ist einzeln vollständiger erhalten, NA. I, 585, vgl. II, 450.
[20] Bibl. IV, 437-486; vgl. Dümmler im Lit. Centralbl. 1867 Sp. 1268.
Es fehlen ein Brief der Gemeinde von Sens an E. s. Simson I, 302
Anm. 2, und ein nicht unwichtiger, doch nicht von E. kommender
Brief an Lothars Gemahlin Hermengard, Teulet II, 146 (Du Chesne
II, 710. Mab. Ann. I. 28 n. 48).
Einhards berühmtestes und vollendetstes Werk ist:
$Das Leben Karls.$
Ausgabe von Pertz MG. SS. II, 426-463. Besonderer Abdruck, 3. Ausgabe
1863, mit einem Anhang von Gedichten. Ueber später gefundene
Handschriften NA. VI, 195. Cod. Monac. 17134 aus Scheftlarn mit
Interpolationen aus den Annalen über Tassilo, s. Graf Hundt in
d. S. 154 angef. Abh. S. 191. Cod. Paris 4937 ist mit dem Fonds
Barrois wieder erworben. Eine Hds. im Catalog von 1412 des Kl.
Amelungsborn, Dürre im Progr. d. Gymn. zu Holzminden 1876 S. 22.
Ideler: Leben und Wandel Karls des Großen von Einhard (Text mit
Commentar und Beilagen), 2 Bde. 1839. Ausg. von Jaffé, Bibl. IV,
487-581, und bes. Abdruck, 1867; 1876 cur. W. Wattenbach. Ed.
Waitz. 1880; A. Holder 1881. Uebers. v. O. Abel, Geschichtschr. 16
(IX, 1) 1850, 1880. Verbesserungen von Fröhner, Krit. Analecten,
Philologus, Suppl. Bd. V, S. 93. Fr. Schmidt De Einhardo Suet.
imitatore, Progr. 1880. Manitius, Anklänge an Vergil, NA. IX,
617, an Sulpicius Severus, Vellejus u. Curtius ib. XII, 205. 206;
an Justin XIII, 213. E. Bernheim, Waitz-Aufsätze S. 73-96, über
das Verhältniß zu Sueton und zu den Ann. Einhardi, die er benutzt
habe, vgl. NA. XII, 427.
„Einhard“, sagt Ranke zur Kritik fränkisch-deutscher Reichsannalisten
S. 416[21], „hatte das unschätzbare Glück, in seinem großen Zeitgenossen
den würdigsten Gegenstand historischer Arbeit zu finden; indem er ihm,
und zwar aus persönlicher Dankbarkeit für die geistige Pflege, die er
in seiner Jugend von ihm genossen, ein Denkmal stiftete, machte er sich
selbst für alle Jahrhunderte unvergeßlich.“
[21] Ges. Werke LI. LII, S. 96. S. 121-124 sind hier weitere
Bemerkungen hinzugefügt über die Ungenauigkeit im ersten Theil,
während für die zweite Hälfte werthvolle Nachrichten gegeben
werden.
„Vielleicht in keinem neueren Werke tritt nun aber die Nachahmung
der Antike stärker hervor, als in Einhards Lebensbeschreibung Karls
des Großen. Sie ist nicht allein in einzelnen Ausdrücken und der
Phraseologie, sondern in der Anordnung des Stoffes, der Reihenfolge
der Capitel, eine Nachahmung Suetons. Wie auffallend, daß ein
Schriftsteller, der eine der größten und seltensten Gestalten aller
Jahrhunderte darzustellen hat, sich dennoch nach Worten umsieht, wie
sie schon einmal von einem oder dem anderen Imperator gebraucht worden
sind. Einhard gefällt sich darin, die individuellsten Eigenheiten der
Persönlichkeit seines Helden mit den Redensarten zu schildern, die
Sueton von Augustus, oder Vespasian, oder Titus, oder auch hie und da
von Tiberius gebrauchte. Er hat gleichsam die Maße und Verhältnisse
nach dem Muster der Antike eingerichtet, wie in seinen Bauwerken:
aber damit noch nicht zufrieden, wendet er wie in diesen, auch sogar
antike Werkstücke an. Wenn wir auch überzeugt sind, daß hiebei die
Wahrheit nicht verletzt wurde, so konnte doch die ganze Originalität
der Erscheinung auf diese Art nicht wiedergegeben werden. Ueberhaupt
suchen wir in der Geschichte nicht allein Schönheit und Form, sondern
die exacte Wahrheit, deren Ausdruck die freieste Bewegung fordert und
dadurch eher erschwert wird, daß man sich ein bestimmtes Muster vor
Augen stellt.“
„Ohne Zweifel war die Absicht Einhards mehr auf eine angenehm
zusammenfassende Darstellung, als auf strenge Genauigkeit in den
Thatsachen gerichtet. Das kleine Buch ist voll von historischen
Fehlern.“
„Nicht selten sind die Regierungsjahre falsch angegeben, z. B. bei
Karlmann, der nur zwei Jahre regiert haben soll, während er doch über
drei Jahre als König neben Karl dem Großen lebte; über die Theilung
des Reiches zwischen den beiden Brüdern wird eben das Gegentheil von
dem behauptet, was wirklich stattgefunden hat: Schlachten, die ohne
besondere Wirkung vorübergingen wie die an der Berre, werden als
entscheidend bezeichnet; Namen der Päbste werden verwechselt, die
Gemahlinnen sowohl, wie die Kinder Karls des Großen nicht richtig
aufgeführt; es sind so viele Verstöße zu bemerken, daß man oft an der
Aechtheit des Buches gezweifelt hat, obwohl sie über allen Zweifel
erhaben ist.“
So weit Ranke, zu dessen scharfer Charakteristik ich nur wenig
hinzuzufügen habe. Gerade in diesem Werke tritt die Eigenthümlichkeit
der karolingischen Bildung am deutlichsten hervor; unmöglich kann der
fränkische Volkskönig in diesen suetonischen Ausdrücken zur vollen
Erscheinung kommen. Nur darf man auch nicht vergessen, dass Einhard
eben den Volkskönig kaum noch kannte, sondern hauptsächlich nur den
alternden Kaiser, der selber nach der Wiederbelebung des antiken Wesens
trachtete, dessen Streben in vieler Hinsicht auf die Herstellung des
alten Imperatorenreiches gerichtet war, und der, wenn ihm auch die
Einführung der staatlichen Formen jener Zeit fern lag, doch durch
seine große persönliche Ueberlegenheit so ehrfurchtgebietend dastand,
und so sehr die Seele der ganzen Herrschaft war, daß es nicht so ganz
unpassend war, ihn dem Augustus zu vergleichen und die Farben des
Bildes von dem Biographen der Imperatoren zu borgen. Auch dankt er, und
wir mit ihm, dem Sueton mehr als nur die Ausdrücke. Keine Biographie
des Mittelalters stellt uns ihren Helden so vollständig und plastisch
nach allen Seiten seines Wesens dar. Das ist die Frucht der Kategorien,
welche Einhard bei seinem Vorbilde fand. Indem er diesen gewissenhaft
folgte, wurde er, wie Jaffé (S. 501) richtig bemerkt, veranlaßt viele
Umstände zu erwähnen, welche er sonst wahrscheinlich übersehen haben
würde.
Daß Einhard sich bei diesem Werke nicht eine eigentliche geschichtliche
Darstellung zur Aufgabe gewählt hatte, bemerkt auch Ranke; er wollte
ein Lebensbild entwerfen, eben nach der Weise des Sueton, und diesen
Zweck hat er vollständig erreicht. Er verfaßte dieses Werk unmittelbar
nach des Kaisers Tod; schon 821 finden wir es im Reichenauer
Bibliothekskatalog genannt[22], um 830 von einem Zeitgenossen erwähnt
und benutzt. Noch stand das Bild seines väterlichen Freundes in voller
Frische vor seinem Geiste, und die etwas kalte Eleganz der Form wird
durchwärmt von der kindlichen Verehrung und Anhänglichkeit, von welcher
der Verfasser ganz erfüllt ist, und die sich überall ausspricht, ohne
daß doch das Lebensbild in eine Lobrede ausartete. Vielmehr tritt
die ruhige Mäßigung, welche Einhards Charakter eigen ist, auch hierin
deutlich hervor, und seine reine Wahrheitsliebe ist unverkennbar, wenn
er auch die Schwächen seines Helden mit leichter Hand berührt.
[22] Neugart, Ep. Constant. I, 1, 540.
Ein Werk, welches diesem an Vollendung der Form, wie an ansprechendem
Inhalte zu vergleichen wäre, hatten die germanischen Nationen noch
nicht hervorgebracht, und so ist es denn auch nicht zu verwundern,
daß es rasch die größte Verbreitung fand und Jahrhunderte lang zu
den beliebtesten und gelesensten Büchern gehörte; bald nach seiner
Vollendung wird es von dem jungen Lupus, der es in Fulda gelesen hatte,
mit warmer Begeisterung gepriesen (oben S. 183); Walahfrid theilte es
in Capitel und schrieb dazu jenen so werthvollen Prolog, dem wir die
wichtigsten Lebensnachrichten über Einhard verdanken. Noch jetzt sind
mehr als 80 Handschriften davon uns bekannt, und seit den Biographen
Ludwigs des Frommen sind die Chronisten nicht müde geworden, es
auszuschreiben.
Nachdem die Vita Caroli schon 1521 (oben S. 5) und dann sehr häufig
gedruckt war, hat Pertz 1829 mit übergroßer Fülle von Varianten eine
Ausgabe gegeben, deren Text nicht überall den Vorzug vor den älteren
Ausgaben verdient[23]. Jaffé hat in seiner neuen Ausgabe 1867 eine
früher übersehene Pariser Handschrift zu Grunde gelegt, und endlich
Walahfrids Prolog damit verbunden, welchen Pertz mit der ihm eigenen
Starrheit auch noch in der neuesten Ausgabe unberücksichtigt gelassen
hatte[24]. Doch hat auch diese Grundlage sich nicht zu bewähren
vermocht. Waitz hat die Ueberschätzung der nicht mustergültigen Pariser
Hs. nachgewiesen, und endlich mit Benutzung neuer Hülfsmittel, und
Unterscheidung verschiedener Recensionen, die vielleicht an Einhard
selbst hinanreichen, einen neuen besser gesicherten Text hergestellt.
[23] S. Jaffé in der Bibl. IV, 504.
[24] Beigegeben ist dagegen hier eine schlecht gezeichnete Abbildung
des Commoduskopfes, mit welchem Karl siegelte, die Pertz irrig
für Karls Porträt hielt.
* * * * *
Häufig finden sich in Handschriften das Leben Karls und die
Reichsannalen als erstes und zweites Buch mit einander verbunden; als
drittes tritt dann die Schrift des =Mönches von St. Gallen=[25] hinzu,
in welchem man jetzt =Notker= den Stammeler erkannt hat[26], der im
Jahre 883, veranlaßt durch Kaiser Karl III, den reichen Schatz von
Erzählungen und Sagen aufzeichnete, welche sich im Munde des Volkes an
Karl, an seinen Sohn und den Enkel, Ludwig den Deutschen, knüpften.
Da ist nun nichts mehr von Einhards klassischer Form zu finden, die
Sprache ist roh und unbehülflich und der Inhalt keine Geschichte; nur
selten und mit großer Vorsicht ist ein Vorfall, der hier erzählt wird,
als wirkliche Thatsache hinzunehmen.
[25] _Monachus Sangallensis_ ed. Pertz, MG. SS. II, 726-763. Neue
Ausg. von Jaffé, Bibl. IV, 619-700 mit Benutzung der abweichenden
Zwiefalter (Stuttg.) und Wiblinger (St. Flor.) Handschriften,
welche jedoch, wie Gerold Meyer von Knonau zu Ratperti Casus S.
Galli S. 255 nachgewiesen hat, durch spätere Ueberarbeitung und
Interpolation verändert sind, weshalb der Text nicht nach ihnen
hätte gestaltet werden sollen. Auch Zeumers entgegengesetzter
Ansicht kann ich mich nicht anschließen. Eine aus Tegernsee
stammende unvollst. Hs. ist für die Pariser Bibl. erworben,
Nouv. acq. lat. 310. Uebersetzung von W. Wattenbach, Berlin 1850,
1877, 1890 (Geschichtschr. 26. IX, 11). Zu dem Spielmannsreim auf
Udalrich I, 13, vgl. Steinmeyer, Zeitschr. f. D. Alt XX. Anz. S.
147. Ueber benutzte Schriften Simson, Karl d. Gr. II, S. 612-615.
[26] Zeumer in den Waitz-Aufsätzen, S. 97-118. Zu demselben Resultat
kam Graf Zeppelin: Wer ist d. Mon. Sangallensis? Schriften d.
Vereins f. Gesch. d. Bodensees XIX, S. 33 ff.
Aber um keinen Preis möchten wir doch diese Sammlung entbehren. Sie
zeigt uns das Bild des großen Kaisers, wie es im Volke lebte und bis
dahin sich gestaltet hatte, und mancher höchst charakteristische Zug
hat sich nur hier erhalten. Der gute alte Mönch, der uns so lebendig
mitten unter das Volk und seine Erzählungen führt, hat deshalb den
größten Anspruch auf unsere Dankbarkeit, und wir müssen sehr bedauern,
daß er sein Werk, wie es scheint, nicht vollendet hat.
Der Uebersetzer dieser Schrift hat sich bemüht, die Anfänge
karolingischer Sage weiter zu verfolgen, und die Spuren davon zu
sammeln; ihm war dabei in der ersten Ausgabe eine merkwürdige Stelle
entgangen, die Angabe in dem Leben der Königin Mahthild, daß der Krieg
zwischen Karl und Widukind durch einen Zweikampf beider entschieden
sei: nach langem Widerstand besiegt, habe Widukind sich taufen
lassen[27].
[27] MG. SS. X, 576. Zu erwähnen ist noch die nach der Mitte des
neunten Jahrhunderts in Mainz aufgezeichnete _Visio domni Caroli_,
gegen die Ausbeutung der Kirchengüter durch seine Nachfolger
gerichtet, bei Graff, Althochdeutscher Sprachschatz III, 855,
übersetzt bei Abel, Kaiser Karls Leben S. 63; jetzt auch Bibl.
IV, 701; Gengler, Germ. Rechtsdenkmäler (1875) S. 237. Vgl. Falk,
NA. XI, 617. Eine ganz andere aus einer Londoner Hs. erwähnt NA.
IV, 379. Ferner das von Pertz SS. III, 708 mitgetheilte Haager
Fragment über Karls _Expeditio Hispanica_ (wiederholt bei G.
Paris, Hist. poét. de Charlemagne, S. 465, vgl. 50 und 89, und
größtentheils in Hexameter zurückgeführt in den Münch. SB. 1871
S. 328 bis 342 von Hofmann, der es dem Sagenkreise von Wilh.
von Orense zuweist) und die Sagen des _Chron. Novaliciense_.
Auch die _Vita S. Arnoldi_, Acta SS. Jul. IV, 449-452, ist
geschichtlich unbrauchbar, enthält aber eine sagenhafte Geschichte
von einem Leierspieler, der sich von Kaiser Karl den Wald bei
Arnsweiler im Jülichschen für die umliegenden Dörfer erbittet;
vgl. Rettberg I, 548. Die aus Petrus Damiani zum Mon. Sangall.
S. 101 mitgetheilte Geschichte findet sich, auf den Maurenkönig
übertragen, bei Turpin wieder. Ein wirkliches Denkmal der Schlacht
bei Roncevaux, deren Tag (15. Aug. 778) allein dadurch bekannt
wird, ist das _Epitaphium Aggiardi_ (Karls Truchseß Eggihard),
von Dümmler mitgetheilt in Haupts Zeitschr. XVI, 279; vgl. S.
436, u. Gaston Paris in der Zeitschrift Romania II, 146-148, der
im Anschluß daran im Turpin ein vielleicht echtes _Epitaphium
Rutlandi_ nachweist. Beide jetzt Poet. Lat. I, 109; doch bemerkt
Dümmler S. 110, Anm. 2, dass letzteres aus Venantius Fortunatas
zusammengestoppelt und schwerlich alt ist.
Mit den Kreuzzügen artete die Karlssage aus und verlor allen
geschichtlichen Inhalt; besonders die Aachener Reliquien brachten
die Erzählung von Karls Kreuzfahrt zu allgemeiner Geltung, und fortan
treten die Lügen des falschen Turpin an die Stelle von Einhards treuer
Schilderung. Wie daneben im Munde der fahrenden Sänger das Andenken
Karls sich erhielt und umwandelte, darüber genügt es, auf das schöne
Werk von Gaston Paris _Histoire poétique de Charlemagne_ (Paris 1865)
zu verweisen.
Eine Schrift Einhards bleibt uns noch zu erwähnen, sein Bericht nämlich
von der Uebertragung der Gebeine der heiligen Märtyrer Marcellinus
und Petrus von Rom nach Seligenstadt[28]. Im Jahr 827 geschah die
Ueberbringung, und 830 verfaßte Einhard die sehr anziehend geschriebene
Darstellung derselben. Wir sehen darin, wie er sich mehr und mehr von
dem weltlichen Leben abwandte und der kirchlichen Richtung hingab,
wundergläubig in hohem Grade und ganz mit der Pflege seiner Pflanzung
im Odenwald beschäftigt; ganz vorzüglich betrübte ihn, daß bei der
Krankheit seiner geliebten Imma die Zuversicht auf die Wunderkraft
der Reliquien ihn so völlig getäuscht hatte. Diese hohe Verehrung der
Reliquien theilte er mit allen seinen Zeitgenossen, und eben wegen
dieser Verehrung haben die zahlreichen Uebertragungen solcher Gebeine
für uns auch geschichtlichen Werth. Auf ihnen beruhte großentheils der
Einfluß der Kirchen; besonders verehrte Reliquien verschafften ihnen
unermeßlichen Zulauf: der Ruf von geschehenen Wundern verbreitete
sich weithin, und ohne Zweifel wurde dadurch die Ausbreitung des
Christenthums, z. B. in Sachsen, sehr wesentlich befördert. Aus den
genauen Beschreibungen der Reise, wie aus den Erzählungen von den
Wundern, ist zugleich vieles für die Sittengeschichte wie für die
Topographie nicht unwichtige zu entnehmen, wie das namentlich in Bezug
auf die damalige Art zu reisen, aus Einhards Werk kürzlich von W.
Matthaei nachgewiesen ist[29]. Merkwürdig ist auch die Unverschämtheit,
womit man im 11. Jahrh. im Medarduskloster versucht hat, mit
entsprechender Verfälschung von Einhards Schrift sich die Leiber der
hh. Tiburtius, Marcellinus und Petrus anzueignen[30].
[28] _Translatio et Miracula SS. Marcellini et Petri_ ed. G. Waitz,
SS. XV, 238-264. Ib. p. 265-273 _Ex Miraculis S. Quintini_ ed.
O. Holder-Egger, nebst einer Translationsgesch. s. XI, worin
verlorene Annalen von Saint-Quentin benutzt sind.
[29] Translatio SS. M. et. P. in kulturgeschichtlicher Beziehung.
Programm.
[30] _Translatio SS. Tiburtii. Marcellini et Petri ad S. Medardum_ ed.
Holder-Egger SS. XV, 391-395.
Ob nun auch die in rhythmischer Form bearbeitete Passio der Märtyrer
Einhard zuzuschreiben sei, wie Teulet meint, und wie eine aus Fleury
stammende Handschrift angiebt, ist zweifelhaft, da seine ganze Richtung
der antiken Form zugewandt war. Es wäre jedoch nicht gerade unmöglich,
und Dümmler hält es für wahrscheinlich, daß er für diesen Gegenstand
die mehr populäre Form vorgezogen hätte[31].
[31] Neue Ausg. mit Eintheilung in dreizeilige Strophen, von Dümmler,
Poet. Lat. II, 125-135.
Es bleibt uns nun noch die Besprechung der Annalen übrig, wobei zu
bemerken ist, daß F. Kurze, während er die Autorschaft der großen
Reichsannalen Einhard entschieden abspricht, dagegen der Meinung ist,
er habe für sein Genter Kloster die sog. Annales Sithienses, für Fulda
die Fuldenses verfaßt.
§ 9. Die Reichsannalen.
MG. SS. I, 124-218; besonderer Abdruck 1845. Cod. Steinveld. (9) ist
jetzt Brit. Mus. Add. 21109. Frese, De Einhardi Vita et Scriptis
Specimen, Diss. Berol. 1845 (gegen die Autorschaft Einhards). O.
Abel, Einhards Jahrbücher, Berl. 1850. 1880 (Geschichtschr. 17,
IX, 2). L. Ranke, Zur Kritik fränkisch-deutscher Reichsannalisten,
Abh. der Berliner Akademie 1854 S. 415-435; vermehrt Ges. Werke
LI-LII. G. Waitz, Zu den Lorscher und Einhards Annalen, Goett.
Nachrichten 1857 S. 46-52. B. Simson, De statu questionis: sintne
Einhardi necne sint quos ei ascribunt, Annales Imperii, Diss.
Regiom. 1860. W. Giesebrecht, Die fränkischen Königsannalen und
ihr Ursprung, im Münchener Hist. Jahrb. (1864) S. 186-238. G.
Monod, Revue Crit. 1873 N. 42. Fr. Ebrard, Reichsannalen 741-829
u. ihre Umarbeitung, Forsch. XIII, 425-472. E. Dünzelmann,
Beiträge zur Kritik der Karol. Annalen, NA. II, 475-537. H.
v. Sybel, HZ. XLII, 260-288 (Kl. Schr. III, 1 ff). Entgegnung
Simsons, Forsch. XX, 205-214. Replik von Sybel, HZ. XLIII, 410.
Duplik v. Simson, Karl d. Gr. II, S. 604-611. Harnack, Das Karol.
u. das byz. Reich (1880), Excurs. Manitius, Die Ann. Sithienses,
Lauriss. min. u. Enharti Fuld. (Diss. Lips. 1881). Manitius,
Einhards Werke u. ihr Stil, NA. VII, 517-568. Is. Bernays,
Zur Kritik Karol. Annalen. Straßb. 1883. Dorr, NA. X, 241-305.
Nachwort v. Sybel S. 305 bis 307. Dorr, (Ann. Laur. 796-829 doch
von E.) XI, 475-488. Sybel dagegen S. 489. Horst Kohl (Ueberblick)
in G. Richters Ann. d. Deutschen Gesch. II. Abth. S. 697-714
(1887). B. Simson, Karl d. Gr. I (1888) S. 1-5, 657-664. Progr. v.
Seraphim, Fellin 1887 s. NA. XIII, 654. Bemerkungen von Manitius,
Mitth. d. Inst. X, 417 ff. (NA. XV, 211); ib. XIII, 225-238. Facs.
d. Wiener Hs. v. Ann. Einh. in E. Berners Gesch. d. pr. Staats,
I. 1890.
Die Bestrebungen der gelehrten Männer an Karls Hofe richteten sich
vorzugsweise theils auf das Studium der älteren Litteratur und die
formelle Ausbildung, theils auf theologische und philosophische
Probleme; mit geschichtlichen Forschungen beschäftigten sie sich
wenig. Dem Kaiser jedoch entging die Wichtigkeit derselben nicht,
er sorgte wenigstens dafür, das Andenken seiner eigenen Zeit zu
erhalten. Er verordnete, daß die Gesetze und die Beschlüsse der
Reichstage seiner Zeit in mehreren Exemplaren an verschiedenen Orten
sorgfältig aufbewahrt werden sollten; die Schreiben der Päbste
und der griechischen Kaiser an ihn, seinen Vater und Großvater
ließ er, im vollen Bewußtsein der überwiegenden Wichtigkeit dieser
Verhältnisse, in einem eigenen Buche zusammenfassen, dem _Codex
Carolinus_, dessen erster Theil uns noch erhalten, und eine der
wichtigsten Geschichtsquellen ist[1]. Außerdem aber vergaß er
auch nicht die Fürsorge, welche, wie wir oben (S. 126) sahen, das
karolingische Haus schon in früherer Zeit der Aufzeichnung seiner
Haus- und Landesgeschichte gewidmet hatte. Wie Paulus Diaconus in
seiner Geschichte der Bischöfe von Metz den Ahnherrn der Arnulfinger
verherrlichte, ist schon erwähnt. Dagegen finden wir keine Spur
davon, daß etwa die Fredegarische Chronik weitere Fortsetzungen
erhalten hätte, sie scheint vielmehr damals fast vergessen zu sein.
Es hatte aber inzwischen die anfangs so gar dürftige annalistische
Aufzeichnung schon begonnen, sich zu einer Art von Reichsgeschichte
auszubilden; es waren nach der § 3 entwickelten Ansicht hauptsächlich
die Bischöfe, vielleicht auch weltliche Große, welche bei der Pflicht
regelmässiger Theilnahme an den Reichstagen und Heereszügen das
Bedürfniß empfanden, die Reihenfolge der Begebenheiten übersehen zu
können, und deshalb ihre Kleriker zu Aufzeichnungen veranlaßten, die
nach und nach zusammenhängende Gestalt gewannen und aus anderen Annalen
auch in ihrem älteren Theile ergänzt wurden. Vorzüglich Chrodegang von
Metz (742 bis 766) scheint zu solcher Thätigkeit angeregt zu haben.
Unter den Annalen dieser Art zeichnen sich aber in ganz besonderer
Weise die sogenannten =Annales Laurissenses majores=[2] aus, welche
in gedrängter Kürze freilich, aber doch mit vollständiger Uebersicht
aller Begebenheiten die ganze Regierung Karls begleiten; schrieb man
früher ihren Ursprung dem Kloster Lorsch zu, wo die älteste Handschrift
gefunden ist, so können sie doch unmöglich dort oder überhaupt in der
stillen Zurückgezogenheit eines Klosters entstanden sein. =L. Ranke=
ist es, welcher zuerst mit sicherem Scharfblick dieses Verhältniß
erkannte, und jene Annalen zum Gegenstand einer eindringenden
Untersuchung machte, deren Resultate seitdem nicht nur fast allgemeine
Zustimmung gefunden, sondern auch in hohem Grade anregend auf die
weitere Forschung gewirkt haben. Aus der Abhandlung, welche einen
wichtigen Fortschritt für unsere Kenntniß der mittelalterlichen
Geschichtschreibung bezeichnet, erlaube ich mir die betreffende
Stelle wörtlich auszuheben[3]. Ranke sagt nämlich in Bezug auf diese
Jahrbücher: „Bei dem alten Annalisten fällt nun zweierlei auf, einmal,
was wir eben berührten, daß er große Unglücksfälle verschweigt; auch
von den inneren Stürmen, den dann und wann auftauchenden Verschwörungen
giebt er keine oder nur ungenügende Nachricht, -- sodann aber, daß er
über das, was er berührt, ausnehmend gut unterrichtet ist. Ein Mönch
in seinem Kloster konnte unmöglich die Dinge so genau erkunden, wie
sie hier beschrieben sind; wir haben Kloster-Annalen dieses Landes, aus
derselben Zeit, allein wie sehr sind sie verschieden! Sie berichten nur
das ganz Allgemeine der auffallendsten Thatsachen. Hier aber haben wir
einen Autor vor uns, der die Züge der Heere, ihre Zusammensetzung und
Führung, die einzelnen Waffenthaten kurz aber sicher angiebt, und der
auch von den Unterhandlungen bis auf einen gewissen Grad zuverlässige
Kenntniß hat. Niemand konnte über die Unternehmungen gegen Benevent
und Baiern so gute Nachrichten mittheilen, der nicht dem Rath des
Kaisers nahestand. Diese beiden Eigenschaften zusammen, gute Kunde und
große Zurückhaltung, scheinen fast auf eine officielle Abfassung zu
deuten, die aber freilich von einem Geistlichen herrühren müsste: jede
Phrase bezeichnet einen solchen. Es würde ein in den Weltgeschäften
erfahrener, und mit dieser Thätigkeit vielleicht speciell beauftragter
Geistlicher gewesen sein, der diese Notizen am Hofe selbst aufgesetzt
hätte; in rohem Stil, wie ihn die Zeit, welche der Einrichtung der
Hofschule voranging, wohl erlaubte; ein Mann der alten Art und Weise,
die sich hier durch die Nachwirkung der Ereignisse allein höher erhob
als je zuvor.“
[1] Sehr verdienstliche Ausgabe von Jaffé, Bibl. IV, 1-306, mit
den Briefen Leo's III S. 307-334. Es folgt noch eine Sammlung
Karolinischer Briefe S. 335-436. Phototypie einer Seite des Cod.
bei O. v. Heinemann, Wolfenb. Hss. I, S. 214. Neue Ausg. von
Gundlach MG. Epp. III, 469 bis 657, vgl. NA. XVII, 526-566.
[2] Früher auch =plebei= und =Loiseliani= genannt, 741-829, ed. Pertz
SS. I, 134-218. Hs. 7, von Pertz nicht benutzt, ist Paris. 5941 A
(NA. IV, 244); Hs. 8, früher dem Baron de Crassier gehörig, ist
jetzt Paris. 10911; nahe verwandt damit eine Petersburger, Lat.
F. Otd. IV, 4. NA. VII, 228.
[3] Abhandlungen der Berliner Akademie aus dem Jahre 1854, S. 434.
Ranke hat in diesen Worten eine Ansicht, die er mündlich bereits weiter
ausgeführt hatte, nur leicht angedeutet; die Ansicht, daß nicht nur
diese, sondern auch ein Theil der späteren Reichsannalen amtlicher
Natur waren, daß auf Veranlassung des Hofes die Zeitgeschichte
officiell verzeichnet wurde, und daraus die ungemein rasche und
bedeutende Entwickelung der Annalistik sich erklärt, welche später auch
anderen zum Vorbild diente, die nur aus eigenem Antrieb die Ereignisse,
welche sie erlebten, darzustellen versuchten.
Diese Thatsache selbst in ihrer Allgemeinheit, die Thatsache, daß
nach dem Vorgange Childebrands und Nibelungs auch Karl für eine
zuverlässige Aufzeichnung der Begebenheiten Sorge trug, daß daraus
die Jahrbücher entstanden, welche wie die Vorzüge, so auch die Fehler
und Schwächen aller officiellen Geschichtschreibung aufweisen, habe
ich früher geglaubt als erwiesen und anerkannt betrachten zu dürfen,
allein diese Auffassung hat seitdem in H. v. Sybel einen gefährlichen
Gegner gefunden. Er leugnet die Bedeutung der Reticenzen, die man
auch ebenso gut nur einem allzu lebhaften und loyalen Patriotismus
zuschreiben könne, und findet, daß der Verfasser doch nur sehr
oberflächlich unterrichtet gewesen ist. Er findet eben nichts darin,
was nicht ein Mönch des Klosters Lorsch mit Leichtigkeit habe in
Erfahrung bringen können. Das möchte auch ich nicht gerade leugnen,
nur habe ich von dem Klosterleben der damaligen Zeit eine andere
Vorstellung und kann nicht glauben, daß ein Mönch so anhaltend und in
so gleichmäßiger Weise durch viele Jahre hindurch der Erforschung und
Darstellung der weltlichen Vorgänge seine Aufmerksamkeit zugewandt
haben sollte. Und mit Recht bemerkt Bernays, daß er ja für diese
Annalen eine gleichzeitige Aufzeichnung vor 788 nicht annehme, und
daß für die vergangenen Jahrzehnte besagter Mönch doch schwer die
Kunde der Begebenheiten sich habe verschaffen können[4]. Am Hofe, das
möchte ich auch jetzt zuversichtlich behaupten, müssen die Annalen
geschrieben sein; was aber den amtlichen Charakter betrifft, so muß vor
allen Dingen betont werden, daß wir durchaus den unwillkürlich stets
sich einschleichenden Gedanken an Zustände und Verhältnisse unserer
Zeit zu verbannen haben, wo jedes officielle Wort sorgsam geprüft und
gesichert wird. In solcher Weise amtlich sind die Lorscher Annalen
gewiß nicht gewesen, und in dieser Beziehung kann ich H. v. Sybel
u. Bernays[5] vollkommen zustimmen. Wenn wir aber doch wissen, daß
Pippins nächste Angehörige dergleichen Aufzeichnungen veranlaßten,
und daß eine Annalistik dieser Art im Westfrankenreiche unzweifelhaft
bestand, wenn wir lesen, daß Smaragd, der 843 gestorben ist, von der
uralten und bis auf seine Zeit bestehenden Sitte der Könige redet,
die Begebenheiten ihrer Zeit aufzeichnen zu lassen[6], so kann ich mir
nicht vorstellen, daß Karl nicht ebenfalls dafür Sorge getragen habe.
Darunter verstehe ich aber nur, daß er einen solchen Auftrag ertheilte,
und daß man nun ein Buch hatte, welches in der Kanzlei verwahrt und
gelegentlich vom Könige selbst angesehen wurde, wie wir durch einen
Brief Hinkmars wissen, daß Karl der Kahle die Annalen des Prudentius
bei sich hatte, wie später auch Friedrich I die ihm übersandte
Chronik des Otto von Freising benutzte. Es ist dabei durchaus nicht
ausgeschlossen, daß nicht einmal Jahre lang die Arbeit liegen blieb und
der betreffende Autor auch manchmal nachlässig und flüchtig arbeitete.
Eine amtliche Nachprüfung seiner Arbeit wird nicht stattgefunden haben.
Hinkmar sagt ausdrücklich, daß die Jahrbücher des Prudentius schon in
vieler Menschen Hände gekommen seien, und da eine Einwirkung auf die
öffentliche Meinung beabsichtigt war, wird an Geheimhaltung nicht zu
denken sein.
[4] Zur Kritik karol. Annalen S. 171. Waitz machte gegen den Lorscher
Ursprung auch geltend, dass der dort schreibende Vf. der Laur.
min. sie nicht gekannt habe, aber das bestreitet wieder Pückert.
[5] S. 169 ff.
[6] Smaragdi Praef. V. S. Bened. Anian. angeführt von Dümmler,
Ostfr. I, 877: „Perantiquam siquidem fore consuetudinem hactenus
regibus usitatam, quaequae geruntur acciduntve annalibus tradi
posteris cognoscenda, nemo ut reor ambigit doctus.“ Ueber Eckharts
verfehlte Vermuthung, daß die Annalen von den Kanzlern verfaßt
wären, während er den officiösen Ursprung richtig erkannte, s.
Sickel Acta Karol. p. 83.
Sicher ist es nicht dieses Buch gewesen, welches der Verfasser der Vita
Rigoberti meinte, als er über Karl Martell schrieb: „De hoc etenim,
non rege sed tyranno, ita legitur ad locum in Annalibus diversorum
regum: Iste Karlus omnibus audacior episcopatus regni Francorum laicis
hominibus et comitibus primum dedit, ita ut episcopis nihil potestatis
in rebus ecclesiarum permitteret[7]“. Diese Stelle ist bisher nur
nach dem Auszug in Flodoards Hist. Rem. II, 12 angeführt und deshalb
gänzlich mißverstanden worden. Der Verfasser stand der Zeit, über
welche er schrieb, schon sehr fern, und kann nicht sehr viel älter
sein, als Flodoard selbst; er wird vermuthlich eine jüngere Compilation
benutzt haben.
[7] Acta SS. Jan. I, 177.
Anders verhält es sich mit der von Simson (S. 33) aus Hincmar de
villa Novilliaco angeführten Stelle über den Beginn der Regierung
Karls und Karlmanns „sicut in annali regum scriptum habemus“. Sie
findet sich wörtlich in den Ann. Lauriss. mit Ausnahme eines Satzes,
der aus der Cont. Fred. mit Leichtigkeit zu entnehmen war. Hincmar
kann also eine der Bearbeitungen der Lauriss. vor sich gehabt haben,
und ob er hier eine amtliche Quelle hat bezeichnen wollen, ist ganz
zweifelhaft. Abgesehen also von der Frage, ob und wie weit den Ann.
Lauriss. ein amtlicher Charakter beizulegen ist, bleibt die Frage,
ob es noch außerdem, wie Bernays behauptet, Hofannalen, ein Werk
von viel größerer Bedeutung und Zuverlässigkeit, gegeben habe, eine
ungelöste und vermuthlich unlösbare; mir wenigstens scheint der Beweis
der Existenz nicht geführt, wenn ich auch nicht mit H. v. Sybel den
bekannten Worten Einhards am Eingang seiner Biographie über den Mangel
einer Aufzeichnung der Thaten Karls ein solches Gewicht beilegen
möchte, daß er nicht einmal die Ann. Lauriss. gekannt haben dürfte. Dem
Versuch aber, die in ihnen nicht enthaltenen Nachrichten, welche hier
oder da einmal auftauchen, für dergleichen Hofannalen in Anspruch zu
nehmen, vermag ich eine ernsthafte Bedeutung nicht beizumessen; meiner
Meinung nach hätte ein solches Werk, wenn es wirklich vorhanden war,
deutlichere Spuren hinterlassen müssen.
Indem ich nun also an einer gewissen Beziehung der Lauriss. oder
Königsannalen zum Hofe festhalte, habe ich jetzt der Frage über ihre
Abfassung näher zu treten. Schon L. Giesebrecht[8], dann B. Simson
haben den Beweis geführt, daß die Annales Laurissenses, wie sie uns
jetzt vorliegen, nicht gleichzeitig Jahr für Jahr entstanden sind,
was Pertz nur für den ersten Theil bis 768 zugab, und W. Giesebrecht
hat in der angeführten Abhandlung diesen Punkt als sichergestellt
angenommen, die Abfassung des ganzen zusammenhängenden ersten Theils
um das Jahr 788 behauptet und dafür allgemeine Zustimmung gefunden[9].
Er knüpft daran die Frage nach der Veranlassung zu einem solchen
Werke, und findet dieselbe in dem eben damals eingetretenen, für
Karls Reich hochwichtigen Ereigniß, der Entsetzung des Baiernherzogs
Tassilo, dessen Verhalten gegen die Franken durchweg mit auffallender
Ausführlichkeit behandelt ist; er glaubt deshalb auch die Entstehung
des Werkes in Baiern suchen zu müssen und erkennt den Urheber in dem
Bischof Arn von Salzburg, dem am meisten daran gelegen sein mußte,
diese Vorfälle aufzuklären und sein früheres Verhalten, sowie seinen
Anschluß an die Franken zu rechtfertigen, während kaum ein anderer
so vollständig in diese Verhältnisse eingeweiht war. Auch die noch
rohe und fehlerhafte Sprache kann bei ihm oder bei einem Geistlichen
seiner Umgebung nicht auffallen, während sie am Hofe auch damals schon
befremdlich wäre.
[8] Wendische Geschichten III, 283.
[9] Doch behauptet Manitius, Mitth. d. Inst. XIII, 225-232, die
Abfassung im J. 795.
Diese Beweisführung Giesebrechts ist allerdings sehr gewinnend, und
daß der Sturz des bairischen Herzogs zu dieser officiösen Darstellung
der Reichsgeschichte den Anstoß, einem guten Theil derselben die
Färbung gegeben, scheint einzuleuchten; auch ist die dienstbeflissene
Gesinnung des Schreibers, seine durchgängige Verherrlichung des
Königs augenscheinlich. Allein die Autorschaft Arns vermag ich weder
mit dem Bericht über seine Sendung nach Rom 787 zu vereinigen, noch
kann ich glauben, daß jemand, der auch über lange vergangene Dinge
so gut unterrichtet war, nicht zu den älteren Räthen des Königs
gehört haben sollte. An solchen Materialien, wie Giesebrecht sie
für Arn nachzuweisen sucht, den Ann. S. Amandi und Petaviani nebst
dem Verzeichniß der Orte, wo Karl Ostern gefeiert, hätte Arn wenig
Anhalt gefunden; ein alter Hofbeamter aber, dessen Gedächtniß noch in
Pippins Zeit reichte, konnte dergleichen zum chronologischen Leitfaden
benutzen, und daneben verwerthen, was von allerhand Aufzeichnungen
in der Kanzlei doch vorhanden gewesen sein muß; denn das Gedächtniß
allein wird kaum ausgereicht haben. Mit Recht hebt M. Manitius[10] die
Vertrautheit des Autors mit der Rechts-und Urkundensprache, die vielen
romanischen Wörter, die Benutzung von Actenstücken hervor, wodurch sich
auch irrige Angaben über angesagte, später aber verlegte Festfeiern
erklären. Denken könnte man z. B. an Angilram von Metz (769-791),
welcher Paulus Diaconus zur Bischofsgeschichte von Metz, den Diacon
Donatus zur Abfassung der Lebensbeschreibung des h. Trudo veranlaßte
und jetzt Erzkaplan des Königs war[11]. Ihn könnte man sich in ähnlicher
Stellung zu dem gewiß nicht leichten Unternehmen vorstellen, wie einst
Childebrand und Nibelung. Daß ihm dabei die Fortsetzungen Fredegars
fehlten, ist auffallend, wäre es aber für Arn, wenn ihm doch sonst
so gute Quellen zu Gebote standen, nicht minder. Auch fällt das
Hauptgewicht bei diesen Annalen offenbar auf Karls eigene Regierung.
Ihm also glaube ich die Anregung zu diesem Werke, welchem wir die
eingehende Kunde von seiner Thätigkeit wesentlich verdanken, nach
Ranke's Vorgang vindiciren zu müssen; als Privatarbeit in Salzburg
kann es nicht entstanden sein. Das ältere Material aber, was hier
verarbeitet ist, wird eben durch diese bequeme Zusammenfassung, die
späterhin auch sprachlich und stilistisch noch zeitgemäß überarbeitet
wurde, bald verdrängt und in Vergessenheit gebracht sein, besonders
wenn es nur in der königlichen Kanzlei vorhanden war, während
sich hin und wieder in Domstiftern und Klöstern zufällig auch viel
unbedeutendere Sachen erhielten.
[10] Mitth. d. Inst. X, 417 ff., vgl. Bresslau, NA. XV, 211. Auch
Mitth. XIII, 225-232.
[11] Ueber ihn vgl. L. Oelsner in der Deutschen Allg. Biogr. I, 460.
Nimmt man die Abfassung erst 795 an, so ist natürlich diese
Vermuthung hinfällig.
Abweichend hiervon hat Dünzelmann versucht nachzuweisen, dass um das
Jahr 780 eine Compilation entstanden sei, welche auf einer Combination
Fredegars mit eigenartigen Nachrichten beruhe, und für die Zeit Pippins
von nicht unbedeutendem Werthe sei; diese verlorene Quelle sei uns
in den Annales Mettenses zum großen Theil erhalten, und in den Ann.
Lauriss. majores und minores benutzt[12]. Indem er vorzugweise nach
sprachlichen Gesichtspunkten die Annalen untersucht, findet er, daß der
erste Abschnitt derselben von 741-791 reiche, der zweite von 792-796,
wo in fast allgemeiner Uebereinstimmung ein Abschnitt angesetzt wird.
Doch behauptet wieder Bernays, daß nur bei 789 und 801 ein Wechsel der
Verfasser anzunehmen sei.
[12] Diese Annahme ist von Waitz gebilligt, aber mit der wichtigen
Modification, daß es bis 805 reichte und aus den Lauriss. maj.
geschöpft war, s. unten.
In der leider verlorenen Lorscher Handschrift schloß sich nun
eine Fortsetzung bis 793 an, die nur ein Bruchstück aus den Ann.
Laureshamenses ist. In den übrigen Handschriften sind die nächsten
Jahre zum Theil auffallend kurz, übrigens aber in wenig veränderter
Weise und vermuthlich von demselben Autor behandelt[13], die
Verschwörung Pippins 792 ist in derselben höfischen Weise, die wir
aus dem ersten Theile kennen, ganz verschwiegen. Manitius findet
hier noch dieselbe Ausdrucksweise, wie im früheren Theile, und auch
noch Spuren derselben compilatorischen Thätigkeit, welche er für den
Anfang nachweist. Dann tritt mit dem Jahre 796 ein völlig veränderter
Stil, eine neue Art der Auffassung ein, und diese Fortsetzung fließt
nach der Ansicht von Pertz allmählich so vollständig zusammen mit
=Einhards= Werk, daß seine Hand auch im Anfang nicht zu verkennen sei.
„Nachher, sagt auch Ranke, mußte die Historiographie in litterarisch
geschicktere Hände kommen, wie die Einhards waren, der die alten
Annalen überarbeitete und neue abfaßte, wie es scheint im Palast zu
Aachen in eben den Jahren, von denen er handelte.“ Während der Arbeit
selbst schritt er an Bildung und namentlich an Gewandtheit in der
Sprache und Darstellung weiter vor, und fand zuletzt die alten rohen
Jahrbücher und seine eigene Arbeit so ungenügend, daß er sie noch
einmal überarbeitete. Ueber die Art wie dies geschah, genügt es, auf
Ranke's Untersuchung zu verweisen. Nicht die tief eindringende Kenntniß
der früheren Geschichte war es, die ihn auszeichnete, oder die ihn zu
dieser Arbeit veranlaßte; seine Arbeit war vorzugsweise stilistisch,
und nicht selten hat er dadurch auch beachtenswerte Züge des älteren
Annalisten verwischt: ja er hat an einigen Stellen eine unrichtige
Auffassung der Ereignisse hineingetragen, weil er die ihn erfüllende
Vorstellung von der alles andere überragenden Hoheit des Kaisers
unwillkürlich auch schon auf die früheren Zeiten übertrug. Wichtig aber
ist uns dennoch auch seine Ueberarbeitung nicht nur wegen einzelner
Zusätze, und weil es für uns Werth hat, auch seine Auffassung kennen
zu lernen, sondern auch deshalb, weil er so wenig zu ändern fand; die
alten Lorscher Annalen, sagt Ranke, erhalten dadurch eine nicht geringe
Beglaubigung, daß Einhard, was die Sache anbelangt, nur eine und die
andere Einschaltung über ein Paar einzelne merkwürdige Begebenheiten
beizubringen hatte.
[13] So Waitz und W. Giesebrecht, während Pertz schon 788 die
Fortsetzung Einhards beginnen läßt, Dünzelmann eine zweite
Fortsetzung 792 bis 796 annimmt. Gegen Giesebrecht bemerke
ich, daß 792 nicht von einer Brücke über die Donau, sondern von
beweglichen Pontons für den Feldzug die Rede ist.
Einhards eigene selbständige Arbeit reicht nach Ranke bis zum Jahre
829, bis zu der Zeit, wo er sich vom Hofe zurückzog, voll Trauer über
die zunehmende Verwirrung und Auflösung des Reiches. Für solche Zeiten
war weder er selbst noch seine Feder geeignet. Mit ruhiger Würde
hatte er, so lange das Reich nach den kriegerischen Zeiten des achten
Jahrhunderts für immer befestigt schien, und durch den gewaltigen
Kaiser auch noch von seinem Grabe aus zusammengehalten wurde, Jahr für
Jahr die Ereignisse registrirt: den helleren feiner gebildeten Zeiten
verlieh sein reines fehlerfreies Latein den angemessenen Ausdruck, und
kurz und gedrängt zwar, aber doch vollständig in allem wesentlichen
liegt die Reichsgeschichte in seinen Jahrbüchern vor uns, in edler
Einfachheit, frei von aller Leidenschaft und Parteilichkeit. Als es
unmöglich wurde, inmitten der heftig erbitterten Feinde in solcher
Weise fortzufahren, da überließ er anderen die Fortsetzung seines
Werkes.
Ich habe diese Stelle aus der ersten Ausgabe unverändert gelassen,
weil sie die durch Pertz herrschend gewordene Ansicht ausdrückt, und
weil die Autorschaft Einhards, wenn auch nicht gesichert und durch
wiederholte Angriffe zweifelhaft gemacht, doch nicht mit Sicherheit
widerlegt ist, wie denn auch Ebrard es nicht unwahrscheinlich findet,
daß Einhard die Fortsetzung verfaßt habe. Neuestens haben Monod und
Dünzelmann, H. v. Sybel und Bernays in entschiedenster Weise die
Möglichkeit von Einhards Autorschaft geleugnet, während Manitius und
Dorr auf sprachliche Untersuchung gestützt sich dafür aussprechen.
Dabei fällt vorzüglich die Frage ins Gewicht, ob der nach dem Muster
der Alten gebildete Stil und der im Verhältniß zum achten Jahrhundert
so sehr viel reichere Wortschatz ausschließlich für Einhard Zeugniß
ablegen und als sein besonderes Werk zu betrachten sind, und ich kann
mich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß durch die Untersuchungen
von Dorr und Manitius fast bis zu voller Evidenz nachgewiesen ist,
nur in diesen Annalen und im Leben Karls finde sich dieser, aus einer
großen Anzahl alter Autoren mit unvergleichlicher Sorgfalt gesammelte
Wortschatz, diese Mannigfaltigkeit der Satzbildung. Es ist aber auch
bei dieser Untersuchung niemals außer Acht zu lassen, daß Einhard
nicht eigentlich Historiker, seine Aufmerksamkeit in weit höherem Grade
der Formvollendung, als der geschichtlichen Bedeutung der Thatsachen
zugewendet war, wie wir es ähnlich auch bei Lambert beobachten können.
Daß Einhard der Verfasser dieser Annalen sei, hatte zuerst Du Chesne
behauptet, gestützt auf eine Stelle in der Translatio S. Sebastiani, wo
Einhard ausdrücklich als Verfasser eines Annalenwerks unter dem Titel:
_Gesta Caesarum Caroli Magni et filii ipsius Hludowici_ genannt und
eine Stelle daraus angeführt wird, welche sich in unseren Annalen beim
Jahre 826 wiederfindet[14]. Dieses Zeugniß aus dem zehnten Jahrhundert
schien bedeutend genug, um die dagegen geltend gemachten kleinen
Widersprüche zwischen den Annalen und Einhards Vita Caroli übersehen
zu können: man darf von jener Zeit nicht die Genauigkeit der Arbeit
und des Ausdrucks verlangen und findet sie auch nicht, welche heutiges
Tages gefordert wird. Auch wurde für keinen anderen Namen auf dieses
bedeutende, seit alter Zeit bekannte und viel benutzte Werk Anspruch
gemacht; Stil und Auffassung schienen für Einhard wohl zu passen. Auch
in der neuesten Untersuchung von W. Giesebrecht ist dieses zugegeben;
die ruhige völlig objectiv gehaltene Darstellung, in welcher die bis
dahin stets wiederholten preisenden Beiwörter Karls verschwinden, die
an Einhards Werke erinnernde Reinheit der Sprache, scheinen auch ihm
die Autorschaft desselben wahrscheinlich zu machen, allein bei dem Tode
des Kaisers ist nach seiner Ansicht eine Unterbrechung eingetreten,
die weitere Fortsetzung von der vorhergehenden zu scheiden. Fragen wir
nach der Begründung dieser Behauptung, so beschränkt sich dieselbe
wesentlich darauf, daß die fragmentarische Handschrift Christ. 617
mitten in der Erzählung des Jahres 813 abbricht[15] und in dieser
unfertigen Gestalt einmal abgeschrieben worden ist, während ein anderer
Schreiber sich auf das Leben Karls des Großen beschränkte, gerade so
wie Pithou das zweite Buch von Ademars Chronik abgesondert vorfand und
als Leben Karls vom Monachus Engolismensis herausgab. Allerdings soll
auch im Ausdruck eine Verschiedenheit bemerklich sein, die aber wenig
bedeutend ist; es fällt ferner auf, daß die Wunder des h. Sebastianus
im Medarduskloster zu Soissons sehr gepriesen, die von Einhard so
hoch geschätzten Reliquien seiner Heiligen kaum genannt werden.
Die chronologischen Schwierigkeiten jedoch, welche sich an diese
Uebertragung der hh. Marcellinus und Petrus anknüpfen, hat Giesebrecht
selbst zu beseitigen versucht, und der Bescheidenheit Einhards,
vielleicht auch seiner so gerühmten Klugheit gegenüber dem mächtigen
Hilduin, mochte jene kurze und doch immer rühmende Erwähnung um so
eher genügen, da er gerade mit einer besonderen Schrift über diesen
Gegenstand beschäftigt war.
[14] „Agenardus cognomento Sapiens, ea qui tempestate habebatur
insignis, huius reverentissimi coelicolae mentionem in Gestis
Caesarum Caroli Magni et filii ipsius Hludowici faciens, inter
alia quae annotino cursu dictabat, non inoperosum duxit mortalia
acta immortali astipulatione roborare ita dicens“ etc. -- Diese
bestimmte Angabe gerade aus dem Medarduskloster darf man doch
nicht zu gering anschlagen, sie kann recht wohl auf wirklicher
Tradition beruhen. Der Verfasser =Odilo= widmet sein Werk (Mab.
Actt. IV, 1, 383-410), welches freilich schwülstig und nicht
allzu zuverlässig, aber doch für die Zeit Ludwigs des Frommen
nicht unwichtig ist und auf der älteren Schrift des Probstes
Rodoin beruht, dem Decan =Ingramnus=, der nach Flod. 932 Bischof
von Laon wurde. Ein Brief von ihm an Hucbald, worin er der
Mir. S. Seb. gedenkt, bei Mart. Coll. I, 266. Auch die Autorschaft
des Prudentius und Hincmar für die späteren Annalen beruht auf
je einem Zeugniß, womit ich nicht, wie man mich mißverstanden
hat, sagen will, daß sie zweifelhaft sei, sondern daß auch hier
nur ein ausdrückliches Zeugniß sich erhalten hat. Auszüge aus
der _Translatio S. Sebastiani_ von Odilo giebt Holder-Egger, SS.
XV, 377-391; dann S. 391-395 aus der früher irrig ebenfalls dem
Odilo zugeschriebenen _Translatio SS. Tiburtii, Marcellini et
Petri_, die er als betrügliches Machwerk des 11. Jh. nachweist.
-- _Annales S. Medardi_ a. 497-987 und Auszüge aus der Fortsetzung
bis 1249 ed. Waitz, SS. XXVI, 518-522.
[15] Nach der Beschreibung MG. I, 129 scheint es, daß die Handschrift
am Schluß wie am Anfang unvollständig ist und einst weiter
reichte.
Auch jetzt kann ich, wie gesagt, nicht umhin, die Gründe für Einhards
Autorschaft als überwiegend anzusehen; die Verschiedenheit einzelner
Theile kann durch eingetretene Unterbrechung und flüchtigere Arbeit
Erklärung finden. Dünzelmann meint, daß die vortreffliche Darstellung
von 797 bis zur Mitte des Jahres 801 von Einhard herrühren, die
Ueberarbeitung der Annalen bis dahin in den ersten Jahren des neunten
Jahrhunderts von ihm verfaßt sein müsse, weil nur er so habe schreiben
können und wir von ihm kein anderes Werk vor der Vita Caroli kennen,
die nicht sein Erstlingswerk sein könne.
In der Mitte des Jahres 801 aber setzt er, und hierin hat er allgemeine
Zustimmung gefunden, einen Abschnitt an[16]; nur so weit waren die
Annalen dem Poeta Saxo bekannt, und nur so weit reicht auch die
Ueberarbeitung. Die folgende dritte, erheblich schlechtere Fortsetzung
reicht nach Dünzelmann bis 806, eine vierte bis 815, die fünfte bis
820, worauf der Schluß bis 829 wieder von anderer Hand sei; Bernays
dagegen will zwischen 801 und 829 keinen Wechsel zugeben. Müßten
wir in der That auf die Kenntniß der Persönlichkeit verzichten und
andererseits doch den höfischen Ursprung festhalten, so scheint mir mit
dieser Unterscheidung sehr wenig gewonnen zu sein.
[16] Monod läßt hier überhaupt erst einen neuen Autor eintreten und
ist nicht abgeneigt, Angilbert darin, etwa bis 813, zu erkennen,
da dessen Name wiederholt genannt werde.
Von der Ueberarbeitung, den sogenannten _Annales Einhardi_, war
schon oben S. 197 die Rede; es konnte nicht anders sein, als daß
der Anfang der alten Annalen dem feiner entwickelten Sprachsinn
geradezu unerträglich erschien. Es hat aber Dünzelmann wohl richtig
bemerkt, daß diese Bearbeitung nur bis 801 reicht und auch damals
ausgeführt sein wird; die Uebereinstimmung mit einzelnen Stellen in
Einhards Vita Caroli wird dann einfach durch Benutzung der Annalen in
dieser zu erklären sein[17]. Bei dieser Bearbeitung haben sich einige
Mißverständnisse eingeschlichen, es sind aber auch nicht unbedeutende
neue Thatsachen hinzugekommen und es ist wahrscheinlich, daß hierfür
auch schriftliches Material benutzt ist[18], wozu Pückert (S. 157
ff.) das gleich zu erwähnende verlorene Werk bis 805, Kurze die bis
796 reichende Quelle desselben rechnet. Pückert (S. 167 ff.) hebt
die seltsame Eigenheit des Verfassers hervor, die Ereignisse in ganz
unzulässiger Weise als übermäßig beschleunigt darzustellen, und ferner,
daß in höherem Maaße, als es den Thatsachen entspricht, Karl als der
stets allein wissende und handelnde hervortritt.
[17] S. die Zusammenstellung bei B. Simson, De statu etc. p. 44-52.
Derselbe weist Forsch. XIV, 136 Benutzung des Livius nach. Fr.
Kurze, NA. XVII, 125, nimmt Bearbeitung erst um 820 u. also
Benutzung der Vita in den Annalen an.
[18] W. Giesebrecht a. a. O. S. 216. Die Benutzung des fortgesetzten
Fredegar 759, 760 vermag ich aber nicht zu erkennen. Vgl. auch
Bernays S. 151. -- Manitius, Mitth. XIII, 232-238, unterwirft
einige Stellen einer für Einhard ungünstigen Kritik.
Wir sehen also hier, wie man schon von der einfachen und schmucklosen,
nur auf den sachlichen Inhalt gerichteten Aufzeichnung der
Zeitbegebenheiten fortschritt zu litterarischer Bearbeitung. Natürlich
mußte, da die Reichsannalen erst mit 741 begannen, der Wunsch lebendig
werden, auch für die vorhergehende Zeit, über welche nur ein sehr
ungenügendes und schwer genießbares Material vorlag, ein Handbuch zu
gewinnen, welches den Zusammenhang mit der Weltgeschichte herstellte.
Gerade auch um das Jahr 801 ist ein solches verfaßt[19], und da es nur
bis 741 reicht, liegt die von Waitz ausgesprochene Vermuthung nahe,
daß es zur Ergänzung der Reichsannalen bestimmt war. Doch finden
wir es handschriftlich nicht mit ihnen verbunden; es scheint keine
große Verbreitung gefunden zu haben, da das schwierige Unternehmen
doch nur sehr unvollkommen gelang und die Sprache des Verfassers
durch ihre Unbehülflichkeit und Fehlerhaftigkeit verräth, daß er der
früheren Barbarei wohl entwachsen, aber doch von der höheren Bildung
eines Einhard noch weit entfernt war. Doch verdient er ohne Zweifel
Beachtung und Anerkennung: es ist, wie Waitz bemerkt, die erste
Weltchronik, die seit Fredegar im fränkischen Reich geschrieben wurde.
Dieses Werk, dessen wir oben (S. 129) schon kurz gedachten, ist in
zwei Handschriften erhalten, welche stark von einander abweichen,
und es scheint, daß der Verfasser selbst sein Werk überarbeitet und
mit weiteren Zusätzen aus seinen Quellen vermehrt hat. Er legte
die kurze Chronik des Beda zu Grunde, in welche er Auszüge aus
Hieronymus, Orosius, Fredegar mit den Fortsetzungen und den Gesta
Francorum einschob, weiterhin benutzte er auch Isidor, den Liber
pontificalis, und die Annales Mosellani et Laureshamenses. Die wenigen
ihm eigenthümlichen Stellen zeigen Verwandtschaft mit den Annales
Flaviniacenses, welche sich in derselben Hs. befinden, und da hierzu
auch die Nachricht von der Zerstörung der Stadt Autun durch die
Sarracenen 725 gehört, so ist die Vermuthung gerechtfertigt, daß der
Verfasser im Sprengel von Autun, vielleicht eben in Flavigny, lebte.
[19] _Chronicon universale_ bis 741, ed. Waitz, MG. SS. XIII, 1-19.
Vgl. B. Simson: Die überarbeitete und bis 741 fortgesetzte Chronik
des Beda, Forsch. XIX, 97-135. Waitz, Weltchronik bis 741, NA. V,
475-491.
Diese Chronik bildet in einer Hs. den Anfang der schon oben S. 146
erwähnten Annales Maximiani, welche jedoch keine innerliche Verbindung
mit ihr haben, und ist in ihrer älteren Form großentheils aufgenommen
in das Chronicon Moissiacense.
Eine andere, im J. 805 oder vielleicht 806 abgeschlossene Compilation
ist uns nicht im Original erhalten, aber aus verschiedenen Ableitungen
nach und nach mit wachsender Sicherheit kenntlich geworden. In
Beziehung dazu stehen verschiedene, erst in neuerer Zeit zum Vorschein
gekommene Bruchstücke von Bearbeitungen der Reichsannalen. Dazu
gehören die Wiener Blätter von 784 und 785[20], welche nebst einem
aus Werden stammenden Fragment in Düsseldorf von 759 bis 762, von
Pertz, der sie irrig für ursprüngliche Aufzeichnungen hielt, SS. XX,
1-15 als _Fragmenta Werthinensia_ gedruckt sind. Hiermit verwandt ist
ein anderes in Bern von Gerold Meyer von Knonau gefundenes Fragment
von 783 bis 785[21]. Diesen beiden Versionen muß schon eine ältere
zu Grunde gelegen haben, und diese glaubt Giesebrecht (Forsch. XIII,
627 bis 633) gefunden zu haben in einem Bruchstück von 769 bis 772,
welches J. Bächtold im Anzeiger für Schweizerische Geschichte 1872
S. 245-246 veröffentlicht hat. Es enthält die Capitelzahlen 56 bis
59, woraus Giesebrecht auf ein größeres Werk schloß, welches bis 714
rückgreifend, mit Benutzung des Fredegar im J. 802 ausgearbeitet,
auch in den Annales Mettenses benutzt wurde, und mit einer in diesen
erhaltenen eigenthümlichen Fortsetzung von 803 bis 805 versehen war.
Wegen einiger Beziehungen auf Reichenau vermuthete Giesebrecht in
Haito den Verfasser dieses Werkes, aber diese Stellen gehören nur
den Annales Mettenses an und sind aus Regino entlehnt. Dagegen ist
durch weitere Untersuchung festgestellt, daß dieses Werk, in seinen
älteren Theilen auf den Fortsetzungen des Fredegar beruhend, weiterhin
aus den Reichsannalen geschöpft ist, aber durch einige Zusätze und
namentlich durch die Fortsetzung sehr werthvoll. Pückert[22], welcher
sich sehr eingehend damit beschäftigt hat, hebt namentlich (S. 165)
die Nachrichten über Grifo hervor, welche seiner Ansicht nach von hier
in die Annales Einhardi übergegangen sind. Er sucht den Ursprung in
Saint-Denis nachzuweisen, und nimmt eine Ueberarbeitung in Metz um
900 mit Zuziehung der Vita Caroli an, welche den Ann. Mett. und auch
dem Poeta Saxo zu Grunde liege. Benutzung dieses Werkes ist außer in
den Mettenses nachgewiesen in den Ann. Lauriss. minores, Lobienses,
Guelferbytani, im Chron. Vedastinum und Moissiacense, Fontanellense,
und Waitz hat SS. XIII, 26-33, die erwähnten Fragmente nebst dem
betreffenden Abschnitt der Annales Mettenses herausgegeben[23].
[20] Cod. 334, zuerst in der zweiten Ausgabe dieses Buches S. 540
gedruckt.
[21] Forsch. VIII, 631-633. Dagegen sind die 6 Blätter des Cod. Vat.
Christ. 263 (Arch. XII, 272) irrthümlich hierher gezogen, sie
gehören zu Ademar, s. NA. II, 330.
[22] Ueber die kleine Lorscher Frankenchronik, ihre verlorene Grundlage
u. d. Ann. Einh. (Ber. d. Sächs. Ges. d. Wiss. 1884).
[23] _Annalium veterum fragmenta_, partim ex Mettensibus desumpta,
769 bis 805. Früher waren von Pertz nur Stücke der Mett. als
Zusätze zum Text der Laur. maj. abgedruckt, irreführend, weil dort
auch schon Regino benutzt ist. Vgl. Heigel: Ueber die aus den
alten Murbacher Ann. abgeleiteten Quellen, Forsch. V, 397-403.
Waitz: Ueber das Verhältniß der Ann. Mett. zu anderen Annalen,
Forsch. XX, 385-394. Simson: Ueber die verlorene Quelle der
Ann. Mettenses, ib. S. 395-400, nebst der gleich anzuführenden
Abhandlung von Waitz. Bernays, S. 69 ff., der auch den Poeta Saxo
und natürlich die Hofannalen heranzieht, und weitere Fortsetzung
vermuthet. Waitz nahm SS. XIII, 26, Anm. 6, Benutzung der
Lauriss. nur bis 788 an, erstreckt sie aber in der Abh. über die
Lauriss. min. S. 408, mindestens auf 789. Ranke, Weltgesch. V, 2,
292-306, hebt sehr nachdrücklich den Werth der in den Ann. Mett.
enthaltenen Nachrichten über die Arnulfinger hervor, wenn sie auch
für die älteste Zeit sagenhaft gefärbt sind.
Neuestens hat nun Fr. Kurze[24], an diese Ergebnisse anschließend,
hervorgehoben, daß aus den uns bekannten Bruchstücken dieser
Compilation sich doch nicht alle Nachrichten in den Ableitungen
belegen lassen, namentlich nicht in den Fulder Annalen, weshalb man
genöthigt war, eine unwahrscheinliche Heranziehung verschiedener
Quellen anzunehmen. Er kommt dadurch zu der Schlußfolgerung, daß
schon um 796 aus den Fortsetzungen des Fredegar, den Reichsannalen
und anderen Quellen, der Vita Bonifatii, dem Pabstbuch, ein
ausführlicheres werthvolles Werk zusammengestellt sei, welches in
der Compilation von Saint-Denis nur auszugsweise enthalten sei. Es
ist nach Kurze kein anderes, als das schon S. 146 erwähnte, in den
Ann. Maximiani kenntliche, welches auch den Ann. Sithienses zu Grunde
liegt. Als ein Stück dieses verlorenen Werkes betrachtet er auch das
Fragmentum Chesnii, als eine Ableitung die Continuatio Romana der
Langobardengeschichte des Paulus Diaconus. Indem wir nun den Scharfsinn
des Verfassers dieser Untersuchungen vollkommen anerkennen, können
wir ihm doch durchaus nicht folgen, wenn er (S. 128) in diesem, seiner
Ansicht nach sehr bedeutenden Geschichtswerk das oben (S. 149) erwähnte
verlorene Werk des Crantz erkennen will, da Aventins Angabe über den
Inhalt desselben durchaus nicht dazu paßt.
[24] Ueber die Ann. Fuldenses, NA. XVII, 117 ff.
Vermissen wir nun hier irgend eine gesicherte locale Anknüpfung,
so werden wir dagegen bestimmt nach Lorsch gewiesen durch die
=Annales Laurissenses minores=, welche jedoch Waitz jetzt als die
kleine Lorscher Frankenchronik bezeichnet hat[25], ein mageres, nach
Regentenjahren geordnetes Compendium der Geschichte des Frankenreiches,
an Beda sich anlehnend und ganz aus der oben erwähnten Compilation
bis 805 geschöpft, mit Ergänzungen aus den Ann. Laureshamenses und
einigen Erweiterungen und Zusätzen; nach Kurze bis 789 aus der von ihm
angenommenen Quelle. Nur das Jahr 806 gehört nach Waitz dem Verfasser,
wenn er nicht doch vielleicht auch dieses schon in der Compilation
fand. Die als Regierungsjahre betrachteten, überaus ungenauen Zahlen
hält Pückert für Abschnitte, die vielleicht schon in der Vorlage
gewesen, wodurch der Vorwurf großer chronologischer Verwirrung
beseitigt würde[26]. Er hebt ferner die ausserordentlich starke, gegen
die Vorlage noch sehr verstärkte kirchliche Färbung, die Betonung der
geistlichen Autorität und Leitung hervor, was der Strömung der Zeit
entspricht. -- Von 807 an beginnt eine sehr magere Fortsetzung bis 817,
während ein anderes nach Fulda gekommenes Exemplar dort eine andere mit
deutlich localer Färbung, ebenfalls bis 817, erhielt[27].
[25] Ueber die kleine Lorscher Frankenchronik, SB. d. Berl. Akad.
1882, S. 399-415, mit Ausgabe des Textes bis 806. Bernays, der
auch Benutzung der Lauriss. und Hofannalen nachzuweisen sucht,
berichtigt S. 74, daß die Berner Hs. für St. Remigius (in
Hautvillers nach Pückert) geschrieben ist, aber aus einer Vedaster
Hs. (mit der Abtsreihe) entnommen. Eine ganz magere Regentenfolge
bis auf Karl u. Karlmann, und fortgeführt bis auf Ludwig d.
Fr. hat aus Sanetgaller u. a. Hss. Waitz als _Chronicon breve
Alamannicum_ herausgegeben, SS. XIII, 260 u. 724.
[26] Sie fehlen ganz im Pal. 243 aus Lorsch, s. NA. X, 232.
[27] MG. I, 121-123. Vgl. SS. III, 18 über die Münchener Handschrift,
NA. X, 232 über die Vaticanische Hs. Pal. 243 aus Lorsch.
Die lebhaft erwachende Thätigkeit in dieser Richtung bezeugen ferner
die Chronik der sechs Weltalter, welche bis 810 reicht, von einem
ungenannten Verfasser[28], ein mageres chronologisches Gerippe, ohne
selbständigen Werth, die oben S. 146 erwähnten Ann. Maximiani von 710
bis 811, die Fulder bis 814 (S. 150) und die Flaviniacenses von 816 (S.
146).
[28] _Chronica de sex aetatibus mundi_, bei Kollar, Anal. Vindob.
p. 602. Das Ende allein MG. SS. II, 256, vgl. Arch. VII, 272.
Die unter Ludwig d. Fr. verfaßte, unter dem falschen Namen des
Claudius Taurin. bei Labbe, Bibl. nova I, 309-315 gedruckte
Chronik ist vollends nur ein chronologischer Versuch.
Bis 818 reicht das =Chronicon Moissiacense=[29], eine große
unverarbeitete Compilation, welche aus der vorher erwähnten Chronik bis
741, der Compilation bis 805, den Reichsannalen und anderen bekannten
Werken geschöpft ist, deren Bekanntschaft, wie Pückert bemerkt, Abt
Benedict von Aniane vermittelt haben kann, aber doch hin und wieder
auch eigenthümliches aus jetzt verlorenen Quellen hat; darunter hat
Dorr[30] Aquitanische Annalen und ein _Chronicon Aquitanicum_ ohne
genaue Chronologie auszuscheiden und zu sammeln versucht. Der Verfasser
ist so unselbständig und schreibt so gewissenhaft seine Vorlagen
wörtlich ab, daß ihm auch der werthvolle letzte Theil der Chronik von
813 bis 818 nicht zuzutrauen ist. Dieser schließt sich vielmehr in
der ganzen Weise der Erzählung so genau den bis dahin benutzten Ann.
Laureshamenses (s. oben S. 145) an, daß wir mit L. Giesebrecht annehmen
müssen, es habe dem Schreiber der Handschrift ein vollständigeres
Exemplar vorgelegen, dessen Schluß uns nur hier erhalten ist. Die
Herkunft der Chronik ist südfranzösisch, es sind aber, wie G. Monod[31]
bemerkt, von ihr zwei ganz verschiedene Bearbeitungen vorhanden, von
denen die eine aus Moissac stammt, ihr fehlen die Jahre 716-777. Die
andere stammt aus Aniane und hat Zusätze, in denen die Geschichte ganz
willkürlich behandelt wird, z. B. 779 und 780 spanische Namen an die
Stelle der sächsischen gesetzt sind. Zu einer mit diesen verwandten
Chronik gehört nach der wichtigen Entdeckung von Pückert[32] die sog.
_Notitia de servitio monasteriorum_, welche überall arglos benutzt
ist, hier aber als eine spätere Fälschung, vermuthlich aus Aniane,
nachgewiesen wird.
[29] Bis auf Honorius ungedruckt: von da an MG. I. 280-313; vgl.
II, 257, wo die Jahre 804 bis 813 nach einer neugefundenen
Hs. verbessert sind. Pückerts oben erwähnte Abh. enthält viele
beachtungswerthe Bemerkungen darüber.
[30] De bellis Francorum cum Arabibus gestis (Diss. Regiom. 1861) p.
39-48. Die von ihm hier zuerst nachgewiesene Compilation von 805
ist seitdem genauer bestimmt, s. oben S. 202. Herstellung des
Chron. Aquit. von Witiza bis 812, S. 43-48. Vgl. Waitz, NA. V,
483, über die Zusammensetzung des Berichts von 725 aus 2 Quellen;
711, 737, 752 sind jener Compil. zu überweisen, Forsch. XX, 393.
Nach B. Simson, Forsch. XIV, 134, sind verwandte Nachrichten in
Labbe's Chron. S. Victoris, jetzt als _Ann. S. Victoris Massil._
gedr. SS. XXIII, 1-7. Er vermuthet Benutzung des Chron. Moissiac.
in diesen. Ein späteres kurzes _Chron. Aquitanicum_ (eigentlich
Annales) 830-886. 930. 1025, MG. II, 252.
[31] Revue critique 1873, II, 262.
[32] Bericht der K. Sächs. Ges. d. Wiss. 1890, S. 45-74.
So stellt sich uns also eine lebhafte litterarische Thätigkeit dar,
bei welcher zunächst die Sorge für die bis dahin in so hohem Grade
vernachlässigte Form der Darstellung in den Vordergrund tritt, mit
welcher sich aber nicht minder auch das Streben nach Ergänzung der
geschichtlichen Thatsachen verbindet. Am Ende des Jahrhunderts werden
die Annalen bis 801 von dem sog. =Poeta Saxo= sogar in Verse gebracht.
Die Fortführung der Annalen bis 829 ist vom höchsten Werthe und
gewährte ein noch lange befolgtes klassisches Vorbild der gleichmäßigen
Darstellung der Zeitgeschichte. Hatte schon Einhard den früheren Theil
der Annalen für sein Leben Karls zu Rathe gezogen, so finden wir den
folgenden Abschnitt von 814 an zu einer Biographie Ludwigs verwandt,
nicht unbedeutend verändert, aber nicht verbessert, mit Einhards Werk
gar nicht zu vergleichen[33].
[33] Der Einsiedler Codex einer Compilation über Karls Leben ist
nach B. Simson, Forsch. XIV, 135 auf eine Benutzung des Regino
zurückzuführen.
§ 10. Ludwig des Frommen Zeit.
Funck, Ludwig der Fromme, Frankfurt a. M. 1832. B. Simson, Jahrbücher
des Fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen. 2 Bde. Leipz.
1874. 1876.
Ein Jahrhundert lang hatte das karolingische Haus daran arbeiten
müssen, das zerfallende merowingische Reich wieder zur Ordnung und
Festigkeit zu bringen, bevor Karl daran denken konnte, auch den
Wissenschaften hier eine neue Heimath anzuweisen. Als dann Ludwigs
ungeschickte Hände den stolzen Bau im Laufe weniger Jahre in seinen
Grundfesten erschütterten, als von neuem Raub und Gewaltsamkeit
aller Art ungehindert geübt wurden, da wurde auch diese zarte Blüthe
geknickt. Es half nichts, daß Ludwig persönlich litterarischen
Bestrebungen geneigt war[1], daß er die Klosterzucht herstellen half,
was auch den Schulen zu Gute kam; wir wollen ihm nicht den Ruhm
schmälern, das schöne altsächsische Gedicht des Heliand veranlaßt
zu haben, aber unter dem Waffenlärm konnte die Wissenschaft nicht
gedeihen, und über ihre Mißachtung wird schon bald nach Karls Tod
geklagt[2]. Schon 829 baten die zu Worms versammelten Bischöfe dringend
um die Errichtung von mindestens drei öffentlichen Schulen, um dem
Verfall Einhalt zu thun: die Ausführung wird bei der wachsenden
Zerrüttung des Reiches unterblieben sein[3].
[1] Aus den Kanzleiformeln der Urkunden verschwanden unter ihm die
herkömmlichen Barbarismen, oben S. 160.
[2] Walahfridi Praef. ad Einh. V. Caroli: „Nunc relabentibus in
contraria studiis, lumen sapientiae quod minus diligitur, rarescit
in plurimis.“ Lupus an Einhard: „Nunc oneri sunt, qui aliquid
discere affectant.“ Ep. 1 ed. Baluze. Auch bei Ideler, Leben
Karls d. Gr. II, 138. Die ganze Stelle ist lesenswerth. Aehnliche
Stellen von Claudius Taurinensis (über ihn s. Ebert II, 222-224;
Laville, Claude de Turin. Essai sur le protestantisme du IX.
siècle (Thèse). Toulouse, Chauvin.) giebt Reuter, Gesch. d. Aufkl.
I, 267. Dümmler, Ostfr. III, 649-652, wo die Hofschule ausführlich
behandelt ist. Ueber diese auch B. Simson II, 255-260.
[3] „Similiter etiam obnixe et suppliciter vestrae celsitudini
suggerimus, ut morem paternum sequentes, saltim in tribus
congruentissimis imperii vestri locis scholae publicae ex vestra
auctoritate fiant, ut labor patris vestri et vester per incuriam
quod absit labefactando non depereat.“ MG, Legg. I, 339. Der
Vorschlag kam von der Pariser Synode.
Die Hofschule blieb jedoch bestehen, der Ire Clemens und andere Lehrer
wirkten daran, und unter Karl dem Kahlen gewann sie noch einmal
einen glänzenden Aufschwung. Auch die =Reichsannalen= wurden nicht
unterbrochen, sondern in gleichmäßiger Weise weiter fortgeführt. Es
sind die nach ihrem Fundort genannten =Bertinianischen= Annalen, deren
Schreibart den amtlichen Charakter nicht verkennen läßt; wir werden auf
dieselben noch später zurückzukommen haben. Alle die traurigen Vorfälle
der Zeit werden hier mit möglichster Schonung berührt; der _Herr
Kaiser_ erscheint stets in seinem Rechte, aber auch gegen die Gegner,
welche ja ebenfalls seinem Hause angehörten, wird anständige Mäßigung
beobachtet. Im Jahre 835 übernahm der Bischof =Prudentius von Troyes=
die Fortsetzung, und führte sie bis zum Jahre 861, wo der Erzbischof
=Hinkmar= die Arbeit aufnahm; schon war nicht mehr der königliche,
sondern der erzbischöfliche Hof zu =Reims= der wahre Mittelpunkt
des Reiches. Der genaue Zusammenhang der karolingischen Reiche aber
tritt in diesen Jahrbüchern noch deutlich hervor, indem auch die
italienischen und die deutschen Begebenheiten sorgfältig berücksichtigt
werden.
Der vornehmen Kürze der Reichsannalen treten für die frühere
Zeit Ludwigs die Gedichte des =Ermoldus Nigellus=[4] zur Seite;
schmeichlerische Lobgedichte, die zwar als solche kaum zu den
eigentlichen Geschichtsquellen gerechnet werden können, aber doch
von mancher Einzelheit uns Kunde geben, und durch ihre Schilderungen
vielerlei Aufschluß gewähren über Zustände und Personen der Zeit.
Aquitane von Geburt, war Ermold ein Günstling des Königs Pippin; er
geleitete ihn, obwohl Mönch, auf der Heerfahrt des Jahres 824 gegen
die Bretonen mit Schild und Speer: doch scherzt er darüber selbst,
und sein Herr lachte ihn aus. Der Kaiser aber gab ihm Schuld, daß er
Pippin verführe, und verbannte ihn deshalb nach Straßburg, wo Bischof
Bernald ihn unter seine Aufsicht nahm. Hier nun schrieb er seine
vier Bücher, in Distichen, über die Thaten des Kaisers, mit Ludwigs
aquitanischem Königthum beginnend bis auf Heriolds Taufe 826, und
es liegt in der Natur der Dinge, daß er ihm sowohl wie der Kaiserin
Judith um so ärger schmeichelte, je mehr er sich seiner Verbindung
mit ihren Gegnern bewußt sein mochte; er erreichte jedoch seinen Zweck
nicht, und sandte deshalb noch zwei Elegien an König Pippin, deutlich
Ovid nachahmend, hinter dem er doch in Sprache und Versbau unendlich
weit zurückbleibt[5]. Seine Befreiung aber mag er wohl dem Siege der
Verschworenen im Jahre 830 verdankt haben[6].
[4] Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 464-523. Migne CV, 551-640 nach
Bouquet. Dümmler, Poet. Lat. II, 1-92. Verbesserungen von Traube,
Karol. Dicht. S. 65. Uebersetzung von Pfund, Berl. 1856. 1889
(Geschichtschr. 18. IX, 3). Henkel: Ueber den hist. Werth der
Gedichte des Ermoldus Nigellus, Progr. der höheren Bürgerschule
zu Eilenburg 1876. Ebert II, 170-178. Simson, Karl d. Gr. II, 258
ff. Theilw. übers. v. Th. Reinhart im Jahrb. f. Gesch., Sprache
u. Litt. Elsass-Lothr. II. 1886.
[5] Anklänge an Vergil, das allgemeine Schulbuch, fehlen natürlich
auch nicht, zuerst gesammelt von Dorr, De bellis Francorum cum
Arabibus gestis, Diss. Regim. 1861, p. 53-55, dann vollständiger
bei Dümmler, nebst anderen, besonders auch an Theodulf u. Naso,
vgl. NA. XI, 80. 554.
[6] Die früher vermuthete Identität mit einem Abt Hermold 834 u. dem
Abt Ermenald von Aniane kann als beseitigt gelten; vielleicht aber
war er der Hermold, der 838 als Pippins Kanzler erscheint.
Kaum minder lobrednerisch für Ludwig, als die Verse Ermolds, sind die
beiden Lebensbeschreibungen, welche wir von ihm besitzen. Die eine,
welche nur bis 835 reicht, ist schon zu seinen Lebzeiten verfaßt, von
=Thegan= oder =Degan=, einem vornehmen Franken und Landbischof der
Trierer Kirche, auch Probst des Cassiusstifts in Bonn, von welchem
sonst nichts bekannt ist, als sein freundschaftlicher Verkehr mit
Walahfrid und einigen anderen, den ein Paar noch erhaltener Briefe
und Verse bezeugen. Er ist von ganz besonderem Eifer gegen die aus
unfreiem Stande erhobenen und dann übermüthig gewordenen Bischöfe
erfüllt, von denen er jedoch nur Ebo von Reims nennt; man vermuthet
deshalb, daß er vielleicht in dessen Sprengel ansäßig war und
persönlich von ihm zu leiden gehabt hat. Walahfrid rühmt (um 825)
seine stattliche Erscheinung, seine gigantische Statur, und seine
Gelehrsamkeit. Jene Schrift nun ist vielleicht durch Einhards Werk über
Karl angeregt, verfolgt aber, wie es B. Simson wahrscheinlich macht,
einen bestimmten politischen Zweck, indem wohl nicht ohne Absicht neben
scharfem Tadel Lothars und seiner Anhänger die Verdienste Ludwigs des
Deutschen sehr hervorgehoben werden. In der Form sehr unvollkommen,
und größtentheils in magerer annalistischer Weise verfaßt, gewährt
sie uns doch einige gute Nachrichten; der Aufgabe einer wirklichen
Biographie aber konnte der Verfasser schon deshalb nicht genügen,
weil er von Leidenschaftlichkeit gegen Ludwigs Gegner, vorzüglich
gegen Ebo von Reims, erfüllt war, und die wahren Ursachen der Unruhen
und inneren Kriege verschweigt[7]. Walahfrid freilich, ein ebenso
eifriger Anhänger Ludwigs, lobt, indem er die Mängel des Ausdrucks
mit der seelsorgerischen Thätigkeit des Mannes entschuldigt, gerade
die Wahrhaftigkeit desselben; er theilte das Büchlein in Capitel und
versah diese mit Ueberschriften, um sich und andere an den Thaten des
Kaisers Ludwig, heiligen Andenkens, um so besser und häufiger erbauen
zu können.
[7] Am Schluß folgen noch Nachrichten über die Jahre 836 u. 837,
in welchen die Uebertragung des h. Castor nach Coblenz (daraus
entnommen, doch mit richtigem Datum, Anal. Boll. I, 119, vgl. NA.
XII, 603) auffallend hervortritt. Ausgabe von Pertz, MG. SS. II,
585-604. Uebersetzung von Jasmund, 1850. 1889 (Geschichtschr.
19. IX, 4). Ebert II, 359-361. Eine Erwähnung unter dem Namen
=Theganbert= in der Transl. Chrysanti et Dariae a. 844; Urkk. v.
842 u. 847 NA. XIII, 154, 157, wo er Theigenbert heisst. Obitus
Thegani ep. im Necrol. S. Maximini zum 20. März. Ueber Walahfrids
Vorrede in derselben Kopenhagener Handschrift, welche auch dessen
Vorrede zu Einhards Vita erhalten hat, s. Archiv VII, 373; im
St. Galler Catal. s. IX. erscheint das Buch als ‚De bonitate
Hludouuici imp. in quaternulis‘. Weidm. S. 400. Vgl. B. Simson:
Ueber Thegan, Forsch. X, 325-352. Benutzt ist die Vita in der
Domus Carolingicae Genealogia (SS. II, 309, vgl. Forsch. X, 338),
den Ann. Lobienses und Flodoardi Hist. Remensis.
Mit geringerer Heftigkeit, doch mit nicht minderer Parteilichkeit
für Ludwig, ist die zweite größere Lebensbeschreibung desselben[8]
geschrieben, welche ein unbekannter Geistlicher vom Hofe bald nach
dem Tode des Kaisers verfaßt hat; man pflegt ihn den =Astronomen= zu
nennen, wegen einiger Bemerkungen, welche sich auf diese Wissenschaft
beziehen. Tiefere geschichtliche Einsicht dürfen wir bei einem Anhänger
Ludwigs überhaupt nicht suchen, und auch der Stil dieses Biographen ist
entstellt durch übertriebenes Streben nach phrasenhaftem Schmuck. So
hat er in dem mittleren Theile seines Werkes von 814 bis 829 fast nur
die Reichsannalen ausgemalt und durch seine Schönrednerei entstellt[9].
Schätzbarer ist der erste Abschnitt, wo Ludwigs Jugendzeit nach
den Erzählungen oder, wie Ebert vermuthet, nach einer schriftlichen
Aufzeichnung des Mönches Adhemar geschildert ist, der mit dem Kaiser
auferzogen war. Im letzten Theile endlich giebt der Verfasser aus
eigener Kenntniß Nachricht von dem was er erlebt, und wenn auch seine
Darstellung wenig zu loben, die Chronologie sehr verwirrt ist, so ist
doch der Inhalt von großem Werthe für uns.
[8] Mg. SS. II, 604-648. Uebers. mit Thegan. Ebert II, 361-364. Ueber
die Steinfelder Handschrift, jetzt Mus. Brit. 21 109, Archiv VII,
365; über die Petersburger NA. V, 221. Ueber stilistische Anklänge
Manitius, NA. XI, 70-73.
[9] Zuletzt hat G. Meyer von Knonau in d. Abh. über Nithard
ausführlich nachgewiesen, S. 132-135, wie der Astr. c. 23-43
die Ann. Lauriss. 814-829 benutzend sie entstellt; S. 129-132.
135, wie er c. 59-62 Nithard c. 6-8 in ähnlicher Weise behandelt
hat, dessen Benutzung mir jedoch zweifelhaft ist; S. 129-132
ist die Verwirrung der Chronologie c. 54-61 beleuchtet. Für
den hohen Werth des ersten Theils ist daher das Hauptverdienst
Adhemar zuzuschreiben. Diesen hält Dorr, De bellis Francorum cum
Arabibus gestis (Diss. Regim. 1861) p. 51, nach einer Vermuthung
Giesebrechts für den wiederholt genannten Heerführer Hadhemar, der
im Alter Mönch geworden sei. Allein die verschiedene Schreibart
in demselben Buch, der Mangel jeder Hindeutung darauf und die
Häufigkeit des Namens in Aquitanien sprechen dagegen. B. Simson,
Lud. d. Fr. II, 294-301 behandelt das Werk ausführlich und
vermuthet, daß es unvollständig überliefert sei. Benutzte Verse
von Vergil weist Manitius nach, NA. IX, 618, andere Anklänge XI,
70-73.
Diesen Schriften reihen wir noch das Leben des Abtes =Benedict= an,
des Stifters des Klosters =Aniane= († 821), der das Vertrauen des
Kaisers in so hohem Grade besaß; zuletzt Abt des für ihn erbauten
Klosters Inden oder Cornelimünster, wurde er zugleich Obervorsteher
aller Klöster im Frankenreich, und entfaltete eine große Wirksamkeit
für die Reform des Mönchswesens und Herstellung der Schulen. Sein Leben
wurde ein Jahr nach seinem Tode (821) von =Ardo=, genannt =Smaragdus=,
seinem Nachfolger als Abt von Aniane, in anschaulicher Weise liebevoll
geschildert, mit besonders genauer Kenntniß der früheren Zeit, wie er,
damals Witiza genannt, ein edler Gothe, Sohn des Grafen von Maguelonne,
ein tapferer Kriegsmann, Mönch wurde und sich zuerst einer ganz
übertriebenen Askese hingab, bis das Leben ihn erzog, und nun seine
reformatorische Thätigkeit weithin wirksam wurde. Auch die Bekehrung
des Grafen Wilhelm von Toulouse wird darin berichtet, dessen Leben
später fabelhaft ausgeschmückt ist[10].
[10] Mab. IV, 1, 191. S. XV, 198-220 von Waitz. mit Exc. der _Vita
Willelmi monachi Gellonensis_. Ebert II, 346-348. Hauck II,
528-545. Ueber das Leben des Adalhard und Wala s. unten § 16.
Ein merkwürdiges Denkmal aus dieser Zeit ist der _liber manualis
Dodanae_, die von Dhuoda, der Witwe des Grafen Bernhard von
Septimanien, im J. 841 für ihren Sohn Wilhelm verfaßten Rathschläge
und Unterweisungen, woraus einst Mabillon und Baluze Auszüge gegeben
haben, welche jetzt mit Benutzung einiger neugefundenen Fragmente von
E. Bondurand neu herausgegeben sind[11].
[11] L'Éducation caroline. Le manuel de Dhuoda. Paris 1887.
In einer Zeit der erbittertsten Parteiungen konnte die
Geschichtschreibung nicht den Charakter ruhiger, unparteilicher
Schilderung bewahren, den wir in den Reichsannalen wahrnehmen; jede
Erzählung nimmt eine bestimmte Farbe an nach dem Standpunkt des
Verfassers, und es treten nun auch die politischen Streitschriften
hinzu, in welchen die Gegner ihr Verfahren zu rechtfertigen, die
Widersacher anzuschuldigen sich bemühen. Dahin gehört aus dieser
Zeit namentlich das beredte Manifest des Erzbischofs =Agobard= von
Lyon, welches das Auftreten der Söhne gegen ihren Vater rechtfertigen
sollte[12], und von der anderen Seite die =Klage des Herrn Kaiser
Ludwig=, angeblich von ihm selbst verfaßt, in Wahrheit aber doch wohl
nur eine Stilübung aus dem Kloster des h. Medardus[13].
[12] _Apologeticus pro filiis Ludovici Pii imp. adv. patrem_, Bouq. VI,
248 u. a. m. Eigentlich zwei verschiedene Schriften, s. B. Simson
I, 398. II, 67, u. als solche SS. XV, 274-279 ed. Waitz als:
_Libri duo pro filiis et contra Judith uxorem Lud. Pii_. Er war
einer der bedeutendsten theologisch-politischen Schriftsteller,
und seine Schriften (ed. Baluze 1666, Migne CIV) berühren vielfach
die Zeitverhältnisse. S. über ihn Baehr S. 98. 383-388. C.
v. Noorden, Hinkmar S. 39. B. Simson I, 397-399. Reuter, Gesch.
d. Aufklärung I, 24-41. Ebert II, 209-222. Dümmler, NA. IV, 263,
und die Gedichte an ihn, Poet. Lat. II, 118. 356. J. F. Marcks,
Die politisch-kirchliche Wirksamkeit A. Progr. d. Realprogym. zu
Viersen 1888. Enge, De Agobardi cum Judaeis contentione, Lips.
1888. Er starb 840 Juni 6, Ann. Lugdun. MG. I, 110.
[13] Sie findet sich in der Translatio S. Sebastiani (oben S. 199),
ist aber auch unter dem Titel _Conquestio domni Chludovici
imperatoris et augusti piissimi de crudelitate et defectione et
fidei ruptione militum suorum et horrendo scelere filiorum suorum
in sui dejectione et depositione patrato_ abgesondert überliefert.
Ausg. v. Holder-Egger SS. XV, 388. -- Dahin gehört auch die gegen
Ebo gerichtete, von Flodoard aufgenommene _Visio Raduini_, NA.
XI, 262.
Den Tod des Kaisers und die darauf folgende Zwietracht beklagte in
einer Elegie =Florus=, der bekannte Diakonus von Lyon[14].
[14] _Querela de divisione imperii post mortem Ludovici Pii_, bei
Mab. Anal. I, 388, ed. II p. 413. Bouq. VII, 301. Poet. Lat.
II, 559-564. Vgl. über ihn Ebert II, 268-272. Dümmler, NA.
IV, 296-301. 581. 630. Poet. Lat. II, 507-566. Ueber seine
Canonensammlung M. Conrat, Gesch. d. Quellen u. Litt. d. Röm.
Rechts (1889) I, 253; vgl. auch NA. XI, 436.
§ 11. Der Streit der Söhne. Nithard.
Nithardi Historiarum libri IV. ed. Pertz, MG. SS. II, 649-672.
Besonderer Abdruck Hann. 1839; 2. Ausg. mit neuer Benutzung der
Pariser Handschrift, sonst ohne Zusatz, 1870; von Holder mit
wiederholter Benutzung derselben 1880. Uebersetzung von Jasmund,
Berl. 1851. 1889 (Geschichtschr. 20. IX, 5; S. 67 l. fünften statt
15). -- Die Eidesformeln jetzt auch bei Müllenhoff und Scherer
S. 197 (3. Ausg. I, 231), vgl. S. 479 (II, 365). Brakelmann in
Hoepfners und Zachers Zeitschr. f. d. Philol. III, 85-95. Arbois
de Jubainville: Le Text Franc etc. Bibl. de l'École de chartes
XXXII, 321-340. Facs. bei G. Paris: Les plus anciens Monuments
de la langue Française (1875) pl. 1. Chr. Pätz, De vita et fide
Nithardi, Diss. Hal. 1865. Gerold Meyer von Knonau, Ueber Nithards
4 Bücher Geschichten, Leipz. 1866, 4. O. Kuntzemüller, Nithard
u. sein Geschichtswerk, Diss. Jen. 1873. Ebert II, 370-374. Die
Handschrift stammt aus Saint-Magloire in Paris, Hist. Zeitschr.
XXXI, 220. Delisle, Note sur le Catalogue général p. 37. Manitius,
Parallelstellen, NA. IX, 618. XI, 69-73.
Wir haben schon früher gesehen, wie am Anfang des Mittelalters
diejenigen Männer, welche sich durch litterarische Bildung
auszeichneten, wenn sie auch ihre Bildung noch nicht der Kirche
verdankten, doch zuletzt dieser sich zuwandten, und dasselbe wiederholt
sich auch in Karls Zeit. Die fränkischen Ritter verschmähten jede
gelehrte Bildung, und die Bemühungen Karls in dieser Beziehung blieben
ohne dauernde Wirkung. Die Kirche war gar bald wieder alleinige Hüterin
des Griffels und der Feder. Auch Einhard hatte sich klösterlichem Leben
zugewandt, wenn er auch nicht in den geistlichen Stand getreten war,
und kriegerische Waffen hatte er nie geführt. Auch Angilbert, wenn er
jemals, wie man später erzählte, ein Kriegsheld gewesen war, zog doch
die Kutte an; sein Sohn Nithard aber bietet uns das einzige Beispiel
eines vornehmen und tapferen Streiters, der wirklich das Schwert
aus der Hand legte, um auch mit der Feder die Sache seines Herrn zu
vertheidigen. Freilich hat seine Rede nicht mehr den Wohlklang von
Angilberts Muse; man fühlt ihr die Zeit an, wo schon über den Verfall
der Schulen geklagt wird, sie ist rauh und hart, aber dafür entschädigt
der tüchtige Sinn des Mannes, seine Einsicht und Kenntniß der Dinge.
Daß auch seine Schrift durchaus parteiisch ist, versteht sich von
einem Manne, der mitten in den heftigsten Kämpfen stand, von selbst; es
konnte nicht anders sein[1].
[1] Kuntzemüller bekämpft diese Auffassung, allein es war gar
nicht anders möglich und ist, da seine Wahrheitsliebe allgemein
anerkannt ist, auch kein Vorwurf.
Nithard war ein eifriger Anhänger Karls des Kahlen, und theilte mit
ihm alle Wechselfälle des Kriegs. Im Jahre 840 übernahm er eine
Gesandtschaft an Lothar, und als diese vergeblich blieb, zog er
mit Karl dem Heere Lothars entgegen; da, als sie eben im Begriff
waren, in Châlons-sur-Marne einzureiten, gab Karl ihm den Auftrag,
die Geschichte seiner Zeit zu schreiben, um sein Recht aller Welt
darzulegen. Doch war ihm zunächst noch Nithards Schwert wichtiger,
als seine Feder; am 25. Juni 841 wurde die Entscheidungsschlacht bei
Fontenoy geschlagen, wo auch Nithard, wie er selbst erzählt, tapfer
kämpfte. Dann griff er wieder zur Feder; im ersten Buch stellte er
einleitend die Ereignisse dar, welche zu diesen Kämpfen geführt hatten,
die Reichstheilungen, und die Verwirrung, welche daraus entstanden
war, zweckmäßig und übersichtlich erzählt[2]. Mit Ludwigs Tode hebt
im zweiten Buch die ausführliche Darstellung an; das Unrecht Lothars
und die Verwerflichkeit seines Benehmens gegen die Brüder sind der
vorzügliche, auch in dem an Karl gerichteten Vorwort ausdrücklich
bezeichnete Gegenstand. Die Schilderung des entscheidenden Kampfes, mit
dem das Buch schließt, unterbricht Nithard durch die Bemerkung, daß
eben jetzt, während er schreibe[3], am 18. October desselben Jahres,
die Sonne sich verfinstere. Das dritte beginnt er voll Unmuth: er
habe gar nicht weiter schreiben wollen, weil es ihn schmerze und ihm
zuwider sei, von seinem Volke schmähliches zu berichten; doch damit
nicht etwa jemand sich erkühne, die Sachen anders zu berichten als
sie sich ereignet hätten, habe er sich entschlossen, noch ein drittes
Buch hinzuzufügen über dasjenige, woran er selber Theil genommen, die
Verhandlungen nämlich, die ihn fortwährend in Anspruch nahmen. Mit
ähnlichen Worten beginnt er auch das vierte Buch, das letzte, welches
leider nur bis zum Anfange des Jahres 843 reicht; dann scheint er in
sein Kloster zurückgekehrt zu sein, vermuthlich eben deshalb, weil
es ihm als Laienabt verliehen war. Ich hatte früher ganz bezweifelt,
daß er Abt gewesen sei, allein da die Grabschrift wirklich von dem
Zeitgenossen Mico zu sein scheint, so müssen wir ihm glauben, daß
Nithard kurze Zeit (_paucissimis diebus_ sagt Hariulf) Abt gewesen
und als solcher im Kampf gefallen sei. Da schon im Sept. 844 Ludwig
Abt ist, so muß er vor diesem eingeschoben werden, und es mag die
Vermuthung von Traube richtig sein, daß Richbod, nachdem er noch 842[4]
die feierliche Erhebung Angilberts besorgt hatte, ihm den Platz hat
räumen müssen, was in diesem Kloster mehrmals vorkam. Wir hören nichts
weiter von ihm, als daß im elften Jahrhundert, als Angilberts Grab
in St. Riquier eröffnet wurde, man darin die Leiche Nithards fand,
in Salz gelegt, in dem hölzernen, mit Leder bedeckten Sarge, worin er
einst vom Schlachtfelde heimgetragen war, an seinem Haupt die Wunde,
welche ihm den Tod gegeben. Damals hat man ihn als Abt gemalt, und der
Klosterdichter Mico verfaßte dazu ein Epitaph[5]. Als Todestag wird
XVIII. Kal. Jun. angegeben, was richtiger durch Id. Mai bezeichnet
wäre. Dümmler schlägt deshalb vor, Jul. zu setzen, und so kämen wir
auf den 14. Juni. Merkwürdiger Weise aber ist nach Prudentius der Abt
Richbodo von St. Riquier am 14. Juni 844 am Agout gefallen, und ist
auch dieser ein Enkel Karls des Großen gewesen. Leider fehlt es uns an
jeder zuverlässigen Nachricht zur Aufklärung dieser Verhältnisse; wenn
Nithard mit ihm zugleich gefallen wäre, so muß man doch annehmen, daß
er sicherlich auch hätte erwähnt werden müssen. Wir beschränken uns
also darauf, das Epitaph hier mitzutheilen. Es lautet: