Von Heinrich I bis zum Tode Heinrich II, 919-1024.
§ 1. Allgemeines.
=Contzen=, Die Geschichtschreiber der sächs. Kaiserzeit. Regensburg
1837. Entstellt durch Benutzung der falschen Corveyer Chronik,
und durch die neuen Ausgaben der Quellen unbrauchbar gemacht.
-- Stälin Wirt, Gesch. I, 419-426. L. Giesebrecht, Wendische
Geschichten III, 294-307. Waitz, Ueber die Entwickelung der
deutschen Historiographie im Mittelalter, in Schmidts Zeitschrift
für Geschichte II, 97-103. -- W. Giesebrecht, Geschichte
der deutschen Kaiserzeit, I, 777-790. II, 557-560. -- Guil.
Maurenbrecher de historicis decimi saeculi scriptoribus, qui res
ab Ottone Magno gestas memoriae tradiderunt, Bonnae 1861; vgl.
Lit. Centralblatt 1862, Sp. 837.
Mit dem Jahre 906 endigt Regino's Chronik, ein Jahr, bevor Herzog
Liutpold mit der Blüthe des bairischen Volkstammes von den Ungern
erschlagen wurde. Ein schwaches Kind saß auf dem Throne und vermochte
nicht das Reich zu schirmen. Es hatte den Anschein, als ob die ganze
von Karl dem Großen neu gepflanzte Kultur bereits dahin sinken sollte.
Ein Stift nach dem anderen wurde den Normannen zur Beute, und was
übrig blieb, rissen die räuberischen Großen an sich, die in ihren
gegenseitigen Fehden verheerten, was dem äußeren Feinde noch entgangen
war. Die Sitze der Bildung und Gelehrsamkeit verstummten; auch wenn sie
der gänzlichen Verödung entgingen, ließ doch die nagende Sorge um die
stets gefährdete Existenz keine wissenschaftliche Thätigkeit aufkommen.
Schlimmer noch als in Deutschland, sah es in den Nachbarländern aus;
die Normannen, aus Sachsen zurückgeschlagen, hausten in Frankreich
und Lothringen, ohne Widerstand zu finden, während der Süden von
sarazenischen Seeräubern verheert wurde. Die Bretonen und Waskonen
schüttelten das fränkische Joch ab, und die Ungern streiften auf ihren
schnellen Rossen bis an den Ocean. In Italien begegneten spanische und
afrikanische Sarazenen den Ungern, und die innere Zwietracht war in
beiden Ländern noch ärger als in Deutschland.
Allein die Keime, welche einst Karl der Große gelegt hatte, waren
bereits so stark und kräftig geworden und hatten so tiefe Wurzeln
geschlagen, daß sie auch diese Feuerprobe überdauerten.
Wie einst von Austrasien, so ging jetzt von Sachsen die Rettung aus.
Hier hatte man zuerst sich ermannt und unter den Ludolfingern in
festem Zusammenhalten die Kraft gefunden, der Feinde Herr zu werden.
Reginbern, aus Widukinds Stamm, der Bruder der Königin Mahthild,
schlug die Dänen so, daß sie nicht wiederkamen. Die Wenden, welche
die Ostgrenze bedrängten, wurden zurückgeworfen. =Heinrich= I stellte,
wie einst Karl Martell und Pippin, das Reich her und wies die Ungern
zurück; was er begonnen, vollendete sein Nachfolger, bis er die inneren
und äußeren Feinde bezwungen hatte. In dieser eisernen Zeit war noch
für die Feder kein Raum, aber nach dem Siege konnte =Otto= an die
Herstellung der geistigen Bildung denken. Da sehen wir überall die
verödeten Klöster aus der Asche erstehen, sie werden den Händen der
Laienäbte entrissen und ihrer Bestimmung wiedergegeben. Bald regt sich
in ihnen, zunächst in denen, welche von den Stürmen dieser Zeit weniger
gelitten hatten, von neuem wissenschaftliche Thätigkeit.
Wie Karl, schätzte auch Otto die Wissenschaften, ohne selbst eine
gelehrte Bildung erhalten zu haben; seine Erziehung war kriegerisch
gewesen, und erst spät, nach dem Tode der Königin Edid (26. Januar
946), lernte er lateinische Bücher lesen und verstehen[1]; reden konnte
er die Sprache der Gelehrten nicht[2]. Auf der Synode zu Ingelheim 948
wurden der Könige wegen die päbstlichen Schreiben in deutscher Sprache
verlesen[3], und auch in seinem Alter ließ er sich einen lateinisch
geschriebenen Brief von seinem Sohne Otto II übersetzen[4].
[1] Widuk. II, 36. Vgl. Dümmler, Otto I S. 515. Ich glaube nicht, daß
man bei _litteras discere_ und _libros legere et intelligere_ an
andere als lateinische Bücher denken darf.
[2] Liudpr. Hist. Ott. 11.
[3] Flodoard h. a. MG. SS. III, 396.
[4] Casus S. Galli MG. SS. II, 139. Einen anderen übersetzt die
Kaiserin Adelheid, _nam litteratissima erat_; ib. p. 146.
Wie Karl, suchte auch Otto gelehrte Ausländer ins Land zu ziehen. So
bemühte er sich lange vergeblich, den =Gunzo= von =Novara=, einen
jener italienischen Grammatiker, nach Deutschland zu bekommen.
Dieser Gunzo war Diaconus in seiner Vaterstadt, und schrieb hier,
aufgefordert vom Bischof Atto von Vercelli († c. 960) eine Schrift
über Ehehindernisse[5]. Bei seiner persönlichen Anwesenheit in
Italien gelang es Otto endlich, ihn zu gewinnen[6]. An hundert Bücher
behauptet Gunzo mitgebracht zu haben, darunter Schriften von Plato
und Aristoteles; doch vermuthlich in lateinischer Uebersetzung. Trotz
seiner Gelehrsamkeit geschah es ihm zuweilen, durch das Italienische
verleitet, daß er die Casus verwechselte[7] und deshalb wurde er in
St. Gallen mit einem Spottliede verhöhnt, denn er hatte statt eines
Ablativs einen Accusativ gesetzt. Dagegen rechtfertigte sich nun Gunzo
in einem sehr langen und sehr pedantischen Briefe an die Mönche von
Reichenau, in welchem er seine ganze gelehrte Schulweisheit zur Schau
stellt.
[5] D'Achery, Spicil. I, 437.
[6] So erzählt Gunzo selbst in seiner _Epistola ad Augienses fratres_
bei Martène, Coll. I, 294. Der Codex aus St. Amand ist jetzt
in Valenciennes, Mangeart p. 302. Eine zweite Hs. in Maihingen,
NA. IX, 286. Man hatte ihn auch in Stablo, Gottlieb, Mittelalt.
Bibliotheken S. 440. Obgleich er Otto nur König nennt, zieht
doch M. v. Knonau zu Ekk. S. 328 das J. 965 vor. Vgl. Gatterers
Commentatio de Gunzone Italo, Norimb. 1756; Bursian, Gesch.
d. Philol. S. 43. Daß er der Ebersberger Probst Guntheri oder
Gunzo gewesen sei „Graecis ac Latinis litteris doctus, qui fuit
conscolasticus Gerberti pape“ (Chron. Ebersp. MG. SS. XX, 18)
scheint der Zeit nach kaum möglich, da dieser nach Gr. Hundt von
1002 bis 1013 Probst war.
[7] „Falso putavit S. Galli monachus me remotum a scientia grammaticae
artis, licet aliquando retarder usu nostrae vulgaris linguae quae
latinitati vicina est.“ M. v. Knonau vermuthet, daß Ekkehard II
(palatinus) sein Gegner war.
Einen Landsmann von ihm Namens =Stephan=, der in Pavia gebildet war,
in Novara und Pavia gelehrt hatte, beriefen König Otto und Bischof
Poppo von Würzburg (941-961) aus Italien, und der Ruf seiner Vorträge
über Marcianus Capella zog den jungen Wolfgang aus Reichenau nach
Würzburg[8]. Seine Bücher, welche aber nicht zahlreich waren, vermachte
er dem h. Kilian[9]. Einige Auskunft über sein Leben und Wirken gewährt
die Grabschrift, welche er für sich selbst verfaßt hat[10]. Sie steht
in einer Handschrift des Domcapitels zu Novara, einer von Stephan
geschriebenen Canonensammlung; denn er hat sich nach 970 wieder in
seine Heimath begeben, wo er 985 eine Schenkung des Bischofs Aupald
unterzeichnete. Die Grabschrift lautet:
Novariae natus, Papiae moenibus altus,
Urbe velut potui, doctor utraque fui.
Me rex Otto potens Francorum duxit in urbem,
Qua legi multos mente vigente libros.
Hinc me digressum, proprium suscepit alumnum
Virgo salus mundi, mater et alma dei.
Protinus amissam studui reparare sophiam,
Erudiens pueros instituensque viros.
His igitur cunctis Christo tribuente peractis,
Sum pulvis modicus, jussit ut ipse deus.
Quisquis hac graderis, Stephani memor esto jacentis,
Ac sibi posce poli regna beata dari.
Insuper adde diem quae contulit ultima finem.
Hanc si scruteris, hinc mage cautus eris.
[8] V. Wolfkangi c. 5.
[9] Nach den Versen bei Schannat, Vind. litt. I, 229 u. Oegg, Versuch
einer Korographie der Stadt Würzburg I, 542, die eine Art von
Testament enthalten:
Novaria genitus..... prae moenibus alta,
Utraque ut patuit, doctor in urbe fui.
Ast Popo antistes hanc me perduxit in urbem,
Qua sophiae studiis dogmata crebra dedi.
Quos habui paucos decrevi tradere libros,
Martyr sancte Dei, en Kiliane tibi.
Caetera quae restat mihimet sat parva supellex,
Cedat fraternis usibus apta nimis.
Quisquis ades nostri, rogito, possessor ovilis,
Adde diem mortis, quem deus ipse sapit.
Actum anno dom. inc. 970. 17 Kal. Aug.
Das fehlerhafte erste Distichon ist nach dem Epit. zu verbessern.
[10] Nebst einem Epitaph auf seinen Vater Leo, bei Giov. Andres,
Lettera al Sig. Abbate Morelli, Parma 1802, u. bei Reifferscheid,
Wiener SB. LXVIII, 623 mit Auslassung des ersten Hexameters:
„Prodolor hoc parvo claudit sua membra locello“. Dagegen ist der
Schluß von Stephans Epitaph fälschlich dazu gezogen.
Die politischen Verwickelungen führten auch den gelehrten Bischof
=Rather= von Verona und vor Berengar flüchtend =Liudprand= an Otto's
Hof, wo sie gute Aufnahme fanden, und auch =Gerbert= wurde von Pabst
Johann XIII im Jahre 971 zum Kaiser gesandt, verweilte aber damals nur
kurze Zeit am Hofe, weil er vorher noch in Reims seine philosophische
Ausbildung zu vollenden wünschte[11].
[11] Richer III, 44. 45. Vgl. Büdinger über Gerbert S. 44.
Gern gesehen an Otto's Hofe war =Ekkehard= (II) von St. Gallen, den
man deshalb im Kloster den Höfling (palatinus) nannte; er war einer
der Lehrer =Otto's= II[12]. Dieser hatte unter der Leitung Volcolds,
und nach dessen Beförderung zum Bischof von Meißen des Willigis[13],
einen vollständigen wissenschaftlichen Unterricht erhalten; er liebte
und beförderte die Wissenschaften und nahm lebhaften Antheil an den
gelehrten Problemen, welche damals die Menschen beschäftigten[14].
Hrotsuit feiert ihn als einen zweiten Salomo. Er zog =Gerbert= wieder
an sich, und noch ist uns ein Fragment der Disputation erhalten,
welche dieser 980 vor dem Kaiser zu Ravenna hielt gegen den berühmten
Magdeburger Lehrer =Otrich=, den Otto ebenfalls an seinen Hof
berufen hatte[15]. Auch der Abt =Adso= von Montier-en-Der, einer der
berühmtesten Gelehrten Frankreichs, war dabei zugegen, nebst einer
großen Menge von Scholastern oder Grammatikern[16]. Auch von S. Wolfgang
wird uns berichtet, daß er vor diesem Kaiser gegen einen Ketzer
disputierte. Den Bischof Gumpold von Mantua veranlaßte er, das Leben
des heiligen Wenzeslaus zu beschreiben.
[12] Casus S. Galli p. 126. Bei der Unzuverlässigkeit derselben u. den
chronol. Widersprüchen ist es unsicher, ob Ekk. nicht erst nach
973 an den Hof kam; s. G. Meyer v. Knonau zu seiner Ausg. p. LXXI.
[13] Tietm. IV, 5.
[14] Richer III, 67.
[15] Richer III, 55 ff. Vgl. Büdinger S. 52 ff.
[16] In Frankreich soll um diese Zeit Fulco bonus von Anjou (938 bis
958) vom König verlacht sein, als er in choro S. Martini mit den
Canonikern sang. Er schrieb darauf dem König: „Noveritis domine,
quia rex illiteratus est asinus coronatus“. Gesta consulum
Andegavensium c. 5; vgl. Doctrina Abaelardi bei Wright und
Halliwell, Reliquiae antt. I, 16, und das Schachbuch, Zeitschr.
f. D. Alt. XVII, 204.
Kurz vor dem Tode des alten Kaisers, im Jahre 972, besuchten Vater und
Sohn das Kloster St. Gallen. Der Vater fragte nach dem alten Notker,
dem gelehrten Maler und Arzte, mit dem Beinamen Pfefferkorn; schwach
und erblindet saß er auf einem Sessel. Auf das Geheiß des Vaters führte
der junge Kaiser ihn herbei, und der Alte leitete ihn nach zärtlicher
Umarmung sorgsam ins Kloster und setzte ihn an seine Seite. Otto II
aber ließ sich nun hier die Bibliothek öffnen und nahm, von den reichen
Schätzen derselben gelockt, eine Anzahl der besten Bücher mit sich
fort; einige gab er auf Ekkehards Bitte später zurück[17].
[17] Casus S. Galli, MG. SS. II, 147.
=Otto III= endlich wurde von seiner Mutter Theophano, von dem
Calabresen Johannes und Bernward von Hildesheim auf das sorgfältigste
erzogen[18], und sein wissenschaftlicher Verkehr mit Gerbert ist
weltbekannt; wie es nur zu leicht geschah, wendeten ihn diese ganz auf
fremdländischen Grundlagen beruhenden Studien vom vaterländischen Wesen
ab, und störten die harmonische Entwickelung seines Geistes[19].
[18] Giesebrecht Kaiserzeit I, 670. 846. Lüntzel, Bernward S. 14. Vgl.
H. Düker, Der liber mathematicalis des h. Bernward im Domschatze
zu Hildesheim, Hild. Progr. 1875. Dieses Buch, welches B. für den
Unterricht gebraucht haben soll, ist die Arithmetik von Boethius
mit Glossen. Vgl. die Verse bei Giesebr. I, 889, und über die von
Joh. Calaber an Otto III gekommenen Bücher Val. Rose im Hermes
VIII, 46; Giesebr. I, 850.
[19] Ueber ein von Liuthar ihm dargebrachtes Evangeliar, und über die
Bilder von Otto III und Theophano auf dem kostbaren Einband des
goldgeschriebenen Evangeliar in Echternach, jetzt in Gotha, s.
Lamprecht, Der Bilderschmuck des Cod. Egberti u. des Cod. Eptern.
im Jahrbuch d. Vereins v. Alterthumsfreunden im Rheinland, LX
(1881) S. 56-112.
=Heinrich= II war in seiner Kindheit zum geistlichen Stande bestimmt,
und erhielt in Hildesheim, später unter Bischof Wolfgangs Leitung in
Regensburg eine gelehrte Erziehung[20]; wissenschaftliche Thätigkeit
förderte er nicht unmittelbar[21], aber seine Bestrebungen für die
Reform verwilderter Klöster kamen auch den Schulen zu Gute, wovon
namentlich die Geschichte des Bischofs Godehard von Hildesheim ein
Beispiel giebt, und die Stiftung des neuen Bisthums zu Bamberg, welchem
er es auch an Büchern nicht fehlen ließ, eröffnete den gelehrten
Studien eine neue Stätte[22]. In 54 schwerfälligen und schwülstigen
Hexametern pries Abt =Gerhard= von =Seon= zwischen 1012 und 1014 die
neue Stiftung[23], und mit nicht minder gesuchten und pedantischen
Anreden in Prosa und in Versen begleitete der Bamberger Diaconus =Bebo=
Abschriften von Büchern, welche der Kaiser hatte machen lassen; er
rühmt darin Heinrichs Bemühungen, den Landfrieden herzustellen, und
seine Schilderung von Benedicts VIII Besuch in Bamberg 1020 ist von
Adalbert in seiner Biographie Heinrichs II benutzt worden[24].
[20] Hirsch, Heinrich II, I, 90-92. Giesebr. Kaiserzeit II, 78, 604.
[21] Giesebr. II, 605.
[22] Ausführlich handelt darüber Giesebrecht, II, 52-65, vgl. 600, und
Hirsch, Heinrich II, Band II. Ein dazu gehöriger Catalog NA. V,
624.
[23] Hirsch, Heinrich II, I, 554. Jaffé, Bibl. V, 482.
[24] Gedr. v. Gutenäcker im 25. Bericht d. hist. Vereins zu Bamberg S.
138. Hirsch a. a. O. S. 545-554. Jaffé, Bibl. V, 484-497. Ergänzt
Giesebr. II, 581.
Auch in der Todtenklage um =Constantius= den Scholasticus von =Luxeuil=
schildert =Gudinus= den Kummer des Kaisers, daß seines gleichen
nicht mehr zu finden sei[25]. Dem Kloster Corvey schenkte ein Kaiser
Heinrich, der aber auch ein späterer sein kann, eine Handschrift aus
Unteritalien, welche das Autograph von Landolfs Historia miscella (oben
S. 166) und Vegetius enthielt[26].
[25] „Heinricus in Romano residens palatio et arcana sapientum
comprobans ingenio, dolet nusquam inveniri similem Constantio.“
Mab. Anal. p. 217. Duméril (1843) S. 280; vgl. über Constantius
die Unterschrift des Cod. Bern. 87: „Ego Constantius peccator et
indignus sacerdos S. Petri Luxov. coenobii scripsi ad serviendum
ei hos libros Boetii de geometria diebus tantum XI infra Idus Jun.
et VI. Kal. Jul. a. M. IIII. ab inc. Domini, conversionis autem
nostrae II. praecepto pii patris Milonis. Sit ergo utenti gratia,
scriptori venia, fraudatori anathema.“ Cantor, Mathem. Beiträge
(1863) S. 404, und correcter bei Grandidier, Oeuvres hist. (1865)
II, 236, Hagen, Catal. Bern. p. 107. Die Handschrift hatte Bischof
Werinhar der Straßburger Kirche geschenkt.
[26] Cod. Pal. 909, Arch. XII, 344. Nach Bethmann wäre die Inschrift
aus dem elften Jahrhundert, nach H. Droysen im Hermes XII, 387
(Auctt. antiquiss. II, p. LXII) aus dem Anf. des 12. und hätte
dieselbe Hand den Text mit Randglossen, wie _cave princeps,
attende princeps, himitare princeps_ versehen, welche auf den
Unterricht eines Fürsten deuten. Danach wäre ein späterer Heinrich
anzunehmen.
Bei den =Frauen= fand man im früheren Mittelalter weit eher als bei
den Männern aus dem Laienstande die Anfänge einer gelehrten Bildung,
die schwierige Kunst des Lesens und Schreibens, nebst einer Kenntniß
der allgemeinen Schriftsprache, welche zum Verständniß des Psalters
ausreichte[27]. Leicht knüpfte sich mehr daran, und auch der Einfluß,
welchen Geistliche über weibliche Gemüther so leicht erlangen,
begünstigte ihre Beschäftigung mit dem besonderen Erbtheile dieses
Standes, den Büchern. Die Frömmigkeit der Königinnen =Mahthild=[28] und
=Edid= ist bekannt; Heinrichs I Tochter =Gerberga= veranlaßte den Abt
Adso zur Abfassung seiner Schrift über den Antichrist; =Adelheid= aber,
die Burgunderin, und =Theophano=, die Griechin, zeichneten sich durch
eine in Deutschland seltene litterarische Bildung aus, die sich auch
in der sorgsamen Erziehung ihrer Kinder erkennen läßt. Ganz besonders
wird uns die hohe Bildung der schönen Herzogin =Hedwig= von Schwaben
gerühmt, der Tochter von Otto's des Großen Bruder Heinrich von Baiern.
Wie man sich in St. Gallen erzählte, war sie als Kind zur Braut eines
griechischen Kaisers bestimmt, und wurde durch Kämmerlinge, welche
dieser eigens deshalb gesandt hatte, im Griechischen unterrichtet,
zerriß aber diese Verbindung, welche ihr mißfiel. Diese Geschichte
freilich ist so, wie sie erzählt wird, nicht möglich. Später mit Herzog
Burchard vermählt und früh (973) verwittwet, waltete sie auf ihrer
Feste Hohentwiel mit männlicher Festigkeit, ja mit Härte, und ihre
wechselnden Launen waren sehr gefürchtet. Ihre liebste Beschäftigung
aber bestand darin, mit dem Sanctgaller Mönche Ekkehard, den sie sich
dazu vom Abte ausgebeten hatte, die alten lateinischen Dichter zu
lesen. Den jungen Burchard, der später Abt wurde, lehrte sie selbst
griechisch und beschenkte ihn zum Abschied mit einem Horaz[29].
[27] Vgl. Giesebr. II, 546. Weinhold, Die deutschen Frauen S. 91. V.
Bardonis maj. c. 1. Der Regensburger Marianus Scottus schrieb
„multa manualia psalteria viduis indigentibus ac clericis
pauperibus ejusdem civitatis“. Frau Ute in Lorsch „las an ir
salter alle ir tagezît“, Diu Klage v. 1840. „Saltere und alle
buche, di zu gotis dinste horen, die vrowen phlegen zu lesene“,
gehören nach dem Sachsenspiegel I, 24, 3 zur Gerade. Verständniß
der Sprache war jedoch mit dem Lesen nicht nothwendig verbunden,
so verstand Hildegard vor ihrer Erleuchtung den Inhalt nicht:
„solum psalterium legere didicerat more nobilium puellarum a
quadam inclusa in monte Dysibodi“. Alberici Chron. ad a. 1141.
Im 13. Jahrh. wird einem Scholaren der Rath gegeben: „Si vero
grammaticam nequis scire plene, Defectu ingenii, defectu crumene,
Horas et psalterium discas valde bene, Scolas si necesse est
puellarum tene.“ Peiper in der Zeitschrift f. Deutsche Philologie
V, 183.
[28] „Domesticos omnes famulos et ancillas variis artibus, litteris
quoque instituit; nam et ipsa litteras novit, quas post mortem
regis lucide satis didicit.“ Widuk. III, 74. Anskar schickte
der Liutbirg (oben S. 254) junge Mädchen zur Unterweisung im
Psalmsingen und Handarbeit.
[29] Casus S. Galli MG. SS. II, 122-126. Vgl. die Anmerkungen von Meyer
von Knonau S. 319 ff. u. Allg. Deutsche Biogr. X, 308.
Ihre Schwester =Gerbirg=, die Aebtissin von Gandersheim, war, so
sagt Hrotsuit, wie es der Nichte des Kaisers gebührte, von höherer
wissenschaftlicher Bildung und unterwies mich in den Autoren, welche
zuvor die gelehrtesten Meister mit ihr gelesen hatten[30].
[30] „Gerberga, cujus nunc subdor dominio abbatiae, aetate minor sed ut
imperialem decebat neptem, scientia provectior, aliquot auctores
quos ipsa prior a sapientissimis didicit, me admodum erudivit.“
Praef. ad vitam b. Mariae.
Auch Heinrichs II Gemahlin =Kunigunde= zeichnete sich durch Kenntniß
und Verständniß der kirchlichen nicht nur, sondern auch der weltlichen
Schriftsteller aus, und in der späteren Zeit betrachtete man die
feine Bildung der vornehmen Frauen als einen besonderen Vorzug dieses
Zeitalters[31]. Aber auch über seine Standesgenossen klagte Graf
Udalrich von Ebersberg († 1029) in seinen alten Tagen: in seiner
Jugend, sagte er, habe jeder Edelmann sich schämen müssen, wenn er die
Rechtsbücher nicht zu lesen und anzuwenden gelernt hätte[32].
[31] Im Chron. Gozec. I, 2 (MG. SS. X, 142) heißt es von der Agnes
von Weimar, Gemahlin des 1036 verstorbenen Pfalzgrafen Friedrich
von Sachsen: more antiquorum tam litteris quam diversarum artium
disciplinis apud Quidelingeburg pulchre fuit instructa. Ueber
Kunigunde s. unten V § 15. Die Quedlinburger Schatzmeisterin
Hazecha verfaßte eine Schrift zu Ehren des h. Christoph, welche
sie Bischof Balderich von Speier (970 bis 987) übergab. S. unten
S. 324.
[32] Chron. Ebersp. MG. SS. XX, 14. Aehnlich heißt es in der Vita
S. Pauli Virodun. (aus dem 7. Jahrh.), in welcher Berthar
angeführt wird, Hugo Flavin. aber noch nicht: „liberalium studiis
litterarum, sicut olim moris erat nobilibus, traditur imbuendus“.
Mab. Act. II, 268. Auch der Vater Odo's von Cluny war nach der
Vita auct. Joh. mon. I, 5 ein angesehener Rechtskundiger am Hofe
des Grafen Wilhelm von Poitiers.
Finden wir also das Ottonische Kaiserhaus wissenschaftlicher Bildung
geneigt und günstig, so überstrahlt doch alle, sowohl durch seine
eigene gründliche Gelehrsamkeit, wie durch seine fruchtreiche
Thätigkeit für Kirche und Schule, der große Erzbischof =Brun=, Otto's
des Großen jüngster Bruder[33].
[33] S. über ihn und seine Wirksamkeit W. Giesebrecht, Geschichte der
Kaiserzeit I, 321-331, vgl. 817; 401-403. 431-436, vgl. 826. 829.
Vogel, Ratherius I, 156 ff. Jasmunds Vorwort zur Uebersetzung des
Ruotger. Ern. Meyer de Brunone I, Diss. Berol. 1867. Dümmler, Otto
I, S. 396 bis 399. Bursian, Gesch. d. Philol. S. 44. K. Martin,
Beiträge zur Gesch. Bruns, Diss. Jen. 1878.
Nachdem er in Utrecht unter der Aufsicht des Bischofs Balderich
erwachsen war und hier die erste grammatische Bildung erhalten hatte,
wurde er noch in früher Jugend (940) zum Kanzler und 953, als er
Erzbischof wurde, auch zum Erzcaplan erhoben; bald lag in seinen
Händen fast die ganze Verwaltung des Reiches, deren Fäden in der
königlichen Kanzlei zusammenliefen, vor allem aber die Leitung der
kirchlichen Angelegenheiten. Mit Geschäften aller Art überhäuft, hat
er in den Aeußerlichkeiten der Urkunden, den Daten namentlich, eine
arge Unordnung einreißen lassen[34]; dagegen fand er doch noch Zeit
für seine geliebten Bücher, die ihn überall hin begleiteten, für den
wissenschaftlichen Verkehr mit den Meistern der Wissenschaft, die,
wie Ruotger sagt, von allen Enden der Welt sich hier zusammenfanden.
Ratherius, Liudprand, der Spanier Recemund, Bischof von Elvira, wurden
durch politische Ereignisse diesem Kreise zugeführt, nahmen aber
während ihres Aufenthaltes daselbst ebenfalls an den wissenschaftlichen
Bestrebungen Theil. Die Anwesenheit gelehrter Griechen benutzte
Brun, um von ihnen, deren Sprache ihm schon vertraut war, zu lernen;
besonders aber verehrte er als seinen Lehrer einen irländischen Bischof
Namens Israel, vielleicht denselben, welcher, aus seiner Heimath
vertrieben, in St. Maximin Mönch wurde[35].
[34] Sickel, Wiener SB. XCIII, 732.
[35] Hontheim, Prodr. hist. Trev. II, 975. Dümmler in d. Neuen Mitth.
XI, 252.
Ungeachtet seiner hohen Stellung verschmähte Brun es nicht, auch
selbst als Lehrer zu wirken; wieder gab es, wie zu Karls Zeiten, eine
Hofschule[36], wenn auch in anderer Weise, weil für die Grundlage des
Lernens jetzt an vielen Orten besser gesorgt war. Aber die Söhne
vornehmer Familien, welche nach alter Weise an den Hof gebracht
wurden, werden schwerlich ganz ohne Unterricht gelassen sein, und die
königliche Kanzlei wurde zu einer Pflanzschule trefflicher Bischöfe,
deren Wichtigkeit für das Reich nicht hoch genug anzuschlagen ist,
denn mit diesen Bischöfen regierten die Kaiser von nun an bis zu den
Zeiten Heinrichs IV ihr Reich, und fast allein in ihnen bildete sich
ein Element der Stätigkeit in der Reichsregierung aus, welches von dem
Wechsel der Personen unabhängig war.
[36] Mir scheint das aus Ruotgeri V. Brun c. 5-7 hervorzugehen.
Freilich darf man kaum an eine dauernde geregelte Organisation
denken, aber E. Meyer geht zu weit, wenn er sie ganz leugnet.
Ihm stimmt freilich jetzt auch Dümmler bei, Otto I, S. 545, aber
wenn Ruotger sagt: „Latialem eloquentiam non in se solum, ubi
excelluit, set et in multis aliis politam reddidit et inlustrem“,
so muß doch Brun lat. Unterricht gegeben haben. Die eigentliche
Schule hatten die Hofcapläne schon hinter sich, aber wenn wir
Ruotger irgend glauben dürfen, war doch am Hofe noch viel für sie
zu lernen.
Brun selbst wurde im Jahre 953 Erzbischof von Cöln, wo er noch 12 Jahre
wirkte, ohne doch darum der kaiserlichen Kanzlei fremd zu werden, bis
er am 11. Oct. 965 kaum 40 Jahre alt starb. Die schwierigsten Aufgaben
ruhten auf ihm, denn das unruhige, unzuverlässige Lothringen war seiner
Leitung anvertraut, und seine Schwester, die Königin von Frankreich,
baute fast allein auf seine Hülfe. Aber während man nie in ihm die
Thatkraft seines großen Bruders vermißte, vergaß er doch über den
weltlichen Sorgen nie seines bischöflichen Amtes. Die ganz zerrütteten
Kirchen Lothringens richtete er aus ihrer Versunkenheit auf; kirchliche
und klösterliche Zucht wurden erneut, die Schulen mit größter Sorgfalt
gepflegt, und bald entfaltete sich hier das rege litterarische Treiben,
welches von nun an Lothringen besonders auszeichnet.
Nicht minder erblühten nun auch in den übrigen Reichslanden unter so
guter Pflege alle die Keime, welche die vorhergegangenen Stürme noch
überdauert hatten; frisches Leben erfüllte die alten Klöster, welche
wie Corvey, Gandersheim, St. Gallen weniger gelitten hatten, und neben
ihnen erhoben sich zahlreiche neue Stätten litterarischer Bildung[37].
[37] Wohl konnte deshalb Brun zum König sagen:
Deciderat Studium veterum
Et vigilancia paene patrum,
Caecaque saecula barbaries
Saeva premebat et error iners.
At tua dextra ubi sceptra tenet,
Publica res sibi tuta placet,
Exacuit calamos studium
Fertque quod apparat ad solium.
Verse hinter einer Abschrift des Frontin, bei Haase, Ind. lectt.
Vratisl. hiem. 1860, p. 20. Leider bleibt es ungewiß, ob der Bruno
_tuus_ dieser Bruno ist; der _Caesar_ ist nicht genannt. Diese
Anrede setzt übrigens nicht nothwendig die Kaiserkrönung voraus.
So verpflanzte nach =Speier=, wo schon Bischof Godefrid (950 bis
961) seiner Kirche ein Werk des Beda geschenkt hatte[38], Bischof
=Balderich= (970-987), gebürtig aus Säckingen, die Studien der
Sanctgaller Schule, aus welcher er stammte. Sein Wohlgefallen und
seine Aufmerksamkeit erregte der Knabe =Walther=, den er zu aller
heidnischen und christlichen Wissenschaft anleitete. „Cum primum regno
successit tertius Otto“, also 983, übergab er ihm, der nun Subdiaconus
war, eine Schrift zu Ehren des h. Christoph, welche die Nonne Hazecha,
Schatzmeisterin von Quedlinburg, ihm zur Correctur überreicht hatte;
aber entweder wurde sie wirklich verloren, wie Walther an Hazecha
schrieb, oder er fand sie zu schlecht: genug, Walther verfaßte ein
eigenes Werk über den h. Christoph in Prosa und in Versen, ganz in
dem gespreizten, mit Gelehrsamkeit überladenen Stil der Zeit; in zwei
Monaten behauptet er beides vollendet zu haben. Voran schickte er
ein Buch mit dem Titel _Scholasticus_, worin er seinen Bildungsgang
schildert, dunkel und oft schwer verständlich, aber doch werthvoll für
die Kenntniß der damaligen Schulstudien, in welchen eine ansehnliche
Zahl classischer Autoren im Vordergrunde steht. Walther schickte später
nach des Bischofs Tod sein Werk auch _ad collegas urbis Salinarum_, d.
h. doch wohl nach Salzburg, an Liutfred, Benzo und Friedrich[39]. Damals
scheint er demnach die Speierer Schule geleitet zu haben; 1004 ist er
selbst wahrscheinlich Bischof von Speier geworden.
[38] Brit. Mus. Addit. 23,931, wo nach dem Catalog von 3 Widmungsversen
der erste lautet: „Me Godefrid sanctae praesul dedit ecce Mariae“.
[39] _Waltherus Spirensis de passione S. Christophori_, bei B. Pez,
Thes. II, 3, 29-122. Prantl, Gesch. d. Logik II. 52 hat auf dieses
Werk aufmerksam gemacht; Remling in seiner Geschichte der Bischöfe
von Speier erwähnt es I, 252 unter Bischof Walther, Mabillon sah
die Hs. in St. Emmeram, jetzt Cod. lat. Monac. 14,798. Vgl. W.
Harster: Walther v. Speier, ein Dichter des 10. Jahrhunderts.
Speier 1877. Beigabe zum Jahresbericht der K. Studienanstalt.
Da ist nachgewiesen, daß aus einer vielfach mißverständlichen
Bearbeitung des griech. Textes sich die spätere Form der Legende
entwickelt hat; doch hat Schönbach, Zeitschr. f. D. Alt. XXIV,
Anz. S. 155-172, Einwendungen dagegen erhoben. Ausgabe von Harster
als Beigabe zum Jahresbericht 1878. Anz. v. Pannenborg, GGA. 1879,
No. 20; von Nolte, Zeitschr. f. öst. Gymn. 1879, XXX, 617-629.
Acta Graeca, Anal. Boll. I, 121.
In besonderer Ausführlichkeit tritt uns hier eine Richtung der Studien
entgegen, welche wir noch an vielen Orten, wie z. B. in Lüttich, zu
berühren haben werden.
Sehr bald aber ließen sich auch schon Stimmen vernehmen, welche
die heidnische Gelehrsamkeit als sündlich verwarfen und gegen die
classischen Studien eiferten. Hatte schon Hieronymus im Traume für
die Vorliebe büßen müssen, womit er Plautus und Cicero gelesen[40],
ein Geschichtchen, welches immer wieder benutzt wird und noch bei
der Bekämpfung der Humanisten eine Rolle spielt, so finden wir in
karolingischer Zeit den alt gewordenen Alcuin in gleichem Sinne
eifernd; so auch jenen alten Schulmeister Johannes zu Fulda (oben
S. 231). Ermenrich sah, wenn er den Vergil unter sein Kopfkissen
gelegt hatte, im Traume den Dichter als Teufel, in der Hand ein Buch,
hinterm Ohr die Feder, der ihn triumphirend verhöhnte; doch meinte
er, daß man, wie für den Ackerbau den Dünger, so auch den Koth der
heidnischen Poesie mit Nutzen verwerthen könne[41]. Notker dagegen
empfahl dem jungen Salomo den Prudentius: _non sunt tibi necessariae
gentilium fabulae_[42]. Abt Odo von Cluni wurde durch einen Traum von
der Beschäftigung mit Vergil abgeschreckt[43], und ebenso verwarf,
der Tendenz dieser Congregation entsprechend, Majolus die einst
auch ihm lieb gewesenen Studien[44], und ähnliches wird vom Abt Hugo
berichtet[46].
[40] Hieron. ad Eustochium, Opp. ed. Vall. I, 113. Vgl. im allg.
Comparetti, Virgilio nel Medio Evo I, cap. 6.
[41] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 207. Ermenrici ep. p. 29. 31.
[42] Dümmler, Formelbuch S. 73.
[43] Vita auct. Joh. mon. I § 12.
[44] „Legerat isdem vir Domini libros olim antiquorum philosophorum
Virgiliique mendacia, que nolebat nec ipse jam audire nec alios
legere: Sufficiunt, inquiens, divini poetae vobis, nec egetis
luxuriosa Virgilii vos pollui facundia“, Vita S. Majoli I, c. 14.
[45] R. Lehmann über die Vitae Hugonis S. 48.
Auch Hrotsuit schrieb ihre Dramen über Gegenstände aus der heiligen
Geschichte, um den Terenz aus den Händen der Christen zu verdrängen[46].
Etwas später wurde der sterbende Schüler Gozo von Dämonen in der
Gestalt des Turnus und Aeneas beunruhigt[47], und als ein Mönch des
Lütticher Lorenzklosters mit seinen Schülern den Terentius las, bemühte
sich S. Laurentius selber, um ihn zu züchtigen[48].
[46] Die fleißige Beschäftigung mit Terenz wird auch bezeugt durch das
wunderliche Gedicht, welches Riese in der Zeitschr. f. österr.
Gymnasien 1867, S. 442-446, e cod. saec. X. herausgegeben hat, und
schon 1840 Magnin in d. Bibl. de l'École des chartes, I, 524-531.
[47] Vita Popponis c. 32. MG. SS. XI, 314.
[48] Reineri Palmarium Virginale bei B. Pez, Thes. IV, 3, 85.
Wer könnte auch in Abrede stellen, daß in den römischen Dichtern vieles
zu lesen ist, was sich namentlich für Klosterschulen nicht eignet.
Besonders beliebt war Ovid, und nach einigen Citaten könnte man sich
versucht fühlen anzunehmen, daß seine _Ars amandi_ das gelesenste Buch
in den Klöstern war, wobei jedoch in Anschlag zu bringen ist, daß viele
einzelne Sentenzen gelehrt und gelernt wurden, ohne daß man wußte,
woher sie stammten. Doch war auch die ganz übermäßige Beschäftigung
mit der unübersehlichen Fülle von Mythen, um jede Anspielung erklären
zu können, für Mönche wenig förderlich, und selbst Boethius und
Cicero stimmten nicht immer mit den Kirchenlehrern überein. Sogar den
Erzbischof Bruno sah der Hofcaplan Poppo in einer Vision wegen seiner
eifrigen Beschäftigung mit der Philosophie verklagt, aber S. Paulus
trat für ihn ein[49].
[49] Thietmari Chron. II, 10.
Der Abt Smaragdus, der 819 das Kloster Castellio nach
Saint-Mihiel-sur-Meuse verlegte, bekämpfte den Widerstand gegen die
grammatischen Studien; in seiner Grammatik aber nahm er die Beispiele
aus kirchlichen Schriftstellern[50]. Doch fühlte man allgemein, daß man
die heidnische Litteratur nicht entbehren könne, ohne in Barbarei zu
verfallen; Hraban trat sehr entschieden dafür ein, und selbst Anselm
von Canterbury (ep. I, 55) hat einem Mönche gerathen, den Vergil zu
lesen. War der geistliche Stand einmal der allein lehrende, so mußte
er auch diesen Gefahren sich aussetzen. Nur an einzelnen Orten und bei
einzelnen Männern drang jene ascetische Richtung durch; in den Schulen
behaupteten sich bis ins dreizehnte Jahrhundert Vergil und Horaz,
Terenz, Ovid, Sallust, und verlockten immer von neuem die jugendlichen
Gemüther durch den Zauber ihrer Anmuth von den trockneren Vätern der
Kirche.
[50] S. über ihn Hauréau, Smaragdus (Singularités p. 100-128); NA. IV,
250-253; Ebert II, 108-112. Seine Gedichte sind gedruckt Poet.
Lat. I, 605-619; sie sind ausgeschrieben von Angelomus, ib. II,
675-677. Die Vorrede des Smaragdus zu seiner Via regia ist, wie
Dümmler bemerkt, gedruckt bei Denis, Codd. bibl. pal. I, 1050.
Die Gewandtheit im Ausdruck, der leichte Fluß der lateinischen Rede, im
karolingischen Jahrhundert so allgemein verbreitet, waren jedoch in der
fünfzigjährigen Unterbrechung schriftstellerischer Thätigkeit verloren
gegangen; mit großer Anstrengung mußte man wieder von neuem beginnen.
Die mühsam erworbene gelehrte Bildung ist fast überall kenntlich;
man war stolz auf die neue Kunst und trug sie gern zur Schau. Die
schwerfälligen Phrasen sind erfüllt von ungeschickt eingefügten
Ausdrücken der alten Schriftsteller, man prunkt gern mit Citaten und
bringt die gelehrten Reminiscenzen auch da an, wo sie am wenigsten
passend sind, wie z. B. Liudprand die Ungern in ihrem Kriegsrath mit
pedantischer Affectation griechische Worte einmischen läßt. Schulmäßig
gekünstelte Reden sind besonders beliebt, und nur zu häufig erschwert
der gesuchte Ausdruck das Verständniß des Inhaltes. Aber die frische
Lebenskraft, welche jetzt wiederum die von jugendlichem Aufschwung
erfüllte Generation durchdrang, ist auch in dieser Vermummung nicht zu
verkennen[51].
[51] Vgl. über den Charakter der Litteratur dieser Zeit W. Giesebrecht,
Kaiserzeit I, 309.
Leicht genug scheinen der Nonne Hrotsuit ihre Hexameter entströmt zu
sein, aber die reiche Fülle lateinischer Gelegenheitsdichtung, welche
in der karolingischen Zeit überall uns begegnet, fehlt der ottonischen.
Wohl finden wir den Streit der Brüder Otto I und Heinrich in einem
halb lateinischen, halb deutschen Gedicht behandelt[52], und auch die
Schlacht auf dem Lechfeld verherrlicht[53], beide aber (in Bezug auf das
erste freilich jetzt bezweifelt) den Ereignissen schon so fern stehend,
daß wir hinter ihnen uns eine Fülle deutscher Lieder zu denken haben,
von jenen _Mimi_ gesungen, deren Widukind gedenkt[54].
[52] Leich von den beiden Heinrichen, ed. Lachmann bei Koepke,
Jahrbb. Otto's I S. 97. W. Wackernagel, Lesebuch 4. Aufl. I, 110.
Müllenhoff u. Scherer 3. Ausg. I, 39, vgl. II, 99-106. Seelmann
im Niederd. Jahrb. XII, 75-89, bezieht es auf den Augsb. Reichstag
von 952; Bedenken dagegen von Steinmeyer a. a. O. S. 105.
[53] =Modus Ottinc=, _Magnus caesar_, auch Otto II u. III feiernd,
Lachm. im Rhein. Mus. III, 432. Coussemaker, Hist. de l'harm. 106
u. pl. VIII, 1. Müll. u. Scherer 3. Ausg. S. 46.
[54] Ueber die lat. Hof- u. Klosterpoesie vgl. Wackernagels LG. S. 70
bis 74, über Volkslieder S. 75. Ueber die _modi_ des Cod. Cantabr.
Bartsch, Die lat. Sequenzen des MA. S. 145-165. Auf Heriger von
Mainz (913 bis 926) _Heriger urbis_, nicht historisch, Jaffé in
d. Zeitschr. f. D. Alt. XIV, 455. Müll. u. Scherer, 3. Aufl. S.
53. -- Kirchliche Lieder auf Heinrich II, _Lamentemur_ u. _Judex
summe_, bei Jaffé a. a. O. 458-461; _Summe Caesar_ NA. IV, 399.
Anspielungen auf Heinrichs II Zusammenkunft mit K. Robert von
Frankreich im =Ruodlieb=, bei Grimm u. Schmeller, Lat. Gedichte
des 10. u. 11. Jahrh., vgl. Giesebr. II, 624. Jahrbb. Heinrichs
II, II, 225. III, 261. Ausgabe von F. Seiler, Halle 1882. Ueber
Ecbasis captivi s. unten § 6. Verse auf Heribert von Cöln zur
kirchlichen Feier, doch noch saec. XI, _Qui principium_ bei Jaffé
S. 456.
Wie nun unter den ersten Karolingern die kräftige Neugestaltung des
Reiches naturgemäß dahin geführt hatte, die Begebenheiten der Gegenwart
aufzuzeichnen, weil man wieder Lust und Bedürfniß empfand, sie
festzuhalten, so geschah es auch nach langer Pause unter den Ottonen.
Auch jetzt suchte man zunächst die Zeitgeschichte festzuhalten; die
Weltgeschichte zu umfassen, versuchte man noch kaum. Aber überall
begann man um die Mitte des Jahrhunderts, die Zeitereignisse
aufzuschreiben. Beziehungen zum kaiserlichen Hofe wirkten auch
hier anregend, aber nirgends erhob man sich doch zu einem so klaren
Ueberblicke der Verhältnisse, wie ihn die karolingischen Reichsannalen
zeigen; nur der Fortsetzer des Regino reiht sich denselben an. Der
Königshof übte wieder einen kräftigen Einfluß, die Reichsgeschichte
ist überall im Vordergrunde, aber weit mehr als in karolingischer
Zeit herrschen doch locale Gesichtspunkte vor, und es entwickeln sich
selbständige Mittelpunkte gelehrter Thätigkeit. Deshalb betrachten wir
nach einander die einzelnen Reichslande und beginnen mit demjenigen,
von welchem die Herrschaft der Ottonen ausging, mit Sachsen.
§ 2. Sachsen. Corvey.
Das Kloster Corvey, von Anfang an in enger Verbindung mit dem Hause
der Ludolfinger und ihrer Gunst und ihres Schutzes sich erfreuend,
hatte von der Ungunst der Zeiten weniger gelitten als andere Stifter.
Doch verschwand auch hier nach Bovo II, mit Ausnahme der dürftigen
Annalen[1], jede Spur litterarischer Thätigkeit, bis der Glanz von
Otto's des Großen Thaten ein Geschichtswerk aus diesem Kloster
hervorrief, wie noch keines in Sachsen ans Licht getreten war,
dessen Form aber zugleich einen bedeutenden Verfall der grammatischen
Schulbildung bekundet.
[1] Oben S. 254. Durch ihren Inhalt sind sie bei dem Mangel anderer
Nachrichten wichtig.
$Widukind.$
Widukindi Res gestae Saxonicae ed. Waitz, MG. SS. III, 408-467.
Bes. Abdruck, neue Ausg. 1882. Uebersetzung von Schottin,
mit Einleitung von Wattenbach 1852, 1882, mit Nachtr. 1891.
Geschichtschr. 33 (X. 6). Facs. d. Dresd. Hs. in E. Berners
Gesch. d. Pr. Staats I, 1890. Waitz in Schmidts Zeitschrift II,
100. L. Giesebrecht, Wend. Geschichten III, 295. W. Giesebrecht,
Geschichte der Kaiserzeit I, 779. Maurenbrecher S. 32-43. W.
v. Korvei (Ottonische Studien I) von R. Koepke, 1867. Vgl. Waitz,
GGA. 1867 S. 1429-1438. Waitz: Ueber das Verhältniß von Hrotsuits
Gesta Oddonis zu Widukind, Forsch. IX, 335-342. Alfred Kirchhoff:
Ueber den Ort der Ungarnschlacht. Forsch. XII, 573-592; Wyneken,
ib. XXI, 239-250; Grandaur zur V. Uldalrici. Vgl. auch Jul. Voigt,
Die Pöhlder Chronik und die in ihr enthaltenen Kaisersagen,
Diss. Hal. 1879 (NA. V. 468). Zu I, 12 (Hirmin) Krause, NA.
XVI, 611; zu I, 16 O. v. Heinemann: Die Niederlage der Sachsen
durch die Normannen 880, Mitth. d. Vereins f. Hamb. Gesch. 1880,
S. 58-65 (NA. VI, 203). Zu I, 36 (Lunkini) Virchow, Verhandl.
d. Berl. Anthropol. Ges. 1886, S. 422 ff. Zu I, 40 (Chnuba)
R. v. Liliencron, Der Runenstein von Gottorp, Kiel 1888 (NA.
XIII, 654). Zu II, 1 (Krönung Ottos) Beissel über den Aachener
Königstuhl, Ann. d. Aach. Geschichtsvereins, 1888, S. 14 ff. Zu
II, 10 (Schöppenkampf) B. Simson, Forsch. XXV, 369-373. Planck,
Münch. SB. 1886, S. 155-180.
Im Jahre 967, als Kaiser Otto auf der Höhe seiner Macht stand,
unternahm es Widukind, Mönch im Kloster Corvey, die Geschichte seines
Volkes zu schreiben, nachdem er vorher sich mit der Bearbeitung von
Heiligenleben beschäftigt hatte[2]. Dadurch, so sagt er selbst,
habe er seinem Berufe genug gethan; jetzt erfülle er die Pflicht
gegen seinen Stamm und sein Volk, indem er die Thaten ihrer Fürsten
niederschreibe. In der Widmung an die Aebtissin von Quedlinburg, des
Kaisers Tochter Mahthild, bezeichnet er genauer als seinen Gegenstand
die Thaten Heinrichs und Otto's; die Ueberschrift aber bezeichnet sein
Werk als die Geschichte der Sachsen. Denn Volk und Herrscher waren
auf das innigste verbunden, und in dem Ruhme des Kaisers fühlte das
ganze Volk sich gehoben, wie es denn auch seinen reichen Theil daran
hatte. Gänzlich fern lag es Widukind, nach der Weise der Chronisten
an das römische Reich anzuknüpfen, sondern völlig dem Verlaufe der
geschichtlichen Entwickelung entsprechend, nimmt er zum Ausgangspunkte
seiner Erzählung die Urgeschichte der Sachsen. Ihre alten Sagen
zeichnet er auf, und obgleich er es nicht lassen kann, sie durch übel
angewandte Schulgelehrsamkeit zu entstellen, so erkennt man doch
in jedem Worte die Freude des Mönches an seinen alten heidnischen
Vorfahren, an diesem kraftvollen Geschlechte, vor dem schon damals die
Franken sich fürchteten. Heiden freilich durften sie nicht bleiben, und
darum mußten sie nach tapferer Gegenwehr den Franken unterliegen, um
durch die Taufe nun mit ihnen ein Volk zu werden. Aber das Gefühl der
Unterdrückung lastet dennoch auf ihnen, bis nun S. Veit zu ihnen kommt,
und mit ihm das Glück, welches die Westfranken jetzt verläßt. Unter
seinem Schutze gedeihen und erstarken die Sachsen und werden unter
ihrem großen König Heinrich aller übrigen Völker und selbst der Franken
Herr; kein fremder Gebieter beschränkt hinfort ihre Freiheit.
[2] Es sind alte Legenden, die er nur stilistisch umformen konnte. Er
muss sich also darin mehr zugetraut haben, als wir ihm zugestehen
können. Leider sind sie nicht bekannt und wir wissen also nicht,
ob sein Stil darin nicht ein ganz anderer war.
Gegen Otto erheben sich noch einmal alle Stämme, schon schwindet die
Hoffnung, daß das Reich ferner bei den Sachsen bleibe, aber mit Gottes
Hülfe überwindet Otto alle seine Widersacher, er bändigt die Slaven,
die Ungern, die Westfranken, bringt auch Italien wieder ans Reich, und
beherrscht nun, von Gott und S. Veit beschützt, mit seinen Sachsen die
Christenheit.
Durch diese durchgehende Einheit der Auffassung und durch die
naturfrische Lebendigkeit der Darstellung hat das ganze Werk eine
epische Färbung; was in der Ferne vorgeht, berührt Widukind nur
kurz, und ist darüber auch wenig genau unterrichtet, so wie er für
die älteren Zeiten freilich auf Beda und die Geschichte der Franken
und Langobarden hinweist, auch Jordanis über den Ursprung der Hunnen
ausschreibt, Einhards Leben Karls benutzt, aber von ernstlicher
kritischer Forschung doch kaum eine Vorstellung hat. Für näher liegende
Zeiten wird es ihm nicht ganz an annalistischen Aufzeichnungen gefehlt
haben, an welche die noch erhaltenen Corveyer Annalen anklingen. Die
Translatio S. Viti kannte er, und doch wohl auch Bovo's Werk. Aber
die mühsam und geistlos compilirende Arbeit anderer Chronisten liegt
seiner Weise ganz fern. Dem Epos steht er auch darin nahe, daß er
vorzüglich bei der Schilderung der Schlachten und anderer Begebenheiten
verweilt, über ihre geschichtliche Verknüpfung aber rasch hinwegeilt.
Die Composition des Werkes ist von R. Koepke genau untersucht und
dargelegt: recht deutlich stellt sich daraus die ganz einheitliche
ursprüngliche Aufzeichnung dar, welche durch das gewissenhafte
Bestreben, auch anderen Thatsachen ihre Stelle anzuweisen, zerstückt
und oft unklar geworden ist. Am auffallendsten ist in solcher Weise die
Schilderung der Schlacht auf dem Lechfelde zerrissen. In dem Autograph
des Leo von Ostia sehen wir ein solches Verfahren noch deutlich
vor uns, doch ist ohne Zweifel Koepke in seinen Folgerungen und
Behauptungen vielfach zu weit gegangen: an einen fertig geschriebenen
Entwurf des ganzen Werkes in dieser Weise ist gewiß nicht zu denken.
Eingehend kritisirt und zurückgewiesen ist Koepke's Hypothese von J.
Raase[3].
[3] Widukind von Korvei, Rost. Diss. 1880.
Einen seltsamen Gegensatz zu dem ganz volksthümlichen Inhalt bildet
der gesuchte sallustische Ausdruck[4], gemischt mit den Worten und
Wendungen der lateinischen Bibel. Mühsam zieht er dem widerstrebenden
Gedanken ein altrömisches Kleid an, das oft nur schwer und unvollkommen
erkennen läßt, was er eigentlich sagen will. Die Nachahmung der
antiken Redeweise beherrscht ihn so sehr, daß er sogar Heinrich wie
Otto nach dem Siege über die Ungern vom Heere als Imperator begrüßen
läßt, und Otto auch von da an so nennt, die Kaiserkrönung in Rom
aber ganz übergeht, wie denn überhaupt der Pabst in der eigentlichen
Geschichtserzählung gar nicht genannt wird[5].
[4] Daß er auch Livius gekannt habe, weist Koepke S. 175 nach.
Benutzung des Tacitus u. a. sucht Manitius nachzuweisen, NA. XI,
45-90.
[5] Maurenbrecher S. 40 bemerkt, daß Widukind einem im Mittelalter
häufigen Sprachgebrauch folgend unter _Imperator_ den Herrscher
über mehrere Völker versteht, weshalb er auch Theuderich so nennt,
vgl. Ann. Fuld. a. 869: Mon. Sangall. II, 11 und die Titel des
angelsächsischen Königs Eadgar, die Krönung Alfons von Spanien
1135. Doch betrachtet er Theuderich ganz nach der Analogie des
karol. und sächs. Kaiserthums, und das gänzliche Schweigen von
der Kaiserkrönung ist darum nicht minder auffallend. In Bezug auf
sein Verhalten zum Wunderglauben seiner Zeit ist zu bemerken, daß
_probare_ bei ihm nicht =billigen=, sondern =erproben= bedeutet,
und er deshalb über S. Wenzels Wunder keine Mißbilligung, sondern
nur einen kritischen Zweifel ausspricht.
Betrachten wir Widukinds Buch als eigentliches Geschichtswerk, so
können wir nicht umhin, es für sehr mangelhaft zu erklären; seine
Auffassung der Dinge und namentlich seines großen Kaisers ist
keineswegs richtig; so wie der Kaiser selbst den Standpunkt eines
Sachsenfürsten verließ, wurde er dadurch dem Gesichtskreise Widukinds
entrückt. Obgleich Mönch, übersieht dieser fast ganz die so überaus
wichtige kirchliche Wirksamkeit Otto's, und besonders auffallend ist
sein Schweigen über die Stiftung des neuen Erzbisthums in Magdeburg.
Er stand dem kaiserlichen Hause nicht ganz ferne, wie seine Widmung
an Mahthild zeigt -- ein zwölfjähriges Mädchen, dem er fast ärger
schmeichelt, als die Devotion gegen das Haus der Ottonen entschuldigen
kann -- und es kamen ihm gute Nachrichten zu, aber er blieb doch als
Mönch in seinem Kloster, und war daher nicht im Stande, sich diejenige
Uebersicht der Verhältnisse zu verschaffen, welche damals wohl nur
am kaiserlichen Hofe zu erlangen war. Deshalb kann ich auch nicht
der Auffassung Koepke's zustimmen, welcher einen längeren Aufenthalt
am Hofe annimmt, und Erzbischof Wilhelm einen bestimmenden Einfluß
auf das Werk beimißt: wir müßten dann ganz andere Gesichtspunkte
hervortreten sehen. Wohl hat er den Kaiser und seinen Hof gesehen,
wenn sie das heimathliche Sachsen aufsuchten, aber von dem, was jenseit
der sächsischen Grenze liegt, scheint ihm aus eigener Anschauung kaum
etwas bekannt zu sein. Selbst in Magdeburg muß er ganz fremd gewesen
sein, da er sonst doch wohl nothwendig für die so wichtige Stiftung
der wendischen Bisthümer und die viel bestrittene Errichtung des
Erzbisthums einige Theilnahme gewonnen hätte.
Daß Widukind Hrotsuits Gedicht gekannt, daß er dazu eine Art von
Ergänzung hätte geben wollen, ist ein Phantasiegebilde von Koepke,
welches G. Waitz hinlänglich widerlegt hat.
Bleibt nun auch Widukind in seiner Darstellung hinter dem seinem
Gesichtskreis entrückten Reich zurück, so verleiht ihm dagegen gerade
seine Einseitigkeit und die lebendige Wärme des Volksbewußtseins
einen Reiz, der den objectiver gehaltenen Annalen fehlt, und stofflich
betrachtet sind seine Mittheilungen für uns von dem unschätzbarsten
Werthe. In allem, was ihm nahe lag, zeigt er sich durchaus zuverlässig,
unbefangen und wahrheitsliebend in der Schilderung der handelnden
Personen, und so sehr er auch für das Ottonische Haus begeistert ist,
liegt eine absichtliche Entstellung der Thatsachen zu ihren Gunsten ihm
jedoch gänzlich fern. Sogar für jene kühnen Recken, die im unbändigen
Trotze lieber alles erdulden, als der Herrschaft ihres Vetters sich
fügen wollten, bezeugt er eine offenbare Theilnahme, ja Vorliebe,
wie auch beim Volke solche Naturen immer Anklang finden; zuletzt, wo
er schon zum Schluß eilt und selbst das Näherliegende oberflächlich
behandelt, zieht ihn doch noch Wichmanns Trotz und Untergang
übermächtig an. Widukind ist eben mit seinen Vorzügen, wie mit seinen
Mängeln ein ganzer Sachse des zehnten Jahrhunderts, und in ihm spiegelt
sich die Natur seines Stammes treu und wahr. Es konnte daher auch nicht
fehlen, daß sein Werk gern und viel gelesen wurde; es findet sich bei
den späteren Schriftstellern überall benutzt, jedoch seit dem zwölften
Jahrhundert nicht mehr unmittelbar, sondern nur durch die Vermittelung
Ekkehards, der es fast ganz in seine große Weltchronik aufgenommen
hatte[6]. Daraus erklärt es sich wohl, daß uns nur drei Handschriften
davon erhalten sind. Wie es scheint, enthält von ihnen die eine, jetzt
Dresdener (A), das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt[7]; später hat
Widukind am Schlusse noch einiges in loserer Verknüpfung hinzugefügt,
den so sehr merkwürdigen Brief des Kaisers aus Capua und die schöne
Schilderung vom Tode der Königin Mahthild und von des Kaisers Heimkehr
und Tod. Zugleich veränderte er einige Ausdrücke; vielleicht auch
die Stelle über des Erzbischofs Hatto Nachstellungen gegen Heinrich
(I, 22), in welcher die Dresdener Handschrift von der Schuld des
Erzbischofs schweigt. Doch ist auch möglich, daß vielmehr in der an
Fremde hinausgegebenen Abschrift jene bedenkliche Stelle geändert war,
denn sie macht den Eindruck einer Abkürzung, und es sind Worte darin,
welche nur durch die Vergleichung mit Cod. 1 ihre Erklärung finden[8].
Die in Corvey gebliebene Handschrift wurde abgeschrieben (Cod. 1 in
Montecassino) und vielleicht etwas später in Corvey interpolirt,
um eine Notiz über den Abt Bovo und eine ausführliche Erzählung
der beliebten Volkssage von dem Untergange des Grafen Adalbert von
Babenberg durch Hatto's Verrath anzubringen[9]. Doch schreibt jetzt
Waitz auch diese Stücke Widukind zu. In dieser Gestalt findet sich das
Werk in der Steinfelder Handschrift (Cod. 2, jetzt im Brit. Museum Add.
21109) und in der Frechtschen Ausgabe, und so lag es schon Ekkehard
und dem Annalista Saxo vor. Man möchte glauben, daß Widukind selbst
mancherlei geändert und auf die Ränder geschrieben hat, und daß die
Abschreiber bald die ursprüngliche Schrift und bald die Aenderungen und
Zusätze aufnahmen.
[6] Benutzung durch Dietrich von Niem zeigt Lindner, Forschungen XXI,
90.
[7] Vgl. über diese Handschrift NA. II, 450, und die neue Ausgabe von
Waitz.
[8] Namentlich: „Hatho videns suis artibus finem impositum“. Daß die
Darstellung der Dresdener Handschrift nicht in Widukinds Stil
geschrieben wäre, und man deshalb mit Waitz die Hand eines Fremden
erkennen müßte, möchte ich nicht mehr behaupten. Auch Waitz ist
davon zurückgekommen. Für die Halsbandgeschichte findet sich ein
merkwürdiges Seitenstück in Walkenried, welches Leibniz, Ann.
Imp. II, 263 erzählt, und in Konrad Stolle's Erfurter Chronik,
herausgegeben von Hesse, S. 177. Zu I, 12 vgl. noch Mich. Lindener
ed. Lichtenstein, S. 130: „vermeinet auch, unser Herrgott hieß
Herman“.
[9] B. Simson bemerkt hiergegen, daß 2 an mehreren Stellen A
näher steht, was richtig ist. Dem Schreiber derselben kann
das überarbeitete Original selbst vorgelegen haben. Auch Waitz
bemerkt, daß der Text in 2 besser sei als in 1. In der Oratio S.
Viti I. 34 steht 2 dem Original am nächsten, 3 aber stimmt mit A
und 1. B. Simson, NA. XII, 597. Vgl. dens. NA. XV, 565-575. Wenn
Giesebrecht I, 810 Glossen im Text erkennen will, so ist dagegen
doch zu bemerken, daß diese Stellen sich schon in A finden, also
älter sind als die Vollendung des Werkes, und deshalb nur von
Widukind selbst herrühren könnten.
Die sagenhafte Erzählung Widukinds von der Theilnahme der Sachsen an
dem Kampfe der Franken und Thüringer ist, auch hier durch Ekkehard
vermittelt, im zwölften Jahrhundert benutzt worden für die seltsame
Geschichte =von der Herkunft der Schwaben=, in welcher an die Stelle
der Sachsen die Schwaben gesetzt sind, die wegen Hungersnoth aus
Schweden auswanderten. Diese von Goldast 1604 als _Anonymus de
Suevorum origine_ zuerst veröffentlichte Fabel, welche aber Spuren
wirklicher alter Sage enthält, ist von Müllenhoff nach einer ziemlich
gleichzeitigen Handschrift neu herausgegeben[10], der zugleich
nachgewiesen hat, daß sie nur im sächsischen Schwabengau an der Bode
entstanden sein kann, aber in Schwaben aufgezeichnet ist.
[10] Zeitschrift f. D. Alt. XVII, 57-71 mit Nachtrag XIX, 130. Uebers.
bei der 2. Ausg. des Widukind, S. 131-137.
Unerwarteter Weise sind unsere Nachrichten über diese Zeiten, ganz
vorzüglich aber über die Zustände der Wendenländer, durch einen sehr
werthvollen Fund vermehrt worden, nämlich den in einem arabischen
Sammelwerke enthaltenen Bericht des Juden =Ibrahîm-ibn-Jakûb=, d. i.
auf deutsch =Abraham Jakobsen=, über die Slaven. Er hat, wie er selbst
erwähnt, Kaiser Otto gesprochen und Gesandte der Bulgaren in Merseburg
getroffen. Man hat das auf das Jahr 973 bezogen, allein von Herrn Kunik
habe ich jetzt erfahren, daß seiner Ueberzeugung nach Ibrahîm seinen
Bericht vor 970 abgefaßt hat, was allerdings besser zu der Thatsache
stimmt, daß schon 971 das Königthum der Bulgaren sein Ende fand. Eine
Untersuchung über diesen Bericht, in vielen Stücken von früheren
Deutungen abweichend, hat Fr. Westberg verfaßt; dieselbe ist aber
noch nicht gedruckt, und ich verdanke dem Verf. die Mittheilung seiner
Resultate in der neuen Ausgabe der Uebersetzung des Widukind[11].
[11] Da dieser Bericht der deutschen Historiographie fern liegt,
begnüge ich mich, auf meine Bearbeitung nach De Goeje zu
verweisen, hinter der Uebersetzung des Wid. (2. Ausg.) S. 138-147.
Merkwürdig ist auch: Ein arabischer Berichterstatter aus dem 10.
oder 11. Jahrhundert über Fulda, Schleswig, Soest, Paderborn u. a.
deutsche Städte. Zum ersten Mal aus dem Arab. übertragen, komm.
u. mit einer Einleitung versehen von Georg Jacob. Berlin, Mayer
u. Müller 1890.
§ 3. Fortsetzung. Gandersheim. Quedlinburg.
Während die schwerfällige, von Fehlern keineswegs freie Sprache
Widukinds von den gelehrten Studien in Corvey eben kein günstiges
Zeugniß ablegt, überrascht im Kloster Gandersheim die Nonne =Hrotsuit=,
wie sie selbst übersetzt: _clamor validus Gandeshemensis_, durch
ihre klassische Bildung und ihre große Herrschaft über die Form
des Ausdruckes; ihr bedeutendes Talent war durch eine sorgfältige
Schulbildung unter der Leitung der Rikkardis entwickelt, und sie hatte
dann diese Studien unter der Leitung der Nichte des Kaisers, Gerberga,
fortgesetzt. Sie bearbeitete verschiedene Gegenstände aus der älteren
Kirchengeschichte in metrischer Form und verfaßte darauf auch sechs
Komödien über verwandte Stoffe, weil es ihr anstößig war, daß der
leichtfertige Terenz überall mit so großem Vergnügen gelesen wurde.
Doch diese Seite ihrer dichterischen Thätigkeit, in anderer Beziehung
weitaus die wichtigste, liegt unserer Aufgabe fern.
In ähnlicher Weise wie Widukind wurde aber auch Hrotsuit durch die
glänzenden Thaten Otto's des Großen der Geschichte der Gegenwart
zugeführt; ihre Aebtissin Gerberga (959-1001), Herzog Heinrichs von
Baiern Tochter, forderte sie auf, ein Heldengedicht zum Preise ihres
Oheims zu verfassen[1], welches dem Erzbischof Wilhelm von Mainz,
dem Sohne des Kaisers, überreicht werden sollte. Im Jahre 968 war es
vollendet, und die Dichterin übersandte es mit einer poetischen Widmung
nicht nur dem jüngeren Kaiser, welcher ein Exemplar davon verlangt
hatte, sondern auch dem alten Kaiser selbst. In keinem Buch, so sagt
sie, sei bisher derselbe Gegenstand behandelt, keinem sei sie gefolgt;
es sind die Mitglieder der kaiserlichen Familie, welche ihr den Stoff
gegeben haben, und so ist es denn nicht zu verwundern, daß verschiedene
Rücksichten auf die Darstellung eingewirkt haben. Ueber die
Vergangenheit Heinrichs von Baiern konnte hier nur mit der äußersten
Vorsicht gesprochen werden. Es war nur zu viel in der kaiserlichen
Familie vorgefallen, dessen man ungern gedachte. Widukind hatte ohne
Scheu davon gesprochen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass einige
ihrer Aeußerungen direct gegen sein Geschichtswerk gerichtet sind. Mit
der Wahrheit hat sie es hier eben nicht genau genommen: sie oder ihre
Berichterstatter, deren abweichenden Angaben über schon fernliegende
Dinge sie in gutem Glauben trauen mochte. Daneben aber gab es doch auch
sonst des Stoffes noch reichlich genug, und hier hat Hrotsuit nicht nur
manches, wie namentlich die Flucht der Kaiserin Adelheid, in hübscher
und ansprechender Weise behandelt, sondern sie hat auch geschichtlich
wichtige Thatsachen und Umstände aufbewahrt. Gerade die von Widukind
vernachlässigten Vorgänge in Italien und die uns leider nicht erhaltene
Kaiserkrönung hat sie ausführlich behandelt. Die Familiengeschichte
ist ihr die Hauptsache, Schlachten zu schildern weist sie ausdrücklich
als ihr nicht zukommend ab. Ausdrücklich hebt sie hervor, daß sie
nur wiedergebe, was man ihr berichtet habe, und wie in ihren übrigen
Werken, so hält sie sich auch hier ganz genau an den ihr überlieferten
Gegenstand, und erlaubt sich nie, ihn der poetischen Darstellung
zu Liebe umzugestalten. Die metrische Form bleibt bei ihr nur ein
äußerliches Gewand, und wir können daher ihre Erzählung geradezu als
Geschichtswerk benutzen. Um so mehr ist es zu bedauern, daß etwa die
Hälfte ihres Werkes verloren ist, und zwar gerade die so inhaltreichen
Jahre 953-962; nur ein kleines Bruchstück daraus ist vorhanden, und
keiner der uns bekannten mittelalterlichen Schriftsteller hat ihr Werk
benutzt.
[1] _Hrotsuithae Carmen de gestis Oddonis I imperatoris_ ed. Pertz,
MG. SS. IV, 317-335. Die Werke der Hrotsvitha, herausgegeben
von Dr. K. A. Barack (mit Verbesserungen aus der Pommersfelder
Handschrift), Nürnb. 1858. Uebersetzung der beiden historischen
Gedichte von Pfund, 1860; Geschichtschr. 2. Ausg. 1888, Bd.
32 (X, 5). Vgl. W. Giesebrecht, Gesch. d. Kaiserzeit I, 780;
Maurenbrecher S. 57-62; R. Koepke, Hrotsuit von Gandersheim, (Ott.
Studien II) 1869 mit Facs. der Handschrift. Auf der Rückseite des
letzten Blattes ist nach C. Hoefler altglagolitische Schrift, was
in St. Emmeram nicht auffallen kann; Pfeiffers Germania XV, 194.
Vgl. über das Verhältniß zu Widukind die oben S. 328 angeführten
Aufsätze von Waitz. Aschbachs Angriffe gegen die Echtheit der
Werke bedürfen kaum der Erwähnung; Koepke hat endgültig damit
aufgeräumt, wenn auch A. selbst in seinem neuesten Werke es
nicht zugeben wollte. Hugo Graf von Walderdorff hat in den
Verhandlungen d. hist. V. v. Oberpfalz u. Regensb. XXIX, 16 die
Inhaltsangabe der Handschrift aus dem Catalog der Bibl. v. St.
Emm. von 1500 mitgetheilt, die wohl schon vor der Verleihung an
Celtis geschrieben war. -- M. Haupt im Hermes VII, 189 zeigt,
daß Hrotsuit den Plautus nicht gekannt hat. Nach Günther, Gesch.
d. math. Unterrichts (1887) S. 83 ff. kannte sie Boethius de
arithmetica.
Lange Zeit hat Hrotsuit an der Dichtung, die ihr offenbar große Mühe
machte, gearbeitet, denn im Anfang erwähnt sie den 965 gestorbenen
Erzbischof Brun noch als lebend. Bruno Zint[2] hat die Ansicht
aufgestellt, daß sie, als sie die Widmungen an Gerberga und an Otto
I schrieb, auch die Absicht hatte, ihr Werk in gleich ausführlicher
Weise bis zum Schluß zu führen, worauf der Wortlaut allerdings führt;
später habe sie, als Otto II ein Exemplar verlangte, die Darstellung
der Kaiserzeit aufgegeben und den summarischen Schluß hinzugefügt.
In der Zwischenzeit könnte ihr Widukind bekannt geworden sein, der
bei der eigentlichen Arbeit ihr nicht vorlag. Dagegen tritt Zint
sehr bestimmt für die schon früher aufgestellte Behauptung ein, daß
Liudprands Antapodosis ihr bekannt gewesen und von ihr benutzt sei, und
bringt dafür sehr erhebliche Gründe bei. Mit den von ihr in der Widmung
gebrauchten Ausdrücken läßt sich das wohl vereinigen, da Liudprands
Werk doch ganz anderer Art war.
[2] Bruno Zint: Ueber Roswitha's Carmen de gestis Oddonis, Königsb.
Diss. 1875.
Später behandelte Hrotsuit in ähnlicher Weise auch die Anfänge ihres
Klosters und dessen Geschichte bis zum Jahre 919, bis zum Tode der
Christina, der letzten von den drei Töchtern Ludolfs, welche nach
einander dem Stifte vorstanden[3]. Da diese Dichtungen sich von der
Prosa fast nur durch die äußere Form unterscheiden, so lassen sie
sich den später so beliebten Reimchroniken vergleichen; sie schließen
sich nicht dem Epos Angilberts, sondern den versificirten Annalen des
sächsischen Dichters an.
[3] _De primordiis coenobii Gandersheimensis._ MG. SS. IV, 306-317.
Die nach einer von Waitz, Arch. VIII, 266, angef. Notiz in Koburg
befindliche Copie habe ich dort vergeblich gesucht, dagegen ein
altes Verzeichniß des Gandersheimer Kirchenschatzes gefunden und
im Anz. d. Germ. Mus. XX, 345-347 mitgetheilt.
Die Gandersheimer Nonnen sind dem gewöhnlichen Geschick reicher
und vornehmer Stifter verfallen; von ihren Studien ist nach
diesen vielversprechenden Anfängen ferner nicht die Rede. Ueber
den Kirchenstreit, welcher so viel Unruhe erregte, haben wir der
Hildesheimer Darstellung eine Gandersheimer nicht gegenüber zu stellen.
Von der Aebtissin Sophie (1002-1039), Otto's II Tochter, heißt es zwar
noch:
Danken, word unde werk wande se all to gode,
Under der ebtissen or nichteln hode
Lernde se clostertucht unde ok landrecht darto;
De scrift to lernde was se vlitich spade unde vro.
Dat bok secht, dat se so vele wisheit konde,
Dat se ok wolgelarden meistern wedderstunde.
Aber gerade unter ihr scheint die Hoffart dort eingezogen zu sein.
Das _Buch_ war wohl sicher von keiner Nonne verfaßt. Es behandelte
die Stiftung des Klosters und dessen Geschichte bis zu der Kirchweih
von 1007 und der Schenkung von Derneburg, nebst der aufs engste damit
verflochtenen, ja an die Pflege des Klosters geknüpften Erhebung des
Hauses des Ludolfinger. Im Jahre 993 war das Kloster abgebrannt; nach
Beilegung des langen Streites mit dem Erzbischof Willegis wurde der
Neubau 1007 durch den Bischof Bernward von Hildesheim eingeweiht,
und ohne Zweifel durch diese Vorgänge wurde die Schrift veranlaßt.
Von Hrotsuit scheint der Verfasser nichts mehr gewußt zu haben.
Dagegen benutzte er Widukind, vorzüglich für die Geschichte des
Königs Heinrich, und verband damit eine schon sagenhaft entstellte
Ueberlieferung vom Ungernkrieg. Die Aebtissinnen Gerbirg und Sophie
werden sehr verherrlicht, aber was von ihnen und ihrem Verhältniß zum
Kaiserhaus berichtet wird, trägt schon ein so sagenhaftes Gepräge, daß
eine geraume Zeit dazwischen liegen muß. Erhalten ist uns dieses Buch
nicht, wohl aber die deutsche Bearbeitung des „papen =Eberhart=“ von
1216 in wortreicher Reimerei[4].
[4] _Eberhards Reimchronik von Gandersheim_, neue Ausg. von L.
Weiland, MG. Deutsche Chroniken II, 385-429. Vgl. P. Hasse: Die
Reimchronik des Eberhard von Gandersheim, Diss. Gott. 1872.
Merkwürdig ist vorzüglich, daß uns hier, wie es nach der sorgfältigen
Untersuchung von Paul Hasse scheint, der erste Anfang jener sagenhaften
Ausschmückung der Geschichte entgegentritt, deren wir noch mehrfach
zu gedenken haben werden; noch andere Spuren leiten dabei gerade nach
Gandersheim, und die Darstellung des Sieges über die Ungern in der von
Heinrich von Herford benutzten Sachsenchronik ist mit dem Bericht bei
Eberhart verwandt[5].
[5] Nicht daraus abzuleiten, s. Waitz, Jahrbb. unter Heinrich I, 3.
Ausg. S. 259.
In der Zeit der Ottonen scheinen auch andere Frauenklöster Sachsens
hinter Gandersheim an gelehrter Bildung nicht zurückgeblieben zu
sein, wenn auch gerade keine Hrotsuit ihnen einen so hohen Ruhm
vor der Welt verlieh, wie Gandersheim. Der Hazecha von Quedlinburg
gedachten wir schon oben (S. 321). Nicht leicht traten die Nonnen als
Schriftstellerinnen auf, aber auch die Bildung der Priester, welche wie
Agius dem Stifte nahe standen oder auch dem Kloster selbst angehörten,
erlaubt einen vortheilhaften Schluß auf den Zustand der Klosterschule.
=Herford= hatten wir schon früher (S. 253) zu erwähnen wegen der
Uebertragung der heiligen Pusinna. Hier ward Hathumod erzogen, und
es wird von Agius gerühmt. Hier wurde auch die Königin =Mahthild=
unter der Aufsicht ihrer gleichnamigen Großmutter, der Aebtissin des
Klosters, erzogen und unterrichtet. Als Witwe stiftete die Königin
das Kloster =Nordhausen=, und hier wurde im nächsten Jahrzehnt nach
ihrem Tode (28. Febr. 968) ihr Leben beschrieben, entweder von einer
Nonne des Stiftes oder von einem Priester, der ihr nahe gestanden hatte
und von der Aebtissin Ricburg die übrigen Nachrichten erfuhr. An den
Kaiser Otto II ist es gerichtet und natürlich ganz panegyrischer Art.
Auch die Form ist ungeschickt, aber in dieser Zeit war es noch ein
nicht häufiges Verdienst, überhaupt schreiben zu können. Der Inhalt
genügt freilich unseren Wünschen bei weitem nicht; die gewöhnlichen
Schilderungen klösterlicher Frömmigkeit nehmen den größten Raum ein,
und wie Einhard die Worte Suetons benutzt hat, um den Kaiser Karl zu
schildern, so finden wir hier ganze Stellen aus Sulpicius Severus
und aus dem Leben der Radegunde angewandt. Herzog Heinrich ist von
Jaffé entlarvt als der Pamphilus aus Terenz Andria[6]. Das Formelhafte
dieser Lobpreisungen tritt dadurch hier noch mehr als sonst hervor,
und an einer Stelle ist sogar die Geschichte selbst dadurch sehr
wesentlich berührt worden, indem Otto I eine gewaltsame Thronbesteigung
zum Vorwurf gemacht wird. Diese Behauptung, welche früher einigen
Anstoß erregt hatte, wird nun niemand mehr irren, seitdem Jaffé, der
jene fremden Federn überhaupt zuerst entdeckte, hier eine Stelle
des Sulpicius Severus nachgewiesen hat, welche den Kaiser Maximus
angeht. Seitdem hat nun H. Heerwagen auch noch die Plünderung der Vita
S. Gertrudis ans Licht gebracht, und dadurch Koepke's Ansicht von
einer Benutzung des Widukind in dieser Biographie die letzte Stütze
entzogen. Er hat zugleich auf die zahlreichen Fragmente von Hexametern
hingewiesen, welche bedeutende Vertrautheit mit alten Dichtern zeigen,
während dagegen der von Loeher angeregte Gedanke an eine ursprünglich
metrische Bearbeitung durch die musivische Zusammensetzung mit jenen
Plagiaten unmöglich wird[7].
[6] Forschungen IX, 343-345.
[7] Heerwagen: Einige Bemerkungen zu den beiden Lebensbeschreibungen
der Königin Mathilde, Forschungen VIII, 367-384. Sehr
beachtenswerth für die schablonenmäßige Natur der Legenden
überhaupt, und zur Warnung, daß man auf die stereotypen Wendungen
derselben kein Gewicht zu legen hat.
Dennoch gewährt uns diese Schrift einige schätzbare Nachrichten,
und es ist deshalb sehr erfreulich, daß R. Koepke sie in einer
Göttinger Handschrift entdeckte[8]. Früher kannte man nur eine spätere
Ueberarbeitung derselben, deren Verfasser, ebenfalls dem Kloster
Nordhausen nahestehend, das Werk stilistisch umformte und manches
veränderte, namentlich Heinrich von Baiern, Mahthilds Lieblingssohn,
ungebührlich hervorhob, dem Enkel desselben, Heinrich II, zu Liebe,
welcher ihm diese Arbeit aufgetragen hatte[9]. Daß hierzu Gumpolds
Wenzellegende benutzt war, hat zuerst Loeher bemerkt, der jedoch
eine gemeinsame Quelle annahm; R. Koepke hat das richtige Verhältniß
festgestellt. Die genaueste und sehr lehrreiche Analyse der ganzen
Vita hat aber Heerwagen angestellt. Die Bildung ist inzwischen schon
bedeutend mehr clerical geworden; nicht mehr vergilische Anklänge
herrschen hier, sondern die kirchliche Reimprosa des Chorgesangs.
Der Ausdruck ist geglättet, und die wörtlichen Entlehnungen sind mehr
verwaschen, dafür aber andere dazugekommen, und wieder ist es derselbe
gelehrte Apparat, vermehrt jedoch durch Sedulius (ep. ad Macedonium),
mit welchem auch der Ueberarbeiter wirthschaftet. Recht lebhaft tritt
uns hier entgegen, wie frei für kirchliche Zwecke und zur verzierenden
Ausschmückung die Ueberlieferung behandelt und wie bereitwillig der
Schmeichelei für das regierende Haus die Wahrheit geopfert wird. Den
Anspruch auf geschichtliche Glaubwürdigkeit hat diese jüngere Vita
vollständig eingebüßt.
[8] _Vita Mahthildis antiquior_ ed. Koepke, MG. SS. X, 575-582: vgl.
G. Waitz in den Goett. Nachrichten 1852, N. 13. Giesebrecht,
Geschichte der Kaiserzeit, I, 782-784. 835. Uebersetzung von
Jaffé 1858, wo die fremden Federn des Verfassers zuerst bemerkt
und nachgewiesen sind; 2. A. 1891, Geschichtschr. Bd. 31 (X,
4). R. Koepke, Forsch. VI, 147 bis 171 verficht seine Ansicht,
daß der Verf. unter Otto III schrieb. Verbesserungen des Textes
von Heerwagen, Forsch. VIII, 382; aus der Handschrift von Jaffé,
Forsch. IX, 344. Vgl. auch Wilmans, Kaiserurkk. S. 439 ff. über
das Stift Enger.
[9] _Vita Mahthildis reginae_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 283-302. Daraus
Migne CXXXV. Varianten der älteren und besseren Düsseldorfer
Handschrift giebt B. Simson im Archiv f. Gesch. d. Niederrheins
VII, 159-163. R. Koepke, Forsch. VI, 170, setzt die Abfassung in
das erste Jahr Heinrichs II. Ranke, Weltgesch. VIII, S. 628-634,
legt den Angaben der jüngeren Vita über Heinrichs Anspruch auf die
Krone grössere Bedeutung bei, als ihnen m. E. Widukind gegenüber
zukommt.
Bedeutender als Herford und Nordhausen tritt =Quedlinburg= hervor,
ebenfalls eine Stiftung der Königin Mahthild; die erste Aebtissin
(966-999) war ihre Enkelin gleiches Namens, die Tochter Otto's
des Großen, welcher Widukind seine Geschichte widmete. Hier wurde
die Pfalzgräfin Agnes erzogen, und auch der Bischof Thietmar von
Merseburg hat hier seine ersten Jugendjahre verlebt, wie denn häufig
in damaliger Zeit zum geistlichen Stande bestimmte Knaben die Anfänge
des Unterrichts von den Frauen ihrer Familie erhielten[10]. Wir haben
schon oben (S. 321) der gelehrten Nonne Hazecha gedacht, von welcher
es fast den Anschein hat, als ob sie der Studien wegen sich in Speier
aufgehalten habe.
[10] Auch der Pole Sbignew wurde um 1090 (adultus iam aetate) von der
Herzogin Judith, seiner Stiefmutter, nach Sachsen geschickt, um
in einem Nonnenkloster seinen Unterricht zu erhalten. Chron. Pol.
II, 4, SS. IX, 446.
Die bedeutende Stellung, welche die Aebtissin von Quedlinburg im
Reiche einnahm, besonders als Otto III ihr während seines Römerzuges
die Verwaltung der Geschäfte übertrug, konnte nicht fehlen, hier das
Bedürfniß nach geschichtlichen Aufzeichnungen hervorzurufen, so wie an
Nachrichten hier kein Mangel sein konnte.
Verschiedene Jahrbücher hatte man zu diesem Zwecke zur Verfügung;
als bequemste Grundlage aber erwählte man die =Hersfelder Annalen=.
Diese sind uns in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht erhalten,
aber, während locale Nachrichten die Herkunft feststellen, durch
wörtliche Uebereinstimmung als gemeinsame Quelle zu erkennen bei dem
Hersfelder Mönch Lambert, in den Annalen von Hildesheim, Quedlinburg
und Weißenburg, welche deshalb von Pertz bis 984 neben einander
abgedruckt sind[11]. Als fünftes Exemplar kommen die sog. Annalen von
Ottobeuern hinzu, welche hessischer Herkunft sind; als sechstes die
Altaicher. In den Annalen von Fulda (S. Bonifacii), Lobbes, Ellwangen,
Münster im Gregorienthal, bei Marianus Scotus, beschränkt sich die
Uebereinstimmung auf den fast werthlosen älteren Theil und wird nur auf
Benutzung derselben Fulder Grundlage beruhen, deren wir oben (S. 241)
gedachten.
[11] MG. SS. III, 22-66. Vgl. Waitz im Archiv VI, 663-688. In
Weißenburg schließt sich eine selbständige locale Fortsetzung
985-1075. 1087. 1147. an, S. 70-72. Andere kurze _Ann.
Weissenburgenses_ 763-846, MG. I, 111 aus dem Cod. Weissenb. 81
in Wolfenbüttel, aber ohne Beziehung auf das Kloster, dagegen
mit Hervorhebung des B. Drogo von Metz. Berichtigungen von Mone
nebst kalendarischen Weißenburger Nachrichten aus derselben
Handschrift in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrh. XIII,
492. _Catal. abb._ SS. XIII, 319. Bücherverzeichniß unter Abt
Folkmar († 1043) e cod. Weiß. 30 bei Knittel, Ulphilae Fragmenta
p. 243-245; der ausgeliehenen p. 246 e cod. 35; dieses berichtigt
bei Kelle, Otfrid, II, p. XVI. Becker, Catalogi S. 37 u. 133.
Recht unbeholfene Schulverse aus Weißenburg saec. X. hat Dümmler
herausgegeben, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 115-118.
Wie man nun auf Grundlage dieser Compilation, nebst einigen Notizen
aus älterer Zeit, die am Rande der Ostertafel vorhanden sein mochten,
sie fortsetzend das so weit verbreitete Annalenwerk aufgebaut
hat, das ist eine schwierige Frage, welche den Scharfsinn mehrerer
Forscher beschäftigt hat, unter denen ich nur Ehrenfeuchter in seiner
Dissertation über die Annalen von Nieder-Altaich (1870) nenne.
Genaueren Nachweis findet man in den gründlichen und sorgfältigen
Untersuchungen von Hermann Lorenz[12] und Friedrich Kurze[13]. Begonnen
sind sie nach diesem kaum vor 955 und im Anfang aus den Annalen von
Corvey, Regino und dessen Fortsetzung geschöpft, sehr dürftig, doch
finden sich hin und wieder, und besonders um die Mitte des zehnten
Jahrhunderts, neben localen Notizen auch nicht unwichtige Nachrichten;
von 960 bis 973 ist die Erzählung gleichzeitig und ausführlicher als
vorher.
[12] Die Annalen v. Hersfeld, Leipz. Diss. 1885. S. 83-103 Herstellung
der Annalen von 708-973; S. 104-105 von 974-984.
[13] Die Hersfelder und die größeren Hildesheimer Jahrbücher. Progr.
d. Gymn. zu Stralsund 1892.
So weit stimmen alle Ableitungen überein, doch ist unverkennbar, daß
den Hildesheimer und Quedlinburger Jahrbüchern die vollständige Urform,
den übrigen Ableitungen eine abgekürzte Form zu Grunde liegt.
Von hier an nahm man bisher zwei ganz verschiedene Fortsetzungen an,
eine in Hersfeld geschriebene bis 984, und eine davon verschiedene
Hildesheimer, allein F. Kurze hält beide für identisch und hat (S.
13-25) den Versuch gemacht, den gemeinsamen Ursprung der Nachrichten
nachzuweisen, welche in diesem Theile besonders ausführlich und
werthvoll, auch in den Altaicher Annalen am besten, wenn auch
stilistisch aufgeputzt, uns erhalten sind. Hier endeten die originalen
Hersfelder Aufzeichnungen, vielleicht, wie Kurze vermuthet, in Folge
von des Abtes Gozbert (970-984) Rücktritt. Von ihm rühmt Lambert in
seiner Geschichte von Hersfeld, daß er das Stift mit vielen Büchern
bereichert habe, und schildert dann die Verwilderung unter seinem
Nachfolger. Dagegen beginnen jetzt die Hildesheimer Eintragungen,
welche um 1040 von einem Hersfelder Epitomator in einen Auszug
gebracht, den originalen Annalen angehängt, und mit ihnen von Lambert
und den Urhebern der Altaicher und Ottobeuerer Annalen benutzt sind.
Außer diesen Annalen sind in Hersfeld auch im Anfang der Regierung
Otto's I =Wunder des h. Wigbert= aufgezeichnet worden, welche für
Heinrichs I Zeit einige Bedeutung haben[14].
[14] Excerpta ed. G. Waitz, MG. SS. IV, 224-228. Berichtigung in Bezug
auf den Abt Megingoz, der schon 935 sein Amt niedergelegt hat,
bei H. Lorenz S. 55.
Jene Annalen nun wurden in Quedlinburg als Grundlage einer Compilation
benutzt, welche durch andere Materialien aus den Einhardschen Annalen,
den Corveyer und Reichenauer, Notizen aus Gandersheim und von 781 an
aus einer verlorenen Halberstädter Chronik vermehrt und bereichert
wurden[15]; den Eingang bildete hier, wie bei Lambert, ein mageres
Excerpt der Weltgeschichte, welche am Anfang der Hersfelder Annalen
stand: von 708 an beginnt erst die annalistische Form. So wurde, als
Heinrich II schon König war und Otto's III Schwester Adalheid dem
Stifte vorstand, eine Compilation verfertigt, welche unter dem Namen
=Quedlinburger Annalen= noch zum Theil erhalten ist[16].
[15] S. Lorenz S. 26-32.
[16] MG. SS. III, 22-90. Es gibt nur eine Hs. aus dem 16. Jahrh. mit
Lücken von 875-909 u. von 962-983. Uebersetzt (von 984 an) von
Ed. Winkelmann, 1862; 2. Aufl. 1891, Geschichtschr. Bd. 36 (X,
9). Vgl. Lappenberg im Archiv VI, 635-653. Waitz S. 686-688.
W. v. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 784. II, 557.
Sprachliche Anklänge NA. XII, 592.
Der Verfasser wird einer der zahlreichen Geistlichen gewesen sein,
welche den Gottesdienst versahen oder als Kapläne der Aebtissin zur
Seite standen. Ihm lagen, als er seine Arbeit unternahm, die Thaten der
Frankenkönige und Einhards Leben Karls vor; auch Widukinds Werk kann
ihm nicht unbekannt gewesen sein. Allein er machte keinen Versuch, nach
der Weise dieser Vorgänger die Geschichte der Vorzeit darzustellen,
sondern schloß sich einfach der bequemen Form der Hersfelder Annalen
an, von welchen er ein Exemplar mit der Fortsetzung bis 990 besaß.
Diese excerpirte er in sehr roher Weise, und vermehrte sie wiederum mit
zahlreichen Zusätzen, aber es kam ihm doch nicht in den Sinn, auch eine
innerliche Verknüpfung zu erstreben.
Auch hier finden wir Stücke aus der alten Heldensage, die zum Theil
mit Widukinds Erzählung übereinstimmen, aber sie sind hier nur ganz
äußerlich eingeschoben. Es fällt darunter vorzüglich (S. 31) eine
Bemerkung über Dietrich von Bern auf, _de quo cantabant rustici olim_,
was zum elften Jahrhundert schlecht paßt, und eine lange Erzählung
vom Thüringerkriege, welche ganz aus dem Charakter des übrigen Werkes
heraustritt. Hiervon hat nun L. Hoffmann[17] nachgewiesen, daß weder
Ekkehard noch der Sächsische Annalist und Chronograph sie in ihrem
Exemplar gelesen haben, daß dagegen der Verfasser des Chronicon ducum
Brunsvicensium sie gekannt hat. Wenn nun, wie man vermuthet, dieser sie
aus den Nienburger Annalen entnommen hat, so muß sie im 12. Jahrhundert
vorhanden gewesen sein. Aber zum ursprünglichen Werke gehört sie nicht,
und die Bemerkung über Thiderik von Berne ist ein noch viel späterer
Zusatz[18].
[17] Jahresbericht über die höhere Bürgerschule zu Rathenow (1872):
Zur Geschichte des alten Thüringerreiches. Von Dr. L. Hoffmann.
Uebers. dieses Stücks in der 2. Ausg. des Widukind, S. 127-130.
[18] Gegen den Widerspruch von H. Lorenz, Germania XIX (1886) S.
137-150, s. NA. XII, 428.
Gewiß fehlte es in Quedlinburg nicht an Hülfsmitteln, um besseres
zu leisten, aber vielleicht eben deshalb und weil der Verfasser gar
nicht daran dachte, die ausführlicheren Werke über die Vorzeit durch
das seinige ersetzen zu wollen, begnügte er sich mit dem dürftigsten
annalistischen Gerippe, welches ihm diente, um nach Bedürfniß hier und
da Bemerkungen und Zusätze einzutragen. Mit Heinrichs I Zeit werden
die selbständigen Eintragungen häufiger[19], durchweg panegyrisch
für die Ludolfinger; nach einer Lücke von 961-983, die sich aus dem
späteren sächsischen Chronographen zum Theil ergänzen läßt, finden wir
den Verfasser schon 993 als Augenzeugen redend, und von da an beginnt
nun eine sehr ausführliche Geschichtserzählung, die von Jahr zu Jahr
fortschreitet, und wenn nicht immer gleichzeitig, so doch nicht sehr
fern von den Ereignissen aufgezeichnet ist. Von 1004 an tritt eine
lebhafte Abneigung gegen Heinrich II hervor, welche sich vorzüglich an
seine rücksichtslose Klosterreform anknüpft; noch bis in den Anfang von
1016 scheint dieselbe völlig gleichzeitige Hand kenntlich zu sein. Der
weitere Fortsetzer aber ist ein eifriger Bewunderer des Kaisers; die
nächsten Jahre sind weit kürzer und nicht fehlerfrei, wohl nachträglich
ergänzt von demselben, welcher 1020 mit breitem pomphaften Redefluß
fortfährt[20].
[19] Nach H. Detmer, Otto II bis zum Tode seines Vaters. Leipz. Diss.
1878, Excurs, beginnen aus Quedlinburg selbst stammende Notizen
nicht vor 913, und können nicht vor 967 (Kaiserkrönung Otto's II)
geschrieben sein. Jahresbericht f. Geschichtswissenschaft I, 138.
[20] Ich folge hier jetzt der gegen H. Pabst zu Hirsch's Heinrich
II, II, 443-449 gerichteten Ausführung von Usinger, Forsch. IX,
346-360. Der Text von 1014 und 1015 ist S. 351 in Ordnung gebracht
mit Hülfe des Chronogr. Saxo, und mit Hinweis auf Zeißberg: Die
Kriege Heinrichs II mit Bol. von Polen, SB. LVII, 397.
Vieles erinnert in diesen Jahrbüchern an die alten Reichsannalen,
allein es fehlt doch die gleichmäßige Einheit, es fehlt auch der
umfassende Ueberblick über das ganze Reich. Wenn man auch die Beziehung
der fürstlichen Aebtissin zum Kaiserhofe wahrnimmt an der zuverlässigen
Kunde von entfernten Ereignissen, so überwiegt doch das Interesse
für die nähere Umgebung, namentlich die Kämpfe mit den Slaven, und
die unbedeutendsten localen Vorfälle treten ohne Unterscheidung
zwischen die großen geschichtlichen Begebenheiten. Zugleich artet die
Sprache häufig in unerträgliche Schwülstigkeit aus, wodurch vollends
alles Ebenmaß verloren geht. Doch müssen wir diese Jahrbücher zu den
bedeutenderen Erscheinungen der Historiographie zählen, und sachlich
sind sie vom höchsten Werthe, ihr plötzliches Abbrechen mit dem Jahre
1025 läßt eine sehr empfindliche Lücke zurück. Ob sie viel weiter
gereicht haben, ist sehr zweifelhaft[21]; uns ist nur eine Abschrift
aus später Zeit erhalten, und der gänzliche Verlust, der hier so
leicht erfolgen konnte, legt den Gedanken nahe, wie manche andere
Aufzeichnung der Art spurlos verschwunden sein mag. Namentlich läßt
sich das mit Sicherheit von =Halberstadt= annehmen, wo gewiß auch
geschichtliches geschrieben wurde. Hier war 840 bis 853 =Haimo=
Bischof, ein Schüler Alcuins, Hrabans Freund, ein sehr gelehrter und
fruchtbarer theologischer Schriftsteller, der unter anderm aus Rufins
Kirchengeschichte einen Auszug in zehn Büchern verfaßte; doch ist es
zweifelhaft, ob diese Schriften ihm mit Recht zugeschrieben werden[22].
Von ihm gab es eine Biographie, aber leider ist nur ein kleines
Fragment davon erhalten[23]. Der Verfasser, =Rochus=, war jedoch Mönch
im Kloster Ilsenburg, welches erst 998 gegründet ist, und schrieb also
mindestens anderthalb Jahrhunderte nach dem Tode des Bischofs. Auf
den wegen seiner Frömmigkeit sehr verehrten Bischof Bernhard (924 bis
968) folgte (968 bis 996) =Hildeward=, welcher in St. Gallen höhere
wissenschaftliche Ausbildung erhalten hatte. Wir besitzen von ihm einen
Brief an den Bischof Adalbero II von Metz (984 bis 1005)[24], worin er,
eingedenk der mit seinem Vorfahr Dietrich geschlossenen Verbrüderung,
ihm ein Buch, um welches er gebeten hatte, überläßt, zugleich aber
bittet um ein Theilchen von dem Blute des h. Stephan, und um Reliquien
der h. Glodesinde „quatenus pietas divina, quae aliis in Gallia Hunorum
devastatione pereuntibus vestram horum interventu civitatem protexit,
nos etiam eorundem precibus a prevalidis Sclavorum, quibus undique
premimur, infestationibus omnibusque periculis liberare dignetur“.
Beide Kirchen verehrten den h. Stephan als ihren Schutzpatron.
[21] H. Pabst de Ariberto p. 10 suchte in Uebereinstimmung mit Waitz
und Koepke aus Annalista und Chronographus Saxo Forts. bis 1030
nachzuweisen, aber diese Nachrichten werden jetzt für die Ann.
Hild. majores in Anspruch genommen. Daß 1034 nicht dazu gehört,
zeigt Steindorff, Forsch. VI, 493.
[22] Hauck II, 597, Anm. 3. Traube, Poet. Lat, III, 422, Anm. 4. Der
Lehrer Heirichs von Auxerre kann er nicht gewesen sein.
[23] Archiv XI, 285. Schon Leibniz hatte es Papebroch mitgetheilt, s.
Lucä, Der Chronist Fr. Lucae, S. 294.
[24] Labbe, Nova Bibl. MSS. I, 682.
Unter diesem Bischof nun ist nach Weilands Forschungen eine
=Bisthumschronik= geschrieben, welche schon Thietmar benutzt hat, da
er vielfach nach Jahren der Halberstädter Bischöfe rechnet; auch in
den Quedlinburger Annalen soll sie schon benutzt sein. Diese Chronik
wurde bis 1140 fortgesetzt, bis 1113 vom Annalista Saxo benutzt. Andere
Fortsetzungen folgten; erweitert durch Benutzung von Thietmar, Ekkehard
u. a. wurde sie 1209 in den Auszug gebracht, welcher allein uns
erhalten ist[25].
[25] _Gesta episcoporum Halberstadensium_ ed. Weiland MG. SS. XXIII,
73 bis 123, vgl. p. VII u. GGA. 1877 S. 786. Scheffer-Boichorst,
Forsch. XI, 498-506 wies auf diese alten Halb. Nachrichten hin,
die er für Annalen hielt. Vgl. oben S. 256 über vermuthete Spuren
Halb. Annalen beim Poeta Saxo.
Hildewards Nachfolger =Arnold= oder =Arnulf= (996 bis 1023) weihte
die angeblich von Heinrich II aus Liebe zu dem Einsiedler Wanlef
erbaute Stephanskirche zu Wanlefsrode, welche später als Probstei an
das nahe Ilsenburg kam[26]. Von ihm besitzen wir einen ausführlichen,
vortrefflich geschriebenen Brief, durch welchen er im J. 1007 den
Bischof Heinrich von Würzburg zu bestimmen suchte, sich die Stiftung
von Bamberg gefallen zu lassen[27].
[26] S. die merkwürdige Urk. des Erneuerers der Kirche, B. Reinhard
von Halberstadt, vom 9. Mai 1110 bei Delius. Untersuchungen
über die Gesch. d. Harzburg (1826), Urkk. S. 1-5, vgl. Text S.
280-287. Dieselbe jetzt bei Jacobs, Urkundenbuch v. Ilsenburg
(Geschichtsquellen der Provinz Sachsen VI) S. 11.
[27] Ussermann, Ep. Bamb. I^{b}, S. 8. Jaffé, Bibl. V, 472-479; vgl.
Giesebrecht II, 59.
Zu nennen ist von anderen sächsischen Klöstern nur noch =Werden= an der
Ruhr, wo =Uffing= außer einigen Versen zum Preise des h. Liudger und
seines Klosters auch das schon oben (S. 253) erwähnte Leben der h. Ida
zwischen den Jahren 980 und 983 verfaßte.
§ 4. Hildesheim.
Hildesheim, in der karolingischen Periode noch nicht durch
litterarische Leistungen bekannt[1], gewann in der zweiten Hälfte des
zehnten Jahrhunderts einen glänzenden Namen unter den Pflanzstätten
höherer Bildung, den es dann lange behauptete. Als erstes Denkmal ist
uns die Geschichte der =Uebertragung des h. Epiphanius= erhalten[2].
Der Eifer für die Erwerbung von Reliquien, der schon im neunten
Jahrhundert so manche kleinere geschichtliche Aufzeichnung veranlaßt
hatte, gewann in der folgenden Periode einen neuen Anstoß durch die
Römerzüge der Ottonen, und der an solchen Schätzen reiche italische
Boden wurde mit allen Mitteln ausgebeutet.
[1] Für Bischof Reginbert (834-835 (?) Feb. 12) wurde eine
canonistische Hs. geschrieben, welche später Bischof Biso von
Paderborn an B. Sigismund von Halberstadt schenkte. W. Arndt,
Schrifttafeln, t. 41. 42.
[2] _Translatio S. Epiphanii_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 248-251; vgl.
Dümmler, Otto I, S. 343, wo er sich mit Leibniz und Brower gegen
Pertz, der 964 vorzog, für 962 erklärt.
=Otwin=, einst Mönch in Reichenau, der zweite Abt des Mauriciusstiftes
zu Magdeburg, der 954 den Hildesheimer Bischofstuhl bestiegen hatte,
begleitete den Kaiser auf seiner zweiten Heerfahrt nach Italien und
benutzte 962 seinen Aufenthalt zu Pavia, um sich durch Einbruch und
Kirchenraub den Leib des =h. Epiphanius= zu verschaffen, den er als
herrlichste Beute nach Sachsen brachte.
Allein nicht nur an Reliquien, sondern auch an Büchern war Italien
noch immer das reichste Land, und auch diesem Schatze stellte Otwin
eifrig nach; auch davon brachte er einen großen Vorrath mit nach dem
bis dahin bücherarmen Hildesheim, und dadurch legte er den Grund zu der
kräftigen Entwicklung der dortigen Schulen[3]. Die erste Frucht dieser
neuen Thätigkeit, welche uns bekannt geworden ist, verherrlicht eben
jene Uebertragung; es ist eine im schlichten kirchlichen Stil der Zeit
geschriebene Erzählung, die jedoch erst nach Otwins Tode (1. Dec. 984)
verfasst ist, vielleicht, wie Beelte vermuthet, von =Thangmar=.
[3] „Librorum nihilominus tam divinae lectionis quam philosophicae
fictionis tantam convexit copiam, ut qui illorum penuria inerti
ante torpebant otio, frequenti nunc studii caleant negotio.“
Transl. c. 2.
Dieser stand damals der Schule vor; später wurde er Domdechant und
nahm zugleich als Bibliothekar und Notar eine bedeutende Stellung
ein; ein großer Theil der bischöflichen Geschäfte ging durch seine
Hand, und namentlich in den Jahren von 1000 bis 1002 führten ihn
wichtige Aufträge wiederholt an den päbstlichen und kaiserlichen
Hof. Seiner besonderen Leitung wurde der junge =Bernward= anvertraut,
ein sächsischer Knabe von vornehmster Herkunft, der schon in früher
Kindheit der Hildesheimer Kirche übergeben war. Nicht allein in den
Wissenschaften, sondern auch in den Künsten, der Schreibkunst, Malerei,
Bildhauerei und Baukunst wurde der junge Bernward unterrichtet, und
auch hierin zeichnete er sich bald in hohem Grade aus. Denn wie wir
das besonders auch in St. Gallen sahen, die Geistlichkeit pflegte und
bewahrte in Deutschland damals in ihrer Mitte alles, was überhaupt von
höherer Ausbildung irgend vorhanden war; noch mußte sie fast alles,
dessen sie bedurfte um den hohen Anforderungen ihrer Stellung zu
genügen, selber leisten.
Später hielt Bernward sich einige Zeit bei dem Erzbischof Willigis
auf, bei seinem Großvater dem Pfalzgrafen von Sachsen, und bei seinem
Oheim, dem Bischof Folkmar von Utrecht; dann begab er sich 987 an den
kaiserlichen Hof, und hier vertraute ihm Theophano die Erziehung des
königlichen Kindes Otto III.
Am 7. Dec. 992 starb in Como der Bischof Gerdag von Hildesheim, und
Bernward wurde zu seinem Nachfolger erwählt. Dreißig Jahre lang hat er
dieses Amt verwaltet, und nicht leicht hat ein Bischof ein besseres
Andenken hinterlassen. Unter den trefflichen Bischöfen, an welchen
diese Zeit so reich ist, war er einer der hervorragendsten. In ihrer
Hand waren zum großen Theil die Reichsgeschäfte; Bernward hatte schon
als Hofcaplan an der Regierung Antheil gehabt, und als Bischof nahmen
ihn die wichtigsten Angelegenheiten vielfach in Anspruch. Dabei
aber sorgte er für seinen Sprengel mit unermüdlicher Sorgfalt. Noch
war Sachsen nicht gesichert gegen die Einfälle der Wenden und der
Normannen, welche grade damals mit verstärkter Wuth sich erneuten,
und erst Bernward verschaffte seinem Gebiete durch Befestigungen und
zweckmäßige Einrichtungen ausreichenden Schutz, sowie er auch durch
vielfache kaiserliche Begnadigungen die Ausbildung des Stiftes zu
einem wirklichen Fürstenthume begründete. Ueberhaupt ließ er keine
Eigenschaft eines tüchtigen weltlichen Regenten an sich vermissen
und war zugleich ernstlich bemüht, Hildesheim immer mehr zu einer
Stätte geistiger Bildung zu machen. Er bereicherte die Bibliothek des
Stiftes mit zahlreichen Handschriften; leider wurde aber durch einen
Brand 1013 der größte Theil der Bibliothek vernichtet[4]. Talentvolle
Knaben ließ er in Wissenschaft und Kunst unterweisen; die begabtesten
führte er mit sich an den königlichen Hof, um sie von der vielfachen
hier gebotenen Gelegenheit zu höherer Ausbildung Nutzen ziehen zu
lassen. Mit herrlichen Kunstwerken hat er seine Bischofstadt geziert[5]
und ein bleibendes Denkmal errichtete er sich durch die Stiftung
des Michaelisklosters, dessen erster Abt Goderamnus, Probst von St.
Pantaleon in Coeln, ein Mann von wissenschaftlicher Bildung war[6].
[4] Vgl. darüber Forsch. XVI, 184.
[5] Im Anschluß an Berthier „La Porte de Sainte-Sabine de Rome“ (Frib.
Helv. Ind. lectt. 1892) sucht A. Bertram nachzuweisen, daß der
Aufenthalt in Rom 1001 bei dem Kaiser auf dem Aventin ihn zu der
Schöpfung der Bronzethüren des Hild. Doms angeregt habe. Die
Thüren von St. Sabina in Rom das Vorbild der Bernward-Thüren.
Hild. 1892.
[6] Ihm gehörte die alte Vitruvhandschrift, jetzt im Brit. Mus. Harl.
2767, s. Catal. of ancient Manuscripts (1884) S. 72 und das Facs.
pl. 55. Auch Thangmar hinterließ dem Michaelskloster 55 Bücher.
Tief betrauert starb Bernward am 20. November 1022, und seinem alten
Lehrer Thangmar, der ihn um einige Jahre überlebte, fiel noch die
Aufgabe zu, ein Bild seines Lebens zu entwerfen. Die Absicht hatte er
schon früher gehabt, und nachdem er mit Mühe Bernwards Einwilligung
dazu erlangt, die Materialien dafür gesammelt, wie Beelte nachweist,
auch die ersten 10 Capitel schon zwischen 1008 und 1013 geschrieben.
Damit verband er nun den Schluß (Cap. 44-56) und schob in die Mitte
eine Zusammenstellung seiner gleichzeitig gemachten Aufzeichnungen
über den Gandersheimer Streit, weniger deshalb, weil sie für die
Biographie nöthig waren, als zum Rüstzeug für den Nachfolger. Einen
großen Theil dessen, was er berichtet, hatte er selbst mit durchlebt
und an allen Geschäften thätigen Antheil genommen; Bernward aber war,
wie Thangmar selbst sagt, von solchem Vertrauen zu ihm erfüllt, wie ein
Kind zu seinem Vater, und aus seinem ganzen Leben konnte auch nicht der
geringste Umstand ihm verborgen bleiben.
So entstand denn das =Leben Bernwards=[7], eines der schönsten
biographischen Denkmale des Mittelalters, welche wir besitzen, und eine
der wichtigsten Quellen für einen bedeutenden Zeitraum. Die reichste
Fülle des Stoffes tritt hier an die Stelle jener immer wiederkehrenden
Phrasen, welche sonst so häufig die Armuth des Schreibenden verdecken;
die Sprache ist schlicht und einfach, und während die wärmste
Liebe zu dem Verstorbenen das ganze Werk erfüllt, trägt es doch den
Stempel der Wahrhaftigkeit. Bernward bedurfte zu seinem Lobe keiner
Uebertreibungen. Nur in Bezug auf Heinrichs II Wahl, der Bernward
entgegen war, ist Thangmar nicht aufrichtig, und sein Ansehen bei Otto
III ist, wie es Biographen zu gehen pflegt, überschätzt. Einen großen
Raum nimmt hier, wie im Leben Godehards, der Streit der Hildesheimer
mit den Mainzer Erzbischöfen wegen des Diöcesanrechtes über Gandersheim
in Anspruch. Leider fehlt es uns darüber ganz an einer Darstellung von
der anderen Seite, aber eine gewisse Einseitigkeit und nicht gar zu
offenherzige Wahrhaftigkeit werden wir dem Hildesheimer zu gute halten
müssen.
[7] _Thangmari Vita Bernwardi_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 754-782:
_Miracula_ p. 782-786. Acta SS. Oct, XI, 996-1024 von Jos. van
Hecke, ohne neue Hülfsmittel, mit ausführlichem Commentarius
praevius. Uebersetzt von Hüffer 1858. Einhards V. Caroli benutzt
nach Manitius, NA. XIII, 208. Vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der
Kaiserzeit I, 786. Der heilige Bernward, von H. A. Lüntzel, Hild.
1856. Ch. Beelte, Thangmar, sein Leben und Beurtheilung seiner
Vita Bernwardi. Progr. d. Gymn. Joseph. in Hild. 1881. Ueber die
Handschriften im Domschatz Krâtz, Der Dom zu Hildesheim, 1810;
vgl. oben S. 318. Ueber eine in V. Bernw. u. Godeh. benutzte
Urk. Heinrichs II Bayer, Forsch. XVI, 178-193. Ueber B.'s
kunsthistor. Bedeutung Alwin Schultz in dem Werk von R. Dohme:
Kunst u. Künstler des Mittelalters, I, 1877. St. Beissel, Die
Kunstthätigkeit des h. B. (Stimmen aus Maria-Laach XXVIII, 1885)
S. 131 ff. Ders. Die Bilder der Hs. des K. Otto in Aachen (1886)
S. 35-39, über das von B. für St. Michael gestiftete Evangeliar
Janitschek, Gesch. d. D. Kunst S. 83, 84.
Vieles was im Leben Bernwards steht, findet sich übereinstimmend, aber
kürzer, auch in den =Hildesheimer Annalen=[8], einer sehr schätzbaren
Geschichtsquelle, welche wir vermuthlich der Anregung Bernwards
verdanken. Wenigstens sind sie in der noch erhaltenen Urschrift bis
zum Jahre 994, wo sie mit einem unvollendeten Satze schließt, von
einer Hand geschrieben und also wohl bald, nachdem Bernward Bischof
geworden war, zuerst verfaßt. Die Beschaffenheit dieses ersten Theiles
ist ganz dieselbe, welche wir schon bei den Quedlinburger Annalen
sahen und überall wiederfinden; der Verfasser hielt eine bis auf Adam
zurückreichende annalistische Grundlage für nothwendig, ohne jedoch
darauf irgend welche Sorgfalt zu verwenden; er ließ nur auf Rufi Festi
breviarium einen Auszug aus der Chronik des Isidor[9] folgen, schon
hier mit Benutzung der Hersfelder Annalen; sodann einen Pabstcatalog.
Darauf schrieb er die kleinen Lorscher Annalen ab und excerpirte von
da an, wo diese aufhören, die Hersfelder Annalen, nicht ohne eigene
Zusätze. Daran schließt sich dann die Fortsetzung, welche den Werken
dieser Art allein einen Werth verleiht, abgesehen von den einzelnen
Notizen, welche durch den Mangel besserer Quellen zufällig Bedeutung
erlangen. Die Nachrichten sind gut und zuverlässig, bei weitem nicht
so ausführlich wie die Quedlinburger, aber übrigens ähnlicher Art. Die
Verfasser haben die großen Begebenheiten der Zeit im Auge und berichten
darüber, was sie erfahren; dazu setzen sie alles, was ihnen merkwürdig
vorkommt, großes und kleines; von einer eigentlichen Verarbeitung,
einer gleichmäßig fortgeführten geschichtlichen Erzählung ist nicht die
Rede.
[8] _Annales Hildesheimenses_ ed. Pertz, MG. SS. III, 22-116.
Uebersetzt von Ed. Winkelmann 1862. Vgl. Waitz im Archiv VI,
663 ff. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten. III, 299. 307. W.
Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit, I, 784. II, 557. 566. Neue
Ausgabe von G. Waitz, 1878.
[9] Ueber die hier benutzte, von anderen abweichende Form s. Waitz
NA. IV, 163.
Nur bis zum Jahre 1040 stammen diese Annalen aus Hildesheim und zwar
aus dem von Bernward gestifteten Michaeliskloster; der Rest bis
1137 ist den Sanct Albaner und Paderborner Annalen entnommen. Von
jenem Theile aber von 995 bis 1040 nahm Pertz an, daß er in dieser
Handschrift (Paris 6114) von verschiedenen Händen den Ereignissen
gleichzeitig eingetragen sei. Nachdem jedoch mehrere Bedenken diese
Annahme als unwahrscheinlich erscheinen ließen, hat nun eine erneute
Prüfung der Handschrift ergeben, daß Pertz sich geirrt hat, und daß
vielmehr das Stück von 1000 bis 1040 von einem Copisten eingetragen
ist[10]. Deshalb steht nun kein Bedenken mehr der Thatsache entgegen,
auf welche mit zunehmender Sicherheit die scharfsinnigen Untersuchungen
von H. Pabst[11], E. Steindorff[12], W. v. Giesebrecht und H. Breßlau
führten, daß es nämlich größere vollständigere Hildesheimer Jahrbücher
gegeben hat, von welchen uns nur ein Auszug erhalten ist. Wir werden
darauf später zurückkommen; rückwärts hat sie Breßlau bis 1023
verfolgt, H. Lorenz aber und besonders Fr. Kurze, gestützt vorzüglich
auf die Annales Altahenses, auch schon für die frühere Zeit. Es
sind danach also die Hersfelder Annalen bis 984 in Hildesheim mit
Zusätzen[13] und einer Fortsetzung bis 994 versehen, und dieses Werk ist
in einen Auszug gebracht, zu welchem später ein weiterer Auszug aus
denselben, inzwischen fortgesetzten größeren Jahrbüchern hinzugefügt
ist. Zweifelhaften Ursprunges bleiben nur die Jahre 995 bis 997, welche
nach Waitz von einer zweiten Hand geschrieben sind, während eine dritte
zu 998 eine kurze Eintragung machte, Notizen zu 996 und 999 etwas
später geschrieben sind.
[10] S. H. Breßlau im NA. II, 563-566, und die neue Ausgabe von Waitz.
[11] De Ariberto (1864) p. 10-16.
[12] Jahrbücher unter Heinrich III, I, 421 ff.
[13] Merkwürdig ist besonders die Stelle über Bennopolls NA. XIII, 623
(Arch. VIII, 606), verglichen mit dem kurzen Auszug der Ann. Hild.
(minores) ad a. Tiberii 6. Ich hatte schon früher auf die offenbar
aus solchen Ann. Hild. maj. stammende Nachricht der Ann. Quedl.
992 hingewiesen.
Hildesheim wurde das Glück zu Theil, daß auf Bernward der nicht minder
ausgezeichnete Bischof Godehard folgte, und es behauptete auch in der
folgenden Periode eine hervorragende Stellung.
§ 5. Magdeburg. Merseburg.
An der Ostgrenze Sachsens hatte Otto, auch hierin Karls Beispiel
folgend, Magdeburg ausersehen zum geistigen Mittelpunkte für die
wendischen Länder. In das Moritzkloster, welches die Grundlage dazu
bildete, berief er 937 Mönche aus St. Maximin bei Trier, einem Kloster,
das freilich auch verweltlicht und verwildert, aber schon 934 zur
klösterlichen Ordnung zurückgeführt war. Auch der erste Erzbischof
=Adalbert= (968-981) war ein Mönch von St. Maximin und Abt von
Weißenburg; in beiden Klöstern zeigt sich Sinn für Geschichtschreibung,
und von Adalbert, unter dem die Magdeburger Schule einen hohen
Aufschwung nahm, vielleicht selbst Verfasser eines ausgezeichneten
Geschichtswerkes, möchte man annehmen, er werde auch dafür gesorgt
haben, daß die merkwürdigen Ereignisse, deren Mittelpunkt Magdeburg
war, nicht in Vergessenheit geriethen, doch ist davon keine Spur
vorhanden. =Ohtrich= oder Otrich, der Vorsteher der Domschule[1],
galt bei seinen Verehrern für den größten Gelehrten seiner Zeit; er
wetteiferte mit Gerbert und disputirte mit ihm (980) vor dem Kaiser
Otto II. Denn in Magdeburg hatte er sich mit dem Erzbischof nicht
vertragen können; sein Ehrgeiz, wie es scheint, trieb ihn an des
Kaisers Hof, wo außer dem Ruhme der Gelehrsamkeit auch Bisthümer zu
erhaschen waren: nach Adalberts Tod traf ihn auch wirklich die Wahl,
aber Gisiler von Merseburg wußte ihn zu verdrängen, und kurz darauf
starb er in Benevent am 7. October 981. In Magdeburg hatten bei
seinem Abgang die vielen durch ihn dahin gezogenen Fremden die Stadt
verlassen, doch scheint die Schule unter Ekkehard dem Rothen[2] und
Geddo immer eine achtungswerthe Wirksamkeit geübt zu haben.
[1] Ueber ihn s. Büdinger, Ueber Gerbert S. 51-60. Oesterreich,
Geschichte I, 319. Grosfeld, Disquisitiones historicae de statu
rerum ecclesiasticarum in marcis Winedis imp. Ottone II, im
Programm des Gymnasiums zu Recklinghausen 1856-1857, S. 10, macht
es wahrscheinlich, daß Otrich 979 an den Hof kam. Für 978 Uhlirz,
Gesch. d. Erzbisth. Magd. unter den Kaisern aus dem Sächs. Hause
(1887) S. 83.
[2] Vgl. Holstein, Gesch. d. Domgymn. in Magdeburg (Magd. 1875) S. 73.
Uhlirz a. a. O. S. 80 ff. vermuthet in Ekkehard einen Concipienten
kais. Privilegien für Magdeburg.
Nicht ohne Wahrscheinlichkeit ist vermuthet worden, daß bald nach
dem Tode Gisilers (1004), dessen Ehrgeiz die kirchlichen Schöpfungen
Otto's in betrübender Weise zerrüttet hatte[3], in Magdeburg ein
Geschichtswerk entstanden sei, welches nach Urkunden und eigener
Kenntniß gearbeitet, über die Stiftung und die nächstfolgenden
Schicksale des Stiftes Auskunft gab; daß dieses schon Thietmar
vorgelegen habe, und im Chronographus und Annalista Saxo so wie im
Magdeburger Chronicon theilweise zu erkennen sei[4]. Darauf hat jedoch
F. van Hout behauptet und sehr wahrscheinlich gemacht, daß der erste,
bis zu Gero's Tod 1023 reichende Theil des Chronicon Magdeburgense
unter dessen Nachfolger Hunfrid im Zusammenhang und mit Benutzung
der Chronik Thietmars verfaßt sei, wie wir denn auch diesen Theil
allein beim Chronographus Saxo wiederfinden[5]. Wird nun dadurch
die Voraussetzung einer älteren Gründungsgeschichte nicht berührt,
und bleibt es zweifelhaft, wie weit der Text der Chronik unverändert
geblieben sei, so verlieren doch andererseits auch W. Giesebrechts
Beweise dadurch theilweise ihre Kraft. Wir werden zu der vorsichtigen
Aeußerung Lappenbergs zurückgeführt, daß über die Thietmar vorliegenden
Magdeburger Aufzeichnungen ein sicheres Urtheil sich nicht gewinnen
lasse, weil in den uns vorliegenden Quellen überall schon Thietmars
Chronik wieder benutzt sei. Auf die Existenz einer metrischen
Fundatio möchte ich jedoch nicht mit C. Günther, der auch selbst diese
Vermuthung wieder aufgegeben hat, aus den eingemischten Hexametern
schließen, da dergleichen im elften Jahrhundert so sehr häufig ist. Sie
reichen nur bis zu Gisilers Tod, und lassen sich daher als Argument für
frühere Abfassung verwerthen[6].
[3] Vgl. Fraustadt: Die Auflösung des Bisthums Merseburg u. dessen
Wiederherstellung 1004, Weber's Archiv f. Sächs. Gesch. N. F. IV
(1878), S. 133-168.
[4] W. Giesebrecht in den Rankeschen Jahrbüchern II, 1, 157-162, vgl.
Kaisergesch. I, 785. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III,
304.
[5] Ferd. van Hout: De Chronico Magdeburgensi, Diss. Bonn. 1867. In
einigen Punkten, besonders über das Verhältniß zum Chronogr. Saxo
abweichend, C. Günther: Die Chronik der Magdeburger Erzbischöfe,
erster Theil bis 1142. Diss. Gott. 1871. Zweiter Theil 1142-1371,
Progr. der Albinus-Schule in Lauenburg a. d. Elbe 1877 (S. 5).
Schum, Vorr. zu den Gesta archiepp. Magd. SS. XIV, 363. Das
angebliche Epitaphium Ottonis I ist entnommen aus der V. Mahometi
von Embricho, nach O. Hertel, Magd. Gesch. Bl. 1889 S. 369 ff.
[6] Dem widerspricht F. Kurze, weil er in diesen Versen die
sprachliche Eigenthümlichkeit des jüngeren Bearbeiters erkennt.
Mit großer Bestimmtheit hat nun Fr. Kurze[7] wiederum die Abfassung
der ältesten Bisthumschronik bis 1004 behauptet, und zwar von dem
Erzbischof =Tagino= selbst, gestützt auf die Worte bei Thietmar V,
44 (26), daß dieser vom Pabst persönlich hätte geweiht werden sollen
„ut scriptura ejus testatur“. Es ist schwer zu glauben, daß Thietmar,
wenn ihm wirklich eine von Tagino verfaßte Geschichte als wichtige und
vielbenutzte Quelle vorlag, das nicht irgendwo erwähnt haben sollte,
und jene „scriptura“ möchte man lieber auf ein Privileg oder auch auf
einen Brief deuten, da eben nur bei diesem einzigen Umstand eine solche
Berufung vorkommt. Was aber die andere Stelle des Chronogr. Saxo zu 981
betrifft, daß er sich scheue, bei ausführlicherem Eingehen auf Gisilers
Handlungen den Unwillen derer zu erregen, welche wegen durch ihn
erhaltener Lehen[8] ihm günstig gesinnt wären, so paßt das allerdings
nicht zu der Zeit des Compilators, wäre aber immerhin nach zwanzig
bis dreißig Jahren noch denkbar, und vielleicht damals die Gefahr
größer als unmittelbar nach der Einsetzung des vom König beschützten
neuen Erzbischofs. Die Ueberarbeitung und Fortsetzung bis 1023 in
blüthenreicher, oft gereimter Schreibweise und mit eingemischten
Versen lag dem Nienburger Annalisten vor, und Kurze vermuthet deshalb
als Verfasser oder doch Veranlasser =Brun=, den jüngsten Bruder des
Geschichtschreibers Thietmar, Abt der Klöster in Magdeburg und Nienburg
von 1025 bis 1034. Den Beschluß der Abhandlung macht ein Versuch
der Wiederherstellung dieser Geschichte und der darin enthaltenen
ursprünglichen, dem Tagino zugeschriebenen.
[7] Die älteste Magdeburger Bisthumschronik, Mitth. d. Inst.
Ergänzungsband III, S. 397-450. Vgl. NA. XVII, 631.
[8] Das ist doch wohl unter „beneficia temporalia“ zu verstehen.
Einer von Otrichs Schülern war =Adalbert=, der schwärmerisch
fromme Freund Otto's III, der vergeblich als Bischof von Prag seine
Landsleute, die Böhmen, zu lenken versuchte und zuletzt 997 in Preußen
den ersehnten Tod als Märtyrer fand. Sein Leib wurde durch Herzog
Boleslaw nach Gnesen gebracht, wo man nicht säumte das wunderbare
Ereigniß aufzuzeichnen; ganz kurz wird hier der frühere Lebenslauf
des Märtyrers berichtet, dann etwas ausführlicher die Umstände seines
Todes und die Erwerbung der Reliquien mit den beginnenden Wundern.
Kein Wort von des Kaisers Pilgerfahrt nach Gnesen, der Stiftung des
Erzbisthums, so daß die Abfassung dieser Legende wohl noch vor das
Jahr 1000 zu setzen ist. Schmucklos geschrieben und ungenügend für die
Verehrer des Heiligen, welche mehr von seiner Person erfahren wollten,
verfiel sie bald der Vergessenheit, nachdem in Italien die ausführliche
Biographie geschrieben war, deren wir später noch zu gedenken haben
werden. Den Verfasser hält Giesebrecht für einen slavischen Mönch des
Klosters Meseritz, ich möchte Gnesen vorziehen; Zeißberg ist geneigt
mit W. v. Kentrzynski und Lohmeyer anzunehmen, daß nur der Auszug eines
deutschen Geistlichen aus der größeren Arbeit eines Polen vorliege,
welche auch der sog. Martinus Gallus benutzt haben könnte. Die
Handschrift, welche nach Giesebrechts Vermuthung 1005 durch Heinrich II
aus Meseritz nach Tegernsee gekommen sein könnte, ist in München zuerst
1857 von Bielowski, dann unabhängig davon von G. Voigt entdeckt, von
W. v. Giesebrecht in ihrem Werth erkannt und herausgegeben worden[9].
Durch jenes in Rom verfaßte Leben Adalberts wurde aber auch einer
seiner ehemaligen Genossen auf der Schule zu Magdeburg angeregt,
aus eigener Erinnerung und nach den Mittheilungen von Adalberts
Freunden und Gefährten Radla und Gaudentius die ihm vorliegenden
Lebensnachrichten zu ergänzen, und so eine neue Bearbeitung zu Stande
zu bringen, in welcher das Ende des Märtyrers schon von der einfachen
Wahrheit sich weiter zu entfernen scheint. Der Verfasser derselben
war =Brun=, aus dem Hause der Edelen von Querfurt, welcher von
derselben weltverachtenden Frömmigkeit und derselben Sehnsucht nach
dem Märtyrertode beseelt war. Er benutzte eine Aufzeichnung des Prager
Domprobstes Willico, welche auch Johannes Canaparius (unten § 19)
vorgelegen hat.
[9] Eine bisher unbekannte Lebensbeschreibung des heiligen Adalbert
(_Passio S. Adalberti_). Separatabdruck aus den Neuen Preußischen
Provinzialblättern, 3. Folge, V. Band 1. Heft, Königsb. 1860.
Wiederholt im SS. Rer. Pruss. I, 235-237; vgl. II, 412. Aus
demselben Cod. lat. Mon. 18897 in den Mon. Poloniae hist. ed.
Bielowski I, 151-156 mit Facsimile. Fontes Rerum Boh. (Pragae
1873) I, 231-234. Ed. Waitz, SS. XV, 2, 705 bis 708. Uebers. von
Wattenbach, Geschichtschr. X, 7 (Bd. 34) 1891. Vgl. Zeißberg,
Poln. Geschichtschreibung S. 19-22. Giesebr. I, 789. Das
erste Wunder der Passio wird, wie Bielowski nachgewiesen hat,
in der Chronik von Moyenmoutier SS. IV, 92, doch nicht ganz
übereinstimmend, erwähnt.
Dieses Leben Adalberts[10] ist in einer widerlich blumenreichen und
salbungsvollen Sprache verfaßt, aber charakteristisch für diese aufs
äußerste getriebene Ascetik und in seinem Inhalte lehrreich; Brun
verfaßte es in Ungern um das Jahr 1004, als er im Begriffe war, dem
Beispiele seines Freundes zu folgen. Zum Erzbischof der Heiden geweiht,
ging er zuerst gegen Ende des Jahres 1007 von Ungern aus durch Rußland
zu den Petschenegen, und nachdem er diese seiner Meinung nach bekehrt
hatte, zu Boleslaw von Polen, von dessen Hofe aus er einen sehr
merkwürdigen und lehrreichen Brief an Kaiser Heinrich II schrieb[11].
Auch verfaßte er im Jahre 1008 eine ausführliche Schrift über die fünf
Einsiedler, welche am 11. Nov. 1003 in Polen, vermuthlich bei Meseritz,
von Räubern erschlagen waren. Die inhaltreiche Schrift, welche für die
Geschichte Otto's III und seiner schwärmerischen Freunde mancherlei
enthält, ist von R. Kade entdeckt und herausgegeben[12].
[10] _Vita S. Adalberti auct. Brunone_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 577. 596
bis 612. Bielowski I, 184-222 mit Benutzung einer Handschrift aus
Ochsenhausen in Koenigswart. Fontes Rer. Boh. I, 266-304. Vgl.
Giesebr. I, 789. -- _Miracula S. Adalberti_ aus dem dreizehnten
Jahrhundert, SS. IV, 613-616 und nach einer Danziger Handschrift
verbessert von Toppen SS. Rer. Pruss. II, 412-420, wo c. 4
_perterriti_ statt _pertriti_ zu lesen ist und _perstiterant_
statt des unsinnigen _prescierant_. Fontes Boh. I, 305-312 mit
dens. Fehlern; Versus de Adalberto _Quattuor immensi_ p. 313-334.
Hymnus _Laudem dignam_ NA. X, 180-185.
[11] Zuerst von Hilferding in einer russischen Zeitschrift
herausgegeben, dann mit Emendationen von Jaffé bei Miklosich und
Fiedler, Slav. Bibl. II, 307, und endlich von demselben nach
der Handschrift berichtigt in W. Giesebrechts dritter Ausgabe
II, 667-670, in d. vierten 689-692, vgl. S. 104-109. Bielowski
I, 223-238 mit Facsimile. Erzbischof Brun-Bonifacius, der erste
deutsche Missionar in Preußen. Ein Vortrag von W. Giesebrecht,
Deutsche Reden S. 29-54. Ausführlich über Brun, Zeißberg: Die
Kriege Heinrichs II mit Boleslaw, SB. LVII, 346 ff., vgl. dens.
in d. Zeitschr. f. oest. Gymn. 1867 S. 331 ff. über die von Bruno
erwähnte heilige Lanze, u. 1868 S. 89 ff., wo S. 96-98 bemerkt
wird, daß der Bericht über Miseco's Verheerungen Ann. Magd. 1030
eine direkte Antwort auf den Brief Bruns enthält.
[12] Vorläufige Nachricht in R. Kade's Leipz. Diss. De Brunonis
Querfurt. _Vita quinque fratrum Poloniae_ nuper reperta, 1883.
Ausg. MG. SS. XV, 2 *709-738.