[9] _Fundatio monasterii Werthinensis_ bei Ficker, Die Münsterischen

Chroniken (1851) S. 352-355. Diekamp, Vitae Liudgeri, p. 286-294,

mit neuen Hülfsmitteln; vgl. Al. Schulte, Mittheil. II, 637.

Diekamp in d. Zts. f. Westf. Gesch. u. Alt. XLI, 148-164, u.

Erläuterung einer Urk. K. Arnulfs. Mitth. d. Inst. V. 622. Ausg.

v. Waitz MG. SS. XV, 164-168. -- Eine von Liudgers Neffen Hildegrimus

diaconus, 853-888 Bischof von Halberstadt, geschriebene Hs. NA.

X, 336.

Ein anderer Angelsachse war =Willehad= aus Northumberland, der

ebenfalls seine Missionsthätigkeit in Friesland begann und 780 von

Karl dem Großen über den Gau Wihmodia gesetzt wurde. Auch ihn vertrieb

der Aufstand Widukinds 782, dem ein großer Theil seiner Schüler

und Gehülfen zum Opfer fiel. Er selbst flüchtete nach Friesland

und pilgerte nach Rom; dann lebte er eine Zeit lang in stiller

Zurückgezogenheit in Echternach; Karl aber rief ihn nach der Besiegung

der Sachsen zu seiner früheren Thätigkeit zurück, und erhob ihn 787

zum Bischof von Bremen, wo er am 8. November 789 gestorben ist. Sein

Leben[10] ist in einer kurzen und einfachen Darstellung beschrieben,

welche von seinem berühmteren Nachfolger =Anskarius=, dem Apostel des

Nordens, verfaßt sein soll, wie Adam von Bremen berichtet. Doch hat G.

Dehio[11] darauf aufmerksam gemacht, daß die beiden Bücher (Vita und

Miracula) nicht von einem Verfasser sein können, und nur das zweite

von Anskar sein wird. Er hat ferner nachgewiesen, daß die einzigen

chronologisch bestimmten Nachrichten 787 und 789 wörtlich ebenso im

Chron. Moissiacense stehen, einige Worte über Widukind aber nicht

nur da, sondern auch in den Ann. Laureshamenses. So ergiebt sich auch

hieraus, daß dem Chron. Moissiac. ein vollständigerer Text der Ann.

Lauresham. vorgelegen hat; die Herkunft der speciellen sächsischen

Nachrichten aber vermuthet Dehio in einer Aufzeichnung, welche auch

in den von Adam angeführten =liber donationum Bremensis ecclesiae=

aufgenommen sein möchte, ein Buch, welches nach V. Ansk. c. 41 von

Anskar angelegt sein dürfte. Doch vermuthet Simson, Forsch. XIX, 134,

einfach die Lauresham. in vollständigerer Form als Quelle.

[10] _V. Willehadi auct. Anskario_ ed. Pertz, MG. SS. II, 378-390.

Uebersetzt von Laurent, 1856. 1888. Geschichtschr. 14 (VIII, 3).

Hs. in einem alten Sanctgaller Catalog, NA. X, 169. Ebert II, 340.

Hauck II, 318 bis 320.

[11] G. Dehio, Gesch. des Erzb. Hamburg-Bremen bis zum Ausgang der

Mission (Berl. 1877) I^b S. 51-53. Alcuin läßt 789 „dilectissimum

meum Uilhaed episcopum“ grüßen, ep. 13 Jaffé.

Wir gedachten schon oben der großartigen Idee Kaiser Karls, an den

äußersten Grenzen seines Reiches Metropolen zu errichten, welche das

Christenthum weit über die Marken hinaus tragen und den geistlichen

Einfluß des Kaiserthums dahin erstrecken sollten, wo man seine Waffen

nicht mehr fürchtete. Das Heidenthum war der christlichen Kirche

unversöhnlicher Feind, es hing genau zusammen mit der alten freien

Gemeindeverfassung, und aus beiden entsprangen die unablässigen

Raubzüge, von denen die germanischen Nationen jetzt abgelassen hatten,

vor denen sie nun aber in ihren gefährdeten Grenzen keine Ruhe fanden,

bis die Ausbreitung des Christenthums dem alten Unwesen ein Ende

machte.

=Hamburg= war dazu bestimmt, der kirchliche Mittelpunkt des Nordens

zu werden[12]. Ludwig achtete nicht auf den unausgeführt gebliebenen

Gedanken seines Vaters; als aber der flüchtige Dänenkönig Harald die

Taufe verlangte und =Anskarius= oder =Ansgarius=, der ihn als Lehrer

der Seinen begleitete, bald auch auf Schweden seine Wirksamkeit

ausdehnte, da wurde der alte Plan wieder aufgenommen und Anskar 831

zum Erzbischof von Hamburg geweiht. Doch fehlte Karls starke Hand

zum Schutze der neuen Schöpfung, welche dem in Dänemark und Schweden

neu erstarkten Heidenthume gegenüber keine erhebliche Wirksamkeit

gewinnen konnte. Die Reichstheilung entzog Anskar die Einkünfte der

ihm angewiesenen Zelle Turholt in Flandern, und 845 wurde Hamburg

selbst von den Dänen verwüstet. Da vereinigte Ludwig der Deutsche 847

das erledigte Bisthum Bremen mit dem Erzbisthum und sicherte dadurch

dessen Bestand. Anskarius konnte nun mit ausreichenden Mitteln seine

Wirksamkeit fortsetzen und starb nach einem Leben voll rastloser

Thätigkeit am 3. Febr. 865. Einst hatte er in seiner Zelle Turholt

in Flandern einen Knaben bemerkt, der ihm besonders hoffnungsreich

erschien: es war =Rimbert=, den er zum Geistlichen erziehen ließ,

und der dann bald als sein treuester und liebster Jünger sein

unzertrennlicher Gefährte, zuletzt sein Nachfolger wurde. Dieser ist

es, der mit einem andern Schüler Anskars zusammen[13] in Hamburg das

Leben des Meisters bald nach dem Tode desselben geschrieben hat[14],

voll warmer und inniger Liebe, zugleich aber reicher an Inhalt als die

Mehrzahl der übrigen Biographieen ähnlicher Art. Anskars Leben gehört

ohne Frage zu den bedeutendsten Quellenschriften des Mittelalters; die

ganze reiche Wirksamkeit des glaubensstarken Erzbischofs, das volle

Bild seiner großartigen, kindlich demüthigen und doch so verständigen

Persönlichkeit tritt uns lebensvoll darin entgegen, und über die

Zustände des Nordens verbreiten die einfachen und zuverlässigen

Aufzeichnungen Rimberts das erste Licht. Daß auch Träume, Visionen,

Wunder einen großen Raum darin einnehmen, liegt in der Natur der

Verhältnisse; geschrieben wurde das Buch für die Mönche des Klosters

Corbie, aus dem Anskar hervorgegangen war, dessen Mönche ihn begleitet

hatten, und diesen lag mehr daran, ihren großen Klosterbruder als

einen Heiligen geschildert zu sehen, als von den nordischen Heiden

genaue Nachrichten zu erhalten. Man darf es bei der Beurtheilung

dieser Litteratur nie vergessen, daß, was wir am meisten darin zu

finden wünschen, gewöhnlich von den Verfassern wie von den Lesern als

Nebensache betrachtet wurde.

[12] Rimberts bestimmte Angaben über Karls Absicht zu bezweifeln, sehe

ich keinen Grund, wenn auch zuzugeben ist, daß sie keine völlig

genügende Sicherheit gewähren.

[13] Diese Angabe der V. Rimb. c. 9 bekämpft Koppmann: Die

mittelalterlichen Geschichtsquellen in Bezug auf Hamburg (1868)

S. 25. 36-38. Doch scheint mir der Verfasser jener Vita noch eine

bestimmte Ueberlieferung gehabt zu haben, und eine Ungleichheit

im Stil braucht deshalb nicht hervorzutreten.

[14] V. Rimb. c. 9. Adam Br. I, 36. _V. Anskarii_, MG. II, 683-725,

herausgegeben von Dahlmann, der in den Anmerkungen leider noch das

unechte Chron. Corbejense benutzt hat. Octavausgabe v. Waitz 1884;

vgl. die Bemerkungen von Kunik, Forsch. XXIV, 191-197. Uebersetzt

von Laurent, 1856. 1889. Geschichtschr. 22 (IX, 7). Ueber die

neueren Bearbeitungen s. H. A. Schumacher im Brem. Jahrbuch II,

444-468, und jetzt ausführlich über diese und über A. überhaupt G.

Dehio a. a. O. Ebert II, 341-343. Anskars Pigmenta (Gebete zu den

Psalmen) hat Lappenberg herausgegeben, Ztschr. f. Hamb. Gesch. II,

1 ff. Vgl. Koppmann, Allg. D. Biogr. I, 480-483. Hauck II, 617 ff.

Hier aber brachte es die ganze Art der Thätigkeit Anskars mit

sich, daß auch die äußeren Verhältnisse, in denen er sich bewegte,

geschildert werden mußten, und uns zum Glück hat Rimbert vieles

von dem, was er berichtet, selbst mit durchlebt und gesehen. Darum

reiht sich dieses Leben dem früheren Severins, dem späteren des Otto

von Bamberg an. Unbedeutend dagegen ist des wackeren Rimbert eigene

Lebensbeschreibung[15], von unbekanntem Verfasser. Geschrieben ist sie

zu Lebzeiten seines Nachfolgers Adalgar, der von 888 bis 909 Erzbischof

war.

[15] _V. Rimberti_ ed. Pertz, MG. II, 764-775. Ausg. von Waitz mit der

V. Anskarii. Uebersetzt von Laurent 1856. 1889 mit Anskars Leben.

Brief von Ratramnus an Rimbert über die Hundsköpfe in Hilgenfelds

Zts. f. wiss. Theol. 1881. Ein zweiter bei Wilmans Kaiserurkk. I,

566.

§ 16. Fortsetzung. Corvey. Gandersheim.

In Fulda, wie in Friesland, in Münster und Bremen, waren es

Angelsachsen, welchen die Grundlagen der neuen Entwickelung verdankt

wurden; bei Anskar aber war ein solcher Einfluß nicht nachzuweisen.

Von Kindheit an im Kloster Corbie an der Somme erzogen, übernahm er

dort schon früh die Leitung der Klosterschule und wurde dann der erste

Vorsteher der Schule in dem neu gegründeten Tochterkloster =Corvey= in

Sachsen.

Diese Stiftung war eine Frucht der nicht bloß äußerlich durch Zwang und

Eroberung, sondern auch innerlich vollzogenen Einigung des fränkischen

und des sächsischen Stammes. Schon König Pippins Bruder Bernhard hatte

eine sächsische Gemahlin und Bernhards Söhne, =Adalhard= und =Wala=,

nahmen sich eifrigst der Bekehrung und Belehrung ihres Volkes an.

=Adalhard= hatte Karls Hof verlassen, als dieser die Tochter des Königs

Desiderius verstieß, war in Corbie Mönch geworden, und weil hier die

Besuche seiner vornehmen Verwandten die klösterliche Ruhe störten, nach

Montecassino entwichen. Aber Karl rief ihn von da zurück; er wurde Abt

von Corbie und mußte von neuem an den Reichsgeschäften Theil nehmen.

Namentlich hat er längere Zeit hindurch eine sehr bedeutende Stellung

in Italien eingenommen. Wala aber war, als Karl starb, über Sachsen

gesetzt.

Karl wünschte aus den Sachsen selbst Lehrer des Christenthums zu

erziehen, und deshalb hatte er gefangene und als Geiseln übergebene

Sachsenknaben in verschiedene Klöster vertheilt; viele derselben

waren Adalhards Obhut in Corbie übergeben, und dieser gedachte in

Sachsen selbst ein Kloster zu gründen, aber seine Sendung nach Italien

verhinderte die Ausführung. Als Ludwig zur Regierung kam und mit dem

kleinlichsten Hasse die Staatsmänner seines Vaters verfolgte, wurde

Adalhard nach Noirmoutiers verbannt[1], Wala aber Mönch in Corbie.

Dieser betrieb nun mit dem größten Eifer die Stiftung eines Klosters

unter dem Volke, dem er durch seine Mutter angehörte; schon 815 wurde

zu Hethis im Solling[2] eine Celle erbaut, aber der Ort war ungünstig

und das neue Kloster fing erst an zu gedeihen, als Adalhard wieder

Einfluß gewonnen hatte und Kaiser Ludwig 822 die Stiftung und den

Neubau auf dem Königshofe Höxter gestattete[3]. Hier erblühte nun die

neue Corbeja, wohin auch Ansgar damals als Lehrer ging, rasch und

kräftig; nach Adalhards Tod (2. Januar 826) wurde Warin[4] zum Abt

erwählt. Auch er hatte bereits das Schwert geführt und erst im späteren

Alter mit der Mönchskutte vertauscht. Im Jahre 830 empfing er in seinem

Kloster einen vornehmen Gast, Hilduin, den Abt von St. Denis, der nach

Corvey verbannt war. Die liebevolle Aufnahme, welche dieser bei Warin

fand, dankte er ihm später nach seiner Rückkehr durch ein kostbares

Geschenk, den Leib des heiligen Veit, der 836 nach Corvey gebracht

und hinfort als der Hort und Schutz des sächsischen Volkes betrachtet

wurde.

[1] Dort ließ er die Historia tripartita abschreiben: „Hic codex Hero

insula scriptus fuit jubente sancto patre Adalhardo dum exularet

ibi“. Mab. de re dipl. tab. V. Jetzt ist die Hs. in Petersburg,

NA, V, 248; eine andere S. 252. -- Ein prächtiges, auf Befehl

Rodrads von Corbie 853 für B. Hilmerad von Amiens geschriebenes

Sacramentar beschreibt Delisle, Sacram. p. 123.

[2] Dahin gehört das in Pfeiffers Germania e cod. Vat. gedr.

Mönchsverzeichniß s. IX, nach Enck in der Zts. f. vat. Gesch. Bd.

37, Münster 1879.

[3] So Simson, Ludw. d. Fr. II, 266. Wilmans Kaiserurkunden I, 463

ff., scheint der V. Adalhardi zu viel Glauben geschenkt zu haben,

und überschätzte Alter und Autorität der _Fundatio Corbejensis_,

gedr. ib. I, 507. Vgl. Rodenberg, Die Vita Walae, S. 97-104.

Gegen beide verwirft Holder-Egger in der neuen Ausg. SS. XV,

2, 1013-1045, die Annahme einer älteren Gründungsgeschichte, er

sieht in der 2. Form nur eine Erweiterung der ersten. Diese, kurz

vor 1158 geschrieben, wurde zu den Zusätzen zu Thietmar benutzt,

welche der Annalista Saxo aufnahm.

[4] Ihm widmete Paschasius Radbertus zwei seiner Schriften, Ebert II,

232. 235. NA, IV, 304.

Ueber diese Ereignisse berichtet uns ein ungenannter Mönch von Corvey

in der Erzählung von der =Uebertragung des heiligen Veit=[5], der

er selbst beigewohnt hatte. Es kann wohl, obgleich Jaffé es nicht

gelten lassen wollte, nicht zweifelhaft sein, daß dem Bericht von der

Uebertragung und den Wundern die Erzählung der Stiftung des Klosters

erst nachträglich vorangestellt ist, doch vermuthlich von demselben

Verfasser oder mindestens einem Zeitgenossen. In Corbie dagegen schrieb

=Radbert=, mit dem Beinamen =Paschasius=, einer der bedeutendsten

unter den gelehrten Theologen dieser Zeit[6], das Leben der Brüder

Adalhard und Wala, jedoch so überladen mit rednerischem Schmuck, daß

die Thatsachen nur mühsam herauszufinden sind. =Adalhards Leben=[7]

ist bald nach seinem Tode, noch bei Lebzeiten des Wala geschrieben;

es ist eigentlich nur eine Todtenklage, nach Traube's Vermuthung mit

dem Rotulus an die verbrüderten Klöster versandt, und nachträglich,

als Wala nicht, wie er gewünscht, Abt von Corvey geworden war, mit

Zusätzen versehen. Die hinzugefügte Egloga, ein Wechselgesang der

alten und der neuen Corbeja, ist ohne die Vita unverständlich und

gehört nothwendig dazu. Schwülstiger und schwer verständlich ist das

=Leben= des =Wala=[8] († 836), welches in Nachahmung des Cicero[9]

in Gesprächsform verfaßt und aus Furcht vor dem Kaiser und Karl

dem Kahlen in absichtliche Dunkelheit gehüllt ist; außerdem war der

Verfasser nichts weniger als unbefangen und folgte zur Verherrlichung

seines Helden und zur Erbauung seiner Leser, wie billig, kirchlichen

Gesichtspunkten, politische lagen ihm fern.

[5] _Historia Translationis S. Viti_ ed. Papebroch, Acta SS. Jun.

II, 1029 bis 1037. Pertz MG. II, 576-585 wiederholte die ältere

Ausgabe Mabillons, welcher der Prolog fehlt; Handschriften fehlen.

Neue kritische Ausgabe von Jaffé, Bibl. I, 1-26. Uebers. v.

Grandaur 1888 nach V. Eigilis. Vgl. Enck: De S. Adalhardo abb.

(Diss. Monast. 1873) S. 60: Translatio S. Viti quo tempore scripta

quaeque ei fides tribuenda esse videatur. Ebert II, 336-338. Der

Verfasser hat die V. Adalhardi schon benutzt. Späten Ursprungs

und kaum brauchbar ist _S. Justini translatio Roma Corbejam_ 891,

wozu 949 sein Kopf von Magdeburg kam, ed. Meibom SS. I, 769; cfr.

Acta SS. Aug. I, 33.

[6] Ueber ein Citat aus Senecas ludus de morte Claudii s. F. Jonas im

Hermes VI, 126. Dümmler, NA. IV, 301-305. Ebert II, 230-244; ib.

244-247 über Ratram, Mönch von Corbie. Epitaph des Abts Ratold

(986) NA. V, 622. -- _V. Pascasii Radberti_ aus d. 12. od. 13.

Jahrh. ed. Holder-Egger, SS. XV, 452-454.

[7] Acta SS. Jun. I, 96-111. Mab. IV, 1, 308-344. Excerpte MG. II,

524-532. Die Egloga mit anderen Versen Radberts ed. Traube, Poet.

Lat. III, 38-53; vgl. dens. O. Roma nob. S. 310-312.

[8] Mab. IV, 1, 455-522. Excerpte MG. II, 533-569. Vgl. Himly, Wala et

Louis le Débonnaire, Paris 1849. C. Rodenberg: Die Vita Walae als

hist. Quelle, Gött. 1877. Dass I, 9 unter „Virgilius ille tuus“

Ausonius zu verstehen sei, hat B. Simson nachgewiesen, s. NA. XII,

428. -- Gedichte des Engelmod von Corbie ed. Traube, Poet. Lat.

III, 54-66.

[9] Nach Traube, Poet. Lat. III, 42.

Natürlich begannen schon unter Adalhard Schenkungen dem neuen Kloster

zuzuströmen; diejenigen =Traditionen=, über welche eigene Urkunden

nicht ausgestellt waren, was damals noch selten geschah, wurden

bis 1037 auf eine Rolle geschrieben und von dieser durch den Bruder

Johannes abgeschrieben. Es begegnete ihm aber dabei das Unglück, daß

er mit der Rückseite anfing, weshalb die ältesten Traditionen unter

Adalhard erst § 225 beginnen[10].

[10] Nachgewiesen von H. Dürre: Ueber die angebliche Ordnungslosigkeit

und Lückenhaftigkeit der Traditiones Corbejenses, im Progr. d.

Gymn. in Holzminden, 1877, und Zts. f. Westf. Gesch. Bd. 36.

Ausgabe von Wigand 1843.

Verloren sind uns leider Adalhards Briefe, und nur in einem Auszuge

Hinkmars erhalten seine Schrift über die =Hofordnung Karls des

Großen=[11], welche auch so noch zu den lehrreichsten Denkmälern dieser

Zeit gehört, deren Zuverlässigkeit aber durch die Ueberarbeitung

ungewiß geworden ist. Hinkmar war nämlich damals aus seiner

einflußreichen Stellung verdrängt und sehr unzufrieden; er kämpfte

vergeblich für die Unabhängigkeit der Bischofswahlen und klagte über

den ungeordneten Einfluß von Günstlingen. Deshalb stellte er hier

Karlmann, dem Sohne Ludwigs des Stammlers, 882 ein ideales Bild der

guten alten Zeit vor Augen. Mit der Wahrheit nimmt Hinkmar es auch

sonst nicht eben genau, und Vorsicht ist daher dringend geboten.

Im allgemeinen aber entspricht die Darstellung den wirklichen

Verhältnissen, wie sie uns, freilich unvollkommen genug, aus Karls Zeit

bekannt sind.

[11] _Hincmari epistola de ordine palatii_, gedr. u. a. in Walters

Corp. Jur. Germ. III, 761-772. Gengler, Germ. Rechtsdenkmäler, S.

692. Migne CXXV. Ausg. v. Prou, Bibl. de l'École des hautes études

58. 1884. Vgl. Pernice, De Comitibus palatinis (1863) p. 47-50.

C. v. Noorden, Hinkmar S. 385. Waitz, Verfassungsgesch. III, 412.

Das Andenken Wala's hat sich, wie R. Wilmans sehr scharfsinnig

nachgewiesen hat, in dem Nonnenkloster =Herford=, einer von derselben

Familie ausgegangenen Stiftung, erhalten. Man nannte ihn =Walder= oder

=Waltger=, und =Wigand=, ein Landpfarrer, vielleicht von Kirchdornberg,

schrieb im 13. Jahrh. seine Legende, in welcher freilich von der

wirklichen Geschichte nur noch schwache Spuren geblieben sind[12].

[12] _Vita Waltgeri_, im Auszug bei Heinrich von Herford. Neue, erste

krit. Ausg. bei R. Wilmans Kaiserurkk. 488-501; dazu S. 275-318

wichtige Untersuchungen über die merkwürdige Familie und ihre

Stiftungen.

Das =Leben= der =Ida=, der Mutter Warins (welche Verwandtschaft aber

sehr zweifelhaft ist), ist erst auf Anlaß ihrer Erhebung 980 durch den

Bischof Dodo von Münster unter Abt Liudolf von =Uffing=, einem Werdener

Mönche, geschrieben und erscheint wenig glaubwürdig[13].

[13] Erste zuverlässige Ausgabe von R. Wilmans a. a. O. 409-488. Vgl.

Hüsing, Genealogie der h. Ida, Zts. f. vaterl. Gesch. 38, Münster

1880.

Einige Nachrichten über diese ersten geistlichen Stiftungen im

Sachsenlande sind uns ferner noch erhalten in den Berichten über die

Erwerbung und Uebertragung der Reliquien, welche zu ihrem Gedeihen

nun einmal unerläßlich waren; so erhielt =Herford= 860 die heilige

=Pusinna=[14], =Paderborn= schon 836 aus Le Mans den h. =Liborius=[15];

die Erzählungen davon sind aber erst gegen das Ende des neunten Jahrh.

verfaßt, die letztere durch den Bischof =Biso=, einen Zeitgenossen

des Kaisers Arnulf veranlaßt, während die Uebertragung ein Werk

des Bischofs Badurad war. Ein gleiches Verhältniß beider Bischöfe

begegnet uns darin, daß zu Badurads Zeit =Mainulf=, ein vornehmer

Sachse, Canonicus in Paderborn geworden war und das Nonnenkloster

=Boeddeken= gestiftet hatte, Biso aber dessen Leib feierlich erheben

ließ, vermuthlich auch eine Lebensbeschreibung veranlaßte. Diese ist

jedoch verloren; wir besitzen nur eine Ueberarbeitung, welche von

dem Verfasser =Sigeward= einem nicht näher bezeichneten =Albinus=

zugeeignet ist. Der Herausgeber C. Byeus vermuthet in jenem den

Abt von Fulda (1039 bis 1043) vor seiner Erhebung zur Prälatur,

wofür, wie Holder-Egger bemerkt, keinerlei Gründe vorhanden sind,

in Albin den berühmten Lehrer Albwin von Hersfeld, welcher 1043

Abt von Nienburg wurde. Die Sprache ist jener Zeit angemessen,

Reimprosa mit übertriebenem Streben nach Schönrednerei, mit Brocken

aus Horaz und Vergil geschmückt; es war nicht des Verfassers Schuld,

daß ihm geschichtliche Thatsachen fast gar nicht vorlagen, und die

Wundergeschichten, welche er zu berichten hatte, noch alberner waren

als gewöhnlich[16]. Auch das Leben der heiligen =Liutbirg=[17], einer

Klausnerin bei Halberstadt, die bis zu den Zeiten König Ludwig des

Jüngeren (876-882) lebte, giebt Kunde von dem Eifer, mit welchem die

Neubekehrten sich der Kirche zuwandten, und ist merkwürdig durch die

darin enthaltenen Angaben über die Nachkommen jenes Hessi, des Fürsten

der Ostfalen, welcher sich 775 Karl dem Großen unterworfen hatte.

[14] _Translatio S. Pusinnae_, in berichtigtem Abdruck bei Wilmans

a. a. O. 541-546. Auszug SS. II, 681. Bei Henr. de Hervordia ed.

Potthast p. 59 sind noch mehr Wunder.

[15] _Translatio S. Liborii_, MG. SS. IV, 149-157. Uebers. von Grandaur

bei V. Eigilis. Vgl. Conr. Mertens: Der h. Liborius. Sein Leben,

seine Verehrung u. seine Reliquien. Paderborn 1873.

[16] _Vita S. Mainulfi_ ed. Corn. Byeus, Acta SS. Oct. III, 209-216.

Dann folgt die neue Bearbeitung, welche von Gobelinus Persona

verfaßt ist, wie Holder-Egger durch die Trierer Hs. sichert. Ausg.

d. älteren Vita SS. XV, 411-417.

[17] Bei A. Lang, De Sanctis O. S. Benedicti. B. Pez Thes. II, 3, 146.

MG. SS. IV, 158-164 im Auszuge.

Aus =Corvey= aber sind uns noch Ostertafeln erhalten, im achten

Jahrhundert von angelsächsischer Hand geschrieben und mit wenigen

Bemerkungen versehen, zu welchen die Mönche des Klosters im Laufe der

Zeiten andere hinzugefügt haben; als Geschichtswerk kann man diese

kurzen Notizen nicht betrachten, und auch der materielle Inhalt ist

für die vorliegende Periode fast ohne Bedeutung[18]. Dagegen hat der

Abt =Bovo= (879-890), ein Neffe Warins, oder nach Wilmans' Vermuthung

vielmehr Bovo II (900-916) ein Werk geschrieben, aus welchem Adam von

Bremen (I, 41) ein werthvolles Bruchstück über die Normannenschlacht

von 884 erhalten hat[19]. Er führt es ein mit den Worten: „de sui

temporis actis scribens non reticuit dicens“, und danach möchte man an

ein Werk über die Geschichte seiner Zeit denken, doch fällt es auf,

daß nirgend sonst sich eine Spur davon findet, auch Adam nur diese

eine Anführung hat. Die Hauptsache ist das Verdienst des Erzbischofs

Rimbert, von welchem ein Brief über denselben Vorfall in die Fulder

Annalen aufgenommen war, aber leider in unserer Handschrift ausgelassen

ist. Adam bezeichnet den Vorgang als ein Wunder, und vielleicht waren

Wundergeschichten der Inhalt des Werkes. Derselbe Bovo II zeichnete

sich durch seine Kenntniß des Griechischen aus, und erregte allgemeines

Erstaunen, als er dem König Konrad ein griechisches Schreiben

auszulegen vermochte, vermuthlich 913, als der König das Kloster

besuchte[20]. Wir besitzen aber noch ein Werk von ihm, welches durch

Gelehrsamkeit und vortreffliche Latinität der besten karolingischen

Schule vollkommen würdig ist, und auch griechisch geschriebene Wörter

enthält, welche Kenntniß der Sprache zeigen, nämlich einen Commentar zu

Boeth. de consol. phil. III metr. IX. Diesen schrieb er auf den Wunsch

des Bischofs Bovo, seines viel jüngeren Blutsverwandten, der unter

ihm in Corvey Mönch geworden[21], und jetzt durch weite Länderstrecken

(longinqua nimis terrarum intercapedine) von ihm getrennt war; er

schrieb ihm trotz schwerer Sorgen, „inter miserias et aerumnas, quas

inter civilia bella et paganorum, ut prophetice loquar, velociores

aquilis incursiones sine cessatione patimur“[22].

[18] _Annales Corbejenses_, MG. SS. III, 1-18; berichtigte Ausgabe

von Jaffé, Bibl. I, 28-65, wo 7 Notizen 809-840 als _Ann. aut

Monasterienses aut Werthinenses_ ausgeschieden sind. Von anderer

Hand sind Ann. Corb. 822-879 eingetragen, dann gleichzeitige

Fortsetzungen 880-1117. Vgl. oben S. 150. Zu warnen ist vor

der Verwechselung mit dem unechten _Chron. Corbejense_. Ueber

die werthvolle ausführlichere Eintragung zu 1046 s. Steindorff,

Heinrich III, I, 480. Größeres Facs. mit den Veränderungen der

Schrift vom 7. bis 12. Jahrh. in Wigands Arch. f. Gesch. Westf. V.

[19] Abgesondert als _Bovonis de sui temporis actis fragmentum_,

herausgegeben von Jaffé, Bibl. I, 27, vgl. Wilmans a. a. O. S.

304.

[20] „Qui Graecas litteras coram Cuonrado rege legendo factus est

clarus.“ Cod. Steinveld. ad Widuk. III, 2.

[21] Nach dem sehr werthvollen, vom Beginn des Klosters bis 1146

fortgeführten Verzeichniß der Aebte und der unter jedem

aufgenommenen Mönche, neu herausgegeben bei Jaffé, Bibl. I,

66-72, MG. SS. XIII, 274. Bovo war wahrscheinlich Bischof von

Châlons-sur-Marne, † 947, Bruder der Königin Frideruna, Oheim

des B. Berengar von Cambrai, s. MG. SS. VII, 431, im Necr. Merseb.

zu Dec. 20, Neue Mitth. XI, 250.

[22] Herausgegeben von A. Mai, Class. Auct. III, 332-342. Der Abt ist

nur durch B. bezeichnet, kann aber kaum ein anderer sein.

Begreiflich ist es, daß bei noch wachsender Bedrängniß auch hier die

Feder ruhen mußte, daß von Bovo's Ruhm und seinen Werken nur eine

dunkle Erinnerung blieb, und daß eine neue Zeit erst anbrach, als die

Thaten der Ottonen neuen Anstoß zu schriftstellerischer Thätigkeit

gaben.

Dasselbe war der Fall in einem andern Kloster, welches den Ludolfingern

noch näher stand als Corvey, in =Gandersheim=, wo Graf Ludolf selbst um

850 eine ältere Stiftung erneuert hatte und Prinzessinnen seines Hauses

als Aebtissinnen walteten. Die erste, bis zum Jahre 874, war Ludolfs

Tochter =Hathumod=, deren Leben von ihrem Bruder =Agius= beschrieben

wurde, der nach einer Vermuthung von Pertz wahrscheinlich Mönch in

dem nahe gelegenen Kloster Lammspring war, aber, wie Dümmler bemerkt,

ebenso gut Corvey angehört haben kann. In der Form ahmte er, wie Traube

bemerkt[23], das Vorbild des Paschasius Radbertus nach, indem er zu

der in Prosa geschriebenen Biographie Elegieen hinzufügte, die eine

tiefgefühlte rührende Todtenklage enthalten[24]. Sowohl die reine und

fehlerfreie Sprache, die gewandte Ausdrucksweise, der fließende, wenn

auch nicht ganz correcte Versbau, wie das zarte und sinnige Gemüth des

Verfassers, den die innigste Liebesgemeinschaft mit seiner Schwester

verbunden hatte, verleihen diesen Schriften einen ganz besonderen Reiz;

die mancherlei Nachrichten über die verschiedenen Mitglieder dieser

zahlreichen und ausgezeichneten Fürstenfamilie geben ihnen außerdem

noch einen größeren Werth für den Geschichtsforscher.

[23] O Roma nobilis, S. 310.

[24] _Agii Vita Hathumodae_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 165-189.

Uebersetzung von Rückert, Stuttg. 1845, von Grandaur bei Vita

Eigilis. Benutzung des Fortunat, NA. IV, 527; in der Prosa der V.

Martini ib. XIV, 166. -- Ausg. des Dial. von Traube, Poet. Lat. III,

2, 369-388.

Pertz hat die Vermuthung ausgesprochen, daß wohl derselbe Agius

jener sächsische Dichter sein möge, welcher Einhards Jahrbücher

metrisch bearbeitete. Dieselben Vorzüge des Ausdruckes finden sich

darin wieder, und die einzige vorhandene Handschrift stammt aus dem

Kloster Lammspring[25]. Doch ist sie kein Original, und jene Annahme

nicht ohne Bedenken. Deutlich aber bezeichnet der ungenannte Dichter

sich als einen Sachsen, den in den ersten Jahren der Regierung Königs

Arnulfs die Dankbarkeit gegen den großen Sachsenbekehrer, welchem

er nicht allein den Glauben, sondern auch die litterarische Bildung

allein verdankte, zu dem Unternehmen getrieben habe, Karls Leben

und Thaten in Versen zu verherrlichen. Er hält sich dabei ganz genau

an die Einhardischen Annalen und an das ausdrücklich citirte Leben

Karls von Einhard, welchem das letzte, in Distichen verfaßte Buch

entnommen ist; nur wenige Schilderungen aus eigener Kenntniß beleben

die reizlose Paraphrase. Von 801 an haben ihm jedoch, wie Bernhard

Simson nachgewiesen hat, jene Annalen nicht mehr vorgelegen, sondern

dürftigere, den Hersfelder verwandte, vermuthlich Halberstädter

Annalen, aus welchen die falsche Angabe über den 803 zu Salz mit den

Sachsen abgeschlossenen Frieden sich erklärt[26]. Pückert (S. 172 bis

180) nimmt Benutzung des verlorenen Werkes (oben S. 226) in einer

Metzer Bearbeitung und Angehörigkeit des Verfassers zu St. Arnulf in

Metz an.

[25] Die nachträglich gefundene Brüsseler Handschrift (Archiv III,

379) scheint der Lammspringer zu entstammen, wenigstens hat

sie dieselben Lücken. Zur Zeit des Probstes Gerhard u. der

Aebt. Judith (1178-1191) schrieb hier die Nonne Ermengarde

einige Schriften des h. Augustin ab, Cod. Helmst. 204, s. O. v.

Heinemanns Wolfenb. Catalog I, S. 185.

[26] _Poetae Saxonis Annales de Gestis Caroli magni imperatoris_, ed.

Pertz, MG. I, 225-379. Wieder abgedruckt bei Migne XCIX, 683-736.

Jaffé, Bibl. IV. 542-627. Ebert III, 125-129. Simson, Der Poeta

Saxo und der Friede zu Salz, Forschungen I, 301-326. Pannenborg

vermuthet, daß der Verfasser der Gesta Heinrici IV dieses Werk

gekannt und nachgeahmt habe. Brieden, Geschichtl. Werth des Poeta

Saxo. Progr. d. Laurentianums zu Arnsberg, 1878.

§ 17. Lothringen.

Richbod von =Trier= (795-804) ist als Schüler Alcuins bekannt, und wird

als ein Mann von gründlicher Gelehrsamkeit und Bildung gerühmt; Alcuin

warf ihm vor, daß er die Aeneide besser kenne, als die Evangelien. Ohne

Zweifel wird er sich um die Schulen in seinem Sprengel verdient gemacht

haben. Auch Amalarius (809 bis 814) machte sich als Schriftsteller

bekannt[1]; an seinen Nachfolger Hetti (814-847) schickte Einhard mit

einem freundschaftlichen Briefe (ep. 10, bei Jaffé 23) einen Theil

seiner kostbaren Reliquien, vermuthlich für die von ihm gestiftete

und 836 eingeweihte Castorkirche zu Koblenz. Von ihm hat sich eine

Anleitung zum kirchlichen Unterricht in Gesprächform erhalten[2]; ihm

zur Seite stand als Landbischof Thegan, der schon erwähnte Biograph

Ludwigs des Frommen. Sein Neffe und Nachfolger war Thietgaud (847-863),

Grimalds Bruder, aber sehr unvortheilhaft bekannt durch seine Mitschuld

an Lothars II Scheidungsgeschichte. Am Ende des Jahrhunderts, nach

der entsetzlichen Verheerung durch die Normannen 882, war =Ratbod=

Erzbischof (883-915), welcher den vertriebenen Abt von Prüm,

=Regino=[3], zu gelehrten Arbeiten veranlaßte.

[1] Außer verschiedenen Schriften kirchlichen Inhalts (s. NA. XIII,

305-323, XVII, 456) schrieb er nach der Gesandtschaftsreise, die

er 813 mit Abt Peter von Nonantula nach Constantinopel unternahm,

die dunkeln und in der Ueberlieferung verderbten _Versus marini_,

gedruckt in Alcuins Werken, ed. Froben II, 525; Jaffé, Bibl. IV,

426; Dümmler, Poet. Lat. I, 426.

[2] Herausgegeben von Dr. Nolte im Jahresbericht d. Ges. f. nützl.

Forsch. in Trier f. 1872/73 (1874) S. 50-58.

[3] Baehr S. 184-186. 535-538. Dümmler in der Vorrede zur Uebersetzung

der Chronik. H. Ermisch, Die Chronik des Regino bis 813, Gött.

1872. Vergl. unten S. 260.

Dieser Regino war von Jugend auf im Kloster Prüm erzogen, wo schon

unter dem Abte =Markward= (829-853) litterarische Thätigkeit bemerkbar

wird. Verwandt mit Lupus, war nämlich auch Markward in Ferrières Mönch

geworden, wo damals Alderich, später Erzbischof von Sens, Abt war, und

nach Markwards Erhebung zum Abt von Prüm folgte sein Klosterbruder Ado,

der als Erzbischof von Vienne seine Neigung zur Geschichtschreibung

bewährt hat, der Einladung, eine Zeit lang in Prüm zu wirken. Markward

selbst war Hüter und Lehrer Karls des Kahlen gewesen, als dieser 833

nach dem Siege Lothars nach Prüm verwiesen war[4]; Lupus (ep. 85)

sendet ihm Grüße von demselben und schickte ihm Knaben zur Ausbildung.

Schon bevor er Abt wurde, hatte Lupus 839 das Leben des h. Maximin

verfaßt und seinem Freunde Waldo gewidmet, vielleicht demselben,

welcher später Abt von St. Maximin wurde (oben S. 236).

[4] Vgl. darüber B. Simson, Ludwig d. Fr. II, 63 Anm. 2.

In Prüm verfaßte auf Markwards Veranlassung =Wandalbert= (geb. 813)

839 die geschichtlich nicht ganz unwichtigen Wunder des heiligen

Goar, welche er zu der Ueberarbeitung der alten Legende hinzufügte;

den Schluß bildet ein ausführlicher Bericht über die Erwerbung der

Cella S. Goaris durch Verleihung Pippins und Bestätigung Karls des

Großen[5]. Auch besitzen wir von Wandalbert das schon oben (S. 60)

erwähnte metrisch bearbeitete Martyrologium, welches er auf Antrieb

eines sonst nicht bekannten Otricus begann, als er sich in Cöln

aufhielt, und nachdem es vollendet war, mit einer Commendation an

Lothar versah, 5 lustra nachdem dieser Kaiser geworden, also 848. Die

künstlichen Versmaße der dazu gehörigen Gedichte zeugen von seiner

Gelehrsamkeit, und während die Hauptmasse ihrer Natur nach fast

reine Prosa ist, bieten uns namentlich die Beschreibungen der Monate

anziehende Schilderungen ländlicher Beschäftigung in leicht fließenden

Versen[6]. Markward aber übertrug im Jahre 844 die Gebeine der heiligen

Chrysanthus und Daria nach Münstereifel, welches damals zu Prüm

gehörte; Theganbert oder Thegan war es, der sie hier am 25. October

feierlich beisetzte, und der Abt versäumte nicht, für die Aufzeichnung

dieser Begebenheit zu sorgen oder, wie Holder-Egger vermuthet, sie

selbst aufzuzeichnen[7]. Unter Abt Eigil (853-860) brachte der Tod

des Kaisers Lothar in der Kutte eines Prümer Mönches dem Kloster hohen

Ruhm und reiches Gut; Eigil selbst, ein gelehrter Mann, an den Hraban

eine Abhandlung gerichtet hat, entsagte 860 seiner Würde, vielleicht,

wie Mabillon vermuthete, weil er die Entscheidung gegen Thietberga

unterzeichnet hatte. Er folgte dann einer Einladung Karls des Kahlen

und erhielt die Abtei Flavigny, wohin er 864 von Alise-Sainte-Reine die

h. Regina übertrug; die Geschichte der Uebertragung sammt den Wundern

ließ er aufzeichnen, nachdem er 865 Erzbischof von Sens geworden

war[8].

[5] Die werthlose alte _Vita S. Goaris_ bei Mab. II, 276-280; dann

folgt die von Wandalbert mit den Wundern. _Miracula S. Goaris_,

ed. Holder-Egger, SS. XV, 361-373, mit der Vorrede der Vita.

[6] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 305-312; Ebert II, 185-191; das

Martyrol. Poet. II, 567-622. Die von Rettberg bezweifelten Verse

über die Cölner Märtyrerinnen sind sicher echt. Uebersetzung

der Verse über die Monate von Paul Herzsohn in d. Westd. Zts. 1,

277-290.

[7] _Historia translationis Chrisanthi et Dariae_, Mab. IV, 1,

611-618. Acta SS. Oct. XI, 490-495 ed. B. Bossue, Annalen f. d.

Gesch. d. Niederrheins XX, 96-217, Ausg. u. Abhdlg. von Floß.

Auszug MG. SS. XV, 373. 374.

[8] _Translatio S. Reginae_ bei Mab. IV, 2, 238, Acta SS. Sept. III,

40, nebst einer Urk. Eigils über eine daran sich schließende

Stiftung zu Corbiniacum. Auszug v. Holder-Egger SS. XV, 1,

449-451.

Auch Annalen sind um diese Zeit in Prüm geschrieben; anfangs aus

älteren Annalen ausgezogen, bringen sie locale Nachrichten bis 860, bis

zu welchem Jahre sie in Stablo ausgeschrieben sind, und wurden dann

in Prüm bis 922 fortgeführt; damals hat sie, wie es scheint, der zum

Bischof von Lüttich erhobene Abt Richarius nach Lüttich mitgenommen, wo

sie weiter fortgesetzt wurden. Aus der Chronik des Regino sehen wir,

daß es ein ausführlicheres Exemplar dieser Annalen gegeben haben muß,

welches Regino benutzte[9].

[9] _Annales Prumienses_ a. 122-1044 ed. O. Holder-Egger, SS. XV, 2,

1289-1292. Es folgen noch _Ann. Prum. brevissimi_ a. 906-919. 1226

bis 1238. Vgl. F. Kurze, NA. XV, 318.

Allein im Jahre 882 und noch einmal 892 erlag auch dieses herrliche

Kloster den räuberischen Dänen; der Abt Farabert legte nach der

Zerstörung desselben sein Amt nieder, und zu seinem Nachfolger wurde

=Regino= gewählt. Aber die Parteikämpfe, welche damals Lothringen

zerrissen, ließen auch ihm keine Ruhe; er mußte 899 seinen Gegnern

weichen, und fand eine Zuflucht in Trier, wo er im Kloster St. Maximin

915 bestattet ist[10]. Der Erzbischof übergab ihm das ebenfalls von

den Normannen verwüstete Martinskloster, welches unter seiner Leitung

hergestellt sein soll[11]; vorzüglich aber scheint er sich seiner

Gelehrsamkeit bei der Verwaltung seines kirchlichen Amtes bedient

zu haben. Oft, sagt Regino, habe er gesehen, wie der Erzbischof

sich erzürnt habe über den unmelodischen und fehlerhaften Gesang in

den Chören seiner Sprengel, zu welchen er ihn also vermuthlich auf

Visitationsreisen begleitet hat. Und wie er diesem Mangel durch seine

Schrift _de harmonica institutione_[12] abzuhelfen suchte, so verfaßte

er auf Ratbods Wunsch sein umfassendes und lehrreiches Werk über

die Kirchenzucht zu dem praktischen Zwecke, bei Visitationen, welche

wegen der argen Verwilderung der Geistlichkeit wie der Laien dringend

nothwendig waren, alle erforderlichen Vorschriften des canonischen

Rechtes in mäßigem Umfang darzubieten[13]. Diese um 906 unternommene

Schrift widmete er Hatto von Mainz, dem damaligen Regenten des Reichs;

an den Erzieher des jungen Königs, den gelehrten Bischof Adalbero von

Augsburg, sandte er 908 seine Chronik von Christi Geburt bis zum Jahre

906. Dieses Werk verdient unsere Beachtung als einer der frühesten

Versuche die Weltgeschichte in einer ziemlich ausführlichen Erzählung

zusammenzufassen, eine Aufgabe, an welche sich damals nicht leicht

jemand wagte und deren Schwierigkeiten außerordentlich groß waren. Die

Ausführung ist freilich auch sehr mangelhaft geblieben und namentlich

die Chronologie in der höchsten Verwirrung; auch versucht er gar nicht

wie Frechulf eine Verarbeitung seiner Quellen, sondern begnügt sich

mit wörtlichem Ausschreiben, was von nun an immer mehr üblich wurde.

Beda, die Thaten der Frankenkönige, und andere bekannte Quellen bilden

die Grundlage seines Werkes, welches anfangs nach den Regierungen der

Kaiser angeordnet ist; weiterhin geht er, der Natur seiner Quellen

folgend, in die annalistische Form über und fährt auch selbst in

dieser Weise fort. Darin ist seine Chronik den auch von ihm benutzten

Reichsannalen ähnlich, aber sie unterscheidet sich sehr wesentlich

dadurch, daß er nicht gleichzeitig mit den Begebenheiten schrieb und

deshalb auch gerade in der chronologischen Anordnung derselben wenig

zuverlässig ist[14].

[10] Weil sein Grabstein da gefunden ist, hat man geglaubt, daß er in

diesem Kloster Aufnahme gefunden habe, aber es lag damals nach

der Verwüstung durch die Normannen in Trümmern.

[11] Vita S. Magnerici, MG. SS. VIII, 208; vgl. Archiv III, 291. Regino

soll nach späteren Aufzeichnungen aus Altrip am Rhein gebürtig

sein.

[12] Gedruckt, doch ohne den _tonarius_, bei Gerbert, SS. eccl. de

musica sacra I, 230-247. Neue Ausg. mit Facs. des tonarius bei

Coussemaker, Scriptores de Musica Medii Aevi Paris (1867) II,

1-73. Hs. s. X. in Brüssel 2751, nach Dümmler. Die Schrift war für

den Erzbischof, als gelehrten Musiker, und für tüchtige Sänger

bestimmt, nicht für Walcaud: _frustra enim lyra asino canitur_.

-- Walcaud presb. im Cal. S. Maximini zum 10. August, Archiv XI,

290. Vgl. W. Brambach: Die Musiklitteratur des Mittelalters bis

zur Blüthe der Reichenauer Sängerschule (500-1050) 1883.

[13] _Reginonis libri duo de synodalibus causis et disciplinis

ecclesiasticis_, ed. Wasserschleben, Lips. 1840.

[14] _Reginonis Chronicon_, ed. Pertz, MG. I, 536-612. Ausg. von

Fr. Kurze 1890, 8. Vgl. von dems. Ueberlieferung u. Quellen

der Chronik Regino's u. seines Fortsetzers, NA. XV, 293-330.

Uebersetzung von Dümmler, 1857. 1890. Geschichtschr. IX, 12, Bd.

27. Ueber Benutzung des Justin s. Rühl, Verbreitung des Justin im

Mittelalter, S. 12-14. Von der Fortsetzung s. unten III, 6.

In dieser Beziehung hat bei ihm wie bei manchem anderen das Vorbild

der Annalen nachtheilig gewirkt; denn für die Aufzeichnung unbestimmt

gewordener Ueberlieferungen ist die annalistische Form nicht nur

hinderlich, sondern die scheinbare Bestimmtheit verleitet auch dazu,

den Angaben mehr Gewicht beizulegen, als ihnen zukommt. Bis zum Jahre

814 hat Regino die Lorscher Annalen benutzt; von da an aber fehlten ihm

außer den oben erwähnten kurzen Annalen seines Klosters schriftliche

Hülfsmittel, was wohl nur durch die Verheerungen der Normannen zu

erklären ist, und er mußte sich zur Ausfüllung der großen Lücke von

Karls des Großen Tode bis auf seine Zeit allein auf die so unsichere

mündliche Tradition verlassen; nur über die Händel, welche Lothars II

ärgerliche eheliche Verhältnisse veranlaßten, standen ihn Urkunden zu

Gebote[15].

[15] Die Actenstücke hierüber und besonders über die nach Gunthars

Absetzung am 7. Jan. 870 vollzogene Wahl Williberts von Cöln sind

vermehrt durch die von Floß, Die Pabstwahl unter den Ottonen,

Urkunden S. 24-102 herausgegebenen Schreiben. -- Dümmler, Ostfr.

III, S. 170, giebt aus einer Londoner Handschrift der Chronik

des Regino die von Lappenberg entdeckte Grabschrift des Grafen

Heinrich († 886); jetzt auch in d. Ausgabe v. Kurze. S. 126.

Auffallend und für die Stellung Lothringens charakteristisch ist es

dabei, wie wenig Regino von dem Ostfrankenreiche zu sagen weiß, während

er von den Westfranken viel und eingehend erzählt, und namentlich die

Bretagne besonders berücksichtigt, ein Umstand, den Dümmler durch die

dort gelegenen Besitzungen der Mönche von Prüm erklärt. Ueber das,

was er selbst mit erlebt hat, giebt Regino sodann ausführliche und

schätzbare Nachrichten. Daß er von den entfernteren Ereignissen nur

unsichere Kunde erhalten hat, wird man ihm nicht zum Vorwurfe machen;

über Lothringen aber war er genau und zuverlässig unterrichtet, und

würde gewiß noch tiefer in die dortigen Verhältnisse blicken lassen,

wenn ihn nicht die Besorgniß vor dem Zorne der Machthaber verhindert

hätte, die ganze Wahrheit zu sagen. Als diesen Machthaber, welchen er

fürchtet, hat Harttung mit Wahrscheinlichkeit Karl den Einfältigen

nachgewiesen, der nach einer Angabe des Trithemius seine Absetzung

veranlaßte, weil er ein Anhänger von K. Odo's Bruder Robert war. Sein

Rival war Richar, der Bruder von Gerhard und Matfrid, später Bischof

von Lüttich; durch verleumderische Angaben über schlechte Verwaltung

soll er ihn verdrängt haben, nach Inhalt eines Briefes von Regino,

der den Magdeburger Centuriatoren noch bekannt und wahrscheinlich in

einem Exemplar der Chronik abgeschrieben war. Zur Zeit aber, als Regino

seine Chronik schrieb, gehörte Lothringen zu Karls Reich[16]. Seine

Zurückhaltung hat Regino jedoch nicht davor schützen können, daß aus

seinem Werke z. J. 892 ein bedeutendes Stück, in welchem er von seinen

eigenen Schicksalen erzählte, ausgeschnitten und vernichtet wurde.

[16] Harttung, Forsch. XVIII, 362-368.

Seine Schreibart ist einfach und dem Gegenstande angemessen, und wenn

es ihm auch keineswegs gelungen ist, die Weltgeschichte in wirklich

historischer Weise zu bearbeiten, so zeigt er doch für die ihm näher

liegenden Zeiten und Verhältnisse einen freien Blick und gesundes

Urtheil; die eigenen Erfahrungen und die freundschaftliche Beziehung zu

einem hochstehenden Kirchenfürsten erhoben ihn über die gewöhnlichen

Annalisten, und sein Werk steht am Ende der karolingischen Zeit als

eine bedeutende Erscheinung da, der sich wohl weitere Fortschritte

angeschlossen haben würden, wenn nicht gerade jetzt die äußere Noth für

lange Zeit alle wissenschaftlichen Bestrebungen erdrückt hätte.

Als die bei allen ihren Mängeln doch bei weitem beste umfassende

Behandlung der Weltgeschichte ist Regino's Chronik bis ins zwölfte

Jahrhundert viel benutzt worden und hat große Verbreitung gefunden,

wobei denn auch seine großen chronologischen Irrthümer manchen irre

geleitet haben.

Man kann wohl nicht bezweifeln, daß Lothringen mit seinen bedeutenden

Kirchen und Klöstern noch manches andere Geschichtswerk hervorgebracht

hat, welches in den furchtbaren Verheerungen des Landes durch Normannen

und Ungarn zu Grunde gegangen ist; die blühendsten Klöster verödeten

und kamen in Laienhände, so daß eine Periode tiefer Dunkelheit eintrat,

welche später der kecken Erdichtung freien Spielraum darbot. Merkwürdig

sind auch in dieser Beziehung die =Annalen von Xanten=[17], weil sie

nirgends erwähnt oder benutzt sind, und völlig spurlos verschollen sein

würden, wenn nicht Pertz sie 1827 in einer angebrannten Handschrift der

Cottonschen Bibliothek entdeckt hätte. So war auch dieser vereinzelte

Rest der höheren Ausbildung jener Periode dem gänzlichen Untergange

schon ganz nahe gewesen. Nach Xanten sind diese Annalen benannt,

weil die Zerstörung des Stiftes durch die Normannen 863 ausführlich

erzählt ist, aber sonst ist gar nicht von Xanten die Rede, und auch

hier findet sich die falsche Jahreszahl 864, wie überhaupt eine

Verschiebung der Jahreszahlen, welche annehmen läßt, daß nur eine

Compilation uns vorliegt. Einem Auszug aus den Reichsannalen schließt

sich hier eine selbständige Fortsetzung von 831 bis 873 an, von

verschiedenen Verfassern gleichzeitig aufgezeichnet, hin und wieder

ziemlich ausführlich. Reichsgeschichte zu geben war die Absicht,

aber es fehlte die Verbindung mit dem Hofe; Zusammenkünfte der Könige

werden erwähnt, aber die Beschlüsse bleiben dem Schreiber unbekannt;

zu gleichmäßiger Berichterstattung fehlen ihm die Hülfsmittel. Viel ist

von Himmelserscheinungen, Ueberschwemmungen, Heuschrecken die Rede, vom

Elend der Zeiten sind die Verfasser sehr erfüllt. Der Cölner Sprengel

wird vorzüglich berücksichtigt, daneben der benachbarte von Münster.

Vielleicht hat einer der vertriebenen Xantener Chorherren, die nach

Cöln flüchteten, dort Aufzeichnungen vorgefunden und fortgesetzt.

[17] _Annales Xantenses_ ed. Pertz, MG. II, 217-235. Uebers. bei den

Fulder Annalen. Hans Steffen: Beiträge zur Kritik d. X. Annalen,

NA. XIV, 87-109. Der Anfang 640 bis 789 ist jüngeren Ursprungs,

von einem Mönch des Klosters Egmond, von wo die Hs. stammt,

und nach Bonnell, Anfänge S. 149, aus Sigebert genommen, mit

Einschaltungen aus Regino und Legenden. Bestätigend Oelsner,

Pippin S. 518. Doch vgl. B. Simson, NA. II, 628; Waitz ib. V,

493. Ueber die Ortsbezeichnung _Gronneorum_ s. Meyer von Knonau

über Nithard S. 143. -- Kirchweihnotizen aus Xanten 1081-1411 als

_Notae S. Victoris Xant_. MG. SS. XIII, 43-45.

In =Cöln= hat Karls des Großen Erzkaplan Hildebald[18], der von

Theodulf unter dem Namen Aaron gefeiert wird, wissenschaftliche Studien

begründet. Er ließ die vom Pabst an Karl geschickten Manuscripte für

seine Kirche abschreiben; viele davon sind noch vorhanden und jetzt

dem Cölner Domcapitel zurückgegeben[19]. Es sind auch kurze Annalen

daraus gewonnen[20]. Die Erzbischöfe Hilduin (842-849) und Gunthar (863

entsetzt) werden von Sedulius gepriesen, Gunthar machte selbst Verse

und bei ihm erhielt sein Neffe Radbod, später Bischof von Utrecht,

den ersten Unterricht[21]. Willibert (870-889) ließ für sich den Codex

Carolinus abschreiben[22], und sorgte auch für die Aufbewahrung der

Correspondenz, welche durch Gunthars Entsetzung und die folgenden

Ereignisse veranlaßt war[23]. Aber von litterarischen Erzeugnissen, wozu

jene kleinen Annalen kaum zu rechnen sind, ist nichts auf uns gekommen,

wenn nicht vielleicht die Xantener Annalen hierher gehören.

[18] Die Angaben über sein Sterbejahr schwanken zwischen 818 u. 819,

Sept. 3. B. Simson, Ludw. d. Fr. S. 232 für 818.

[19] Hartzheim, Catal. bibl. Colon. (Col. 1752); cf. Archiv VIII, 617

ff. Rettberg I, 540. Jaffé et Wattenbach, Ecclesiae Colon. Codices

manuscripti, Berol. 1874; vgl. das Verz. der „libri praestiti de

armario S. Petri“ saec. XI, ed. Dümmler e cod. Ampl. 64, Zeitschr.

f. D. Alt. XIX, 466.

[20] Davon gehören hierher _Ann. S. Petri Coloniensis_ 798. 810-818,

nur einzelne Notizen e cod. 83 II, MG. SS. XVI, 730, Codd. p.

29. 30, und bei Krusch, Studien zur christlich-mittelalterlichen

Chronologie (Leipz. 1880) S. 197. _Ann. Col. brevissimi_ 814-870,

I, 97 aus Eckh. Comm. de rebus Franciae orientalis.

[21] Dümmler, Ostfr. II, 10. Höchst wahrscheinlich ist er der Gunthar,

dem Meginhard ein Werk widmete, s. oben S. 240. Ein gleichzeitiges

Gedicht in roher Form zum Preise Gunthars e cod. S. Galli 904

ed. Dümmler im Anz. d. Germ. Mus. XVIII, 10; vgl. NA. IV, 319;

wiederholt von Traube, Poet. Lat. III, 239.

[22] Jaffé, Bibl. IV, 2. Auch im Wiener Cod. der Bonifaz. Briefe ist

eine auf Williberts Weihe bezügliche Notiz, Bibl. III, 11.

[23] S. oben S. 261 Anm. 1. Zu der bei Floß, Urkk. S. 124, erwähnten

Verwüstung durch die Normannen 881 ist zu bemerken, daß _nomina_

die Reliquien sind.

Etwas mehr hat sich aus =Lüttich= erhalten, dessen später so berühmte

Schule in ihren ersten schwachen Anfängen schon jetzt hervortritt. Noch

war es ein unbedeutender Ort, als ihm der Leib des um 672 erschlagenen

Bischofs Theodard von Mastricht, welchen sein Nachfolger =Landebert=

oder =Lambert= dort bestatten ließ, ein höheres Ansehen gab. An seinem

Grabe wurde Lambert selbst 708 (?) erschlagen: er hatte Pippin und

seiner Concubine Alpais Vorwürfe gemacht, Pippin war erschüttert und

dachte daran, seine rechtmäßige Gemahlin Plectrudis wieder zu sich

zu nehmen, da vollbrachte Dodo, der Bruder der Alpais, die Blutthat.

Nachdem eine Kirche dort erbaut und die Gebeine des Märtyrers feierlich

erhoben waren, mußte eine Legende geschrieben werden, aber noch fehlte

es an geeigneten Kräften. Der Autor, welcher die Ausführung nach

dem Maße seiner schwachen Kräfte in barbarischem Latein unternahm,

griff zur Vita Eligii und brachte mit starker wörtlicher Ausnutzung

derselben sein Werk zu Stande[24]. Der erbauliche Zweck ist durchaus

vorherrschend. Aber noch regierte Karl Martell, der Sohn der Alpais,

und aus Furchtsamkeit verschwieg er den wahren Anlaß des Todes. Auch

=Godesscalc=, ein Lütticher Domherr, welcher auf Befehl des Bischofs

Agilfrid sein Werk um 770 überarbeitete, folgt einfach seiner Vorlage

und beschränkt sich auf stilistische Verbesserung. Aber im Volke

erhielt sich die Erinnerung der That, und Ado in seinem Martyrologium

hat sie kurz berichtet, vielleicht kannte er schon eine Aufzeichnung,

deren später Anselm von Lüttich gedenkt, und deren Inhalt durch ihn

überliefert, nun auch in die späteren Bearbeitungen überging; auch

schon der Verfasser einer poetischen Version im Anfang des 10. Jahrh.

deutet darauf hin. Lange Zeit ist der Hergang in entgegengesetzter

Weise aufgefaßt; man glaubte hier ein recht deutliches Beispiel

davon zu haben, wie die Legenden mit der Zeit wachsen und tendenziös

entstellt werden, bis God. Kurth in, wie mir scheint, durchaus

schlagender Weise, gestützt auf den aus einer neugefundenen Handschrift

ergänzten Text des Anselm[25], den richtigen Sachverhalt nachgewiesen

hat[26]. Dieselbe Reticenz finden wir auch in der =Vita Theodardi=,

obgleich sie erst um die Mitte des 8. Jahrhunderts geschrieben

wurde[27].

[24] Nachgewiesen von Kurth in der gleich zu erwähnenden Schrift,

S. 102-112; es ergibt sich daraus auch, daß die Translation

und Mirakel von dems. Vf. sind. Als diese älteste _Vita

Lamberti_ betrachtet Kurth die bei Mabillon, Act. III, 1,

69-76, gedruckte, welche bisher Godesscalc zugeschrieben wurde.

Vgl. Fr. Scheibelberger: Die älteste Vita S. Lantperti, Oest.

Vierteljahrsschrift f. Kath. Theol. (1871) X, 222-224, über den

älteren einfacheren Text eines Linzer Codex. NA. II, 256 über

den Brüsseler Cod. 9368. -- Ein Plagiat der V. Lamberti ist die

älteste _V. Remaeli_, wie Kurth nachgewiesen hat im Bulletin de

la Commission roy. d'histoire, 4. Série, tome III, n. 3.

[25] In Anselms c. 8, MG. SS. VII, 195, muß es am Schluß der aus Regino

(der aus Ado schöpfte) entlehnten Stelle: „ab iniquissimo Dodone

et aliis viris de palatio missis improvise conclusus intra domum

ecclesiae in Leodio vico occiditur“ heissen: Qua vero de causa

regiam domum increpaverit, sic habet adhuc alterius scripturae

relatio nobis a prioribus relicta u. s. w. Notice sur un manuscrit

d'Hariger et d'Anselme conservé à l'abbaye d'Averbode. Bull. de la

Comm. roy. 4. Série, II, n. 7. Kurth vermuthet eine Aufzeichnung

in Stablo, wo Lambert früher, als er aus Mastricht vertrieben war,

eine Zuflucht gefunden hatte; keine Vita Lamberti.

[26] Étude critique sur S. Lambert et son premier biographe. Mém.

couronné. Anvers 1876.

[27] Kurth, Étude, p. 67 ff.

Lambert aber wurde nun der Schutzheilige von Lüttich, wohin von

Mastricht der Sitz des Bisthums verlegt wurde. Auch das Leben seines

Nachfolgers, des 727 verstorbenen Bischofs =Hugbert= oder =Hubert=, ist

von einem Zeitgenossen beschrieben und noch in seiner ursprünglichen,

sehr barbarischen Form vorhanden[28], nebst dem Bericht über seine

erste Translation 743. Wie darin die Vita Arnulfi und Vita Lamberti

ausgeplündert sind, haben Demarteau und Krusch gezeigt.

[28] W. Arndt, Kleine Denkmäler aus der Merowingerzeit (1874) S. 52

bis 70. Ausg. von De Smedt, Acta SS. Nov. I; vgl. Krusch, HZ. LXV,

103-105.

Bischof =Waltcaud= (810-831) übertrug 825 den h. Hubert nach dem

neugestifteten Kloster Andagium, später =Saint-Hubert= in den Ardennen,

und nun bedurfte man einer Biographie, welche den gesteigerten

Anforderungen der karolingischen Zeit genügte. Dazu gelang es ihm,

den Bischof =Jonas von Orléans= zu bewegen, der zugleich auch diese

neue Translation beschrieb[29]. In der Widmung sagt Jonas zu ihm:

_cum assit vobis palatina scolasticorum facundia_. Doch ist das

vielleicht nur Phrase, oder bezieht sich, wie Dümmler, Ostfr. III,

650 annimmt, auf die Hofschule. Lüttich war eine Station für die nach

Rom pilgernden Irländer, und es haben sich noch Bittschreiben solcher

Wanderer erhalten[30]. Wenn aber in dem einen der Bittsteller, auf die

Empfehlung des Kaisers, vermuthlich Karls des Kahlen, sich berufend,

mit bitterer Klage über die allzu schmale Kost, den Brüdern der

Kirche gleichgestellt zu werden wünscht, so ist auf einen dauernden

Aufenthalt und Verwendung der gelehrten Fremdlinge für den Unterricht

zu schließen.

[29] _Translatio S. Huberti_, Mab. IV, 1, 295 (278 ed. Ven.). Vorrede

zu dem ganzen Werk Forsch. VI, 126, und bei Arndt a. a. O. nebst

Inhaltsverzeichniß u. Translatio, S. 70-82; Transl. MG. SS. XV,

234-237, von L. v. Heinemann. Ueber Jonas s. Ebert II, 225-230.

Seine Schriften _de institutione laicali_ und _de institutione

regia_ (834 für K. Pippin verfaßt) sind sehr lehrreich für die

Kenntniß der damaligen Zustände; vgl. darüber B. Simson, Ludwig

d. Fr. I, 381; K. Amelung, Leben u. Schriften des Bisch. Jonas v.

Orléans, Progr. d. Vitzthumschen Gymn. zu Dresden 1888 (NA. XIV,

219).

[30] Dümmler, NA. XIII, 360-369, aus d. Zeit d. Bischofs Franco.

Schon Bischof =Hartgar= (840-854), der Erbauer eines neuen, mit

Gemälden schön geschmückten Bischofshofes, nahm in Lüttich den Iren

=Sedulius= und mehrere seiner Landsleute auf; wir werden sie oder

ihre Genossen in Mailand wiederfinden, und vielleicht machten sie

unterwegs Station in Salzburg. Sedulius, der Verfasser verschiedener

theologischer Werke und eines Fürstenspiegels[31], war nicht ohne

mancherlei Gelehrsamkeit und metrische Gewandtheit, des Griechischen

kundig, aber doch incorrect, oft schwülstig und dunkel, ein Freund

willkürlich neugebildeter Worte. Seine adulatorische Hofpoesie, der

es zuweilen nicht an ergötzlichem Humor fehlt, feiert Hartgar und

seinen Nachfolger =Franco= (854-901), Gunther von Cöln, bei dem er sich

auch einige Zeit aufgehalten hat, Adventius von Metz, den gelehrten

Markgrafen Eberhard von Friaul und andere Zeitgenossen; auch Kaiser

Lothar und dessen Familie. Ohne Zweifel gebührt ihm und seinen Genossen

ein Antheil an der späteren Blüthe der Lütticher Schule, aber auch

an der gesuchten und verkünstelten Schreibart, welche dort lange

herrschend blieb[32].

[31] _Sedulii liber de rectoribus christianis_, ed. A. Mai, Spicil.

Rom. VIII, 1-69. Nach Dümmlers Vermuthung vielleicht für Lothar

II bestimmt; ältere Hss., welche die Entstehung nach Ludwigs d.

Fr. Tod bestätigen, NA. III, 188. Entlehnungen aus der Hist. Aug.

stammen nach Mommsen im Hermes XIII, 298-301, aus der Sammlung

von Excerpten, welche sich in einer Cusaner Hs. erhalten hat. --

Vgl. Ebert II, 191-202; Dümmler, NA. IV, 315-320.

[32] Nachdem die Gedichte des Sedulius von Dümmler, Grosse, Pirenne

einzeln herausgegeben waren, sind sie jetzt vereinigt von

Traube, Poet. Lat. III, 151-237, und über die sehr merkwürdige

Persönlichkeit des Sedulius handelt ders. in O. Roma nobilis, S.

338 ff.

Bischof Franco erhob in =Eika= (Alteneyk bei Maaseyk) die ersten

Aebtissinnen =Harlindis= und =Reinila=, welche angeblich von Willibrord

und Bonifatius geweiht waren, deren Leben bald darauf, noch vor der

Verwüstung durch die Normannen, beschrieben ist, und für den Mangel an

geschichtlichem Inhalt durch culturhistorische Züge entschädigt[33].

[33] Acta SS. Mart. III, 386-392, und daraus Mab. III, 1, 654-663.

Ueber die Bestätigung der Nachrichten durch Denkmäler Friedrich,

Kirchengeschichte II, 346.

Einen merkwürdigen Mann finden wir in der zweiten Hälfte des neunten

Jahrhunderts in der Brüderschaft der Klöster Stablo und Malmédy,

=Christian=, nach Sigebert aus Aquitanien stammend, einen würdigen

Vertreter karolingischer Bildung. Mit umfassender Gelehrsamkeit, auch

der griechischen Sprache nicht unkundig, hat er mit merkwürdig freier

Denkweise und nüchterner Verständigkeit einen Commentar zum Matthaeus

geschrieben, aus welchem Dümmler allerlei für die Zeitgeschichte

lehrreiche Aeußerungen zusammengestellt hat[34]. Ausserdem besitzen wir

eine bald nach 850 geschriebene Beschreibung der Wunderthaten des h.

Remaclus, zu welcher, nachdem das Kloster von der Zerstörung durch die

Normannen 881 sich erholt hatte, weitere Zusätze gemacht sind[35].

[34] Ueber Chr. von Stavelot u. seine Auslegung zum Matthaeus, Berl.

SB. 1890, S. 935-952.

[35] _Ex Miraculis S. Remacli Stabulensibus_, ed. O. Holder-Egger, SS.

XV, 1, 431-443.

Außer der kurzen, vom Probst =Liuthard= verfaßten Erzählung von

der =Uebertragung des h. Justus= bald nach 900 nach =Malmédy=[36]

ist schließlich nur noch die =Bisthumsgeschichte von Verdun=[37] zu

erwähnen, von =Berthar=, der erste Versuch einer Localgeschichte, an

denen später Lothringen so reich war, nach der traurigen Zeit der

feindlichen Verwüstungen, denn der Verfasser schrieb erst nach dem

Brande der Domkirche im Jahre 916 oder 917; sein Werk reicht aber nur

bis in die Zeit des Kaisers Arnulf und ist wegen des fast gänzlichen

Mangels an älteren Quellen sehr dürftig[38]. Veranlaßt war er zu seinem

Unternehmen durch den Bischof =Dado= (880-923), den Freund Salomons III

von Constanz, von dessen eigenen Aufzeichnungen über seine und seiner

Vorgänger Geschichte ein Fragment sich erhalten hat. Aus Metz besitzen

wir Briefe und ein Epitaphium des Bischofs =Adventius= (858-875), den

auch Sedulius gepriesen hat[39]; aus Toul sind uns einige Briefe des

Bischofs =Frothar= (813-848) erhalten[40].

[36] Martene. Coll. VI, 833; MG. SS. XV, 1, 566. Spät geschrieben und

fabelhaft ist die _Translatio S. Quirini Malmundarium_, angeblich

808, mit einem fingirten Briefe Hildebalds von Cöln an Karl den

Großen. Mart. Thes. III, 1685-1690.

[37] _Bertharii Gesta episcoporum Virdunensium_, ed. Waitz, MG. SS. IV,

36. Benutzung von Fortunats Gedichten NA. XII, 591. _Nomina epp.

Virdun._ SS. XIII, 307.

[38] Ueber die fabelhafte _Vita S. Mengoldi_ s. oben S. 174.

[39] Poet. Lat. III, 225. Ueber Adventius s. Baehr S. 110; aus einer

Briefsammlung, die sich auf Lothars II Ehehandel bezieht, sind

bei Baronius noch mehr Briefe, alle von Dümmler sorgfältig benutzt

und angeführt. -- NA. IV, 526.

[40] Du Chesne II, 712-723. Bouquet VI, 386-397. Vgl. Ch. Pfister in

Annales de l'Est 1890, S. 261 ff.

§ 18. Schwaben.

Stälin I, 235-240. Baehr S. 118-122. Ild. v. Arx, Geschichte von

St. Gallen. Weidmann, Geschichte der Bibliothek von St. Gallen,

1841. G. Scherrer, Verz. der Handschriften d. Stiftsbibl.

Halle 1875. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen

Manuscripten der Schweizer Bibliotheken, in den Mittheilungen der

Antiquarischen Gesellschaft in Zürich VII, 3. 1851. Dümmler, Das

Formelbuch des Bischofs Salomo III von Constanz, 1857. Derselbe,

St. Gallische Denkmale aus der Karolinger Zeit, Mittheilungen

der Antiquarischen Gesellschaft XII, 6. 1859. G. Meier, Gesch. d.

Schule von St. G. im Mittelalter, im Jahrb. f. Schweizer Gesch.

X. St. Gallische Geschichtsquellen, neu herausgeg. v. G. Meyer

von Knonau. 1870-1877. Rec. von Dümmler, HZ. XXXVIII, 327-343.

Uebers. von Ekk. Casus nebst Proben aus den übrigen Theilen, von

M. v. Knonau, 1878, Geschichtschr. 38 (X, 11). Ueber Sanct-gall.

Formelsammlungen Zeumer, NA. VIII, 505-553.

Wenden wir unsern Blick nach dem Süden Deutschlands, so zieht vor allem

=St. Gallen= unsere Aufmerksamkeit auf sich, nebst dem nahe gelegenen

=Reichenau=. Hatten wir früher schon in dem alten Leben des heiligen

Gall wenigstens einen ersten Versuch litterarischer Thätigkeit zu

erwähnen, so finden wir nun auch hier einen Schüler Alcuins, Grimald,

als Abt (841-872); Sanctgaller Mönche, wie Werinbert und Hartmut,

Otfrids Mitschüler, besuchen, wie es scheint, die berühmte Schule des

Klosters Fulda, und Hrabans Schüler Walahfrid wird Abt von Reichenau

(842-849). Hierzu kommt noch der Unterricht gelehrter Iren, welche

auch die Kenntniß des Griechischen hier heimisch machen, während

der lebhafte Verkehr mit Italien nicht minder anregend wirkt. Die

Sanctgaller Schule war vielleicht von allen die bedeutendste, und

glücklicher Weise besitzen wir zugleich von ihr das lebendigste Bild

in der reichhaltigen Klosterchronik[1], welche von verschiedenen

Verfassern bis 1330 fortgeführt wurde. Die Schule war hier lange

Zeit der Mittelpunkt des Klosterlebens, der Stolz und die Freude der

Sanctgaller Mönche, und die Lebensnachrichten von den bedeutenderen

Lehrern nebst mannigfachen Schulgeschichten verschiedener Art

nehmen einen sehr hervorragenden Raum in der Chronik ein. Doch die

Aufzeichnung dieses Theiles derselben gehört einer späteren Zeit an;

von Ekkehard (IV) im elften Jahrhundert nach mündlicher Ueberlieferung

aufgezeichnet, ist er in allen Einzelheiten unzuverlässig, giebt aber

doch ein culturhistorisch unschätzbares, im Gesammteindruck auch sicher

zutreffendes Bild. Der erste Theil dagegen bis zum Jahre 883, von

Ratpert verfaßt, ist erfüllt von den äußeren Schicksalen des Klosters,

den langen Kämpfen um seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit, welche

den Bischöfen von Constanz nur mit Mühe abgerungen war, und gegen

verschiedene Anfechtungen vertheidigt wurde. Das Verhältniß zu den

Bischöfen, welche formell völlig im Rechte waren, hat Ratpert, der

schon ganz entstellten Klostertradition folgend, durchaus umgekehrt

dargestellt, wie kürzlich Sickel auf die Urkunden gestützt nachgewiesen

hat[2]; seine Aufmerksamkeit aber war diesem Gegenstand so vorwiegend

zugewandt, daß er auch aus der späteren Zeit der Blüthe wenig über das

innere Leben des Klosters berichtet.

[1] _Casus S. Galli_ ed. Ild. v. Arx, MG. SS. II, 59-183 (bis zum

Jahre 1233). Zwischen 833 und 890 ist ein Stück verloren, auf

welches sich Ekkehard in seiner Fortsetzung MG. II, 83 mit den

Worten bezieht: _Kerhaldo_ (corr. _Bernhardo_) _itaque abbate,

ut alias in alio libro relatum est, deposito_ (890). In d. neuen

Ausg. c. 11 S. 37 fehlen die Worte _in alio libro_. Nach G.

Scherrer, Verz. S. 9 u. 166, hat Jod. Metzler († 1639) noch

eine verlorene Quelle gehabt. -- _Ratperti Casus S. Galli_ nach

obiger Ausgabe bei Migne CXXVI, 1055-1080. Neue Ausg. von G.

Meyer von Knonau in den St. Galler Mittheilungen zur vaterl.

Gesch. XIII. mit ausführl. Commentar u. Excursen. Desgleichen

_Ekkeharti_ (IV) _Casus S. Galli_ ebenda XV. XVI. 1877. Mit den

Vitis et miraculis Galli et Otmari auch besonders ausgegeben als

St. Gall. Geschichtsquellen. -- _Catal. abb. S. Galli, Augiensium,

epp. Constantt._ MG. II, 34-39; ersterer neu herausgegeben u.

bearbeitet von G. Meyer von Knonau, Mittheil. XI, 125-138; v.

Holder-Egger SS. XIII, 326-330; Aug. ib. p. 331; Const. p. 324.

-- Mitth. XI, 1-124 St. Galler Todtenbuch und Verbrüderungen,

von E. Dümmler und H. Wartmann; S. 6 über das um 817 angelegte

Verbrüderungsbuch. Dieses ist jetzt von P. Piper herausgegeben,

MG. Libri Confraternitatum, 1884, 4. Verz. d. Constanzer

Domgeistlichkeit s. XI. NA. XI, 408.

[2] Th. Sickel, St. Gallen unter den ersten Karolingern, in den

Mittheilungen zur vaterl. Gesch. IV. 1865. Daß die Bischöfe doch

auch über ihre formelle Berechtigung hinaus sich, wie es fast

immer geschah, Uebergriffe erlaubt haben mögen, hebt Monod zu

Ratperts Gunsten hervor, Revue crit. 1873, II, 409-413.

Die ersten Zeiten des angestrengten und oft unglücklichen Kampfes

waren der litterarischen Entwickelung nicht günstig. Eine Zierde des

Klosters war jedoch schon damals =Waldo=, der zum Abt erhoben, nach

Ratperts Darstellung wegen der Bedrängung durch den Bischof nach 1-1/2

Jahren (784) die Abtei Reichenau erhielt, welcher er 22 Jahre vorstand,

endlich aber als Abt von Saint-Denis bis an seinen Tod 813 an dem

litterarischen Treiben des Hofes Theil nahm[3].

[3] Verse von König Ludwig und von dem Schotten Dungal an Baldo hat

Dümmler herausgegeben im Arch. d. W. Ak. XXII, 289, vgl. S. 283,

u. (mit Froben) auf ihn bezogen, folgt jedoch Poet. Lat. I, 412

Foltz, Gesch. d. Salzb. Bibl. S. 13, welcher den Salzburger Lehrer

Baldo unterscheidet; s. unten S. 292.

Die neugewonnene Freiheit unter dem selbständigen Abte =Gozbert=

(816-837) erwies sich für das Gedeihen des Klosters sehr förderlich;

830 begann Gozbert den Bau der neuen Kirche, zu welcher er den noch

vorhandenen Grundriß[4] entwerfen ließ; der Urheber desselben, welcher

den Musterplan eines großen Benedictinerklosters darstellt, ist

unbekannt, eine Widmung, gerichtet, wie es scheint, an den jüngeren

=Gozbert=, des Abtes gleichnamigen Neffen. Dieser beschrieb um diese

Zeit das Leben des ersten Sanct Galler Abtes Othmar, welcher am 16.

November 759 in der Verbannung gestorben war, und fügte auch zum

Leben des heiligen Gallus, welches der Reichenauer Wetti für Gozbert

bearbeitet hatte (oben S. 120), ein Buch über die Wunder desselben

hinzu. Doch genügten ihm selber diese Arbeiten nicht, und er bat den

berühmten Abt von Reichenau, Walahfrid, beide zu überarbeiten[5].

Uns liegt daher das Leben Othmars nur in Walahfrids reiner Sprache

vor; es enthält einige schätzbare Nachrichten über die damaligen

Verhältnisse von Alamannien, doch tilgte leider Walahfrid die Namen

der Gewährsmänner als zu barbarisch. Begreiflich ist es, daß man

daneben auch des heiligen Gallus Leben in seiner schlichten unsauberen

Gestalt nicht mehr ertragen konnte: wenn es bei der Mahlzeit oder

am Gedächtnißtage des heiligen Mannes verlesen wurde, störten die

Germanismen und Sprachfehler die Andacht der Zuhörer. Walahfrid mußte

deshalb auch dieses Buch nebst den dazu gefügten Wundergeschichten in

eine zeitgemäße Form bringen[6]; doch hat sich auch Wettins Arbeit

erhalten. Auch in Versen wollte Walahfrid denselben Gegenstand

behandeln, ist aber nicht mehr dazu gekommen. Dagegen hat es auf

das ungestüme Andrängen des jüngeren Gozbert, des Kahlkopfs, ein

ungenannter Mönch unternommen und in der That Walahfrids Werk im Jahre

850 in Hexameter umgesetzt, doch stand sein Können bei weitem tiefer

und entsprach nicht seinem guten Willen[7].

[4] F. Keller, Bauriß des Klosters St. Gallen vom Jahr 820. Zürich

1844. Von dem etwas späteren Bau Grimalds heißt es im cod. 397:

Aula palatinis perfecta est ista magistris, Insula pictores

transmiserat Augia clara.

[5] Sie sind nur in dieser Form vorhanden, _V. S. Othmari_ MG. II, 41

bis 47, und von G. Meyer von Knonau Mitth. XII, 94-113. Uebers.

v. Potthast mit Vita S. Galli. _Miracula S. Galli_ ib. 21-31 u.

62-93.

[6] Gedruckt bei Mabillon Act. II, 227-250. Neue Ausg. von R. Thuli,

St. Gall. Mitth. XXIV (1890) S. 1-76. Daran knüpft sich eine

Kritik in dem wunderlichen Dialog, welcher Notker u. Hartmann

in den Mund gelegt, aber viel jünger ist, höchst confus u. voll

chronolog. Widersprüche, bei Weidmann, Gesch. d. Stiftsbibl. S.

483-493 (S. 486 l. _stropha_ statt _scropha_).

[7] Nur der Anfang MG. II, 31. Vollständig zuerst herausgegeben von

Dümmler, Poet. Lat. II, 428-473, vgl. p. 266.

Nach dem Bürgerkriege verlieh Ludwig der Deutsche die Abtei seinem

Erzkaplan =Grimald= (841-872), der sich das Wohl derselben sehr

angelegen sein ließ, so daß jetzt die rechte Blüthezeit des Klosters

und namentlich der Schule beginnt[8]. Da er selbst nicht Mönch war und

in der Regel am Hofe lebte, vertraute er Hrabans Schüler Hartmut die

unmittelbare Verwaltung des Klosters an, und nach Grimalds Tod stand

dieser demselben bis 883 als Abt vor. Beide sorgten eifrig für die

Bereicherung der Bibliothek, und als der erste bedeutende Lehrer wird

unter ihnen =Iso= genannt[9]; ihm zur Seite der Schotte =Moengal=,

auch =Marcellus= genannt[10], welcher in der inneren Schule die für das

Mönchskleid bestimmten Knaben unterwies, während jener in der äußeren

Schule die Söhne des Adels für ihren Beruf als Domherrn und Bischöfe

vorbereitete.

[8] Vgl. oben S. 222. Gegen Scherers einseitige Hervorhebung des

Einflusses der Fulder Schule, s. Dümmler Ostfr. III, 655. Ein für

Grimald scotice geschriebener Priscian bei F. Keller l. c. tab.

XI, 2. Libri quos Gr. de suo dedicavit, bei Weidmann S. 396-400.

Ein Recept de libro Grim. Zeitschr. f. D. Alt. XX, 214.

[9] Urkundlich in St. Gallen erwähnt von 852-868.

[10] Von 848-865 urkundlich erwähnt. Er war vorher Abt von Bangor in

Ulster u. starb 871. NA. XVII, 211. -- Sehr barbarische Verse von

=Dubduin= zum Preise seiner Landsleute NA. X. 341.

Im Jahre 864 wurde Othmars Leib erhoben und in der neuen Kirche des

heiligen Gallus feierlich beigesetzt, bis 867 die ihm bestimmte eigene

Kirche vollendet war, welche auch Grimalds Ruhestätte wurde, der 870

zuletzt als Kanzler erscheint, und den Rest seiner Tage in St. Gallen

zubrachte. Von jener Erhebung Othmars mit den Wundern, die dabei

natürlich nicht fehlten, berichtet uns eine bald nachher verfaßte

Schrift Iso's[11]. Später soll dieser jedoch das Kloster verlassen,

und als Lehrer im Kloster Grandval eine große Wirksamkeit und

außerordentlichen Ruf erlangt haben, bis er am 14. Mai 871 starb.

[11] _Ysonis de miraculis S. Othmari libri II_, MG. SS. II, 47-54.

Mitth. XII, 114-139 im Auszug. Ekkehards Erzählung von Iso's

Wirksamkeit in Burgund bezweifelt Dümmler Denk. S. 260, weil

er 868 noch in St. Gallen war. M. v. Knonau jedoch, der zum

Ekkeh. S. 116-126 über Iso handelt, hält seine Thätigkeit in

Moutier-Grandval für gesichert durch die Tradition, nur kann nicht

Rudolf von Burgund ihn eingeladen haben, sondern der Bischof von

Basel.

Die volle geistliche Bildung der inneren Schule erhielten zwei Schüler

des Iso, welche Marcellus von ihm übernahm, und nicht minder als in der

Wissenschaft, auch in der Musik und anderen Künsten unterwies, deren

er als Irländer Meister war. Diese waren der berühmte Erfinder der

Sequenzen, Notker der Stammler[12], später Marcellus' Gehülfe, Verfasser

des oben erwähnten Martyrologiums und anderer Werke, die wir gleich

zu erwähnen haben werden, und der kunstreiche Tutilo[13]. Als dritten

nennt Ekkehard auch =Ratpert=, einen Züricher, der aber vielmehr sein

Zeitgenosse war, und bis an das Ende des neunten Jahrhunderts der

Klosterschule vorstand. Dieser hat, wie schon erwähnt, den ersten

Theil der Klosterchronik verfaßt. Die Einweihung der von der Aebtissin

Bertha, Ludwig des Deutschen Tochter, neu erbauten Fraumünsterkirche in

Zürich verlockte ihn zu einer Wallfahrt, die er in Versen ausführlich

beschrieb[14]; übrigens aber war er so eifrig in seinem Amte, daß er

jede Entfernung vom Kloster dem Tode gleich achtete, und nicht mehr

als zwei Schuhe im Jahre verbrauchte; selbst die Messen und Gebete

versäumte er darüber, denn sagte er, wir hören die besten Messen, wenn

wir andere lehren sie zu feiern. Unnachsichtig handhabte er den Stock,

der überhaupt in diesen Jahrhunderten eine große Rolle in der Erziehung

spielte, und doch wußte er sich durch seine Berufstreue und wahres

Wohlwollen auch die Liebe seiner Schüler zu gewinnen. Als er auf seinem

Todbette lag, hatte gerade das Fest des heiligen Gallus (Oct. 16) die

Geistlichkeit Alamanniens im Kloster versammelt, und 40 seiner Schüler

umgaben das Sterbelager ihres Lehrers[15].

[12] S. über ihn Dümmler Denkm. S. 244 ff. 258 ff. NA. IV, 546.

Meyer v. Kn. zu Ekk. S. 126 ff. und Der h. Notker v. St. Gallen,

Neujahrsbl. 1877. Er starb 912. Autograph von ihm bei W. Arndt,

Schrift. 15^b.

[13] Dessen berühmtes Diptychon abgebildet in: Das Kloster St. Gallen

I. Herausgegeben vom historischen Verein in St. Gallen, 1863, und

bei Alwin Schultz: Tuotilo von St. Gallen in: R. Dohme, Kunst

und Künstler des Mittelalters und der Neuzeit, I, 1877; doch

vgl. dazu Rahn: Nachlese zur Gesch. der bildenden Künste in der

Schweiz, S. 787-790. u. M. v. Knonau zu Ekkeh. S. 93 u. 129. Jul.

v. Schlosser, Wiener SB. CXXIII, S. 180 bis 185.

[14] Erhalten ist nur ein Bruchstück, die Beschreibung der neuen

Kirche und der Uebertragung von Reliquien der hh. Felix et Regula

vom Großmünster nach Fraumünster, herausgegeben v. G. von Wyß,

Geschichte der Abtei Zürich (Mittheil. VIII), Beilagen S. 11;

vgl. Dümmler Denkm. S. 255. Ostfr. II, 427. G. Meyer von Knonau

in d. Vorrede der Casus. Sein Lobgesang auf den heiligen Gallus

in Ekkehards lat. Uebersetzung bei Müllenhoff und Scherer I, 217.

II, 78. Vgl. Dümmler, NA. IV, 541. G. R. Zimmermann, Ratpert der

erste Zürchergelehrte (Basel 1878) ohne wissensch. Werth nach

Dümmler im Centralbl. Sp. 1314.

[15] Das Jahr des Todes ist wegen der vielen gleichnamigen Mönche ganz

ungewiß.

Als Karl III 883 das Kloster besuchte[16], fand er in St. Gallen

einen alten Mönch, dessen Gedächtniß noch in die Zeit des großen Karl

reichte und der die Geschichten zu erzählen wußte, welche er einst von

des tapferen Gerolds Waffengefährten, von Adalbert und dessen Sohne,

dem Priester Werinbert, gehört hatte. Karl III, von dem sonst wenig

löbliches zu berichten ist, hatte an diesen Geschichten solche Freude,

daß er den guten Alten veranlaßte, sie aufzuschreiben; emsig ging er

an die Arbeit, scheint sie aber nicht vollendet zu haben. In diesem

Mönche hat man schon früh =Notker= den Stammler erkannt, aber Pertz

widersprach dieser Annahme, weil der Stil gar zu roh und grammatisch

fehlerhaft ist, und weil Notker damals noch nicht alt genug war, um

durch Zahnlosigkeit zum Stammler geworden zu sein. Es scheint jedoch,

daß er durch einen Naturfehler gestammelt hat, und die Vergleichung

der Ausdrucksweise hat den vollkommen überzeugenden Nachweis gestattet,

daß wirklich Notker der Verfasser dieses anmuthigen Buches gewesen ist,

an welchem man schon früh und vielfach Gefallen gefunden und es trotz

seiner mangelhaften Form mit Einhards Meisterwerk verbunden hat.

[16] Hierhin gehören wohl die Verse von Ratpert, Hartmann, Notker

Balbulus u. a., die sich vielleicht alle auf diese Gelegenheit

beziehen, neu herausgegeben von Dümmler, Denkm. S. 218-221, vgl.

255 ff. und ein späteres vielleicht von 887 S. 221, vgl. 257. Das

von Waldram verfaßte _Rex benedicte_ S. 220, ist aber Weihn. 911

an Konrad gerichtet, nach Heidemann S. 454, vgl. M. v. Knonau,

Jahrbuch 1867 S. 129. Litanei aus König Konrads Zeit bei Dümmler,

Denkm. S. 222, vgl. 258. NA. IV, 510. 551.

Ferner aber ist es wegen der auffallendsten Uebereinstimmungen in

Ausdruck und Auffassung als vollkommen sichergestellt anzusehen,

daß Notker auch der Fortsetzer der oben S. 219 erwähnten Chronik

Erchanberts gewesen ist[17]. Er fügte nämlich eine kurze Uebersicht über

die Theilungen und die Regentenfolge im karolingischen Reich hinzu,

bald nach der Kaiserkrönung Karls III (881), von dem er mit lebhafter

Verehrung spricht, wie denn auch damals noch kein Grund war, an seinen

guten Erfolgen zu zweifeln.

[17] MG. SS. II, 329. Uebers. bei dem Mönch von St. Gallen.

Notkers Autorschaft nachgewiesen von B. Simson u. Zeumer, s.

Waitz-Aufsätze S. 113; NA. XII, 428.

Des Kaisers Besuch erschien als ein Höhepunkt der Blüthe des Klosters,

und nicht ohne Wahrscheinlichkeit vermuthet Meyer von Knonau, daß eben

hierdurch Ratpert zur Abfassung der Gesta veranlaßt sei, welche mit

diesem Besuche abschließen. Auch mit des Kaisers Günstling, Bischof

Liutward von Vercelli, einem geborenen Schwaben, standen die Mönche in

gutem Vernehmen und Notker widmete ihm seine Sequenzen[18].

[18] Vgl. Meyer v. Knonau, Mitth. XIII, 60. XV, 161.

Am Schlusse dieser Periode steht Notkers berühmtester Schüler[19]

=Salomo= III, von 890-920 Bischof von Constanz und zugleich Abt von

St. Gallen, ein Mann von den glänzendsten Geistesgaben, der kluge

und gelehrte Freund Hatto's von Mainz, der das schöne und blühende

Kloster wie seinen Augapfel liebte und hegte. Mehrere uns erhaltene

Briefe und Gedichte zeugen von Notkers Liebe zu ihm und zugleich von

der Sorge des treuen Lehrers um das Seelenheil seines Schülers in

den Gefahren der Welt, denen er am Königshofe ausgesetzt war. Eine

Mustersammlung von Urkundenformeln und Briefen[20], in welcher uns

einige auch für die Geschichte der Zeit wichtige Briefe aufbewahrt

sind, während die Urkunden über mannigfache Verhältnisse reichen

Aufschluß gewähren, schrieb Dümmler Salomo um das Jahr 896 zu, während

nach Zeumers Ansicht Waldo mit seinem Bruder Salomo sie 877 und 878

während ihres Aufenthalts bei Salomo II von Constanz und Liutbert von

Mainz zusammengebracht haben, Notker nachträglich noch einige Briefe

hinzugefügt hat. Schon war man in Reichenau[21] und an andern Orten mit

ähnlichen Sammlungen vorangegangen, aber die Sanctgaller Sammlung läßt

sie durch ihren Inhalt wie durch ihre Form weit hinter sich. Aus der

späteren Zeit besitzen wir von Salomon zwei schöne poetische Episteln

an den Bischof Dado von Verdun, deren ansprechender, von wahrem Gefühl

getragener Inhalt die ziemlich incorrecte Form übersehen läßt; die

Ueberschrift „Versus Waldrammi ad Dadonem episcopum a Salomone episcopo

missi“ läßt jedoch vermuthen, daß sie nur im Auftrag und nach Anweisung

Salomons in dessen Namen von =Waldram= verfaßt sind. In der einen[22]

beklagt der Bischof in elegischer Form voll tiefer Trauer den Tod

seines letzten Bruders, des Bischofs Waldo von Freising (906), an den

nach Zeumer mehrere der Briefe in der Formelsammlung gerichtet sind;

in der anderen[23], schon früher geschriebenen, schildert er mit den

lebhaftesten Farben das Unglück des Vaterlandes, dessen König ein Kind

ist, dessen Gaue erfüllt sind von allgemeiner Zwietracht, von innerem

Kampfe in allen Ständen des Volkes, während die Ungern ungehindert

das Land verheerend durchziehen. Auch St. Gallen wurde von ihnen 926

verheert.

[19] Diese Ansicht Dümmlers bekämpft Dammert, Forsch. VIII, 327 bis

366 u. will vielmehr Roudker, den Ekkehard als Mentor Salomons

bezeichnet, auch die Briefe zuschreiben. Meyer v. Knonau hat

diese Ansicht S. 21 als chronologisch unmöglich widerlegt. Ebenso

bekämpft er S. 4 auch Notker, aber hier ist die Chronologie ganz

unsicher, und mir erscheinen die Gründe für Notker auch jetzt

noch überwiegend, u. so auch Zeumer, NA. VIII, 513-517. -- Ueber

Salomons Familie s. Graf Zeppelin, Thurgauische Beitr. XXX, 42.

[20] Früher _Formulae Alsaticae_ genannt. Zum ersten Mal kritisch

und vollständig herausgegeben von Dümmler: Das Formelbuch des

Bischofs Salomo III, Leipzig 1857. Verbesserungen St. Gallische

Denkm. S. 261. Verse von Notker (?) an Salomo S. 225. Ueber Salomo

Formelbuch 103 ff. Denkm. 262 ff. Eine populäre Schilderung

in: Das Kloster St. Gallen, vom historischen Verein, II, 1864,

mit schöner Abbildung seines grossen C in Sintrams Evangelium

longum. Das Formelbuch nach der Münchener Handschrift ed.

Rockinger, Quellen zur bayerischen und deutschen Geschichte VII,

und in De Rozière's Sammlung. Vgl. auch Heidemann, Salomon III

von Constanz vor Antritt des Bisthums, Forsch. VII, 425-462.

Dammert ib. VIII, 327-366. Vorzüglich aber jetzt Zeumer, Formulae

Salomonis, NA. VIII, 506-540, u. seine Ausgabe MG. Form. p.

390-437. Ein merkwürdiges Denkmal der St. Galler Gelehrsamkeit

und Schreibkunst ist das Psalterium, welches Salomo 909 schreiben

ließ, mit 3 lateinischen Versionen und dem griechischen Text in

lateinischen Buchstaben, mit einem einleitenden Gedicht; dieses

neu herausgegeben von Dümmler, Ostfr. (1. Ausg.) II, 681, von

Hamann: Canticum Moysi ex psalterio quadruplici Salomonis III

(Lips. 1874), p. 18. Frühzeitig ist eine um 6 Verse am Anfang

verstümmelte Abschrift der Verse verbreitet, s. Bianchini,

Vindiciae p. CCLI, Codd. Colon. p. 3. 4.

[21] Zeumer, Reichenauer Formeln, NA. VIII, 481-505. Daselbst S. 547

ff. Nachweis, daß Iso nur irrthümlich Formeln zugeschrieben sind.

[22] Nach Canis. (II, 3, 245) berichtigt nach der Handschrift von

Dümmler, Denkm. S. 239, mit dem größtentheils aus Reminiscenzen

von Venantius bestehenden Trostgedicht von Waldram, und anderen

Gedichten desselben. Vgl. Scherrers Verz. 73 über den Cod. 197.

NA. IV, 550-554.

[23] Bei Dümmler, Denkm. S. 230-239 (v. 9. l. iterare, v. 42: si

domui conjuncta domus primordia sumpsit.); vgl. W. Giesebrecht,

Geschichte der Kaiserzeit I, 174, Dümmler, Ostfr. III, 527. Ueber

die Salomo zugeschriebene Encyclopädie (_Glossae Salomonis_)

s. Stälin I, 404, Scherrers Verz. S. 321 bis 323. Sie ist von

älterem Ursprung und die Benennung ungerechtfertigt, doch könnte

S. vielleicht diese Sammlung veranlaßt haben. Als Ableitung eines

älteren Glossars nachgewiesen von G. Götz: Der liber glossarum,

Leipz. 1891 (Abh. d. philol.-hist. Cl. der K. Sächs. G. d. W.

XIII).

Ekkehards lebendige Schilderung hat die Sanctgaller Schule unsterblich

gemacht; ohne ihn würden wir nicht so gar viel davon wissen, und ohne

Zweifel herrschte in manchem andern Kloster ein ganz ähnliches Treiben,

von dem nur niemand uns Nachrichten aufbewahrt hat. So vor allem in

=Reichenau=, welches schon in hoher Blüthe stand, als St. Gallen noch

schwach und unbedeutend war[24]. Abt =Waldo= (784-806), ein vornehmer

Herr, mit Grimald nahe verwandt und vorher Abt von St. Gallen (oben S.

269), hatte schon den Mönch Wadilcoz nach dem Martinskloster zu Tours

geschickt, der von dort Bücher für die Bibliothek übersandte, welche

Waldo mit großem Eifer zu bereichern bestrebt war[25]; unter ihm begann

der fleißige =Reginbert= seine musterhafte Thätigkeit für dieselbe,

welche er bis an seinen Tod 846 rastlos fortsetzte, theils durch eigene

Arbeit, theils durch Geschenke die Sammlung zu sehr ansehnlichem

Umfang vermehrend[26]. Ihm übersandten seine Schüler Grimald und

Tatto die Klosterregel nebst den Beschlüssen des Reichstages von

817, der wohl ihre Aussendung veranlaßt hatte[27]. Auf seinen Antrieb

schrieb Walahfrid das bedeutende Werk _de rebus ecclesiasticis_, wie

dieser es in den Worten ausspricht: _Dura Reginberti jussio adegit

eum_. Als Lehrer war neben ihm =Heito= thätig, ein Bruder jenes

Wadilcoz, Waldo's Nachfolger als Abt und Bischof von Basel, welches

Bisthum Waldo ebenfalls verwaltet hatte. Karl der Große sandte ihn

811 nach Constantinopel, und über diese Sendung verfaßte er eine

Reisebeschreibung[28], die leider verloren ist; 823 entsagte er seinem

Bisthum und zog sich in sein altes Kloster zurück, wo er 836 gestorben

ist. Die Abtei übergab er =Erlebold= (823-838), der bei einem leider

ungenannten Schotten große Gelehrsamkeit erworben, und Heito auf seiner

Reise begleitet hatte. Der Schule standen jetzt =Tatto= († 847) vor,

den Walahfrid seinen Lehrer nennt, in dessen Namen er Verse an Ebo von

Reims und an Thegan richtete[29], und =Wetti=, ein naher Verwandter

Grimalds und Waldo's. Wie mangelhaft jedoch noch seine grammatische und

metrische Bildung gewesen ist, haben wir jetzt erst mit Verwunderung

erfahren, da durch das von Bücheler entdeckte Akrostichon (oben S.

120) festgestellt ist, daß er der Verfasser der Vita S. Galli und ihrer

Widmung in ganz barbarischen Hexametern ist, welche man für viel älter

gehalten hatte. Wetti hatte kurz vor seinem Tode am 3. November 824

eine Vision, indem er, wie so viele andere vor und nach ihm, Himmel und

Hölle zu durchwandern glaubte, und was er in diesen Regionen gesehen

zu haben vermeinte, den gläubigen Brüdern berichtete. Heito hatte

diese Vision in Prosa[30], Walahfrid in Versen bearbeitet[31], und der

Eindruck derselben auf die Zeitgenossen war außerordentlich groß; hatte

er doch sogar den großen Kaiser Karl im Fegefeuer Schlimmes leiden

gesehen, auch Waldo. Beide werden, nebst einigen anderen, von Walahfrid

nur durch Acrosticha bezeichnet. Unter den Märtyrern dagegen erscheint

darin =Gerold=, der Königin Hildegard Bruder, welcher im Kampfe gegen

die Avaren gefallen war, ein geborner Alamanne, und des Klosters Hort

und Beschirmer. Eine vielleicht von Walahfrid verfaßte Grabschrift

auf ihn[32] findet sich in einer Handschrift neben dem Epitaph des

=Bernald=, an den die Reichenauer ebenfalls mit Stolz zurückdachten.

Dieser Bernald war nämlich ein geborner Sachse, aber in Reichenau

erzogen; er kam dann in die kaiserliche Capelle, und erhielt um das

Jahr 821 das Bisthum Straßburg. Zu den treuen Anhängern des alten

Kaisers gehörend, wurde er 825 als Gewaltbote nach Rätien, 832 nach Rom

gesandt, und starb am 17. April 840. Man rühmte ihn als einen klugen

und gelehrten Mann, der auch die deutsche Sprache zur Unterweisung des

Volkes verwandte[33].

[24] Die älteste Lebensbeschreibung des Stifters, =S. Pirmin=, mit

der Gründungsgeschichte von Reichenau (um 724) zuerst gedr. von

Mone, Quellens. I, 30-36, ist nach Mone im neunten Jahrhundert

in Reichenau verfaßt; in den Nachträgen S. 528 verlegt jedoch

derselbe den Ursprung nach Hornbach und trifft darin zusammen

mit Rettberg (II, 51), welcher ihre geschichtliche Werthlosigkeit

nachweist, Dümmler verweist auch auf Wal. Visio Wett. v. 30 für

den Ursprung in Hornbach. Dafür auch Holder-Egger in der Ausg.

_Vita Pirminii_ I. et II. cum miraculis MG. SS. XV, 17-35; vgl.

p. 574^a. Vgl. O. Breitenbach im NA. II, 170-174 über die von

Gallus Oehem benutzte Bearbeitung. Sehr merkw. Predigt von ihm bei

Caspari, Kirchenhist. Anecdota (1883) S. 151-159 (Dicta Priminii).

[25] Neugart Ep. Const. I, 142 aus Oheims Chronik, und jetzt Gallus

Oheims Chronik von Reichenau ed. Barack (1866) S. 43. Oheim muß

über die Bereicherung der Bibliothek und eingetretene Mönche in

dieser Zeit, von Waldo bis Rudhelm, eine jetzt verlorene Quelle

gehabt haben, die bis c. 840 reichte und vielleicht von Reginbert

herrührte, s. O. Breitenbach, NA. II, 201. Waldo hat danach eine

Zeit lang auch das Bisthum Pavia verwaltet. In der Visio Wettini

büßt er für die Sünde des Geizes. Das Diptychon aus Erlebalds Zeit

NA. IV, 72, ist das von Piper herausgegebene Verbrüderungsbuch.

[26] S. den 821 begonnenen Catalog bei Neugart I, 536-552, vgl. S. 152

und Mommsen, Die Chronik des Cass. Senator S. 573-585 über die von

ihm angelegte hist. mathematische Sammlung. Auch die Carlsruher

Vita Bonif. stammt daher, s. d. Inschrift MG. II, 332, Jaffé Bibl.

III, 425. Fragment des Liber sextus in Libri's Auctionscatalog

(1859) S. 246 mit Facsimile. Die Verse, welche er in die Bücher

eintrug, Poet. Lat. II, 424, vgl. NA. XIII, 665.

[27] Baluzii Capit. II, 1382. Reginbert wird von ihnen _flos juvenum

forma speciosus amoena_ genannt. Das Buch nebst einem zweiten von

denselben geschenkten im Catalog S. 550. Das Martyrologium ed. A.

Holder, Röm. Quartalschrift III, S. 204-261. Oben S. 60.

[28] Herm. Contr. a. 811, vgl. über ihn Neugart I, 142-148,

Rettberg II, 93-96, und die Reichenauer Inschriften bei Mone,

Quellens. III, 133. Dümmler, NA. IV, 284. Poet. Lat. II, 425.

O. Seebass vermuthet in ihm den Vf. der Statuta Murbacensia,

Zts. f. Kirchengesch. XII, 322 (NA. XVI, 645). -- Gleichzeitige

Aufzeichnung darüber, daß am 21. Dez. 823 das Bisthum Basel

Odalrich commendirt wurde, in Mone's Zeitschr. f. Gesch. d.

Oberrheins II, 384; MG. SS. XIII, 374 cum catal. epp. Basil.

[29] Poet. Lat. II, 350. Ein Brief von Tatto Bibl. III, 323.

[30] _Heitonis Visio Wettini_, abgedr. mit dem früher hier

mitgetheilten Prolog bei Dümmler, Poet. Lat. II, 267-275.

Walahfrids Bearbeitung ist durch seine Zuthaten besonders wichtig

für die Geschichte des Klosters. Vgl. über die Anspielungen auf

Bedränger desselben, und über die Nachahmung des Prudentius,

Bock im Jahrb. d. Alterthumsfr. im Rheinland L, (1871) S. 7. --

Meistens mit dieser Vision verbunden, findet sich im Cod. S. Galli

573, Lambac. qu. 77, Monac. Lat. 536 u. 18 546, Brux. 10 687, Run.

51, folgende:

Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2) · 第 23 / 60 题