langen Amtsführung (bis 976)
wissenschaftliche Thätigkeit begünstigt haben werde, wie ihm auch
Hucbald sein Leben S. Lebuins widmete; Wolbodo stand der Schule vor,
bis er 1018 Bischof von Lüttich wurde, aber Erzeugnisse von Utrechter
Gelehrten aus dieser Zeit haben sich nicht erhalten. Von Bischof
Adalbold werden wir bald zu reden haben.
Auch aus =Verdun= verlautet aus dieser Periode nichts, mit Ausnahme
der Bisthumsgeschichte von =Berthar=, deren wir schon oben (S. 267)
gedachten, weil sie nur bis auf die Zeit des Kaisers Arnulf reicht.
Der Bischof Wikfrid (962-984), ein geborener Baier, war zu Cöln in
Bruns Schule gebildet, Heimo (991-1024) unter Notker von Lüttich. In
dem Kloster St. Mihiel an der Maas lehrte am Anfange dieser Periode der
Grammatiker Hildebold, ein Schüler des hochgefeierten Lehrers Remigius.
Johannes von Gorze wurde seiner Zucht anvertraut, äußerte sich aber
ziemlich ungünstig über die Verdienste seines Lehrers (Vita c. 10).
Auch =Toul= besaß an =Gerhard= (963-994), einem Schüler Bruns, einen
jener ausgezeichneten Bischöfe, welche die Zeit der Ottonen zieren;
er wurde später als Heiliger verehrt, und der Abt =Widerich= von St.
Evre beschrieb sein Leben, jedoch erst lange nach seinem Tode unter
der Regierung Heinrichs III. Mit der Klosterreform hatte schon sein
Vorgänger Gauzlin (922-963) begonnen; angeregt durch die vom Abt
Odo von Cluny zu Stande gebrachte Reform des Klosters Fleury hatte
er 936 das Kloster =St. Evre= (S. Apri) hergestellt und eine Schule
darin errichtet, zu deren Leitung er den noch jugendlichen Mönch Adso
berief, welcher in Luxeuil seine Bildung erhalten, und sich bereits
durch seine Gelehrsamkeit einen Namen gemacht hatte. Nicht ohne
heftige Kämpfe konnte eine solche Reform durchgeführt werden, und in
St. Evre wurden dieselben in einem höchst eigenthümlichen Gedichte
dargestellt, der _Ecbasis captivi_ in einer der Thierfabel entlehnten
Einkleidung[79]. Bald aber konnten die Mönche von St. Evre schon dem
heruntergekommenen Kloster =Montier-en-Der= (Dervense) im benachbarten
Sprengel von Châlons-sur-Marne aufhelfen. Dieses war schon einmal
nach gänzlichem Verfall unter Ludwig dem Frommen 827 durch den Abt
Hauto von Stablo hergestellt, aber nach wiederholter Verwüstung durch
Ungern und Normannen wieder völlig verwildert. Jetzt sandte Gauzlin
Mönche von St. Evre unter dem Abt Alberich hin, und dieser nahm auch
Adso mit sich, welcher ihm spätestens 968 als Abt folgte. Befreundet
und im regen Verkehr mit Adalbero von Reims und Gerbert, mit Abbo
von Fleury und anderen hervorragenden Männern der Zeit, war er für
Herstellung kirchlicher Zucht mit Erfolg thätig, bis er endlich 992
auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem seinen Tod fand. Schon früh (vor
954) hat er auf den Wunsch der Königin Gerberga eine Schrift über den
Antichrist verfaßt[80]; auf Bischof Gerhards Wunsch beschrieb er das
Leben des heiligen Mansuetus, dessen Kloster Gerhard hergestellt hatte.
Werth haben nur die hinzugefügten Wunder durch einige geschichtliche
Nachrichten. Dasselbe gilt von dem Leben und den Wundern des heiligen
Basolus, welche Gerbert und Adso, Abt von St. Basle, von ihm erbeten
hatten, und von einem ähnlichen Werk über den heiligen Aper, dessen
Autorschaft Waitz ihm abspricht, das aber um dieselbe Zeit, nach der
Translation von 978 geschrieben ist. Ein Buch über die Wunder des
heiligen Waldebert, Eustasius Nachfolger, bezeugte seine Anhänglichkeit
an Luxeuil. Zuletzt nahm er noch den heiligen Bercharius vor, den
Stifter seines Klosters, doch hinterließ er diese Aufgabe unvollendet;
die Beschreibung der Wunder wurde auf Veranlassung des vom Pabst Leo
IX geweihten Abtes Bruno von einem ungenannten Mönche hinzugefügt und
mit einigen schätzbaren Nachrichten über Adso versehen[81]. Für die
Klosterschule von St. Evre verfaßte 969 Aynard ein „glosarium ordine
elementorum agregatum“[82].
[79] S. die neue Ausgabe von E. Voigt, Straßburg 1875. Ueber Benutzung
Fortunats darin Manitius, NA. XII, 592-595.
[80] Ueber die Fortwirkung dieser Schrift, die noch zu erkennen ist
in der Sage von der Wiederkunft Friedrichs II, s. Riezler, Hist.
Zeitschr. XXXII, 67 ff. Berichtigter Abdruck der Prophezeiung
über den Frankenkönig bei Hauréau, Notices et Extraits de quelques
manuscrits latins I. 371.
[81] _Miracula S. Bercharii_, Mab. II, 844-861, ein Stück daraus MG.
SS. IV, 487. Vgl. über Adso Hist. litt. de la France VI, 471-492.
(Den Catalog seiner Bibliothek vom J. 992 hat Omont in d. Bibl. de
l'École des Ch. 42 (1881) herausgegeben.) _Miracula S. Mansueti_
bei Calmet. Hist. de Lorraine I. Pr. p. 86-106. Acta SS. Sept. I,
637. Exc. MG. SS. IV, 509 bis 514. _Miracula S. Basoli_, Mab. IV,
2, 137-142. Vgl. MG. SS. IV, 517. _Miracula S. Apri_ bei Calmet I.
c. p. 107-126. Sept. V, 70. Exc. MG. SS. IV, 515-520. _Miracula
S. Waldeberti_, Mab. III, 2, 452-460. Acta SS. Mai I, 277-282.
MG. SS. XV, 2, 1170-1176.
[82] Archiv VII, 1014. Catal. des Départ. V, 157.
Im Anfang des elften Jahrhunderts wird die Schule des Bisthums als
blühend und ausgezeichnet gerühmt; Brun, des elsassischen Grafen Hugo
Sohn, später als Pabst Leo IX genannt, und Adalbero III, Bischof von
Metz, erhielten hier ihre Erziehung. Wir erkennen darin wieder die
Einwirkung der beginnenden Blüthezeit Lüttichs, wo Bischof Hermann oder
Hezelo (1018-1026) unter Notker gebildet war.
§ 7. Lüttich.
In Lüttich hatte, wie wir sahen (S. 266) die gelehrte Thätigkeit
sich lange erhalten; die Verwüstung durch die Normannen 881 wird aber
auch hier die Musen zum Schweigen gebracht haben. Am Anfange dieser
Periode finden wir dort einen Bischof, der sich als Schriftsteller
versucht hat und durch gelehrte Bildung ausgezeichnet war, Stephan
(901-920), der in der französischen Hofschule unter Probst Manno
ein Mitschüler Radbods, dann Domherr zu Metz gewesen war. Er selbst
hat das alte Leben des heiligen Lambert (oben S. 264) neu bearbeitet
und eine metrische Bearbeitung desselben veranlaßt[1]; Responsorien
verfaßte er und schrieb darüber an Erzbischof Herimann von Coeln, und
einen vollständigen Band, mit Lectionen und was zum Kirchendienst
gehört, übersandte er Bischof Ruotbert von Metz[2]. Hucbald, der
gelehrte Mönch von St. Amand, übersandte ihm 907 zur Prüfung das
Leben der heiligen Rictrudis. Nach Vogels Vermuthung war Stephan der
Lehrer des Ratherius, jenes unstäten Mönches des Klosters Lobbes,
der eben so sehr durch seine wechselnden Schicksale, wie durch seine
umfassende Gelehrsamkeit, aber auch durch seine seltsam gesuchte und
absichtlich dunkle und verworrene Schreibart merkwürdig ist. Sein
Ehrgeiz, sein unverträglicher Charakter, sein beißender Witz, mit
dem er unbarmherzig die Fehler seiner Zeitgenossen geißelte, während
er in seinen Bekenntnissen eben so schonungslos seine eigenen Sünden
beichtete, ließen ihm nirgends Ruhe, und machten es ihm unmöglich, als
Bischof von Verona und von Lüttich den Widerstand seiner vornehmeren
und mächtigeren Gegner auszuhalten. Seine Schriften, so lehrreich sie
sind, können doch nicht als Geschichtswerke betrachtet werden, und auch
das Leben des heiligen Ursmar ist nur eine stilistische Ueberarbeitung
der älteren Legende[3]. Die Beschäftigung mit grammatischen,
philosophischen und theologischen Studien war lange in Lüttich
vorherrschend, und erst spät begann man auch hier sich ernstlich mit
der Geschichte zu beschäftigen, wenn man es auch nicht ganz unterließ,
kurze Notizen am Rande von Ostercyklen einzutragen.
[1] S. über diese unten bei Hucbald, dem sie zugeschrieben wird.
[2] Mabillon sah die Handschrift in Bobio, Mus. Ital. I, 218.
Uebrigens s. Ans. Leod. c. 20, 21.
[3] Ueber Rather († 974) Vogel, Ratherius von Verona und das zehnte
Jahrhundert, Jena 1854, 2 Bände. Opera edd. Petrus et Hieronymus
fratres Ballerini presbyteri Veronenses, Veronae 1765, fol.
Neuer Abdruck bei Migne CXXXVI. Die von Pertz SS. III, 451 u. 553
gegebenen Stellen sind aus der Translatio S. Metronis.
So wie Rather immer von neuem in die politischen Wirren hineingezogen
wurde, so ließen auch in Lüttich die lothringischen Parteikämpfe lange
keine ruhige Entwickelung friedlicher Studien aufkommen. Von 945-947
war ein gelehrter Abt von St. Maximin, Hugo, Bischof, 953-955 Rather,
aber dieser konnte nicht zu irgend einer Wirksamkeit gelangen, und
unter Balderich, der ihn verdrängte[4], fand die Wissenschaft keine
Stätte. Dann aber bestieg auch hier ein Schüler und begeisterter
Verehrer Bruns, =Ebrachar= (959-971), den Bischofstuhl, ein vornehmer
Sachse, bis dahin Decan zu Bonn; ihn nennt als seinen Lehrer ein
sächsischer Priester, von dessen Namen wir nur den Anfangsbuchstaben
B. kennen, der sich nach Ebrachars Tod nach Canterbury zum Erzbischof
Dunstan begab, nach dessen Tod (988) er der erste Biograph dieses
hervorragenden Mannes wurde[5]. Nicht ihm allein, sagt er, sondern
einer großen Anzahl habe er zur Wissenschaft verholfen, und in der
Vita Balderici wird Ebrachar geradezu als der Begründer der Lütticher
Schule gepriesen[6]. Auf Ebrachar folgte 972-1008 =Notker=, bis
dahin Probst im Kloster St. Gallen, ein Mann, der in jeder Beziehung
höchst ausgezeichnet war[7], und in Lüttich jenen hohen Glanz der
Schulen begründete, dessen Ruf sich bald durch die ganze Christenheit
verbreitete. Bald strömten lernbegierige Jünglinge von allen Seiten
her an der Maas zusammen, während ebenso bedeutende Lehrer von hier
ausgingen und den Wirkungskreis der Lütticher Schule immer weiter
ausbreiteten; sogar in Paris bei St. Genovefa lehrte der Lütticher
Hubald mit außerordentlichem Beifall. Außer diesem, den Notkers
Nachfolger Balderich II auch auf einige Zeit nach Prag sandte, nennt
Anselm[8] als Notkers Schüler Günther von Salzburg (1024-1025), Ruthard
und Erluin von Cambrai (979-995 bis 1012), Heimo von Verdun (991-1024),
Hezelo von Toul (1018 bis 1026), Adalbold von Utrecht (1010-1026). Eine
_Vita Notkeri_ aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, von welcher Gilles
d'Orval ansehnliche Stücke erhalten hat, in welchen mehrfach auch
Hexameter, Reste eines gleichzeitigen Lobgedichts[10], erscheinen, ist
leider verloren[11].
[4] Ein merkwürdiges Fragment einer an Balderich gerichteten Schrift
Rathers über seine Verdrängung NA. IV, 177-180.
[5] Nach den scharfsinnigen Untersuchungen von W. Stubbs. Memorials
of St. Dunstan. Lond. 1874; vgl. R. Pauli, Hist. Zeitschr. XXXV,
199; Gött. Nachr. 1879, S. 322-324.
[6] S. über ihn Dümmler, Otto I, S. 302 Anm. 1, 374 Anm. 1, 397 Anm.
2, 545 Anm. 2.
[7] Daß er während der Minderjährigkeit Ottos III Italien als Regent
verwaltet habe, bestreitet Kehr, HZ. LXVI, 427, Anm. 2.
[8] c. 29, MG. SS. VII, 205.
[9] Nach G. Kurth, s. NA. XVII, 225.
[10] L. Weiland. HZ. XLVI, 496.
Im Jahre 960 war im Kloster =Laubach= oder =Lobbes=, das bis dahin
dem Bischof von Lüttich untergeben war und das durch die Kämpfe
der Parteien und die rechtlosen Zustände viel gelitten hatte, das
regelmäßige Klosterleben unter einem eigenen Abte wieder hergestellt
worden, und bald darauf begann man auch hier, wie an so vielen anderen
Orten, =Annalen= zusammen zu stellen, vielleicht aber auch nur eine
in Lüttich entstandene und fortgesetzte Compilation mit einheimischen
Notizen zu vermehren[11]. An Beda und andere alte Chronisten reihen sich
Auszüge aus der S. 202 erwähnten Chronik bis 805, verbunden mit Stellen
aus den Lauriss. maj. und Laureshamenses; dann ist Thegan benutzt
und von 840 an selbständig fortgearbeitet, doch von 874 bis 900 sind
die Ann. Vedastini vollständig aufgenommen. Diese ziemlich dürftigen
Annalen wurden nicht über das Jahr 982 fortgesetzt; sie dienten aber
in Verbindung mit anderen Aufzeichnungen in =Lüttich= im Jahr 1000
zur Abfassung von Annalen, die von nun an fortgesetzt wurden. Sie sind
verloren, aber wie Waitz nachgewiesen hat[12], bis 1086 in den Amiales
S. Jacobi und Fossenses, bis 1056 auch in den Annales Laubienses
kenntlich. Auf diese werden wir später zurückkommen.
[11] Würdtwein, Nova Subsidia dipl. XIII, 151-214, cf. MG. SS. II, 192;
p. 209-211 die hieraus genommenen _Annales Lobienses_ von 900-982.
Neue Ausgabe von Waitz aus der Bamberger Handschrift saec. X, SS.
XIIL, 224-235. Die Sammlung von J. Alexandre: Chronica Lobbiensia
etc. enthält nur die Texte und Vorreden der Mon. Germaniae.
[12] Gött. Nachrichten 1870, 302-309.
Bedeutender als jene Annalen von =Lobbes= ist die Klostergeschichte
des Abtes =Folcwin=[13], die bis zum Jahre 980 reicht. Ebrachar hatte
ihn 965 zum Abte erhoben, und 25 Jahre lang verwaltete er sein Amt in
großem Ansehen bei den trefflichen Männern, welche um diese Zeit die
verschiedenen Bischofsitze zierten. Daß er nicht, wie Mabillon und
Guérard meinten, von dem Folcwin von St. Bertin zu unterscheiden sei,
hat Holder-Egger vollkommen überzeugend nachgewiesen (NA. VI, 415-438),
und wir wissen daher, daß er aus Lothringen gebürtig, vornehmer
Abkunft, selbst den Karolingern verwandt war, stolz auf den Bischof
Folcwin von Thérouanne (817-855), dessen feierliche Erhebung sein Vater
und Oheim bewerkstelligt haben, und dessen Leben er beschrieben[14]
und dem Abt Walter von St. Bertin (c. 970-984) gewidmet hat, als er
schon Abt von Lobbes war; damals, als er die darin stark benutzte Vita
Brunonis schon kannte, hat er den Entwurf ausgearbeitet, welchen er
schon viel früher gemacht hatte, in St. Bertin, wo er 948 als Knabe
eingekleidet wurde. Hier hat er auch bereits im Jahre 961 die Urkunden
des Stiftes gesammelt und mit Lebensnachrichten der Aebte versehen,
auch nicht unwichtige, geschichtliche Nachrichten allgemeinerer Art
eingeflochten[15], sehr mangelhaft in der Form und sogar mit groben
grammatischen Fehlern. Die Quellen, welche darin benutzt sind, hat
Holder-Egger genau untersucht; am wichtigsten darunter sind die Spuren
verlorener Annalen von St. Bertin, welche auch in den Ann. Blandin.
zu erkennen sind. In ähnlicher Weise, aber grammatisch jetzt besser
ausgebildet, machte er sich als Abt auch an die Geschichte von Lobbes,
und legte ihr die Urkunden seines Klosters nebst den ihm zugänglichen
Werken Einhards, Flodoards, Ruotgers und anderer zu Grunde. Ist ihm nun
auch die Verarbeitung dieses Stoffes wenig gelungen, so ist doch schon
das Streben nach einer urkundlichen Geschichtschreibung bemerkenswerth,
und für die spätere Zeit, wo er die eigenen Erlebnisse zu schildern
hat, empfiehlt er sich durch Wahrheitsliebe und Einfachheit, wenn auch
die Kürze der Erzählung unbefriedigt läßt.
[13] _Folcuini Gesta abbatum Lobiensium_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 52-74.
[14] _Vita S. Folquini ep. Morinorum_, bei Mab. Act. IV, 1, 624. Vgl.
Holder-Egger a. a. O. S. 422, und MG. SS. XV, 423-430. Ein _Catal.
epp. Morin._ SS. XIII, 389. 751; _abbatum S. Bertini_ p. 389;
_praepositorum S. Audomari_ p. 389, u. _epp. Ambian._ p. 752, von
Lambert von St. Omer.
[15] Cartulaire de l'Abbaye de St. Bertin, herausgegeben von Guérard
1840 in der Collection des Cartulaires de France, III, mit den zum
Theil reichhaltigen Fortsetzungen bis 1187. Berichtigungen nach
Auffindung einer alten Handschrift in: Appendice au Cartulaire
etc. publié par M. François Morand (Documents inédits) 1867.
Vollständig (ohne die Urkunden) als _Gesta abbatum S. Bertini
Sithiensiun_ von Holder-Egger, MG. SS. XIII, 600 bis 673.
Verse aus St. Bertin zu einer Krönungsfeier s. X. hat Dümmler
herausgegeben, NA. X, 341. Ueber ein besonders schönes, unter
Abt Odbert (989-1008) von Heriveus geschriebenes Psalterium, s.
Palaeogr. Soc. 97. Woltmann, Gesch. d. Malerei I, 270.
Folcwins Nachfolger in Lobbes war =Heriger= (990-1007), ein vertrauter
Freund des Bischofs =Notker=, den er im Jahre 989 nach Italien
begleitete und für den er mit seiner Feder thätig war, während Notkers
Name den Schriften größere Autorität verlieh. So namentlich 980 dem
von dem Bavokloster zu Gent erbetenen Werk über den h. Landoald,
auf welches wir zurückkommen, und ähnlich auch der wohl schon früher
verfaßten älteren Geschichte des Lütticher Bisthums[16]. Er gelangte
damit aber nicht weiter als bis zum Jahre 667, so daß das Buch als
Geschichtsquelle kaum in Betracht kommt, und litterarisch kann man
es leider nur als ein ganz verfehltes Werk betrachten wegen der
unverständigen Anwendung der Gelehrsamkeit, welche dem Verfasser
allerdings in reichem Maße zu Gebote stand. Aber kaum kann man
einen übleren Gebrauch davon machen, als wenn man lange Reden aus
Stellen der Classiker zusammensetzt und diese dann alten Heiligen der
merowingischen Zeit in den Mund legt.
[16] _Gesta episcoporum Leodiensium_ ed. Köpke, MG. SS. VII, 134. Die
daraus auch abgesondert herausgegebene _Vita Remacli_ kommt als
Notkers Werk mit Widmung an Abt Werinfrid von Stablo vor, ist aber
nach Köpke S. 140 von Heriger. Die ältere ist nach der oben S. 264
angef. Untersuchung von Kurth ein Plagiat aus V. Lamberti u. V.
Trudonis, mit Nachrichten über die Stiftung von Stablo u. Malmédy.
Zugeschrieben wird Heriger auch das Leben der heiligen Berlindis,
die man in Meerbecke in Brabant verehrte. Ueber die irrig von M.
Haupt vermuthete Benutzung von Tac. Germania bei Heriger s. Waitz,
Forsch. X, 602. Die von ihm benutzte _V. Servatii_ hat Kurth
herausgegeben: Deux biographies inédites de Saint Servais, Liège
1881, vgl. NA. VII, 409. Er bestreitet eine ältere Quelle als
Greg. Tur. u. ebenso W. Arndt. Dagegen Anal. Boll. I, 85 ff. In
den Nouvelles recherches sur St. Servais, Liège 1884, vertheidigt
Kurth gegen P. De Smedt seine Ansicht, daß auch die älteste V.
Servatii nur aus Gregor v. Tours geschöpft sei, dieser keine
schriftliche Vita gehabt habe, und weist aus metrischen Resten die
Benutzung eines Epitaphs nach, welches er der feierlichen Erhebung
durch B. Monulph im 6. Jh. zuweist; Vf. könne dann nur Venantius
Fortunatus sein, und von ihm werde Gregor seine Nachrichten
erhalten haben. -- Vgl. auch Prost, St. Servais. Examen d'une
correction introduite à son sujet dans les dernières éditions de
Gr. de Tours (Nogent-le-Rotrou 1891), welches ich nicht gesehen
habe.
Mancherlei geschichtlicher Stoff findet sich noch in den Legenden
und Wundergeschichten dieser Gegenden; vorzüglich lernen wir daraus
die Grafen von Flandern als eifrige Heiligenverehrer kennen. So wurde
der Leib des heiligen =Winnoch= vor den Normannen von Wormhout nach
St. Bertin geflüchtet und 900 durch Balduin den Kahlen (879-918) nach
dem von ihm gestifteten Kloster =Bergh-St.-Vinoc= oder =Winnoxbergen=
gebracht, wo ein älteres Leben des Heiligen gegen die Mitte des elften
Jahrhunderts überarbeitet und die Stiftungsgeschichte hinzugefügt
wurde[17].
[17] _Vita S. Winnoci_, Mab. III, 1, 302-314. Auszug MG. SS. XV, 2,
775-778. Nach der Translation von 1058 fügte ein Mönch Drogo
neue Wunder hinzu, ib. p. 778-782. Derselbe beschrieb in sehr
anmuthiger, romanhafter Weise die _Transl. S. Lewinnae_, welche
1058 aus England gestohlen war, Auszug ib. p. 782-789. Balduinus
Barbatus setzte 1022 Mönche von St. Bertin an die Stelle der
Canoniker.
Höchst eigenthümlich haben sich die Nachrichten aus den beiden =Genter=
Klöstern =Saint-Bavon= und =Blandigny=, auf einem Hügel außerhalb
der Stadt, dadurch gestaltet, daß jedes von ihnen höheres Alter in
Anspruch nahm, und ein durch Jahrhunderte hindurch mit immer wachsender
Erbitterung geführter Krieg sich daraus entspann. Ihre Waffen
waren echte und falsche Reliquien und Legenden, Urkundenfälschungen
und Verfälschung der handschriftlichen Ueberlieferung, wie das O.
Holder-Egger in ebenso ergötzlicher wie belehrender Weise dargestellt
hat[18]. Beide Klöster waren vom Grafen Arnulf I im J. 941 nach tiefem
Verfall hergestellt und durch den Abt Gerhard von Brogne mit Mönchen
neu besetzt. Das veranlaßte in Blandigny schon bald nachher eine
Schrift über die ältere Geschichte des Klosters bis auf den berühmten
Abt Einhard[19], worin schon gefälschte Urkunden benutzt sind und die
Gründung durch den h. Amandus 610, mit keckem Plagiat aus der Vita
Wandregisili. Im J. 944 brachte Graf Arnulf hierher auch aus Boulogne,
wohin sie aus St. Wandrille geflüchtet waren, die hh. Wandregisil,
Ansbert und Wulfram, dessen Besitz aber die Mönche von St. Wandrille
ihnen abstritten, und darüber gab es eine Schrift, von der wir aber nur
durch eine Predigt Kunde haben, die nicht vor dem zwölften Jahrhundert
verfaßt zu sein scheint, und von Feindseligkeit gegen die Bavonianer
erfüllt ist[20]. Außer vielen anderen Reliquien erhielten sie auch um
945 aus Haerlebeke, der Heimath der Grafen von Flandern, den h. Bertulf
von Renty bei Saint-Omer, wo er in merowingischer Zeit ein Kloster
gegründet hatte. Sein Leib wurde 1073 durch den Abt Folcard feierlich
erhoben, und nun nach einer älteren, jetzt verlorenen Vita das wenige
berichtet, was man von ihm wußte, mehr über die Translationen und
über die Grafen von Flandern, nicht ohne Fabeln[21]. Und dazu wollen
wir gleich noch hinzufügen, daß, da beide Klöster sich den ersten Abt
Florbert zueigneten, beide sein Grab und seinen Grabstein zeigten,
im J. 1079 eine gegen die Mönche von Saint-Bavon gerichtete Schrift
darüber verfaßt wurde[22].
[18] Waitz-Aufsätze S. 622-665. Daselbst S. 633, Anm. 3, wird die
_Translatio S. Amalbergae_ im J. 870 (Acta SS. Jul. III, 103) für
ein spätes, unglaubwürdiges Machwerk erklärt. Ueber Graf Arnulf
Sackur, Clun. S. 127 ff.
[19] _Fundatio mon. Blandiniensis_ ed. O. Holder-Egger, MG. SS. XV,
2, 621-624. Ich beschränke mich auf Anführung dieser Ausgaben von
Holder-Egger.
[20] _Ex Sermone de adventu SS. Wandregisili, Ansberti et Vulfranni_
ed. Holder-Egger, SS. XV, 2, 624-631.
[21] _Ex Vita Bertulji Renticensis_, ib. p. 631-641.
[22] _Lantberti liber de loco sepulturae Florberti abb._, ib. p.
641-644, aber nach S. 1317 ist der Autorname Lantbert irrig. S.
644 folgt ein _Catalogus abb. Blandin._ saec. XII.
Nach =Saint-Bavon= war 940 der h. Bavo aus Laon, wohin er geflüchtet
war, zurückgebracht und 946 feierlich bestattet. Gegen das Ende des
zehnten Jahrhunderts schrieb ein Mönch, schon im Gegensatz gegen das
vom Grafen Arnulf bevorzugte Kloster Blandigny, und gegen die Zweifler,
welche ihnen sogar den Besitz des h. Bavo bestritten, in drei Büchern
eine Geschichte des Klosters nach schriftlichen Quellen, wozu er
vorzüglich auch die Annalen von St. Bertin und St. Vaast benutzte,
die er _Chronica post Bedam_ nannte; er scheint auch Aufzeichnungen
aus seinem Kloster benutzt zu haben[23]. Vielleicht von demselben
Verfasser ist auch das _Carmen de S. Bavone_[24]. Der Concurrenz
der Blandinienser besser begegnen zu können, holten sie 980 aus dem
kürzlich erworbenen Wintershoven den h. =Landoald= mit seinen ebenso
unbekannten Genossen, legten dem Bischof Notker von Lüttich den Bericht
über die Translation und die obligaten Wunder vor, und zugleich was
der Ortspfarrer Sarabert von diesen Heiligen zu berichten wußte. Der
gelehrte =Heriger= erfuhr zu seinem Erstaunen von dem ihm bis dahin
unbekannten Bischof Landoald von Lüttich, buchte aber alles getreulich,
und zwar der größeren Autorität wegen unter dem Namen seines Bischofs.
So gewannen diese frechen Lügen geschichtlichen Anstrich, und haben
viel Verwirrung angerichtet[25]. Die Gegner behaupteten zwar, es seien
„malorum defunctorum ossa“, aber die Bavonianer veranstalteten 982
eine neue feierliche Erhebung, und es gelang ihnen, die Autorität des
Erzbischofs von Reims dafür zu gewinnen[26]. Der Abt Odwin oder Otwin
(982-998), der hier seine Energie bewiesen hatte, erlangte auch aus
Rom durch Vermittelung der frommen Engländerin Teta Reliquien des
h. Pancratius, welche 985 nach Gent kamen[27]. Bald darauf stellte
er nachdrücklich den Abt Adalwin von Blandigny zur Rede, weil er
fortfahre, gegen die getroffene Uebereinkunft sein Kloster als „in
castro Gandavo“ gelegen zu bezeichnen[28]. Ein neuer Triumph war dann
1007 die Uebertragung der hh. Livin und Brictius aus Holthem nach Gent,
worauf 1010 unter Erlembold der h. Bavo noch einmal feierlich erhoben
wurde; der Verfasser der Beschreibung[29] scheint derselbe zu sein,
welcher auch im J. 1014 über den h. =Macharius= berichtet hat[30], einen
griechischen Mönch, der 1011 in St. Bavon Aufnahme fand und nach vielen
Kasteiungen schon 1012 starb. Man wußte weiter nichts von ihm, verehrte
ihn aber als heilig und wußte von Wundern zu berichten, die man ihm
zuschrieb. Doch half das alles nur wenig, und als der Abt Othelbold um
1020 der Gräfin Othgive, Gemahlin Balduins des Bärtigen von Flandern,
auf ihren Wunsch über die Reliquien des Klosters schrieb[31], hatte
er zugleich bitter zu klagen über den einstigen Reichthum und die
bedrängte Lage, seitdem Graf Arnulf zahlreiche Besitzungen des Klosters
an seine Dienstmannen vergabt hatte. Es bedurfte stärkerer Heilmittel,
und zunächst fand sich =Stepelin=, ein aus St. Trond entlaufener Mönch,
bereit, im J. 1049 nicht nur einen angeblich alten Grabstein für den
Abt Florbert anzufertigen, sondern auch, nach Holder-Eggers Vermuthung,
jene Verse zu machen, in welchen der h. Livin selbst an Florbert ein
Epitaph des h. Bavo schickt[32]. Weiter folgte 1058 eine neue Erhebung
des h. Bavo, 1067 auch des h. Macharius, und mit kühnerem Fluge wurde
nun, während man früher aufrichtig bekannt hatte, über sein Vorleben
nichts zu wissen, die vollste Schale abgeschmackter Verherrlichung über
ihn ergossen[33]; zur Schilderung seiner Tugenden diente, was im Leben
des Erzbischofs Bruno von Köln für diesen Zweck brauchbar erschien.
Nach der Vermuthung von Holder-Egger war es derselbe Verfasser,
welcher schon um 1050 mit nicht minder frecher Lüge das Leben des bis
dahin ganz unbekannten =Livin= beschrieb (oben S. 132); besonders
wichtig aber ist der Nachweis, daß fast zweifellos dieser Livin in
Wirklichkeit kein anderer ist, als der wohlbekannte, in Deventer
bestattete Liafwin oder Lebuin; sein Genosse Brictius scheint nur der
Nachbarschaft im Kalender seinen Namen zu verdanken, obgleich hier der
Bischof von Tours, Nachfolger des h. Martin, gemeint ist. Nach solcher
Verherrlichung aber war es nun Zeit, auch diese Heiligen feierlich zu
erheben, was 1083 geschah; aber erst um 1200 wurde über diese Vorgänge
eine Schrift verfaßt[34].
[23] _Ex Miraculis et Translationibus S. Bavonis_, SS. XV, 2, 590-597;
dazu S. 598 ein kurzer Auszug von Wundern, die gegen Ende des 11.
Jahrh. beschrieben sind. Wie der erste Vf. berichtet, sagten über
den Ursprung von Gent Einige, daß Agrippa es gegründet, „alii
Hermenricum regem in eo arcem imperii sibi tradunt instituisse“.
Aehnlich auch im Carmen.
[24] NA. X, 371 von Holder-Egger herausgegeben.
[25] _Translatio S. Landoaldi et sociorum ejus_, SS. XV, 2, 601-607.
[26] _Adventus et Elevatio S. Landoaldi et sociorum ejus_, ib. p.
607-611.
[27] S. den Brief des Abtes Andreas von St. Pancraz, NA. VIII, 376.
[28] Brief im NA. X, 374.
[29] _Elevatio S. Bavonis_, SS. XV, 2, 597.
[30] _Vita S. Macharii prior_, ib. p. 615.
[31] Gedr. NA. VIII, 370 ff.
[32] S. oben S. 132.
[33] _Elevatio S. Macharii_, SS. XV. 2, 616-621. Einzelnes darin,
wie die Nachrichten von der Pest des J. 1012, ist historisch
brauchbar.
[34] _Ex translatione SS. Livini et Brictii_, ib. p. 611-614. -- Der
_Catal. abh. Gandav._ MG. SS. XXV, 570, ist nur Auszug der Ann.
Gand. u. werthlos, berichtigt Waitz-Aufsätze S. 661.
Diese ganze Litteratur würde nicht verdienen, so viel Aufmerksamkeit in
Anspruch zu nehmen, wenn sie nicht theils für die Zeit charakteristisch
wäre, theils durch die Chronisten des 14. Jahrhunderts, Johann von
Thielrode und die Genter Annalen, viele hieraus geschöpfte Fabeln
in die Geschichte eingedrungen wären, welche noch nicht vollständig
beseitigt sind.
Eine besonders hervorragende Stellung als Reformator vieler Klöster
nahm der oben erwähnte Abt =Gerhard= ein, der Stifter des Klosters
=Brogne= im Lütticher Sprengel zwischen Maas und Sambre. Er gehörte zur
Sippschaft des Hagano (Austrasiorum ducis), jenes bekannten Günstlings
Karls des Einfältigen; seine Mutter Plictrudis war eine Schwester des
Bischofs Stephan von Lüttich. Im Lommatschgau, wo er heimisch war,
setzte er auf seinem Erbgut Brogne zuerst Canoniker ein; als aber
Graf Berengar von Namur, dessen vielvermögender Rath er war, ihn zum
Grafen Robert nach Paris sandte, machte ein Besuch im Kloster St. Denis
solchen Eindruck auf ihn, daß er seine Entlassung erbat und zur großen
Verwunderung der Mönche von St. Denis bei ihnen Unterricht nahm und
Mönch wurde (919 oder 920 nach Sackur). Es war ihnen ganz erstaunlich,
daß ein bärtiger Mann noch die Buchstaben lernen wollte, wie ein
fünfjähriger Knabe[35] -- eine Stelle, die uns einmal recht deutlich
zeigt, wie unberührt von aller litterarischen Bildung die Laien waren,
und wie irrig die weitverbreitete Meinung ist, als ob die _scholae
exteriores_ für sie bestimmt gewesen wären. Im Jahre 926 zum Priester
geweiht, kehrte Gerhard zurück, und übergab nun die Kirche zu Brogne
12 Mönchen aus St. Denis. Die Leitung des Klosters war seinem auf
stille Beschaulichkeit gerichteten Sinn zuwider, er lebte abgesondert
als Klausner, aber Herzog Giselbert und Bischof Fulbert von Cambrai
ließen ihm keine Ruhe. In St. Ghislain lebten nämlich damals Cleriker
von gar schlechtem Wandel, welche sich mit ihrem Heiligen singend und
bettelnd herumtrieben, bis endlich dieser des Treibens müde zuließ,
daß sein Leib gestohlen wurde. Da wurde das Kloster Gerhard zur Reform
übergeben; er fand das Heiligthum in Maubeuge, der Herzog gab die Güter
zurück, und trotz des Widerstandes der losen Brüder, stellte Gerhard
dieses und andere Klöster her[36]. Auch Arnulf von Flandern, angeblich
von einem Steinleiden wunderbar geheilt[37], entäußerte sich seiner
Abteien Blandigny (941)[38] und St. Bertin (944), wo die regelmäßige
Zucht hergestellt wurde, und übergab Gerhard alle Klöster seines
Gebietes; er soll deren 18 geleitet haben, darunter auch Saint-Remi.
Durch einen Krieg über die gefährdete Lage seines eigenen Klosters
belehrt, kaufte Gerhard Brogne los von der Abhängigkeit von St. Denis
und übergab es dem Bischof Farabert von Lüttich (947-953); endlich
starb er in hohen Ehren am 3. Oct. 959. Sein Leben ist nicht lange
nach seinem Tode ausführlich beschrieben, aber wir besitzen nur eine
Ueberarbeitung aus dem Anfange des elften Jahrhunderts, für den Abt
Gonter geschrieben, geschmacklos mit Versen gemischt. Daß Raginer von
Hennegau noch in der Verbannung lebe, Lietald, Gerhards Nachfolger als
Vorstand des Klosters zu Mouson († 997), die Wahrheit der Erzählung
bestätigen könne, schrieb er gedankenlos nach, so wenig es auch zu
seiner Zeit noch paßte[39]. Daß die alte Biographie sich darin noch
erkennen lasse, wie W. Schultze annahm, leugnet L. v. Heinemann; die
geltend gemachten Stellen sind entnommen aus der darin benutzten und
angeführten gleichzeitigen Schrift über die Wunder des h. Eugenius in
Brogne, wohin er von St. Deuis gebracht war, die an den Abt Gerhard
gerichtet ist und erst kürzlich von den Bollandisten herausgegeben
wurde; unter den Wundern bezieht sich eines auf den Einfall der Ungern
in Lothringen[40].
[35] „Quod vir jamdudum barbatus applicari vellet ulterius studiis
litterarum puerilibus..... litteratim percurrit prima elementa
ceu quinquennis puerulus.“ V. Gerardi c. 9. Die chronologischen
Bedenken in diesen Angaben beseitigt Sackur, indem er ihn die
Reliquien früher erwerben läßt.
[36] Es wurde 931 hergestellt, verbrannte 938. Nachrichten über die
Geschichte des Klosters in der zu Gerhards Zeit aufgezeichneten
_Inventio S. Gisleni_, ed. Holder-Egger SS. XV, 2, 576-579, mit
von Augenzeugen aufgezeichneten Wundern. Danach stand Gerhard
schon vorher mehreren anderen Klöstern vor.
[37] Diese merkwürdige Geschichte hat auch Folcuinus ed. Guérard
p. 143 aus der V. Gerardi, c. 19, doch nur in einer späten
Ueberarbeitung.
[38] S. oben. Ein Mönch Adelard von Bland. schrieb einen Brief an Erzb.
Elphegus von Canterbury (1006-1012) über Dunstan, der in seiner
Verbannung bei Graf Arnulf Schutz gefunden hatte, W. Stubbs,
Memorials of Saint Dunstan, p. 53 (Hist. Zeitschr. XXXV, 200).
Die _Historia Relationis S. Walarici in monasterium Leuconaense_,
ed. Holder-Egger, SS. XV, 2, 693-696, im elften Jahrhundert
geschrieben, berichtet, wie dieser Heilige 952 durch Arnulf von
Flandern nach St. Bertin gebracht war und 981 durch Hugo Capet
nach St. Valery-sur-Mer zurückkam. Zugleich kam auch S. Richarius
von da nach seinem Kloster zurück; s. oben S. 173.
[39] _Vita S. Gerardi Broniensis_, ed. L. v. Heinemann, SS. XV, 2,
654-673. Capitel 14 sind Stellen aus Liudprands Antapodosis
aufgenommen. Aus Italien brachte er ein Saumthier mit _lapidibus
porphyreticis_ für den Hauptaltar mit, cap. 21. Die Geschichte
seiner Reise nach Rom ist aber wegen der Nennung eines Pabstes
Stephan und der Existenz einer zweifellos unechten Bulle von
diesem bedenklich. Vgl. über ihn Walther Schultze, Gesch. v.
Brogne u. die Klosterreform in Niederlothringen u. Flandern.
Forsch. XXV, 221-271. L. v. Heinemann, Die älteren Diplome f.
d. Kl. Brogne u. die Abfassungszeit der V.G. NA. XV, 593-596.
Sackur, Die Cluniac. S. 121 ff. 365 ff. vgl. NA. XVIII, 350.
-- Unbedeutende _Notae Bronienses_ 1102-1175, MG. SS. XXIV,
27. „Cronice abbatis Broniensis“ wurden 1490 an das Kloster
Marienstatt geschenkt, Anz. d. Germ. Mus. XXVII, 143.
[40] Analecta Boll. III, 29-57. _Ex Virtutibus S. Eugenii Bronii
ostensis_ ed. L. v. Heinemann, SS. XV, 2, 646-652. Dazu S. 653
Wunder, die er schon im 9. Jahrh. in Diogilus (Deuil) verrichtet
hatte.
Ein eifriger Verehrer des Grafen Arnulf von Flandern war der Priester
=Witger=, welcher zwischen 951 und 959 Arnulfs Herkunft mit der
Genealogie der Karolinger verband, und seine Verdienste um Kirchen,
namentlich die zu Compiègne, pries[41].
[41] _Witgeri Genealogia Arnulfi comitis_ ed. Bethmann, MG. SS. IX,
302 bis 304.
Ein Schüler Notkers von Lüttich war =Adalbold=, der nach dem
vortrefflichen Ansfrid 1010 Bischof von Utrecht wurde, wo er am 27.
Nov. 1026 gestorben ist[42]. Seine große Gelehrsamkeit bezeugen theils
mathematische Schriften, theils ein Commentar zu derselben Stelle des
Boethius, welche einst Bovo von Corvey erläutert hatte[43]. Mit Heriger,
Gerbert, Berno war er befreundet und in wissenschaftlichem Verkehr[44];
er nennt sich _scholasticus_, vielleicht (nach Moll) bei St. Ursmar
in Lobach. Ein Mitschüler von ihm, =Egebert=, damals Priester und
Schulmeister in Lüttich nach E. Voigt, widmete ihm ein Buch, das er
_liber prorae et puppis_ oder _Foecunda ratis_ nennt, Sprichwörter,
Geschichten und anderes in recht schlechten Hexametern enthaltend, voll
gesuchter und ungeschickter Gelehrsamkeit; es fehlt darin nicht die
übliche und immer wiederkehrende Klage über Verfall und Mißachtung der
Gelehrsamkeit. Die Franzosen, deren strengere mönchische Askese auch
Adalbold begünstigte, kann er nicht leiden, und seine Schüler machen
ihm manchen Kummer[45].
[42] S. über ihn Moll, Kerkgeschiedenis van Nederland, II, 50-59;
Hirsch, Heinr. II, II, 296-301; Bresslau. Konrad II, I, 204
für 1026 (nicht 1025). Vorher war er Cluniac. Mönch geworden.
Monographie von Van der Aa, Groningen 1862.
[43] Oben S. 255. Adalbolds Werk hat Moll entdeckt und mit Einleitung
herausgegeben im Kerkhist. Archief v. Kist u. Moll III, 161-213.
Sep.-Abdr. 1862.
[44] Die Briefe führt Moll an. Eine „Epistola Adalboldi Ultraj. ep.
ad Erchanboldum archiep. Mog.“ im Cod. lat. Mon. 2598 f. 80^b ist
nur eine Salutatio.
[45] Den Namen nennt Sigebert de SS. eccl. c. 146. -- Egberts von
Lüttich Fecunda ratis ed. E. Voigt, Halle 1889. Ueber die
Bedeutung desselben E. Voigt: Das erste Lesebuch des Triviums,
Mitth. d. Ges. f. deutsche Erzieh. u. Schulgeschichte I (1891),
S. 42-53. -- Klagen über widerstrebende Schüler auch im cod. Col.
188, Catal. p. 79, wo _ludrica_ statt _ludicra_ verdruckt ist.
Einen sonst nicht bekannten =Odbert= hatte Adalbold als Knaben mit nach
Utrecht genommen; dieser sah in der alten Salvatorkirche das Grab des
838 erschlagenen =Bischofs Friedrich=; er hörte, daß durch die Dänen
mit vielen anderen Büchern auch dessen Lebensbeschreibung verbrannt
sei, und beeilte sich, wie er behauptet als zehnjähriger Knabe,
aufzuzeichnen, was man von diesem Märtyrer wußte. Man erzählte ihm,
wie er angiebt, daß Friedrich, von dem wir sonst nur wissen, daß er
mit Hraban in freundschaftlichem und gelehrtem Verkehr stand[46], sich
der Ehe Ludwigs des Frommen mit Judith wegen zu naher Verwandtschaft
widersetzt habe, und daß ihn deshalb Judith habe ermorden lassen: wohl
ohne Zweifel eine spätere Erfindung. In lügenhaftester Weise hat der
Vf. die bei Thegan und Regino gefundenen Nachrichten diesem Standpunkt
entsprechend ausgeschmückt und verdreht. Die noch erhaltenen _Acta
Friderici_[47] scheinen etwas überarbeitet zu sein, aber eine wesentlich
übereinstimmende Erzählung kannte schon Wilhelm von Malmesbury. Von
einem Priester =Odulf=, der auf Friedrichs Befehl den Friesen predigte,
giebt es eine lange nach seinem Tode verfaßte Lebensbeschreibung mit
wenig Inhalt[48]; diese hat jener Otbert benutzt.
[46] Dümmler, Poet. Lat. II, 181.
[47] Mit Einleitung von Gu. Cuper Acta SS. Jul. IV, 452-471: p. 457 der
metrische Prolog von Oetbert. Ausg. von Holder-Egger als _Passio
Frid._ MG. SS. XV, 342-356.
[48] _Vita Odulfi presb. Traj._ Acta SS. Jun. II, 592-595. Auszug MG.
SS. XV, 356-358, vgl. 574^b.
Zu =Tiel= an der Waal verwandelte Adalbold ein verfallenes Kloster
an der Kirche der h. Walburga in ein Chorherrenstift, und der Custos
dieses Stifts widmete ihm eine Schilderung der dort vorgekommenen
Wunder, welche geschichtliche Beachtung verdienen. Adalbold preist er
als Erbauer der neuen Martinskirche, und als thätig auch _in castris
imperialibus_. Eine Abschrift, der ein neues Wunder beigefügt ist,
schickt er an den oben S. 375 erwähnten Wormser Diaconen Immo[49].
[49] _Miracula S. Waldburgae Tielensia_ ed. Holder-Egger SS. XV, 2,
764-766, vollst. von G. Henschen, Acta SS. Feb. III, 546-548.
Von einem tobsüchtigen Engländer heißt es: „in corium bovis, quod
lingua Britanniorum hudifac (hudisac?) vocatur illigaverunt“.
Alpert erwähnt, daß Bischof Adalbold über die Thaten Heinrichs II
bis zur Einnahme von Metz (1012) ein so vortreffliches Werk verfaßt
habe, daß er, Alpert, deshalb von diesen Dingen nicht reden wolle[50].
Dieses Werk ist leider verloren; erhalten hat sich der Anfang eines
=Lebens Kaiser Heinrichs= II, welches nur bis 1004 reicht, und
Adalbold zugeschrieben wird[51]. Es ist gänzlich auf Thietmars Chronik
begründet und nur mit rhetorischem Schmuck überladen, ein Verfahren,
welches von der Utrechter Schule und Adalbolds gelehrter Bildung
nicht befremden darf, während dessen eigene Erfahrung erst im weiteren
Verlaufe einwirken konnte. Doch fehlen auch hier schon nicht einige
Zusätze, besonders über italische Verhältnisse. Ich sehe deshalb keinen
genügenden Grund, das Werk mit Moll Adalbold abzusprechen, noch auch
anzunehmen, daß es niemals weiter gereicht habe, als wir es besitzen,
wenn auch der sächsische Annalist, bei dem allein eine Spur desselben
sich findet, nach mehr als einem Jahrhundert auch schon nicht mehr als
dieses Fragment gehabt haben mag. Daß auch bedeutende Werke geringe
Verbreitung fanden und frühzeitig verloren wurden, ist leider keine
vereinzelte Erscheinung.
[50] De div. temporum I, 5: „quia domnus Adelboldus Traiectensis
episcopus haec omnia pleniter in uno volumine luculento sermone
comprehendit“. Giesebrecht II, 560 und Hirsch, Heinrich II, I,
297 nehmen es als Praesens, mir scheint es jedoch kaum möglich
anzunehmen, daß nicht Alpert von einem ihm schon vorliegenden
Buche rede.
[51] _Vita Heinrici II auct. Adalboldo_ ed. G. Waitz, MG. SS. IV,
679-695. Hs. in Halle, NA. VIII, 382.
Später übernahm man in dem von Heinrich gestifteten Bisthum Bamberg
die Bewahrung seines Andenkens, und machte hier aus dem tüchtigen und
umsichtigen Kaiser, dem wackern Kriegsmanne, der nur selten aus den
Waffen kam, einen gewöhnlichen Legendenheiligen; es bildete sich hier
ein völlig entstelltes Bild aus, welches auf die richtige Erkenntniß
und Darstellung der Geschichte einen sehr nachtheiligen Einfluß geübt
hat[52]. Denn was die geistlichen Schriftsteller des Mittelalters gelobt
hatten, tadelten die neueren Historiker; die thatsächliche Grundlage
aber wurde nirgends genügend untersucht, bis in neuester Zeit W. v.
Giesebrecht mit umfassender und eindringlicher Benutzung der echten
gleichzeitigen Quellen eine besser begründete Schilderung jenes Kaisers
in die Geschichte einführte.
[52] S. darüber unten V § 14. -- Eine von Giesebrecht entdeckte, von
Jaffé herausgegebene Nachricht über _Dedicatio ecclesiae S. Petri
Babenbergensis_ (1012) MG. SS. XVII, 635. Bibl. V, 479.
Notkers Nachfolger in =Lüttich=, =Balderich= II (1008-1018), früher
Vitzthum der Regensburger Kirche, wird als ein trefflicher Mann
gerühmt; er stiftete das Kloster St. Jacob und fand hier auch einen
Biographen, der jedoch erst um die Mitte des Jahrhunderts schrieb und
den Bischof nicht mehr persönlich gekannt hatte[53].
[53] _Vita Balderici ep. Leod._ ed. Pertz, MG. SS. IV, 724-738.
Ein ausgezeichneter Zögling der Schule zu =Lobbes= wurde von Otto III
im Jahre 1000 (-1025) zum Bischof von =Worms= berufen, =Burchard=, der
als der gelehrteste Canonist seiner Zeit bekannt und berühmt ist, und
der sein gänzlich verfallenes Bisthum zu neuer Blüthe erhob. Freilich
wird von dem gelehrten Pabste Gregor V (996-999) gerühmt, daß er
in Worms gebildet sei[54], doch fand Burchard nach seines Biographen
Schilderung die Stadt noch in Ruinen nach der Verwüstung durch die
Ungern, und die Fehden des Adels hinderten jeden Fortschritt zu
besseren Zuständen. Durch die Schilderung dieser Verhältnisse und der
Art, wie es Burchard gelang den Uebelständen abzuhelfen, ist dessen
Biographie sehr lehrreich, so wie andererseits Burchards einflußreiche
und angesehene Stellung bei Otto III und Heinrich II ihr auch für die
Reichsgeschichte Bedeutung verleiht[55]. Sie ist von einem Zeitgenossen
verfaßt und gehört zu den besseren Werken dieser Art; doch hat Manitius
nachgewiesen, daß in übermäßiger Weise darin Alpert ausgebeutet,
und sogar dessen Lobpreisung Ansfrids auf Burchard angewandt ist,
so daß nicht viel Eigenes übrig bleibt[56]. Noch am Anfang des
folgenden Jahrhunderts feierte der Cleriker Hermann in seinem Cartular
der Wormser Kirche Burchard durch eine kurze, aber inhaltreiche
Charakteristik voll warmer Dankbarkeit[57].
[54] „Lingua Teutonicus, Wangia doctus in urbe.“ Epit. bei Baronius
ad a. 999 § 1. Die Form Wangia auch in einem Hymnusfragment saec.
XII. Geschichtsbl. d. mittelrhein. Bisth. S. 23.
[55] _Vita Burchardi Wormat._ ed. Waitz, MG. SS. IV, 829-846, nach der
alten Ausgabe von 1548. Cod. Pal. 851, Arch. XII, 344. Vgl. W.
Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 787. H. Grosch, B. v.
W. Jena 1890. M. Conrat (Cohn), Gesch. d. Quellen d. Rom. Rechts
im MA. I, 261.
[56] NA. XIII, 197-202.
[57] MG. SS. IV, 829. Ueber die Wormser Schule vgl. Kehr, Die Urkk.
Ott. III (1890).
§ 8. Alamannien.
Stälins Wirtembergische Geschichte I, 605 ff.
Die Schulen von =St. Gallen= und =Reichenau= bewahrten auch in dieser
Zeit ihren alten Ruhm und erhoben sich zu hoher Blüthe; es wurde
manches hier geschrieben, aber wie Schwaben damals der Reichsgeschichte
ferner stand, wie den Alamannen der sächsische Kaiserhof weit
fremder war als der karolingische, so nahm auch das ganze Leben
einen provinziellen Charakter an, und während wir in Sachsen und in
Lothringen Geschichtswerke von allgemeinerem Gesichtspunkte entstehen
sahen, beschränkt sich hier die Litteratur auf Schriften von engerem
Gesichtskreise. =Annalen= freilich sind auch hier geschrieben und darin
auch, wie überall, von Kaiser und Reich berichtet; ihre Notizen sind
als gleichzeitige Aufzeichnungen wichtig, aber sie zeigen kein Streben
nach zusammenhängender Darstellung, wie die größeren sächsischen
Jahrbücher und der Fortsetzer des Regino. So wurden in St. Gallen die
alten Alamannischen Annalen bis 926 fortgesetzt[1]; um die Mitte des
Jahrhunderts entstanden dann die größeren =Annalen von St. Gallen=, bis
955 von einer Hand geschrieben und von verschiedenen Schreibern bis
1044 fortgeführt[2], die Sanct Galler Gelehrsamkeit durch Anwendung
von Stellen alter Schriftsteller bekundend[3]. Bis 918 sind sie ein
Auszug der Alamannici mit einigen Zusätzen, von 919 an selbständig und
von erheblichem Werth. Gleichzeitig wurde in derselben Handschrift,
welche verschiedene Mönchsregeln u. a. enthält, auch das Necrologium
angelegt[4]. Dagegen ließ man in =Reichenau=, wo längere Zeit hindurch
die alten Murbacher Annalen fortgesetzt waren, schon mit dem Jahre 939
von dieser Thätigkeit ab; ein Exemplar dieser Annalen, welches für den
Erzbischof Friedrich von Mainz bald nach 939 abgeschrieben war, ist
merkwürdig durch die von Otto's des Großen Sohn Wilhelm eigenhändig am
Schlusse zugesetzte Nachricht von seiner Erhebung zum Erzbischof von
Mainz (954) und dem gleichzeitig zwischen dem Kaiser und seinem Sohne
Ludolf geschlossenen Frieden[5]. Es hat aber auch noch eine weitere
Fortsetzung Alamannischer Annalen gegeben, deren Spuren Giesebrecht bis
985 in den Altahenses findet[6] und die vielleicht auch in den Cölner
Annalen noch kenntlich ist.
[1] Neue Ausg. nach dem Original in Zürich in d. Mitth. z. vaterl.
Gesch. XIX, 224-265, von C. Henking. Nach der ausführl. Erörterung
S. 347 bis 358 ist das Stück 800-876 von einer Hand geschrieben
und Reichenauer Ursprungs; 877-881 zweifelhaft, 882-926 in St.
Gallen geschrieben.
[2] _Ann. S. Galli majores_, früher _Hepidanni_ genannt, ed. Pertz,
MG. SS. I, 73-85; Henking a. a. O. S. 265-323, vgl. S. 358 ff.
(Nach S. 291 sind die J. 965 u. 966 von Ekkeh. IV geschrieben u.
also ohne Autorität.) Ueber die Reichsannalen, welche dem Stück
von 1025-1040 zu Grunde liegen, werden wir in der folgenden
Periode zu reden haben. Ueber Zusätze von Ekkehards IV Hand s.
Meyer von Knonau S. 338.
[3] Strehlke, De Heinrici III bellis Ungaricis p. 35.
[4] S. die Ausgabe von Dümmler u. Wartmann in den St. Galler
Mittheilungen XI nebst den _Historiae de fratribus conscriptis_
(885 bis 982) S. 13-24. Letztere als _Confraternitatum syngraphae_
MG. Libri Confrat. ed. Piper p. 136-143.
[5] _Annales Augienses_ MG. I, 62. 67-69. Vgl. II, 238. Berichtigte
Ausgabe von Jaffé, Bibl. III, 700-706. Vgl. oben S. 287.
[6] MG. SS. XX, 776.
Auch die =Weingarter= Annalen, nur nach dem Fundort benannt, sind bis
918 nichts als ein Auszug der Alamannici, bis 936 fortgeführt[7]. In
=Einsiedeln= aber wurden um das Jahr 966 Annalen zusammengestellt,
und bis 1057, in einer anderen Handschrift bis 1268 gleichzeitig
fortgeführt[8]. Im nahen Elsaß wurde in =Weißenburg= ein Exemplar
der Hersfelder Annalen in einen Auszug gebracht und von 985-1075
fortgesetzt[9].
[7] _Annales Weingartenses_, MG. SS. I, 65-67. Vgl. Henking in den
Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, S. 345. Die Sangall. breves (ib. S.
220-227) sind nichts anderes als eine schlechtere Copie desselben
Auszuges.
[8] _Ann. S. Meginradi_, _Heremi_ und _Einsidlenses_ ed. Pertz, MG.
SS. III, 137-149. Von den Ann. Heremi vermuthet H. Bresslau im NA.
V, 449, daß sie nur ein Auszug d. Schwäbischen Reichsannalen sind.
-- G. v. Wyß: „Ueber die Antiquitates monasterii Einsidlensis u.
d. Liber Heremi des Aegidius Tschudi“ (Jahrb. f. Schweiz. Gesch.
X) behandelt sehr eingehend diese Mss. u. erweist ihren Charakter
als Arbeiten von Tschudi. Ihr geschichtl. Werth besteht in der
Benutzung einer beim Klosterbrand 1577 verlorenen Annalenhs. u.
des alten Liber vitae, im ersten Theil des Liber Heremi, eines
Namens, der eigentlich nur dem von Tschudi benutzten Liber vitae
zukommt. Daraus werden als Beilagen abgedr. S. 87 kurze Annalen
863-996 als _Annales S. Meginradi II_, S. 88-110 _Ex libro Vitae
Einsidl._ a. 883-1298, Verz. d. Wohlthäter mit Angabe ihrer
Schenkungen, Necrolog ohne Tage, u. noch einige Notizen aus d.
14. Jahrhundert.
[9] _Annales Weißenburgenses_ ed. Pertz, MG. SS. III, 33-65. 70-72.
Vgl. oben S. 340.
Bei weitem das bedeutendste Werk für die Geschichte dieser Zeit ist die
Fortsetzung der Klosterchronik von St. Gallen, deren wir schon oben
(S. 268) gedachten, und die uns das anschaulichste und lebendigste
Bild gewährt von einem schön und reich entwickelten Klosterleben,
dessen Mittelpunkt die Schule ist. =Hartmann=, der gelehrte Nachfolger
(922-924) des Abtbischofs Salomon, hat über die Geschichte seiner
Zeit ein Buch hinterlassen, welches uns leider verloren ist[10]. Ein
Jahrhundert lang scheint darauf diese Aufgabe unbeachtet geblieben zu
sein, bis =Ekkehard= (IV) die Arbeit unternahm, ein Schüler Notkers des
Deutschen, des bedeutendsten Sanctgaller Lehrers, an dessen Sterbebett
er am 29. Juni 1022 stand; dann ging er, wohl von Aribo berufen, nach
Mainz, wo er der Schule vorstand. Auch Trier scheint er aus eigener
Anschauung gekannt zu haben[11]. Nach Aribo's Tod (6. April 1031)
scheint er heimgekehrt zu sein, und unter den Glossen, mit welchen
er viele Handschriften des Klosters versah, findet sich noch der Tod
des Pabstes Victor (28. Juli 1057) erwähnt, den nach seiner Meinung
ein Abt vergiftet hatte. Für seinen Lehrer Notker[12] hat Ekkehard
eine große Menge metrischer Uebungen (dictamina) verfertigt, die,
verkünstelt und geschmacklos, wie sie meistens sind, doch von diesem
der Aufbewahrung werth erachtet wurden; andere fügte er später aus
eigenem Antrieb hinzu, die zum Theil an seinen Bruder Immo, Abt von
Münster im Gregorienthal, gerichtet sind. Die im Cod. 393 noch jetzt
erhaltene Sammlung unter dem Titel _liber benedictionum_ stellte er
zusammen auf Anregung des Staveloter Mönchs Johannes, Neffen des Abtes
Poppo, der in St. Maximin Abt wurde und am 11. Juli 1035 gestorben
ist[13]. Auf den Wunsch des Abtes Purchard II (1001-1022), der ein
eifriger Beförderer der lateinischen Dichtkunst war[14], machte er Verse
zu den Bildern aus dem Leben des h. Gallus, welche Abt Immo (975-984)
im Kloster hatte malen lassen. Ebenso dichtete er in Mainz auf Aribo's
Wunsch Unterschriften zu den Gemälden des Doms[15], und überarbeitete
den _Waltharius_ des älteren Ekkehard (I † 973), den dieser für
seinen Lehrer Gerald in Verse gebracht, Gerald dem Bischof Erchambold
von Straßburg gewidmet hatte[16].
[10] Ekkehard S. 102: „de quo quoniam proprium ejus sui temporis
libellum habemus, plura scribere supersedemus“. Vgl. über ihn
Dümmler, St. Gall. Denkmale S. 256, NA. IV, 556; Meyers von Knonau
Ausg. S. 165 bis 168.
[11] Dümmler, NA. XI, 405, wo er weitere Glossen von ihm zu Adonis
Martyrologium mittheilt.
[12] Dessen merkwürdiger Brief über seine Uebersetzungen an Bischof
Hugo von Sitten bei J. Grimm, Kl. Schr. V. 190.
[13] S. vorzüglich E. Dümmler, Ekkehart IV, in Haupts Zeitschrift XIV,
1-73, u. G. Meyer von Knonau in der Einleitung zu seiner Ausgabe.
_Rythmi de S. Othmaro_, mit Glossen, worin er dieselben St. Galler
Lehrer feiert wie in der Chronik, MG. II, 55-58. Verbesserungen
von Dümmler l. c. p. 13. Neue Ausg. im Ekk. ed. M. v. Knonau p.
LXXXV-LXXXIX. _Benedictiones ad mensas_ ed. F. Keller, Mitth. d.
Antiqu. Ges. in Zürich, III, 97-121.
[14] An diesen Abt ist, als er sich am Hofe befand, ein merkwürdiges
Schreiben über einen Kirchendiebstahl und dessen Entdeckung von
seinen Mönchen gerichtet, gedr. in Wartmanns Urkundenbuch III, 34.
-- Ein im Anschluß an Marcianus Capella gedichtetes Lehrgedicht
über die 7 freien Künste, s. XI. aus St. Gallen, NA. V, 627.
[15] Fehlerhaft gedr. bei Fr. Schneider, der h. Bardo, Mainz 1871:
besser von Jos. Kiefer im Progr. des Großh. Gymn. in Mainz 1881;
vgl. NA. VII, 419.