VISIO CUIUSDAM PAUPERCULAE MULIERIS.

_Fuit namque in Laudonico pago quaedam mulier paupercula, quae

in extasi rapta rediens multa ac miranda narravit. Ducebat

autem illam, ut ipsa referebat, quidam homo in monachico habitu

constitutus, ubi requiem sanctorum et poenam iniquorum cernebat,

talem qualem Paulus apostolus in epistola sua scribit: quod oculus

non vidit nec auris audivit nec in cor hominis ascendit. Ibi

etiam videbat quendam principem Italiae (Karl d. Gr. ganz ähnlich

wie in der Visio Wettini) in tormentis, multosque alios notos,

quosdam in poena, quosdam in gloria. Interrogavit illa eundem

ductorem illius, si ille ad aeternam ultra vitam redire debuisset.

At ille: Utique debet. Nam si Hlodouuicus, inquit, imperator,

natus ejus, septem agapes pro illo pleniter dispensat, resolutus

est. Pichonem (al. Picconem) vero hujus regis qui quondam fuit

amicus, supinum jacere in tormentis, taetrosque spiritus duos

aurum liquefacere et in os ejus infundere dicentes: Hinc sitisti

in saeculo nec saturari potuisti; modo bibe ad saturitatem!

Irmingartam namque reginam aeque in tormentis, quae super se

habebat cautes tres quasi molares, unum super caput, alterum

super pectus, tertium super dorsum, qui semper eam in profundum

mergebant. Mira namque dicturus sum. Clamavit namque ad istam

dicendo: Vade et dominum meum roga imperatorem, ut me misellam

adjuvare dignetur. Et da ei signum ut sciat a me missam te fore,

istud quod meae depositionis (desponsationis?) tempestate sola cum

ipso loquebar in uno pomerio, et hoc statim bene cognoscet, quia

adhuc hodie cunctos latet eadem locutio nisi nos tantum. Cumque_

_inde pergerent, ostendit ei ductor illius murum cujus cacumen

coelum usque tendebat, et post eum alterum qui totus scriptus

erat aureis caracteribus. Interrogavitque illa quid hoc esset.

Terrestris, inquit, paradisus est, ubi nullus intrabit nisi qui

hic scriptus reperitur. Imperavitque illi ut legeret. At illa ait:

Non didici litteras. Scio inquit, sed tamen lege. Legit namque

illa, et invenit nomen Bernharti quondam regis tam luculentis

litteris exaratum sicut nullius ibidem fuit. Postea Hlodouuici

regis tam obscurum et oblitteratum, ut vix agnosci potuisset. At

illa: Quid est, inquit, quod istud nomen tam oblitteratum est?

Antequam, ait, in Bernhartum homicidium perpetrasset, nullius ibi

nomen clarius erat. Illius interfectio istius oblitteratio fuit.

Vade et cave diligenter, ne horum quid regem celaveris. Illa vero

non ausa conticuit. Non post multum rursum ammonuit eam, que ut

prius conticuit. Tertia vero vice venit et dixit: Quid est quod

non gestis obsecundare verbo Domini? Quae respondit: Domine, vilis

sum persona, et ista non audeo in medum proferre. Ex hoc ait illi:

Luminum tuorum non gaudebis, donec ea coram rege exponis. Cujus

ilico pupilla caligine obducta est. Post dies multos venit in

praesentiam regis, cuncta tradidit, lumenque recepit._

Diese Visio ist wieder abgedruckt bei Malfatti: Bernardo rè

d'Italia, Firenze 1876 (Nuova Antologia). Irmgard st. den 3.

October 818; ihr schreibt auch Andreas Berg. c. 8. Bernhards

Tod zu, der in den Ann. Aug. 817 und im Necrol. zum 17. Apr.

verzeichnet ist. Daß Irmgard sich zur Zeit ihres Todes mit

Ludwig gerade in einem Baumgarten unterhalten habe, scheint mir

kaum wahrscheinlich. Ueber Picho oder Bego s. B. Simson, Ludwig

d. Fr. I, 11 Anm. 8. Nach freundl. Mittheilung des H. Prof.

Sievers in Jena steht die Visio auch im cod. Aug. 111 (Carlsr.

185) saec. X mit dem Schluß: _Hinc quedam que mihi narravit

minus commoda supersedenda sunt, ut ea introducantur, unde tota

oratio sumpsit exordium._ Danach scheint es ein Bruchstück aus

einem unbekannten Werk zu sein. Es folgt auch hier die Visio

Wettini, im cod. Sangall. die _Visio Baronti_ von 680 (Acta SS.

Martii III, 570). Mit dieser ist in einer Petersb. Hs. verbunden

die _Visio Rotcharii_, viell. aus Fleury, worin Karl unter den

Seligen erscheint, s. Anz. d. Germ. Mus. XXII, 73; Auszug bei

Mabillon, Act. IV, 1, 667. Aehnlicher Art ist die _Visio Bernoldi_

von Hincmar, s. Ebert II, 256, der, wie Dümmler bemerkt, bei

der Aufzählung der Visionen Alcuin de Sanctis Euboric. eccl. v.

875-1006 übersehen hat. -- Inhaltsangaben bei C. Fritzsche, Die

lat. Visionen des Mittelalters, in Vollmöllers Roman. Forsch. II.

[31] Poet, Lat. II, 301-334.

[32] Herausgegeben von Mommsen im Rhein. Museum 1854, IX, 299. Poet.

Lat. I, 114.

[33] Vgl. Dümmler, Ostfr. I, 322. Poet. Lat. II, 420.

Den größten Glanz aber verbreitete über Reichenau der Abt =Walahfrid=,

mit dem Beinamen Strabo oder Strabus, einer der besten Lateiner seiner

Zeit, ein viel bewunderter Gelehrter und gewandter Dichter[34]. Ueber

sein Leben haben wir leider nur wenig sichere Nachrichten, und so

befreundet er auch mit den Sanctgaller Gelehrten war, wird er doch

in der Klosterchronik gar nicht genannt; doch ist nach und nach durch

neugefundene Verse mehr Licht über ihn gewonnen. Er war ein Schwabe von

armer und geringer Herkunft, um 807 geboren; früh ins Kloster gekommen,

dichtete er schon mit 15 Jahren eine Epistel an Ebo von Reims im Namen

seines Lehrers Tatto[35], aber dieser war hart und strenge, und auch

der Abt Erlebold war ihm nicht gewogen. In Wetti verlor Walahfrid

seinen väterlichen Freund und Wohlthäter; nach dessen Tod (824) litt

er sogar an Nahrung und Kleidung Mangel, und hatte häufig Schläge

zu erdulden. Er klagte seine Noth an Grimald, dessen Wohlwollen er

schon früher gewonnen hatte, und dieser forderte ihn auf, die Vision

Wettins, welche wahrscheinlich er selbst auf Wachstafeln aufgezeichnet

hatte, dichterisch zu bearbeiten. Dieselbe Aufforderung kam auch von

dem Priester Adalgis, wie wir wissen, seitdem K. Plath das Akrostichon

der seiner Antwort[36] zugefügten Verse: _Adalgiso danda_ erkannt und

die ganze Sachlage scharfsinnig entwickelt hat[37]. Walahfrid bat

ihn um bessere Kleidung und um Pergament, da er das Werk heimlich

ausführen müsse; er bat ihn, selbst zu kommen, und Adalgis kam. Unter

hartem Drängen vollendete er sein Werk[38], in welchem er reichliche

Lobsprüche auf Haito, Erlebold und Tatto anbrachte, und übersandte es

Grimald. Nach solcher Leistung und mit solchen Fürsprechern wird er

nun auch im Kloster, und bei dem Abt, obgleich dieser kein Freund von

Visionen war, mehr Anerkennung gefunden haben. Grimald hat er auch das

anmuthige Gedicht _de cultura hortorum_ gewidmet, und in dem Gedicht

de imagine Tetrici (v. 228) feiert er ihn unter dem Namen Homer.

Später hat er in Fulda Hrabans Unterricht genossen. Im Sommer 829

finden wir ihn am Hofe zu Aachen; von Kaiser Ludwig, sagt er einmal,

sei er „paupere de fovea protractus“[39], mag sich das nun auf diese

Zeit seines Hoflebens oder auf die Verleihung der Abtei Reichenau 839

beziehen. In Aachen beschrieb er damals in einem merkwürdigen Gedichte

die aus Ravenna hingeführte Reiterstatue Theodorichs[40], der hier als

Tyrann aufgefaßt wird im Gegensatz zu Ludwig, feiert Hilduin, Grimald,

Einhard, widmet aber vor allem dem Kaiser, der Kaiserin Judith und dem

kleinen Karl überschwengliches Lob; er wird als Caplan der Kaiserin

und als Lehrer des kleinen Karl bezeichnet. Den Rodbern, welcher 834

dem Kaiser zuerst Nachricht von der in Tortona gefangenen Judith unter

großen Gefahren brachte, feierte er in einem längeren Gedicht[41]. Mit

Thegan, dem Diacon Florus und anderen der classisch und kirchlich

gebildeten Männer jener Zeit war er befreundet, Prudentius rühmt

er als seinen Lehrer, bittet ihn aus der Ferne um Bücher und eigene

Gedichte; zugleich übersendet er ihm Gedichte „Modoini magni“, den

er auch in andern an ihn selbst gerichteten Versen feiert[42]. Kaum

hatte er die Abtei Reichenau erhalten -- bei seiner geringen Herkunft

eine ganz ungewöhnliche Auszeichnung --, so wurde er auch in die

politischen Wirren hineingezogen; als eifriger Anhänger Lothars und

der Reichseinheit, deren Herstellung er noch von ihm hoffte, flüchtete

er nach Ludwigs Tod und der Ueberwältigung Alamanniens durch Ludwig

den Deutschen nach Speier, wo er ein Gedicht voll Lobpreisung an

Lothar richtete, in welchem er seinen Klagen und seinen Hoffnungen

Ausdruck gab[43]. Lothar hatte in früheren Zeiten einmal persönlich

den vermeintlichen Leib des h. Januarius nach Reichenau gebracht, was

merkwürdiger Weise im Kloster ganz vergessen wurde und nur durch eine

sehr schöne Sapphische Ode Walahfrids bekannt ist[44].

[34] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 270-286. 580 und die gesammelten

Gedichte Poet. Lat. II, 259-423. Ebert II, 145-166. Hauck II,

600 ff. Opera Migne CXIII. CXIV. Eine Anleitung zur Metrik mit

Beispielen, v. Huemer, NA. X, 166-169. Der von ihm besungene

Blaithmaic st. 827; es kamen flüchtige Mönche von Hy nach

Reichenau. NA. XVII, 210. -- Dümmler, NA. VII, 402, Zeumer

ib. VIII, 496-507, über die Reichenauer Briefformeln, aus

Erlebolds u. Walahfrids Zeit mit geschichtlich nicht unwichtigen

Briefen. -- Im Jahresbericht über die Erziehungsanstalt des

Benedictinerstifts Maria-Einsiedeln 1856/7 ist ein Versuch

gemacht, die Jugendgeschichte Walahfrids von ihm selbst schildern

zu lassen, welcher zuweilen irregeführt hat, als ob ein Original

von ihm zu Grunde liege. Eine angebl. Urk. von W. von 843 ist

Fälschung d. 12. Jhs. Brandi, Die Reichenauer Urkundenfälschungen,

Heidelb. 1890.

[35] Poet. Lat. II, 350; eine andere, auch in Tatto's Namen, an den

Landbischof Degan, S. 351.

[36] Formulae ed. Zeumer p. 376 n. 25.

[37] NA. XVII, 261-279.

[38] Poet. Lat. II, 301-333.

[39] Ad. Loth. v. 31. Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 463. Poet. II, 414,

und S. 259 weitere Belege für seine geringe Herkunft.

[40] _Versus de imagine Tetrici_, Poet. Lat. II, 370-378. Früher von

C. P. Bock in den Jahrbüchern des Vereins von Alterthumsfreunden

im Rheinland V (1844), von Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt, XII,

461-470, vgl. XIX, 466. Sehr gewagte Hypothesen von H. Grimm: Das

Reiterstandbild des Th. zu Aachen und das Gedicht des W. darauf,

Berlin 1869. Dagegen die lehrreiche Abh. von Bock im angef.

Jahrbuch L (1871) S. 1-52. Wieder abweichend Jul. v. Schlosser,

Wiener SB. CXXIII (1891) S. 164-175.

[41] Bouq. VI, 269; vgl. B. Simson, Lud. d. Fr. II, 99. Dümmler, Hist.

Zeitschr. XXXVII, 134; Poet. II, 388. Judith, hier Ioda genannt,

schmückte für Ludwig ein Prachtgewand, welches Karl der Kahle der

Röm. Paulskirche schenkte, seine Gemahlin Irmintrud vollendete mit

gepriesener Kunstfertigkeit dieses und andere Gewänder, ähnlich

Lothars Gemahlin Ermengarde, s. die von Dümmler mitgetheilten

Verse, Zeitschr. f. D. Alt. XLX, 146-148.

[42] Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 82-86. Poet. II, 403. 355.

[43] Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 462-466. Poet. II, 413.

[44] Dümmler im Anz. d. Germ. Mus. XXIII (1876) 177-188. Poet. II, 415.

Sehr bald hat sich Walahfrid doch auch mit Ludwig dem Deutschen

ausgesöhnt, und vielleicht durch Grimalds Einfluß erhielt er 842 die

Abtei Reichenau von neuem; im Jahre 849 wurde ihm eine Botschaft

des Königs an dessen Bruder Karl anvertraut. Auf dieser Reise

starb er, kaum vierzigjährig, am 18. August durch einen Unfall beim

Ueberschreiten der Loire[45].

[45] Epitaphium ed. Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 113. Poet. II,

423.

Die von Walahfrid überarbeiteten Lebensbeschreibungen des Gallus und

Othmar, sein Vorwort zu Einhards und zu Thegans Werken erwähnten wir

schon; selbständige geschichtliche Werke hat er so wenig wie Hraban

verfaßt, aber sein Buch über Ursprung und Entwickelung der kirchlichen

Einrichtungen enthält viel beachtenswerthes über die Verfassung

der Kirche in jenen Zeiten, ähnlich dem Werke Hrabans, aber noch

lehrreicher, weil er durchgängig die kirchlichen Einrichtungen mit den

weltlichen vergleicht[46].

[46] Das sprachlich interessante Cap. 7 theilt Dümmler in d. Zts. f.

D. Alt. XXV, 99, berichtigt mit. Neue Ausg. v. Al. Knoepfler,

München 1890, vgl. Dümmler, NA. XVII, 224. Eine andere wird für

MG. Capitularia II vorbereitet.

Eines der merkwürdigsten Zeugnisse für den ernstlichen Eifer, mit

welchem man in diesen Klöstern damals das Studium des classischen

Alterthums betrieb, bietet uns die durch Mabillon bekannt gewordene

=Handschrift von Einsiedeln=, deren Urschrift aus Reichenau zu

stammen scheint. Wohl ein Schüler Walahfrids, im vollen Besitz der

damaligen Schulbildung und auch des Griechischen kundig, hat mit einer

Beschreibung des damaligen Rom und des Ceremoniels der kirchlichen

Feste auch antike Inschriften aus Pavia und Rom mit größter Genauigkeit

und Sorgfalt nach älteren Vorlagen hier zusammengestellt[47].

[47] Mab. Anal. p. 358. Hänel in Jahn und Seebode's Archiv, 5.

Supplementband, S. 115. Mommsen in den Berichten über die

Verhandlungen d. K. Sächs. G. d. W. Phil. Cl. 1850, IV,

287. Rhein. Museum 1854, IX, 296. Urlichs, Codex urbis Romae

topographicus, Wirceb. 1871, S. 59-78. H. Jordan, Topogr. d. Stadt

Rom II behandelt den topographischen Theil. De Rossi, Inscriptt.

christt. II, 1. 1888.

Durch besondere Lernbegierde zeichnete sich auch =Ermenrich= aus, ein

Ellwanger Mönch, dessen Leben uns recht anschaulich die Beweglichkeit

der jungen mönchischen Studenten in jener Zeit vor Augen führt[48].

Wie Walahfrid, ging auch er nach Fulda, wo er Hrabans und Rudolfs

Schüler wurde. Besondere Freundschaft verband ihn mit Hrabans Neffen,

dem Diacon und königlichen Caplan Gundram, welcher der fuldischen

Zelle Solenhofen an der Altmühl im Eichstädter Sprengel vorstand, und

diesem, der den Stifter seiner Kirche, =Sualo=, feierlich erhoben

hatte, zu Liebe, schrieb er das Leben desselben und übersandte es

Hraban zur Durchsicht[49]; Rudolf, den er als seinen Lehrer preist,

sollte die Fehler verbessern. Sualo, den Ermenrich willkürlich =Solus=

nannte, gest. 3. Dec. 794, gehörte zu den Begleitern des h. =Bonifaz=;

Ermenrich standen aber nur mündliche Erzählungen über ihn zu Gebote,

und der geschichtliche Werth seiner Nachrichten ist daher unbedeutend.

Wo er, damals noch Diaconus, dieses Werk geschrieben hat, wissen wir

nicht; es ist sehr wahrscheinlich, daß er auch zu den Hofcaplänen

gehört hat, und von dieser Zeit her den Erzkanzler Gozbald (829-833)

als seinen Lehrer bezeichnet, sowie er auch Grimald als seinen Herrn

und Meister verehrt[50].

[48] Vgl. über ihn E. Dümmler: Ueber Ermenrich von Ellwangen u. seine

Schriften, Forsch. XIII, 473-485. XIV, 403. 404. NA. IV, 321. Er

schrieb den Stiftungsbrief Salomons für Wiesensteig nach Bossert,

Württ. Vierteljahrshefte 1889, S. 142.

[49] Als Hraban noch Abt war, also vor 842. _Erm. Sermo de Vita S.

Sualonis_, ed. Holder-Egger SS. XV, 151-163. Im Anfang ist Sedulii

Carmen paschale benutzt, nach Manitius, Wiener SB. CXXI, 6.

[50] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 248. Gundram nennt er _eximii

ministerii conlevita_.

An Gozbald, jetzt (841-855) Bischof von Würzburg, sandte er, schon als

Priester, eine kleine Schrift, in Form eines Dialoges der Consolatio

des Boethius nachgebildet, dem Inhalt nach völlig sagenhaft, über die

Gründung seines Klosters =Ellwangen=, das Leben des Stifters =Hariolf=,

König Pippins Zeitgenossen, Bruders und später Nachfolgers des Bischofs

Erlolf von Langres, und die Wunder, welche man ihm zuschrieb[51]. Er

gehörte nämlich zu Gozbalds Familie.

[51] _Vita Hariolfi_ ed. Pertz, MG. SS. X, 11-15. Ermanrich u. Mahtolf,

die Träger des Dialogs, sind beide im St. G. Verbrüderungsbuch ed.

Piper, p. 44, col. 111. -- Ausg. v. Giefel, Württ. Geschichtsqu.

II. 1888.

Im Jahre 849 finden wir Ermenrich wieder im Kloster Reichenau als

Schüler Walahfrids; als dieser seine unglückliche Reise nach Frankreich

antrat, schickte ihn Grimald nach St. Gallen, um dort seine Studien

fortzusetzen. Hier verfaßte er zum Dank für die gute Aufnahme, die er

in beiden Klöstern gefunden und zum Preise Grimalds ein Sendschreiben

an denselben, geschrieben zwischen 850 und 855, in welchem er seine

ganze Gelehrsamkeit, die nicht unbedeutend, aber schlecht verarbeitet

war, zur Schau trägt, von Philosophie, Grammatik und vielen anderen

Dingen handelt, in der schwülstigen, gezierten Weise vieler Gelehrten

der damaligen Zeit; eine Schreibart, die auch das Leben des h. Solus

entstellt und am wenigsten in dem Leben Hariolfs hervortritt[52]. Er

prahlt mit Griechisch, das er aber offenbar nicht versteht, und eignet

sich aus Alcuin, Priscian und Ausonius falsche Gelehrsamkeit an, kennt

aber Pindarus Thebanus und Lucretius nebst vielen anderen Schriften.

Verse von Theodulf und Naso verwendete er ohne Scheu. Es enthält

aber dieser Brief auch einige wichtige geschichtliche Daten und eine

Lobpreisung Grimalds und der gelehrten und kunstreichen Sanctgaller

Mönche, welche zur Ergänzung der dortigen Klosterchronik dient. Am

Schluß geht er in Verse über, und feiert den h. Gallus, wozu auch

ihn Gozbert, der Kahlkopf, gedrängt hatte. Doch ist dieser Theil mehr

entworfen und begonnen als wirklich ausgeführt[53].

[52] Dieses erwähnt Ermenrich in dem Briefe mit folgenden Worten:

„Adjunxi autem et huic operi breve opusculum, quod de inceptione

nostri coenobii et fratrum ibidem Deo famulantium vita conscripsi

ipsaque dicta viro per omnia doctissimo Gozbaldo episcopo vel

approbanda seu refutanda commendavi.“ Diese Worte lassen kaum

daran zweifeln, daß die Vita Hariolfi gemeint ist, obgleich

von den Ellwanger Mönchen nur wenig darin vorkommt; es spricht

auch, wie Dümmler bemerkt, dafür die Stelle der Vita l. c. p.

11: „quis primus hujus loci cum Deo inceptor fuerit, quantique

viri Deo amabiles sub eo exstiterint“. Daß ein anderer Ermenrich

aus Reichenau zu derselben Zeit eine Geschichte dieses Klosters

verfaßt und ebenfalls an Gozbald gesandt haben sollte, ist

unglaublich.

[53] Das Sendschreiben ist vollständig zuerst herausgegeben von Dümmler

im Haller Preisvertheilungsprogramm von 1873, und bes. Abdruck. Es

ist voll von grammatischen Fehlern, die zum Theil vom Abschreiber

herrühren mögen. Vgl. M. Haupt im Hermes I, 403 und Dümmler in d.

Forsch. a. a. O.

In der Aufschrift dieses Briefes hat eine etwas spätere Hand zu dem

Namen Ermenrich das Wort Bischof gesetzt, und man hat deshalb nicht

ohne Wahrscheinlichkeit geschlossen, daß der Verfasser identisch ist

mit dem gleichnamigen Bischof von Passau, den Ludwig der Deutsche

867 zu den Bulgaren sandte, und dessen Tod am 26. Dec. 874 sich in

alamannischen Jahrbüchern und im Todtenbuche von Reichenau verzeichnet

findet[54].

[54] Dümmler, Piligrim von Passau S. 144.

Ermenrichs Name ist auch gemißbraucht in einer häßlichen Betrügerei,

dem angeblichen =Leben des h. Magnus=, eines der Genossen von Columban

und Gallus, von Theodorus, das bei der Uebertragung der Gebeine in der

Mitte des neunten Jahrhunderts in St. Magnus Grab soll gefunden sein.

Der Bischof Lanto von Augsburg soll dann den Ellwanger Mönch Ermenrich

veranlaßt haben, das kaum noch lesbare Denkmal zu erneuern. So wird

dort erzählt; die Art, wie Ermenrichs Name erwähnt wird, macht es aber

nicht wahrscheinlich, daß wirklich er selbst zu dieser Fälschung seine

Hand geboten habe. Dümmler vermuthet, Forsch. XIII, 475, daß doch etwas

daran sei und Ermenrich an der formalen Bearbeitung Theil habe, doch

bemerkt er selbst, daß die Legende nichts von dem ihm eigenthümlichen

Gepräge zeige. Ich halte die angebliche ältere Legende überhaupt

für leeres Vorgeben des Fälschers, welcher ein von den gröbsten

chronologischen Fehlern erfülltes Plagiat aus den Vitae Columbani und

Galli für das Werk eines Zeitgenossen ausgab[55].

[55] Mabillons treffliche Kritik ist bestätigt und ergänzt durch

Rettberg II, 147-151, wo Plac. Brauns Versuch, den zweiten

Theil zu retten, widerlegt ist. Für denselben sind neuerdings

eingetreten Fr. Pfeiffer, Freie Forschung S. 295 aus Germania

I, und Friedrich KG. II, 351-366. Das letzte Stück mit der

Translationsgeschichte MG. SS. IV, 382. 425-427. Ueber eine

jüngere Bearbeitung Archiv XI, 270. Nach einer Mittheilung

von Baumann ist dessen Ansicht, daß man bei der Erhebung der

Magnusreliquien um 851 im Kloster Füssen durch einen Ellwanger

Mönch die Volksüberlieferung, wie sie bis dahin sich entwickelt

hatte, niederschreiben ließ; in St. Gallen wollte man, als

die Magnuskirche um 890 gebaut wurde, auch eine Legende haben,

verwechselte ihn mit dem Maginold der Vita S. Galli und brachte

so den Wechselbalg zu Stande.

Auch Reichenau bezog wie Fulda seine Reliquien aus Italien, doch

scheint man damit wenig Glück gehabt zu haben. Die älteste dieser

Geschichten (=Miracula S. Genesii=) ist von Dr. A. Holder in Carlsruhe

in einem von Reginbert herrührenden Codex entdeckt, und von mir in der

Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins XXIV, 1-21 herausgegeben[56].

Sie berichtet von der Uebertragung der heiligen Genesius und Eugenius

aus Jerusalem durch den Grafen Gebahard von Treviso, der 798 seine

Boten aussandte, aber vor deren Rückkunft starb. Der heimkehrende

Diacon fand in Porto seinen Bruder, der den Grafen Scrot von Florenz[57]

nach Rom begleitet hatte; mit Einwilligung des Pabstes Leo erhält Graf

Scrot den rechten Schenkel des Genesius, während der Rest nach dem bei

Treviso dafür schon bereiteten Kloster gebracht wird. Graf Scrot aber

bringt seinen Theil in seine Heimath am Bodensee, und stiftet hier

das Kloster =Schienen=, welches durch Ludwig das Kind an Reichenau

gekommen ist. Da Wunder nicht ausblieben, veranlaßte Abt Erlebold

(822-838) einen ungenannten Mönch zur Aufzeichnung dieser denkwürdigen

Begebenheiten. Während nun aber von diesen Reliquien weiterhin nicht

mehr die Rede ist, behauptete man später in Reichenau, daß die ganzen

Leiber der hh. Senesius und Theopompus, welche in unklarer Weise an

die Stelle von Genesius und Eugenius getreten sind, 830 durch Bischof

Ratolf von Verona nach Radolfzell übertragen seien, da doch ganz

unbekümmert darum dieselben 911 von Treviso aus dem inzwischen durch

die Ungern zerstörten Kloster nach Nonantula übertragen wurden. Ebenso

wenig wollte man ihnen glauben, daß der heilige Valentin, von dem ihre

alten Annalen noch allein reden, der heilige =Marcus= selber sei,

welcher, wie sie behaupteten, in demselben Jahr 830 aus Venedig zu

ihnen gebracht sein sollte; und ihre eigene Erzählung läßt den Betrug

deutlich genug erkennen[58]. Den h. =Januarius= sollte, wie wir oben

S. 281 sahen, Kaiser Lothar selbst gebracht haben; davon verlautet

weiter nichts, dagegen aber ein Bericht, nach welchem ihn und seine

Genossen im Jahre 871 ein wackerer Reitersmann aus Schwaben auf einer

Heerfahrt unter Kaiser Ludwig II aus einer verödeten Kirche geraubt

und nach der Reichenau gebracht haben sollte. Man traute ihm aber dort

vermuthlich selbst nicht, da in jüngeren Handschriften anstatt ihrer

die h. =Fortunata= mit ihren Brüdern in derselben Erzählung erscheint.

Aber auch diese waren bereits 780 nach Neapel in das Nonnenkloster

des h. Gaudiosus übertragen, wo sie fortfuhren die schönsten Wunder

zu thun[59]. Unbestritten blieb den Reichenauern nur ein Krug von

der Hochzeit zu Cana, den ein griechischer Mönch ihnen aufgeschwatzt

hatte[60].

[56] Im Sanctgaller Catalog saec. IX bei Weidmann S. 385 erwähnt als

_Commemoratio de miraculis S. Genesii._ Als _Ex Miraculis S.

Genesii_ ed. Waitz, SS. XV, 169-172.

[57] Dieser wird, wie Dümmler bemerkt, bei Herrgott, Geneal. III,

832, als Wohlthäter von Reichenau erwähnt. Er erscheint im

Verbrüderungsbuch S. 294, col. 466.

[58] _Miracula S. Marci_ bei Mone, Quellens. I, 62-67: im Auszug MG.

SS. IV, 449-452. Vgl. auch Quellens. III, 135.

[59] Mone, Quellens. I, 232 cf. Acta SS. Sept. VI, 787. Auf Fortunata

und das Jahr 874 angewandt auch in der ersten Ausgabe dieses

Buches S. 150 aus 2 Münchener Handschriften, da ich sie für

ungedruckt hielt; vgl. Acta SS. Oct. VI, 456. Beide MG. SS. XV,

473, v. Holder-Egger.

[60] Auszüge aus der gänzlich fabelhaften _Vita Simeonis Achivi_ ed.

Waitz MG. SS. IV, 459. _Annales Aug. breviss._ 541-817 ib. III,

136 sind ohne Werth.

Sehr deutlich tritt uns in diesen Geschichten die lebhafte Verbindung

mit Italien entgegen, welche in hohem Grade anregend wirken mußte[61];

Reichenau lag gerade an einer der besuchtesten Pilgerstraßen nach

Rom, und auch Schottenmönche werden nicht gefehlt haben, wenn sie

auch in Reichenau selbst kein Andenken hinterlassen haben. Dagegen

wurde in =Rheinau= gegen das Ende dieses Jahrhunderts das Leben eines

Schottenmönches, des h. =Findan=, aufgezeichnet († 878), welches für

das Treiben dieser fremden Pilger charakteristisch und durch einige

Stellen in irischer Sprache merkwürdig, übrigens aber sehr fabelhaft

und geschichtlich wenig bedeutend ist[62]. Größerer Ruhm ist dem h.

=Meginrat= zu Theil geworden, dessen Leben, wie aus dem Alter der

Handschriften hervorgeht, schon im zehnten Jahrhundert ein Reichenauer

Mönch beschrieben hat[63]. Er wurde nach dessen Bericht in Reichenau

von Erlebold unterrichtet, und als dieser als Abt auf Heito folgte,

als Mönch eingekleidet. Der Abt schickte ihn nach einer Reichenauer

Zelle am Züricher See, nach der Tradition Bollingen, um da Schule zu

halten. Er aber ging statt dessen als Eremit ins Gebirge, wo Räuber

ihn 861 erschlugen. Das noch jetzt blühende Kloster Meinradszell oder

Einsiedeln bewahrt sein Andenken.

[61] Vgl. darüber das schöne Werk des Prof. F. Adler: Baugeschichtliche

Forschungen in Deutschland. I. Die Kloster-und Stiftskirchen

auf der Insel Reichenau, Berlin 1870 folio. Marmor: Kurze

Geschichte der kirchlichen Bauten und deren Kunstschätze auf der

Insel Reichenau, Konstanz 1873. Der Text ist selbst für einen

praktischen Arzt zu schlecht.

[62] _Vita Findani_ ed. Holder-Egger, SS. XV, 502-506. Vgl. Zeuss,

Gramm. Celt. ed. II, p. 1003.

[63] _Vita S. Meginrati_ ed. Holder-Egger, SS. XV, 444-448.

Fast überall finden wir theils die ascetische, theils die formale

Richtung vorherrschend in der Litteratur dieser Zeit, den historischen

Sinn aber noch wenig entwickelt.

Doch fehlte es auch in St. Gallen und Reichenau nicht ganz an Annalen.

Die in ihrem älteren Theil aus Murbach stammenden =Annales Alamannici=

(oben S. 147) enthalten 802-858 dürftige Reichenauer Notizen; 860-926

werden sie mit zunehmender Reichhaltigkeit in St. Gallen fortgesetzt.

Die aus denselben Annalen entnommenen =Annales Sangallenses breves=

708-815[64] gewährten den Anfang (bis 791) der =Annales Augienses=,

welche bis 939 in Reichenau fortgesetzt wurden. Sie waren auf den Rand

der Ostertafeln geschrieben, welche =Reginbert= in seine oben S. 276

erwähnte historisch-mathematische Sammlung aufgenommen hatte, die er

von 820 bis gegen sein Todesjahr 846 zusammengebracht hat. Diese jetzt

verlorene Handschrift benutzte Hermannus Contractus. Für Friedrich von

Mainz abgeschrieben, wurde sie zu 937 mit einer Notiz über Friedrichs

Weihe, 953, 954 mit Aufzeichnungen des Erzbischofs Wilhelm vermehrt;

benutzt wurde diese Handschrift vom Fortsetzer des Regino, von Marianus

Scottus, und nebst den eingehefteten Annales S. Albani vom Verfasser

der Disibodenberger Annalen[65]. Wir finden ferner die Annales Augienses

bis 939 benutzt in den Annales Colonienses, jedoch so, daß einzelne

Eintragungen vielmehr auf die Ann. Alamannici, Sangallenses und Hermann

deuten, wodurch die Vermuthung entsteht, daß eine reichhaltigere

Aufzeichnung allen zu Grunde liegt[66].

[64] Edd. Ild. v. Arx et G. H. Pertz, MG. I. 63-66; ed. Henking,

St. Gall. Mitth. XIX, 220-223. Local, aber sehr dürftig sind

(MG. I, 69. 70), die _Annales brevissimi Sangallenses_ 768-889

(ed. Henking, ib. p. 206 bis 209; Vf. nach S. 208 =Albrich=)

und 814-961 (ib. S. 210-212), während die Fortsetzung der _Ann.

S. G. Baluzii_ (oben S. 141) 768-814 allgemeiner Art ist. Kurze

Aufzeichnungen an Ostertafeln 690-856 ed. Dümmler, NA. V, 428.

[65] S. die berichtigte Ausgabe von Jaffé, Bibl. III, 700-706.

[66] Ecclesiae Colon. Codd. p. 127. Mit dieser beschäftigt sich W.

Erben, NA. XVI, 613 ff.

Auch in der Bischofstadt =Augsburg= war ein gelehrter und

ausgezeichneter Bischof, =Adalbero= (887-910), der Erzieher Ludwigs

des Kindes, ein vertrauter Freund der Sanctgaller Lehrer, und ohne

Zweifel derselbe, welchem Regino, der seiner mit großem Lobe gedenkt,

seine Chronik widmete; wir haben eine Biographie von ihm, sie ist aber

erst im zwölften Jahrhundert von Udalschalk geschrieben und gewährt uns

keine Belehrung[67].

[67] S. unten IV § 8. Ueber Adalbero's Besuch in St. Gallen 908 und

seine reichen Schenkungen s. das Verbrüderungsbuch S. 15. Jul.

Hans, Beiträge zur Geschichte des Augsburger Schulwesens in der

Zeitschrift des hist. Vereins f. Schwaben u. Neuburg II, 1 (1875)

stellt die dürftigen Nachrichten darüber zusammen.

Im =Elsass= beschrieb ein ungenannter Mönch von =Neuweiler= bei

Zabern die Uebertragung des Bischofs =Adelphus= von Metz, den ihnen

Erzbischof Drogo abgelassen hatte, mit Wundern, worin viele Ortsnamen

vorkommen[68].

[68] _Translatio et Miracula S. Adelphi_ ed. L. v. Heinemann, SS.

XV, 293-296, mit einem Wunder von 1198 aus der Fehde zwischen

Heinrichs VI Bruder Otto u. B. Conrad v. Straßburg.

§ 19. Baiern und Franken.

Baiern, wo schon unter den Agilolfingern eine rege litterarische

Thätigkeit begonnen hatte, zeigt auch in diesem Abschnitte Spuren

derselben, und es wird an geschichtlichen Aufzeichnungen in den

zahlreichen und blühenden Klöstern des Landes nicht gefehlt haben,

obgleich im ganzen die Bedürfnisse des praktischen Lebens, der

Geschäftsthätigkeit und des Schulunterrichts die Kräfte überwiegend

in Anspruch nahmen. Doch ist in den Verheerungen des Landes durch die

Ungern ohne Zweifel vieles zu Grunde gegangen.

In =Freising= zeugen die zahlreichen grammatischen Handschriften

aus dem neunten und zehnten Jahrhundert[1] von eifrigen Studien.

Nach Aribo, dessen wir schon früher gedachten, machte sich hier der

Bischof =Hitto= (810-835) sehr verdient; er veranlaßte seinen Notar

=Cozroh=, das höchst schätzbare Traditionsbuch der Kirche anzulegen,

welches von demselben unter seinem Nachfolger Erchanbert (bis 853)

fortgesetzt wurde[2]. An seinem Bischofsitz gründete Hitto das Kloster

=Weihenstephan=, dem er aus Rom 834 den h. Alexander zuführte; die

von einem Genossen dieser Uebertragung in recht gutem Latein und nicht

ohne Kenntniß profaner Autoren verfaßte Geschichte derselben habe ich,

von Dümmler darauf aufmerksam gemacht, herausgegeben[3]. Wenig später

hielt dort der Pfalzgraf =Timo= Gericht, wobei sein Hund den Frevel

beging, aus dem heiligen Quell zu trinken. Rascher Tod war die Strafe,

und dieses Wunder feiert ein Gedicht, welches merkwürdig ist durch

Beschreibung des Gerichtsverfahrens, der strengen Justiz, die dort

geübt ward, und durch sehr entschiedene Bekämpfung der Ordalien[4]. Als

man es im 11. Jahrhundert von der Rolle, auf welche es geschrieben war,

in ein Buch übertrug, war leider der Anfang derselben schon beschädigt

und verloren. Auch Bischof Anno (854 bis 875) ließ ein Werk für die

Bibliothek abschreiben[5]; Waldo (884 bis 906), ein Bruder Salomons

III von Constanz, zeichnete sich durch seine wissenschaftliche Bildung

aus, und scheint auch als Bischof in dieser Richtung thätig gewesen zu

sein[6].

[1] B. Pez. Thes. I, Praef. p. XXVII.

[2] Meichelb. Hist. Fris. I, 1, 115. 116. Jos. Zahn im Archiv d.

W. Ak. XXVII., 200 f., wo auch K. Roths Arbeiten über Cozroh

aufgezählt sind. MG. SS. XXIV, 314 seine Vorrede, p. 316 Notae

de privilegiis. Ausserdem ließ Hitto viele theologische Schriften

für die Bibliothek abschreiben.

[3] SB. d. Berl. Akad. 1884, Dec. 4. MG. SS. XV, 286-288. Andere

schlechtere Hs. NA. XIII, 584.

[4] Neue Ausgabe von Dümmler, Poet. Lat. II, 120-124.

[5] Cod. lat. Mon. 6262, s. Catal. I, 3, 81.

[6] S. Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 154. Müllenhoff und

Scherer S. 297. 451 (3. Ausg. II, 90. 335) und oben S. 275. Der

Priester Sigihard schrieb für ihn den Otfrid ab.

In =Regensburg= war =Baturich= (817-848) Bischof und Abt zu St.

Emmeram, zugleich Erzcaplan des Königs, ein geborener Baier, der in

Fulda Hrabans Unterricht genossen hatte, und durch die Besorgung

von Abschriften kirchlicher Werke seinen wissenschaftlichen Eifer

bewies[7]. Schon unter Ambricho (864-899) begann hier =Anamod= die

Urkunden über Schenkungen an das Kloster St. Emmeram zu sammeln, und

eignete das vollendete Werk dessen Nachfolger Aspert (891-893) zu,

welcher Kaiser Arnulfs Kanzler gewesen war[8]. Hier verwahrte man auch

jene merkwürdige Aufzeichnung über die Gaue der Slaven, bekannt als

=Geographus Bawarus=, welche aus einer Handschrift von St. Emmeram

durch Hormayr zuerst bekannt gemacht ist[9].

[7] Dümmler, Ostfr. II, 433. Müllenhoff und Scherer S. 448. 460. (II,

331. 344.) Facs. des Cod. lat. Monac. 14,468 a. 821. Palaeograph.

Soc. 122; von 14,437 a. 823 ib. 123; 14,288 schenkte ihm Hiring.

Eine _Benedictio Dei_ betitelte Schrift über den Gebrauch der

Psalmen, mit einer Vorrede an Baturich, Bibl. Patr. Lugd. XXVII.

Suppl. Migne CXXIV, 1399. K. Ludwig ertauschte später für seine

Kapelle von der Regensburger Kirche den Cleriker Gundpert wegen

seiner litterarischen Bildung, B. Pez Thes. I, 3, 199. Die

unbedeutenden Annalen s. oben S. 149.

[8] Ueber ihn S. Dümmler, Ostfr. III, 482. Der Codex Traditionum gedr.

bei B. Pez Thes. I, 3, 191-286; Migne CXXIX, 900. Vgl. Bretholz,

Die Traditionsbücher von St. Emmeram, Mitth. d. Inst. XII, 1

ff. (NA. XVI, 648). S. auch Karl Roth, Tauschverträge der Abtei

Sanctemmeram (Beitr. IV. 1865), wo S. 42-46 _Cat. abb._, S. 47-50

_Cat. epp. Ratisponensium_; alii SS. XIII, 359. Ein Distichon mit

Lob des Bischofs Tuto (894-930) NA. I, 185.

[9] Archiv für österreichische Geschichte 1827, S. 282. Boczek Cod.

Dipl. Moraviae I, 67. Zeuß, die Deutschen und die Nachbarstämme

S. 600. Bielowski's Monumenta Poloniae I, 10. Die Hs. ist Cod.

lat. Monac. 560 saec. XI. Facs. bei Schiemann, Rußland etc. (Berl.

1886) zu S. 29.

In =Nieder-Altaich= und =Würzburg= wird =Gozbald= (841 bis 855), einst

Erzkanzler Ludwigs des Deutschen und immer in hoher Gunst bei ihm,

ein gelehrter Mann, den Ermanrich von Ellwangen seinen Lehrer nennt,

ohne Zweifel die Studien befördert haben, wenn uns auch nichts darüber

bekannt geworden ist. Einer Handschrift von Nieder-Altaich verdanken

wir jene geschichtlich wichtige, wenn auch in der Form verwilderte

Fortsetzung der Fulder Annalen von 882-901, welche in Baiern, aber

schwerlich in einem Kloster, geschrieben ist[10]. Für seine Kirche in

Isarhofen bei Nieder-Altaich erbat Gozbald von Gregor IV die Gebeine

der Märtyrer Agapitus und Felicissimus, und vielleicht ist es ihre

Translation, wovon sich ein Fragment erhalten hat, merkwürdig durch die

Erwähnung der Aufschriften des P. Damasus „rotundis litteris“ und der

von Karl dem Großen gestifteten Schola Francorum in Rom[11].

[10] S. oben S. 229. 230. Ueber Gozbald Dümmler, Ostfr. II, 428.

Forsch. VI, 122. Handschriften, die er für seine Kirche schreiben

ließ, sind jetzt in Oxford, s. Zangemeister, Wiener SB. LXXXIV,

59. 61; Facs. von Aug. de civ. Dei Pal. Soc. II, 67. 68. Eine

andere in Würzb. s. Schepss in Briegers Zts. f. Kirchengesch.

1886, S. 458, Anm. Seinem Vorgänger Humbert von Würzburg (832-841)

widmete Hraban den Commentar zu den Büchern der Richter und

Ruth; auch er ließ eine Hs. abschreiben. Der Nachfolger Arn wird

Gozbalds Schüler genannt; s. über ihn Dümmler Ostfr. II, 430,

und denselben Forsch. VI, 123 über die gelehrten, aber nicht der

Geschichte zugewandten Studien in Würzburg.

[11] NA. XIII, 295.

Zum Würzburger Sprengel gehört Laufen am Neckar, wo man S. =Reginswind=

verehrte, Tochter des Markgrafen Ernst, welche als siebenjähriges

Mädchen 837 von ihrer Wärterin aus Rache im Neckar ertränkt sein

soll; ihre sagenhafte Geschichte ist aber erst im zwölften Jahrhundert

aufgezeichnet[12].

[12] _V. Reginswindis_ Acta SS. Jul. IV, 90-96. MG. SS. XV, 359.

In =Eichstedt= ließ B. =Erchanbald= (882-912) nicht nur viele Bücher

abschreiben, sondern er veranlaßte auch den Priester =Wolfhard=,

das Leben der h. =Walburga=[13] zu schreiben, deren Reliquien er 893

nach Monheim übertragen hatte, der Schwester Willibalds -- eine der

zahlreichen Aufzeichnungen solcher Art, welche diese Zeit mit ihrer

immer wachsenden Heiligenverehrung hervorbrachte, weniger durch

geschichtlichen Sinn als durch das Bedürfniß einer Legende veranlaßt

und mit Wundergeschichten ausgestattet. In ausgedehntestem Maße sorgte

aber Wolfhard für die Befriedigung dieses Bedürfnisses durch das

ebenfalls auf Veranlassung des Bischofs Erchanbald von ihm gesammelte,

schon früher (S. 61) erwähnte große Legendarium.

[13] Acta SS. Feb. III, 523. Mab. III, 2. 787. Vgl. den Anon. Haser.

c. 3. 10, MG. SS. VII, 255. 256. Rettberg II, 359. Die 893

beginnenden Mirakel sind geschichtlich nicht unwichtig. Ausg. v.

Holder-Egger, MG. SS. XV, 535-555.

Die =Passauer= Kirche erwarb 904 durch Tausch die ansehnliche

Bibliothek des Landbischofs Madalwin[14]; vielleicht auf =Ermenrich=

zurückzuführen ist das vorzüglich aus Hrabans Schriften geschöpfte

Lehrbuch, welches sich in einer Tegernseer Handschrift erhalten hat[15].

Einem Abt =Engilmar=, den er als „venerabilis doctor et grammaticae

rethor“ bezeichnet, widmete ein ungenannter Verfasser in ziemlich

mangelhaften Versen eine Versification der Vita S. Herasmi; vielleicht

könnte dieser später Bischof von Passau geworden sein, wo wir von

874-899 einen Engelmar finden[16].

[14] Mon. B. XXVIII, 2, 200-203.

[15] Einige Formeln mit der Ueberschrift _Epistolae Alati_ ed.

Rockinger, Quellen zur baierischen Geschichte VII, 169-185,

cf. 21-29, und E. de Rozière, Revue hist. de droit français et

étranger, IV; Zeumer, Form. S. 456 ff. Nach Passau weist die

bischöfliche Kirche des heiligen Stephan. Vgl. Müll. u. Scherer,

3. Ausg. II, 355.

[16] Dümmler, NA. V, 429.

Aus =Salzburg= endlich ist uns, außer urkundlichen Aufzeichnungen

und der Erzählung von der =Uebertragung des h. Hermes=[17] aus Rom vom

Jahre 851, ein überaus werthvolles Denkmal erhalten, eine Denkschrift,

welche durch die Errichtung eines selbständigen mährischen Erzbisthums

veranlaßt, vermuthlich 870 verfaßt wurde[18], in demselben Jahr, in

welchem die Verfolgung gegen Methodius begann. Die Verdienste und

Berechtigungen der Salzburger Kirche sollten darin dargestellt werden,

und wie billig steht an der Spitze das Leben des h. =Rupert= (oben

S. 122). Die weitere Erzählung stützt sich durchweg auf Urkunden

und andere Aufzeichnungen der Kirche, es ist mehr eine rechtliche

Deduction, als ein eigentliches Geschichtswerk, und weil der Verfasser

sich streng auf das beschränkt, was für seinen Zweck von Wichtigkeit

war, anderes, wie namentlich die ganze Wirksamkeit des Bonifaz, völlig

mit Stillschweigen übergeht, genügt die Schrift unseren Wünschen nicht,

aber was sie giebt, ist unschätzbar, und bei dem fast gänzlichen Mangel

anderer Quellen über die Verhältnisse dieser südöstlichen Lande, bei

dem Verlust der Annalen, von denen nur geringe Reste übrig geblieben

sind, ist jedes Wort des Verfassers von hohem Werth für uns[19].

[17] _Translatio S. Hermetis_, ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 410. Auch

in Bamberg glaubte man den h. Hermes zu besitzen, V. Ott. II, 14

bei Jaffé, Bibl. V, 639.

[18] Ich lasse dahingestellt, ob sie, wie ich annahm, für den König

bestimmt war, oder für den Pabst, wie Dümmler, Ostfr. II, 379,

aufrecht hält, ungeachtet der gänzlichen Verschweigung aller

päbstlichen Anordnungen. Sicher ist sie ihrer Form nach nicht an

den Pabst gerichtet.

[19] Ausgabe von Wattenbach, MG. SS. XI, 1-17, mit den Computationes

saec. XII. de tempore S. Rudberti, auf welchen die fehlerhafte

sogenannte Tradition beruht. Ueber das Fehlen einer älteren

Tradition s. auch Meiller, Salzb. Regesten, S. 439. Wie Dümmler

bemerkt, ist der erste, von mir übersehene Herausgeber Flacius

Illyricus, Catalogi testium veritatis (1597) II, 121-129 aus der

Wiener Handschrift hist. eccl. 73. Wegen der weiteren Litteratur

begnüge ich mich, auf die 2. Aufl. von Dümmlers Ostfr. zu

verweisen. Nach Jar. Goll, Mitth. d. Inst. XI, 443 bis 446, hätte

er seine Angaben über Samo nur aus Fredegar geschöpft, ohne locale

Tradition.

Unter den Nachfolgern des ersten Erzbischofs Arn wird =Adalram=

(821-836) sehr gepriesen, und =Liuphram= (836-859) folgte Arns Vorgang,

indem er durch Abschriften die Bibliothek zu bereichern bemüht war[20].

Aus seiner Zeit stammt auch eine Sammlung, in welcher formelartig

zugerichtete Briefe Alcuins, die meistens an Arn gerichtet waren,

mit allerlei Versen verbunden sind, nach Dümmlers Ansicht für den

Zweck des Unterrichts bestimmt[21]. Am Anfang stehen Verse von Dungal

an einen „clarus magister“ Baldo, von welchem man in Salzburg auch

eine Handschrift hatte mit der Inschrift: „Hunc humilis librum fecit

perscribere Baldo, Reddat in aeternum mitis cui praemia Christus“.

Aehnliche Verse finden wir in den Unterschriften der von Liuphram

besorgten Bücher. Mit Dümmler hatte ich diesen Baldo für den Abt Waldo

von Saint-Denis gehalten, aber später hat Dümmler sich mit Foltz[22]

für eine Unterscheidung beider Personen ausgesprochen, wofür sich auch

Traube erklärt[23], und es wird, wenn Baldo damals in Salzburg thätig

war, vielmehr anzunehmen sein, daß wir unter Dungal nicht den alten

berühmten Lehrer (oben S. 153) verstehen dürfen. Auch König Ludwig

dankte ihm in Versen für übersandte Schriften, wünschte aber über die

zuletzt erhaltenen, die er nicht verstehen könne, Aufschluß. Andere

Stücke jener Sammlung verherrlichen den alten Bischof Virgilius,

Arn, Adalram, Liuphram; eine besondere Classe stellt sich uns dar als

Inschriften für einen Bischofshof, der vermuthlich damals (zwischen

855 u. 859) in Salzburg gebaut wurde, und erinnert dadurch an die oben

S. 266 erwähnten Lütticher Gedichte, wie denn auch hier (III, 11)

der Dichter sich als einen armen Fremdling bezeichnet; es liegt die

Vermuthung nahe, daß Genossen jener Lütticher Schottencolonie auf ihrer

Reise nach Mailand in Salzburg einige Zeit sich aufgehalten haben. Die

einzelnen Suffragane gaben, wie es scheint, verschiedenen Hallen ihren

Namen, deren Wände mit Darstellungen ihrer Bischofsitze geschmückt

sein mochten, und hier waren auch Verse über die Folge dieser Bischöfe

angebracht, welche aber bei Passau und Saeben nicht vollständig

ausgeführt sind[24].

[20] S. darüber Karl Foltz, Geschichte der Salzburger Bibliotheken,

Wien 1877.

[21] Beiträge zur Geschichte des Erzb. Salzburg, Archiv der Wiener Ak.

XXII, 279-304. Die Verse bei Traube, Poet. Lat. III, 238.

[22] a. a. O. S. 13: vgl. Dümmler, Poet. Lat. I, 412.

[23] O Roma nobilis, S. 336.

[24] _Versus de ordine comprovincialium episcoporum_ bei Dümmler

a. a. O. S. 283-285. MG. SS. XIII, 341-343. Poet. Lat. II, 637-648

mit anderen Versen der Sammlung. Vielleicht rühren jene aus Karls

d. Gr. Zeit her, und wurden nur fortgesetzt; dann hätten wir

Erneuerung älterer Darstellungen anzunehmen.

§ 20. Frankreich.

Der Vertrag von Verdun besiegelte die politische Theilung des

karolingischen Reiches, aber er zerstörte nicht die Gemeinsamkeit der

litterarischen Entwickelung. Diese beruhte, besonders in Deutschland

und Frankreich, Jahrhunderte lang ausschließlich auf der Geistlichkeit,

die von dem Gefühl erfüllt war, eine große Corporation zu bilden,

deren Mitglieder in den verschiedenen Ländern sich, wie noch heute,

einander näher verbunden fühlten als mit den Laien ihres Volkes.

Dieses Gefühl der Gemeinschaft tritt auch in späterer Zeit häufig

außerordentlich stark hervor; ganz besonders lebhaft aber war es, so

lange die Karolinger herrschten, und die Erinnerung an die Einheit des

Kaiserreiches noch die Gemüther erfüllte. In der Litteratur sind es

jedoch die kirchlichen Fragen, in denen die Gemeinsamkeit der Bildung

wie der Interessen sich vornehmlich zeigt; die überaus reiche und

bedeutende theologische Litteratur des neunten Jahrhunderts läßt sich

gar nicht getrennt behandeln. In der historischen dagegen verhält es

sich anders; diese wird naturgemäß von der politischen Trennung weit

stärker berührt und sondert sich rascher in verschiedene Zweige. Alles

was die Localgeschichte betrifft, gewinnt nur noch in einzelnen Fällen

Bedeutung für das Nachbarland; die bedeutenderen Werke allgemeiner

Art aber dürfen nicht außer Acht gelassen werden, und bei der engen

Verbindung der karolingischen Theilreiche finden wir in diesen immer

auch die Nachbarländer, wenn nicht gleichmäßig, so doch mit wenig

geringerer Sorgfalt berücksichtigt, als das eigene. Vor allem gilt das

von der Reichshistoriographie der =Annalen=. Wie die Fulder Annalen

auch für Frankreich von Wichtigkeit sind, so die =Bertinianischen=[1]

für Deutschland.

[1] _Annales Bertiniani_ ed. Pertz, MG. SS. I, 419-515. Neue Ausg.

v. G. Waitz, Hann. 1883, 8; vgl. dens.: Ueber die Ueberlieferung

der Ann. Bertiniani, Berl. SB. 1883, S. 113-121. Benutzt sind

außer den Hss. das Chron. Vedastinum, Cont. Aimoini, der einige

Zusätze von zweifelhaftem Ursprung hat, Ann. Mettenses, über deren

jetzt in Berlin befindl. Hs. ich NA. XVI, 607 berichtet habe.

Wenig Hülfe bietet das fast ganz aus Ann. Bertin. u. Vedastini

geschöpfte _Chronicon de gestis Normannorum in Francia_, MG. I,

532-536, in ganz unbestimmter Zeit in St. Omer verfaßt. Uebers.

der Ann. Bertin. v. Jasmund 1857. 1890. Geschichtschr. Bd. 24 (IX,

9).

Die alten Reichs-Annalen bilden für beide Reiche gleichmäßig den

Ausgangspunkt; während man aber am ostfränkischen Hofe diese Aufgabe

erst nach einiger Zeit wieder aufnahm, trat im westlichen Franken keine

Unterbrechung ein, und wir finden schon in den Jahren 830-835 eine

gleichzeitige Fortsetzung. Das Kloster St. Bertin hat nur deshalb den

Namen dazu hergegeben, weil diese Annalen zuerst aus einer Handschrift

desselben bekannt wurden; sie tragen einen durchaus universellen

Charakter und haften an keinem bestimmten Orte.

Die Hofschule bestand unter Ludwig dem Frommen, wie unter seinem

Vater. Der Irländer Clemens setzte seine Wirksamkeit fort, und von

Alderich und einem sonst unbekannten Thomas, den Walahfrid preist,

ist es, wenn auch nicht sicher, doch wahrscheinlich, daß sie eine

ähnliche Stellung hatten[2]. Walahfrids Berufung an den Hof bezeugt

ebenfalls die Beachtung litterarischer Talente. Die Verdienste der

Kaiserin Judith in dieser Beziehung waren schon wiederholt zu erwähnen.

An Karls des Kahlen Hof glänzte Johannes Scotus[3]. Ihm widmete auch

ein unbekannter Autor ein geographisches Werk, welches ganz aus

Stellen alter Schriftsteller zusammengesetzt, und ein Zeugniß für

die eifrig betriebenen Studien in jener Zeit ist[4]. Seine Sorge für

wissenschaftliche Bildung wird gerühmt, und zu seiner Zeit wird Manno

als Vorsteher der Hofschule genannt, welcher als Probst von Saint-Oyan

(später Saint-Claude) im Jura am 16. Aug. 880 gestorben ist, nachdem

er diesem Stifte mehrere noch jetzt erhaltene Handschriften dargebracht

hatte[5].

[2] Simson, Ludwig d. F. 256-261; vgl. Dümmler, Hist. Z. XXXVII, 134.

Ostfr. III, 651. 652.

[3] Reuter, Gesch. d. Aufklärung I, S. 51-64.

[4] Anonymi de situ orbis libri duo, ed. M. Manitius, Stuttg. 1884.

Der Prolog NA. IV, 176.

[5] „Voto bonae memoriae Mannonis liber ad sepulcrum sancti Augendi

oblatus.“ S. Dümmler, Ostfr. III, 652. Probst war er schon 870.

Ueber seinen Collegen Joseph s. unten S. 300. Merkwürdige Verse

und Briefe aus Karls d. K. Zeit, worin auch Manno erwähnt wird,

NA. XIII, 343 bis 357, von Dümmler.

In dieser Schule ist auch der Spanier Galindo ausgebildet, welcher

den Namen =Prudentius= annahm[6]; ein vornehmer Jüngling, welcher

frühzeitig ins Frankenreich gebracht war. Aus dieser Zeit, noch vor

817, haben sich an ihn gerichtete Verse eines unbekannten Dichters

erhalten, leider nur theilweise verständlich[7]. Theodulf, Clemens

und Thomas werden darin erwähnt. Als die Kaiserin Judith sich einst

in Gefahr befand, hat er für sie auf ihren Wunsch Flores psalmorum

zusammengestellt[8]. Die Verse Walahfrids _ad Prudentium magistrum_

(oben S. 280) werden doch wohl sicher an denselben Galindo gerichtet

sein, welcher zwischen 843 und 846 Bischof von Troyes geworden, am 6.

April 861 gestorben ist. Von ihm selbst haben wir Verse aus einem von

ihm seiner Kirche gewidmeten Evangelienbuch, und kirchliche Schriften.

[6] Ebert II, 267, u. S. 365-368 über die Annalen. Dümmler, NA. IV,

314.

[7] Poet. Lat. I, 579. Daß der Verf. Prudens geheißen, widerlegt L.

Traube, Karol. Dicht. S. 65, u. gibt Verbesserungen zum Text.

[8] Poet. Lat. II, 701. Der Prolog gedruckt bei A. Mai, Nova Coll.

IX, 369.

Dieser Prudentius wird von Hincmar als der Fortsetzer der Annalen

genannt, auch 861 von ihm der Tod desselben mit scharfem Tadel seiner

in den letzten Jahren ketzerischen Haltung angemerkt. J. Girgensohn[9]

hat sich bemüht zu erweisen, daß der Inhalt der Annalen genau zu

dem stimmt, was wir von Prudentius wissen, indem er 835-840 dem

alten Kaiser treu ergeben ist, bis 853 Karls des Kahlen Handlungen

bestmöglichst zu beschönigen sucht, nach der Synode von Quierzy aber,

wo er die seiner früheren Lehre widerstreitenden Artikel unterschreiben

mußte, auch rücksichtslosen Tadel nicht scheut. Der Brief Hincmars,

welcher allein uns die Kunde von Prudentius Autorschaft erhalten

hat, zeigt zugleich, daß die Urschrift des Werkes, welches schon

Vielen bekannt geworden war, sich in des Königs Händen befand, und

bestätigt dadurch den officiellen Charakter desselben. Nur darf

man nicht vergessen, wie selbständig die Bischöfe Frankreichs ihrem

Könige gegenüber standen, und es ist deshalb nicht zu verwundern, daß

Prudentius seine eigene Meinung mit einer Entschiedenheit ausspricht,

welche Rudolf von Fulda ganz fern liegt. Noch weit unabhängiger

erscheint die Fortsetzung, welche der Erzbischof =Hincmar= von Reims

bis zum Jahre 882, dem Jahre seines Todes, fortgeführt hat. Sie bietet

uns die Reichsgeschichte aus dem Standpunkte des Verfassers, des

bedeutendsten Staatsmannes im Reiche Karls des Kahlen, der unablässig

bis an seinen Tod für das Wohl des Reiches und die Selbständigkeit

der westfränkischen Kirche auch gegen König und Pabst gearbeitet

und gekämpft hat, nicht immer mit redlichen Mitteln allein, obgleich

freilich Schrörs (S. 307, 507-512) ihn von dem Verdachte zu befreien

sucht, daß er zur Erreichung seiner Zwecke auch Fälschungen und

Erdichtungen nicht verschmäht habe; ein sicheres Beispiel kecker

Fälschung hat Krusch in der Vita Remigii nachgewiesen[10]. Sicher aber

sind seine Annalen von solchen Flecken rein, wenngleich an manchen

Stellen nicht frei von Parteilichkeit, und als die hervorragendste

Geschichtsquelle dieser Zeit zu betrachten[11].

[9] Prudentius und die Bert. Annalen, Riga 1875. Vgl. die Rec. von

F. Dahn in Lit. Centralblatt 1876 S. 848. Baehr S. 453-456. C.

v. Noorden, Hincmar S. 152. Sein Latein ist mangelhafter, als man

von Pr. erwarten sollte. Aber auch Hincmar hat auf die Form wenig

Sorgfalt verwandt.

[10] Auctt. antt. IV, 2, p. XXII, anerkannt v. Dümmler, Ostfr. III,

683.

[11] Als Verfasser der Annalen nennt ihn Richer im Prolog seiner

Geschichte. Ueber deren Glaubwürdigkeit v. Noorden S. 153.

E. Büchting, Glaubwürdigkeit Hincmars v. R. im 3. Theil der

Ann. Bert. Hall. Diss. 1887. -- Hincmari Opuscula et epp.

ed. Cordesius, Par. 1615, 4. Opera ed. Sirmond 1645, f. Neuer

Abdruck bei Migne Vol. CXXV. CXXVI. Seine Gedichte Poet. Lat.

III, 406-420. Verz. bei Schrörs, S. 512-588. Zwei neue entdeckte

hat Gundlach herausgegeben, Zts. f. Kirchengesch. X, S. 92-145.

258-310, das Gutachten gegen Rothad, Schrörs n. 134, und die erste

Schrift gegen Gotschalk (849 od. 850) an die „filii simplices“

seiner Gemeinde. Vgl. C. v. Noorden, Hincmar Erzb. v. Rheims

1863, rec. von Wenck, Hist. Zts. XI, 222, von Dümmler im Litt.

Centralbl. 1864 Sp. 1197. Dümmler, Ostfr. III, 210-213; auch NA.

IV, 536-538. Heller, Allg. D. Biogr. XII, 438-456. Schrörs, H. v.

R. Sein Leben u. seine Schriften, Freib. 1884, rec. v. Dümmler

im Centralbl. 1884, Sp. 1197. In diesen Werken sind auch die

übrigen geschichtlich wichtigen Schriften Hincmars besprochen

und ausgebeutet. Seine für Karlmann geschriebene Darstellung der

Regierungsweise Karls des Großen ist oben S. 252 erwähnt. Vgl.

Dirksen, Hinterlassene Schriften II, 130-841: H. als Kenner der

Quellen des römischen Rechts. Hincmar befahl seinem Clerus 852

§ 8, den compotus d. h. die Osterberechnung zu lernen (Marlot,

Hist. Rem. I, 418). Damit verbindet Bock bei Weiß, K. Alfred S.

31, die Inschrift bei Varin, Archives admin. de Reims I, 334,

wonach der Probst Sicfarius von Saint-Remi, der kurz vor Hincmar

dem Kloster vorstand und Gregors Moralien abschreiben ließ, eine

Schule baute: „_Huic claustro pollent studio loca compotis apta_“

etc. _Compotis_ als Gen. nach Traube, O Roma p. 373. 847 war

Sigloardus presb. caput scholae S. Remensis ecclesiae, Marlot

I, 390. Polyptyque de l'abb. de St. Remi ed. Guérard p. 57. --

Geschichtlich wichtig sind auch die Parteischriften: _Narratio

clericorum Remensium, qualiter Ebbo Rem. archiep. depositus, mox

restitutus ac iterum dejectus est_, bei Duchesne II, 340. Bouquet

VII, 277, und _Apologeticon Ebbonis_, Bouquet VII, 281. -- Die

_Translatio S. Remigii_, der 882 wegen der Normannen nach Epernai,

von da nach Orbais, 883 von Fulco zurückgebracht wurde (Acta SS.

Oct. I, 170) enthält fast nichts, was nicht auch bei Flodoard

steht. Die griech. Verse im cod. Laudun. 444 sind an Hincmar von

Laon gerichtet nach L. Traube, O Roma nob. p. 363.

Von dem einflußreichsten, nur vorübergehend bei Seite gedrängten

Staatsmanne herrührend, unterscheiden Hincmars Annalen sich noch

wesentlich von einfachen Privatarbeiten; mit seinem Tode versiegte

in Frankreich noch früher als in Deutschland diese Art der

Geschichtschreibung, wie denn auch der Verfall des Reiches hier noch

rascher und unaufhaltsamer eintrat.

Allein in ganz ähnlicher Weise, wie wir in Deutschland neben den

Reichsannalen die Jahrbücher von Xanten finden, wie auch nach dem

Uebergange der amtlichen Geschichtschreibung an die Baiern die

Jahrbücher von Fulda unabhängig aus freiem Antriebe weiter fortgesetzt

wurden, so stehen auch in Frankreich den Annalen Hincmars die

Jahrbücher von St. =Vaast=[12] bei Arras zur Seite. Sie reichen von

874-900; vielleicht ist aber was uns vorliegt nur ein Bruchstück. Auf

das Kloster des heiligen Vedast weisen mehrere Stellen hin, aber die

Absicht des Verfassers war, die Geschichte des westfränkischen Reiches

zu schreiben; die Darstellung ist ausführlich und umfassend, und

dabei frei von den Rücksichten, welche in den Bertinianischen Annalen

unverkennbar sind. Die Zwietracht im Reiche und die Heimsuchungen

durch die Normannen werden mit lebhaften Farben geschildert. Wie in

Deutschland die Xantener Annalen, so blieben auch hier die Vedastiner

fast unbekannt; in Reims wußte man nichts von ihnen, als Richer

seine Geschichte schrieb, und wir haben ihre Erhaltung als einen

besonderen Glücksfall zu betrachten. Außerdem beschäftigte man sich

hier angelegentlichst mit dem Schutzheiligen, dessen Wunder um 850 der

Küster und Schulvorsteher =Haimin= beschrieb, ein gefeierter Gelehrter,

welchem sein Schüler Milo das metrische Leben des h. Amandus widmete.

Bei der wachsenden Kriegsgefahr wurde der h. Vedast 852 feierlich

erhoben und wieder wurde ein Buch über seine Wunder geschrieben. Die

Normannen jedoch fürchteten sich nicht vor ihm, 880 wurde er nach

Beauvais geflüchtet, 893 heimgeführt, und auch darüber von =Ulmar= eine

Schrift verfaßt; allerlei für die Zeitgeschichte nicht unerhebliche

Nachrichten hat daraus Holder-Egger ausgehoben[13].

[12] _Annales Vedastini_ ed. Pertz, MG. SS. I, 516-531, und nach

Auffindung der Brüsseler Handschrift in verbessertem Abdruck II,

196-209; Facs. in Arndts Schriftt. 18. Vgl. Dümmler, de Arnulfo

rege p. 176. Uebersetzt von Jasmund bei den Ann. Bert.

[13] _Monumenta Vedastina minora_, SS. XV, 396-405: I. Ex Miraculorum

l. I. auct. Haimino. II. Ex libro II auct. Ulmaro aliisque

(vgl. aber S. 1315). III. Sermo de relatione S. Vedasti. IV.

Ex Apparitione S. Vedasti auctore Huberto presbytero, Haimin

gewidmet.

Die Annalen kannte man im eigenen Kloster wohl, und muß auch eine große

Fülle von historischem Material gehabt haben, denn gegen das Ende des

11. Jahrhunderts ist hier eine große weltgeschichtliche Compilation bis

899 aus vielerlei Quellen ohne viel Geschick zusammengearbeitet, welche

sich in einer jetzt in Douai befindlichen Handschrift erhalten hat, aus

der sie erst kürzlich bekannt geworden ist; jetzt hat den wesentlichen

Inhalt mit Fortlassung des Anfangs und der wörtlich entlehnten Stellen

Waitz (SS. XIII, 674-709) als _Chronicon Vedastinum_ herausgegeben[14].

Außer Hieronymus, Orosius, Beda, Isidor, Nennius, Jordanis, Gregor

von Tours ist Fredegar mit seinen Fortsetzungen benutzt, und die

Reichsannalen mit den Bertin. und Vedast., welche fast ganz aufgenommen

sind, so daß die Handschrift zur Verbesserung des Textes benutzt werden

kann. Von besonderer Wichtigkeit ist die Benutzung der oben S. 202

erwähnten Compilation bis 805, von der Waitz vermuthet, daß sie noch

höher hinaufgereicht habe, da schon im 7. und 8. Jahrhundert gleiche

Quelle mit den Ann. Mett. wahrzunehmen ist; doch muß für die Zeit Karl

Martells die Vorlage eine Lücke gehabt haben. Einige Stellen stimmen

mit der Bisthumsgeschichte von Cambrai überein, was für die Zeit der

Abfassung entscheidend sein würde; doch nennt er diese Quelle Gesta

Remensium, und ganz sicher ist die Benutzung nicht. Er giebt aber

manchmal seinen Quellen falsche Benennungen, weicht auch im Wortlaut

ab, und hat allerlei Nachrichten, deren Herkunft nicht festzustellen

und deren Werth zweifelhaft ist. Guiman von St. Vaast um 1170, Hermann

von Tournai und Andreas von Marchiennes haben das Werk benutzt; früher

als ins 11. Jahrhundert kann es nach der Beschaffenheit der allem

Anschein nach erhaltenen Originalhandschrift unmöglich gesetzt werden.

[14] S. 682, 32 l. campi suda; der angeführte Vers ist, wie ich

von Dümmler erfahren, Prudentii Psychom. 637. Die Ausgabe von

Dehaisnes, Les Annales de Saint-Bertin et de Saint-Vaast, suivis

de fragments d'une chronique inédite, 1871, war verfehlt, s.

Monod, Revue crit. 1872, I, S. 242 bis 254; G. Waitz, GGA. 1873,

S. 1-9; W. Arndt, HZ. XXXI, 167-171. Eine ältere Compilation

bis zum 6. Jahr des Heraclius, welche hierin benutzt scheint,

beschreibt Mommsen NA. XVI, 430. -- MG. SS. XIII, 710: _Ex

Guimanni libro de possessionibus S. Vedasti_; p. 750: _Catal. epp.

Atrebatensium_; p. 382: _Series abbatum S. Vedasti_, e cod. sacc.

IX. abweichend von der sonst überlieferten Folge.

Gehört nun diese Bearbeitung schon späterer Zeit an, so stammen dagegen

die oben S. 109 erwähnten Gesta Dagoberti aus dem Ende des neunten

Jahrhunderts, und um 900 war nach B. Krusch auch schon die Bearbeitung

vollendet, welche aus Gregor von Tours mit der unter Fredegars Namen

bekannten Sammlung und deren Fortsetzern eine einigermaßen lesbare

Frankengeschichte herstellte (S. 203).

Wir finden also auch in Frankreich eine nicht unbedeutende

Beschäftigung mit der Geschichte, und namentlich die annalistische Form

der gleichzeitigen Geschichtschreibung reich entwickelt, bis sie durch

den Verfall des Reiches erstickt wird[15]. Von Aufzeichnungen anderer

Art ist nur noch die poetische Behandlung der Belagerung der Stadt

Paris durch die Normannen vom November 885 bis 886 und der weiteren

Kämpfe bis 896 zu erwähnen, verfaßt von =Abbo=[16], einem Mönche von St.

Germain-des-Prés, zur Verherrlichung seines Heiligen; schätzbar durch

ihren Inhalt, da der Dichter diese Ereignisse selbst mit durchlebt

hatte, aber kaum als Geschichtswerk zu rechnen, in sehr gezierter

und gesuchter, oft kaum verständlicher Sprache. Im allgemeinen

überwog in Frankreich noch mehr als in Deutschland die Richtung auf

theologische und philosophische Gelehrsamkeit; die kirchlichen Fragen

beschäftigten die Geister im höchsten Grade und die wissenschaftliche

Thätigkeit, welche Karl der Kahle bei aller Schwäche seiner Regierung

lebhaft begünstigte[17], kam der Geschichte wenig zu Gute. Denn die

Ueberarbeitung oder auch neue Aufzeichnung älterer Heiligenleben,

welche auch hier vielfach vorkommt, hatte mehr einen liturgischen

oder doch erbaulichen Zweck; die Form ist die Hauptsache dabei und von

ernstlicher geschichtlicher Forschung nicht die Rede.

[15] Von den unbedeutenderen kleinen Annalen, welche doch häufig

einzelne schätzbare Nachrichten enthalten, erwähne ich _Ann. S.

Quintini_ _Veromandenses_ ed. Bethmann SS. XVI, 507, von 793-994

meist gleichzeitig, aber dürftig; _Engolismenses_ ed. Pertz SS.

XVI, 485, von 815-870 und noch dürftiger fortgesetzt 886-930.

940-991 (daraus mit einigen Zusätzen _Chron. Aquitanicum_ SS.

II, 252, und _Ann. Engolismenses_ SS. IV, 5); _Lugdunenses_ I,

110 von 769-841 (_Catal. archiepp. Lugd._ s. IX. s. NA. VIII,

624); _Masciacenses_ SS. III, 169 von 732-821 und fortgesetzt

832-1013, von Massai im Berry; Verse auf dieses Kloster unter

dem Abt Odo (935 bis 967) verfaßt, bei Senebier, Catal. des

Manuscrits de Genève p. 130; H. Hagen, Carm. med. aevi, p. 112;

_Ann. Floriacenses_ II, 254 von 864 bis 1060; _Nivernenses_ a.

509-1188, SS. XIII, 88-91; _S. Victoris Massilienses_ (darin

_Barcinonenses_) 538-1542, SS. XXIII, 1-7; vgl. Arnold S. 61;

Kritik d. Ausgabe, u. Ausgabe v. Albanès, Mélanges d'Arch. et

d'hist. VI. de l'École franç. de Rome. Dazu Todtenklage um den

1017 gest. Grafen Raimond von Barcelona, NA. III, 407. Zwischen

1330 und 1338, angeblich nach einer verlorenen Chronik über

und aus Karls des Kahlen Zeit verfaßt, in der That aber ganz

fabelhaft, begründet auf ein zur Bewirkung der Canonisation spät

verfaßtes Leben ist: Le roman en vers de très excellant, puissant

et noble homme Girard de Rossillon, jadis duc de Bourgogne, publié

par Mignard, à Paris 1858; vgl. Revue hist. VIII, 216; Paul Meyer:

La Légende de Girart de R. in d. Zts. Romania, 1879. Uebers. mit

Einl. von dems. 1884. A. Stimming: Ueber d. provenz. G. de R.

1888.

[16] _Abbonis de bellis Parisiacae urbis libri III_ ed. Pertz, MG. SS.

II, 776 bis 805. Sep. Abdr. 1871. Vgl. E. A. Freemann's Essay:

The early sieges of Paris. Dümmler, NA. IV, 556. Das dritte

Buch, hinzugefügt, um der heiligen Dreizahl zu genügen, ist nur

allegorisch gramm. Inhalts und besteht fast ganz aus seltenen,

schwer verständlichen Worten. Doch ist es mit Glossen für den

Unterricht versehen u. auch abgesondert abgeschrieben, gedr.

in Mangearts Catal. de Valenc. S. 656-659. Abbo's Klosterbruder

=Aimoin= giebt in seinen zwei Büchern _de S. Germani miraculis_

ebenfalls Nachrichten über frühere Verheerungen der Normannen;

s. über seine Schriften Baehr S. 243; Ebert II, 352, NA. IV, 543.

Vgl. NA. XII. 447, über eine K. Odo gewidmete poet. Bearbeitung.

Die von Aimoin aufgenommene _Translatio S. Germani_ a. 845 Anal.

Boll. II, 69-98, MG. SS. XV, 10-16. _Translatio S. Mederici_ (Mab.

III, 1, 14. Acta SS. Aug. II, 524) in Paris 884 durch Bischof

Gauslin, Abt von St. Germain und St. Denis, enthält sonst keine

Nachrichten. _Translatio S. Bertae_ (Mab. III, 1, 454. Acta SS,

Jul. II. 54) von Blangi bei Amiens 895 nach Erstein im Elsaß, um

sie vor den Normannen zu retten, gedenkt einer Synode zu Tribur,

wo die Aebtissin Rotrudis von Erstein anwesend war. Auszug _Ex

Miraculis et transl. S. B._ ed. L. de Heinemann, SS. XV, 564.

[17] Graf =Vivian= Laienabt von St. Martin und Marmoutiers, widmete

ihm die herrliche Metzer Bibel Lat. 1. mit den Versen bei Traube,

Poet. Lat. III, 243. _Versus Johannis Sapientissimi_ (A. Mai,

Auctores Class. V, 426-450, wiederholt hinter Joh. Scotus de

divisione naturae ed. Schlüter, Monast. 1838 S. 593-610 und

Migne CXXXII ed. Floß p. 1221-1240 ex. cod. Vat. Chr. 1587)

voll Verherrlichung Karls und der Irmintrud von einem Iren,

wahrscheinlich dem bekannten Philosophen; vgl. NA. IV, 531, Ebert

II, 257-267. (Bei Floß S. 1194 die Spottverse auf Rom: _Nobilibus

quondam_ etc. auch Murat. Antt. II, 147. Bedae Opp. ed. Col.

I, 449. Jaffé Bibl. V, 457 im Cod. Udalrici, cit. schon in der

Invectiva, Dümml. Gesta Bereng. p. 138). =Joseph=, in Tours unter

Erzbischof Amalrich (von vor 849-855), der früher Vorstand der

Schule gewesen war, gebildet mit Paul, 849-855 Erzbischof von

Rouen, war 847 und 848 Kanzler Pippins II von Aquitanien, dann

„inclyti regis Ludowici (des Stammlers) liberalium litterarum

praeceptor atque ejusdem sacri palatii cancellariorum ministerio

functus“. Er schrieb auf Bitten jenes Paul _Translatio S.

Ragnoberti_, der 847 von Bayeux mit Frechulfs Rath nach St.

Victor d. Lexov. und dann in die neugebaute Kirche in Suiacum,

vermuthlich Notre-Dame-d'Épines, gebracht wurde, wo Frechulf den

Hauptaltar weihte; gedr. bei d'Achery Spicil. XII, 600-621. II,

127 bis 133 ed. II. Acta SS. Mai III, 620-624. Er erwähnt den Tod

beider Erzbischöfe gleich nach Beginn seiner Arbeit. Vermuthlich

schrieb er auch die betrüglich dem =Lupus= untergeschobene _Vita

S. Ragnoberti_, ein Plagiat der Vita S. Reverentii; ed. Jules

Lair, Bibl. de l'École des chartes V, 3, 89-124.

In =Chelles= ließ die Aebtissin Hegilwich, die Mutter der Kaiserin

Judith, 833 den Leib der Königin =Baltechildis= erheben, worüber

bald nach 856 berichtet wurde[18]. Etwas später finden sich hin und

wieder Nachrichten über die Unthaten der Normannen in den Sammlungen

von Wundergeschichten und den Berichten über die Irrfahrten der vor

den gottlosen Feinden geflüchteten Reliquien. So in des Abts =Odo=

von =Glanfeuil= Geschichte der Uebertragung des h. =Maurus= von

Saint-Maur-sur-Loire nach Saint-Maur-des-Fossés bei Paris[19] 868,

welche wohl etwas, doch nicht viel mehr Glauben verdienen mag, als

desselben Odo angeblich nach einem gleichzeitigen Werk des Faustus

erneuertes Leben des h. Maurus[20], und mit besonderer Lebhaftigkeit und

Anschaulichkeit in den Wundergeschichten vom heil. =Bertinus=[21].

[18] _Ex translatione S. Baltechildis_, ed. Holder-Egger, SS. XV, 284.

[19] _Translatio S. Mauri._ Mab. IV, 2, 165-183. _Ex Odonis miraculis

S. Mauri sive restauratione mon. Glannafoliensis_, SS. XV,

461-472. Vgl. Ebert II, 351.

[20] Schon von Papebroch aufgegeben, doch noch häufig benutzt; s. P.

Roth, Gesch. des Beneficialwesens, S. 438; Bonnell, Die Anfänge,

S. 200. Zeumer, NA. XI, 316.

[21] _Miracula S. Bertini_ bis 891, mit späteren Fortsetzungen, MG.

SS. XV, 507-534, von Holder-Egger. Daselbst auch _Ex miraculis S.

Martialis_, S. 280-283.

Hierher gehören auch die schon oben S. 164 erwähnten Aufzeichnungen

aus dem Kloster =Saint-Riquier= oder Centulum. Aus diesem aber hat

sich auch noch eine nicht unwichtige Sammlung von Gedichten erhalten,

mit welchen ja die Mönche des neunten Jahrhunderts sich überaus gerne

beschäftigten; sie beziehen sich großentheils auf Aebte des Klosters,

welche, ohne Ausnahme Laienäbte, der kaiserlichen Familie angehörten,

und dienen zur Berichtigung der chronologischen Angaben Hariulfs.

Die Hauptmasse rührt von dem Diaconus =Mico= her und umfaßt die Jahre

825-853; er wirkte als Lehrer und hat auch eine Zusammenstellung von

Versen älterer Dichter zu prosodischen Zwecken auf überlieferter

Grundlage verfaßt. Verbunden sind damit Gedichte des Spittlers

=Fredigardus= aus den Jahren 861-871 und vermuthlich auch seines

Zeitgenossen, des Custos =Odulfus=, welchem Traube einen von Hariulf

in seine Chronik (III, 11, 12, 14) aufgenommenen Bericht über die von

ihm gesammelten Reliquien zuschreibt. Nachdem einzelne dieser Gedichte

an verschiedenen Orten veröffentlicht waren, die ganze Sammlung vor

50 Jahren von Bethmann abgeschrieben, ist sie jetzt von L. Traube

vollständig herausgegeben und scharfsinnig erläutert[22].

[22] _Carmina Centulensia_, Poet. Lat. III, 265-368.

Zu den berühmtesten Gelehrten dieser Zeit gehörte =Heirich= aus

Auxerre, 841 geboren und seit 850 zum Diener des heiligen Germanus

geschoren; 859 wurde er zum Subdiaconus geweiht, und hat dann, nach

der Sitte der lernbegierigen jungen Mönche jener Zeit, verschiedene

Lehrer aufgesucht, namentlich auch Schottenmönche, nach Traubes

wahrscheinlicher Vermuthung in Laon. Eine alte Aufzeichnung nennt

ihn einen Schüler des Schotten Elias, Bischofs von Angoulême (†

860) und als seine Schüler wieder Remigius, der die Reimser Schule

herstellte[23], und Hucbald den Kahlkopf von St. Amand[24]. Er selbst

nennt Lupus, den Abt von Ferrières, und Haimo, vermuthlich in Auxerre,

seine Lehrer, in den Versen, mit welchen er dem Bischof Hildebold

von Soissons die Collectaneen überreichte, die er jenen verdankte,

Auszüge aus Valerius Maximus und anderen Schriftstellern[25]. Sogar den

unsauberen Petronius hat er studiert, und Verse von ihm zum Preise des

heiligen Germanus benutzt[26]. Denn dessen Legende in Verse zu bringen,

das war die große Aufgabe, welche ihm der jugendliche und früh (865)

verstorbene Abt Lothar, Karls des Kahlen Sohn, gestellt hatte, als

er eben der Schule entwachsen war. In langer Arbeit hat er das Werk

vollführt, und dem Kaiser Karl (also zwischen 875 und 877) mit vielen

Lobsprüchen überreicht; hinzugefügt sind zwei Bücher in Prosa über die

Wunder des heiligen Germanus, welche auch geschichtlich brauchbare

Angaben enthalten[27]. Später war er selbst ein gefeierter Lehrer,

und hat nach einer Vermuthung von Traube, der ihn für den Verfasser

des bisher dem Helpericus zugeschriebenen Computus hält, eine Zeit

lang mit schlechtem Erfolg in Granfelden gelehrt. Seine ungewöhnliche

Gelehrsamkeit hat Heirich auch durch seine in tironischen Noten

geschriebenen Bemerkungen zu astronomisch-chronologischen Schriften

von Beda und anderen bewiesen, während die kurzen Annalen von 826-875

in derselben Handschrift wenig Sinn für geschichtliche Aufzeichnungen

verrathen[28]. Doch hat Heirich sich auch an der Geschichte der Bischöfe

von Auxerre betheiligt, die er in Gemeinschaft mit den Domherren

Rainogala und Alagus verfaßte, ein Werk, das als einer der frühesten

Versuche der Art Beachtung verdient, übrigens aber für die ältere Zeit

unzuverlässig, für die näher liegende dürftig ist[29].

[23] Ueber ihn s. Huemer, Wiener SB. XCVI, 505-551.

[24] Bethmann, Archiv X, 333; ohne Kenntniß dieses Abdrucks wiederholt

von Lucian Müller im Rhein. Mus. NF. XXII, 635. Quelle des

Ademarus Caban. III, 5. Der Codex stammt von einem Mönch S.

Martialis Lemovicensis, wo Ademar studiert hat, Arch. VIII,

575. Waitz, SS. IV, 110, n. 44, unterscheidet den hier genannten

Ademar: Dümmler, Litt. Centralbl. 1878. Sp. 940, hält beide für

identisch.

[25] Mab. Anal. p. 422. Commentar zu Mart. Capella, Bandini II, 538,

soll von Remigius sein. Vgl. über Heirichs Gelehrsamkeit auch

Prantl, Gesch. d. Logik II, 41-44, vorzüglich aber L. Traube in

der Einleitung zur Ausgabe seiner Gedichte, Poet. Lat. III, p.

421 ff.

[26] Petronius ed. Buecheler, p. XI.

[27] Labbe, Bibl. I, 531-569. Acta SS. Jul. VII, 221, die Wunder S.

255-283. Daraus Duru, Bibl. hist. de l'Yonne II (1863) S. 1-248.

_Ex Heirici Miraculis S. Germani_, MG. SS. XIII, 401. Vgl.

Dümmler, NA. IV, 529.

[28] Sickel, Lettre sur un Manuscrit de Melk, Bibl. de l'École des

chartes, 5 Série, Tome III, p. 35. MG. SS. XIII, 80.

[29] _Gesta episcoporum Autisiodorensium_ fortgesetzt bis 1593, bei

Labbe, Bibl. I, 411-526, neue Ausgabe von Duru, Bibl. hist. de

l'Yonne, I, Auxerre 1850. Excerpte MG. SS. XIII, 393; Forts. XXVI,

584. Vgl. P. Roth, Beneficialwesen S. 444-450. Für ihren Werth als

gleichzeitige Quelle im 10. Jahrh. Wold. Lippert, König Rudolf v.

Frankr. (Leipzig 1886) S. 123.

Eine zweite Bisthumsgeschichte haben wir aus =Le Mans=, wo 832-856

Aldrich Bischof war, von vornehmer Herkunft aus Sachsen, wodurch es

sich erklärt, daß er seinen Vorgänger, den h. Liborius, nach Paderborn

abließ. In der Hofschule und im Metzer Clerus hatte er seine gelehrte

Bildung erhalten, und sein Wirken in Le Mans, zu dessen Bischof Ludwig

der Fromme ihn erhoben hatte, wird sehr gerühmt, sowohl in Prosa, wie

in Versen, die ein eifriger Verehrer mit fleißiger Benutzung älterer

Dichter leidlich correct, wenn auch nicht fehlerfrei, ihm zu Ehren

verfaßte[30]. Beide schrieben bei seinen Lebzeiten und überschreiten

nicht das Jahr 841. Verbunden ist mit der Biographie die Geschichte

seiner Vorgänger; leider steht dieses Werk einzig in seiner Art da

durch die erstaunliche Fülle gefälschter Urkunden, welche es enthält.

Vorzüglich gilt es dem Besitz der Abtei Anisola oder Saint-Calais,

welcher mit diesen Mitteln erstrebt wurde; dann aber auch der

Sicherung Aldrichs, welcher eine Zeit lang entsetzt war, gegen weitere

Anfechtung. Aus diesen Verhältnissen ist nach einer besonders von

B. Simson verfochtenen Ansicht die pseudo-isidorische Fälschung

hervorgegangen, und Aldrich der Betheiligung an dieser horrenden

Fälscherei mehr als verdächtig[31].

[30] Zuerst von D. Piolin in d. Gesch. des Bisthums, II, 535-546,

herausgegeben, dann von Dümmler, Poet. Lat. II. 623-636.

[31] _Acta episcoporum Cenomanensium_; s. darüber P. Roth, Gesch. des

Beneficialwesens, S. 451-461; Sickel, Acta Karol. II, 286-290.

Ausg. der _Gesta Aldrici_, auszugsweise von Waitz. SS. XV,

304-327: vollst. von Charles und Froger, Mamers 1890. B. Simsons

letzte Aeusserung HZ. LXVIII, 193-210.

§ 21. Italien.

W. Giesebrecht, De litterarum studiis apud Italos, 1845, 4.

Kaisergesch. I, 343-361. 817. Ozanam, Des écoles en Italie aux

temps barbares, Oeuvres compl. II, 353. Balzani, S. 190-221.

In auffallendem Gegensatze gegen die beiden fränkischen Reiche steht

Italien. Hier war die Geistlichkeit unberührt von der Bonifazischen

Reform; ihr fehlte der wissenschaftliche Sinn, welcher vornehmlich

von den Angelsachsen ausgehend, die fränkische Kirche durchdrungen

hatte, und an den theologischen Fragen, die dort im neunten

Jahrhundert so eifrig erörtert wurden, nimmt sie keinen Antheil. Eben

so wenig übt der königliche Hof hier eine bedeutende Einwirkung,

und niemand machte auch nur den Versuch, die Reichsgeschichte

in zusammenhängender Darstellung für die Nachwelt aufzuzeichnen.

Weit bedeutender tritt der römische Hof hervor, wo die amtlichen

Aufzeichnungen über die Thätigkeit der einzelnen Päbste, deren wir

schon früher gedachten, immer fortgesetzt[1], und gerade in diesem

Jahrhundert ausführlicher und reicher wurden, so daß sie sich mit

den Reichsannalen vergleichen lassen. In Bezug auf die Darstellung

und historische Kunst stehen sie aber weit dagegen zurück; es scheint

den Verfassern ein solches Bestreben ganz fern gelegen zu haben. Doch

finden wir auch hier in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts

eine nicht unbedeutende wissenschaftliche Thätigkeit, einen Kreis

von gelehrten Geistlichen, wie er uns lange nicht wieder begegnet.

Der Bibliothekar =Anastasius=[2], dem man früher die ganze Sammlung

der Pabstleben zuschrieb, ein gelehrter Mann, der verschiedene Werke

aus dem Griechischen übersetzt hat, ist vielleicht der Verfasser

des Lebens Nikolaus I, jenes gewaltigen Pabstes, der den schwachen

Karolingern gegenüber die Weltherrschaft des römischen Stuhles schon

dem Ziele nahe führte. Auf den Wunsch eines =Diaconus Johannes=, der

eine Kirchengeschichte schreiben wollte, stellte er nach dem Vorgang

des Cassiodor, den er jedoch nicht nennt, aus griechischen Quellen

eine neue _Historia tripartita_ zusammen[3]. Dieser Johannes ist

vermuthlich derselbe, welcher auf Befehl Johannes VIII mit Benutzung

der schon früher gemachten Auszüge aus dem Registrum die _Vita Gregorii

Magni_ verfaßte. Die von ihm begonnenen _Gesta S. Clementis_ vollendete

Bischof =Gauderich= von =Velletri=[4].

[1] Oben S. 59. _Liber pontificalis_ oder _Gesta pontificum Romanorum_

bis auf Hadrian II (867-872), nebst einer unvollständigen Vita

Stephani V. (885-891) ed. Bianchini, Romae 1718, 4 Voll. fol.

Vignolius, Romae 1724, 3 Voll. 4. unvollendet. Murat, SS. III nach

Bianchini: vgl. Baehr S. 261-271. Nach Schürer, Hist. Jahrb. XI,

425 ff. ist die V. Stephani II von dem Primicerius Christophorus

verfaßt, welcher den Pabst als Notarius regionarius auf seiner

Reise in Frankreich begleitet hat. Nach Kr. in der Rec. von Mock

de donatione Caroli Magni (Centralbl. 1862 Sp. 76) ist die V.

Hadriani I (772-795) erst 20-30 Jahre nach dessen Tod abgefaßt

und scheint von demselben Vf. wie die V. Leonis III (795-816);

nach F. O. Krosta de donationibus a Pippino et Carolo Magno

sedi apostolicae factis, Königb. Diss. 1862 S. 46 erst nach

829. Vermuthungen über Interpolation der V. Hadr. (c. 41-43)

s. NA. VII, 228. X, 201. XIII, 236. Scheffer-Boichhorst hält

die Vita für gleichzeitig, aber die Grenzbestimmung „id est a

Lunis-Beneventanum“ für Interpolation; zustimmend Diekamp, Hist.

Jahrb. VI, 637. Stücke der verlorenen V. Eugenii II (824-827)

vielleicht in Pauli D. Cont. Romana ed. Waitz 200-203, vgl. B.

Simson, Ludwig d. Fr. I, 230, Waitz S. 200 über die in d. Cont.

benutzten, aus Lauresh. u. Lauriss. gemischten Annalen, ähnlich

denen im cod. Christ. 213. Die von Wido von Osnabrück im Cod.

Udalr. (Bibl. V, 340) erwähnte _Scriptura de querimonia Romanorum_

über Ludwigs II Gewaltthaten 864 scheint verloren zu sein.

[2] Ueber ihn vgl. Hergenröther, Photius II, 230-240.

[3] Ueber sein Verhältniß zu Theophanes Car. De Boor, Theophanis

Chronologia II, 400.

[4] Mab. Mus. Ital. I, 2, 78. Acta SS. Mart. II. p. *15. Vorrede und

Varianten im Floril. Bibl. Casin. IV, p. 373-390, e cod. Casin.

234.

Vorzüglich besaß man am römischen Hofe, wo man sich nie durch

ideale Bestrebungen von den praktischen Zwecken ablenken ließ, eine

außerordentliche Sicherheit in der Behandlung der kirchlich-politischen

Angelegenheiten, und der Geschäftsstil der Curie gewann eine ungemeine

Ausbildung und Festigkeit. Die Briefe der Päbste geben davon Zeugniß,

und die erhaltenen größeren Sammlungen aus den Zeiten Nikolaus I und

Johannes VIII sind in ihrer Art wahrhaft bewunderungswürdig. Davon

erhielt sich auch später bei zunehmender Barbarei die Tradition,

obgleich mit dem Ende des neunten Jahrhunderts die Einwirkung

des päbstlichen Hofes auf die Kirche diesseit der Alpen fast ganz

verschwand, und wie hier die Annalen, so verstummten auch in Rom die

Pabstleben mit dem Jahre 891.

In der nächstfolgenden Zeit veranlaßten noch die Streitigkeiten über

die Besetzung des päbstlichen Stuhles und die Geschicke des Pabstes

Formosus, vornehmlich über die Gültigkeit der von ihm ertheilten

Weihen, die höchst merkwürdigen Streitschriften des Auxilius und

Vulgarius. Sie berühren eine der dunkelsten Seiten der Pabstgeschichte,

die unheilbarsten Widersprüche infallibler Kirchenfürsten[5].

=Auxilius= war ein von Formosus geweihter fränkischer Priester, der

in Neapel lebte, vielleicht als Mönch in Montecassino gestorben

ist. Freimüthig und mit tüchtiger gelehrter Bildung ausgerüstet,

vertheidigte er ca. 908-912 Formosus und die von ihm geweihten Priester

in verschiedenen Schriften. =Eugenius Vulgarius= hat in demselben Sinn

geschrieben, später aber Sergius III, der Theodora u. a. kriechend

geschmeichelt, endlich in der _Invectiva in Romam_ (wenn sie von ihm

ist) unter Johann X (914-928) noch einmal für Formosus geeifert. Er war

ein italienischer Grammatiker, der wahrscheinlich auch in Neapel lebte;

sein Latein und vorzüglich seine Verse sind unerträglich gesucht und

verkünstelt.

[5] Volles Licht ist über diese schmählichen Vorgänge und die

betreffende Litteratur verbreitet durch die ausgezeichnete

Schrift: Auxilius und Vulgarius. Quellen und Forschungen zur

Geschichte des Pabstthums im Anfange des 10. Jahrhunderts, von

E. Dümmler, Leipz. 1866, wo auch aus der Bamberger Handschrift

ungedruckte Schriften von beiden mitgetheilt sind. Die _Invectiva

in Romam_ giebt Dümmler zu den Gesta Berengarii S. 137-154, vgl.

66-72, in neuer Ausgabe nach der Veroneser Handschrift. Ausbeutung

der Tragödien des Seneca weist dem Vulg. R. Peiper nach, Rhein.

Mus. f. Philol. N. F. XXXII, 536.

Nach diesen letzten Regungen versinkt nun hier, während die Factionen

der römischen Großen über den Stuhl Petri streiten, alles in Schweigen,

und für lange Zeit geht keine Erscheinung der Litteratur von Rom

aus[6].

[6] Die Fortdauer einer Rechtsschule in Rom behauptet Fitting: Zur

Geschichte der Rechtswissenschaft am Anfang des Mittelalters,

Halle 1875; Juristische Schriften des früheren Mittelalters, Halle

1876.

Nicht auf den Vorrang in wissenschaftlicher Ausbildung begründete man

in Rom den Anspruch auf Beherrschung der Kirche; die grammatischen

Studien betrachtete man hier wegen ihrer heidnischen Antecedentien

und der Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern stets mit

Abneigung, und völlig bewußt verachtete man die feinere litterarische

Bildung. Es giebt nichts charakteristischeres dafür, als die Worte

des päbstlichen Legaten Leo, mit denen er bald nach 991 der gallischen

Kirche entgegentrat. Diese hatte durch Gerbert ausgesprochen, es sei

in Rom niemand, der eine litterarische Bildung empfangen habe, und

folglich auch niemand, der nach den kanonischen Vorschriften auch

nur die Weihe zum Thürhüter erhalten dürfe. Leo erklärt das kurzweg

für Ketzerei; auch Petrus habe sich um das Vieh von Philosophen nicht

bekümmert und sei doch Pförtner des Himmels geworden[7].

[7] „Et quia vicarii Petri et ejus discipuli nolunt habere magistrum

Platonem neque Virgilium neque Terentium neque ceteros pecudes

philosophorum, qui volando superbe ut avis aerem et emergentes

in profundum ut pisces mare, et ut pecora gradientes terram

descripserunt: dicitis eos nec hostiarios debere esse, quia tali

carmine imbuti non sunt. Pro qua re sciatis eos esse mentitos, qui

talia dixerunt. Nam Petrus non novit talia, et hostiarius coeli

effectus est.“ MG. SS. III, 687. Vgl. Baxmann, Politik der Päbste

II, 144. Aehnlich schreibt Alexanders VIII Secr. Sergardi 1690 an

Mabillon: „Pauci sunt, qui in hac aula operam dent inutilibus,

ut ajunt, studiis. Nostrorum ingeniorum occupatio forum est

clientumque defensio, quique ab infelici pupillo plus auri

corrodit, litteratior habetur.“ Valery, Correspondance inédite de

Mabillon et de Montfaucon avec l'Italie (Paris 1847) II, 240.

Die blühendsten Klöster Italiens erlagen alle gegen das Ende des

neunten Jahrhunderts den Sarazenen oder verkamen durch die inneren

Kriege und die allgemeine Unsicherheit und Verwilderung; bis dahin

finden wir auch in ihnen einige Pflege der Wissenschaft, welche

sich jedoch mit der litterarischen Bedeutung der transalpinischen

Klöster nicht vergleichen läßt. Von einem angeblich im Mutterkloster

Montecassino zur Zeit des Fürsten Sico (ca. 830-833) verfaßten

Bericht über die Translation der hh. Benedict und Scholastica nach

Frankreich[8] hat O. Holder-Egger nachgewiesen, daß er eine Fälschung

des Ps. Anastasius ist[9].

[8] _Translatio S. Benedicti_, Anal. Bolland. I, 75-84.

[9] NA. XII, 129-141.

In der Folgezeit wurden hier Nachrichten über die Geschichte des

Klosters und der Fürsten von Benevent aufgezeichnet[10], welche bis

872 und in den Regententafeln auch weiter reichen, gesammelt vom Abt

=Johannes= (914-934) und deshalb auch von Leo nach ihm benannt. Die

Nachrichten sind materiell für uns sehr wichtig, aber die Form ist

in hohem Grade roh und mangelhaft[11]. Im Jahre 883 wurde, wie schon

früher St. Vincenz am Volturno, so auch Montecassino von den Sarazenen

verwüstet, und die Cassinesen flüchteten nach Capua; hier schrieb

=Erchempert= eine Geschichte der langobardischen Fürsten von Benevent

seit Arichis[12], an das Werk des Paulus Diaconus und dessen Cassineser

Fortsetzung[13] anknüpfend, bis zum Jahre 889. Die weitere Fortsetzung

ist verloren. In schlichter und zuverlässiger Erzählung berichtet er

von den Schicksalen dieser Lande, von den Kriegen, durch welche sie

verheert wurden, und den Verwüstungen der Sarazenen; sein eigenes

Urtheil über die Anstifter des Uebels hält er nicht zurück, sondern

spricht es häufig mit biblischen Worten aus. Die feinere karolingische

Bildung ist ihm fremd, aber seine Sprache ist doch reiner, als wir

sie sonst bei den Italienern dieser Zeit zu finden gewohnt sind, und

sein Werk zeichnet sich daher sehr vortheilhaft aus. Der Salernitaner

Chronist, Johann von St. Vincenz, und Leo von Ostia haben ihn gekannt

und benutzt.

[10] Nach Traube, O. Roma nob. S. 360 im J. 867 verfaßt.

[11] Nach früheren mangelhaften und zerstückten Ausgaben SS. III. u.

sonst, als _Chronica Sancti Benedicti Casinensis_ bei Waitz, SS.

Rer. Langob. et Ital. p. 467-488. Beschreibung der Hs. 353, jetzt

175, Bibl. Casin. IV, 17-31, u. v. Bethmann, Arch. X, 389 ff.,

wo auch von den übrigen Geschichtsquellen des langobardischen

Italiens aus dieser Zeit Nachricht gegeben ist, die sich jetzt

bei Waitz gesammelt finden.

[12] _Hystoriola Langobardorum Beneventum degentium_ ed. Pertz,

MG. SS. III, 240-264. Vgl. Bethmann S. 374. Als _Erchemperti

historia Langobardorum Beneventanorum_ bei Waitz, S. 231-264,

wo die Sprache nach der ursprünglichen Lesart der überarbeiteten

Handschrift fehlerhafter erscheint. Er war vermuthlich der Vf. des

S. 61 erwähnten Martyrol. u. eines computus von 904 (Arch. VIII,

768).

[13] SS. Langob. p. 198; sie ist meist den Gestis Pontificum entnommen

und von Leo Ost. und im Chron. Vulturn. benutzt.

In =Neapel= versuchten sich verschiedene Verfasser an einer

Bisthumsgeschichte. Von einem wohlbelesenen Geistlichen, der noch dem

achten Jahrhundert zugerechnet werden kann -- sein Werk ist noch in

Uncialschrift abgeschrieben --, wurden die dürftigen Notizen des alten

Cataloges durch Auszüge aus den römischen Pabstleben, Paulus Diaconus

u. a. angeschwellt; bis 754 ist die Arbeit erhalten, dann fehlt ein

Blatt, und es schließt sich von 762 beginnend die Fortsetzung des

=Johannes Diaconus= bis 872 an, welcher aus Tradition und eigener

Kenntniß schöpfte; seine Darstellung ist lebhaft und wahrhaftig, nicht

ohne Freimuth. Von der weiteren Fortsetzung des Subdiaconus =Petrus=

ist nur ein kleines Fragment erhalten, die einzige Handschrift auch

vorher lückenhaft[14]. Von dem letzten Bischof Athanasius (850-872)

ist auch eine ausführlichere Biographie[15] vorhanden, mit welcher die

in unbestimmter Zeit geschehene Translation verbunden ist, etwa im X.

Jahrhundert geschrieben; was in den Gesten und bei Erchempert zu lesen

ist, wird hier rhetorisch ausgeschmückt, zugleich aber doch einige neue

Umstände mitgetheilt. Jener =Johannes Diaconus= aber verfaßte auch eine

Geschichte der Uebertragung des h. Severin im Jahre 902 von dem Castrum

Lucullanum, welches aus Furcht vor den Sarazenen zerstört war, nach dem

neuen Kloster in Neapel[16], eine Schrift, welche werthvoll ist durch

ausführliche Nachrichten über den furchtbaren Angriff des Emir Ibrahim,

welcher Taormina zerstörte, wobei der Bischof Procop den Märtyrertod

erlitt; durch Ibrahims plötzlichen Tod wurde von Neapel die drohende

Gefahr abgewandt. Nach demselben Kloster wurde auch aus dem von den

Sarazenen zerstörten Misenum im Jahre 910 der h. Sossius gebracht,

wobei Johannes zugegen war, und er berichtet darüber in seiner Schrift

über das Leben des h. Januarius[17].

[14] _Gesta epp. Neap._ Waitz, SS. Langob. p. 398-439. Capasso,

Monumenta ad Neapolitani ducatus historiam pertinentia, 1881.

[15] _Vita et Translatio Athanasii ep. Neap._ Waitz, SS. Langob. p.

439 bis 452. Ed. Gu. Cuper, Acta SS. Jul. IV, 77-89.

[16] _Translatio S. Severini_, ib. p. 452-459.

[17] Nur diese _Translatio S. Sosii_ abgedr. bei Waitz, p. 459-463. Im

Text heisst er Sossius.

Der =Petrus subdiaconus=, von welchem nur der Anfang einer Fortsetzung

der Gesta noch vorhanden ist, war bei der Uebertragung des Sossius 910

zugegen, und erwähnt in den Wundern des h. Agrippinus den Angriff der

Sarazenen auf Neapel vom Jahre 960[18]. Auch verfaßte er noch andere

Wundergeschichten. Sehr merkwürdig ist der wissenschaftliche Eifer

des Herzogs =Johannes= (928 ff.), von dem der Archipresbyter =Leo= im

Vorwort zu seiner Vita Alexandri Magni berichtet[19].

[18] _Ex Miraculis S. Agrippini_, Waitz p. 463. Eine Anzahl anderer

dort und bei Capasso gesammelter kleinerer Stücke zur Geschichte

von Unteritalien übergehe ich hier, ohne sie einzeln aufzuführen.

-- Zu unterscheiden ist ein anderer Petrus subdiac. Neap., welcher

für den Bischof Petrus von Neapel (1094) u. dessen Nachf. Gregor

(1116) Legenden aus dem Griechischen übersetzte und bearbeitete,

s. De Rossi zur Passio SS. IV Coronatorum.

[19] Arch. IX, 692. Die Vita selbst hat Landgraf herausgegeben,

Erlangen 1885. Vgl. O. Hartwig: Die Uebersetzungslitteratur

Unteritaliens (1886) S. 6.

Auch in =Ravenna= verfaßte gegen die Mitte des neunten Jahrhunderts

=Agnellus= eine Bisthumsgeschichte[20], in welcher schwülstiger Bombast

mit treuherzig einfältiger Erzählung abwechselt; die Sprache ist

voll von Soloecismen. Der Inhalt liegt der deutschen Geschichte fern,

doch sind über Kaiser Karl und seine Nachfolger, besonders über die

Schlacht bei Fontenoy, einige merkwürdige und wichtige Stellen darin.

Den römischen Päbsten gegenüber äußert Agnellus sich sehr freimüthig,

was vielleicht Anlaß gegeben hat, die Chronik schon frühzeitig zu

verstümmeln. Agnellus war um 805 aus vornehmer und reicher Familie

geboren, und erhielt schon mit 11 Jahren eine Abtei; für die frühere

Zeit benutzte er, außer vielen Inschriften, Gefäßen und anderen

Denkmälern, die er sorgfältig beschreibt, der Langobardengeschichte

des Paulus Diaconus und den Consularfasten auch die oben S. 57 erwähnte

Chronik des Maximian, welcher 498 geboren, durch Justinian 546 Bischof

von Ravenna geworden war, und eine Chronik bis auf seine Zeit schrieb.

[20] Neue Ausg. von Holder-Egger, SS. Langob. 265-301. Ueber die

besondere Bedeutung von _monasterium_ bei ihm s. F. Wickhoff,

Mitth. des Inst. IX, 34-45. Aus Ravenna stammen auch die aus

dem Rotulus gewonnenen 8 Briefe aus K. Berengars Zeit, NA. IX,

513-539, vgl. XI, 599-603.

Im mittleren Italien war im Anfange des neunten Jahrhunderts das

Kloster =Farfa= in blühendem Zustande, bis auch hier die Sarazenen

alles wüste legten. Von Franken gestiftet, hatte es auch immer

fränkische Aebte. Die Geschichte der Gründung des Stiftes und seiner

Aebte bis zum Jahre 857 glaubte Bethmann gefunden zu haben[21], doch ist

neuerdings von I. Giorgi nachgewiesen, daß diese einem Lectionarium

entnommenen Stücke wohl aus derselben herstammen, unmöglich aber

das ursprüngliche Werk selbst sein können, über dessen sprachliche

Beschaffenheit wir deshalb nicht unterrichtet sind.

[21] _Constructio Farfensis_, ed. Bethmann, MG. SS. XI, 520-530. Vgl.

Giorgi im Archivio della Società Romana di storia patria, II,

409-473. Von dem Registrum Farfense ist in Rom eine Ausgabe von

I. Giorgi und U. Balzani erschienen.

Ganz außerordentlich barbarisch dagegen und an die Werke des achten

Jahrhunderts erinnernd ist die Langobardengeschichte des Priesters

=Andreas von Bergamo=, welcher 877 einen Auszug aus der Geschichte

des Paulus Diaconus machte und ihn bis auf seine Zeit fortsetzte[22].

Nach der Mitte des neunten Jahrhunderts sind seine Nachrichten durch

Genauigkeit werthvoll; das Ende ist leider unvollständig erhalten. Und

dieses ist fast das einzige litterarische Erzeugniß der Lombardei im

neunten Jahrhundert, da Claudius von Turin und Dungal als Ausländer

nicht zu rechnen sind[23]. =Schottenmönche=, mit jenen, die in Lüttich

hausten, gleicher Art, und mit des Sedulius Gedichten vertraut, fanden

auch in =Mailand= Aufnahme und feierten ihre Herren und Wohlthäter

in sapphischen Oden und in Distichen von ungewöhnlicher Correctheit.

Vorzüglich der Erzbischof =Tado= (860-868) wird von ihnen verherrlicht

und ihm werden ihre Bitten und Wünsche vorgetragen, dazu der Kaiser

Lothar und Herzog Leodfrid, ein Schwager Lothars. Diese einzige

Spur ihrer Existenz ist erst kürzlich aufgetaucht, weiteres nicht

bekannt[24]. Sehr gerühmt wird in einem Epitaphium der Abt Petrus II vom

Ambrosiuskloster[25] (858-899), und dieser wird es wohl sein, zu dessen

Zeiten ein mit lateinischen Buchstaben geschriebener griechischer

Psalter zu Stande gebracht wurde, als dessen Besitzer (oder Urheber?)

sich in höchst barbarischem Griechisch ein Mönch Symeon nennt[26].

[22] _Andreae presb. Bergomatis Chronicon_, ed. Pertz, MG. SS. III,

231. Bethmann S. 367 ergänzt den Anfang. Neue Ausg. v. Waitz, SS.

Langob. 220 bis 230.

[23] Ebenso wenig kann man das sogenannte _Chronicon Brixiense_, oder

wenigstens was uns davon erhalten ist, zu den Geschichtswerken

rechnen, MG. SS. III, 238; SS. Langob. 501-503 als _Catalogus

Brixiensis_. -- Die _Translatio S. Habundii Mart._ von Foligno

nach Berceto (Mab. III, 1, 487 ed. Ven.) gedenkt einer Synode zu

Pavia unter Lothar.

[24] Carmina Medii Aevi ed. H. Hagen (Bern 1877) S. 1-10. Neue Ausgabe

von Traube, Poet. Lat. III, 231-237. S. 7 (236 Tr.) Inschrift

eines von Tado's Vorgänger Angelbert erneuten Kelches. -- Ueber

Marginalien mit Spuren der gelehrten Thätigkeit dieser Mönche in

dem Cod. Bern. 363 s. Gottlieb, Wiener Studien IX, S. 151-159.

Traube, O Roma nob. S. 348-353.

[25] Giulini, Mem. di Milano, II, 76.

[26] NA. VIII, 340.

Einige Verse, die zum Preise des Bischofs =Azo von Ivrea= um 876

verfaßt und im folgenden Jahrhundert einer Copie in Goldschrift würdig

erachtet wurden, sind fast nur wegen der äußerst barbarischen Form

bemerkenswerth[27].

[27] Dümmler, Gesta Berengarii, S. 75 und 159.

Es würde jedoch ein großer Irrthum sein, wenn man nach diesen

Proben arger Barbarei den allgemeinen Standpunkt der Bildung in

Italien beurtheilen wollte. Gelehrte Studien wurden namentlich in

=Verona= gepflegt, wo ein Archidiaconus =Pacificus= († 844), dessen

Gelehrsamkeit gepriesen wird, 218 Handschriften zusammengebracht

hatte[28]. Von dort besitzen wir ein langes Gedicht zum Preise des

Bischofs =Adalhard= in sapphischem Versmaße, aus dem Ende des neunten

Jahrhunderts, dessen Correctheit für diese Zeit in Erstaunen setzt,

wenn auch einzelne Fehler vorkommen[29]. Und im überraschendsten

Gegensatze zu der Barbarei eines Andreas von Bergamo tritt uns aus

dem Anfange des zehnten Jahrhunderts (zwischen 916 und 922) ein

Werk entgegen, welches in Rücksicht der Form den meisten Dichtungen

karolingischer Zeit ebenbürtig zur Seite steht, nämlich das =Lobgedicht

auf den Kaiser Berengar=[30], dessen ungenannter Verfasser die Sprache

nicht ohne Gewandtheit behandelt und regelrechte Hexameter ohne

Anstoß zu fertigen verstand. Andere freilich finden sich darunter,

welche holprig genug sind[31], und gesuchte Ausdrücke, verkünstelte

Constructionen verdunkeln nicht selten den Sinn. Der Unterschied

ist nicht schwer zu bemerken, wenn plötzlich der melodische Wohllaut

Vergils oder die kunstvollen Verse des Statius sich vernehmen lassen.

Das sind fremde Federn, mit denen der Autor sich geschmückt hat; Bilder

und einzelne Schlachtenscenen machte er sich auf solche Weise zu eigen.

[28] _Epitaphium Pacifici_, Poet. Lat. II, 655, vgl. Traube, O Roma

nob. S. 309. Derselbe setzte die antikisierenden Gedichte _O Roma_

und _O admirabile Veneris_ nach Verona ins 10. Jahrhundert.

[29] Bei Baronius ed. Luc. XV, 480; correcter bei Biancolini dei

vescovi S. 35-37, und jetzt bei Dümmler, Gesta Berengarii S.

134-136, vgl. 61-65, NA. IV, 558. Traube findet auch hier irischen

Einfluss.

[30] _Carmen panegyricum Berengarii_, ed. Valesius, cum Adalberonis ep.

Laudun. carmine ad Rotbertum regem, Paris 1663. MG. SS. IV, 189

bis 210. Jetzt zuerst mit erschöpfender Benutzung der Handschrift

in Venedig mit der vollständigen Glosse, und allseitig erläutert

in: _Gesta Berengarii Imperatoris_. Beiträge zur Geschichte

Italiens im Anf. des 10. Jahrh. von E. Dümmler, Halle 1871; vgl.

NA. IV, 558. Benutzung des sog. Pindarus Thebanus, welcher von

Doering dem Silius Italicus zugeschrieben wird (Progr. d. Lyceums

in Straßburg 1884), weist Dümmler nach, Forsch. XIII, 415 bis 417.

[31] Oft sind sie auch schon gereimt; vgl. über seine Metrik E.

Bernheim, Forsch. XIV, 142.

Die Thaten und Schicksale Berengars, seine Kämpfe um die Krone Italiens

sind es, welche er schildert, und allem Anschein nach schrieb er bald

nach der Kaiserkrönung seines Helden im Nov. oder December 915. Er

war also ein Zeitgenosse, und sein Werk ist in manchen Einzelheiten

nicht ohne geschichtlichen Werth. Doch ist er zu sehr Lobredner und

zu ungenau, um als eigentliche Geschichtsquelle gelten zu können. Die

Verhältnisse sind nicht ohne Geschick, aber mit arger Entstellung, so

gewandt, daß Berengar als der allein berechtigte und legitime Herrscher

erscheint. Es ist merkwürdig, daß, während thatsächlich die Gewalt

allein den Ausschlag gab, doch nachträglich man ängstlich bemüht war,

vor der Welt den Anschein einer formellen Berechtigung zu gewinnen. Wir

haben ähnliches schon in Bezug auf die Karolinger gesehen und werden es

in noch auffallenderer Weise bei den Magyaren wiederfinden.

In der Form der Darstellung schließt sich der Panegyrist durchaus

den alten heidnischen Mustern an, so gut er es vermochte. Er zeigt

die genaueste Bekanntschaft mit Vergil, Statius und Juvenal, und hat

unverkennbar eine gute grammatische Schule durchgemacht. Auch stand

er mit diesen Kenntnissen und dieser Kunst keineswegs vereinzelt da:

Niemand, sagt er, sich selbst anredend, kümmert sich jetzt um deine

Verse; dergleichen wissen die Leute auf dem Lande wie in der Stadt zu

machen.

Ob der Verfasser ein Geistlicher oder ein Laie war, geht aus seinem

Werke nicht mit Sicherheit hervor; wahrscheinlich ist er Schulmeister

in =Verona= gewesen. Für die Schule ist auch dieses Werk bestimmt, und

ist deshalb, wie das des Abbo mit einer erläuternden Glosse versehen,

welche derselben Zeit angehört[32]. Darin tritt eine ausgebreitete

Gelehrsamkeit, und auch Kenntniß der griechischen Sprache, deutlicher

als im Gedicht selbst hervor. Einige geschichtliche Erklärungen werden

gegeben, vorzüglich aber grammatische, bei denen Servius stark benutzt

ist. Bei der Erläuterung der Mythen, welche in allen Commentaren des

früheren Mittelalters eine Hauptrolle spielt, übergeht der Glossator

vieles, weil das ja allgemein bekannt sei.

[32] Doch kann sie nicht vom Vf. selbst herrühren, s. die Recension

von Pannenborg, GGA. 1871, S. 1767-1783, und Dümmlers Nachtr.

zu Anselmus Peripatet. S. 107. E. Bernheim hat Forsch. XIV,

138-154 die Glosse genau untersucht, und besonders auf die

alten Glossarien als Quellen einer unfruchtbaren Gelehrsamkeit

hingewiesen.

Wir begegnen hier einer Bildung, die durchaus nicht von der Kirche

herrührt, sondern fortgepflanzt wird durch jene einzeln stehenden

Grammatiker, deren Wirksamkeit in Italien niemals aufgehört hat. Es ist

W. v. Giesebrechts Verdienst, zum ersten Male nachgewiesen zu haben,

daß diese Schulen in Italien immer fortbestanden haben und unter den

Laien einen Grad der Bildung verbreiteten, den man diesseit der Alpen

nicht kannte. In Italien, sagt Wipo im elften Jahrhundert, geht die

ganze Jugend ordentlich zur Schule und nur in Deutschland hält man es

für überflüssig oder unanständig, einen Knaben unterrichten zu lassen,

wenn er nicht zum geistlichen Stande bestimmt ist. Der italienische

Laie las seinen Vergil und Horaz, aber er schrieb keine Bücher,

während die Geistlichkeit theils in Rohheit versank, theils zu sehr

in den politischen Händeln befangen war, um an den wissenschaftlichen

Bestrebungen der Zeit Theil zu nehmen. Daraus erklärt sich der Mangel

litterarischer Productivität und die Dürftigkeit der vorhandenen

Litteratur, während andererseits bei jenem Panegyristen und etwas

später bei Liudprand plötzlich eine überraschende Fülle klassischer

Gelehrsamkeit und große Gewandtheit im Ausdruck hervortraten,

namentlich im Versemachen, welches ein Hauptgegenstand der Schulbildung

war. Denn einzelne vom geistlichen Stande naschten auch von jener

verbotenen Frucht; im allgemeinen aber stand der Clerus im Gegensatz

zu diesem Treiben, in dem er nicht mit Unrecht ein heidnisches Element

erkannte. Die Wissenschaft war hier nicht in den Dienst der Kirche

genommen; sie behauptete einen unabhängigen Standpunkt, war aber fast

ausschließlich formaler Natur und darum wesentlich unproductiv.

Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2) · 第 24 / 60 题