Hic rutilat species Nithardi picta sagacis,
Nomen rectoris qui modico tenuit,
Eheu! quod subito in bello rapuit gemebundo
Mors inimica satis seu furibunda nimis:
Invidia siquidem multatus hostis iniqui,
Qui primus nocuus perstitit innocuis.
Astu nam belli viguit quasi fortis Asilas[6],
Nec non ex sophia floruit ipse sacra.
Extitit elatos rigidus mites humilisque
Contra commissum pacificusque gregem.
Cujus de Caroli genio[7] processit origo
Nobilis ac celsa caesaris egregii.
Occubuit Junii octavo decimoque Kalendas
Hostili gladio: hac requiescit humo.
Hos quicumque legis versus, miserere suique
Dic: Animae ipsius det veniam Dominus,
Jam quia sublatus terris regione locatus
Sit, precibus, sancta, hocque frequens rogita.
Donec e tumulo salient cineres quoque vivi,
Corpore suscepto quo reparatus eat
Ad loca sanctorum, fultus hinc inde maniplis
Angelicis sanctis cum patribus reliquis.
[2] Gegen Pertz haben Pätz und G. Meyer v. Knonau Benutzung des
Nithard beim Astronomus nachzuweisen gesucht, die mir doch noch
zweifelhaft ist.
[3] Wahrscheinlich im Lager Karls zu St. Cloud, s. Funck S. 274,
Dümmler, Ostfr. I, 169.
[4] Am 24. Oct. nach Meyer v. Knonau, Anm. 292, dem Traube (für den
5. Nov.) ohne Angabe von Gründen widerspricht.
[5] Jetzt auch Poet. Lat. III, 310 von Traube herausgegeben.
[6] Der in Verg. Aen. IX, 571 u. X, 175 gefeierte Held und Weissager.
[7] Diese Correctur von Dümmler statt _gemino_ hat Traube angenommen
mit Hinweis auf den ähnlichen Ausdruck im Carm. CL, 2.
Ungern trennen wir uns von diesem Büchlein, dem Werke eines wackern
Kriegshelden und einsichtigen Staatsmannes, welcher so recht aus der
Mitte der Begebenheiten mit Ernst und Wahrheitsliebe berichtet, was er
selbst durchlebt, woran er selbst den bedeutendsten Antheil genommen
hat. Unwillkürlich knüpft sich daran der Gedanke, wie ganz anders die
Geschichtschreibung sich hätte entwickeln können, wenn die Laien der
folgenden Jahrhunderte es nicht verschmäht hätten zu schreiben, wenn
nicht die Feder ausschließlich der Geistlichkeit überlassen wäre, der
wir zwar viel schöne und treffliche Werke zu danken haben, die aber
mit Nothwendigkeit ihre kirchliche Auffassung in alle Verhältnisse
übertrug. Wir möchten ihre Werke nicht missen, aber gar gerne hätten
wir daneben auch die Stimmen einsichtiger Laien.
Doch ist Nithard nicht der einzige von den Kämpfern in der Schlacht
bei Fontenoy, dessen Worte uns vorliegen; auch von Lothars Seite ist
uns eine Schilderung der Schlacht erhalten in dem Klagelied jenes
=Angilbert=, der, im ersten Treffen kämpfend, von Vielen allein übrig
geblieben war. Voll tiefen Grames sind seine Worte, nirgends tritt uns
so lebendig der bittere Schmerz entgegen über diese allzu harte Nacht,
in welcher die Tapfersten gefallen sind, die Kundigsten des Krieges[8].
Die Form dieser Verse ist rhythmisch, die Sprache diejenige, welche
uns schon aus der merowingischen Zeit bekannt ist, lateinisch wie
es ein Romane sprechen und schreiben konnte, ohne es schulmäßig
erlernt zu haben. Daher haben wir auch dergleichen Dichtungen nur aus
Frankreich[9] und Italien[10], aus Deutschland nur Kunstpoesie gelehrter
Geistlicher[11]. Daneben sang das Volk seine deutschen Lieder, die
wohl gelegentlich erwähnt werden, die aber niemand aufschrieb. Nur der
=Ludwigsleich=, gedichtet auf die Normannenschlacht bei Saucourt (881),
bildet davon eine Ausnahme[12].
[8] „Ubi fortes ceciderunt, proelio doctissimi.“ Anf. _Aurora cum._
Gedruckt in der Octavausgabe des Nithard S. 55 f. und sonst
häufig. Coussemaker, Hist. de l'harmonie (1852) 86 u. Facs. pl.
I, 3. Erste vollständige Ausg. (2 neue Strophen) bei Dümmler in
den philol. Abh. zu Ehren Th. Mommsens, 1877. Poet. Lat. II, 138.
Die Verse fangen nach der Reihe mit den Buchstaben des Alphabets
an, reichen aber nur bis P. Eine Uebersetzung mit Erläuterungen
bei Meyer von Knonau S. 139, und nebst anderen im Anhang zu dessen
Schrift: Die schweizerischen hist. Volkslieder des 15. Jahrh.
(Zürich 1870) S. 66. Ebert II, 313.
[9] Bei Duméril, Poésies populaires Latines antérieures au douzième
siècle finden sich S. 251 ein Klagelied um den Tod des Abtes Hugo
844 _Hug dulce nomen_ (auch bei Coussemaker 92 mit Facs. pl. II,
2, Poet. Lat. II, 139; s. über ihn Sickel, Acta Karol. I, 96),
S. 253 eine Klage Gotschalks in seiner Verbannung (846 oder 847
_O quid jubes_, Couss. 49 u. pl. II, 3; vgl. Dümmler, NA. IV,
320. Ebert II, 166), S. 255 Verse auf die Zerstörung des Klosters
Montglonne oder Saint-Florent-le-Vieil durch die Bretonen 853,
_Dulces modos_ (neue Ausgabe nach dem MS. von Midlehill von Dom
Pitra, Archives des Missions scientifiques IV, 182 a. 1856; Poet.
Lat. II, 147), S. 266 Sigloards Klagelied um Fulko von Reims
_O Fulco_ (900). Anderer Art sind Theodulfs Oden auf Ludwig des
Frommen Ankunft in Orléans und in Tours, Poet. Lat. I, 529. 578.
[10] Rhythmische Beschreibung von Verona aus Pippins Zeit, von
Rather mitgebracht und nebst einem Stadtplan von Verona in eine
(verschollene) Handschrift des Klosters Lobbes eingetragen,
_Magna et praeclara_, Poet. Lat. I, 119. Traube, Karol. Dicht.
S. 122-129. Verse auf K. Pippins Sieg über die Avaren 796
(_Omnes gentes_) in Pertz' Octav-Ausgabe von Einhards V. Caroli
p. 35, Poet. Lat. I, 116. Paulinus Klage über Herzog Erichs Tod
(799 _Mecum Timavi_) ib. p. 37, Duméril S. 241, Coussemaker,
S. 87 u. Facs. pl. I, 4. Sinner, Catal. Bern. I, 148-157 mit
Erläuterungen, Poet. Lat. I, 131. =Planctus Caroli= (814, _A solis
ortu_) vermuthlich aus Bobio, bei Einhard S. 41, Duméril S. 245,
Coussemaker S. 91 mit Facs. pl. II, 1, Poet. Lat. I, 435; darauf
bezieht sich, wie Dümmler bemerkt, Thietm. VIII, 15, indem er
den darin als Patron des Klosters angeredeten Columban für den
lebenden Abt zu halten scheint. Ganz verschieden davon ist das
viel jüngere oft gedr. Kirchenlied _Urbs Aquensis_, welches auch
auf Zürich und Frankfurt angewandt ist. -- Klage um Aquileja, _Ad
flendos_, Paulinus zugeschrieben, Poet. Lat. I, 142. Spottverse
auf dasselbe, _Aquilegia gloriosa_, ib. II, 150. Ueber Ludwigs II
Gefangenschaft (871, _Audite omnes_) Duméril S. 264. Poet. Lat.
III, 404; ib. p. 405 sein Epitaph _Hic cubat._ Das Wächterlied aus
Modena während der Belagerung durch die Ungarn 904 _O tu qui_ bei
Duméril S. 268; vgl. Dümmler, NA. IV, 559; Joh. Merkel NA. I, 572
hält es für älter. -- Das von Baronius auf Lothar (855) bezogene
Epitaphium _Caesar tantus eras_ ist von Dümmler NA. I, 179 auf
Heinrich III bezogen, auf Lothar wieder von De Rossi, Inscriptt.
christ. II, 1, 302, u. von Traube, der den Vf. für einen Nachahmer
des Sedulius hält, mit Beziehung auf Poet. Lat. III, 158 u. 234.
[11] Ueber diese rhythmische Poesie überhaupt s. Ebert II, 311-328.
[12] Müllenhoff und Scherer I, 24, vgl. II, 71 ed. III, übersetzt bei
Dümmler, Ostfr. III, 155. Denselben Ludwig feierte nach Mabillon
in lateinischen Versen Abt Angilbert von Corbie bei Uebersendung
einer Abschrift von Augustin de doctrina christiana, aber Traube
hat dieselben für Angilbert von St. Riquier u. Ludwig d. Fr. in
Anspruch genommen, O Roma nobilis, S. 322 ff.
Ein höchst eigenthümliches Product jener traurigen Zeiten, wo durch
die Zwietracht der Brüder alle Ordnung gestört war und besonders die
Kirchen fortwährender Beraubung und Mißhandlung ausgesetzt waren, wo
dann auch Karl der Kahle die anfangs noch an ihn geknüpften Hoffnungen
in zunehmender Weise täuschte, sind die Schriften und vorzüglich die
Revelationen des =Audradus Modicus= aus dem Martinskloster zu Tours,
der 847 vom Erzbischof Wanilo zum Landbischof von Sens eingesetzt
wurde, im Nov. 849 aber mit seinen meisten Collegen diese Stelle wieder
verlor. Im März 849 überreichte er seine gesammelten Schriften in Rom
dem Pabst Leo IV, welcher sie im Archiv von St. Peter niederlegte;
die angeblichen Visionen aber setzte er noch bis 853 fort. Diese nur
fragmentarisch erhaltenen Schriften sind kürzlich durch neugefundene
Fragmente verständlicher geworden und von L. Traube in scharfsinniger
Weise erläutert; sie enthalten nicht unbedeutende Beiträge zur
Geschichte der Zeit[13].
[13] Audradi Modici Carmina ed. Traube, Poet. Lat. III, 67-122. Ders.
O Roma nobilis, p. 374-391, wo die Revel. gesammelt u. erläutert
sind. Bedeutende Fragmente hat Albricus gerettet. S. 377, 1 l.
_judicat_ statt _indicat_.
§ 12. Frechulfs Weltchronik.
Wir haben oben § 10 die ersten, noch recht unvollkommenen Versuche
betrachtet, die fast verlorene Verbindung mit der Vergangenheit
herzustellen. Die Ereignisse der Gegenwart nahmen zunächst die
Aufmerksamkeit in Anspruch und mit ihrer Aufzeichnung begann man;
doch regte sich auch bald das Bedürfniß in den größeren Zusammenhang
einzutreten und einen Ueberblick über die Weltgeschichte zu gewinnen.
Bei der raschen Ausbildung formaler Gewandtheit konnten die in der Form
noch halb barbarischen und innerlich unverarbeiteten Compilationen sehr
bald nicht mehr genügen, und es ist begreiflich, daß man sich dieser
großen und schwierigen Aufgabe von neuem und mit besserem Erfolge
zuwandte.
Ganz anderer Art nun, als jene Compilationen, und das Werk eines
wirklich bedeutenden Mannes ist die Weltchronik des Bischofs
=Frechulf von Lisieux=. Unbekannter Herkunft nennt er Helisachar,
den vielvermögenden Kanzler Kaiser Ludwigs[1], seinen Lehrer, und die
Freundschaft, welche ihn mit Hraban verband, wird wohl schon damals
geschlossen sein, als dieser zu Alcuins Füßen saß[2]. Vermuthlich aus
dem Kreise der Hofgeistlichkeit wurde Frechulf auf den Bischofstuhl
erhoben; in Lisieux fand er eine in tiefe Unwissenheit versunkene Herde
zu weiden, und einen solchen Büchermangel, daß nicht einmal die Bibel
vorhanden war. Er wandte sich deshalb an seinen Freund Hraban, seit 822
Abt von Fulda, mit der Bitte um einen Commentar zum Pentateuch, der die
Erklärungen der alten Kirchenlehrer mit Beifügung ihrer Namen enthalten
sollte, und Hraban erfüllte seine Bitte. Wohl bald nachher sandte der
Kaiser ihn 824 an den Pabst Eugen II wegen des damals lebhaft geführten
Streites über den Bilderdienst; bis 852 wird noch seine Theilnahme an
verschiedenen Synoden erwähnt[3], 853 aber erscheint sein Nachfolger
Eirard.
[1] Ueber diesen s. Sickel, Acta Karol. I, 86-88. Simson II, 234. Ein
Brief von ihm über Verbesserung des Antiphonars NA. XI, 564-568.
[2] Daß Frechulf ein Sachse und Mönch in Fulda gewesen sei,
beruht allein auf dem Trithemischen Meginfrid von Fulda, und
ist, da dieser erdichtet ist, wohl nur ein Schluß aus dem
Freundschaftsbund mit Hraban. Die Briefe beider enthalten aber
nicht die geringste Hindeutung darauf.
[3] 852 erwähnt bei Quantin, Cartulaire de l'Yonne I, 64.
Ohne Zweifel hat Frechulf seine Verbindungen und wohl auch die Reise
nach Rom benutzt, um dem Büchermangel abzuhelfen, so daß er bald
im Stande war, auf Helisachars Wunsch und Antrieb mit einer für die
damalige Zeit nicht unbedeutenden Gelehrsamkeit und Kunst ein Werk über
die alte Geschichte zu Stande zu bringen, in welchem die ausgehobenen
Stellen der benutzten Autoren zu einer ausführlichen Darstellung nicht
ungeschickt verbunden sind. Zu diesem ersten Theile fügte er bald noch
einen zweiten, welcher die Geschichte des römischen Reiches von Christi
Geburt bis zur Vertreibung der römischen und gothischen Obrigkeiten
aus Gallien und Italien und der Aufrichtung völlig selbständiger
Reiche durch die Franken und Langobarden fortführt; die Geschichte
der christlichen Kirche fand ihren Abschluß durch Gregors des Großen
Pontificat. Diese zweite Abtheilung seines Werkes überreichte er 830
oder etwas früher der Kaiserin Judith, deren Gelehrsamkeit auch von
Hraban und Walahfrid gepriesen wird[4], um davon für den Unterricht des
noch zarten Knaben Karl Gebrauch zu machen. Ueberaus merkwürdig ist es,
daß Frechulf hierdurch die sonst so ängstlich festgehaltene Continuität
des römischen Reiches gänzlich aufgab, daß er es wagte, die neuen
Reiche auf römischem Boden als etwas wirklich neues, ihre Stiftung als
den Beginn einer neuen Zeit zu betrachten[5]. Nachfolger hat diese
Abweichung von dem herrschenden Systeme nicht gefunden; nur Notker,
der Mönch von St. Gallen (I, 1) ist kühn genug, die Bildsäule als
zertrümmert, das römische Reich als vergangen zu betrachten, und Kaiser
Karl als den Herrscher eines neuen Weltreichs hinzustellen.
[4] Dümmler, Ostfr. I, 41. Acrostichische Verse ihr zu Ehren bei H.
Hagen, Carmina Medii Aevi p. 126-128, Poet. Lat. II, 165, von
Hraban.
[5] Vgl. Büdinger, Hist. Zeitschrift VII, 115. Ebert II, 381-381. Die
gründlichste Untersuchung über Frechulfs Werk mit genauer Analyse
desselben nach den von ihm benutzten Quellen hat Emil Grunauer
aus Winterthur gegeben in seiner Diss. de fontibus historiae
Frechulphi ep. Lixoviensis, 1864. Frechulph und Frechulf ist die
Schreibart der ältesten und besten (St. Galler) Handschrift, aus
welcher hier nebst Facs. die in den Ausgaben fehlenden Capitel
mitgetheilt sind. Sein Todestag (October 8. Frehholfi. ep.) im
Würzb. Necrol. ed. Dümmler, Forsch. VI, 117. Eine unvollständige
und dem Julius Florus zugeschriebene Hs. in Avranches 2428, s.
Ravaisson, Rapport sur les bibl. de l'Ouest (1841) p. 20; die
Widmung an Judith S. 361. Vgl. unten §. 20 über die Translatio
Ragnoberti. -- Die von Fr. Haase im Breslauer Ind. lectt. hiem.
1860 gedruckte Widmung einer Abschrift des Vegetius an einen
König (wiederholt Veget. ed. Lang p. XXIII) kann doch wohl nur
von Frechulf sein, nach den Worten: _post libros ab inicio mundi
usque ad regna Francorum in Gallia a parvitate mea congestos
ex hagiographorum sive gentilium historiis_, und das wird, wie
Dümmler bemerkt, durch übereinstimmende Ausdrücke bestätigt. Der
König ist dann Karl der Kahle. Vgl. auch Dümmler, Ostfr. I, 404,
und in Haupts Zeitschr. XV, 451, wo 443 bis 450 ein von Hraban
für Lothar, wahrscheinlich II, im J. 855 verfaßter Auszug aus
Vegetius, mit einigen Notizen über fränkische Sitten, mitgetheilt
ist. Den lebhaften praktischen Gebrauch des Vegetius bezeugt auch
Salimbene S. 197.
In dem herkömmlichen Geleise blieb auch =Ado=, Erzbischof von Vienne
(† 874), der Verfasser des Martyrologiums, welcher sich auch an einer
Weltchronik versuchte[6]. Er verband zu diesem Zwecke mit der Chronik
des Beda Auszüge der gewöhnlichen Quellen, die er jedoch stilistisch
zu einer zusammenhängenden Erzählung überarbeitete. Den Faden für die
Verbindung des Ganzen gab ihm die Folge der Kaiser; an Constantin und
Irene knüpft sich unmittelbar Karl der Große, dann Ludwig, Lothar,
Ludwig II: so wird der Gedanke der Einheit des römischen Reiches
durchaus festgehalten. Die Erhebungen der Söhne gegen Ludwig den
Frommen erscheinen nur als unberechtigte Revolutionen; dann wird
Karl der Kahle als trefflicher und weiser Regent gepriesen, alle aber
überstrahlt die Hoheit des Pabstes Nikolaus. Es ist die Geschichte vom
Standpunkte der Autorität und der vorgefaßten Meinungen, der sie so
lange beherrscht hat und eine unbefangene Auffassung der Ereignisse
unmöglich machte.
[6] Auszüge, und von 814 an vollständig MG. SS. II, 315-323; die
beiden unbedeutenden Fortsetzungen S. 324. 325. Eine weitere,
ebenfalls unbedeutende Fortsetzung aus dem elften Jahrhundert S.
326. Die erste Fortsetzung ist großentheils entnommen aus der
kurzen _Francorum Regum historia_ 840-869, fortgesetzt bis 885
(gedr. MG. II, 324. 325) u. aus den Ann. Floriacenses; benutzt
von Folcuin im Chartul. Sith. nach B. Simson, Ludw. d. Fr. I, 192
Anm. 8. _Series episcoporum Vienn._ ed. Waitz, SS. XXIV, 811, wo
auch die früher ausgelassenen Stellen aus Ado über die ältesten
Vienner Bischöfe nachgetragen sind. -- Ebert II, 384.
Auch eine Volksgeschichte der Franken liegt uns vor, wahrscheinlich
aus dem Jahre 816, die einem übrigens unbekannten =Erchanbert=, doch
ohne genügende Sicherheit, zugeschrieben wird[7]. Doch ist kein großer
schriftstellerischer Ruhm daran zu verlieren oder zu gewinnen; sie
beruht ganz und gar auf den Gesta Francorum, und der angehängte Schluß
ist über alle Maßen dürftig; nur die sagenhafte Erzählung über die
Beseitigung des letzten Merowingers zieht unsere Aufmerksamkeit auf
sich, weil sie uns zeigt, wie früh sich eine, der Wirklichkeit nicht
entsprechende, stark kirchlich gefärbte Auffassung ausbildete.
[7] _Erchanberti Breviarium Regum Francorum_ ed. Pertz, MG. SS. II,
327; nur der letzte Theil ist abgedruckt nach Ussermann. Uebers.
bei dem Mönch von St. Gallen. Die Handschrift (MG. Legg. I, 267.
III, 9) ist jetzt in Stuttgart Cod. Jur. qu. 134, s. Haenel in
den Berichten der K. Sächs. Ges. d. Wiss. 1865.
Die =Localgeschichten=, welche später zu so bedeutender Entwickelung
gelangten, zeigen sich in dieser Zeit noch kaum in ihren ersten
Anfängen. Wir erwähnten schon des Paulus Diakonus Geschichte der
Bischöfe von Metz; außerdem ist nur noch die Geschichte der Aebte von
=St. Wandrille= zu nennen[8], bis zum Jahre 833, mit einer Fortsetzung
bis zum Jahre 850. Sie enthält mancherlei merkwürdiges, z. B. über
Einhards Stellung als Aufseher der königlichen Bauten, und ist
besonders ausführlich über die Thätigkeit des Abtes Ansegis, jenes
bedeutenden Mannes, dessen Capitulariensammlung so großes Ansehen
gewann.
[8] _Gesta abbatum Fontanellensium_, ed. Pertz (nach Dachery) MG.
SS. II, 270-301, nebst einem _Fragmentum Chronici Font._ 841-859
S. 301 bis 304. Ebert II, 377. Nach der lange vermißten Hs. im
Hâvre neue Ausg. von S. Loewenfeld, Hann. 1886; vgl. dens. Forsch.
XXVI, 193-215, u. über die Mängel der Ausg. Holder-Egger, NA. XVI,
602-606. Ueber das Verhalten zu Fredegars Fortsetzern Breysig,
Karl Martell, S. 114 u. oben S. 203. Im Münchener historischen
Jahrbuch 1865 von P. Roth benutzt, um seine Ansicht über die
Säcularisation unter den Karolingern zu unterstützen. Auch die
der _Vita S. Wandregisili_ (oben S. 107) angehängten _Miracula_
(Mab. II. 547. Acta SS. Jul. V, 281) von verschiedenen Verfassern
bis nach 895 fortgeführt, sind nicht unwichtig; Ausz. SS. XV, 1,
406-409.
§ 13. Deutschland unter den Karolingern. Reichsannalen.
Mit dem äußersten Widerstreben hatten die deutschen Stämme sich der
Herrschaft der Franken unterworfen, welche von ihrer niederrheinischen
Heimath aus sowohl am Oberrhein wie am Main festen Fuß faßten und
in größeren Massen sich ansiedelten, während einzelne Herren dieses
herrschenden Stammes überall im ganzen Lande zu finden waren. Mit
ihnen kam die fremde, römische Kirche, und die rein deutsche, ureigne
Entwickelung wurde durch das Uebergewicht der fremden Bildung erdrückt.
Doch ist es fraglich, ob wir überhaupt berechtigt sind, hier von einer
Entwickelung zu sprechen; so lange wir von den Deutschen Nachricht
haben, ist eine solche, wo sie unberührt blieben, kaum wahrzunehmen,
und gerade das am spätesten unterworfene sächsische Heidenthum
ist völlig starr und jeder Veränderung widerstrebend; das waren
Zustände, die ungestört viele Jahrhunderte ohne merkliche Entwickelung
fortbestehen konnten.
Gewaltsam wurden die Schwaben, Baiern, Sachsen dem Frankenreiche
einverleibt; aber nachdem bei ihnen die Kirche durch Bonifatius sicher
gegründet und durch Karls feste Hand auch über Sachsen ausgebreitet
war, nahmen sie nun auch an dem Leben innerhalb derselben, an der
Entwickelung aller der durch Karl gelegten und gepflegten Keime, den
lebhaftesten selbstthätigsten Antheil. Als das große Reich zerfiel,
hatte diese Pflanzung bereits so tiefe Wurzeln bei ihnen geschlagen,
daß die Trennung keinen nachtheiligen Einfluß darauf äußerte; auch
blieb ja die Einheit der Kirche, welche die einzelnen Glieder schützte
gegen das Schicksal jener alten, in ihrer Vereinzelung verkommenden
Gemeinden der irischen Glaubensboten.
Ludwig dem Deutschen fehlte es nicht an Bildung[1]; er fand Freude und
Geschmack daran und scheint namentlich auch, wie sein Vater, den Wunsch
gehabt zu haben, den Deutschen das Christenthum durch Werke in der
Volkssprache näher zu bringen. Ihm selber glaubt man die Aufzeichnung
des deutschen Gedichtes vom Jüngsten Tage in einer ihm gewidmeten
Handschrift zuschreiben zu dürfen[2]; ihm übersandte auch Otfrid um 865
sein Evangelienbuch. Nicht minder nahm aber auch Ludwig, wie sein Vater
und seine Brüder, lebhaften Antheil an den Fragen und Untersuchungen,
welche die gelehrten Theologen seiner Zeit beschäftigten, in so
eingehender Weise, wie es nur bei der gründlichen Schulbildung der
Karolinger möglich war. Der Erzbischof Adalram von Salzburg (821-836)
übersandte ihm die Abschrift einer Predigt des heiligen Augustin,
dieselbe, welcher die eben erwähnten deutschen Verse beigefügt sind;
ein Priester Regimar mehrere Schriften des h. Ambrosius[3]. Besonders
aber stand er in lebhaftem Verkehr mit Hraban, der ihm mehrere
seiner Werke theils aus eigenem Antriebe, theils auf ausdrückliche
Aufforderung des Königs überreicht hat; im Prolog zum Daniel erwähnt
er _peritissimos lectores_ an seinem Hofe[4]. Auch zu der Unterredung
mit seinem Bruder Karl im Jahre 865 führte Ludwig den Bischof Altfrid
von Hildesheim mit sich und benutzte die Anwesenheit des gelehrten
Hinkmar, um diesen beiden Männern einige schwierige Stellen der
heiligen Schrift zur Erklärung vorzulegen. Dadurch veranlaßt, verfaßte
Hinkmar seine Auslegung des 17. Verses des 103. Psalmes, welche er
dem Könige übersandte[5]. Auch fehlte es am ostfränkischen Hofe wohl
nicht ganz an einer Hofschule für die vornehmen Jünglinge, welche nach
alter Sitte dort sich auszubilden suchten. Erzkanzler war von 829-833
der gelehrte Abt Gozbald von Nieder-Altaich, welcher später (841-855)
das Bisthum Würzburg erhielt. Ihn nennt Ermanrich von Ellwangen seinen
Lehrer, vorzüglich aber kann er nicht Worte genug finden zum Preise des
weisesten der Lehrer, des Erzkaplans Grimald, der noch an Karls Hofe
gebildet war, man sagte sogar, daß er noch Alcuins Unterricht genossen
habe, dann in der Reichenau höhere Ausbildung suchte, und von 833 bis
870, wenngleich nicht ohne Unterbrechung, der Kanzlei, bald auch der
Kapelle Ludwigs vorstand. Mit drei Abteien, Weissenburg, St. Gallen
und Ellwangen[6] bedacht, hielt er sich doch noch immer vorzüglich am
Hofe auf, wo die wichtigsten Geschäfte ihm anvertraut wurden. Er war
ein Neffe des Erzbischofs Hetti von Trier, und der Bruder von dessen
Nachfolger Thietgaud[7]. Zu den bedeutendsten Gelehrten der Zeit
stand er in freundschaftlichen Beziehungen; so übersandte Hraban ihm
sein Martyrologium mit einer poetischen Widmung[8], und nie versäumte
Grimald über den Staatsgeschäften die Pflege der Wissenschaft.
Veranlaßt war Hraban zu jenem Werke durch Ratleik, einst Einhards
Schreiber, dann dessen Nachfolger als Abt von Seligenstadt und von 839
bis 853 Kanzler an Grimalds Stelle[9]. Auch Witgar, Abt von Ottobeuern,
der von 858-860 Kanzler war, dann Bischof von Augsburg wurde, zeichnete
sich durch Liebe zu gelehrten Studien aus; nicht minder auch Grimalds
Nachfolger Liutbert, der Erzbischof von Mainz[10].
[1] S. Dümmler, Ostfr. II, 417 ff.
[2] Schmeller, Muspilli, München 1832. Wackernagel, Litteraturgesch.
S. 56. Vgl. über die vermuthlich auch ihm gewidmete Wiener
Handschrift 552 von Karajan in den Sitzungsberichten der Wiener
Akademie XXVIII, 311. Ein wahrscheinlich 850 an ihn gerichtetes
theol. Gutachten NA. XI, 457.
[3] Cod. S. Galli 98. S. Dümmler, Ostfr. II, 418. Poet. Lat. II, 480.
[4] Kunstmann, Hrabanus Maurus, S. 212.
[5] Dümmler II, 418. Wenn dieser S. 434 die Existenz einer Hofschule
für Laien schon unter Ludwig bestreitet, so ist zuzugeben, dass
kein Zeugniss davon vorhanden ist; doch möchte ich glauben, dass
für die dem König commendierten Jünglinge einiger Unterricht nicht
gefehlt haben wird.
[6] Fast zweifellos nach Bossert, Württemb. Vierteljahrshefte 1889,
S. 142-144.
[7] In der Grabschrift seiner Tante Warentrudis, Aebtissin von
Pfalzel. Schwester Hetti's, heißt es von Thietgaud: „Cujus
germanus vir clarus in omnibus extat, Nomine Grimaldus, ore et
honore potens.“ Poet. Lat. II, 661.
[8] Dümmler, Poet. Lat. II, 169; St. Gall. Denkmale (Mitth. der
Antiqu. Ges. XII, 6) S. 215; S. 248-250 über Gozbald und Grimald
oder Grimold, und über diesen Ostfr. I, 92. II, 434-438.
Die Bedenken von L. Delisle, Sacram. p. 258, gegen die ihm
beigemessene Fortführung des Sacram. scheinen mir nicht begründet.
[9] An ihn ist eine zweite Widmung gerichtet, verbess. Abdr. Forsch.
XXV, 198, vgl. Dümmler, Ostfr. II, 432. Auch Lupus von Ferrières
war mit ihm in litterarischem Verkehr, ep. 60 ed. Bal. und sein
Epitaph von Hraban (ib. p. 398; Poet. Lat. II, 240) erwähnt, daß
er die Schreiber unterwieß und daß er jung starb.
[10] Dümmler. Ostfr. II, 438. Rethfeld, Urspr. d. Fuld. Ann. S. 36.
Allein der Königshof war doch nicht mehr wie in Karls Zeit der
Mittelpunkt aller litterarischen Bestrebungen, welche sich nun vielmehr
an die Orte anschlossen, wo die bedeutendsten Lehrer der Zeit wirkten,
und namentlich bei dem bald nachher eintretenden Verfall des Reiches
kann man es nur als eine glückliche Entwickelung betrachten, dass diese
Studien in voller Unabhängigkeit an den verschiedensten Orten feste
Wurzeln getrieben hatten. Naturgemäß verbreiteten sie sich im ganzen
Reiche, erblühten bald hier bald da zu reicher Entfaltung, und folgten
so derselben Richtung der Vereinzelung und Absonderung, welche im
deutschen Reiche sich überall und immer von neuem geltend macht. Daher
ergiebt sich denn auch die Betrachtung nach landschaftlichen Gruppen
als die einzige für die deutsche historische Litteratur anwendbare.
Aber wie überhaupt die Zeit der deutschen Karolinger sich aufs
genaueste den Zuständen des Frankenreichs anschließt, so finden
wir auch unter Ludwig und seinen Söhnen noch eine Fortsetzung der
alten Reichsannalen. Denn wenn auch die =Annalen von Fulda=[11] aus
einem Kloster hervorgegangen sind und diesen localen Ursprung nicht
verleugnen, so umfaßt doch auch ihr Gesichtskreis das ganze Reich,
und die Klostergeschichte erscheint ganz als Nebensache. Die Verfasser
müssen in naher Verbindung mit dem Hofe gestanden, unter dem Einfluß
desselben geschrieben haben, wenn sich auch kein Zeugniß dafür
beibringen läßt; sie zeigen sich außerordentlich gut unterrichtet
und beobachten auch als officielle Reichshistoriographen dieselben
Rücksichten, welche schon in den Fortsetzungen des Fredegar und in den
Lorscher Annalen wahrzunehmen sind. Uebrigens haben sie vortrefflich
geschrieben in jener schon an Karls Hofe festgestellten Weise;
dieselbe, in ruhiger Würde völlig objectiv gehaltene Darstellung, von
Jahr zu Jahr fortschreitend, mit der deutlichen Absicht, der Nachwelt
Kunde von den Ereignissen zu hinterlassen und zugleich ihr Urtheil
zu bestimmen. Nicht jedes Jahr ist daran geschrieben, aber doch immer
ziemlich bald nach den Ereignissen, und deshalb haben wir an ihnen eine
unschätzbare Quelle ersten Ranges, bei der wir nur die Absichtlichkeit
der Darstellung nicht außer Acht lassen dürfen. Die Form ist
anspruchslos, und doch muß man bei näherer Betrachtung die Kunst
anerkennen, welche dazu gehörte, in diesen wirren Zeiten alles im Auge
zu behalten, sich durch Nebensachen nicht abwenden zu lassen, und mit
knapper Beschränkung das Wichtigste übersichtlich zusammen zu stellen.
[11] _Annales Fuldenses_ ed. Pertz MG. SS. I, 337-415. Neue Ausg.
von Fr. Kurze. Hann. 1891, vgl. dessen Abh. NA. XVII, 83-158.
Uebersetzt von Rehdantz, Berl. 1852; 1889 (Geschichtschr. 23.
IX, 8). Spuren von Benutzung der Ann. Fuld. 769 bis 814 im Cod.
E der angelsächs. Chronik nachgewiesen von R. Pauli, GGA. 1866,
S. 1416. Zum Sprachgebrauch M. Manitius, NA. XI, 68. 73. Die
Fulder Fortsetzung der Laur. min. bis 817 ist oben S. 205 erwähnt,
die Ann. Fuldenses antiqui S. 150. Eine schon um 830 in Fulda
entstandene Compilation, welche im Anschluss an eine Vermuthung
von Waitz H. Lorenz wegen der Uebereinstimmung der Ann. Hersfeld,
mit Marianus Sc. annimmt, ist, wie G. Buchholtz, HZ. LXV, 141,
bemerkt, unwahrscheinlich, weil sich in d. Ann. Fuld. keine Spur
davon findet, und deshalb eher mit Kurze eine Arbeit des 10. Jh.
anzunehmen.
Ein allem Anschein nach fuldischer Mönch war es, der zuerst die Aufgabe
übernahm, die 829 abgebrochenen Königsannalen für Ludwigs Reich
weiter zu führen. Er besaß jedoch dieselben, wie es scheint, nicht
vollständig, sondern wie in der Wiener Handschrift 612 (hist. prof.
989, cod. 6 bei Pertz) nur von 771 an; dazu die Laurissenses minores
von 714 an und die Sithienses 741 bis 823. Gewiß war es wünschenswerth,
hieraus ein übersichtliches Handbuch zusammen zu stellen, und zu
diesem Zwecke empfahlen sich ihm vorzüglich die Sithienses durch ihre
knappe und nicht incorrecte Form: die für ihn nothwendige Aufgabe, die
alten Lorscher Annalen zugleich zusammen zu ziehen und ihrer rohen
Gestalt zu entkleiden, war hier bereits erfüllt; nur für den Anfang
hatte er es noch nachzuholen. Der übergroßen Kürze und Dürftigkeit
wurde durch Zusätze aus der kleinen Lorscher Frankenchronik, von
771 an überwiegend und bald ausschließlich aus den Reichsannalen
abgeholfen; diesen vertraut er sich nun ganz an, ohne doch bis 823
die Führung der Sithienses völlig zu verlassen. Als weitere Quellen
weist Kurze sowohl die von ihm construirte Chronik bis 796, wie die
nach Saint-Denis benannte Compilation bis 805 nach, der vielleicht
schon eine Fortsetzung sich anschloß; auch die Annales Bertiniani
zieht er heran. Aus der Translatio SS. Marcellini et Petri (826 und
828) ist einiges zugesetzt[12]; vorzüglich aber verfehlte er nicht,
die Hausgeschichte seines Klosters mit Hülfe der alten Annalen in die
Reichsgeschichte zu verflechten. Die wenig reichhaltige Fortsetzung bis
838 berührt jedoch nur die allgemeinen Angelegenheiten, aber von einer
Einwirkung des Hofes ist noch nichts zu spüren, ein eigenes Urtheil nur
leise angedeutet. Der Verfasser hatte wohl nur die Belehrung seiner
Klosterbrüder im Auge, und nachdem einmal die völlig ausgebildeten
Annalen vorlagen, mußte auch ohne einen äußeren Antrieb überall, wo man
eine Abschrift besaß, der Wunsch sich geltend machen, diese werthvolle
Quelle wichtiger Belehrung weiter zu führen. Für diese Zeit und in
einem Kloster von hervorragender Bedeutung war eine solche Arbeit auch
für Mönche nicht mehr zu schwierig.
[12] B. Simson bemerkt Ludw. d. Fr. II, 300 mit Recht, daß die
vorhandenen Anklänge an den sog. Astronomus nicht auf Benutzung
desselben beruhen können, weil er jünger ist.
Das Verhältniß zu den Annales Sithienses, wie es hier angenommen ist,
beruht auf dem von B. Simson gegebenen Nachweis, daß den Annales
Sithienses gerade alles dasjenige fehlt, was die Annales Fuldenses
wörtlich den Laurissenses minores entnommen haben, da doch unmöglich
angenommen werden kann, daß gerade alle diese Zusätze bei einem Auszuge
weggelassen wären; zugleich weist der Zusatz zu der Notiz über die
Rinderpest 810 auf einen Zeitgenossen im letzten Theile[13].
[13] Vgl. Waitz in Pertz Archiv VI, 739. Simson, Ueber die Ann. Enhardi
Fuld. und Ann. Sithienses, Jenaer Habilitationsschrift 1863.
Waitz, Gött. Nachr. 1864, N. 3. Simson, Forschungen IV, 575.
Waitz, Forsch. VI, 653. Nachr. 1873, S. 587-599. Simson, Ludw.
d. Fr. I, 400-404. Waitz, Forsch. XVIII, 354-361. Simson ib. S.
607-611. Bernays, Zur Kritik karol. Ann. S. 109 ff. Simson, Karl
d. Gr. I, 655. Holder-Egger NA. XIV, 206. Eine Anzahl abgerissener
Sätze ist wörtlich wiederholt in den Ann. Blandinienses.
Ich sehe mich hier leider wieder genöthigt, wie schon in den früheren
Ausgaben, von dem sonst immer so schwerwiegenden Urtheil von Waitz
abzuweichen, obgleich sich derselbe Forsch. XVIII, 354 ff. speciell
an mich gewandt hat, um mich von der entgegengesetzten Sachlage
zu überzeugen. Es war auch bei mir nicht etwa eine aus Simsons
Paralleldruck hervorgegangene „Täuschung des Auges“; ich hatte mir
vielmehr selbst den Text der Fulder Annalen für diesen ganzen Abschnitt
in seine Elemente zerlegt, und war dadurch zu demselben Resultate
gekommen, welches Simson gewonnen hat, und welches durch Is. Bernays
von neuem mit großer Schärfe begründet ist. Die Ueberspringung
so vieler sicher aus den Lauriss. min. entnommener Stellen in den
Sithienses scheint mir unleugbar, und mit der Annahme, daß diese
aus den Fuldenses excerpirt wären, unvereinbar. Die vorhandenen
Schwierigkeiten müssen deshalb auf andere Weise erklärt werden, wie
es in mehreren Fällen Bernays mit Erfolg versucht hat. Fr. Kurze,
welcher sich diesem Standpunkt durchaus angeschlossen hat, vermuthet
die Benutzung einer besseren und vielleicht etwas reichhaltigeren
Handschrift, welche auch weiter fortgesetzt sein konnte. Uebrigens ist
die ganze Frage sachlich ohne Bedeutung.
Die =Annales Sithienses= haben diesen Namen nur deshalb erhalten, weil
sie von Mone in einer Handschrift des Klosters Sithiu oder Saint-Bertin
entdeckt und daraus veröffentlicht sind[14]. Locale Beziehungen aber
fehlen durchaus. Sie beginnen mit Königsnamen von 548 bis 726; von
741 bis 823 liegen fortlaufende Reichsannalen vor, von welchen schon
Mone richtig bemerkte, daß sie anfangs zum Theil auf den Ann. Petav.
beruhen, übrigens aber durchgehende Verwandtschaft mit den Ann.
Lauriss. und Einhardi zeigen. Der Text schwankt zwischen beiden Texten.
Das aber, und der Anklang an verschiedene andere Quellen wird von Kurze
zurückgeführt auf die Benutzung der oft erwähnten Compilation bis 796.
Der Auszug ist nicht ohne Geschick gemacht, aber sehr dürftig, so daß
der Fulder Annalist, wie bereits erwähnt, aus anderen Quellen sich
reicheren Stoff verschaffte.
[14] Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit (1836) V, 5-11. Neue
Ausg. von Waitz SS. XIII, 34-38.
Ueber die kühnen Hypothesen Dünzelmanns glaube ich jetzt weggehen zu
dürfen, da seine Ansicht von einer Theilung der Annales Fuldenses in
einen schon um 793 verfaßten und einen späteren Theil widerlegt wird
durch die zweifellose Benutzung der Lauriss. min. und den von Waitz
geführten Beweis, daß diese erst um 806 verfaßt sind.
Ueber den Verfasser dieser Annalen nun werden wir belehrt durch eine
Randnote in dem um 900 geschriebenen Schlettstadter Codex zum Jahre
838: _hucusque Enhardus_. Daß hiermit kein anderer gemeint ist, als
der berühmte =Einhard=, können wir als sichergestellt betrachten; ein
Mönch Enhard ist weder in den Fulder Todtenannalen noch im Reichenauer
Nekrolog zu finden. Für seine Autorschaft hat sich nun in bestimmtester
Weise Kurze erklärt[15], indem er sich besonders darauf stützt, daß
zum Jahre 836 in das Itinerar des Kaisers die Angabe eingeschoben ist,
derselbe sei „ad sanctos Marcellinum et Petrum“ gekommen. Darum müßten
die Annalen in Seligenstadt geschrieben sein. Allein ich denke, der Ruf
dieser Heiligen und ihrer Wunderthaten müßte damals weit verbreitet und
auch in Fulda wohlbekannt gewesen, der Besuch des Kaisers auch da als
sehr denkwürdig erschienen sein. Deshalb erscheinen mir Pückerts (S.
158) Gegengründe gegen die Fulder Ueberlieferung doch überwiegend, die
Abfassung nur in Fulda selbst anzunehmen. Und daß derselbe Mann nun
auch noch die Ann. Sithienses für seine Genter Mönche verfaßt haben
sollte, damit scheint mir ihm wirklich zu viel zugemuthet zu werden.
Sieht man in ihm den Verfasser der großen Reichsannalen, so kann man
vollends diese annalistische Vielgeschäftigkeit nicht glaubhaft finden.
[15] NA. XVII, 133-138.
Von der Fortsetzung der Annalen war schon längst erkannt worden,
daß sie nicht aus dem Kloster Fulda herstammen können, obgleich der
Verfasser der ersten Fortsetzung (838-863) =Rudolf= uns als Mönch des
Klosters bekannt ist; wir werden noch auf ihn zurückkommen. Er ist
aber so sehr in die Denkweise, die Gesichtspunkte und Absichten des
Hofes eingeweiht, so gleichmäßig unterrichtet über die wichtigeren
Begebenheiten in allen Theilen des Reiches, daß ein näheres Verhältniß
zum König nicht zu verkennen ist; er stellt denselben stets in das
günstigste Licht, und zählt z. J. 858 sich selbst zu den „consiliorum
regis conscii“. Aber andererseits findet sich doch keine Spur eines
Aufenthaltes am Hofe, etwa der Zugehörigkeit zur Kanzlei, und wir
finden ihn auch später wieder im Kloster. Hatte nun schon Duchesne
bemerkt, daß Einige den Mainzer Ursprung dieser Annalen behaupten,
und in der That tritt die Beziehung zu Mainz oft sehr stark hervor, so
hat doch erst A. Rethfeld in seiner scharfsinnigen Abhandlung[16] die
richtige Lösung gefunden. Nachdem eine Urkunde vom 27. Jan. 849 (Mühlb.
1350), worin Rudolf vom König als sein Beichtvater, zugleich aber auch
als Vorsteher der Schule zu Fulda bezeichnet ist, schon längst als
unecht beseitigt war, zeigen uns die Urkunden des Klosters, daß Rudolf
in denselben zwar häufig vorkommt, aber nur bis 841. Unzweifelhaft,
dürfen wir wohl sagen, hat er in der Folgezeit sich lange auswärts
aufgehalten, und es ist höchst wahrscheinlich, daß Hraban 847 bei
seiner Erhebung zum Erzbischof ihn nach Mainz mit sich nahm. Aber für
die Zwischenzeit fehlt jeder Anhalt. Kurze hat jedoch auf den Bericht
der Annalen von dem Aufenthalt K. Ludwigs 838 in Frankfurt hingewiesen,
welcher schon auf eine vertrauliche Beziehung hindeutet: es scheint,
daß Rudolf selbst anwesend war, und schon damals nach der löblichen
Sitte der älteren Könige den Auftrag erhielt, Reichsannalen zu
schreiben. Durch seine gelehrte Bildung, einen lateinischen Stil, der
sich mit Einhard wohl vergleichen läßt, und eine besonnene und billige
Denkweise war er dazu besonders geeignet; möchten wir allerdings gern
sehr viel mehr von ihm erfahren, so darf man nicht vergessen, daß
seine Aufgabe eine knappe und übersichtliche Darstellung, verbunden
mit vorsichtiger Discretion erforderte. Setzte nun sein Aufenthalt
am erzbischöflichen und öftere Berührung mit dem königlichen Hofe ihn
in den Stand, vielerlei Nachrichten zu erfahren, so mag ihm doch oft
auch die Ruhe zur Ausarbeitung gefehlt haben, denn man brauchte seine
Feder auch für andere Aufgaben; nicht jedes Jahr schrieb er seine
Fortsetzung, und Kurze hat wahrscheinlich gemacht, daß er gerade, wenn
er sich einmal wieder in Fulda aufhielt, seine Notizen sorgfältig
ausgearbeitet hat, so 853, wo er die seit 849 gelassene Lücke
ausfüllte. Zuletzt 860 zog er sich, wohl durch seine Kränklichkeit
veranlaßt, ganz nach Fulda zurück.
[16] Ueber den Ursprung des 2., 3. u. 4. Theiles der sog. fuldischen
Annalen v. 838-887, Hall. Diss. 1886. Vgl. dazu Fr. Kurze, NA.
XVII, 138-146.
Vermuthlich von dem Fortsetzer rühren die Randnoten her, welche Enhard
und Rudolf als Verfasser der früheren Theile nennen; ihn selbst kennen
wir nicht, aber es ist höchst wahrscheinlich, daß es =Meginhard= war,
der auch Rudolfs anderes unvollendetes Werk vollendete und mit einer
gleichlautenden Randbemerkung versah. Die Gegengründe von Pertz sind
durch Rethfeld und Kurze widerlegt. Er schrieb ganz in derselben Weise
und in demselben Geiste, wie sein Vorgänger, wenn auch mit geringerer
Kunst des Ausdrucks, gleichmäßig die Reichsgeschichte nach allen
Richtungen verfolgend, auch nicht minder beflissen, die Könige in
günstigem Lichte erscheinen zu lassen. Einen merkwürdigen Gegensatz
bildet daher eine, wie es scheint, besondere Aufzeichnung, nicht das
Fragment eines größeren Werkes, über Ludwigs des Jüngeren Krieg gegen
die Söhne Ludwigs des Stammlers, welches Boehmer auf dem letzten Blatt
einer aus Augsburg stammenden Handschrift saec. IX. in München fand[17].
Daß Meginhard in Mainz seine Annalen geschrieben hat, ist vollkommen
klar; 869 erscheint er zuletzt in den Urkunden von Fulda; 870 wurde
der Erzbischof Liutbert Erzkaplan, und damals wird er Meginhard den
Auftrag gegeben haben, die Annalen, welche seit Rudolfs Tod liegen
geblieben waren, fortzusetzen. Er besorgte zu dem Zweck eine Abschrift
von Rudolfs Werk, worin drei Stellen geändert, die nach Rudolfs Tod
864 und 865 in Fulda gemachten Zusätze freier überarbeitet sind, und
verfaßte nun den Bericht, über die Zwischenzeit, welcher dürftig und
lückenhaft, auch nicht fehlerfrei ausgefallen ist; dann aber schrieb er
von Jahr zu Jahr und zeigt sich vollkommen gut unterrichtet. Liutberts
Persönlichkeit steht durchaus im Vordergrunde, allein als 882 Ludwig
der Jüngere starb, behielt Karl III seinen früheren Erzkaplan Liutward,
und Liutbert mußte zurücktreten; das Original der noch immer als
königlich betrachteten Reichsannalen wird abgegeben sein. Nun besorgte
sich Meginhard, von dem wir wohl als erwiesen ansehen können, daß auch
die weitere Fortsetzung von ihm ist, eine Abschrift, in welcher fünf
größere Stellen geändert sind (Red. II. bei Kurze), und schrieb weiter,
jetzt aber ohne alle höfische Rücksicht, mit scharfem Tadel des Königs
und seiner Räthe, vorzüglich Liutwards. Im Jahre 887 wurde dieser
gestürzt, aber auch Arnulf hatte schon seinen Erzkaplan, den Erzbischof
Theotmar von Salzburg, und Liutbert wurde wieder in den Hintergrund
gedrängt. Da ist die Mainzer Annalistik erlahmt; Meginhard selbst starb
888 und im folgenden Jahr auch Liutbert.
[17] Cod. lat. Monac. 3851. Gedr. MG. SS. III, 159.
Aber auch Karl blieb bei dem alten Herkommen, und auch er fand
einen Historiographen, der sich kein tadelndes Wort über den Kaiser
entschlüpfen läßt, und ihm schließlich seine Belohnung im Himmel
anweist. Auch die Absetzung des Kaisers wird von ihm noch mit loyalem
Unwillen berichtet, Arnulf jedoch mit großem Geschick geschont,
und von dem Augenblicke seiner Erhebung an tritt dieser in die
gebührende Stellung des rechtmäßigen Königs ein. Der Verfasser,
dem bei dem raschen Verfall der Schulen bereits alles Gefühl für
grammatische Correctheit abhanden gekommen ist, muß dem Hofe nahe
gestanden haben, seine Heimath aber scheint =Baiern= zu sein. Ueber
dieses Land sind seine Nachrichten ausführlich und genau, die Mährer
trifft sein leidenschaftlichster Haß. Ungeachtet der rohen Sprache,
der Mangelhaftigkeit der Darstellung, wird doch von ihm, und den
897 eintretenden Fortsetzern, so lange Arnulf lebt, die Würde der
Reichshistoriographie ungemindert aufrecht gehalten. Man versuchte
sogar auch unter dem Kinde Ludwig in alter Weise fortzufahren,
allein bei der rasch überhand nehmenden Zerrüttung verschwand auch
diese Erbschaft aus dem Reiche des großen Karl, und mit dem Jahre
901 erlischt die Fackel, welche bis dahin unserem Wege so treulich
leuchtete. Adam von Bremen hatte eine bis 911 reichende Handschrift,
führt jedoch aus dem letzten Theile nichts mehr an.
Dieser letzte Theil ist uns nur in einer aus dem Kloster Niederaltaich
stammenden Handschrift erhalten, welche von 897 ab Autograph zu
sein scheint. Hier hat merkwürdigerweise der ältere Theil eine
ganz besondere Beschaffenheit (Red. III), indem die ursprüngliche
Aufzeichnung Rudolfs, welche vielleicht nach Kurze's Vermuthung bei
einem Besuch des Klosters Fulda im August 897 dem Hofe bekannt geworden
war, mit der 2. Redaction verbunden ist, so daß wir an einigen Stellen
nur hieraus den alten Text erkennen können. Da diese Handschrift Pertz
noch unbekannt war, konnte mit Hülfe derselben Fr. Kurze seine Ausgabe
auf einer besser gesicherten Grundlage ausarbeiten.
§ 14. Fulda, Hersfeld, Mainz.
Kunstmann, Hrabanus Magnentius Maurus, Mainz 1841. Rettberg I,
370-374. 605-633.
Die litterarische Thätigkeit der Mönche zu Fulda beschränkte sich nicht
auf die Reichsannalen; sie ist umfangreich genug, um einen eigenen
Abschnitt in Anspruch zu nehmen, und die Bedeutung des Klosters für die
Anfänge gelehrter Bildung auf deutschem Boden ist so groß, daß wir auch
seiner Geschichte eine etwas umständlichere Betrachtung widmen müssen.
Die Gründung Fuldas wurde veranlaßt durch Bonifaz, welcher sich seine
Ruhestätte dort erwählte, und wohl auch noch bei Lebzeiten sich dahin
zurückgezogen hätte, wenn nicht schon früher die Märtyrerkrone ihm
zu Theil geworden wäre. In schmuckloser, aber ausführlicher Erzählung
wird uns mit anmuthiger Schlichtheit die Geschichte der ersten Gründung
berichtet in dem Leben des ersten Abtes =Sturmi=, der, von Geburt ein
Baier, schon als Jüngling Bonifaz übergeben, in Fritzlar von Wigbert
unterwiesen war, und nach dreijähriger Wirksamkeit als Pfarrer, von
der Sehnsucht nach dem klösterlichen Leben in der Einsamkeit ergriffen
wurde. Bereitwillig förderte Bonifaz sein Streben, und sandte ihn,
nachdem in Fulda die neue Stiftung begründet war, nach Italien, um an
der Quelle die rechte Einrichtung des Klosterlebens kennen zu lernen;
er hielt sich deshalb längere Zeit in Montecassino auf[1], welches
als des Abendlandes Mutterkloster von fränkischen Pilgern häufig
aufgesucht wurde. Unter königlichen und päbstlichen Schutz gestellt
und bald auch durch den Leib des hochverehrten Apostels der Deutschen
geheiligt, gewann das Kloster Fulda rasch eine kräftige Entwickelung
und nahm zu an Glanz und Reichthum. Sturm vertheidigte, nach manchen
Wechselfällen doch zuletzt mit glücklichem Erfolge, die Freiheit und
Unabhängigkeit des Stiftes gegen den Erzbischof Lull; sein Nachfolger
=Baugulf= (779-802) schmückte es mit Bauwerken, und erst jetzt begann
auch das wissenschaftliche Leben in seinen Mauern sich zu entwickeln,
obwohl es an einer Schule von Anfang an nicht gefehlt hatte. Alcuin
hat damals Fulda besucht, und Karls berühmtes Rundschreiben über die
Nothwendigkeit gelehrter Bildung für die Geistlichen ist uns gerade
in der an Baugulf gerichteten Ausfertigung erhalten; er ist es auch,
der Einhards glückliche Anlagen früh erkannte, und ihn deshalb an des
Königs Hof sandte. Die ältesten Fulder Annalen (oben S. 150) beginnen
mit angelsächsischen Namen und in ihren Handschriften begegnen uns die
Schriftzüge der Angelsachsen; es kann nicht ohne günstigen Einfluß
geblieben sein, daß diese höher gebildeten Mönche gerne bei den
Reliquien ihres gefeiertsten Landsmanns weilten, und auch gelehrte
Schotten fanden sich schon bald, des alten Gegensatzes ihrer Kirche
vergessend, an Winfrids Grabe ein, wie Probus, der Freund des Lupus und
Walahfrids. Baugulfs Nachfolger =Ratgar= (802-817) sandte die fähigsten
Mönche seines Stiftes zu den berühmtesten Lehrern der Zeit, Hraban und
Hatto nach Tours zu Alcuin, Brun zu Einhard, Modestus nebst mehreren
anderen zu dem Schotten Clemens[2]. Vielleicht schon dieser Zeit gehört
der =Johannes Fuldensis didasculus= an, welcher in ungeschickten Versen
als grämlicher Alter gegen den Heiden Vergil eiferte und dagegen des
Arator christliches Gedicht pries[3].
[1] Ruodolfi V. Liobae c. 10. Libellus supplex § 10.
[2] Catalogus abbatum in Böhmers Fontes III, 162; MG. SS. XIII, 272.
Clemens wird als Lehrer an Ludwigs des Frommen Hofe erwähnt, er
widmete in recht guten Versen dem jungen Lothar ein grammatisches
Werk, Grammatici Lat. ed. Keil I p. XXI; cf. Dümmler, Ostfr. II,
649, Hauréau, Singularités p. 23. Keil, de grammaticis quibusdam
latinis inf. aet. (Erlanger Univ.-Progr. 1868), p. 9-17. Dümmler,
NA. IV, 258; Poet. Lat. II, 670.
[3] MG. Poet. Lat. I, 392. Trithemius nennt als Schüler Hrabans
(Vita I, cap. 3): „Joannes monachus Fuldensis, patria Francus
orientalis, poeta et musicus insignis; qui et plura scripsit
et cantum ecclesiasticum primus apud Germanos varia modulatione
composuit.“ Angef. v. Gerbert, De cantu et musica sacra I, 282.
Leider eine ganz unzuverlässige Quelle. -- Caspar Barth, Advers.
l. XXXII, c. 12, col. 1486, führt die Verse an: „Felicitatis
regula Hac fine semper constitit“ von einem Fulder Mönch
=Erinfrid= „a. 806 ut vita ejus testatur“. Die Hs. „e bibl.
Martispurg.“ enthielt „alia talia“ u. Briefe. Leider habe ich
keine weitere Spur davon finden können.
Es zeigt sich uns hier der Gegensatz, in welche die der Geistlichkeit
zu ausschließlicher Pflege überwiesene Gelehrsamkeit zu dem
ursprünglichen Zweck des Klosterlebens trat, und nicht minder litt die
stille Beschaulichkeit desselben durch den fürstlichen Hofhalt, den
Fremdenverkehr, die Unruhe und den Lärm der Bauten. Ratgar warf man
ungemessene Baulust, Härte und Hoffart vor; heftige innere Zerwürfnisse
waren die Folge[4], und der Frieden kehrte erst wieder, als 817 Ratgar
abgesetzt wurde. Es war das Jahr, in welchem der Kaiser sich ernstlich
der Reform der Klöster annahm und auf der Aachener Versammlung die
Kapitel verordnete, welche lange Zeit fast gleiches Ansehen mit der
Regel selber genossen. Zwei westfränkische Mönche, Aaron und Adalfrid,
führten diese Reform auch in Fulda ein; als sie sich hinlänglich
befestigt hatte, erlaubte der Kaiser eine neue Wahl, und =Eigil=
übernahm die Leitung des Stiftes. Dieser, den wir aus Einhards Briefen
als dessen Freund kennen lernen, war noch ein Schüler Sturms; ein
Baier, wie er, und sein Verwandter, war er schon als Kind nach Fulda
gebracht und der Klosterschule übergeben: über 20 Jahre hatte er
unter Sturms Zucht gelebt, und in dankbarer Erinnerung schrieb er das
Leben seines Meisters[5], auf Bitten der Angildruth, vielleicht einer
Nonne von Bischofsheim, dem ebenfalls von Bonifaz gestifteten großen
Nonnenkloster. Die Sprache Eigils ist nicht frei von Germanismen, sie
trägt noch den Stempel der älteren, vor Alcuins Wirksamkeit liegenden
Zeit. Doch verletzt sie nicht mehr durch die groben Fehler der
merowingischen Zeit, und reichlich entschädigt für die Mängel des Stils
der einfach fromme Sinn des Mannes, seine ansprechende und ungesuchte
Erzählung dieser Begebenheiten, welche er theils noch selbst erlebt,
theils aus dem Munde der älteren Brüder und seines Meisters erfahren
hatte. Nach seiner Anordnung wurde diese Legende jährlich an Sturms
Gedenktage (17. Dec.) während der Mahlzeit den Mönchen vorgelesen.
[4] _Libellus supplex Monachorum Fuldensium, Carolo Magno Imperatori
porrectus._ Broweri Antt. Fuld. p. 212. Schannat, Cod. Probb.
p. 84. Mab. IV, I, 260-262. Vgl. über diese Vorgänge B. Simson,
Lud. d. Fr. I, 371 bis 374. Die S. 373 Anm. 9 angef. Stelle
des Libellus kann ich aber nur darauf beziehen, daß keine
Acte weltlicher Gerichtsbarkeit und kein Marktverkehr auf dem
Klosterplatz stattfinden sollen. Die Worte des Cod. Fuld. Ann.
Lauriss. min. a. 807: ‚Aufugiunt pueri puerorum et pessime custos
Consiliis pravis‘ sind, wie Simson bemerkt, vielleicht aus einem
verlorenen Gedicht.
[5] _Vita S. Sturmi_ ed. Pertz MG. SS. II, 365-377. Bei Migne CV,
421-444 nach Mabillon. Uebersetzt von W. Arndt mit dem Leben
des heiligen Bonifatius; von K. Schwartz mit beachtenswerthen
Erläuterungen in 2 Fulder Programmen, 1856 und 1858. Ebert II,
104-106. Die vermißte Bamberger Hs. ist in Würzburg, Arch. VII,
109.
Das Leben des zweiten Abtes =Baugulf= schrieb, durch Eigil veranlaßt,
=Bruun=, mit dem Beinamen =Candidus=, wohl derselbe, den Ratgar zu
Einhard gesandt hatte, noch in seiner ersten, guten Zeit, als er erst
kürzlich in wunderbarer Einigkeit von den Brüdern zum Abt erwählt war,
wie Bruun berichtet. Leider ist dieses Leben Baugulfs verloren[6];
erhalten aber ist uns das =Leben Eigils=[7], von demselben Verfasser
auf Hrabans Veranlassung geschrieben, als dieser noch Abt war, also
vor 842. Der Verfasser war schon hochbetagt, 845 ist er gestorben.
Er befand sich auf einer einsamen Pfarre, und Hraban hatte ihn
ermahnt, sich im Lesen zu üben und etwas Nützliches zu schreiben.
Die Lebensbeschreibung ist nicht ohne Geschick verfaßt, und wenn
auch nicht fehlerfrei, lässt sie doch in der anspruchsvolleren Form
den Schüler Einhards wohl erkennen. Besonders gelungen ist die sehr
lebensvolle Schilderung der Bewegung, welche die Abtswahl im Kloster
hervorruft; die Ansichten und Aeußerungen der verschiedenen Wortführer
werden in der gewöhnlichen Umgangsprache wiedergegeben, und ein Kampf
der Meinungen und Wünsche, wie er sich ohne große Veränderungen noch
heutiges Tages bei solcher Gelegenheit beobachten läßt, stellt sich
uns mit großer Lebendigkeit dar. Darauf versucht sich der Verfasser
in langen Reden, die man nun einmal nach dem Vorbilde des Alterthums
als nothwendig betrachtete, wenn man schön schreiben wollte, Reden des
Kaisers und des Erzbischofs von Mainz, in denen Bruun die Betrachtungen
niedergelegt hat, zu welchen ihn Ratgars Amtsführung und die dadurch
hervorgerufenen Wirren veranlaßten. Zu Grunde gelegt sind hier nach
Eberts Ansicht wirkliche Ansprachen des Kaisers. Der Verfasser sagt
es im Vorwort, und auch, daß er sie so, wie sie gehalten wurden, doch
nicht wiederzugeben vermöge. Vollkommen zutreffend hat aber dagegen
Waitz bemerkt, daß eine solche Rede voll gelehrter Citate der Kaiser
nicht halten konnte, daß ferner Bruun nicht zugegen und Jahrzehnte
seitdem vergangen waren. Den Hauptinhalt dessen, was er dann von Eigils
eigener Thätigkeit berichtet, bilden wiederum dessen Bauten, namentlich
die noch jetzt stehende achteckige Rotunde, die uns wieder an die
Freundschaft mit Einhard erinnert; Bruun, Einhards Schüler, nahm selbst
an diesen Arbeiten Theil: die Apsis über dem Grabe des h. Bonifaz hatte
seine Hand mit Gemälden geschmückt.
[6] Waitz bezweifelt, ob es überhaupt vollendet war. Vgl. O. Cl. Th.
Richter: Wizo u. Bruun, 2 Gelehrte im Zeitalter Karls d. Gr. und
die ihren gemeinsamen Namen Candidus tragenden Schriften, Progr.
d. Leipz. städt. Realgymn. 1890.
[7] _Vita Eigilis_, Broweri Sidera Germaniae, Schannat, Cod. Probb.
88 bis 114. Daraus Mab. IV, 1, 217-246; Migne CV, 381-422. Waitz
(nur die Prosa) SS. XV, 221-233, aber auch ohne handschriftliche
Hülfsmittel. Uebers. v. Grandaur 1888, Geschichtschr. 25 (IX,
10). Ebert II, 330. In der Würzb. Bibliothek ist eine von Bruun
geschriebene Regula S. Benedicti, Forsch. VI, 119.
Der prosaischen Biographie schließt sich eine zweite in Hexametern
an, welche früher geschrieben zu sein scheint[8]; der Inhalt ist
fast ganz derselbe, und die Form giebt ein neues Zeugniß von der im
früheren Mittelalter so sehr verbreiteten Fertigkeit in dieser Kunst,
deren wir schon bei Karls Zeitgenossen häufig zu gedenken hatten. In
jeder Schule bildete die Hebung im Versemachen einen stehenden Theil
des Unterrichts, und dadurch entstand die Vorliebe für die poetische
Einkleidung, die so oft dem inneren Gehalte nachtheilig geworden ist.
[8] Auch bei Dümmler, Poet. Lat. II, 94-117.
Zugeeignet hat Candidus oder Bruun sein Werk dem =Modestus=, oder mit
deutschem Namen Reccheo, der die Unthaten des Ratgar, des Einhorns,
welches in die fromme Herde eingebrochen war, durch beigefügte
Zeichnungen noch anschaulicher machte; leider ist die Handschrift
verloren und wir kennen nur die Abbildungen in Brauers sehr
dankenswerthem Buch[9].
[9] Daraus wiederholt bei Jul. v. Schlosser: Eine Fulder Miniat. Hs.
d. Hofbibl. Jahrb. d. kunsthist. Sammlungen d. A. H. Kaiserh.
XIII. mit Studien über die Fulder Kunstschule.
Am 15. Juni 822 starb Eigil; ihm folgte sein Freund =Hraban=, der bis
dahin der Klosterschule vorgestanden hatte, einer der größten Gelehrten
seiner Zeit[10], dessen Ruhm sich schon durch das ganze Frankenreich
verbreitet hatte. Man bewunderte namentlich auch seine Verse, obgleich
sie gegen diejenigen mancher Zeitgenossen sehr zurückstehen, arm an
Inhalt sind, und voll von grammatischen und metrischen Fehlern, wie man
sie bei ihm nicht erwarten sollte, voll auch von Plagiaten, die er u.
a. auch an seinem Lehrer Alcuin verübt hat. Er war ein Schüler Alcuins;
Ratgar hatte ihn, wie oben erwähnt, nach Tours gesandt, nachdem er
im Jahre 801 zum Diaconus geweiht war[11]; und kurze Zeit genügte,
um ein warmes Freundschaftsband zwischen ihm und dem allverehrten
Lehrer zu knüpfen. Alcuin nannte ihn Maurus nach dem Lieblingsjünger
des heiligen Benedict, und nach seiner Heimkehr schrieb er ihm einen
Brief, in welchem er erwähnt, dass er einst (olim) eine Schrift unter
seinem und seines Mitschülers Samuel Namen verfaßt habe[12]: sehr bald
darauf (19. Mai 804) muß Alcuin gestorben sein. Mit Hatto, seinem
Nachfolger als Abt, damals seinem Mitschüler in Tours, noch erfüllt
von Verehrung gegen Alcuin, der auf dem Widmungsbild für den h. Martin
segnend neben ihm steht, verfaßte Hraban in seinem dreißigsten Jahr
sein Werk zum Preise des h. Kreuzes, dessen versbildliche Spielereien
im Mittelalter viel bewundert wurden. In Prachthandschriften schickte
er es dem Pabste, Erzbischof Otgar u. a. und es haben sich deren
mehrere erhalten[13]. Als Alcuin ihm zuletzt schrieb, stand Hraban
bereits der Klosterschule in Fulda vor, welche nun eine Pflanzstätte
gelehrter Bildung für ganz Deutschland wurde, denn ungestört durch
die Bedenklichkeiten seines alternden Lehrers erklärt Hraban in seiner
Schrift _de institutione clericorum_ auch das Studium der heidnischen
Autoren für unentbehrlich zum Verständniß der heiligen Schrift; bei
Lupus und in den Annalen von Fulda findet sich nach Vogel zuerst wieder
nach langer Zeit Bekanntschaft mit den Schriften Sallusts, welche jetzt
einen rasch wachsenden Einfluß auf den Stil gewannen[14]. Auch durch
die Ungunst der Zeiten unter Ratgar wurde die Schule nur theilweise
in ihrer segensreichen Wirksamkeit gehemmt. Fuldische Mönche finden
wir bald in den angesehensten Stellungen; so wurde Baturich (817-848)
Bischof von Regensburg und Erzcaplan, Haimo (840-853) Bischof von
Halberstadt; Hrabans Schüler war Otfrid, der Mönch von Weißenburg,
mit seinen Gefährten Werinbert und Hartmut aus St. Gallen[15]. Einhard
sandte ihm den Vussinus, den er seinen Sohn nennt, doch vielleicht
nur in kirchlichem Sinn; Alderich, Abt von Ferrières, später (829-841)
Erzbischof von Sens[16], den =Lupus=, der später als Abt von Ferrières
im Sprengel von Sens einen großen Namen gewann, und von dem eine
Briefsammlung[17] voll reicher Belehrung sich erhalten hat; auf seine
Bitte schrieb Hraban ein _Collectarium in epistolas Pauli_. Auch
Frechulf von Lisieux war mit Hraban befreundet, doch vermuthlich schon
seit seiner Lehrzeit in Tours (oben S. 217). Ermanrich von Ellwangen
übersandte seinem Lehrer Rudolf, der Hraban zur Seite stand, das von
ihm verfaßte Leben des heiligen Solus. Vor allem aber glänzt unter
Hrabans Schülern Walahfrid, der Abt von Reichenau, der bald selbst
das Haupt einer neuen Schule wurde. Auch Bernhard, der unglückliche
König von Italien, war ihm zur Erziehung übersandt worden. Nicht zu
den unbedeutendsten Schülern des Hraban gehört endlich auch der Mann,
der ihm und der ganzen Reichsgeistlichkeit in der Folge so viel zu
schaffen machte, der Mönch Godschalk, der ungeachtet seines Standes
den Muth hatte, eine unabhängige Ueberzeugung auszusprechen und zu
verfechten[18].
[10] Kunstmann I. l. Wackernagels Litteraturgeschichte S. 52. Bach,
Hrabanus Maurus der Schöpfer deutschen Schulwesens, Zimmermanns
Zeitschrift für Alt. II, 636. Ebert II, 120-146. Hauck II, 562
ff. Will, Regesten d. Mainzer Erzbb. I, p. XIX-XXIV. Opera ed.
Colvener. 1627. Migne CVII-CXII. Seine Gedichte, unter denen
manche von geschichtlicher Bedeutung, gab Chr. Brower 1617 als
Anhang zum Venantius Fortunatus; daraus schöpften die Späteren;
jetzt Poet. Lat. II, 154-258. Vgl. NA. IV, 286-294. 581. Dümmler,
Ostfr. I, 315-320. 404-410. Allg. D. Biogr. XXVII, 66-74.
Derselbe über eine verschollene =Fuld. Briefsammlung= des neunten
Jahrhunderts, Forsch. V, 369-395 (Nachtr. XXIV, 421-425), eine
Sammlung der von den Magd. Centuriatoren erhaltenen Fragmente
einer wichtigen Fuldischen Briefsammlung von c. 818 bis 870. S.
auch oben S. 219 über Vegetius. -- Ueber die von Koeberlin bekannt
gemachte Würzb. Hs. seines Comm. zum Matthaeus s. L. Traube, NA.
XVII, 458. Ueber seine Briefe an Hinkmar Schepss, NA. XI, 130.
[11] Dieses Datum der Ann. Laur. min. in der Fulder Handschrift stimmt
gut zu seiner Absendung durch Ratgar, denn daß dieser schon 802
Abt wurde, müssen wir doch wohl den Ann. Fuld. und ant. Fuld.
glauben, und also in den Urkunden bei Dronke S. 100. 101 vom 1.
und 5. Mai 803, welche noch Baugulf nennen, einen Fehler annehmen;
sie sind aus dem Elsaß, wo man vielleicht den Wechsel noch nicht
erfahren hatte. Ebert glaubt annehmen zu müssen, daß er schon
vorher lange Zeit bei Alcuin gewesen sei.
[12] Daß dieser Brief an Hraban gerichtet sei, beruht freilich auf
Vermuthung, s. Bibl. VI, 876. Sicher an ihn ist gerichtet der
Brief Frob. 111, Bibl. VI, 801, mit Jaffé's Anmerkung. Samuel
wird, was Dümmler jetzt selbst vorzieht, der unter diesem Namen
vorkommende Erzbischof Beornrad von Sens ein. Hraban richtet
(Poet. Lat. II, 188) mehrere Gedichte an den Presb. Samuel, seinen
sodalis. Das mag der Abt von Lorsch, 841 Bischof von Worms sein,
der, wie Pf. Falk bemerkt, im Chron. Lauresh. „a puero ibidem
educatus“ heißt, und ohne Grund für Fulda in Anspruch genommen
ist. Er starb nicht 859, wie Schannat nach den Urkunden Reg. Kar.
773, 774, 777 annahm, aber die Urkk. sind unecht, s. Sickel,
Wiener SB. XXXVI, 396. Das Chron. Lauresh. hat 855, Ann. Fuld.
steht die Notiz am Rande bei 856 am Ende des Jahres, Ann. necrol.
cod. 2 (SS. XIII, 177) 856. Als Todestag wird der 6. u. 7. Feb.
bezeichnet.
[13] S. die oben angef. Abh. von J. v. Schlosser, mit schönen
Abbildungen. Er hält Hatto für den ausschmückenden Künstler.
[14] Fr. Vogel, Acta sem. Erlang. II, 416. Manitius, NA. VII, 197,
sucht auch bei Einhard die Bekanntschaft nachzuweisen.
[15] Von den beiden letzteren ist es freilich zweifelhaft, ob sie auch
in Fulda waren. Otfrid bezeichnet als seinen Lehrer, vielleicht
in Fulda, auch Salomon I von Constanz, s. Dümmler, Formelbuch
Salomons III, S. 138. Vgl. auch Meyer v. Knonau, Die Beziehungen
O.'s zu St. Gallen, Forsch. XIX, 187-191.
[16] Er war Lehrer der Hofschule unter Ludwig dem Frommen nach seiner
Vita, Mab. IV, 1, 568-575. Acta SS. Jun. I, 753-758. Vgl. oben S.
154 und Sickel, Acta Kar. I, 84.
[17] Servati Lupi Opera ed. Baluzius, Par. 1664, Antv. 1710. Lettres
de Servat Loup. Texte, notes et introd. par Desdevises du Dezert,
Paris 1888 (Bibl. de l'École des hautes ét. T. 77). Er verfaßte
836 auf den Wunsch des Abts Bun von Hersfeld die _Vita Wigberti_
(s. unten). Ferner 839 auf Bitten des Abts Waldo (wahrsch. von
Schwarzach im Straßb. Sprengel, der 861 entsetzt wurde, 869 als
Abt von St. Maximin vorkommt) die _Vita S. Maximini_. Er war
Jugendfreund des Abts Hilduin von Saint-Denis, ep. 97 (über
dessen V. Dionysii s. Ebert II, 348). Nach der Rückkehr aus
Deutschland wurde er 837 Sept. 22 durch die Kaiserin Judith dem
Kaiser vorgestellt, 842 erhielt er nach Odo's Absetzung die Abtei
Ferrières und ist nach 861 gestorben. Nach ep. 93 hat er K. Karl
_Imperatorum gesta brevissime comprehensa_ überreicht, wobei er
vorzüglich auf Trajan und Theodosius hinweist. Vgl. Dümmler, NA.
IV, 314. Ebert II, 203-209. Sprotte, Biographie des S. L. Regensb.
1880. Ueber die Vermuthung Langens, der ihm den Ps. Isidor
zuschreibt, s. NA. VIII, 412. Ueber seine philologischen Studien
L. Traube, Münch. SB. 1891, S. 389 ff. Sein und Haimons Schüler
war Herich von Auxerre.
[18] S. über ihn Dümmler, Ostfr. I, 327-336. 405-409. NA. IV, 320.
Ebert II, 166-169.
Wie glückliche Erfolge für das eigene Kloster Hrabans Wirksamkeit
hatte, haben wir schon an den Verfassern der Annalen gesehen. Unter
seinen eigenen Werken sind keine geschichtliche, wenn man nicht
etwa das schon früher erwähnte _Martyrologium_ so bezeichnen will;
wohl aber enthalten seine Vorreden, Widmungen[19] und Gedichte viele
schätzbare Nachrichten über sein Kloster und über seine mitstrebenden
Zeitgenossen, und mehrere seiner Schriften stehen in Verbindung mit den
Zerwürfnissen der kaiserlichen Familie. Nach Eigil wurde er Abt des
Stifts; da er aber dem Kaiser Ludwig treu ergeben, Lothar befreundet
war[20], verließ er 842 sein Kloster, wo statt seiner Hatto, genannt
Bonosus, einst sein Mitschüler in Tours, erwählt wurde, und widmete
sich nun ungestört seinen wissenschaftlichen Arbeiten, die ihm ohnehin
mehr zusagten. Mit den Fuldern blieb er in freundschaftlichem Verkehr,
und söhnte sich bald auch mit König Ludwig aus, der ihn gegen seine
Neigung nach Otgars Tod zum Erzbischof von Mainz (847-856) erhob. Wie
diese Beförderung den Reichsannalen zugute gekommen ist, haben wir oben
schon gesehen.
[19] Ein Bericht von ihm über die am 1. Nov. 819 vollzogene Einweihung
der Fulder Kirche steht in Broweri Antiq. Fuld. p. 110-112; vgl.
NA. IV, 260, 290.
[20] Ihm widmete er sein Werk über Jeremias; ein auf Anordnung des
Abts Majolus von Cluni geschriebenes Exemplar ist im Brit. Mus.
Add. 22,820, nach Zangemeister, Wiener SB. LXXXIV, 530. Catal. p.
739. Facs. in Libri's Mon. inédits pl. XVI. Verse an die Kaiserin
Irmingard vor dem Commentar zu Judith u. Esther u. Begleitbrief
des letzteren e cod. Darmst. 749, Poet. Lat. II, 167. Lothar II
widmete er ein Gegenstück gegen die 'Coena Cypriani' zur Uebung
für Schulzwecke, wo alle Anspielungen auf den Kreis der h. Schrift
beschränkt sind, ed. H. Hagen 1884 in Hilgenfelds Zts. f. wiss.
Theol. XXVII, 164-187; vgl. NA. IX, 657. Auch der Verf. der Visio
Caroli (oben S. 188) beruft sich auf eine Mittheilung Hrabans.
In hohem Grade theilte Hraban das eifrige Streben der deutschen
Geistlichkeit, den an solchen Schätzen noch armen Boden dieses
Landes mit Gebeinen der Heiligen zu bereichern; die italienischen
Reliquienkrämer hatten an ihm ihren besten Kunden. Seit alter Zeit
bewahrte Fulda den Leib der heiligen =Lioba= oder =Leobgyth=; diesen
ließ Hraban nach dem Petersberge bringen, und veranlaßte schon
vorher =Rudolf=, ihr Leben zu beschreiben[21]. Ihm standen dazu die
Aufzeichnungen des fünf Jahre vorher (831) verstorbenen Priesters
Mago zu Gebote, welche die Erzählungen von Schülerinnen der Heiligen
enthielten. Anderes hatte sich noch in mündlicher Tradition erhalten.
Leobgyth war eine Verwandte des Bonifaz, und von ihm aus England
berufen, um in dem Kloster Bischofsheim (oben S. 137) einen Mittelpunkt
geistlicher Belehrung für Nonnen zu errichten; auch ihnen waren die
lateinische Sprache und mancherlei andere Kenntnisse unentbehrlich
zum Verständniß der heiligen Schriften und des Gottesdienstes. Rudolfs
Nachrichten geben daher eine erwünschte Ergänzung für die Kenntniß von
der Wirksamkeit des Bonifaz; später war Leobgyth auch mit der Königin
Hildegard befreundet. Diese Nachrichten sind nun verbunden mit einer
Fülle von Wundergeschichten; so wenig in Rudolfs Annalen der kirchliche
Standpunkt hervortritt, so sehr zeigt er sich hier von der die Zeit
beherrschenden Richtung erfüllt. In noch höherem Grade tritt das
hervor in seiner Schrift über die Wunder der unter Hraban nach Fulda
gebrachten Reliquien[22], welche auch einige geschichtliche Nachrichten
enthält, übrigens aber eine Fülle jener sich immer und überall in
ermüdendster Eintönigkeit wiederholenden Wundergeschichten, welche nur
durch die Namen der Personen und Ortschaften und gelegentliche Angaben
über Sitten und Gebräuche der Zeit einigen Werth erhalten. Die Zeit
der berichteten Geschichten fällt in die Jahre 835 bis 838; geschrieben
ist das Buch zwischen 842 und 847, als Hraban in seiner Zelle auf dem
Petersberge lebte; vielleicht jedoch etwas später, da die Schilderung
von Hrabans litterarischer Thätigkeit daselbst im letzten Capitel im
Praeteritum gehalten ist, und der letzte Schluß fehlt.
[21] _Rudolfi Vita S. Leobae_, ed. Waitz, SS. XV, 118-131. Sie starb
nach dem Necrol. Fuld. (SS. XIII, 167) am 23. Sept. 780, nach d.
Vita am 28. Sept. u. wird urkundlich noch 782 als lebend erwähnt.
Im Auszug übersetzt von W. Arndt hinter der V. Bonifatii. Zell,
Lioba u. die frommen angels. Frauen, Freib. 1860. Hahn, Bonifaz
u. Lull, S. 131 ff.
[22] Schannat, Cod. Probb. p. 117-132 aus Browers Antiquitates
Fuldenses, der einzigen Originalausgabe, da die Handschrift
verloren ist. Unter dem falschen Titel _V. Rabani_ auch bei Mab.
IV, 2, 1. Acta SS. Feb. I, 500. SS. XV, 328-341, von Waitz, als
_Miracula Sanctorum in Fuldenses ecclesias translatorum_.
Dieses Werk Rudolfs war es wohl, welches Waltbraht, den Enkel
Widukinds, der im Jahre 851 den Leib des h. =Alexander= von Rom nach
Wildeshausen brachte, zu dem Wunsche und der Bitte veranlaßte, daß
Rudolf auch diesen Gebeinen eine ähnliche Schrift widmen möchte[23].
Aber erst, als er im Alter sich wieder in sein Kloster zurückzog,
kam er zur Ausführung. Die Art, wie er diese Aufgabe erfaßte, zeigt
seinen geschichtlichen Sinn; erfüllt davon, daß hauptsächlich diese
Uebertragungen von Reliquien das Christenthum unter den Sachsen
ausbreiteten und befestigten, ging er zurück auf die alte Heidenzeit,
um zu zeigen, von welchen Irrthümern das Volk durch die Einführung
des Christenthums befreit sei. Er begann mit einem kurzen Abriß der
Stammsage, die Widukind von Corvey ausführlicher erhalten hat; dann
aber entlehnt er die näheren Angaben über Glauben und Sitten der
Sachsen aus der Germania des Tacitus[24]. Das ist ein guter Beweis
für die gelehrten Studien der Fuldischen Klosterschule; zugleich aber
ist es auch charakteristisch für Rudolf nicht allein, sondern für die
mittelalterlichen Gelehrten überhaupt, daß er in Fulda, wo doch noch
kürzlich das Hildebrandslied aufgeschrieben war, über das sächsische
Heidenthum nichts aus eigener Kunde und Beobachtung mittheilt, sondern
sich genau an die Worte des Tacitus hält.
[23] _Translatio S. Alexandri_ ed. Pertz, SS. II, 673-681. Uebers. von
Richter, 1856, 2. Ausg. 1889 (Geschichtschr. 21. IX, 6). Vgl. dazu
R. Wilmans, Kaiserurkunden der Prov. Westf. I, 388 ff. Ohne Grund
verdächtigt von Wetzel: Die Tr. Al. Kiel 1881, aber mit einem
wichtigen Nachtrag zum Text; vgl. NA. VII, 228 u. Waitz, GGA.
1831, Juni. -- Ein Brevier saec. XV. viell. aus Wildeshausen, NA.
XV, 208.
[24] Die einzige nachweisbare Benutzung derselben im Mittelalter, nach
Waitz, Forsch. X, 602.
Rudolf fügte noch eine kurze Uebersicht der Bezwingung der Sachsen
durch Karl den Großen nach Einhard hinzu; dann rief ihn der Tod am 8.
März 865 ab von dem wohlangelegten Werke. In den Annalen ist ihm ein
kurzer Nachruf gewidmet, wo er als Historiker und Dichter gefeiert
wird, und man vermuthet, daß auch der Maler Rudolf, dessen Werk Hraban
in einem Epigramm rühmt, kein anderer gewesen ist. Die Fortsetzung
des begonnenen Werkes übernahm sein Schüler =Meginhard=. Die Taufe
Widukinds, mit der Rudolfs Erzählung abbricht, gab diesem den Uebergang
auf dessen Enkel Waltbraht, der, an Lothars Hofe erzogen, sich mit
vollem Eifer dem Christenthume zuwandte, und um das Christenthum in
Sachsen besser zu befestigen, auszog, um aus Rom Reliquien zu holen.
Die Empfehlungsbriefe, welche ihm Kaiser Lothar mitgab, hat Meginhard
vollständig aufgenommen, hält sich dann aber bei den Vorfällen der
Reise nicht lange auf, sondern geht bald zu seinem eigentlichen
Gegenstande, den Wundern, über. Eine zweite Schrift ähnlicher Art,
über den heiligen =Ferrutius= und dessen Uebertragung von Castel nach
Bleidenstadt, nördlich von Wiesbaden, durch den Erzbischof Lull[25],
ist eine Predigt und hat deshalb einen ganz überwiegend erbaulichen
Charakter; eine große Fülle von Phrasen verdeckt den Mangel an
geschichtlichem Inhalt, der nur aus den Inschriften von Bleidenstadt
stammt.
[25] _Sermo de S. Ferrutio_, bei Surius zum 28. October, Acta SS. Oct.
XII. 538-542. Exc. ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 148-150. Vgl.
C. Will, Mon. Blidenstat. Innsbr. 1874, 4. Dümmler, Poet. Lat. I,
431. II, 225.
Meginhard, der sich in der Widmung einer theologischen Abhandlung
an den Erzbischof Gunther von Coeln als Schulmeister bezeichnet[26],
ist, wie wir schon oben sahen, ohne Zweifel auch der Fortsetzer der
Reichsannalen gewesen. Nur aus diesen sehen wir, daß die litterarische
Thätigkeit in diesem Kloster noch nicht ganz erstarb. Nur aus
dem Anfange des folgenden Jahrhunderts haben wir noch eine kurze
=Geschichte der Aebte von Fulda=[27], einen sehr kurzen und gedrängten,
aber recht hübsch geschriebenen Bericht, der jedoch nur mit Vorsicht
zu benutzen ist, da er durchaus panegyrischer Natur und keineswegs
geschichtlich wahrhaftig ist. Der Abt Huoggi (891-915) erlangte von
Kaiser Arnulf die berühmte, noch jetzt erhaltene Evangelienhandschrift,
deren Randglossen Bonifatius zugeschrieben werden[28]. Sonst aber
ist von litterarischer Thätigkeit in diesem Kloster nichts auf uns
gekommen. Es hat jedoch schon Waitz[29] erkannt, daß den Hersfelder
Annalen bis in die Mitte des neunten Jahrhunderts eine in Fulda
verfaßte Compilation zu Grunde liegt, welche aus den ältesten Lorscher
Annalen, der kleinen Frankenchronik (Lauriss. min.) und einheimischen
Aufzeichnungen zusammengesetzt war, und auch von Marianus Scotus
benutzt wurde. H. Lorenz hat das weiter ausgeführt und glaubte
das Endjahr zwischen 830 und 840 ansetzen zu können[30], wogegen G.
Buchholz[31] geltend machte, daß dann der Mangel einer Verwandtschaft
mit dem älteren Theil der sog. Ann. Fuld. nicht zu erklären sei.
Fr. Kurze bemerkte, daß die Uebereinstimmung mit Marianus sich noch
weiter erstrecke, und andererseits, daß für die erste Hälfte des
zehnten Jahrhunderts dem Fortsetzer des Regino eine Fulder Quelle
vorgelegen habe; beide schienen zusammen zu gehören[32]. So kommen wir
auf eine Fulder Compilation des ausgehenden neunten oder des zehnten
Jahrhunderts mit annalistischer Fortsetzung, Klosterannalen, in
denen, wie es bei diesen Jahrbüchern der Fall zu sein pflegt, einzelne
geschichtliche Nachrichten mit Begebenheiten aus der Hausgeschichte
verbunden waren. Dafür wird der erste Theil der _Annales S. Bonifacii_
von 716 bis 830 in Anspruch genommen[33]. Eine ausführlichere Geschichte
des Klosters, die spurlos verschwunden ist, erwähnt und lobt Lambert in
der Vorrede zu seiner Hersfelder Geschichte, SS. V, 137.
[26] in Caspari's Kirchenhist. Anecd. (1883), S. 251.
[27] _Acta vetusta Abbatum Fuldensium_ a. 744-916. Schannat, Cod.
Probb. 1-3. Böhmers Fontes III, XXVIII und 161-164 aus Dronke,
Traditt. Fuld. p. 162-164. MG. SS. XIII, 272 als _Catalogus abb.
Fuldensium_. Das kurze Verzeichniß SS. III, 117 n. ist berichtigt
XIII, 340. -- Acta abb. bis ins 15. Jahrh. und auch annal.
Aufzeichnungen bei Brouwer sind nachgewiesen von Pflugk-Harttung,
Forsch. XIX, 397-442.
[28] Schannat, Vind. lit. I, 226. Codex Fuld. ed. E. Ranke, Marb. et
Lips. 1868.
[29] Archiv VI, 681.
[30] Die Annalen von Hersfeld, S. 70.
[31] HZ. 65, 141.
[32] Die Hersfelder u. die größeren Hildesh. Jahrbücher bis 984, S. 8.
[33] MG. SS. III, 117; der zweite Theil 910-1024 ist fast ganz
identisch mit den Ann. Lobienses. Berichtigungen e cod. Lugd.
Bat. von Dümmler, Forsch. XVI, 169. -- _Ann. S. Bon. brevissimi_
936-1011 ib. S. 118. _Notae dedicationum Fuldenses_ 812-1168, SS.
XV, 2, 1287.
Litterarische Thätigkeit finden wir auch in dem nahe gelegenen,
ebenfalls hessischen Kloster =Hersfeld=, welches um 770 von Lullus
begründet wurde, als Fulda mit Erfolg seine Selbständigkeit gegen
ihn behauptete, und bald zu kräftiger Entwickelung gelangte[34]. Auch
von seiner Schule, seinen gelehrten Mönchen würde wohl manches zu
berichten sein, wenn nicht die Ueberlieferungen dieses Klosters ein
besonders ungünstiges Geschick betroffen hätte; die Hersfelder Annalen,
Lamberts Geschichte von Hersfeld, sind verloren, und auch von Lamberts
Jahrbüchern ist keine alte Handschrift vorhanden; da mag noch anderes
spurlos für uns verschwunden sein. Der Abt Balthard († 796) kann
vielleicht derselbe sein, an welchen zwei Briefe seiner Schwester
Berthgyth in der Bonifazischen Sammlung sich erhalten haben[35]. Abt Bun
bewog 836 den gelehrten Lupus, ein Leben Wigberts zu schreiben[36], den
Bonifaz als Abt von Fritzlar eingesetzt hatte; seine Gebeine waren nach
Hersfeld übertragen, und in den Wundergeschichten finden sich einige
geschichtliche Nachrichten. Eine Handschrift, welche leider verschollen
ist, enthielt auch eine poetische Bearbeitung dieser Vita in sehr
barbarischer Sprache, von einem Hersfelder Mönch, welcher sie Buns
Nachfolger Brunwart (843-875) gewidmet hatte[37]. Dieser Brunwart war
befreundet mit Hraban, welcher an ihn, als er noch Chorepiscopus war,
Verse richtete[38]. Die Annalen, welche von besonderer Wichtigkeit für
uns sind, gehören erst der folgenden Periode an.
[34] Rettberg I, 602-605. Hafner, Die Reichsabtei Hersfeld, 1889.
[35] Bibl. III, 312.
[36] _Vita Wigberti_, ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 36-43.
[37] So berichtet der Jesuit Busaeus, erster Herausgeber der V.
Wigberti, s. Hincmari epp. ed. Busaeus, Mog. 1602. NA. IV, 314.
[38] Poet. Lat. II, 184; vgl. p. 111.
Beide Klöster, Fulda und Hersfeld, blieben in engster Verbindung mit
dem Erzbisthum =Mainz=; ihr Theil war die Pflege der Wissenschaft,
während die Metropole zu sehr in die politischen Händel verwickelt
wurde, um in litterarischer Beziehung eine hervorragende Stelle
einzunehmen, wenn wir von den Reichsannalen absehen. Auf Lulls
Nachfolger Riculf (786 bis 813), den der Mönch von St. Gallen als
dumm und hochmüthig schildert, wohl übertreibend, da er unter dem
Namen Damoetas zu Karls Hofgelehrten gehörte[39], folgte zuerst Lulls
Schüler Haistulf (813-825), dann bis 847 =Otgar=, ein Verwandter
Riculfs und eifriger Parteimann. Er ist es, welcher den Diaconus
Benedict zur Ergänzung der Capitulariensammlung des Ansegis veranlaßt
haben soll, und man hat ihn deshalb für den Mitschuldigen der hierin
enthaltenen Fälschungen gehalten, eine Ansicht, welche jetzt von P.
Hinschius als unbegründet widerlegt ist, da Benedicts Werk erst nach
Otgars Tod vollendet worden ist, und die ganze Notiz ist vielleicht
nur betrüglich erfunden. Zu verdanken haben wir ihm wahrscheinlich den
Abschluß der Mainzer Briefsammlung, in welcher der Correspondenz des
Bonifatius Briefe von Lull und Otgar sich anschließen[40]. Für seine
Metropole brachte Otgar von seiner Gesandtschaft an Lothar nach Pavia
836 die Reliquien des =h. Severus=, Bischofs von Ravenna, nebst Frau
und Tochter heim; ein französischer Speculant, der solch kostbare
Waare durch Lug und Trug sich diebischer Weise zu verschaffen und
dann theuer zu verkaufen pflegte, fand an Otgar einen Kunden, denn
um so heiligen Besitz zu gewinnen, galt auch den frömmsten Männern
Meineid und Diebstahl für zulässig[41]. Groß war die Freude in Mainz
und in Erfurt, wohin zur Beförderung des Christenthums in Thüringen
S. Severus abgelassen wurde, allein man hatte noch keine Kunde von
dem Leben des Heiligen, bis der Priester =Liudulf= eine Pilgerfahrt
nach Rom mit einem Besuche in Ravenna verband, und die dort gewonnene
Auskunft mittheilte; hinzugefügt ist von ihm die geschichtlich nicht
ganz unwichtige Erzählung von der Erwerbung der Reliquien durch
Otgar[42]. Er schrieb unter Hrabans Nachfolger Karl (856-863), dem
aquitanischen Prinzen, von dessen gelehrten Studien nichts bekannt
ist. Die Bedrängniß der Kirchen durch die Vertheilung ihrer Güter an
Kriegsleute veranlaßte einen Mainzer Geistlichen zur Aufzeichnung
der _Visio Caroli_ (S. 188), welche er noch mündlich von Hraban
erfahren haben wollte. Nach Karl verwaltete Liutbert 26 Jahre lang
das Erzbisthum, ein wohlgesinnter und nicht ungelehrter Herr, der sich
auch der Reichsannalen wieder annahm, aber die wirren Zeiten, die immer
schrecklicheren Einfälle der Normannen, drängten alle wissenschaftliche
Beschäftigung in den Hintergrund: im Kampfe gegen diese Unholde verlor
891 Liutberts Nachfolger Sunderold oder Sunzo nach kurzer Amtsdauer
das Leben, ein Fulder Mönch, dem einst, da er noch einfacher Priester
war, Meginhard die Erzählung von der Uebertragung des h. Alexander
gewidmet hatte. An seiner Statt erhob Kaiser Arnulf Hatto, den Abt
von Reichenau, berühmt durch seine Klugheit und Thatkraft, auch wegen
seiner kirchlichen Gelehrsamkeit hoch gefeiert, aber die äusseren
Sorgen für Kirchenzucht und Reichsregierung nahmen ihn vollständig in
Anspruch; diesen Zwecken diente auch das Werk _de synodalibus causis_,
welches Regino ihm gewidmet hatte[43].
[39] Vgl. Dümmler NA. IV, 150. Poet. Lat. I, 431. 432 u. II, 694.
[40] H. Hahn, Forsch. XV, 113.
[41] Diese Aeußerung ist wiederholt gerügt worden, zuletzt Katholik
1875 S. 443, aber sie ist wahr; ich habe einige Beispiele in d.
SB. d. Berl. Akad. vom 4. Dec. 1884 zusammengestellt.
[42] _Vita et Translatio S. Severi auct. Liudulfo presbytero_, Acta
SS. Feb. I, 88-91. Jaffé, Bibl. III, 507-517. MG. SS. XV, 289-293,
ed. L. v. Heinemann.
[43] S. über Liutbert und Sunzo Dümmler, Ostfr. III, 328-331;
über Hatto S. 352. 497. Vgl. auch desselben S. 234 angeführte
Abhandlung über die Fulder Briefsammlung, und die betr. Abschnitte
in Will's Regesten.
§ 15. Sachsen. Münster, Bremen, Hamburg.
Als Sturm zuerst in Hersfeld sein neues Kloster gründen wollte, verwarf
Bonifaz diesen Vorschlag wegen der Nähe der heidnischen Sachsen. Karl
aber zog auch dieses Volk in den Kreis der christlichen Bildung, und
so gewaltsam auch die neue Pflanzung begründet wurde, sie schlug doch
bald kräftige Wurzeln, und die Söhne der Bekehrten gaben sich bereits
mit regem Eifer der neuen Lebensrichtung hin. Lange schon hatten die
Angelsachsen sich danach gesehnt, hin und wieder auch versucht, ihren
alten Stammesbrüdern das Evangelium zu bringen; jetzt drangen sie unter
dem Schutze Karls vor, und pflanzten den Baum der neuen Lehre, der in
dem frischen Erdreich bald kräftig und segensvoll gedieh.
Einer der hervorragendsten unter ihnen war =Liudger=, von Geburt zwar
ein Friese, aber ein Schüler der angelsächsischen Glaubensboten. Er
selbst hat uns in dem Leben seines Lehrers, =Gregor von Utrecht=[1],
die Werkstatt geschildert, wo ein großer Theil der Lehrer für das
Sachsenvolk ausgebildet wurde; ergänzt werden seine Nachrichten durch
seine eigene Lebensbeschreibung von Altfrid.
[1] Erste kritische Ausgabe von Holder-Egger, SS. XV, 63-79. Uebers.
v. Grandaur, Geschichtschr. 14, nach V. Willibrordi. -- Vgl. Ebert
II, 106 bis 108. Hauck II, 313-315. -- Die Liudger bei Rettberg
I, 333, zugeschriebene _V. Bonifacii_ ist Mißverständniß der
Stelle V. Liudg. II, 6 über die in der V. Gregorii enthaltenen
Nachrichten von Bonifaz.
Liudgers Großvater Wursing, ein reicher und vornehmer Friese, hatte
sich, von Radbod vertrieben, zu den Franken geflüchtet und die Taufe
angenommen; als dann Karl Martell nach der Besiegung des Landes das
Bisthum Utrecht begründete, siedelte er auch Wursing mit den Seinen
dort an, und an ihnen fand Willibrord die kräftigste Stütze. Nach
Willibrords Tode nahm Bonifaz sich des verwaisten Bisthums an; dann
ward es der Pflege Gregors übergeben, der lange Zeit ein treuer
Begleiter und Gehülfe seines Lehrers Bonifaz gewesen war und nun als
Abt dem Martinstifte vorstand. Die bischöflichen Geschäfte versah neben
ihm der Angelsachse Aluberht. Dieser war wie so viele seiner Landsleute
zur Mission gekommen, und kehrte auf Gregors Wunsch mit Utrechter
Geistlichen heim nach York, wo er 767 vom Erzbischof Aethelberht _ad
Ealdsexos_ zum Bischof geweiht wurde, mit ihm Liudger zum Diaconus.
Durch diese Verbindung sind, wie R. Pauli nachgewiesen hat, Nachrichten
über Karls des Großen Sachsenkriege, dann auch durch Alcuin andere
nicht unwichtige Angaben, in die nordenglischen Annalen gekommen[2].
[2] S. R. Pauli: Karl d. Große in northumbrischen Annalen, Forsch.
XII, 137-166. 441. Vgl. L. Theopold, Krit. Untersuchungen über die
Quellen zur angels. Gesch. d. 8. Jahrh. (Lemgo 1872) S. 102. R.
Pauli hat in d. Gött. Nachr. 1878, S. 1-15, neben den nordengl.
Nachrichten andere aus Winchester nachgewiesen; nach der Eroberung
sind auch die Sanct-gallisch-Cölner Annalen über die Normandie
nach England gekommen. -- Gegen Hahns Hypothesen, Forsch. XX,
553-569, W. Diekamp, ib. XXII, 425-432.
Liudger hatte sich, wie mehrere von Wursings Nachkommen, der Kirche
gewidmet, er genoß schon damals Alcuins Unterweisung, und kehrte
später dieses Unterrichtes wegen noch einmal nach York zurück,
bis ihn nach drei Jahren und sechs Monaten ein Streit zwischen den
Friesen und Angeln nöthigte, nach Utrecht heimzukehren, wo Gregor
zahlreiche Schüler aus allen deutschen Stämmen, nach Liudgers Angabe
auch Sachsen, um sich versammelte. Unter Gregors Neffen und Nachfolger
Alberich war die Leitung dieser Schule in solcher Weise vertheilt, daß
abwechselnd Alberich selbst, Liudger, Adalgar und Thiatbrat[3], jeder
ein Vierteljahr, derselben vorstanden. Die übrige Zeit verwandten sie
auf die Seelsorge und die weitere Ausbildung des Volkes. Der Aufstand
der Sachsen unter Widukind 782 brachte auch in Friesland das Heidenthum
wieder zum Siege, und Liudger begab sich damals nach Montecassino,
dessen klösterliche Einrichtung er später auf seine Stiftung Werden
übertrug. Karl der Große aber vertraute ihm die geistliche Leitung
von fünf friesischen Gauen an und verband damit im Anfange des neunten
Jahrhunderts das neu errichtete Bisthum Mimigardeford in Westfalen, für
welches seit dem 11. Jahrh. der Name Münster üblich wurde. Am 30. März
804 geweiht[4], wirkte er hier für die Befestigung der neuen Lehre bis
zu seinem Tode am 26. März 809.
[3] Dieser scheint der Besitzer des später nach Lorsch gekommenen
Wiener Livius gewesen zu sein, nach der Inschrift: „Iste codex est
Theatberti episcopi de Dorostat“. Nach Gitlbauer wäre er Vorsteher
der Kirche zu D. gewesen und nach dem damals noch schwankenden
Gebrauch Bischof genannt, weil er bischöfliche Rechte übte.
Denselben hält G. für den Nachfolger Alberichs, der Theodard
genannt wird. Gitlbauer de cod. Liv. (Vind. 1876) p. 2-21.
[4] Diekamp im Hist. Jahrbuch V, 257. Ueber Liudger vgl. Hauck II,
317 ff.
Die von ihm verfaßte Biographie Gregors ist in dem gewöhnlichen
Legendenstil geschrieben, aber die stereotypen Phrasen sind hier von
wirklicher Wärme erfüllt, von inniger Liebe zu seinem Lehrer und einer
kindlichen Demuth, wo er seines eigenen Wirkens gedenkt. Es finden
sich darin einige schätzbare Nachrichten über Bonifaz sowie über
das Bisthum Utrecht; geschichtlicher Sinn zeigt sich jedoch wenig,
es kommen arge Fehler vor, und auch die Sprache ist schwerfällig
und gesucht. Als Geschichtsquelle ist Liudgers eigenes Leben von
=Altfrid=[5] weit vorzuziehen, obgleich auch dieses von dem Verfasser,
Liudgers Verwandtem und zweitem Nachfolger (839-849), auf Bitten
der Mönche von Werden zunächst zum Zweck der Erbauung geschrieben
wurde. Die Darstellung ist einfach und ansprechend, und die ganze
Missionsthätigkeit tritt hier mit besonderer Anschaulichkeit uns
entgegen. Noch in demselben Jahrhundert wurden in Werden zwei neue
Bearbeitungen derselben verfaßt. Auch von Altfrids Vorgänger =Gerfrid=
hat man eine Biographie gehabt, von welcher aber eine Erwähnung in
der Bisthumschronik die einzige Spur ist[6]. Altfrids Nachfolger
=Liutbert=, ein geborner Lothringer († 871), war vielleicht der
Bischof Leutbert, welchem =Sedulius= eine sapphische Ode gewidmet
hat[7].
[5] _V. Liudgeri auct. Altfrido_ ed. Pertz, MG. II, 403-425 mit
Zusätzen und Mirakeln aus den späteren Biographieen. Vitae S.
Liudgeri ed. Diekamp, 4 Bd. der Geschichtsquellen d. Bisth.
Münster, 1881, mit Benutzung des von Pertz nicht verglichenen
Cod. Vossianus. Uebersetzung in: Hüsing, Der h. Liudger, Münster
1878, S. 174-200, und Pingsmann, Der h. Ludgerus, Freiburg 1879,
S. 199-228; von Grandaur bei V. Willibrordi. Vgl. Ebert II, 338.
-- _Catal. abb._ SS. XIII, 288.
[6] Diekamp. Vitae Liudgeri, p. XXI. Anm. 1. Zu unterscheiden ist
ein älterer Gerfrid, welcher eine Bibel schreiben ließ, deren
Widmungsverse sich erhalten haben, Poet. Lat. I, 285.
[7] Dümmler, Sedulii Scotti Carmina XL p. 28. Poet. Lat. III, 219.
Dem Kreise dieser Männer gehört auch =Liafwin= oder =Lebuin= an, ein
Angelsachse, der zu Gregor nach Utrecht kam und sich, nachdem er eine
Zeit lang an der Yssel gewirkt hatte, nach Sachsen begab, wo er auf
dem Landtage zu Marklo unerschrocken das Christenthum verkündete. Seine
Legende, welche besonders durch die Nachricht über diese Landtage und
die Verfassung der Sachsen merkwürdig ist, wurde jedoch erst am Anfange
des zehnten Jahrhunderts von =Hucbald= von St. Amand verfaßt, nicht in
Münster, dessen wir nach diesen so viel versprechenden Anfängen nicht
wieder zu gedenken haben werden[8].
[8] Zu diesem Kreise gehört auch die Legende über die Stiftung
des Klosters =Freckenhorst= oder _Vita S. Thiadildis_, ed. Jo.
Gamans, Acta SS. Jan. II, 1156-1160 (Kindlinger, Münst. Beitr.
II, 9; deutsch in Dorows Denkm.), welche aber erst im 15.
Jahrh. aufgezeichnet und von geringem Werth ist. Vgl. Wilmans,
Kaiserurkunden der Provinz Westfalen I, 416. W. Diekamp, Forsch.
XXIV, 629-653.
Ueber die Stiftung des Klosters =Werden= an der Ruhr ist eine
eigenthümliche Aufzeichnung vorhanden, welche trügerisch zwei
Begleitern Liudgers in den Mund gelegt, in den wesentlichen Thatsachen
aber richtig, und in ihrem ältesten Theil vielleicht schon um die Mitte
des 9. Jahrhunderts geschrieben ist, als nach Altfrids Tod die Familie
des Stifters vom Bisthum abkam und die Unabhängigkeit des Klosters
bedroht war[9].