nach der handschriftl. Ueberlieferung berichtigt mit deutscher
Uebertragung und Erläuterungen von J. v. Scheffel u. A. Holder,
Stuttg. 1874. W. Meyer, Philolog. Bemerkungen, Münch. SB. 1873 S.
361. Ueber die versch. Hypothesen und Controversen s. M. v. Knonau
zu Ekk. S. 284-287.
In St. Gallen war inzwischen eine große Veränderung eingetreten. Von
Stablo kam als Abt Norbert (1034-1072), um die strengere französische
Zucht des Abtes Poppo einzuführen, unter lebhaftem Widerstreben der
alten Mönche. Ekkehard war, trotz seiner Freundschaft mit Johannes,
ebenso heftig gegen diese Neuerer erbittert, wie jener Priester Egebert
(oben S. 389), und die Störung der Verhältnisse, die Vernichtung
der alten Harmonie und wohl auch der alten mehr profanen Studien,
welche von nun an in St. Gallen verschwinden, mögen ihn vorzüglich
veranlaßt haben, die Klosterchronik fortzusetzen und das Andenken
der guten alten Zeit zu retten. Mit der anziehendsten Ausführlichkeit
erzählt er von dieser, mit einer reichen Fülle von einzelnen Zügen,
die uns ganz in das Innerste des Klosters einführen; er schildert die
Schicksale desselben, die Thätigkeit der verschiedenen Lehrer und ihr
Leben mit einander; aber freilich hatte er dafür keine andere Quelle
als das Gedächtniß an eine schon sehr fern liegende Vergangenheit, an
Erzählungen, die er in seiner Kindheit gehört hatte. Es ist daher nicht
zu verwundern, daß sich ihm in den Einzelheiten vielfache Irrthümer
nachweisen lassen; die kulturgeschichtliche Bedeutung der Schilderung
wird aber dadurch wenig gemindert, Ton und Färbung des Bildes werden
wir als wahrhaft anerkennen können, wenn auch die Umrisse einzelner
Gestalten täuschen, die gute alte Zeit zu sehr verherrlicht ist. Leider
hat Ekkehard sein Werk nur bis zum Jahre 971 geführt, und weit über
ein Jahrhundert verging nach ihm, bevor man wieder an die weitere
Fortsetzung dachte.
Schätzbar durch Nachrichten über den verheerenden Einfall der Ungern
im Jahre 926 ist die sonst nicht bedeutende Lebensbeschreibung der
Klausnerin =Wiborada=, von dem Sanctgaller Mönche =Hartmann= erst gegen
das Ende des Jahrhunderts verfaßt[17].
[17] _V. S. Wiboradae_ ed. Waitz, MG. SS. IV, 446. 452-457. Vgl. Stälin
I, 424. M. v. Knonau zu Ekk. S. 203.
Das Kloster =Reichenau= erhält eine besondere Bedeutung dadurch,
daß es an der Hauptstraße nach Italien lag. Bischöfe von Verona
haben hier Kirchen gestiftet; griechische und italienische Pilger
und Reisende werden erwähnt, und auch Irländer und Isländer lassen
sich hier nachweisen. Durch Nachrichten dieser Art verdienen die
=Wunder des h. Marcus= Berücksichtigung, dessen Reliquien angeblich
830 von Venedig nach Reichenau gebracht sein sollten. Die schon
damals vielfach lautgewordenen Zweifel an der Echtheit der Reliquien
veranlaßten natürlich eine um so viel größere Zahl von Wundern, und
auch die Abfassung eines apologetischen Berichtes darüber, welcher
noch unter Heinrich I oder gleich nach seinem Tode geschrieben ist[18].
Eine andere Reliquie, die als eine besondere Kostbarkeit betrachtet
wurde, war ein Kreuz mit dem =Blute Christi=, das durch einen Araber
Hassan an Karl gebracht sein sollte und 925 nach Reichenau geschenkt
wurde. Neben vielem fabelhaften, das aber für die Sagengeschichte
nicht unwichtig ist, enthält die darüber verfaßte Schrift doch auch
einige geschichtliche Nachrichten[19]. Aehnlicher Art sind auch die im
Anfange des elften Jahrhunderts in =Zurzach= beschriebenen =Wunder der
h. Verena=[20]. Den Abt Liutharius, sonst Liuthard genannt (926-934),
feiern einige Verse wegen runder Fenster, durch welche er Licht in ein
dunkles Gemach gebracht hatte[21]. Ihm schreibt Stephan Beissel das dem
Augustus Otto dargebrachte schön geschmückte Evangeliar zu, welches
später dem Dom zu Aachen gewidmet ist[22].
[18] S. oben S. 285.
[19] _Historia Sanguinis Domini_, gedr. im Auszuge von Waitz, MG. SS.
IV, 445. 446-449; vollständig bei Mone, Quellens. I, 671-676.
Später wiederholt überarbeitet, auch in deutschen Reimen, von
Albert, herausgegeben von Schmeller, München 1844. Vgl. dazu
Aronius in d. Zts. f. Gesch. d. Juden in Deutschland II, 76-81
(NA. XIII, 400).
[20] _Miracula S. Verenae_ ed. Waitz, MG. SS. IV, 457-460; Varianten
v. Baumann, Anz. f. Schweiz. Gesch. 1877, S. 288. Stälin I,
423. Ihre verschiedenen Vitae sind nur Erweiterungen aus Notkers
Martyrologium. Eine in fließenden Hexametern im Cod. lat. Mon.
18628 f. 13 aus Tegernsee.
[21] Dümmler, NA. V, 433.
[22] Die Bilder der Hs. des Kaisers Otto im Münster zu Aachen (1886)
S. 60.
Von mehr geschichtlichem Inhalt ist ein Gedicht zu Ehren des
Abtes =Witigowo= (985-997), von =Purchard= im Jahre 994 nicht ohne
Geschmack und Kunstfertigkeit verfaßt. Er läßt darin die Augia selbst
auftreten, trostlos über die häufige Abwesenheit des Abtes, der bald
am kaiserlichen Hofe weilt, bald die Stiftsgüter mit Kirchen schmückt;
ausführlich berichtet sie von seinen Verdiensten, namentlich dem Neubau
des Klosters. Ein Nachtrag vom Jahre 996 berührt die Theilnahme des
Abtes an Otto's III Römerzuge[23]. Er brachte Reliquien und Privilegien
mit; dann aber scheint es ihm nicht anders ergangen zu sein als dem
Abt Ratgar von Fulda: er wurde abgesetzt[24]. Nicht unwahrscheinlich ist
es, daß durch die Bauten die Zucht gelockert und dadurch die folgende
Katastrophe herbeigeführt wurde.
[23] _Carmen Purchardi de Gestis Witigowonis_ ed. Pertz, MG.
SS. IV, 621 bis 632; Berichtigungen aus Gallus Ohem, von O.
Breitenbach, NA. I, 176 bis 178. Copie des dazu gehörigen Bildes
der Handschrift bei Mone III, Tafel 1. In diese Zeit fällt
die Schenkung des Evang. an Ekbert von Trier, s. oben S. 365.
Aus seiner Zeit theilweise erhalten: Die Wandgemälde der St.
Georgskirche zu Oberzell auf der Reichenau, aufgen. durch Fr.
Beer, herausg. v. Fr. Kraus, Freib. i. Br. 1884.
[24] Herim. a. 997: „Witigowone abbate privato Alawicus promotus“.
Pertz vermuthet sogar „vita privato“.
Im Jahre 1006 nöthigte nämlich Heinrich II den Mönchen wider ihren
Willen den Abt Immo auf, welcher schon den Klöstern Gorze und Prüm
vorstand, und die strenge lothringische Zucht mit großer Härte den
Mönchen aufzudrängen versuchte, was viele von diesen zur Flucht
veranlaßte und dem Kloster großen Schaden that. Davon hat der Mönch
=Rudpert= in Prosa und in Versen berichtet[25], sein Werk ist aber
verloren. Nach zwei Jahren erlöste der König Reichenau von seinem
Zuchtmeister und gab ihnen Bern aus dem Kloster Prüm zum Abte, welcher
den früheren blühenden Zustand wieder herstellte[26].
[25] Herim. Aug. Chr. ad a. 1006. Bischof Milo von Minden schrieb an
Immo seinen Brief über die Acta S. Gorgonii, Mab. Act. III, 2,
204.
[26] S. unten IV, § 5.
Diese beiden großen Klöster scheinen alles an sich gezogen zu haben,
was an litterarischer Thätigkeit noch vorhanden war; =Constanz=, so
sehr es durch bedeutende Bischöfe ausgezeichnet war, tritt litterarisch
gar nicht hervor, denn Salomo III, dessen Formelbuch und Gedichte
oben (S. 274) erwähnt wurden, gehört ganz dem Kloster St. Gallen an,
welchem er seine Bildung verdankte und in dem sein Andenken immer
fortlebte. Von dem Bischof =Conrad= (934-976) giebt es freilich
eine Biographie[27]; sie ist aber erst 150 Jahre nach seinem Tode
geschrieben und von geringem Werthe. Das Leben des Bischofs =Gebehard=
II (980-995) ist ebenfalls erst viel später, im zwölften Jahrhundert,
in seiner Stiftung Petershausen verfaßt; es enthält einige merkwürdige
Nachrichten über den Bau des Klosters[28].
[27] _Vita Cuonradi Const. ep._ ed. Pertz, MG. SS. IV, 436. Seine
Verbrüderung mit St. Gallen bei Dümmler u. Wartmann S. 17; Piper,
Libri Confrat. p. 188.
[28] _Vita Gebehardi_ ed. Wattenbach, MG. SS. X, 582; vgl. Allg. D.
Biogr. VIII, 453, v. G. Meyer v. Knonau.
Wir haben schon gesehen, wie =St. Gallen= auch in die Ferne wirkte
durch seinen Probst Notker, der 972 Bischof von Lüttich wurde; zwei
Ekkeharde gingen von dort nach Mainz. Mit Weißenburg im Elsaß war
vielfacher Verkehr und auch mit =Straßburg=, besonders unter dem
Bischof =Erchenbald= (965-991). Dieser, welcher durch die Gunst des
zweiten und dritten Otto zuerst wirklich Herr in seiner Stadt wurde,
war wissenschaftlich gebildet, machte selbst Verse und nahm sich
eifrigst der Bibliothek an, für welche er Abschriften machen ließ.
Wimpheling hat noch Aufzeichnungen aus seiner Zeit gehabt, welche
später verloren sind[29]. Er ist es auch ohne Zweifel gewesen, dem der
Waltharius überreicht wurde[30]. Zur Zeit des Abtes Burchard (958-971)
berief er, wie Ekkehard erzählt, den Sanctgaller Mönch =Victor=, einen
fähigen und gelehrten, aber unruhigen Mann von vornehmer Abkunft nach
Straßburg, wo er mit Erfolg als Lehrer wirkte[31]. Nach dem Tode des
Bischofs zog der in früherer Zeit geblendete Victor sich als Eremit
in die Einsamkeit zurück. Erchenbald aber hat auch selbst einige
Verse über seine Vorfahren im Bisthum verfaßt[32]. Andererseits wirkte
auch Frankreich auf Straßburg ein; auch =Constantius=, der berühmte
Scholaster von Luxeuil, hat hier gelehrt[33].
[29] Catal. epp. Argent. ed. Moscherosch Argent. 1651 (hier nicht
vorhanden). Darin nach Mitth. von Dümmler S. 32 ein Gebet,
S. 33-34 ein Verzeichniß von 17 Bischöfen, bei deren Weihe
er mitwirkte, nebst Angabe des Orts, wo sie geweiht (abgedr.
MG. SS. XIII, 323); S. 35 Verse aus Handschriften und von ihm
geschenkte Bücher, die damals noch vorhanden waren; S. 37 eine
kurze gleichzeitige Notiz über die Sarazenenschlacht von 982,
abgedr. MG. SS. XIII, 43, Anm. 6. Der Schluß lautet „Kalabria
Deo vincente“ nach d. Bibliothèque A. Firmin-Didot, Catalogue
des livres rares et précieux, Paris, Juin 1882, p. 11-13 in d.
Beschreibung der aus Straßburg stammenden Handschrift. -- Ueber
die von ihm geschenkte Hs. von Pauli D. Gesta Mett. NA. III, 186.
[30] Oben S. 395; _summus pontifex_ wird der Bischof von Worms
genannt in dem Briefe bei A. Mai, Spicil. V^a, 147, Erchanbert
von Eichstedt von Wolfhard bei Pez, Thes. VI, 91. Ueber ganz
abweichende Vermuthungen von M. Grellet-Balguerie s. NA. XVI, 456.
[31] „Urbem suam doctrinis ejus floridam fecit.“ MG. II, 116; vgl.
Meyer v. Knonau z. Ekk. S. 273-275.
[32] Böhmers Fontes III, XII u. 1-4. Vgl. Rettberg I, 214, II, 61.
Friedrich, Drei uned. Concilien S. 54. M. v. Knonau a. a. O.
Ausführlich handelt über Erch. mit viel Phantasie Grandidier,
Oeuvres hist. inéd. I.
[33] In der schon oben S. 319 angeführten Todtenklage um Constantius
heißt es, daß Kaiser Heinrich und König Rotbert, Frankreich,
Deutschland und Langobardien um ihn trauern. Straßburg und Lyon
werden besonders genannt.
Aus der Klosterschule von St. Gallen aber, wo ein großer Theil der
jungen vornehmen, zu hohen Kirchenämtern bestimmten Geistlichkeit
erzogen wurde, ging auch der ausgezeichnetste Bischof hervor, den
Alamannien in der Ottonischen Zeit besessen hat, =Udalrich= aus dem
Hause der Grafen von Dilingen[34], der von 924-973 dem Sprengel von
=Augsburg= vorstand und ein segensreiches Andenken hinterlassen hat[35].
Ohne Zweifel würde er hier eine reiche Entfaltung geistiger Thätigkeit
hervorgerufen haben, wenn nicht die schweren Zeiten, welche Ludolfs
Aufstand und der Ungernkrieg über Stadt und Sprengel brachten, seine
Wirksamkeit gehemmt hätten. Die Folgen dieser Ereignisse sind gewiß
noch lange fühlbar gewesen; doch finden wir zu Bischof Liutolds Zeit
(989-996) in einem Briefe des Wigo von Feuchtwangen[36] den blühenden
Zustand der Augsburger Schule gerühmt, und zugleich zeigen uns diese
zufällig erhaltenen Briefe ein lebhaftes litterarisches Streben in
dem Kloster =Feuchtwangen=, im nördlichsten Winkel des Augsburger
Bisthums. Wir dürfen daraus wohl den Schluß ziehen, daß noch an vielen
Orten eifrig gelehrt und gelernt wurde, ohne daß uns eine Nachricht
aufbewahrt ist, daß auch vieles geschrieben worden ist, was später
unbeachtet zu Grunde ging. Ueber S. Ulrichs segensreiche Wirksamkeit
aber ist uns glücklicherweise ein reichhaltiger und vortrefflicher
Bericht zugekommen, dessen Verfasser, der Priester =Gerhard=, ein
jüngerer Zeitgenosse des Bischofs, zugleich durch seine gute Schreibart
und Darstellung den gesegneten Erfolg von Udalrichs Bestrebungen
bezeugt. Die außerordentlich angesehene Stellung dieses Bischofs,
sein Einfluß bei Hofe, die mannhafte Vertheidigung seiner Stadt und
seines Sprengels gegen die Aufrührer und gegen die Ungern geben seiner
Biographie eine besondere Wichtigkeit und stellen sie dem Leben des
Erzbischofs Brun zur Seite; doch ist die Sprache sehr gesucht und oft
ganz fehlerhaft, griechische und deutsche Worte werden eingemischt.
Auch die Zeit seines Nachfolgers =Heinrich= (973-982) zog Gerhard
in seine Darstellung[37]. =Liutold= oder Ludolf bewirkte 993 die
Canonisation S. Ulrichs, das erste Beispiel eines solchen Actes, und
von da an wurde das Leben desselben immer von neuem, später auch in
deutscher Sprache überarbeitet; schon Bischof =Gebhard= (996-999),
früher Abt von Ellwangen, dem die Zeitgenossen hohes Lob zollen, machte
den Anfang damit, aber geschichtlichen Werth hat nur das ursprüngliche
Werk. Lehrreich sind diese Bearbeitungen nur, insofern man darin recht
deutlich sehen kann, wie das geschichtliche Element sich immer mehr
verliert und dafür der rhetorische Schmuck, die herkömmlichen Phrasen
überhand nehmen, bis nur noch eine gewöhnliche mit Wundern überladene
Legende übrig bleibt[38].
[34] Ueber diese vgl. Steichele, Das Bisth. Augsburg III (1872) S.
31-55.
[35] Waagen, Treasures of Art in Great-Britain I, 196, schreibt seiner
Hand das Evangeliar Harl. 2970 und ein anderes in München zu, mit
der Inschrift; „Deus propitius esto Udalrico peccatori“; dieses
(23,630) ist jedoch jünger und der Schreiber vielleicht der
Sammler des Cod. Udalrici; s. NA. X, 410.
[36] B. Pez Thes. VI, 115. Vgl. Hirsch, Heinrich II, I, 127. Diese
Briefe sind, nebst einem neuen, nach der Hds. wiederholt bei
Steichele a. a. O. S. 341-349 mit Nachrichten über das Kloster,
welches sich nicht halten konnte und Collegiatstift wurde. Ueber
diese Briefe handelt Bossert in d. Württemberg. Vierteljahrsheften
IV (1881), Heft 1-4, „als Quelle für die Geschichte des Württ.
Franken“.
[37] _Vita S. Oudalrici_ ed. Waitz, MG. SS. IV, 377-428. Migne CXXXV
aus Mabillon. Uebers. v. Grandaur, Geschichtschr. 31 (X, 4,
2) 1891 mit Excurs über die Schlacht auf dem Lechfeld. Zur
Ergänzung Ekkehards Excurs MG. II, 107-109; bei M. v. Knonau
mit Comm. S. 211-224. Auf S. 225 ist die Correctur _ultra_
in _cis citraque_ nicht zu rechtfertigen, da diese incorrecte
Ausdrucksweise im Mittelalter ganz gewöhnlich ist. -- Vgl. Stälin
I, 424. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 784. Ruland in
Steichele's Archiv für die Geschichte des Bisthums Augsburg I, 7.
K. Raftler: Ueber den h. Ulrich, Augsb. 1866. Jul. Koch: Gesch.
u. Cult des h. Ulrich, Hall. Diss. 1875. Augsburger Bischofsverz.
SS. XIII, 333, und mit d. Aebten von St. Ulrich u. Afra, S. 278.
[38] Eine sehr fabelhafte Version NA. VII, 139.
§ 9. Baiern.
Ein Geschichtswerk aus Baiern ist uns aus diesem Zeitraume nicht
aufbewahrt, wohl aber mögen manche Aufzeichnungen vorhanden gewesen
sein, welche für uns verloren sind, wie die =Salzburger Annalen=
von 835 an, und =Regensburger Annalen=, von denen Spuren sich in
späteren Werken nachweisen lassen[1]. Doch hatte auch gerade dieses
Land besonders schwer durch die Verheerungen der Ungern gelitten;
manches blühende Kloster war zerstört, andere durch Herzog Arnulfs
Säcularisationen kaum minder hart getroffen, und erst allmählich begann
eine neue Entwickelung und wissenschaftliche Thätigkeit.
[1] S. oben S. 149. _Ann. S. Emm. brevissimi_ 792. 817. 930-1062
und saec. XI (1036-1046) ed. Jaffé SS. XVII, 571 sind sehr
unbedeutend.
In =Regensburg= starb am 23. Sept. 972 der Bischof =Michael=, der in
seinem Epitaphium[2] sehr gepriesen wird. Als sein Nachfolger wirkte
bis 994 der treffliche Bischof =Wolfgang=, ein Schwabe von Geburt, der
zuerst in Reichenau die Schule besucht hatte, wo er mit Heinrich, des
Bischofs Poppo von Würzburg Bruder, Freundschaft schloß und ihn nach
Würzburg begleitete, um die Vorträge des italienischen Grammatikers
Stephan zu hören. Als 956 Heinrich Erzbischof von Trier wurde, mußte
Wolfgang ihm auch dahin folgen, und theils als Lehrer, theils als Decan
für die Herstellung der Zucht thätig sein. Allein nach Heinrichs frühem
Tode 964 ließ er sich durch nichts, auch nicht durch die Bemühungen des
Cölner Erzbischofs Brun, ihn zu gewinnen, abhalten seinem Herzenswunsch
zu folgen und im Kloster Einsiedeln Mönch zu werden. Dann trieb es
ihn, den Ungern das Evangelium zu predigen; hier aber trat ihm Bischof
Piligrim von Passau entgegen und bewirkte seine Erhebung zum Bischof
von Regensburg, wo er nun zu thätigem Wirken in der Welt gezwungen war
und sich auch auf diesem Felde ausgezeichnet bewährte. Er hat einen
Biographen gefunden, aber nicht in Baiern, sondern in Franken, und auch
diese Schrift ist uns leider verloren; nur in der späteren Bearbeitung
von Otloh sind Fragmente davon erhalten[3]. Wolfgang war der Erzieher
Kaiser Heinrichs II, und auch Poppo, Markgraf Liutpolds Sohn, der
1016 Erzbischof von Trier wurde, war in Regensburg erzogen[4]. Auch
Tagino, 1004 bis 1012 Erzbischof von Magdeburg, war vorher Vitzthum
der Regensburger Kirche, ein Zögling Wolfgangs und von ihm zu seinem
Nachfolger bestimmt, aber damals vom Kaiser nicht bestätigt[5].
Balderich, nach ihm Vitzthum, wurde 1008 Bischof von Lüttich.
[2] Dümmler, Otto I S. 594.
[3] MG. SS. IV, 521-542. Vgl. über Wolfgang Hirsch Heinrich II, I, 112
f. In Verona ist ein schönes Missale mit seinem Namen, in welchem
mit Goldschrift zum 25. Oct. 992 die Ordination des Bischofs
Otbert eingetragen ist, der es also von ihm erhalten zu haben
scheint. Arch. XII, 660. NA. III, 207.
[4] Thietmar l. V, Prol. Gesta Trevirorum, MG. SS. VIII, 175. Notiz
über eine 1017 von ihm in Trier vollzogene Altarweihe in einem
Missal in Koblenz, Lamprecht, Initial-Ornamentik, S. 29 n. 60.
Gedicht d. Cambr. Hs. _Sponso sponsa._ Der ihm beigelegte Brief
an Bened. IX u. dessen Antwort sind Fiction nach Bresslau, Konr.
II, II, 514-518, u. Lesser, Erzb. Poppo. Leipz. 1888.
[5] Thietmar V, 25. V. Wolfg. c. 36. Vgl. Hirsch, l. c. I, 172. 275.
Vorzüglich machte Wolfgang sich verdient durch die Herstellung
des altberühmten Stiftes zu =St. Emmeram=, welches ganz unter der
Herrschaft der Bischöfe gewesen war; jetzt zuerst erhielt es durch
ihn einen eigenen Abt an =Ramwold=, den er aus St. Maximin berief,
und der mit Ernst und Eifer die klösterliche Zucht herstellte[6]. Er
brachte Reliquien mit[7], besorgte für seine Mönche eine Abschrift
oder Bearbeitung der Homiliensammlung des Paulus Diaconus[8], und
legte ein Güterverzeichniss an, wovon sich nur die Vorrede mit frommen
Ermahnungen erhalten hat[9]. Doch hatte auch schon 961 Otto I in einer
Urkunde die Frömmigkeit und die Studien der Mönche rühmen können[10].
Ramwold erlangte, nachdem er eine neue Kirche erbaut hatte, vom Abt
Winidhar von Ellwangen (978-987) Reliquien der h. Gemini[11]. Er war
es auch, der durch Aribo und Adalpert den herrlichen 870 für Karl
den Kahlen geschriebenen Evangeliencodex herstellen ließ[12], der
durch Kaiser Arnulf aus Saint-Denis dorthin gekommen war, und zu der
romanhaften Translatio S. Dionysii den Anlaß gegeben hat. In diesem
Kloster hat sich in einer Handschrift ein merkwürdiges Bruchstück über
den Herzog Arnulf erhalten, merkwürdig sowohl als vereinzelte Spur
verlorener geschichtlicher Aufzeichnungen, als auch durch den heftigen
Widerwillen gegen den Sachsenkönig, welcher sich darin ausspricht, und
die Verherrlichung des tapferen Herzogs, auf den in späterer Zeit die
Geistlichkeit so übel zu sprechen war. Das Fragment ist in Regensburg
geschrieben und zwar noch zu Lebzeiten des Herzogs (921-937) oder doch
sehr bald nach seinem Tode[13].
[6] _Consuetudines S. Emmerammi_, aus Einsiedeln stammend nach O.
Ringholz, Stud. u. Mitth. a. d. Bened. u. Cist. Orden 1886 (NA.
XII, 450).
[7] MG. SS. XV, 2, 1094.
[8] Zeumer, NA. X, 389; der Prolog S. 390.
[9] Holder-Egger, NA. XIII, 562-564.
[10] Dümmler, Jahrbücher unter Otto I, S. 320.
[11] NA. VII, 620, vgl. VIII, 369.
[12] Sanftl, Diss. in aureum etc. codicem, Ratisb. 1786, p. 28. Nach
Woltmann, Gesch. d. Malerei I, 260 nachgeahmt in einem Missal
Heinrichs II, Monac. 4456.
[13] _Fragmentum de Arnulfo duce Bavariae_ ed. Jaffé, MG. SS. XVII,
570. cf. 568; ib. p. 567 ein Catalog der Bibliothek von St.
Emmeram aus Ramwolds Zeit, ein anderer im Serapeum II, 260. --
Vgl. Giesebrecht I, 807. Die entgegengesetzte Auffassung Arnulfs
bei Herm. von Altaich in Böhmers Fontes III, 563, MG. SS. XVII,
370. -- Zwei Epitaphien saec. X. aus St. Emm. NA. V, 432. Verse
über die Reform von Niedermünster durch die Herzogin Witwe Judith
und ihren Sohn Heinrich den Zänker bei Hirsch I, 122. Von der
Aebtissin Outa c. 1002-1005 gestiftetes schönes Evangeliar,
Woltmann, Gesch. d. Malerei I, 258, NA. X, 410.
In St. Emmeram war =Gozpert= Mönch geworden, nachdem er in der
Augsburger Kirche von früher Jugend an seine Ausbildung erhalten
hatte; 982 wurde er (nach Hartwich, oben S. 364) Abt von =Tegernsee=
und veranlaßte hier zu eifriger Beschäftigung mit dem klassischen
Alterthume. Statius, Persius, Horaz, Cicero's Briefe, Boethius wurden
gelesen und abgeschrieben; natürlich auch Priscian, aus dem man
hier wie überall die lateinische Grammatik lernte. Boethius Schrift
vom Troste der Philosophie schrieb Froumund in Cöln ab und sandte
sie nach Tegernsee[14]; Glossen zum Priscian in Feuchtwangen und im
Pantaleonkloster[15]. Dieser =Froumund= war Scholaster in Tegernsee
und sammelte in einer noch erhaltenen Handschrift eigene und fremde
Briefe und Gedichte; daraus allein ist uns dieses eifrige Studium in
Tegernsee und die lebhafte Verbindung mit den gleich strebsamen Mönchen
und Clerikern in St. Emmeram, Feuchtwangen, Augsburg, Würzburg bekannt
geworden[16]. Der gezierte und mit Gelehrsamkeit prunkende Stil der
Zeit, auf den die italienischen Grammatiker eingewirkt haben mögen,
findet sich auch hier in vollem Maaße. Als feingebildeter Bibliothekar
in St. Emmeram erscheint hier Reginbald[17].
[14] Pez. Thes. I, Praef. p. XV. Die Handschrift ist jetzt in
Maihingen, und zeigt auch Beziehung zum Kl. Blandigny bei Gent,
s. Schepss, Handschriftl. Studien zu Boeth. de cons. im Progr. d.
k. Studienanst. zu Würzburg 1881, S. 6; NA. VII, 177. Vgl. über
die Glossen auch Schepss, NA. IX, 173-194.
[15] Wiener SB. XCVI. 511. Zeitschr. f. D. Philol. XV, 420.
[16] _Codex epistolaris Froumundi_ (Monac. 19412) von 983 bis in
Heinrichs II Zeit bei Pez Thes. VI, 110-199. Mab. Anall. p. 435.
Vgl. Heinreich II von Hirsch I, 126. II, 225-230. Bei Günthner,
Geschichte der litterarischen Anstalten in Baiern I, 170 die
Inschrift eines Remigius in Sedulii opus paschale (Monac. 19456):
„Ego Froumundus cepi hunc libellum scribere, sed pueri nostri
quos docui meo juvamine perscripserunt.“ Ueber den von Schmeller
Froumund zugeschriebenen Ruodlieb Giesebr. II, 624. Müll. u.
Scherer (3. A.) II, 152. Ausg. v. Seiler 1882. Ders. über den Cod.
ep. in Zachers Zeits. f. D. Philol. XIV, Heft 4. G. Schepss: Zu
Froumunds Briefcodex und zu Ruodlieb, Zeitschr. f. D. Philol. XV,
S. 423 ff.
[17] Schepss in d. angef. Programm, S. 12.
Schon früher, noch in der ersten Hälfte des Jahrhunderts lehrte,
vielleicht in =Wessobrunn=[18], ein sehr gelehrter Mönch, Meister
=Benedict=, die Grammatik; ihm übergab S. Ulrich seinen Neffen Adalbero
zur Erziehung.
[18] Nach der Vermuthung Leutners, Hist. Wessofont. I, 63.
In =Salzburg= lehrte ein hochgefeierter Mönch aus =St. Gallen=,
=Chunibert=, den Herzog Berthold (938-947 oder 948) sich vom Abt
Kralo (942-948) erbeten hatte; doch meldet davon nur der Sanctgaller
Ekkehard, welcher irrig den Herzog Heinrich nennt. Als Abt von
Nieder-Altaich, und zwar zu Herzog Bertholds Zeit, kennt ihn aber
auch Hermann von Altaich[19]. Etwas später, unter Erzbischof Friedrich
(954-990), versammelte in Salzburg ein gewisser =Liudfrit= zahlreiche
Schüler[20], und Erzbischof Günther (ord. 1024 Jan. 26, † 1025 Nov.
1) hatte seine gelehrte Ausbildung unter Bischof Notker von Lüttich
erhalten[21]. Im Jahre 987 war auch hier das altehrwürdige Stift zu St.
Peter durch Erzbischof Friedrich vom Dom getrennt und als selbständiges
Kloster erhielt es einen Abt Tito, der bis dahin Domprobst gewesen war.
Sein Name findet sich im Necrologium von St. Emmeram als der dortigen
Congregation angehörig; vielleicht machte er da sein Noviziat[22].
Die Verse des Abtes =Gerhard= von =Seon= wurden schon oben S. 319
erwähnt. In =Benedictbeuren= erhielt im Anfange des elften Jahrhunderts
der Probst Adalbero wegen seiner eifrigen Studien den Beinamen des
Bücherfasses[23]. In =Freising= ließ Bischof Abraham[24], von 957-994,
vielleicht 993, fleißig Bücher abschreiben, auch in weiter Ferne. Sein
Caplan, später Erzcaplan Gotschalk besorgte ihm Abschriften in Metz
und in Toul; dann folgte er ihm bis 1006 selbst als Bischof, und nun
war es der Schulmeister Antrich, welcher mit seinen Schülern für ihn
thätig war[25]. Aus Tegernsee wandte man sich an ihn, um ein Exemplar
der Historia tripertita zur Abschrift zu erhalten[26]. Geschichtliche
Aufzeichnungen fehlen aber leider gänzlich; nur ein Martyrologium mit
nekrologischen Notizen hat sich aus Abrahams Zeit erhalten[27].
[19] Casus S. Galli ed. Meyer v. Knonau S. 333 mit dessen Anmerkung
Giesebrecht, Ann. Altah. S. 11. Abweichend Hirsch I, 130.
[20] V. Godeh. ant. c. 6, MG. SS. XI, 172; vgl. oben S. 324. In einer
später geänderten Stelle spricht Wolfher von einem _celebre
studium_ in Passau, aber wohl nur durch eine Verwechselung; vgl.
Hirsch I, 132.
[21] Sermo in purificatione von ihm, Cod. lat. Monac. 18090 aus
Tegernsee, Catal. II, 3, 131.
[22] Heinrich II von Hirsch I, 129.
[23] Vas librorum, MG. SS. IX, 219.
[24] Er soll ein Slave gewesen sein; die ihm zugeschriebenen
Freisinger Slovenica sind aber älter, nach Miklosich: Die christl.
Terminologie der slav. Sprachen, Wien 1875.
[25] „Abrahamo episcopo jubente, archicapellano ipsius Gotesalcho
impetrante a Rutberto probabili abbate Tullensi, eo loci famulitio
sanctae Mariae sanctique Corbiniani per Durandum liber iste
illustrissimus scriptus est.“ Docen in Aretin's Beiträgen VII,
533. Jetzt Cod. lat. Mon. 6294. Vgl. ferner im Catal. I, 3, 80.
82. 84. 91. 100. 105 u. über Cod. lat. 6426 Gr. Hundt, Bayr. Urkk.
d. 11. u. 12. Jahrh. in d. Abh. d. Münch. Akad. III. Cl. XIV, 2,
S. 49. Die früher hier angeführte „Benedictio in scriptorio“ ist
aus Grimalds Sacramentar, bei Günthner I, 190.
[26] Meichelbeck, Hist. Frising I^{b}. p. 472.
[27] Dümmler, Forschungen XV, 165; Berichtigungen von Gr. Hundt
a. a. O. S. 47.
Jener Chunibert aus St. Gallen ist, wie erwähnt, auch in
=Nieder-Altaich= Abt gewesen, aber bald wieder fortgegangen; später
hausten hier nach dem Verfall der klösterlichen Zucht Canoniker. Unter
ihnen war ein alter Priester, Namens =Udalgis=, der sich als Lehrer
großen Ruhm erwarb. Vornehme Jünglinge wurden ihm gern anvertraut,
um sich hier in freierer Weise ohne die strengere Ordensregel in den
Wissenschaften auszubilden, und mehrere Bischöfe sind aus seiner Schule
hervorgegangen[28]. Der berühmteste unter seinen Schülern aber ist
=Godehard= (geb. 961), der in Salzburg seine Studien fortsetzte, die
gesunkene Klosterzucht in mehreren Klöstern wieder herstellte und auch
Altaich zu neuer Blüthe erhob, nachdem dort im Jahre 990 wieder ein
Schwabe, Erchembert, nach Benedicts Regel zum Abt erwählt war.
[28] Vita Godeh. ant. c. 2, MG. SS. XI, 171. In der zweiten Vita Prol.
p. 197 wird aber Rumold als Godehards erster Lehrer genannt.
Aus der Altaicher Schule kam auch =Piligrim=, ein Neffe des Erzbischofs
Friedrich, aus vornehmer Familie, welcher 971 in =Passau= auf Adalbert
folgte, wo er am 22. Mai 991 gestorben ist. Für Passau eröffneten sich
nach der Ueberwältigung der heidnischen Ungern große Aussichten; schon
Adalbert hatte sich einen Bischof von Lorch genannt, wovon man in der
Vita Severini las, Laurentius trat als Schutzpatron dem h. Stephan
zur Seite, und dem viel jüngeren Salzburg gegenüber glaubte Pilgrim,
der sich ebenfalls Bischof von Lorch nannte, die Errichtung, oder wie
er es darstellte, die Herstellung eines Erzbisthums Lorch erreichen
zu können. Auch Fälschungen scheute er zu diesem Zwecke nicht, doch
blieben seine Bestrebungen erfolglos[29]. Pilgrims Name aber blieb
gefeiert in Passau und ist sogar in die Nibelungensage gekommen, über
welche er zuerst ein lateinisches Epos durch seinen Sänger Conrad
dichten ließ.
[29] Vgl. oben S. 51.
In =Eichstedt= ließ Bischof =Starchand= (933-966), ein Freund Ulrichs
von Augsburg, viele Bücher abschreiben und verfaßte selbst Gebete;
sein Nachfolger =Reginold= (bis 989) wird wegen seiner Beredsamkeit
Chrysostomus genannt; er verstand griechisch und hebräisch, besonders
aber war er ein großer Musiker und soll zur Uebertragung des h.
Willibald ein gar schönes Gedicht verfertigt haben, auch Wunnibald und
Blasius hat er besungen[30].
[30] Anon. Haser. MG. SS. VII, 255. 257.
Bei einer so lebhaften litterarischen Thätigkeit kann es auch an
geschichtlichen Aufzeichnungen nicht ganz gefehlt haben; viel
ist jedoch nicht vorhanden gewesen, da wir sonst doch bei den
späteren Schriftstellern Spuren davon antreffen müßten, und größere
Geschichtswerke scheinen hier nicht entstanden zu sein. Jene
grammatisch-philosophische Bildung, welche vielfach hochgeschätzt und
eifrig erstrebt wurde, befördert durch Italiener wie Gunzo und Stephan,
führte zur Geschichtschreibung nur, insofern sie zu dem erforderlichen
Bildungsgrade verhalf; eine unmittelbare Beziehung zur Geschichte
hatte sie nicht und leitete eher ab von der Beschäftigung mit der
eigenen einheimischen Vorzeit, wie wir denn auch gesehen haben, daß
die Hauptpunkte dieser gelehrten Studien, wie Reichenau, St. Gallen,
Lüttich, keineswegs auch die productivsten für Geschichtswerke waren.
§ 10. Frankreich. Reims.
An gelehrter Thätigkeit hat es in dieser Periode in Frankreich nicht
gefehlt; trotz aller Verheerungen und Unglücksfälle erhielt sich ein
bedeutender Grad von Bildung, der sich durch eine große Anzahl von
Lehrern, Scholastern fortpflanzte. Diese waren in Frankreich wie in
Deutschland wohl alle von geistlichem Stande; es scheint jedoch, daß
sie dort nicht so allgemein wie hier bestimmten Stiftern angehörten,
sondern mehr nach italienischer Weise in unabhängiger Stellung
Schüler um sich sammelten. Ihre ganze Richtung ging vorherrschend auf
Grammatik, Dialektik und Rhetorik, und trug daher ebenso wenig Frucht
für die Geschichte, wie die verwandten Bestrebungen in deutschen
Klöstern.
In =Reims= waren die beiden Schulen der Domherren und der
Landgeistlichkeit nach Flodoards Angabe (IV, 9) gänzlich verfallen, als
Hinkmars Nachfolger =Fulko= (882-900) zu ihrer Herstellung zwei Schüler
Heirichs von Auxerre[1] berief, Meister =Remigius= von =Auxerre=,
der die jungen Cleriker in den freien Künsten unterwies, während
der Erzbischof selbst mit ihnen Theologie trieb, und =Hucbald= den
Kahlkopf von St. =Amand=. Dieser war ein Mönch in jenem merkwürdigen
Kloster, welches auf der Grenzscheide beider Sprachen im Hennegau
gelegen, uns zugleich das deutsche Ludwigslied und das älteste Denkmal
französischer Dichtung aufbewahrt hat[2]. Ein Neffe und Schüler des
=Milo=, der zu Karls des Kahlen Zeit als Schriftsteller gefeiert
war[3], übersandte er diesem um 876 seines Oheims Werk _de sobrietate_
mit einer poetischen Widmung[4] und ließ bald ein eigenes ebenso
künstliches wie geschmackloses Gedicht _in laudem calvorum_ folgen,
in welchem jedes Wort mit C anfängt[5]. Nachdem Fulko, Abt von St.
Bertin, zum Erzbischof von Reims erhoben war, erbat dessen Nachfolger
Rodulf ihn vom Abt Gauscelin von St. Amand, um seine mangelhaften
Schulkenntnisse zu ergänzen[6]; bald nachher aber muß er jenem Rufe
nach Reims gefolgt sein, wo er eine Zeit lang als Lehrer wirkte, bis
sein Gönner Fulko starb. Heimgekehrt, hat er außer anderen erbaulichen
Schriften 907 ein Leben der h. Rictrudis, der ersten Aebtissin von
Marchiennes, verfaßt, welches er dem Bischof Stephan von Lüttich
übersandte[7] und, wenn die Vermuthung des Herausgebers richtig ist,
auf Veranlassung desselben Bischofs, die metrische _Vita S. Lamberti_,
worin zuerst die von den früheren Biographen verschwiegene Ursache
seiner Ermordung berührt wird[8]. Außerdem verfaßte er ein Leben des
angelsächsischen Glaubensboten =Liafwin=, welches besonders durch die
Erwähnung der altsächsischen Landesversammlung sehr merkwürdig ist[9].
Dieses in Anlehnung an Altfrids Leben Liudgers mit großer Belesenheit
und sorgsamem Fleiße ausgearbeitete Werk widmete er dem Bischof
Balderich von Utrecht, und theilte es außerdem dem Archidiaconus Peter
von Cambrai und Odilo, dem Mönch von St. Medardus, zur Prüfung mit.
Neunzigjährig soll er 930 gestorben sein. Um sein Kloster machte er
sich auch dadurch verdient, daß er die Gebeine des von seinem Vater
Karl dem Kahlen geblendeten und um 876 verstorbenen Karlmann von
Echternach nach Saint-Amand brachte, was in einem Epitaph auf seine und
Milo's gemeinsame Grabstätte berichtet wird[10].
[1] Ademari Chron. III, 5. Remigius, als theolog. Schriftsteller
bekannt, (Hist. litt. de la France VI, 99 f., vgl. Prantl,
Gesch. d. Logik II, 44) ging nach Fulko's Tod nach Paris, wo Odo
von Cluny sein Schüler war. Andere Schüler von ihm sind die in
Vita Joh. Gorz. erwähnten Hildebold (oben S. 377) und Blidulf,
Archidiaconus der Metzer Kirche; auch Erzb. Seulf v. Reims, Flod.
IV, 18. Vgl. Huemer: Ueber ein Glossenwerk zum Sedulius, Wiener
SB. XCVI, 505-551. Von R. scheinen, wie Dümmler mir mittheilt, die
2 Briefe an Dado von Verdun zu sein, worin von der Herkunft der
Ungern die Rede ist, Spicil. XII, 349, Mart. Coll. I. 320, auch
im Cod. Vindobon. 156, f. 110. Später lehrte in Auxerre zur Zeit
des gefeierten Bischofs Robert der ital. Grammatiker Wido, gest.
1095, s. Dümmler im NA. I, 181-183.
[2] Fragmenta Elnonensia, von Hoffmann, Gent 1837, 4. Neue Aufl.
1845. Facs. bei G. Paris, Les plus anciens Monuments de la langue
Française, 1875.
[3] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 521-526. Ebert II, 277-285.
[4] Diese gedruckt bei Mart. Thes. I. 45. Vollständig herausgegeben
von Desplanque, Etude sur un poëme inédit de Milon, moine de
Saint-Amand, Lille 1871.
[5] Herausgegeben von J. Desilve, Valenciennes 1875. Dess. Schrift De
schola Elnonensi, 1889, habe ich nicht gesehen.
[6] Zur Sicherung seines Unterhaltes wies der Abt ihm 889 ein Landgut
an, welches er später den Mönchen von St. Bertin überließ. Folq.
ed. Guérard p. 131. MG. SS. XIII, 623.
[7] _Vita S. Rictrudis_, Mab. II, 939-950. Acta SS. Mai III, 81-89.
[8] Vie de S. Lambert, écrite en vers par Hucbald de Saint-Amand, et
documents du X siècle, par J. Demarteau, Liège 1878. Vgl. oben S.
264, u. Dümmler, NA. IV, 555.
[9] _Hucbaldi Vita S. Lebuini_ ed. Pertz, MG. SS. II, 360-364 im
Auszug aus Sur. VI, 277-286, doch nach der Handschrift berichtigt.
Der Rest ist aus den Lebensbeschreibungen von Willibrord, Bonifaz,
Gregor und Liudger erweitert. Uebersetzung des Auszuges von Arndt
hinter der Vita Bonifacii. Vgl. über seine Quellen u. besonders
die Versammlung zu Marklo, W. Kentzler, Forsch. VI, 343-354 u.
Entgegnung von S. Abel 355. 356. Eine Schrift über die Vita u.
den Ursprung von Deventer von Verloren wird Revue hist. XXXI, 236
angeführt.
[10] Acta SS. Jun. III, 36. S. über Hucbald Hist. litt. de la France
VI, 210-221; Dümmler, NA. IV, 560-563. -- Hans Müller, Hucbalds
echte und unechte Schriften über Musik (Leipz. 1884, 4) weist
nach, daß die Schrift de harmonica institutione, aber nicht die
Musica enchiriadis, von ihm ist.
=Reims= war in diesem Jahrhundert auch der Mittelpunkt der
französischen Politik und namentlich für die lothringischen Händel von
der größten Bedeutung. Hier konnte man unmöglich ohne geschichtliche
Aufzeichnungen auskommen; hier bedurfte man anderer Werke als
rhetorisch ausgeschmückter Legenden, und Hinkmar selbst hatte das beste
Beispiel gegeben. Er fand einen Nachfolger an =Flodoard= (894-966),
der als Archivar der Kirche sowohl, wie durch seine sehr angesehene
Stellung ganz besonders zu dieser Aufgabe befähigt war. Begonnen
hatte auch er in derselben Weise wie so viele seiner Zeitgenossen.
Unter Pabst Leo VII (936-939) besuchte er Rom, wo er vom Pabste sehr
gut aufgenommen wurde, und als Denkmal seiner Frömmigkeit, seiner
umfassenden Gelehrsamkeit und seiner Dankbarkeit verfaßte er in
leidlichen Hexametern ein gewaltiges Werk, dessen erste zwei Theile
die Thaten Christi und der ersten Heiligen in Palästina und Antiochien
feiern, während der dritte in 14 Büchern die Geschichte der römischen
Päbste in Verse bringt, verbunden mit zahlreichen Legenden der
Heiligen. Noch bei Lebzeiten seines Gönners Leo VII hat er die Arbeit
vollendet, welche er dem Erzbischof Rotbert von Trier widmete[11];
der letzte Theil derselben ist nicht ohne geschichtlichen Werth[12].
Derselbe Erzbischof von Trier war es auch, der zur Zeit des Concils von
Ingelheim Flodoard dringend aufforderte und mahnte, die =Geschichte
der Reimser Kirche=[13] zu schreiben, mit welcher Flodoard noch 952
beschäftigt gewesen ist. Schon in jenem Gedicht hat Flodoard auch
urkundliche Nachrichten der Reimser Kirche benutzt, deren Beziehungen
zum päbstlichen Stuhl sorgfältig hervorgehoben werden. Das sind die
Anfänge der Studien, aus welchen diese bis 948 geführte Geschichte der
Reimser Kirche hervorging, ein Werk, in welchem die Rücksicht auf die
Form ganz zurücktritt gegen die Vollständigkeit und Zuverlässigkeit des
Inhalts, denn diese Geschichte ist eine urkundliche in so hohem Grade,
daß sie für die Zeit der Erzbischöfe Hinkmar und Fulko großentheils
geradezu aus Regesten der wichtigsten Urkunden, besonders päbstlicher
Schreiben besteht. Auch für die frühere Zeit lag ihm noch einiges
urkundliche Material vor, vorzüglich war er hier jedoch auf Hinkmars
Vita Remigii und einige andere Legenden angewiesen; Wundergeschichten
erzählt er gerne und mit großer Gläubigkeit. Die Verarbeitung des
Stoffes muß man als mangelhaft bezeichnen; sie läßt sich oft ganz
vermissen, aber der materielle Werth seines Werkes ist dadurch um
so größer für uns. Derjenige Theil desselben, welcher die Geschichte
seiner Zeit behandelt, findet sich großentheils wiederholt in seinem
zweiten Hauptwerke, den =Annalen=, welche von 919-966 reichen[14]. Doch
hatte er diese, wie G. Monod (Revue Crit, 1873, II, 263) nachgewiesen
hat, schon früher mit den Ereignissen gleichzeitig begonnen und darin
Rücksichten zu nehmen gehabt, welche für die Historia Remensis nicht
mehr nothwendig waren; er unterbrach sie, um die Historia zu schreiben,
und nur der Bericht über 948 scheint dann umgekehrt wieder aus der
Historia in die Annalen herübergenommen zu sein. Ob der Anfang der
Annalen verloren ist, ob ein anderes Werk vorhanden war, welches die
Geschichte bis zum Jahre 919 führte, ist unbekannt; unmöglich wäre
es ja nicht, daß der Anfang frühzeitig zu Grunde gegangen wäre, und
ohne die Annahme einer bis dahin reichenden Aufzeichnung ist gerade
dieser Anfangspunkt unbegreiflich. Sicher aber ist, daß auch Richer
nicht mehr Hülfsmittel für die Zeit von 882 an, wo Hinkmars Jahrbücher
aufhören, vor sich hatte; nicht einmal die Annalen von St. Vaast
waren ihm bekannt. Für jenen Zeitraum nun berichtet Flodoard mit
der größten Treue Jahr für Jahr die Ereignisse, wie er sie erfuhr,
grosse und kleine, ohne auf ihren inneren Zusammenhang einzugehen,
in derselben objectiven Weise, die wir schon bei anderen ähnlichen
Werken bezeichneten, in einfacher ungesuchter Sprache. Was ihn aber
auszeichnet, ist die Fülle seiner Nachrichten, nicht über Frankreich
allein, sondern auch über Lothringen und das ostfränkische Reich,
mit dem er manche Berührung hatte, und ferner seine fleckenlose
Wahrheitsliebe und Zuverlässigkeit. Er war in höherem Alter in das
Kloster Saint-Basle eingetreten, wo 952 wieder Mönche anstatt der
Canoniker eingeführt wurden und legte 963 die Prälatur, wie er sagt,
siebenzigjährig nieder. Drei Jahre später ist er gestorben, und fast
bis an den Tag seines Todes hat er das Werk fortgesetzt, dann ist noch
ein Zusatz über die Jahre von 976-978 nachgetragen worden: darauf aber
verging lange Zeit, bevor sich ein Nachfolger fand. In den politischen
Wirren, von welchen auch die Metropole, lange Zeit ein Zankapfel der
Parteien, viel zu leiden hatte, gingen Zucht und Lehre fast zu Grunde,
bis der Beginn einer besseren Zeit in dem nahen Lothringen auch hierher
seine Einwirkung erstreckte. Zwei Metzer Domherren, welche nacheinander
auf den erzbischöflichen Stuhl erhoben wurden, Odelrich, 961-969,
und besonders Adalbero von 969-988, ein Zögling der Klosterschule
zu Gorze[15], stellten die Ordnung wieder her, und bald zog der neu
erwachte Glanz der Reimser Schule Schaaren lernbegieriger Jünglinge zu
der alten Kathedrale.
[11] Nach handschriftlicher Ueberlieferung freilich Rotger, s. oben
S. 365. Es mag ursprünglich, wie in der Widmung der Reimser
Geschichte, nur R. gestanden haben.
[12] Dieser ist gedruckt bei Mab. III, 2, 569-608 und bei Muratori III
wiederholt. Stücke bei Mab. II, 30. 127. 1095-1100. Vollst. jetzt
bei Migne CXXXV, 494-886. Vgl. über das ganze Werk Hist. litt.
de la France VI, 318-321. Entlehnung der Characteristiken aus den
Epitaphien der Päbste, NA. XIII, 236.
[13] _Flodoardi Historia Remensis ecclesiae_, mit Anhang bis auf
Adalbero, ed. Sirmond. 1611: Colvener. Duaci 1617, Bibl. Patrum
Lugd. XVII, 500: Bouquet VIII, 154-175 unvollständig; edd.
Heller et Waitz, MG. SS. XIII, 405-599 (ohne den Anhang). Kritik
von Longnon im Répert. des travaux historiques. Die II, 19
aufgenommene _Visio Raduini_ (oben S. 211) kommt abgesondert vor
u. ist NA. XI, 262 gedruckt. Der Ausg. von Pithou (1588) sind
_Visiones Flotildae_ von 940 angehängt. -- Oeuvres de Flodoard ed.
Le Jeune (Text mit Uebersetzung) Reims 1854. -- _Series archiepp.
Rem._ (nur Namen) SS. XIII. 381. 750. _Annales Remenses_ 830-999,
nicht gleichzeitig, ib. 81; _Ann. S. Dionysii Remenses_ 845-1190,
p. 82-84; _Ann. S. Nicasii Rem._ 1197-1309, p. 84 bis 86.
[14] _Flodoardi Annales_ ed. Pertz MG. SS. III, 363-408. Baehr, S. 188.
Giesebr. I, 779. Ueber den von Pertz nicht benutzten Cod. Paris.
Fonds latin 9768, nach Nithard, s. NA. VI, 482. Cod. Christ. 633,
NA. X, 224.
[15] Gesta epp. Camerac. I, 102.
Bald nach Flodoards Tod, um das Jahr 967, hatte ein junger Mönch,
=Gerbert=, das Kloster Aurillac in der Auvergne verlassen, um in der
spanischen Mark Lehrer aufzusuchen, welche namentlich seiner Liebe zu
mathematischen Studien genügten. Im Jahre 970 folgte er dem Grafen
von Barcelona und dem Bischof Hatto von Vich, seinem Lehrer, nach
Rom und wurde hier bereits als ein ausgezeichnet begabter Jüngling
vom Pabste dem Kaiser Otto zugesandt. Noch fehlte es ihm aber an
philosophischer Ausbildung, und deshalb begleitete er den Reimser
Archidiaconus Garamnus[16], einen berühmten Lehrer der Logik, nach
Reims, wo er einige Zeit seine Studien fortsetzte, bald aber selbst
als Lehrer einen außerordentlichen Ruf gewann[17]. Ganz Gallien, sagt
Richer, erglänzte von ihm durchleuchtet, wie von einem strahlenden
Lichte. Nachdem er sich später einige Zeit bei Otto II aufgehalten und
von ihm die Abtei Bobio erhalten hatte, die er nicht behaupten konnte,
kehrte er zurück[18], und nahm während der Minderjährigkeit Otto's III
in Reims eine sehr bedeutende politische Stellung ein. Diese Periode
ist es besonders, über welche uns seine =Briefsammlung= die wichtigsten
Aufschlüsse giebt, obgleich viele der darin enthaltenen Anspielungen
uns jetzt unverständlich sind, und durch die absichtliche Dunkelheit
der Schreibart die Benutzung sehr erschwert wird[19]. Als später (991)
der Erzbischof Arnulf von Reims entsetzt und Gerbert sein Nachfolger
wurde, zeichnete dieser selbst die Verhandlungen der Synoden zu St.
Basle, Mouson und Coucy auf, welche durch diese Verhältnisse veranlaßt
wurden[20], und die außerordentliche Klarheit, Schärfe und Gediegenheit
der Darstellung, sowie die Meisterschaft im Ausdruck lassen uns sehr
bedauern, daß er uns außerdem keine Werke geschichtlichen Inhaltes
hinterlassen hat. Besonders merkwürdig sind die Acten der Synode
von St. Basle durch die heftige und rücksichtslose Opposition gegen
den römischen Stuhl, welche sich darin ausspricht, und die eine
nicht minder heftige und charakteristische Entgegnung von Seiten des
römischen Abtes Leo hervorrief[21].
[16] Der Name ist Hypothese, Richer hat nur den Anfangsbuchstaben, und
in den Reimser Urkunden der Zeit findet sich nur dieser Name.
[17] Er war auch Lehrer des Königs Robert nach der Satire des Bischofs
Adalbero von Laon, wo er Neptanebus genannt ist, was auf Gerbert
gedeutet wird. Péchenard de schola Rem. X saeculi Par. 1876 habe
ich nicht sehen können.
[18] Vor Otto's II Tod, nach D. J. Witte, Lothringen in der zweiten
Hälfte des zehnten Jahrhunderts (Diss. Gott. 1869) S. 43, wo auch
viel Widerspruch gegen Olleris neue Anordnung der Briefe ist.
[19] _Gerberti epistolae_ bei Duchesne II, 789-844. Opera ed. Olloris,
1867, 4. Verse von ihm in N. Jahrb. f. Philol. 1867, XCV, 708-710.
Die Briefsammlung von Gerbert als eine Geschichtsquelle. Krit.
Monogr. Nach den Hss. von N. Bubnow, Petersb. 1888 (russisch).
Lettres publ. avec une introd. et des notes par Jul. Havet,
Paris 1889 (NA. XV, 223). Anz. beider von Kehr, HZ, LXIV,
274-277. Zur Zeitbestimmung der Briefe auch Sickel, Mitth. d.
Inst. XII, 209 ff. Vgl. Wilmans in Ranke's Jahrbüchern II, 2,
141-175. Giesebr. I, 787. Hock, Gerbert oder Pabst Sylvester II
und sein Jahrhundert, Wien 1837. M. Büdinger, Ueber Gerberts
wissenschaftliche und politische Stellung, Cassel 1851.
Cantor, Mathematische Beiträge S. 304 ff. eingehend über seine
mathematischen Schriften; Gesch. d. Mathematik I, 728-751; Zts. f.
Math. u. Physik, Hist. litt. Abth. XXXIII, 3, 101 ff. gegen die
Verwerfung der Geomotria Gerberti von H. Weissenborn, Gerbert.
Beiträge zur Kenntniß d. Math. d. MA. Berl. 1888. Prantl, Gesch.
d. Logik II, 53-57, H. Reuter, Gesch. der relig. Aufklärung im
Mittelalter (1875) I, 78-84. K. Schultess, P. Silv. II als Lehrer
u. Staatsmann. Wiss. Beil. zum Osterprogr. d. Wilh. Gymn. in Hamb.
1891. Ders. Die Sagen von P. Silvester II, Hamb. 1893. A. Graf,
Die Quellen der Legenden von S., Nuova Antologia 1890 Mz. 16.
Daß der _Sermo de dignitate sacerdotali_ nicht von ihm sein kann,
erweist Jul. Harttung, NA. I, 587-593. Ders. bezweifelt Forsch.
XVII, 390 seinen Aufruf zum Kreuzzug; dagegen H. v. Sybel, Gesch.
d. ersten Kreuzzuges (1881) S. 458. Die _Questio Girberti papae_
im Pariser Cod. 10444 enthält eine philos. Untersuchung, NA.
II, 625. Cod. Vat, 3101, Arch. XII, 232. Merkwürdige Sagen über
Gerbert bei Gualt. Mapes de nugis curialium ed. Wright (Camden
Society) 1850. Vgl. auch Döllingers Pabstfabeln. Ein Gedicht über
seine Magie e cod. Salem, s. XIII, _Ortus remensis_, bei Gerbert,
Iter Alem. (1765) p. 246. ed. II p. 258. Mone's Anz. II, 188.
[20] MG. SS. III, 658-693.
[21] MG. SS. III, 686-690. Vgl. oben S. 306. Im Cod. Christ. 1283
(Arch. XII, 315) folgen auf einen Bericht über Arnulfs Absetzung
u. Gerberts Nachfolge sehr bittere Verse _Tres contra Dominum_,
die K. Palm Forsch. XIII, 579 aus einer Abschrift mitgetheilt
hat. Der Cod. hat nach Mitth. von Dümmler immer _Gilb._ u. v.
7 _cupiere_; außerdem vor v. 10 den tautologischen Vers „Romam
vexat adhuc census amor immoderatus.“. Sie finden sich aber auch
bei Giesebr. III, 1263 (von v. 7. an) auf Wiebert angewandt, und
scheinen mir dahin besser zu passen.
Hat aber Gerbert nicht selbst Geschichte geschrieben, so veranlaßte
er doch, daß nach langer Unterbrechung in Reims diese Thätigkeit
wieder aufgenommen wurde. Er beauftragte damit einen seiner Schüler,
den =Richer=, einen Mönch von Saint-Remi[22], der sich mit nicht
gewöhnlichem Eifer dem Studium der alten Lateiner und der Philosophie,
der Medicin und der Mathematik hingab. Von seinen Vorgängern wich
Richer ab, indem er die schlichte annalistische Form verließ; ihm
schwebte das höhere Ziel einer künstlerisch durchgebildeten und das
innere Wesen der Dinge erfassenden Geschichtschreibung vor. Nachdem
er die Widmung an Gerbert und den Anfang seines Werkes (bis II, 78)
geschrieben, scheint eine Unterbrechung eingetreten zu sein, worauf er,
bevor noch 997 König Robert sich von Gerbert abwandte, diesen Anfang
noch einmal überarbeitete und bis zum Jahre 995 fortführte; einige
kurze Notizen über die folgenden Jahre auf dem letzten Blatte seiner
Handschrift, in welchen die veränderte Stimmung gegen den König sich
deutlich zeigt, deuten die Absicht einer weiteren Fortsetzung an, zu
welcher er aber, vielleicht durch Gerberts Absetzung (998) verhindert,
nicht mehr gekommen ist. Nach Monod's Vermuthung hat er ihn zum
Kaiserhof begleitet[23].
[22] Hier war 945 die Regel durch Erzbischof Hugo mit Rath des Abts
Erchambold von Fleury hergestellt und Hinkmar († 967) als erster
selbständiger Abt eingesetzt. Gerhard von Brogne (oben S. 388)
wird dabei von Flodoard auffallender Weise gar nicht erwähnt.
Schon 948 führte Berner Mönche von St. Remi nach Homblières im
Vermandois, da die dortigen Nonnen zu liederlich waren und trotz
aller Mühe blieben, s. _Inventio, translatio et miracula S.
Hunegundis a. 946 auct. Bernero_, Mab. V, 214-221. Andere kamen
952 nach St. Basle und durch Erzbischof Adalbero 971 unter Lietald
nach Mouson, 972 nach St. Thierry, dit du Mont d'or.
[23] S. G. Monod, Études sur l'hist. de Hugues Capet. Les sources
historiques. Revue hist. XXVIII, 241-272.
Zum Ausgangspunkte seines Werkes nahm Richer nach einer kurzen
Einleitung das Ende von Hinkmars Werk (882); er versuchte es, die Lücke
zwischen diesem Zeitpunkte und Flodoards Annalen (919) auszufüllen,
was aber nur sehr unvollkommen gelingen konnte, weil es ihm offenbar an
schriftlichen Denkmälern über diese Periode, außer Flodoards Geschichte
von Reims, fast gänzlich fehlte. Er hatte, vermuthlich in Chartres,
wohin ihn das Studium der Medicin führte, sagenhafte Nachrichten über
die Herkunft des Grafenhauses von Blois erfahren[24], und sonst noch
einige Notizen, welche er mit äußerster chronologischer Verwirrung
ganz willkürlich in Verbindung brachte; wie sehr ihm jede Entstellung
zuzuschreiben ist, zeigt der folgende Abschnitt, wo Flodoards Annalen
seine Quelle sind, nebst einigen ungeschickt eingeschobenen Stellen der
Geschichte von Reims[25]. Wo diese enden, (966), erreicht er die Zeit,
welche er schon selbst mit durchlebt hatte, und je mehr er sich der
Gegenwart näherte, desto mehr hatte er Ereignisse zu berühren, deren
Mittelpunkt großentheils der erzbischöfliche Stuhl von Reims gebildet
hatte. Hier konnte es ihm, der im Auftrage Gerberts seine Geschichte
schrieb, an zuverlässiger Kunde nicht fehlen; für die frühere Zeit
kam es ihm auch zu statten, daß sein Vater Rudolf ein Dienstmann König
Ludwigs IV gewesen war, dessen Gunst er sich durch seine Tapferkeit und
Klugheit erworben hatte.
[24] Vermuthlich eine Gesta. S. C. v. Kalckstein, Geschichte d. frz.
Königthums unter den ersten Capetingern, I (1877) S. 476-482, wo
seine ganz entstellten Nachrichten von K. Odo besprochen sind.
[25] Vgl. die Dissertation von Reimann, worin Richers Unzuverlässigkeit
im einzelnen nachgewiesen ist, namentlich auch die Unechtheit
seiner Zusätze zum Ingelheimer Concil.
Aeußerlich war also Richer für diese Zeit vortrefflich ausgerüstet,
um ein Geschichtswerk von nicht gewöhnlichem Werthe zu schreiben, aber
leider fehlte es ihm gänzlich an der inneren Befähigung. Es fehlte ihm
vor allen Dingen ganz an geschichtlichem Sinn. Nicht die Thatsachen,
nicht die Wahrheit sind ihm das wesentliche, sondern mehr noch die Form
der Darstellung. Das Studium der Alten, vorzüglich des sehr stark von
ihm benutzten Sallust[26], führte ihn, wie wir das im Mittelalter nur
zu häufig wahrnehmen, bloß zu dem Bestreben, in der äußeren Form ihnen
nachzueifern, namentlich erdichtete Reden den handelnden Personen in
den Mund zu legen und alterthümliche Benennungen anzuwenden, wo sie
nicht an ihrem Orte sind, nämlich für die eigenthümlichen Zustände
und Verhältnisse der Gegenwart. Bei Richer aber geht das Streben nach
rhetorischem Schmucke so weit, daß die Darstellung der Thatsachen
dadurch wesentlich beeinträchtigt wird. Schilderungen von Schlachten
und Belagerungen, sowie besonders auch von Krankheiten, bei denen er
seine medicinische Gelehrsamkeit zur Schau trägt, wiederholen sich
in übertriebener Weitschweifigkeit, und bei genauerer Untersuchung
findet man bald, daß der Verfasser sich hier nicht selten ganz seiner
Phantasie überläßt. Dieses führt uns auf den zweiten großen Fehler
Richers, nämlich seinen Mangel an Wahrhaftigkeit und Genauigkeit. Eine
unbefangene Darstellung darf man bei seinem Standpunkte überhaupt nicht
erwarten, aber auch da, wo keine Parteirücksichten ihn verleiteten,
begeht er die größten Fehler, welche besonders deutlich hervortreten,
wo wir seine Quelle, die Annalen Flodoards, zur Vergleichung bei der
Hand haben. Flüchtig und ungenau erscheint er da im höchsten Grade.
Tritt nun aber gar noch ein bestimmter Beweggrund hinzu, von der
Wahrheit abzuweichen, so sehen wir ihn jedem Antrieb der Art folgen;
er übertreibt und vergrößert, was er bei Flodoard vorfindet, aber er
geht auch so weit, sein eigenes Werk zu verfälschen, um eine krankhafte
nationale Eitelkeit zu befriedigen. Ein besonders günstiges Geschick
hat uns seine eigene Handschrift aufbewahrt, und diese zeigt uns, wie
er im ersten Buche das, was er früher geschrieben hatte, verändert
hat, um anstatt Giselberts und der Lothringer den König Heinrich und
die Deutschen dem westfränkischen Könige unterworfen erscheinen zu
lassen. Doch bleibt es zweifelhaft, ob hier wirklich eine absichtliche
Entstellung anzunehmen ist, oder ob er sich selbst durch seine ganz
falsche Auffassung der älteren Geschichte irre leiten ließ; gewonnen
wird aber für ihn auch dadurch nicht viel, wenn man annimmt, er habe
einer oberflächlichen Theorie zu Liebe die überkommenen Thatsachen
willkürlich verändert[27].
[26] F. Vogel in Actis Sem. Erlang. II, 418-421.
[27] Nach Wittich in den Forschungen III, 105-141 hätte Richer
I, 34 bis 40 eine lothringische Quelle benutzt, und weil er
von Giselberts Erhebung erst bei dem Eintritt dieser Quelle
berichtet, die Stellen, wo er vorher erwähnt wurde, verändert,
um oberflächlich die Einheit herzustellen. Vgl auch Waitz,
Heinrich I, 3. Ausgabe, S. 26 ff.
Als Historiker können wir demnach Richer unmöglich hoch stellen;
so sehr er im einzelnen nach rhetorischem Schmucke strebt, so wenig
ist er doch auf ein richtiges Verhältniß der Theile bedacht gewesen,
und es wird durch ganz zufällige Umstände bestimmt, wo er auf alle
Einzelheiten mit größter Ausführlichkeit eingeht, oder wiederum
wichtige Ereignisse nur leicht berührt oder ganz übergeht. Dazu
ist seine Sprache gesucht und oft durch unpassende Ausdrücke kaum
verständlich, so daß wir sein Werk auch nicht in Rücksicht auf die
Form loben können, wenn wir von der Wahrhaftigkeit der Darstellung
absehen wollten. Demungeachtet aber hat doch Richers Buch für uns
einen hohen Werth; er ist unser einziger Berichterstatter über jene
hochwichtige Zeit, in welcher die Herrschaft von den Karolingern auf
die Capetinger überging, und seine ausführliche Darstellung gerade
dieser letzten Jahre enthält eine große Fülle wichtiger Nachrichten,
die wir ihm allein verdanken, die freilich nur mit großer Behutsamkeit
zu gebrauchen sind, aber doch als eine sehr wesentliche Bereicherung
unserer geschichtlichen Kenntniß betrachtet werden müssen[28]. Denn bis
auf unsere Tage ist Richers Werk fast ganz verborgen geblieben; nur in
großen Zwischenräumen haben Ekkehard, Hugo von Flavigny, Trithemius
davon Gebrauch gemacht und dadurch eine sehr unbestimmte Kunde von
diesem Schriftsteller erhalten; sein Werk aber galt für verloren, bis
Pertz es 1833 in Bamberg von neuem entdeckte und 1839 zum ersten Male
bekannt machte[29].
[28] Für die Zeit Otto's II wird seine Glaubwürdigkeit vertheidigt von
Ad. Matthaei: Händel Otto's II mit Lothringen, Hall. Diss. 1882;
für die Erhebung der neuen Könige (IV, 12. 13) von Julien Havet,
Revue hist. XLV, S. 290-297, vgl. NA. XVII, 224.
[29] _Richeri Historiarum libri IV_ ed. Pertz, MG. SS. III, 561-657,
mit Schriftprobe. Zwei andere Seiten in W. Arndts Schrifttafeln,
t. 47, 2. A. 49. Besonderer Abdruck, Han. 1839. Neue Ausg.
von Waitz 1877 mit genauerer Beachtung der in der Handschrift
vorgenommenen Aenderungen. Mit französischer Uebersetzung von
Guadet, Paris 1845, und publiée par l'Acad. Imp. de Reims avec
traduction, notes etc. par A. M. Poinsignon, 1856. Uebersetzung
von Freiherr v. d. Osten-Sacken, mit Einleitung von Wattenbach,
Berlin 1854; neue Ausg. 1891, Geschichtschr. 37 (X, 10). Reimann
de Richeri vita et scriptis, Olsnae 1845. Giesebr. I, 788.
Maurenbrecher S. 69-74. Die Handschrift wird schon in dem Catalog
der Michelsberger Bibliothek von Ruotger zwischen 1112 u. 1113
(Schannat Vindem. I, 52) erwähnt; auch ein Vegez kam dahin aus
Reims: Veget. ed. Lang p. XXXI. Ekkehard hatte jedoch eine von
der unserigen verschiedene Handschrift.
Schon früher als Saint-Remi war das Kloster =Fleury= oder
=Saint-Benôit-sur-Loire= durch Odo von Cluny der strengeren Zucht
unterworfen worden; von hier hatte St. Remi seinen ersten Abt Hinkmar
erhalten. In Fleury wurde 988 =Abbo= Abt, der, in der Klosterschule
ausgebildet, schon als Lehrer gewirkt hatte, als er sich noch nach
Paris und Reims zu weiteren Studien begab. In der Astronomie machte er
Fortschritte, fand aber übrigens seine Erwartungen nicht befriedigt.
In Orléans vervollkommnete er sich in der Musik, und übernahm dann
eine Mission nach England, wo Erzbischof Dunstan die klösterliche Zucht
herstellte. Heimgekehrt, gewann er als Abt eine große Wirksamkeit, und
übernahm auch für den König eine Gesandtschaft an den Pabst, deren
er 996 in einem Briefe an den Abt Hatto III von Fulda[30] gedenkt;
mit diesem, der um dieselbe Zeit einen ähnlichen Auftrag auszuführen
hatte, war er in Reims bekannt geworden, und hatte einen Austausch von
Reliquien mit ihm beredet. Vor dem Tode des Königs Hugo (996) verfaßte
er für diesen und seinen Sohn eine Sammlung von kanonischen und anderen
Aussprüchen, mit besonderer Betonung des königlichen Amtes und des den
Mönchen gebührenden Schutzes[31]. Endlich wurde er 1004 in dem Priorat
La Réole an der Garonne in einem Tumult der Aquitanen erschlagen. Sein
Leben beschrieb =Aimoin=[32], ein Mönch seines Klosters, der ihn auf
seiner letzten Reise begleitet hatte, mit einem Briefe an Herveus,
Schatzmeister von St. Martin, der unter Abbo in Fleury gebildet,
die 1001 verbrannte Martinskirche wieder herstellte. Sie wurde 1008
eingeweiht, 1012 starb Herveus[33].
[30] Baluzii Miscell. I, 409. Schannat, Hist. Fuld. p. 132.
[31] Conrat (Cohn) Gesch. d. Quellen u. Litt. d. röm. Rechts (1889) I,
259-261.
[32] _Vita Abbonis abb. Floriacensis auct. Aimoino._ Mab. VI, I,
37-58. Abbo ließ des Josephus Bell. Jud. durch den Laien Rotbert
abschreiben, Hagen, Catal. Bern. p. 240. Ausführl. handelt bes.
über Abbo, Cuissard-Gaucheron: L'École de Fleury-sur-Loire à la
fin du 10. siècle, Mém. de la Soc. Arch. de l'Orléanais XIV (1875)
551-717. Sackur, Die Cluniac. I, 274 ff. Vom Jahre 626 an bis 1060
war auch in Fleury eine Ostertafel mit Annalen versehen, gedruckt
als _Chron. Floriacense_, Duchesne III, 355 bis 357. Pertz giebt
mit Weglassung des aus der Hist. miscella, den Ann. S. Amandi und
S. Columbae entnommenen den Rest II, 254 von 853 an als _Annales
Floriacenses_. Andere, größtentheils übereinstimmend, bis 1044,
vom Rande einer Ostertafel in Bern als _Ann. Flor. breves_ SS.
XIII, 87. Catal. abb. bis 818 SS. XV, I, 500.
[33] S. Hugonis archidiaconi Tornacensis dialogus ad Fulbertum (ep.
Carnot.) de quodam miraculo, quod contigit in translatione S.
Martini, Mab. Anall. ed. II. p. 213 seqq.
Nach Fleury war aus Montecassino, während es von den Langobarden
verwüstet in Trümmern lag, der Leib des heiligen Benedict entführt
worden, eine Thatsache, welche freilich später von den Cassinesen
hartnäckig geleugnet wurde (vgl. oben S. 306). Die Geschichte dieser
Uebertragung, welche einen großen Aufschwung des Klosters zur Folge
hatte, verfaßte schon im neunten Jahrhundert Adrevald oder Adalbert[34],
und fügte ein Buch über die Wunder des heiligen Benedict hinzu, welches
von Adelerius fortgesetzt wurde. Diesen schloss sich nun auch Aimoin
an, indem er im Jahre 1005 ein zweites und drittes Buch der Wunder
schrieb. Geschichtliche Nachrichten über die Könige von Frankreich
kommen gelegentlich darin vor[35] und wurden, obwohl sie weder genau
noch ausführlich sind, doch bei dem Mangel an anderen Quellen,
besonders da auch Richers Werk nur wenig bekannt geworden war, von
Späteren häufig benutzt[36].
[34] Adrevaldus qui et Adalbertus. Die von Mabillon geleugnete
Identität erweist E. de Certain in der Ausgabe für die Société de
l'histoire de France: Les Miracles de Saint Benoît, Paris 1855.
_Ex Adventu corporis S. Benedicti in agrum Flor._ SS. XV, I,
480-482. 574^{b}.
[35] Benutzt ist dazu das _Fragm. ex antiqua membrana Flor.
monasterii_, s. J. Havet, Revue hist. XLV, 290-297.
[36] _Ex Miraculis S. Bened. Floriac._ SS. XV, I, 474-500. _Ex Aimoini
Flor. Mir._ SS. IX, 374-376. Vgl. H. Hahn: Ein übersehener Brief
des Pabstes Zacharias, NA. I, 580-583.
Von zweifelhaftem Werthe ist der Bericht über die =Illatio S.
Benedicti=, d. h. die Uebertragung in die Marienkirche, und nach der
Flucht vor den Normannen 883, die Rückbringung aus Orléans an demselben
4. December, voll von Wundergeschichten, von dem Hersfelder Mönch
=Diederich= nach längerem Aufenthalt in Fleury verfaßt für den Abt
Richard von Amorbach, der von 1018 bis 1039 auch Abt von Fulda gewesen
ist[37].
[37] Bei Mab. Act. IV, 2, 50-55. Vgl. C. v. Kalckstein, Forsch.
XIV, 120. Im Cod. Vat. Christ. 586 f. 71 heißt der Verf.
Diedericus nach Reifferscheid, Wiener SB. LIX, 139. Eine Hs.,
wo or Thiadericus genannt wird, war in der Klosterbibl. von
Amelungsborn, Dürre im Progr. d. Gymn. zu Holzminden 1876 S. 23.
Die Aufzeichnung der Wunder des h. Benedict hatte Aimoin nach dem
4. Cap. seines dritten Buches abgebrochen, um auf den Wunsch seiner
Klosterbrüder eine Geschichte der Aebte von Fleury zu schreiben, wovon
uns nur das Leben Abbo's erhalten ist. Seine Arbeiten nahm etwas später
=Andreas= wieder auf, indem er 1041 das Leben des Abtes =Gauzlin=
beschrieb, Hugo Capet's Bastard, welcher auf Abbo folgte und 1030
als Erzbischof von Bourges gestorben ist[38]. Doch behielt er auch als
Erzbischof die Abtei, welche 1026 abbrannte und unter seiner Leitung
neu gebaut wurde. Seine Biographie enthält viele für Kunstgeschichte
und Litteraturgeschichte wichtige Nachrichten; auch von dem gefeierten
Scholasticus =Constantin=, dem Freund Gerberts, erfahren wir hier, daß
er von dem Bischof Arnulf von Orléans die Abtei Saint-Mesmin de Micy
erhalten hat[39]. Die Mirakel aber führte Andreas, häufig sich selbst
wiederholend, fort bis 1043; von anderer Hand sind nach 1056 Zusätze
dazu gemacht[40]. Endlich hat noch =Radulfus Tortarius=, geb. 1063, ein
fruchtbarer Dichter[41], die Mirakel bis 1114 fortgeführt und das ganze
Werk in Verse gebracht; den Schluß bilden einige Aufzeichnungen von
=Hugo de Sancta Maria=.
[38] Ausg. von L. Delisle in den Mémoires de la Société archéologique
de l'Orléanais, T. II, 1853. Der Anfang NA. II, 605 in der irrigen
Meinung, daß es ungedruckt sei. Weil die Ausg. wenig zugänglich
und nach einer fehlerhaften Abschrift gemacht war, ist im NA. III,
S. 349-383, eine Ausgabe von P. Ewald gedruckt. Ueber das schöne,
ihm aus Ramsey geschickte Sacramentar, Delisle, Sacram. p. 216.
[39] Ein Gedicht an ihn, ein zweites an einen unbekannten Bovo, ed.
Dümmler NA. II, 222-228. Beide auch bei H. Hagen, Carmina Medii
Aevi p. 130-136. Verbesserungen zum ersten Romania 1877 S. 286.
[40] Dieser Theil ist nur in der Ausg. von Certain gedruckt;
Berichtigungen nach der Hs. Cod. Vat. Christ. 592 NA. III,
344-349, von P. Ewald.
[41] Eine Abhandlung über ihn von Certain, Bibl. de l'École des chartes
I, 489-521.
Doch von =Aimoin= haben wir noch ein Werk anzuführen.
Noch bei Lebzeiten Abbo's verfaßt und diesem gewidmet ist ein
früheres Werk von ihm, eine Geschichte der Franken, welche bis zur
Thronbesteigung Pippins reichen sollte, die aber unvollendet blieb
und nur bis in die Mitte des siebenten Jahrhunderts geführt ist[42].
Selbständigen Werth hat sie deshalb durchaus nicht; sie gleicht
vielmehr den damals so häufigen Ueberarbeitungen alter Legenden, und
ist wie diese mehr eine sprachliche und formale als eine geschichtliche
Leistung. Eine später im Kloster St. Germain-des-Prés hinzugefügte
Fortsetzung bis 1040 ist aus bekannten Quellen zusammengesetzt,
mit einigen Zusätzen über die Geschichte des Klosters; eine weitere
Fortsetzung reicht bis 1165.
[42] _Aimoini Historia Francorum_ ed. Breulius, 1603 f. und in Frehers
Corpus Franc. Hist. mit den Fortsetzungen. Ohne dieselben Duchesne
III, 1-120. Bouq. III, 21-139. Ueber die Handschriften Waitz,
Archiv XI, 314. Vgl. oben S. 110.
Schon frühzeitig, seit dem Anfange des neunten Jahrhunderts, wurden
Annalen im Kloster der heiligen =Columba= zu =Sens= geschrieben[43],
und mit Hülfe derselben in einer uns nicht erhaltenen ausführlicheren
Gestalt bis 956 verfaßte ein unbekannter Geistlicher eine etwas
ausführlichere, aber doch immer sehr magere Chronik des westfränkischen
Reiches von der Schlacht bei Tertry, mit besonderer Beziehung auf
das Erzbisthum Sens, bis zum Ende des Jahrhunderts nach mündlicher
Ueberlieferung und persönlicher Erinnerung fortschreitend; wichtig
ist dagegen wieder der von einem Zeitgenossen herrührende Theil von
1000 bis 1015[44]. Dieses Werk wurde nicht nur in der wenig späteren
Chronik des Odorannus von Sens[45], sondern auch von Hugo von Fleury und
Anderen viel benutzt, von Ordericus Vitalis vollständig in sein Werk
aufgenommen[46].
[43] _Ann. S. Columbae Senonensis_ 708-1218 ed. Pertz, MG. SS. I, 102
bis 109. Bis 840 in den Ann. S. Maximini ausgeschrieben, oben S.
363. Nach einem vollständigeren Exemplar bis 922 sind sie von
Albricus benutzt, s. MG. SS. XXIII, 661. Verwandte Notizen aus
einem Martyrologium bei Delisle, Notice sur plus. Manuscrits de
la bibl. d'Orléans, Not. et Extr. XXXI, 1, 68-70. Sacram. p. 164.
[44] Nach Lot, Les derniers Carolingiens, Paris 1891, NA. XVII, 631.
Das Buch selbst war mir nicht zugänglich.
[45] _Odoranni monachi S. Petri Vivi Senonensis Chronicon collectum
a._ 1045. Duchesne II, 636. Mit seinen übrigen Schriften bei
Duru, Bibl. hist. de l'Yonne II, 187-446. Daraus auch bei Migne
CXLII. Eine Folge der Erzbb. mit Notizen aus der Stockh. Hs. im
Anz. d. Germ. Mus. XXII, 39. Delisle, Sacram. p. 106 u. 371.
Obedienz-Erklärungen für die Erzbischöfe von Sens, NA. III,
199-202, und von Besançon S. 196-198.
[46] _Historia Francorum Senonensis a._ 688-1015 (1034) ed. Waitz,
MG. SS. IX, 361-369. Siméon Luce, La Continuation d'Aimoin et
le Ms. lat. 12711 de la Bibl. Nat. (Not. et Doc. pour la Soc.
d'hist. de France), Paris 1884, p. 57-70, über das Exemplar mit
Interpolationen aus St. Germain-des-prés, woraus die ältesten
Ausgaben genommen sind, vgl. B. Krusch, HZ. LVI, 367. _Chronicon
S. Petri Vivi auct. Clario monacho_ -- 1124, cont. -- 1179 --
1267 ex cod. bei Duru II, 449-597; Excerpte MG. SS. XXVI, 30-36.
Chronique de l'Abbayie de Saint-Pierre-le Vif de Sens, rédigée
vers la fin du 13. siècle, par G. de Courlon. Texte et trad. par
G. Juilliot. Sens 1876.
Von grösserem Werthe, aber der deutschen Geschichte und unserer
Aufgabe schon sehr fern liegend, ist die Chronik der Normannen von
Rollo bis auf den Tod Richards I (996), von =Dudo=, Decan zu St.
Quentin, am Anfange des elften Jahrhunderts verfaßt. Er schrieb nach
mündlicher Ueberlieferung, hauptsächlich nach den Erzählungen des
Grafen Rudolf von Ivri, des Bruders Herzog Richards I, und giebt
uns eine wahre Volksgeschichte in reichhaltiger lebendiger, wenn
auch mit viel Schönrednerei aufgeschmückter Erzählung[47]. In dieser
schwülstigen Ueberladung und in der Verzierung mit inhaltlosen Versen
in vielförmigen Metren nach dem Vorbild des Boethius, entspricht
Dudo ganz dem Charakter der Schulen seiner Zeit, die unter Rollo's
frommen Nachfolgern auch in der Normandie wieder auflebten. Schon die
Ermordung des Herzogs Wilhelm Langschwert (942 Dec. 17) veranlaßte
ein gleichzeitiges, ziemlich rohes Gedicht, welches Dudo's Darstellung
bestätigt[48]. Bald begegneten sich am erzbischöflichen und herzoglichen
Hofe, wie einst bei Karl dem Großen, Irländer und Franken in heftiger
Feindschaft. Moriuth gewann die Gunst des sehr weltlichen und
lebenslustigen Erzbischofs Hugo (942-989) und der Fürsten durch seine
Lobverse; =Warnerius= dagegen, ein Mönch von Saint-Ouen, sehr gelehrt
in seiner Weise, widmete sich ganz dem Dienste des Erzbischofs Robert
(989-1037), Herzog Richards Sohn, und bekämpfte mit beißenden Versen
den Gegner, dem er grobe Unwissenheit vorwarf[49].
[47] _Dudonis libri III de moribus et actis primorum Normanniae ducum_,
Duchesne SS. Normannici, Paris, f. 1619. Excerpt bei Bouq. X, 141,
MG. SS. IV. 93-106. Neue Ausg. in 4 Büchern von Jules Lair, Caen
1865, 4. Migne CXLI. -- Unbedeutend, weil ganz aus den Bertin. und
Vedast. Annalen genommen, ist das _Chronicon de Gestis Normannorum
in Francia_ 820-897. MG. SS. I, 532-536.
[48] Complainte sur l'assassinat de Guillaume Longue-épée, duc de
Normandie. Poème inédit du X. siècle. Entdeckt von G. Paris,
herausgegeben von Jules Lair in der Bibl. de l'École des chartes
XXXI, 389-406. L. Delisle, Notice sur des Mss. du Fonds Libri
cons. à la Laurent. à Florence (1886) p. 40 über ein älteres u.
besseres Exemplar, mit Facsimile.
[49] _Warnerii ad Robertum archiep Rotom. satira in poetam Scotum
nomine Moriuth_, cod. Paris. 8121 A. Jules Lair, Et. hist. p. 15;
er verspricht eine Ausgabe. Ein zweites Gedicht desselben W. an
Rob. ist NA. II, 601 erwähnt.
Aus ähnlicher Schule war auch Dudo hervorgegangen. Seine Erzählung,
ganz ohne schriftliche Quellen, ist natürlich in den Anfängen ganz
sagenhaft und auch später sehr unzuverlässig, dabei normannisch
ruhmredig in hohem Grade; den Charakter ihres Ursprungs verleugnet sie
nirgends. Sehr eingehend ist das mit scharfer und besonnener Kritik
von E. Dümmler nachgewiesen[50]; der gleichzeitige Versuch von J. Lair,
von Dudo's Nachrichten für die Geschichte etwas mehr zu retten, steht
dagegen sehr zurück.
[50] Forschungen VI, 361-390, IX, 651, vgl. die frühere Untersuchung
von Waitz: Ueber die Quellen zur Geschichte der Begründung der
normannischen Herrschaft in Frankreich, Gött. Nachr. 1866, N.
6. G. Körting: Wilhelms von Poitiers Gesta Guilelmi ducis Norm.
et regis Anglorum, Progr. der Dresd. Kreuzschule 1875. Mit Dudo
beschäftigt sich auch Joh. Steenstrup: Normannerne, Kop. 1876;
vgl. die Rec. von E. Beauvois, Revue hist. IV, 426-430. In dem an
dieses Buch anknüpfenden Aufsatz von Karl von Amira: Die Anfänge
des normannischen Rechts, HZ. XXXIX, 241-268, wird S. 245 f.
die Glaubwürdigkeit des Dudo gegen Dümmler und Waitz in Schutz
genommen und die vermeintliche altnordische Ueberlieferung über
die Herkunft Rollo's zurückgewiesen. Vgl. auch HZ. XLIV, 188.
Gewidmet hat Dudo sein Werk dem Bischof =Adalbero von Laon= (977-1030),
der wegen seines politischen Verhaltens übel berüchtigt, in seinen
alten Tagen (nach Mabillon um 1006) ein langes Gedicht in der Form
eines Gesprächs mit König Rotbert verfaßte, worin er seinem ganzen
Groll gegen Odilo und seine Cluniacenser, ihre Begünstigung durch den
König und die Erhebung mönchischer und niedrig geborener Bischöfe Luft
gemacht hat. Für die Kenntniß der Sitten und Zustände ist es nicht
unergiebig[51].
[51] Bouq. N. 64-67 mit ausführlichem Commentar von Adr. Valesius.
Ueber einen von ihm an Bischof Fulco von Amiens gerichteten
dialectischen Tractat s. Prantl, Gesch. d. Logik II, 58. HS.
aus St. Emm. in München, lat. 14272; Frgm. in Orléans, cod. 169,
beschr. v. Samuel Brandt, Wiener SB. CX, 167-174.
§ 11. Cluny.
Als die herrschende Richtung in den französischen Schulen im zehnten
Jahrhundert trat uns jene rhetorisch-philosophische Bildung entgegen,
welche auf den Lehren der alten Grammatiker beruhte und nicht auf
kirchlichem Grunde erwachsen war. In scharfem Gegensatze zu diesem
Treiben entfaltete sich gleichzeitig in Cluny eine streng mönchische
Askese, welche das Studium des profanen Alterthums für sündlich
erklärte, geistesverwandt mit der auf gleicher Grundlage ruhenden
Klosterreform in Lothringen, mit welcher auch häufige Berührungen
stattfanden. Die Geschichtschreibung konnte nicht gedeihen, wo man
alles Irdische verachtete und verwarf, aber indem man die Tugenden der
gefeierten Häupter dieser Richtung anderen zum Vorbilde aufstellte,
entstanden doch Lebensbeschreibungen, welche um so wichtiger sind, je
größer auch für die weltlichen Angelegenheiten damals die Bedeutung
jener Männer war. Aber auch die Kenntniß dieser ganzen Richtung
und namentlich die Entstehung und das Wachsthum der Cluniacenser
Congregation, welche bald eine so außerordentliche politische Bedeutung
gewann, ist von unmittelbarer Wichtigkeit für den Geschichtsforscher;
nur ist zu bedauern, daß der legendenartige, auf Erbauung abzielende
Ton der Biographieen uns gerade über diejenigen Umstände, welche
geschichtlich bedeutend sind, am wenigsten Aufklärung finden läßt.
Ueber das Leben des ersten Abtes =Odo= (927-942) besitzen wir eine
Schrift seines Schülers Johannes[1]. Das Leben des Abtes =Majolus=
(949-994) beschrieb bald nach seinem Tode, nicht ohne gute Nachrichten
von ihm nahestehenden Zeitgenossen zu erhalten, in blüthenreicher
salbungsvoller Rede der Mönch =Syrus=[2], dessen Schrift aber nach
der Untersuchung von L. Traube[3] unvollendet blieb und von Aldebald
aus Heirici Vita et miracula S. Germani interpoliert ist, welche
Verunstaltung er in einer zweiten Bearbeitung noch vermehrte. Den
echten Text des Syrus haben wir also nicht, wohl aber kannte ihn
Odilo, der in seinem Elogium[4] die falschen Zuthaten des Aldebald
unbeachtet gelassen zu haben scheint. Dadurch wird eine Revision der
Untersuchungen von W. Schultze und Sackur nothwendig[5].
[1] Mab. V, 150-186. Excc. ed. L. v. Heinemann SS. XV, 2, 586-588.
Ueber die jüngeren Bearbeitungen Sackur, NA. XV, 105-116. Ueber
seine Wirksamkeit Sackur, Die Cluniacenser (Halle 1892) S. 43 ff.
Ueber den Odo zugeschriebenen _Tractatus de reversione b. Martini
de Burgundia_ vgl. C. v. Kalckstein, Robert der Tapfere (Berl.
1871) S. 312.
[2] Mab. V, 786. Auszüge MG. SS. IV, 649-655.
[3] NA. XVII, 402-407.
[4] Acta SS. Maj. II, 683.
[5] W. Schultze für Odilo, Forsch. XXIV, 153-172. Sackur f. Syrus
NA. XII, 503-516. Entgegnung von Schultze NA. XIV, 545-564.
-- Epistola de morte Maioli NA. XVI, 180. -- Vgl. Sackur, Die
Cluniac, I, 209 ff.
Sein Nachfolger =Odilo= (994-1049) fand mehrere Biographen in
ähnlichem Stile[6]; er selbst verfaßte außer dem Leben des Majolus
auch ein sogenanntes Epitaphium der Kaiserin =Adalheid=[7]. Er
hat derselben sehr nahe gestanden, besonders in der letzten Zeit
ihres Lebens, in welcher sie sich fast ganz frommen Uebungen und
Klosterstiftungen hingab. Hierüber enthält seine Schrift viele
Lobpreisungen, über ihr Leben in der Welt ist sie sehr kurz und begnügt
sich mit den allgemeinsten Umrissen; nur bei den Leiden und Gefahren
ihrer Gefangenschaft und Flucht verweilt Odilo etwas länger. Der
geschichtliche Gewinn aus dieser Arbeit ist daher nicht bedeutend, und
nur einige wenige brauchbare Nachrichten lassen sich daraus entnehmen.
[6] _Jotsaldi de vita et virtutibus Odilonis abb. libri III_,
Mab. VI, 1, 679 bis 710. Ein Brief der Mönche von Souvigny
(Silviniacensium) über Odilo's letzte Handlungen u. die Wunder
ib. p. 673. Exc. aus Jotsald SS. XV, 812. Vgl. Sackur, NA. XV,
117-126. Cluniac. I, 300 ff. -- Widmungsverse von Odilo an einen
Kaiser Otto bei Jäck, Beschr. d. Bamb. Hss. S. 119.
[7] _Odilonis Epitaphium Adelhaidis_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 633-645.
Uebersetzung von Hüffer, 1856; 2. A. 1891, Geschichtschr. 35
(X, 8). Giesebr. I, 789. Das zweite Buch bilden in dem von
ihr gestifteten Kloster Seltz zwischen Straßburg und Speier
aufgezeichnete _Miracula S. Adalheidis_. Vorangeschickt ist S.
636 ein metrisches _Epitaphium Ottonis Magni_.
§ 12. Italien. Liudprand.
Liudprandi Opera ed. Pertz, MG. SS. III, 264-363 und besonderer
Abdruck in Octav. Neue Ausg v. Dümmler 1877. Koepke, De vita et
scriptis Liudprandi, Berol. 1842. Uebersetzt (die Antapodosis
im Auszug) von Freih. v. d. Osten -- Sacken, mit Einleitung von
Wattenbach, Berlin 1853; 2. A. 1889, Geschichtschr. 29 (X, 2).
Waitz in Schmidts Zeitschrift II, 99. W. Giesebrecht, Geschichte
der Kaiserzeit I, 779. 781. Maurenbrecher S. 46-55. Peiper,
Forsch. XII, 443 über einige Entlehnungen aus Boethius, nebst
Emendationen. Liudprand von Cremona und seine Quellen, von C.
Dändliker u. J. J. Müller, in M. Büdingers Untersuchungen zur
Mittl. Gesch. I (L. 1871), über welche ich das ablehnende Urtheil
E. Dümmlers, HZ. XXVI, 273 bis 281 theile. Gegenbemerkungen von
Büd. XXVIII, 233-238. Fr. Koehler, Beiträge zur Textkritik L.
im NA. VIII, 47-89. L. Ranke, Weltgesch. VIII, 634-655. Nicht
gesehen habe ich Hantsch, Progr. d. Gymn. zu Leoben 1888, Colini
Baldeschi, Liudprando, Giarre 1889.
Auch Italien beginnt in dieser Periode sich wieder zu
schriftstellerischer Productivität zu erheben, und nach langer
Unterbrechung erscheint hier wieder ein Geschichtschreiber,
welcher den bedeutendsten seiner Zeitgenossen zur Seite tritt.
Es ist Liudprand, der so den italienischen Namen wieder zu Ehren
brachte. Wie Paulus Warnefrids Sohn, stammte auch er aus vornehmem
langobardischen Geschlechte; auf die Römer sieht er als ganz entartet
mit tiefer Verachtung herab. Aber ein Italiener ist er ganz und
gar, und vollständig zeigt sich in ihm jener Charakter der dort
herrschenden grammatischen Ausbildung, deren wir im vorigen Abschnitt
gedachten. Auch erhielt er wie Paulus seinen Unterricht nicht in einer
Klosterschule, sondern am Hofe zu Pavia, wo er früh die Aufmerksamkeit
des Königs Hugo auf sich zog und durch seine schöne Stimme die Gunst
desselben gewann.
Obwohl es in seinen Schriften nicht an Bibelstellen fehlt und
er den Griechen mit orthodoxem Eifer entgegen tritt, so hat doch
seine Gelehrsamkeit, die er nur gar zu gern zur Schau trägt, einen
überwiegend weltlichen Charakter, und Horaz, Vergil, Terenz, Ovid,
Juvenal, Cicero sind die Schriftsteller, deren Aussprüche ihm immer
gegenwärtig sind, die er mit Vorliebe anführt[1]. Nach dem Muster des
Boethius schmückt er seine Schriften gern mit Versen in vielförmigen
Metren, und er zeigt darin eine solche Gewandtheit, daß man an jene
früher erwähnte Aeußerung des Panegyristen Berengars erinnert wird,
daß auf Verse jetzt niemand Werth lege, weil jedermann dergleichen zu
machen verstehe.
[1] Diese Nachweise sind von Koehler in der oben angeführten
Abhandlung bedeutend vermehrt.
Schon Liudprands Vater und Stiefvater waren als Gesandte in
Constantinopel gewesen und hatten dort mancherlei Verbindungen
angeknüpft, welche dann Liudprand, als eine Sendung des Königs
Berengar, dessen Kanzler (V, 30) er geworden war, ihn 949 nach Byzanz
führte[2], erneute und benutzte, um sich nicht nur mit der griechischen
Sprache, sondern auch mit der Geschichte und den Einrichtungen des
Reiches bekannt zu machen. Später hat er sich mit Berengar und mehr
noch mit der Königin Willa erzürnt; er suchte und fand eine Zuflucht
am Hofe des Königs Otto, und hier traf er im Februar 956 zusammen mit
dem spanischen Bischof Recemund von Elvira[3], der ihn aufforderte,
ein Werk über die Geschichte seiner Zeit zu verfassen. Zwei Jahre
später 958 machte sich Liudprand wirklich an die Arbeit in Frankfurt,
und ungeachtet eines vielbewegten Lebens und mancher Unterbrechungen
arbeitete er daran fort bis zum Jahre 962, auch noch, als Otto schon
zum Kaiser gekrönt war und ihn zum Bischof von Cremona erhoben hatte.
Bald darauf aber, so scheint es, legte er dieses Werk bei Seite,
welches ohnehin durch den großen Umschwung der Dinge in Italien seinen
Zweck großentheils verloren hatte. Denn dieser hatte vorzüglich darin
bestanden, allen denen, welche ihm gutes oder böses erwiesen hatten,
nach Verdienst zu vergelten, besonders aber seinem Hasse gegen Berengar
und Willa Luft zu machen; darum nannte er es das Buch der Vergeltung,
=Antapodosis=. Er hat darin auch weidlich auf seine Feinde gescholten;
was aber eigentlich Berengar und Willa ihm angethan hatten, erfahren
wir nicht, da er in den sechs Büchern seines Werkes nicht weiter
gelangt ist, als bis zu jener Gesandtschaftsreise an den griechischen
Hof im Jahre 949.
[2] Aus seinen damaligen Mittheilungen sind nach Dümmlers Vermuthung
die Nachrichten des Constantinus Porphyrogenitus de admin. imp. c.
26 über König Hugo geschöpft. Wiener SB. XX, 358: vgl. Dändliker
S. 53.
[3] S. darüber Dümmler, Jahrbb. unter Otto I. S. 278.
Als seine Absicht bezeichnet Liudprand, alles zu berichten, was sich
seit Kaiser Karls des Dritten[3] Zeit begeben, die Thaten der Kaiser
und Könige von ganz Europa, wie er selbst sagt. Er erzählt von allem,
was ihm bekannt geworden, von Deutschland, mit besonderer Vorliebe vom
griechischen Reiche, am meisten und eingehendsten aber doch natürlicher
Weise von Italien. Eigentliche Ordnung ist nicht darin zu finden,
und auch die chronologische Folge sehr ungenau. Ueberhaupt darf man
sich nirgends auf ihn verlassen; wie Widukind schreibt er nur nach
mündlicher Kunde und verfällt besonders über ferner liegende Vorfälle
in große Irrthümer. Aber Widukind ist frei von der Leidenschaft, welche
den rachsüchtigen Italiener nur zu oft hinreißt. In seinem Ingrimm
hält er sich bei den einzelnen, oft unbedeutenden Vorfällen übermäßig
auf; er gefällt sich in der Mittheilung von Anekdoten, besonders
wenn sie boshaft und anstößig sind, in der rhetorischen Ausmalung der
Begebenheiten, in gezierten, den Umständen wenig angemessenen Reden.
Im einzelnen ist sein Urtheil oft richtig und treffend, seine Ansicht
von den geschichtlichen Verhältnissen wohl begründet, wie er denn auch
in Otto dem Großen sogleich den Mann erkannte, von dem allein Italien
Abhülfe seiner Leiden und Gebrechen, die Herstellung der Zucht und
Ordnung erwarten konnte, und diesem ohne Wanken treu blieb. Seine
Erwiederungen auf die leeren Anmaßungen der Griechen sind ungemein
treffend. Aber von einer höheren Begabung zum Geschichtschreiber giebt
doch sein Werk, als Ganzes betrachtet, kein günstiges Zeugniß. Dafür
gewährt uns andererseits gerade seine behagliche, memoirenartige Art zu
erzählen einen Einblick in die Sitten, Zustände und Denkweise der Zeit,
der vom höchsten Werthe ist.
[3] Der Beiname des Dicken kommt erst im 12. Jahrh. vor, und ist
deshalb nach Dümmler Ostfr. II, 292 nicht mehr erlaubt.
Als Otto der Große sich dauernd und ernstlich mit den italienischen
Verhältnissen zu befassen begann, fand er die Hülfe des gelehrten und
in den politischen Verhältnissen des Landes erfahrenen Mannes sehr
schätzbar; er verlieh ihm schon 961 das Bisthum Cremona[4] und übertrug
ihm 963 eine Gesandtschaft an den Pabst Johann XII; bald darauf war er
zugegen in der Kirchenversammlung, durch welche dieser Pabst entsetzt
wurde, und über diese Vorgänge (960 bis 964) hat er eine eigene Schrift
verfaßt[5]. Hier versuchte er eine würdigere Sprache anzunehmen,
er bringt weder griechische Floskeln noch Verse an und mäßigt seine
Leidenschaftlichkeit; doch blickt sein eigenthümlicher Stil überall
durch, und der Anspielungen auf römische Dichter hat er sich auch hier
nicht enthalten. Da er in höherem Auftrage oder doch für das Auge des
Kaisers schrieb, so ist seine Darstellung keineswegs unbefangen; er
verschweigt manches, und man darf nicht vergessen, daß diese scheinbar
so rein objective und actenmäßige Erzählung doch nur eine Parteischrift
ist, daß er es namentlich vorzieht, manche Vorfälle und Umstände nicht
zu erwähnen. Aber im wesentlichen hat sich dennoch, was er mittheilt,
als richtig bewährt.
[4] Hierhin übertrug Liudprand den auf recht niederträchtige Weise
gestohlenen S. Hymerius aus Ameria. Die später geschriebene kurze
Erzählung MG. SS. III, 266 aus Ughelli.
[5] Wieder abgedruckt bei Watterich, I, 49-63. Vgl. auch Giesebr. I,
830. Auf Leo VIII bezogene Spottverse NA. VIII, 383.
Im Sommer 968 ging Liudprand abermals nach Constantinopel als
Brautwerber für Otto II, und über diese Sendung stattete er dem Kaiser
einen Bericht ab, der ebenfalls erhalten ist, aber wie jene beiden
anderen Werke, am Schlusse unvollständig; der Gesandtschaftsbericht
ist nur aus der Ausgabe des Canisius bekannt und daher auch der Text
unzuverlässig. In diesem Bericht nun hat sich Liudprand wieder ganz
der üblen Laune überlassen, welche durch die schlechte Behandlung, die
ihm in Constantinopel widerfuhr, in ihm erregt war, und er strömt über
von Spott und Hohn. Der Uebermuth der Griechen hatte ihn aufs tiefste
gekränkt, und er bietet alle seine Beredsamkeit auf, um die Kaiser
zur Züchtigung derselben zu bewegen und diese Aufgabe als leicht und
mühelos darzustellen. Uebertrieben ist daher seine Schilderung; das
Bild namentlich, welches er vom Kaiser Nikephorus entwirft, ist nur in
Bezug auf seinen Geiz zutreffend, seine kriegerischen Eigenschaften und
die Wehrkraft des Reiches unterschätzt er durchaus. Aber im übrigen
ist seine Schilderung wahr, und gewährt uns ein so eigenthümliches
und lebendiges Bild des griechischen Reiches, daß Giesebrecht sie mit
Recht fast vollständig in seine Geschichte der Kaiserzeit (I, 523-546)
aufgenommen hat, als Seitenstück zu der Gesandtschaft des Abtes
Johannes von Gorze an den Kalifen von Córdova[6].
[6] Aufsatz von Zanelli im Arch. stor. Ital. XIII (1884), 2. Heft,
die Richtigkeit der Thatsachen anerkennend. Erklärung des
Wortes „mandrogerontes“ c. 55 als Gaukler, aus der Com. Querolus
entnommen, nachgewiesen von L. Havet, Revue crit. 1878, I, 197
(NA. IV, 210).
Liudprands Bericht endet mit seiner Abreise von Korfu am siebenten
Januar 969; im Sommer desselben Jahres überbrachte er als Bote
(nuncius) des Kaisers Briefe von diesem und vom Pabste, die sich
auf eine römische Synode vom 26. Mai 969 beziehen, an eine Synode zu
Mailand, deren Beschlüsse Otto am 9. Nov. 969 bestätigte[7]. Ueber
seine weiteren Schicksale ist nichts bekannt, nur eine Nachricht von
sehr zweifelhaftem Werthe läßt ihn an der glänzenden Gesandtschaft
Theil nehmen, welche endlich 971 die kaiserliche Braut wirklich in
Empfang nahm, und auf dieser Reise sterben.
[7] Mitgetheilt von C. Cipolla, Mem. Acad. Taurin. 2 Ser. 42. Bd. s.
NA. XVII, 450.
Im Jahre 984 musterte der Bischof Odelrich von Cremona die Urkunden
und Bücher im Schatzhaus seiner Kirche: viel war _malorum manibus_
entfremdet, und geschichtliche Werke finden sich nicht im Verzeichniß,
auch nichts von Liudprand, aber „turibulum quod Luizonis fuit, de manu
raptorum liberavimus[8].“ Bekanntschaft mit seinen Schriften ist in
Italien nur bei Gregor von Farfa nachgewiesen.
[8] Hist. patr. Mon. XIII. C. D. Langobardiae p. 1442-1445. Arch.
stor. Lomb. 1880, fasc. 26, p. 252-254.
In Deutschland sind Liudprands Schriften frühzeitig bekannt geworden
und von den gelehrteren, vielbelesenen Schriftstellern benutzt, während
sie der größeren Menge unbekannt blieben. Schon Hrotsuit scheint die
Antapodosis gekannt zu haben; dann haben der Biograph Gerhards von
Brogne, Ekkehard und Sigebert, Ragewin[9], Magnus von Reichersberg,
Alberich und Heinrich von Herford, Dietrich von Niem[10] und endlich
Trithemius aus dieser und der Historia Ottonis geschöpft.
[9] Die von Prutz über Radewin, S. 48, vermißten Stellen sind Antapod.
I, 37 u. III, 14.
[10] Nach Lindner, Forsch. XXI, 90. 91.
Für die kritische Bearbeitung des Textes, mit Ausnahme der Legatio,
von welcher keine Handschrift sich erhalten hat, glaubte Pertz eine
vollkommen sichere Grundlage gefunden zu haben in der Freisinger
Handschrift, welche für die griechischen Stellen vom Schreiber
gelassene Lücken zeigt, die von einer anderen Hand ausgefüllt
sind. Diese Hand konnte nach der Ansicht von Pertz nur die Hand des
Autors sein, und von derselben ist die Historia Ottonis vollständig
geschrieben. Diese Meinung war allgemein angenommen und galt für
unzweifelhaft, bis R. Koehler im NA. VIII, S. 47 bis 89, vollkommen
schlagend und überzeugend nachwies, daß sie durchaus unhaltbar sei.
Es kommen Fehler und Versehen vor, welche ganz unmöglich von dem
Verfasser selbst herrühren können. Da nun Koehler in Metz Excerpte
griechischer Stellen aus Liudprand gefunden hatte, welche auf ein
correcteres Exemplar zurückgehen, und eine Beschäftigung mit dieser
Schrift im zehnten Jahrhundert beweisen, so hat er daran die schon
oben S. 373 angeführte Vermuthung geknüpft, daß Bischof Dietrich den
Nachlaß Liudprands gerettet und die Abschrift besorgt haben möge.
Nach seiner Meinung wäre auch die Umschrift der griechischen Worte
nach der Aussprache mit lateinischen Buchstaben erst hier hinzugefügt,
allein dieselbe findet sich auch in der aus anderer Quelle stammenden
Berliner Handschrift. Die Manuscripte werden schon etwas beschädigt
gewesen sein, und dadurch erklärt es sich, daß sowohl der Legatio wie
der Historia Ottonis der Schluß fehlt, in beiden Fällen aber nur ein
kleines Stück.
Es ist selbstverständlich, daß nun eine neue Ausgabe ein dringendes
Bedürfniß ist; die ganze Grundlage der Kritik ist verändert, und wenn
schon früher einzelne Verbesserungen nicht zu umgehen waren, so werden
nun überhaupt die oft viel besseren Lesarten anderer Handschriften
nicht mehr als willkürliche Correcturen eines Ueberarbeiters betrachtet
werden können. Eine Anzahl einleuchtender Emendationen hat schon R.
Koehler vorgeschlagen, viel mehr aber bleiben noch übrig. Doch wird
es immer schwer sein, die ursprüngliche Form und alte Emendationen zu
unterscheiden[11].
[11] Die aus der Ashburnhamschen Bibl. nach Florenz gekommene Hs. ist
eine Abschrift der Freising-Münchener nach Holder-Egger, NA. XI,
260. 264. Von der mit der Classe 5 verwandten Berliner Hs. 1 Seite
in Arndts Schrifttafeln 23; 2. A. 24.
Für die Zeit des Königs Hugo nicht ohne Bedeutung ist das Buch von
den =Wundern= des h. =Columban=[12]. Der König Hugo verlieh nämlich um
das Jahr 930 die Abtei =Bobio= seinem Kanzler Gerlannus, aber alle
Stiftsgüter waren von räuberischen Machthabern in Besitz genommen.
Unfähig, ihrer Herr zu werden, rief Gerlan den Heiligen selbst zu Hülfe
und brachte ihn in feierlichem Aufzuge nach Pavia: er ließ sein Kloster
nicht im Stich und that die gewünschten Wunder. Da entfiel den Räubern
der Muth und sie steckten die Stäbchen (fustes), welche symbolisch den
Verzicht bedeuteten, in die Pilgertasche (pera) des Heiligen, der nun
im Triumph wieder nach seiner Ruhestätte gebracht wurde. Von Dauer ist
freilich auch die Wirkung dieses Auftrittes nicht gewesen.
[12] Mab. II, 40-55. Rosetti, Bobbio illustrato III, 149-181. Verse
aus B. ohne geschichtl. Inhalt NA. V, 623.
§ 13. Italien. Chroniken.
Bei manchen Schwächen bewies doch Liudprand einen tüchtigen und
auf das wahre Beste des Landes gerichteten Sinn, indem er sich mit
aller Entschiedenheit dem Manne anschloß, von welchem allein die
Herstellung eines geordneten Zustandes in Italien sowohl wie in
der römischen Kirche zu hoffen war. In höchst merkwürdiger Weise
spricht sich das Verlangen nach der alten kaiserlichen Gewalt, wie
Karl der Große und seine nächsten Nachfolger sie geübt hatten, auch
in einer kleinen Schrift aus, welche in =Sant Andrea= um die Mitte
des zehnten Jahrhunderts verfaßt zu sein scheint, ehe noch Otto eine
neue Ordnung der Dinge begründet hatte[1]. Erzählt wird darin von
der alten guten Zeit, wo noch der Kaiser oder sein Stellvertreter
in Rom die übermüthigen Großen im Zaum hielt und jedem zu seinem
Rechte verhalf, wo man sogar gegen Verwandte des Pabstes Recht
bekommen konnte. Ueber die älteren Zeiten ist der Verfasser schlecht
unterrichtet, aber die Verhältnisse unter den Karolingern schildert
er, als ob er sie genau kennte, mit eindringlicher Einfachheit bis
zu dem unglücklichen Moment, wo, wie er es darstellt, durch Karls des
Kahlen Usurpation die kaiserliche Autorität in Rom dahin gegeben wurde.
Allein diese Preisgebung hat, wie F. Hirsch nachgewiesen hat, gar
nicht stattgefunden, und der Verfasser malt sich die alte Zeit nur nach
seinen Wünschen aus.
[1] _De imperatoria potestate in urbe Roma._ MG. SS. III, 719-722.
Vgl. Wilmans in Ranke's Jahrbüchern II, 2, 235. Giesebr. I, 344.
782. Benutzung bei Bened. de S. Andrea u. in dem mit Unrecht
bezweifelten Priv. Otto's III für Silvester II ist erwiesen in dem
Aufsatz von J. Jung, Forsch. XIV, 409-456, dessen Ansichten aber
in manchen Stücken angegriffen und widerlegt sind von F. Hirsch,
Forsch. XX, 127-164. Derselbe rechtfertigt HZ. LVII, S. 258-261,
seine Kritik gegen A. Gasquet: Jean VIII et la fin de l'empire
Carolingien, 1886. -- Benutzung bei Ekkehard nachgewiesen von B.
Simson, Forsch. XXV, 374.
Ueber die Ottonischen Einrichtungen in Rom belehrt uns eine Schrift,
welche unter Otto III entstanden ist und mit einer Beschreibung von Rom
Nachrichten über die damalige Verfassung verbindet[2]. Auf ein schon
von Bethmann im Arch. IX, 623 mitgetheiltes, aber ganz übersehenes
Fragment aus =Ivrea= hat L. Weiland aufmerksam gemacht[3]; es bezieht
sich auf die Usurpation des Franco (Bonif. VII) und dessen Bekämpfung
durch den 974 von Otto II abgesandten Grafen Sicco, sowie die
Verdrängung Benedicts VII durch ihn im J. 980.
[2] _Graphia aureae urbis Romae_ bei Ozanam, Documents inédits p.
155 bis 183; gehört auch die Beschreibung in der vorliegenden
Form dem 12. Jahrhundert, so paßt doch der zweite Theil nur in
die Zeit Otto's III nach Giesebr. I, 866. Ueber die Fortsetzung
der Pabstgeschichte ib. p. 782. Watterich I, p. XIV-XXIII.
Wunderliches Gedicht aus Rom zu Marie Himmelfahrt viell. 999
_Sancta Maria quid est_ bei Gies. I, 890.
[3] Nachrichten von d. k. Ges. d. Wiss. in Gött. 1885, S. 69-72, mit
Zuziehung von Benedicts VII Epitaph bei Baronius a. 984, Watterich
I, 86.
Die eifrig kaiserliche Gesinnung der lombardischen Bischöfe, welche
durch die kirchenfeindlichen Angriffe Arduins von Ivrea zu größter
Lebhaftigkeit angefacht wurde, spricht sich in zwei rhythmischen
Gedichten aus, welche aus der Umgebung des Bischofs =Leo von Vercelli=
(999-1026) stammen, eines auf Otto III und den durch ihn erhobenen
Pabst Gregor V, das andere eine Klage um Otto's III frühen Tod[4],
nebst der Verherrlichung seines Nachfolgers Heinrichs II, von dem die
Niederwerfung Arduins erhofft wird[5].
[4] Hs. in Halle, NA. VIII, 383.
[5] Es genügt jetzt, die kritische Ausgabe Dümmlers anzuführen, Anselm
der Peripatetiker S. 72-82. Brief des Bischofs Leo von Vercelli an
Heinrich II nach Arduins Tod, Forsch. VIII, 387. Excommunication
des Grafen Ubert Forsch. XIII, 600-602. Vgl. S. Löwenfeld: Leo
von Vercelli, Gött. Diss. 1877. Ueber die Zeitbestimmung zweier
Briefe von ihm, Schnürer, Piligrim v. Cöln, Diss. Monast. 1883.
Hinzuweisen ist auch auf die Schriften seines Vorgängers Atto von
924 bis c. 960 (Opera ed. Burontius, Verc. 1768 f.) vorzüglich
_de pressuris ecclesiasticis_ II, 322-352. Gött. Diss. über ihn
von J. Schultz 1886, vgl. NA. XI, 641.
Während es also in Italien durchaus nicht an Männern fehlte, welche
leidlich zu schreiben verstanden, verfaßte um das Jahr 968 ein Mönch
des Klosters St. =Andrea= am Berg Soracte[6], =Benedict=, eine Chronik,
welche an Rohheit der Gedanken wie der Sprache unübertroffen ist[7].
Wäre die Ausführung nicht gar zu ungeschickt, so könnte man in dem
Versuche, eine Weltgeschichte seit Christi Geburt zusammenzustellen,
einen Fortschritt erkennen, aber es ist nur eine Compilation der
dürftigsten Art. Wie wenig geschichtlichen Sinn der Verfasser besaß,
zeigt sich auch darin, daß er zuerst die Sage von Karls Zug nach dem
Morgenlande aufnahm; mitten zwischen Stellen aus Einhards Werken
schiebt er sie ein, ohne einen Widerspruch darin zu gewahren. Im
Mittelpunkt aller Dinge und Begebenheiten steht ihm einzig sein
Kloster; zu allen weiß er es in Beziehung zu bringen. Gegen die fremden
Herrscher, welche nach Italien kommen, ist er sehr aufgebracht, worin
Maurenbrecher seinen Patriotismus erkennt, während J. Jung (Forsch.
XIV, 426) vielmehr seinen klerikalen Standpunkt darin findet: er
begeistert sich für den Pabstkönig, und ist deshalb auch gegen Alberich
sehr eingenommen. Ueber seine eigene Zeit, über Alberich und die
Stadtgeschichte von Rom gewährt übrigens Benedict bei dem Mangel an
anderen Quellen wichtige Aufschlüsse, welche man aus seiner verworrenen
und aller Grammatik hohnsprechenden Schreibart mit Vorsicht und Mühe zu
entnehmen hat.
[6] S. Andrea in flumine, in der Ebene, nach Tomasetti, Arch. Rom.
VII, 382.
[7] _Chron. Benedicti de S. Andrea_, entdeckt von Pertz und zuerst
gedruckt MG. SS. III, 695-722 mit Weglassung des Anfanges; vgl.
Archiv V, 146, X, 381, Giesebr. I, 782. Auszüge daraus bei O.
Abel, Paulus Diaconus S. 203; Wattenbach, Der Mönch von St.
Gallen S. 98. Benutzt von Martinus Pol. nach Weiland, Arch.
XII, 33. Die Hs., welche Pertz für sein Autograph hielt, ist in
schöner regelmässiger Bücherschrift geschrieben, 2 S. facs. bei
Ern. Monaci, Arch. paleogr. Ital. II, t. 3. Das im Chron. S.
697 enthaltene Epigramm des Pabstes Damasus wird emendirt von de
Rossi, Bull. di Archeol. Christ. IV, 3, 1, S. 30.
Einen eigenthümlichen inneren Gegensatz zeigt uns die um dieselbe Zeit
geschriebene Chronik eines =Salernitaners= bis zum Jahre 974[8]. Der
Verfasser hat nämlich seinen grammatischen Cursus durchgemacht, er ist
sehr stolz auf seine gelehrte Bildung und giebt zuweilen wunderlich
spitzfindige sprachliche Untersuchungen zum besten. Auch kann er
ziemlich fehlerfrei schreiben, wenn er sich Mühe giebt; dazwischen
aber kommen wieder Stellen, wo er alle seine Gelehrsamkeit vergißt
und mit allen Flexionsformen ein leichtsinniges Spiel treibt. Zum
Geschichtschreiber war er wohl etwas besser befähigt als Benedict,
aber auf einen hohen Standpunkt hat auch er keinen Anspruch. Er knüpft
an Paulus Geschichte der Langobarden an und erzählt nun weiter von
den langobardischen Fürstenthümern in Unteritalien, was ihm gerade
einfällt, ohne viel Ordnung und ohne alle Kritik; Erchempert hat
er, wie Dümmler bemerkt, stark benutzt und was er aus eigener Kunde
hinzufügt, hat keinen grossen Werth. Trauen darf man ihm nicht viel,
aber seine lebendig vorgetragenen, oft ganz novellenartigen Erzählungen
geben doch einen erwünschten Einblick in das Leben und Treiben jener
Länder, und für die Geschichte Unteritaliens sind wir oft allein auf
seine Nachrichten angewiesen.
[8] _Chron. Salernitanum_ ed. Pertz, MG. SS. III, 467-571 (S. 548 de
martyrio S. Procopii ex cod. Bamb. Wiederholt SS. Langob. p. 457.
Die Regententafeln am Anfang ib. p. 491; bei Caravita II. 36 e
cod. Cas. 269). -- Bruchstücke übersetzt in Abels Paulus Diaconus
S. 192-202. Zu vergleichen ist: Schipa, Storia del principato
longob. di Salerno, Nap. 1887. Einige Einwendungen von F. Hirsch,
Hz. LXI, S. 188.
Ungleich besser als diese Schriften ist die Chronik =Venedig's= von dem
Diaconus =Johannes=, dem Caplan und vielleicht Verwandten des Dogen
Peters II Urseolus (991-1009), der wiederholt als Gesandter an Otto
III und Heinrich II geschickt wurde[9]. Seine Sprache ist die eines
Geschäftsmannes, ungeschmückt, auch nicht frei von Verstößen gegen
die Regeln der Grammatik, aber leicht verständlich und dem Gegenstande
angemessen; seine venetianischen Provinzialismen sind in einer solchen
Schrift für seine Landsleute ganz an ihrem Platze und unendlich viel
angenehmer, als die ungeschickten Phrasen der halbgelehrten Mönche.
Im Anfang auf Paulus Diaconus und Legenden gestützt und begreiflicher
Weise mangelhaft, führt er seine Geschichte fort bis 1008; sie gewinnt
an Reichthum des Inhalts mit dem Fortschritt der Erzählung und wird
besonders wichtig, wo er von den Berührungen mit den Kaisern berichtet,
bei denen er selbst betheiligt war. Die treffliche Regierung des Dogen
Peters II bildet den Hauptgegenstand seiner Darstellung. Ueberhaupt
erkennt man hier gleich, daß der Verfasser das Leben nicht nur aus der
Ferne sah, sondern selbst mitten darin stand.
[9] _Johannis diaconi Chron. Venetum et Gradense_ ed. Pertz, MG. SS.
VII, 4-38. Vgl. Giesebr. I, 790; Kohlschütter, Venedig unter Peter
II (Goett. Diss. 1868) S. 61-65 gegen die von Pertz angenommene
successive gleichzeitige Abfassung; auch gegen die Annahme, daß
das Chron. Grad. von demselben Verfasser sei. Zustimmend Henry
Simonsfeld: Andreas Dandolo u. seine Geschichtswerke (München
1876) S. 56-79. Monticolo, La cronaca del diacono Giovannino e la
storia politica di Venezia sino al 1099, Pistoja 1882, 4. Früher
nannte man diese Chronik das _Chron. Sagornini_. Ein merkwürdiger
Brief des Dogen von Venedig an Heinrich I bei Dümmler, Gesta
Berengarii S. 157. -- _Chronica patriarcharum Gradensium_ bis
1049, ed. Waitz, SS. Langob. p. 392-397, als die ursprüngliche
Fassung, e cod. Barberin. XI, 145. Vgl. auch G. Monticolo im Arch.
Venet. XV, 1 ff. Derselbe: I manoscritti e le fonti della cronaca
del diac. Giovanni, Bull. dell'Instituto stor. Italiano, N. 9,
S. 37-327. Von dems. die Ausgabe: Fonti per la storia d'Italia
IX. Cronache Veneziane antichissime, 1890; vgl. NA. XVI, 210;
Simonsfeld HZ. LXVII, 360-365.
In dem älteren Theile dieser Chronik herrscht eine große Verwirrung.
Ueber diese Vorgeschichte von Venedig vor der Wahl des ersten Dogen
und die Chronologie der nächsten zwei Jahrhunderte hat Andreas Dandolo
in seinen Annalen bessere Nachrichten; es scheint ihm ein altes
Dogenverzeichniß vorgelegen zu haben, mit den kurzen Charakteristiken
der ersten Dogen, welche bei Johannes fehlen.
Sehr alte Elemente sind ferner in den ersten Büchern des sog.
_Chronicon Altinate_[10], die mit ihrer höchst barbarischen Sprache
nach Simonsfeld schon im Anfang des 10. Jahrhunderts zusammengestellt,
später mit Zusätzen vermengt und bis ins 13. Jahrhundert fortgeführt
sind; die ursprüngliche Form bleibt häufig zweifelhaft. Das zweite
Buch desselben nach der Dresdener Handschrift ist nach Simonsfeld im
ersten Theil des Chronicon Gradense im Cod. Urbinas überarbeitet[11].
Derselbe hat werthvolle =Venetianische Annalen= des 11. und 12.
Jahrhunderts zuerst veröffentlicht[12] und das Verhältniß aller dieser
und anderer Quellen zu den Annalen des Andreas Dandolo, des Dogen von
1343-1354, (bis 1280) so wie die sehr verwickelten Fragen über die
handschriftliche Ueberlieferung der Werke desselben genau untersucht.
[10] Ausg. vom Abb. Antonio Rossi im Archivio stor. Ital. VIII, u. nach
der besseren Dresd. Hds. im Appendice, Tomo V, 1847; jetzt als
_Chron. Venetum vulgo Altinate_ v. Simonsfeld, MG. SS. XIV, 1-97,
nach 4, sehr von einander abweichenden Handschriften. Eine in Hss.
damit verbundene sagenhafte Darstellung der Troj. röm. Gesch. ed.
Simonsfeld, NA. XI, 239-251. Ders. gegen Phantastereien des Dott.
Rob. Galli im Arch. Ven. XXXV, parte 1 (1888).
[11] Ueber die verschiedenen Bestandtheile, aus welchen dieses und auch
schon das Chron. Altinate in dem betr. Abschnitt zusammengesetzt
ist, handelt G. Waitz, NA. II, 375-381.
[12] NA. I, 397-410; vgl. Dand. S. 90-96. Sie sind wiederholt im Arch.
Ven. XII mit Abh. von R. Fulin; MG. SS. XIV, 70.
Wenig erfreulich ist die historische Thätigkeit im Kloster =Nonantula=;
dem Inhalt nach in frühe Zeit hinaufreichend, hat sie uns doch
wesentlich nur spätere Aufzeichnungen verwirrter und fabelreicher
Tradition hinterlassen. Ein Leben des ersten Abtes =Anselm=[13] (†
803) mit der Gründungsgeschichte aus der Zeit des Königs Aistulf,
aber erst im Anfang des elften Jahrhunderts mit viel chronologischer
Verwirrung und wenig Inhalt geschrieben, und Translationsgeschichten
des h. Silvester; dann will ihr Glück, daß der Pabst =Adrian= III 885
in der Nähe des Klosters stirbt und bei ihnen begraben wird. Bald
wird er als Heiliger verehrt und thut Wunder; eine Ueberlieferung
davon erhält sich mündlich oder schriftlich, aber weiter weiß man
nichts von ihm, und da man doch eine Legende von ihm haben will, wird
im ausgehenden elften Jahrhundert der Zeitgenosse Karls des Großen
Adrian I mit ihm zu einer Person verarbeitet. Da hatte man Stoff genug,
und nahm zu Einhard u. a. noch den liber diurnus, von dem vielleicht
bei jener Gelegenheit ein Exemplar im Kloster geblieben war, und so
kam das Monstrum zu Stande, welches noch nie gedruckt, aber in durch
Mabillon bekannt gewordenen Auszügen zu gläubig angenommen ist und
Schaden angerichtet hat[14]. Dann um 911 die =Translatio SS. Senesii
et Theopompi= aus Treviso, welche unter der Königin Adalheid gegen
die Pest nach Pavia gebracht wurden, aber erst unter Abt Rudolf
(1002-1035) geschrieben; eine Abtreihe bis 933 und eine zweite mit
einigen geschichtlichen Nachrichten bis auf denselben Rudolf[15],
unter dem durch Erzbischof Aribert die Mönchsregel wieder hergestellt
wurde. Damit beginnt denn auch erst die Zeit, aus welcher schriftliche
Aufzeichnungen uns erhalten sind.
[13] _Vita Anselmi_, SS. Langob. p. 566-570. Mit allen übrigen Stücken
gedruckt bei Bortolotti, Vita di S. Anselme abb. di Nonantula,
con appendici ed illustrazioni e tavole 3, Modena 1892.
[14] S. Th. v. Sickel, Die Vita Hadriani Nonantulana und die
Diurnus-Hs. V. im NA. XVIII, 107-133.
[15] SS. Langob. p. 571-573 als _Nomina abhatum Nonantul._, sonst
Chronicon Nonantulanum genannt. Bischof Joh. von Arezzo schenkte
an Non. um 876 ein prächtiges Sacramentar, Delisle, Sacram. p.
128. -- Unbedeutend und fabelhaft ist das Leben des Johannes,
ersten Abtes des von Sigifrid II gestifteten Klosters zu Parma,
der um 990 starb, erst gegen 1050 nach mündlicher Ueberlieferung
verfaßt, Mab. V, 715-724.
§ 14. Italien. Biographieen.
Gegen das Ende des zehnten Jahrhunderts verschwindet in Italien jene
Barbarei, welche hier weit greller als in den anderen Theilen des
karolingischen Reiches hervorgetreten war. Die bessere Ordnung der
politischen und kirchlichen Verhältnisse macht sich auch hier fühlbar.
Auf Veranlassung des Kaisers Otto II schrieb ein Bischof =Gumpold= von
=Mantua=, von dem sonst wenig bekannt ist, ein Leben des böhmischen
Herzogs und Märtyrers =Wenceslaus= († 935). Er stand indessen der
Zeit wie den Ereignissen zu fern, um viel davon zu wissen, und suchte
die Dürftigkeit des Inhalts durch schwülstige Phrasen zu verdecken.
Hochtrabende sallustische Ausdrücke paaren sich bei ihm in widerlicher
Mischung mit der kirchlichen Phraseologie. Im Prolog werden auf solche
Weise die Bestrebungen der Menschen geschildert und dabei die freien
Künste mit Umschreibungen bezeichnet, welche Büdinger ohne Grund auf
Gerberts Disputation mit Otrich bezogen hat[1]. Es ist deshalb auch
nicht nöthig, die Entstehung der Schrift nach Errichtung des Prager
Bisthums anzunehmen, von welcher Gumpold noch nichts weiß und von der
man doch kaum annehmen kann, daß er sie, wenn er später schrieb, nicht
sollte erfahren oder berücksichtigt haben[2].
[1] Diese, wie mir scheint, allein richtige Deutung jener Stelle
verdanke ich freundlicher Mittheilung von Jaffé.
[2] _Gumpoldi Vita Vencezlavi ducis_, von Pertz entdeckt und
herausgegeben MG. SS. IV, 211-223: wiederholt Migne CXXXV; Fontes
Rer. Boh. (Pragae 1872) I, 146-166. Vgl. Büdinger, Zur Kritik
altböhmischer Geschichte, Wien 1857. Besonders abgedruckt aus
der Zeitschr. f. österr. Gymnasien 1857. Heft VII. Hierin ist
Gumpolds Existenz urkundlich nachgewiesen. Ueber die verschiedenen
späteren Legenden vgl. Friedjung, Kaiser Karl IV und sein Antheil
am geistigen Leben seiner Zeit (Wien 1876) S. 150-161.
Ein zweites Leben desselben Märtyrers schrieb später im elften
Jahrhundert, doch unabhängig von Gumpold, =Laurentius=, ein Mönch
von =Monte Cassino=; dieser beruft sich auf die Erzählungen eines
Landsmannes des Märtyrers und mag durch diesen Kunde erhalten haben
von einer schon früher in Böhmen und vielleicht in slavischer Sprache
verfaßten Legende, auf die wir später noch einmal zurückkommen
werden[3].
[3] Auszugsweise mitgetheilt von Pertz, Archiv V, 137-143; vollständig
von Dudik, Iter Romanum I, 304-318, Fontes Boh. 167-182. Die
Legende _Crescente fide_ bei Dudik, S. 319-326, Fontes 183-190.
Ueber die wenig glaubwürdigen Legenden von Wenzels Mutter Ludmila
s. die Vorrede von Holder-Egger zu der Ausgabe der ältesten, die
jedoch auch erst aus dem 12. Jh. ist, während diejenige, welche
bisher für die älteste galt, nur ein Theil von dem betrüglichen
Werk des Pseudo-Christann ist, MG. SS. XV, 1, 572.
Eine bedeutende Einwirkung übte auf Italien die damals auch hier
eindringende streng mönchische Askese, welche theils von Cluny aus
über die Alpen sich verbreitete, theils unabhängig davon und in anderer
Gestalt in Italien selbst aufkam. Zu den Hauptträgern dieser Richtung
gehört der griechische Calabrese =Nilus=, der durch seine aufs äußerste
getriebene Verachtung alles Irdischen einen so großen Eindruck auf Otto
III machte. Sein Leben ist von einem Landsmanne in griechischer Sprache
geschrieben und enthält einige werthvolle Nachrichten, vorzüglich aber
viele anziehende Einzelheiten zur Culturgeschichte Italiens[4].
[4] Acta SS. Sept. VII, 336. Auszüge MG. SS. IV, 615-618. Giesebrecht
I, 788.
Von demselben Geiste erfüllt, aber ungleich wichtiger für die
deutsche Geschichte, ist das =Leben des heiligen Adalbert=, des
Bischofs von Prag und Apostels der Preußen († 997), auf den Wunsch
seines schwärmerischen Freundes, des Kaisers Otto's III, verfaßt von
=Johannes Canaparius=, dem Abte des Alexiusklosters in Rom, in welchem
Adalbert sich eine Zeit lang aufgehalten hatte[5]. Der Verfasser
hat Adalbert selbst nahe gestanden, benutzte auch einen Aufsatz des
Domprobsts Willico von Prag, und schreibt daher aus voller Kenntniß des
Gegenstandes und mit großer Wärme, in reiner, wenn auch von biblischen
Phrasen erfüllter Sprache; über die politischen Verhältnisse, welche
der Wirksamkeit Adalberts in Böhmen im Wege standen, darf man freilich
bei ihm keine Aufklärung suchen. Die wenig spätere Ueberarbeitung
dieses Lebens von Bruno von Querfurt erwähnten wir schon oben (S.
354). Bruno gehörte zu dem Kreise jener Asketen, welche in dem Kloster
Classe bei Ravenna lebten, aus deren Mitte der Camaldulenser Orden
seinen Ursprung nahm. Das Leben des Abtes =Romuald= hat um die Mitte
des elften Jahrhunderts der Hauptvertreter dieser Richtung, =Petrus
Damiani=, geschrieben; aus den salbungsvollen Sentenzen lassen sich
einige geschichtliche Nachrichten auslesen, welche in den Mon. Germ.
SS. IV, 846-854 mitgetheilt sind.
[5] _Johannis Canaparii Vita S. Adalberti_ ed. Pertz. MG. SS. IV,
581 bis 595. Ausg. von Al. Batowski bei Bielowski S. 157-183 mit
Varianten einer Handschrift aus Kielce. Uebersetzt von Hüffer
1857; 2. A. 1891. Geschichtschr. 34 (X, 7). Vgl. oben S. 354 u.
den böhmischen Landtagsschluß von 992 in Wattenbach's Beiträgen S.
51 und bei Erben, Regesta Bohemiae p. 33: diesen finde ich nicht
berücksichtigt in dem sonst sehr hervorragenden und scharfsinnigen
Aufsatz von Loserth: Der Sturz des Hauses Slawnik, W. Arch. LXV,
19-54, worin Adalberts Mißerfolg in Prag zurückgeführt wird auf
die Rivalität seines Hauses, eines fürstlichen chorwatischen, das
mit Polen verbündet war, mit den Przemysliden. Die Miracula S.
Adalberti sind neu herausgegeben in den Mon. Pol. IV, 221 bis 238,
nebst einer neuen Legende.