[14] Ueber beide s. Meichelbecks Historia Frisingensis; über Leidrad

Baehr S. 361, Graf Hundt a. a. O. S. 181; seine Schriften

gesammelt bei Migne XCIX, 853-886. Giesebrecht erinnert dabei

auch an jenen alten Agilolfinger =Wicterb=, Bischof und Abt

von St. Martin zu Tours, der 754 _jam senex, puto nonagenarius

aut supra, dolentibus membris et caliginantibus oculis_ ein

geistliches Werk für einen Regenten, doch wohl Tassilo, abschrieb

und unermüdet weiter schrieb, bis er 756 starb. Rettberg II. 269.

Daß er Abt zu Tours war, darf nach der Notiz im Cod. Masciac.

der Ann. Petav. (MG. SS. III, 170) nicht bezweifelt werden;

auch hatte damals dieses Kloster seinen eigenen Bischof (Gallia

christ. XIV, 153), so daß er unter die Regensburger Bischöfe wohl

nur durch Mißverständniß gerathen ist, und durch ein ähnliches

Mißverständniß auch an die Spitze des erst spät zusammengestellten

Verzeichnisses der Aebte von Groß Sanct Martin in Coeln. -- Ein

merkwürdiges Schreiben eines (Irländers?) =Clemens= an Tassilo,

den bair. Episcopat u. Adel in Bezug auf die Eroberung und

Bekehrung der Carantanen hat Zierngibl in d. Neuen hist. Abh. d.

baier. Akad. I, 246 herausgegeben, und Riezler, Gesch. Baierns I,

155, zuerst benutzt.

[15] Epistola ad Dructeramnum abb. (von St. Chaffre) als Vorrede.

Delisle, Cab. des Manuscrits I, 4, Anm. 11.

So zog also Karl um das Jahr 782 von allen Seiten die Träger

wissenschaftlicher Bildung an sich und arbeitete von nun an unablässig

und unverwandt hin auf eine Wiederherstellung der antiken Cultur, deren

Herrlichkeit seinen Geist erfüllte[16]. Wie er die alten Kunstwerke

nach Aachen führte und seine Bauten nach den Regeln des Vitruv und

den Mustern der Kirchen zu Ravenna und Rom ausführen ließ, so ließ

er auch die alten Schriftsteller nach den alten Handschriften mit

der sorgsamsten Genauigkeit abschreiben. Staunend bewundern wir

die Prachtwerke seiner Kalligraphen, und nichts ist vielleicht

so charakteristisch für das was man damals erstrebte, wie diese

Handschriften[17] mit ihrer Uncialschrift, ihren vollkommen nach antiken

Mustern nachgeahmten Verzierungen und Bildern. Ja so wie Eigil von

Fulda Modelle der antiken Säulen sich verschafft hatte, welche Einhard

benutzte, so wurden auch Sammlungen alter Inschriften mit größter

Sorgfalt zusammengestellt und die Siglen der Juristen gesammelt und

erklärt[18].

[16] „Quippe qui omnium regum avidissimus erat sapientes diligenter

inquirere, et ut cum omni delectatione philosopharentur excolere.

Ideo regni a Deo sibi commissi nebulosam, et ut ita dicam

paene caecam latitudinem, tocius scientiae nova irradiatione

et huic barbariei ante partim incognita luminosam reddidit Deo

illustrante.“ Walafridi Praef. ad Einhardi Vitam Karoli, Jaffé

Bibl. IV, 507.

[17] Ohne Zweifel auch profane, die sich aber aus Karls Zeit nicht

erhalten haben.

[18] Notae juris aus Probus und einer jüngeren Sammlung sind im Cod.

Einsidlensis. Schon Karl dem Großen selbst aber überreichte

=Magno=, Erzbischof von Sens (801-818), eine Zusammenstellung

der bei den Alten in juristischen Schriften gebräuchlichen

Abkürzungen, zusammengestellt aus zwei anderen, die ihm in die

Hände gekommen waren. Mommsen, Laterculus notarum in Gramm.

Latt. ed. Keil IV, 285, 315. Ueber eine durch ihn veranlaßte

Formelsammlung Zeumer, NA. VI, 79. Karls Sorgfalt für die

Berichtigung verderbter Abschriften preist der Schreiber

=Winidharius= im Wiener Codex 743:

Qui sternit per bella truces fortissimus heros,

Rex Carolus nulli cordis fulgore secundus,

Non passus sentes mendarum serpere libris,

Et bene correxit studio sublimis in omni.

(Dümmler, Poet. I, 89.)

Am Hofe hatte sich aus alter Zeit immer eine =Hofschule= erhalten[19].

Diese wurde durch Karl neu belebt; er selbst, seine Kinder, seine

Hofleute, nahmen an dem Unterrichte und den Uebungen Theil. Es

erwuchs daraus neben der eigentlichen Schule eine förmliche Akademie,

welche Karl und seine vertrauteren wissenschaftlichen Freunde zu

regelmäßigen Sitzungen vereinigte[20]. In ähnlicher Weise wie an

den arabischen Höfen dieser Zeit, wurden hier poetische Episteln

gewechselt, wissenschaftliche Aufgaben gestellt und beantwortet,

Räthsel aufgegeben und gelöst. Alle führten hier Namen aus der Vorzeit,

in denen heidnische und christliche Erinnerungen in seltsamer Mischung

erscheinen. So hieß Karl selbst David, Alcuin Flaccus, Einhard Beselecl

nach dem kunstreichen Erbauer der Stiftshütte, Riculf Damoetas,

Beornrad von Sens Samuel, Angilbert Homer; Audulf der Seneschalk und

der Kämmerer Meginfrid führten die idyllischen Namen Menalcas und

Thyrsis. Naso nannte sich selbst ein Dichter Modoin oder Muadwin,

der von 815 bis nach 840 Bischof von Autun gewesen ist. In sehr

ungelenken Idyllen feierte er David, den Kaiser, als Friedensfürsten

und bewarb sich um dessen Gunst[21]. Die Standesverschiedenheiten der

Gegenwart wurden durch solche Verhüllung auf diesem Gebiete in den

Hintergrund gestellt. Nicht zu bezweifeln ist, daß Karl selbst eine

für jene Zeit nicht unbedeutende Bildung sich angeeignet hatte, aber

Einhards ausdrückliches Zeugniß, daß es ihm nicht mehr gelingen wollte,

schreiben zu lernen, dürfen wir doch auch nicht unterschätzen. Seine

gelehrten Briefe an Alcuin schrieben, gewiß nach seiner Anweisung, die

_palatini pueri_[22].

[19] Für Pippins Zeit nachgewiesen von Léon Maitre, Les écoles

episcopales (Paris 1866) S. 34-37. Vgl. Rud. Sohm: Die fränkische

Reichs- u. Gerichtsverfassung S. 342 über das _commendare ad

regem_. Simson II, 570 ff.

[20] Oebeke, De Academia Caroli Magni. Aachener Gymn.-Progr. 1847.

[21] Diese früher ganz unbekannten Dichtungen sind durch E. Dümmler

zuerst bekannt geworden, Poet. I, 382-392, und nach Entdeckung der

Darmst. Hs. wieder NA. XI, 75-91 herausgegeben; vgl. Ebert II,

64-68. Trotz der sehr fehlerhaften Form sind die Gedichte nicht

unbeachtet geblieben, und wurden von Ermanrich stark ausgebeutet.

[22] Ep. Alcuini, Jaffé Bibl. VI, 459.

Man wird durch dieses Treiben erinnert an die platonische Akademie zu

Florenz, allein es ist zwischen beiden doch ein großer Unterschied.

Karl lag der Gedanke fern, die Litteratur nur wie einen Gegenstand

des Luxus zu seinem Vergnügen zu pflegen; sein Briefwechsel mit

Alcuin zeigt uns, daß seine Akademie auch praktisch wichtige Fragen

behandelte, und oft einem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten

ähnlich wird. Der Herstellung des alten Glanzes und der Reinheit

der Kirche mußten alle seine gelehrten Freunde mit ernstlicher

Arbeit dienen[23]. Allein das war doch auch wieder nur eine Seite der

Bestrebungen des Königs; ihm war es voller Ernst, sein ganzes Volk

auf eine höhere Stufe der Bildung zu heben, und deshalb legte er

überall Schulen an, und sorgte unermüdlich für die Pflege und Hebung

derselben[24]. Sogar von Alcuin trennte er sich aus diesem Grunde, und

verlieh ihm 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, wo er von nun

an als Leiter einer blühenden Schule wirkte. Fast alle bedeutenderen

Bisthümer und Abteien des Frankenreiches erhielten von hier aus

ihre Vorsteher, und wo in der nächsten Folgezeit von litterarischer

Thätigkeit etwas zu melden ist, da können wir mit Sicherheit darauf

rechnen, einen Schüler Alcuins zu finden. Weit genug erstreckte

sich der Wirkungskreis dieser Schule; doch errichtete Karl für die

entfernteren Theile seines Reiches auch eigene Mittelpunkte, welche

von seinem Scharfblick Kunde geben, wie alles was er gethan. In

Italien besaß =Pavia= schon von Alters her gefeierte Lehrer, und diese

Schule erhielt jetzt neuen Glanz durch den Schotten =Dungal=[25]; ihr

Fortleben und bleibendes Gedeihen bezeugt der erst später durch Bologna

verdunkelte Ruhm der Rechtschule von Pavia.

[23] Ueber die _Libri Carolini_, welche uns ferner liegen, bemerke ich

nur, daß ihre Echtheit durch Auffindung des Cod. Vat. festgestellt

ist, s. Reifferscheid im Ind. lectt. Vrat. hib. a. 1873. Vgl.

Leibn. Ann. Imp. Occ. ad. a. 794. H. Reuter, Gesch. d. relig.

Aufklärung im Mittelalter I (1875) S. 10 bis 13. Abdr. Migne

XCVIII.

[24] Ebert II, 8 über Karls Verordnungen. Simson II, 567 über das

Sendschreiben an Baugulf. Diekamp im Hist. Jahrb. V, 259 gegen die

unbegründete Verdächtigung desselben durch Harttung, Dipl. hist.

Studien, S. 319. 338 ff.

[25] S. oben S. 153 Anm. 5.

Ein echt karlischer Gedanke war die Stiftung des Erzbisthums Hamburg an

der Nordgrenze seines Reiches, die jedoch erst unter seinem Nachfolger

zu Stande kam; aber gerade in den fernsten Osten ließ er Alcuins

ebenbürtigen Freund, Arn, den Abt von St. Amand, ziehen, dem Tassilo

785 das Bisthum =Salzburg= verlieh[26]. 798 errichtete er hier dann

ein Erzbisthum, welches bestimmt war, ein fester und segensreicher

Mittelpunkt in politischer, kirchlicher und litterarischer Beziehung

zu werden. =Arn= erfüllte seine Mission in vollem Maße; aus den

Urkunden wie aus den Briefen Alcuins an ihn[27] tritt uns das Bild

des bedeutenden, nach allen Richtungen thätigen Staatsmannes und

Kirchenfürsten klar entgegen, und wenn ihm auch zu schriftstellerischer

Thätigkeit kaum Zeit blieb, so zeugen doch seine Bemühungen für die

Sammlung eines Bücherschatzes durch Abschriften von seiner Sorge für

Schule und Lehre[28], wobei ihm von 797 bis 801 Alcuins Schüler Wizo

hülfreich zur Seite stand. Die feindliche Erhebung des mährischen,

dann des ungrischen Reiches, die Errichtung selbständiger Metropolen

im Osten, haben Salzburg nicht zu seiner vollen Entwickelung gelangen

lassen, doch auch in dieser Beschränkung ist die Stiftung des

bairischen Erzbisthums von den bedeutendsten Folgen gewesen.

[26] Karls Zustimmung war ohne Zweifel erforderlich, um so mehr, da Arn

die Abtei Saint-Amand behielt. Zu A. Huber: Ueber das Vorleben

Arno's im Arch. d. W. Akad. XLVII, 197-217, ist zu bemerken,

daß in der Urk. v. 779 (Meich. n. 57) _dd David_ und nicht

_archidiaconus_ bedeutet, der Diakon Arn ein anderer ist, und daß

in d. Urk. v. 776 (Meich. n. 48) _nobis_ auf den Aussteller Bisch.

Aribo geht, und also für die Verwandtschaft Arns nichts austrägt.

Vgl. auch Graf Hundt a. a. O. S. 187.

[27] Leider sind uns keine Briefe von Arn an Alcuin erhalten, Bibl. VI,

870 ein hübscher Brief von ihm an Cuculus, wie ein leichtfertiger

Schüler Alcuins, wahrscheinlich Dodo, genannt wurde. Wichtige

urkundliche Quellen aus seiner Zeit sind _Indiculus Arnonis_ und

_Breves notitiae Salzburgenses_, nach den bekannten und bisher

unbenutzten Handschriften herausgegeben und mit Erläuterungen

versehen von Friedrich Keinz, München 1869; vgl. meine Anzeige in

d. Heidelb. Jahrbb. 1870 S. 20-25.

[28] Mehr als 150 Bücher ließ er nach Angabe des Necrologs schreiben,

MG. SS. IX, 770; vgl. Alcuins Brief Frob. 76. Bibl. VI, 525.

Darunter ein Formelbuch, herausgegeben von Rockinger, Quellen

zur bayerschen Geschichte, Bd. VII, von De Rozière, Revue hist.

de droit français et étranger, 1859, nach der Münchener und

Kopenhagener Handschrift. Ueber Arn Büdingers Oesterreichische

Geschichte I, 147 ff., über Wizo 149; Allg. D. Biogr. I, 573.

Zeißberg, Alcuin und Arno, Zeitschrift für österreichische

Gymnasien, 1862, S. 85-98. Derselbe, Arno, erster Erzbischof

von Salzburg, Wiener SB. (1863) XLIII, 305-381. W. Giesebrecht,

Königsannalen S. 199-202; vgl. unten § 9.

Ein wunderbarer Erfolg krönte diese Bemühungen Karls, und er hatte

das Glück, die Früchte seiner Mühen noch selbst zu erleben. Wie ein

Phänomen in dunkelster Nacht erscheint plötzlich die Litteratur des

neunten Jahrhunderts; nicht nur Geistliche, auch Laien schrieben

Bücher, was seit Jahrhunderten nicht vorgekommen war, und Jahrhunderte

lang nicht wieder vorkommt[29].

[29] Zu warnen ist vor dem immer wieder (noch von Prantl und L. Maitre)

angeführten unechten Diplom über die Errichtung griechischer

und lateinischer Schulen in Osnabrück, dessen Unechtheit zuletzt

wieder von R. Wilmans, Kaiserurkunden d. Provinz Westfalen, s.

besonders S. 368, und Sickel, Acta Carol. II, 428 nachgewiesen

ist. Auch Bass Mullinger wiederholte S. 70 unbekümmert die alte

Fabel, hat sich aber in der Revue hist. X, 183 selbst berichtigt.

Denn von Dauer war dieser Glanz nicht; er verschwand fast eben so

plötzlich wie er gekommen war, aufs neue bedeckte Finsterniß das Land,

aber gerade in dieser Finsterniß bewährte sich die feste Begründung

von Karls Schöpfungen. So viel auch wieder verloren ging, es blieb

noch immer genug übrig, um als Grundlage für alle Folgezeit zu dienen.

Wir haben schon oben bemerkt, daß Karl sein Werk nicht erst begann,

daß er den Boden vorbereitet fand durch die Befestigung und Ordnung

des Staates, durch die Herstellung der Kirchenzucht, und daß er nur

dadurch im Stande war, so fest zu bauen. Es regten sich auch bereits

einige Keime litterarischer Thätigkeit, als er auftrat, aber ihre

rasche und glänzende Entfaltung ist doch ganz sein Werk, und nicht mit

Unrecht sagte man im Mittelalter von ihm, daß er den Sitz der Studien

von Rom nach Paris verpflanzt habe[30]. Zu einer Zeit, wo die Pariser

Universität als der Mittelpunkt der Wissenschaft betrachtet wurde, galt

er für den Stifter derselben. In dieser Form sprach sich der richtige

Gedanke aus, daß Karl der Stifter einer neuen Culturperiode gewesen

war.

[30] Zuerst bei Jordanus de praerogativa Romani imperii, ed. Waitz p.

70. In Vincentii Bellovac. Speculo hist. XXIII, 173 und daraus bei

Mart. Oppav. wird Alcuin die Verlegung des Studiums von Rom nach

Paris beigelegt. Vgl. auch G. Paris, Hist. poétique de Charlemagne

p. 66.

§ 5. Alcuin.

Alcuini Opera ed. Frobenius (Froben Forster, Fürst-Abt zu St.

Emmeram), 4 Bände, fol. Ratisb. 1777. Danach bei Migne, C. CI.

Neue Ausgabe der Briefe u. hist. Schriften nach Jaffé's Vorarbeit

von Dümmler und Wattenbach, Bibl. VI. 1873. Alcuins Leben von F.

Lorentz, Halle 1829. Monnier, Alcuin et Charlemagne, Paris 1853.

1863. J, Bass Mullinger, The schools of Charles the Great and

the restoration of education in the ninth century, London 1877.

A. F. Théry, l'École et l'Académie Palatines. Alcuin, Amiens

1878. Dümmler, Art. Alcuin, Allg. D. Biogr. I, 343-348. K. Werner,

Alcuin u. sein Jahrh. 2. Ausg. 1881. Ganz fabelhafter Brief über

die Herkunft der Beneventaner unter Alcuins Namen NA. I, 169-172.

-- Vgl. Ebert II, 12-36. Cantor, Gesch. f. Mathematik I, 712-721.

Hauck II, 119-145.

Alchuine, wie die ursprüngliche Form lautete, oder Alcuin, nannte

sich gern in mehr lateinisch klingender Form Albinus. Verwandt mit

Willibrord, dessen Leben er auch beschrieben hat, wurde er um das Jahr

735 in York geboren. Seine Bildung verdankte er der ausgezeichneten

Domschule in seiner Vaterstadt unter der Leitung Egberts, der seit 732

Erzbischof war, und Aelberts, der Alcuin mit sich nach Rom nahm, als er

nach der Sitte dieser Angelsachsen dahin reiste, um Handschriften auf

dem dortigen Markte zu erwerben, der noch immer bedeutend und damals

wohl der einzige im Abendland war. Im Jahre 766 wurde Aelbert zum

Erzbischof erhoben, und Alcuin folgte ihm in der Leitung der Domschule.

Der Auftrag, für Eanbald das erzbischöfliche Pallium vom päbstlichen

Hofe zu holen, führte ihn 781 wieder nach Rom, und auf dieser Reise war

es, wo er zu Parma mit Karl zusammentraf, an den er schon früher einmal

eine Botschaft gebracht hatte[1], und von ihm die Einladung erhielt,

welche ihn vermochte, im folgenden Jahre mit seinen Schülern Wizo[2],

Fridugis[3] und Sigulf[4] an Karls Hof zu kommen; die Einkünfte der

Abteien zu Ferrières und des heiligen Lupus zu Troyes sicherten ihm

hier eine ansehnliche Stellung, während er in der Hofschule vor alten

und jungen Zuhörern seine Vorträge hielt. Auch hier war es durchaus

nicht allein auf dilettantische Belehrung der Hofleute abgesehen,

sondern die vielen Söhne vornehmer Franken, welche nach alter Sitte zur

Erziehung an den Hof gebracht wurden, erhielten hier allen Ernstes ihre

Ausbildung zu Staatsmännern und Bischöfen. Nach Alcuins eigener Angabe

war sein vorzüglichster Beweggrund nicht etwa wissenschaftlicher Eifer,

sondern die Sorge für Aufrechterhaltung der kirchlichen Orthodoxie im

Frankenreiche[5], wie denn überhaupt der kirchliche Standpunkt bei ihm

durchaus maßgebend ist.

[1] Vita c. 6. Dass der 773 von Karl an den Pabst geschickte Albinus

Alcuin gewesen wäre, wie Jaffé p. 144 n. 1 annimmt, scheint mir

unmöglich. Leibniz Ann. Imp. I, 40 hält ihn nach Albericus für

den Bischof von Angers.

[2] Genannt Candidus, von 797-801 bei Arn in Salzburg.

[3] Genannt Nathanael, von 819-832 Kanzler; wahrscheinlich führte er

das bessere Latein in die Kanzlei ein und veranlaßte vielleicht

die Sammlung der Carpentierschen Formeln in tiron. Noten, jetzt

MG. Formulae p. 285 als Formulae imperiales e curia Lud. Pii:

vgl. Sickel Acta Kar. I, 89-95 u. 160, B. Simson, Ludw. d. Fr.

II, 235-238. Max Ahner, Fredegis von Tours, Leipz. 1878. Ueber

seine Schrift _de nihilo et de tenebris_ Prantl, Gesch. d. Logik

im Abendland II, 17-19; Reuter, Gesch. d. relig. Aufklärung im

Mittelalter I, 274; Ebert II, 221. Er war Alcuins Nachfolger als

Abt von St. Martin, wo Canoniker an die Stelle der Mönche traten

und die Schule verfiel; wenigstens ist in schroffem Gegensatz

gegen Alcuins Zeit kein Schüler bekannt. Bei Herolds Taufe in

Mainz erscheint er mit seinen Schülern. Bücher schrieb unter

ihm und für ihn =Adalbaldus= presb., der sich _artifex_ nannte,

Delisle, Notice des Mss. de Tours, p. 81-83; L'école calligr. de

Tours p. 20. Desnoyers u. Delisle in Comptes rendus des Séances de

l'Acad. des Inscr. 1886 mit Monogramm. Album pal. pl. 21. Ein sehr

schlechtes Andenken hinterließ er in St. Bertin, wo er gleichfalls

Abt war, s. Folcwini Gesta abb. S. Bert. MG. SS. XIII, 614, und

daraus in Folcards V. S. Bertini und bei Bovo, De elevatione S.

Bertini. Nach seinem Tode 834 folgte in St. Martin Adelard, unter

dem durch Amalrich, der 849 Erzb. v. Tours wurde, die Schule

wieder aufblühte (vgl. unten § 20). Dann folgt 845 Graf Vivian

als erster Laienabt.

[4] Genannt Vetulus, später als Alcuins Nachfolger Abt von Ferrières

und Stifter der dortigen Schule. Er räumte seinen Platz Adalbert,

der die Bened. Regel einführte, und wurde selbst unter ihm Mönch:

dann folgt Alderich bis 829, Odo, der abgesetzt wird, an dessen

Stelle 22. Nov. 842 Lupus tritt.

[5] Ep. 35 u. 140 bei Jaffé, Bibl. VI, 255 u. 541, u. daraus Vita c.

5, p. 16.

Im Jahre 789 kehrte Alcuin nach England zurück; aber die heftigen

Streitigkeiten über Adoptianismus und Bilderverehrung veranlaßten Karl,

ihn von neuem dringend einzuladen, und die inneren Unruhen, welche

England zerrissen und Alcuin sogleich wieder in die ihm verhaßten

politischen Händel verflochten hatten, machten diesen geneigt, seine

Heimath zu verlassen. Er erschien 794 auf dem zu Frankfurt gegen Felix

und Elipand versammelten Concil als Abgesandter der englischen Kirche

und bewährte sich durch mehrere Schriften als tapferer Streiter gegen

die Irrlehren[6]; noch zog es ihn zurück in sein Vaterland, aber

die Ermordung Ethelreds 796 verleidete ihm die Heimkehr, und von nun

an widmete er sich ganz dem Frankenreiche. Nach Iterius Tod erhielt

er 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, der er bis zu seinem

Tode, am 19. Mai 804, vorstand. Dem unruhigen Getreibe des Hofes fern,

entfaltete er hier die segensreichste Thätigkeit und bildete eine

außerordentliche Zahl von Zöglingen, welche im ganzen weiten Reiche

Karls neue Stätten wissenschaftlicher Thätigkeit begründeten. Seinen

Schüler Wizo schickte er nach England, um Bücher zu holen, die er zu

Tours durch zahlreiche und sorgfältige Abschriften vervielfältigen

ließ. Zugleich aber blieb er in fortwährender Verbindung mit Karl, der

ihm das größte Vertrauen schenkte. Als unschätzbares Denkmal ist uns

seine =Briefsammlung= erhalten, welche zu den wichtigsten Quellen für

die Geschichte dieser Zeit gehört, wenn gleich der stoffliche Inhalt

geringer ist, als wir wünschen möchten. Die größte Masse ist aus den

letzten Jahren, in welchen Alcuins Frömmigkeit immer mehr überhand

nahm, und fromme Ermahnungen sind in hohem Grade vorherrschend. Eben

diese gaben in jenen Zeiten Anlaß, sie als Vorbilder zu sammeln und

abzuschreiben; es zeugt aber von der hohen Bedeutung des Mannes, daß

nicht wie bei anderen Briefsammlungen, die Hauptmasse einem Conceptbuch

des Verfassers entstammt, sondern wie Sickel nachgewiesen hat, seine

Schüler und Verehrer, ein Arno, Adalhard, Angilbert, dazu Angelsachsen

es gewesen sind, welche die ihnen zugänglichen Briefe sammelten und

dadurch vor dem Untergang bewahrten[7].

[6] Ueber seine Bekämpfung des Adoptianismus s. Größler, Die

Ausrottung des Adopt. im Reiche Karls d. Großen, Progr. d. Gymn.

zu Eisleben 1879. Ob die _libri Carolini_ (oben S. 157) von ihm

verfaßt sind, ist zweifelhaft; vgl. die Anm. von Dümmler, Bibl.

VI, 222. Ueber den ganzen Gegenstand Hauck II, 283-299.

[7] Neue Ausgabe Bibl. VI, 132 ff. Vgl. Sickel, Hist. Zeitschr. XXXII,

355-365, u. Alcuinstudien I, Wiener SB. LXXIX, 461 ff. Ein Facs.

aus Harl. 208 in Thompson's Catal. of ancient Lat. mss. (1884)

pl. 51, Beschr. S. 86; S. 87 von Reg. 8. E. XV. Einen Brief über

Felix, vermuthlich an Theodulf gerichtet, hat Loewenfeld gefunden

und Bibl. de l'École des chartes XLII herausgegeben (s. NA. VII,

242). -- Dümmler, Alchvinstudien, Berl. SB. 1891, S. 495-523 als

Vorbereitung der neuen Ausgabe.

Viel und gern versuchte Alcuin sich auch in Gedichten, welche freilich

sehr incorrect, aber doch nicht ohne Leichtigkeit im Ausdruck und

gefällige Anmuth sind[8]. Sie bieten uns manchen Einblick in die

Zustände der Zeit, und das umfangreichste darunter, über die Bischöfe

der Kirche zu York, reich an schönen Stellen und belebt durch die warme

Liebe zur Heimath, gewährt mannigfache Belehrung über die Stiftschule

zu York und Alcuins Leben vor seiner Berufung nach Frankreich[9]. Seine

übrige schriftstellerische Thätigkeit dagegen war mehr auf Theologie,

Philosophie[10] und Grammatik[11] gerichtet als auf Geschichte. Sein

lateinischer Stil, der noch sehr fehlerhaft ist und von seinen eigenen

Schülern bald übertroffen wurde, fand bei seinen Zeitgenossen hohe

Bewunderung; und auf Bitten Angilberts bearbeitete er das Leben

des h. Richarius, auf den Wunsch des Abtes Rado[12] das Leben des h.

Vedastus. Bei beiden beschränkte er sich auf Glättung und Ausschmückung

der überlieferten Darstellungen, und der erbauliche Zweck ist die

Hauptsache, wie nicht minder auch in dem schon oben (S. 132) erwähnten

Leben des h. Willibrord. Daß man ihm auch ein Leben Kaiser Karls

zugeschrieben hat, beruht auf einer Verwechselung mit Einhard.

[8] Ausg. von Dümmler, Poet. Lat. I, 160-351, cf. II, 690-693. Die

S. 692 nachgetragenen sind aber von Prosper, s. Manitius. NA.

XI, 553; von dems. ib. S. 558 Anklänge in Alcuins Gedichten.

Vgl. Traube, Karol. Dichtungen, S. 47-51, 61-110. A. Largeault,

Inscriptions métr. composées par et pour les monastères de

St. Hilaire de Poitiers et de Nouaillé (Poitiers, Guillois

1885); darüber u. dazu Traube, NA. XIX, 447. J. B. de Rossi:

L'inscription du tombeau, d'Hadrien I (von Alcuin) Extr. des Mél.

d'archéol. et d'hist. publ. par l'École franç. de Rome, 1888, mit

Berichtigungen zu A.'s Gedichten. Vgl. NA. XIV, 447.

[9] Bibl. VI, 80-131; Poet. Lat. I, 169-206.

[10] Vgl. Prantl, Gesch. d. Logik II, 14-17.

[11] Jos. Zechmeister: Scholia Vindobonensia ad Horatii Artem, Vind.

1877, glaubt diese Alcuin oder seiner Schule zuschreiben zu

können, aber der Stil erscheint mir sehr verschieden. S. 15, 23

l. _colantes culices_, nicht _volantes_.

[12] Für diesen, Karls Kanzler (Sickel I, 80), ist auch die jetzt in

Wien verwahrte Biblia Radonis geschrieben.

In seinen alten Tagen versank Alcuin mehr und mehr in Frömmelei, und

das Studium Vergils, den er selbst einst eifrig nachzuahmen gestrebt

hatte, verwarf er später als höchst gefährlich, wenigstens für

Mönche[13].

[13] Diese Ansicht bekämpft Ebert II, 345, allein mir erscheinen die

Angaben der Vita c. 10 zu bestimmt und zuverlässig überliefert,

als daß wir sie verwerfen dürften.

Fast zwanzig Jahre waren schon seit Alcuins Tod vergangen, als auf den

Wunsch eines Abtes, wahrscheinlich des Abtes Alderich von Ferrières,

der unter Alcuin dort Mönch geworden war, und 829 das Erzbisthum Sens

erhielt, nach Benedicts von Aniane Tod (11. Feb. 821), ein Schüler

Sigulfs, dem nach Alcuins Tod die Abtei zugefallen war, es unternahm,

das =Leben Alcuins= zu beschreiben. Gesehen hatte er selbst ihn nicht

mehr, aber Sigulf hatte ihm viel erzählt, und das ist, außer dem

Briefwechsel über den Adoptianismus, seine einzige Quelle. Daher ist

es nicht zu verwundern, daß wir hier viel von Alcuins Frömmigkeit,

von Askese und von Wundern finden, keineswegs aber ein Bild seiner

fruchtreichen Thätigkeit in den Jahren seiner Kraft. Erbauung für

Mönche ist der Zweck des Büchleins, und dem entspricht es leider nur zu

sehr. Doch finden sich darin auch manche nicht unwichtige Nachrichten

vorzüglich über seine Jugendzeit, welche wir dankbar annehmen müssen.

Die Sprache ist im damaligen Schulgeschmack gesucht und mit frommem

Schmuck überladen[14].

[14] Neue Ausg. Bibl. VI, 1-34. MG. SS. XV, I, 182-197, von Arndt.

§ 6. Paulus Diaconus.

Sein Leben ist erst genauer bekannt geworden durch die von Lebeuf

entdeckten und in der Dissertation sur l'histoire de Paris 1739

herausgegebenen Gedichte. Bethmann, Paulus Diaconus Leben und

Schriften, Archiv X, 247-334. Bethmann, Die Geschichtschreibung

der Langobarden, ib. 335-414. Langob. Regesten, nach Bethmanns

Nachlaß bearb. v. Holder-Egger, NA. III, 225-318. L. Ranke, P. D.

Ges. Werke LI, 77-92. F. Dahn, Des Paulus D. Leben u. Schriften,

1876 (die Gedichte in sehr schlechten Texten). Vgl. die Anz. von

G. Waitz, GGA. 1876 S. 1513-1523. Ebert II, 36-56. Bursian, Gesch.

d. Philol. I, 19. Balzani S. 66-90. Pasq. Del. Giudice 1880,

wiederholt in: Studi di storia e diritto (1890) S. 1-43. -- Die

Gedichte Poet. Lat. I, 27-86, vgl. NA. IV, 102-112. 573. X, 165.

XVII, 397-401. Traube, Karol. Dicht. S. 62. 63. NA. XV, 199 (Die

Verse „Multa legit“ zu streichen). Ein grammat. Gedicht Poet. lat.

I, 625-628, vgl. II, 698. Der Lobgesang auf den h. Mercur kann

nach Dümmler nicht von P. D. herrühren, vgl. Dahn S. 17.

Wie die Gothen, so bewahrten auch die Langobarden ihres Volkes

Urgeschichte, die alten Sagen, die Großthaten der Väter, besonders

aber, worauf sie den größten Werth legten, die Folge und Verwandtschaft

der Geschlechter, in ihren Liedern, die sich mündlich vom Vater auf

den Sohn vererbten. Sie aufzuzeichnen, keine leichte Arbeit, mochte

überflüssig erscheinen, so lange sie noch im Volke lebten; doch gegen

das Ende des siebenten Jahrhunderts, um 670 hat ein Langobarde aus

ihnen die Geschichte seines Volkes entnommen, und der =Langobarden

Herkunft=, wie man davon sagte und sang, in kurzen und schlichten

Worten berichtet; in Umrissen nur, nicht in ausführlicher Erzählung,

aber was er uns giebt, ist unberührt von der fremden Gelehrsamkeit,

welche die gothischen und fränkischen Sagen entstellt hat[1]. Man hatte

darin doch etwas mehr als in dem kahlen Königsverzeichniß, welches

König Rothar 643 seinem Gesetzbuch vorangestellt hatte; des Volkes

Aelteste, welche das Recht sprachen und das Andenken der Vergangenheit

festhielten, trugen darum auch dieses Schriftchen in ihr Rechtsbuch

ein, wie wir das so häufig wiederfinden in den Handschriften des

Mittelalters, bei den Gesetzen der Westgothen und Franken so gut wie

beim Sachsenspiegel.

[1] _Origo Gentis Langobardorum_, zuerst in: Edicta regum

Langobardorum ed. opera et studio Caroli Baudi di Vesme, Aug.

Taur. 1855, vgl. p. LXXI bis LXXXII. Ausg. v. F. Bluhme mit Chron.

Goth. 1868 in MG. Legg. IV, 641-647. Ausg. v. Waitz, SS. Lang

1-6 (verwirft die früher mit Baudi de Vesme angenommene erste

Abfassung unter Rothari). -- Uebersetzung von Abel bei P. D. S.

1-8; vgl. Bethmann S. 351-365 und über die Sagen im Allgemeinen

S. 335-349. Hieraus geschöpft, aber erweitert auch mit Benutzung

des Isidor, und mit einer Lobrede auf Karl und Pippin versehen

ist das c. 810 geschriebene sog. _Chron. Gothanum_, d. h. aus

der einst Fulder, jetzt Gothaer Handschr. der Volksrechte, in

sehr barbarischer Form und Sprache; als _Historia Langobardorum

codicis Gothani_ bei Waitz S. 7-11. Fragm. aus einer and. Hs. bei

Calligaris, s. unten. Platner, Forsch. XX, 172, vermuthet erste

Abfassung der Origo im 6. Jahr Agilulfs (597), weil nur so weit im

Chron. Goth. benutzt. Mommsen, NA. X, 74 ff. sieht in der Origo

einen Auszug aus dem Werke des Secundus mit einer Fortsetzung,

aus diesem habe auch Paulus geschöpft; aber mir erscheinen die

Gegengründe von Waitz ib. S. 421 überwiegend. Für Mommsen L.

Schmidt, Zur Gesch. d. Langobarden (Diss. Lips. 1885), NA. XIII,

236. 391-394.

Es gab freilich damals bereits auch eine andere Geschichte der

Langobarden, verfaßt von dem Knechte Gottes =Secundus=, Abt in

Trient († 612), aller Wahrscheinlichkeit nach, wie R. Jacobi

bemerkt, demselben, welcher in Pabst Gregors I Briefe vorkommt[2];

wir kennen sie aber nur, weil Paulus ihrer gedenkt, und sie scheint

wenig Verbreitung gefunden zu haben. Ein so frommer Mann römischer

Abkunft erzählte schwerlich von Wodan und Freia, und mit der römischen

Bildung haben die Langobarden sich nur sehr langsam befreundet. Ein

Römer scheint es auch gewesen zu sein, der im Jahre 641 die oben

S. 84 erwähnte Fortsetzung des Prosper verfaßte. Von litterarischer

Thätigkeit im langobardischen Reiche finden sich weiter keine Spuren,

man müßte denn etwa des Abtes Jonas von Susa Schriften, deren wir schon

oben (S. 118) gedachten, dazu rechnen, der aber auch ein Romane war.

Sonst liegt noch ein um 698 verfaßtes rhythmisches Gedicht in rohester

Form vor, in welchem ein Magister =Steffan= den König Kunincpert

feiert, der das Schisma von Aquilegia beendigt hatte; auch seiner

Vorfahren, die Arianer und Juden verfolgten, wird rühmend gedacht[3].

Nicht minder roh in der Form ist eine bald nach 738 verfaßte

rhythmische Beschreibung von Mailand, worin König Liutprand und Bischof

Theodor gepriesen werden[4].

[2] R. Jacobi, Quellen der Langobardengeschichte, S. 63-84, stellt

zusammen, was er von Paulus Werk für Secundus in Anspruch nehmen

zu können glaubt, und bekämpft Bethmanns Meinung, daß der Contin.

Prosperi Havn. ihn gekannt habe. L. Schmidt hält sein Werk für

eine annalistische Fortsetzung des Prosper.

[3] Aus 2 Hss. aus Bobio bei Oltrocchi, Eccl. Medol. hist. Ligustica

(1795) II, 536. 579. 624 mit ausführlichem Commentar. Waitz, SS.

Lang. p. 189-191. Paulus D. hat es nicht gekannt. Manitius S. 397.

[4] Neu herausgeg. v. L. Traube, Karol. Dicht. S. 119-122. Manitius

S. 398.

Die Grammatiker jedoch, welche trotz aller Ungunst der Zeiten ihre

Thätigkeit in Italien immer fortgesetzt hatten, fanden allmählich

auch unter den Langobarden Schüler, und als deren Herrschaft sich

ihrem Ende nahte, da hatten sie dem fremden Volke bereits seinen

Geschichtschreiber erzogen, der, wie Jordanis, nach dem Sturze des

Reiches wenigstens das Andenken desselben für die Nachwelt bewahrte.

=Paulus=, des Warnefrid Sohn, aus einem edlen Langobardengeschlechte,

das im Friaul begütert war, um 720 geboren, wurde wahrscheinlich nach

alter deutscher Sitte am Hofe des Ratchis (744-749) zu Pavia erzogen;

als seinen Lehrer nennt er den Grammatiker Flavianus, dessen er noch in

seinem hohen Alter mit Liebe gedenkt[5]. Auch dem König Desiderius soll

Paulus lieb und werth gewesen sein, und wenn auch die Zeugnisse dafür

unzuverlässig sind, so ist es doch an sich sehr wahrscheinlich, daß er

in der königlichen Kanzlei Beschäftigung fand und eben dadurch in ein

so nahes Verhältniß zu der Herrscherfamilie trat. Im J. 763 verfaßte

er rhythmische Verse über die sechs Weltalter, welche akrostichisch

die Worte _Adelperga pia_ enthalten[6], den Namen der Tochter des

Desiderius, welche seine Schülerin war; dieser und ihrem Gemahl Arichis

war er mit der wärmsten Anhänglichkeit und Freundschaft ergeben, und

an ihrem Hofe zu Benevent fand er eine Zuflucht nach dem Falle des

Reiches von Pavia, wenn er nicht schon früher die Königstochter dahin

begleitet hatte. Für sie verfaßte er hier seine =Römische Geschichte=

bis auf Justinian, deren wir schon oben (S. 52) gedachten[7]. Er

hatte der wißbegierigen Königstochter den Eutrop zu lesen gegeben,

in welchem sie aber jede Erwähnung der jüdischen und christlichen

Geschichte vermißte. Deshalb versah er das Werk mit Zusätzen und mit

einer Fortsetzung aus verschiedenen Quellen, und das Geschick nebst

der umfassenden Litteraturkenntniß, womit er diese Arbeit ausführte,

hat lebhafte Anerkennung bei Th. Mommsen gefunden, auf dessen Anordnung

die Ausgabe von H. Droysen die Gestalt von Zusätzen zum Eutrop erhalten

hat[8]. Den zusammenhängenden Text des Paulus dagegen finden wir in der

Octavausgabe.

[5] Diesen vermuthet Luc. Müller in einem oft angeführten Grammatiker,

Neue Jahrbb. f. Philol. XCIII (1866), 561. Dem aber widerspricht

sehr entschieden H. Hagen, Anecdota Helv. p. CLXIII.

[6] Waitz l. l. p. 13. Poet. Lat. I, 35.

[7] Wie Del Giudice S. 25 f. nachzuweisen sucht, war er schon Mönch

und das Langobardenreich gefallen.

[8] Von geringem Werth ist die Bearbeitung und Fortführung bis 813

von einem unbekannten =Landulfus Sagax= um das Jahr 1000, für

die spätere Zeit fast ausschließlich aus der Kirchengeschichte

des Anastasius geschöpft, bekannt als _Historia miscella_. (Ausg.

v. Fr. Eyssenhardt, Berl. 1869). Seine Originalhs. hat Heinrich

II dem Kl. Corvey geschenkt (Cod. Vat. pal. 909). -- Eutropi

Breviarium ab U. C. cum versionibus Graecis et Pauli Landolfique

additamentis, rec. H. Droysen, MG. Auctt. antiq. II. 1878, 4.

Pauli Historia Romana in usum schol. recusa, Berl. 1879, 8. Vgl.

Waitz, GGA. 1879, S. 583-602. H. Droysen, Zusammensetzung der

H. R., Forsch. XV, 167-180. Mommsen, NA. V, 53.

Um diese Zeit dichtete Paulus auch für Arichis die Inschriften,

womit dieser seine glänzenden Bauten zu Salerno schmückte, und die

Grabschrift auf die Königin Ansa[9], welche 774 nach Frankreich

abgeführt war, und deren Todesjahr unbekannt ist. Noch feiert er darin

Adelchis als die Hoffnung der Langobarden.

[5] Neue Ausgabe von Waitz, SS. Lang. S. 191; Dümmler, Poet. Lat. I,

45.

Wann Paulus in den geistlichen Stand eingetreten ist, dem er seinen

Beinamen Diaconus verdankt, wissen wir nicht; ebenso wenig, wann

er in dem großen Mutterkloster des Abendlandes zu Montecassino

das Mönchsgelübde abgelegt hat; vielleicht führte ihn dorthin die

Anhänglichkeit an König Ratchis, der hier als Mönch seinen Weinberg

baute, vielleicht die Noth nach der Confiscation der Güter seiner

Familie. Das stille Klosterleben aber gewann bald einen solchen Reiz

für Paulus nach den traurigen Zeiten, die er durchlebt hatte, daß er

die heilige Stätte wohl nicht wieder verlassen haben würde, wenn nicht

die politischen Ereignisse ihm auch hier keine Ruhe gelassen hätten.

Im Jahre 776 nämlich war im Friaul ein Aufstand gegen die Franken

ausgebrochen, dem vielleicht Paulus selbst nicht fremd war, und wohl

ohne Zweifel war dies die Veranlassung, weshalb sein Bruder Arichis

gefangen fortgeführt wurde und sein Vermögen verlor. Lange scheint

sich Paulus jeder Annäherung an die Franken enthalten zu haben;

als aber Karl 781 nach Rom gekommen war, und in der Ordnung der

italischen Verhältnisse seine Mäßigung und Milde bewährt hatte[6],

da richtete Paulus, sechs Jahre nach jenem Ereigniß, eine Elegie

an den König, worin er ihn um Gnade für seinen Bruder bat[7]. Damit

begab er selbst sich zum Könige, und schrieb am 10. Januar 783 von

den Ufern der Mosel einen Brief an seinen Abt Theudemar[8], worin er

noch den festen Entschluß ausspricht, in sein Kloster, nach welchem

lebhafte Sehnsucht ihn erfüllte, heimzukehren, sobald er den Zweck

seiner Fürbitte erreicht habe. Er rühmt aber sehr die gute Aufnahme,

welche er gefunden habe. Es war gerade die Zeit, in welcher Karl die

Gelehrten aller Länder an seinem Hofe versammelte, und Paulus ließ

sich doch bestimmen, einige Jahre an dieser ersten frischen Entfaltung

litterarischer Thätigkeit sich zu betheiligen. Noch haben sich Verse

erhalten, welche in Karls Namen Peter von Pisa an ihn richtete[9],

wo in scherzhafter Uebertreibung seine Gaben und Kenntnisse gefeiert

werden. Eben wolle er seine Tochter nach Griechenland verheirathen,

sagt Karl, und Paulus solle ihre Begleiter in dieser Sprache

unterweisen. Bescheiden und aufrichtig lehnt Paulus die Lobsprüche und

den Auftrag ab, und ebenso wenig wird er, was ihm in ähnlicher Weise

zugemuthet wurde, die Bekehrung des Dänenkönigs Siegfried versucht

haben. Einige Kenntniß der griechischen Sprache, welche man bei der

Nachbarschaft nicht gut entbehren konnte, hatte er, wie er selbst sagt,

in der Schule erworben, aber weit wird dieselbe nicht gereicht haben.

Er dichtete aber Grabschriften für die Königin Hildegard († 783) und

für deren so wie für Pippins Töchter, und verfaßte auf Karls Befehl die

Homiliensammlung, welche der Unwissenheit der Geistlichen in wirksamer

Weise zu Hülfe kam[10]. Diese wird er jedoch, wie Dahn nachgewiesen hat,

erst in Montecassino ausgearbeitet haben.

[6] „Quod raro fieri adsolet, clementi moderatione victoriam

temperavit.“ Pauli Gesta epp. Mett. p. 268.

[7] _Versus ad regem precando_, wiederholt bei Waitz, S. 15; Poet.

Lat. I, 47.

[8] Wiederholt bei Waitz, S. 16.

[9] Bei Waitz S. 17; Poet. Lat. I, 48.

[10] Bethmann, Arch. X, 296 u. 301; Poet. Lat. I, 68, und die schönen

Widmungsverse eines Exemplars von Ebrard an den h. Germanus,

Poet. Lat. I, 432. G. Loeck: Die Homiliensammlung des P. D. als

unmittelbare Vorlage des Otfridischen Evangelienbuches, Kieler

Diss. 1890.

In eben dieser Zeit schrieb Paulus auch auf Bitten des Bischofs

Angilram von Metz die Geschichte von dessen Vorfahren auf dem Stuhl

des heiligen Clemens[11]. „Mit besonderer Ausführlichkeit behandelte

er darin die Familie und die Ahnen Karls des Großen, vielleicht,“

wie Bethmann sagt, „auf dessen eigenen Wunsch oder wenigstens ihm

zu Gefallen, und nicht undeutlich blickt die Absicht durch, die

Thronbesteigung der Karolinger zu rechtfertigen und sie als ein durch

Heilige gleichsam legitimes Herrscherhaus darzustellen.“ Doch hat gegen

diese Auffassung Bonnell[12] nicht unerhebliche Gründe geltend gemacht,

und nur die Verherrlichung des Ahnherrn Arnulf im Anschluß an dessen

ältere Lebensbeschreibung bestehen lassen.

[11] _Gesta episcoporum Mettensium_ ed. Pertz, MG. SS. II, 260-270.

Im Auszuge übersetzt bei O. Abel, Einhards Jahrbücher S. 1-8.

Ueber die von Freher benutzte Hs. (jetzt in Bremen) Dümmler, NA.

III, 187. Andere nachgewiesen im Catal. des Mss. des Départ. V,

p. LXII. Die nach Bethmanns Vermuthung im Arch. X, 294 von ihm

herrührenden _Versus de episcopis Mettensibus_ bis auf Angilram,

Poet. Lat. I, 60. SS. XIII, 303-305. -- Durch weitere Ausführung

mißverstandener Worte des Paulus entstand aus den Gesten mit

Benutzung des Fredegar und seiner Fortsetzer unter Ludwig dem

Frommen die _Domus Carolingicae genealogia_, MG. SS. II, 308,

XIII, 243 von Waitz als _Genealogia regum Francorum_, welche

nach Bonnell, Die Anfänge S. 6 ff. mit Ludwigs aquitanischem

Königreich in Verbindung steht, indem sie ihm romanische Ahnen

giebt und an südfranzösische Heilige anknüpft. Ueber die Leipz.

Hs. Rethfeld, NA. XIII, 243. Die _Genealogia S. Arnulfi_ ib. ist

eine Fälschung von Vignier, NA. XI, 631. Waitz hat ausser dieser

andere ähnliche Stücke hinzugefügt, welche in Geneal. d. franz.

Könige u. Grafen von Flandern übergehen. S. 726-729 _Historiae

Francorum Steinveldenses_. SS. XXV, 381-384 _Genealogia Carolorum

Mettensis_ von 1164 ed. Heller; daran anschliessend _Geneal. ducum

Brabantiae_, p. 385-413. Durch dieselbe Genealogie ist als später

entstanden kenntlich der _Libellus de Maioribus domus_. Mit der

Gen. sind in der Ausgabe von Pertz verbunden die Versificirung

derselben zu Ehren Karls des Kahlen: _Origo et exordium gentis

Francorum_ (wiederholt Poet. Lat. II, 141) und _Regum Merowingorum

genealogia et catalogus_, p. 307; cfr. III, 19. 214. X, 138, und

dazu die Bemerkung von Ermisch, Die Chronik des Regino S. 22;

weitere Catalogi regum et imperatorum SS. XIII, 264-271. 742.

[12] Die Anfänge des Karolingischen Hauses, S. 45.

Paulus gab in diesem Werke das erste Beispiel und Vorbild der

Bisthumsgeschichten. Auch eine Biographie Gregors des Großen hat Paulus

nach seiner eigenen Angabe geschrieben[13]; daß er aber auch derjenige

Paulus gewesen wäre, welcher eine kritisch verbesserte Auswahl aus

Gregors Briefen an Adalhard schickte, ist mindestens sehr unsicher[14].

Dagegen bemerkt Dümmler, daß er wohl der in einem Schreiben Hadrians I

(Bibl. IV, 274) erwähnte Paulus grammaticus sein könne, welcher Gregors

I Sacramentar für Karl von ihm erbeten hatte.

[13] S. darüber Bethmann im Arch. X, 303; NA. XII, 603 über die neue

Ausgabe von Grisar, Zts. f. kath. Theol. XI, 162-172, worin mit

den Interpolationen auch alle Andeutungen auf den Aufenthalt des

Vfs. in Rom fortgefallen sind. Die Autorschaft des P. D. ist ganz

ungewiss.

[14] S. Ewald, NA. III, 472 ff. 484. 624. u. NA. VI, 246 über die in

Petersburg wiedergefundene Handschrift.

So wahrhaft und innig auch die Liebe gewesen zu sein scheint, welche

den langobardischen Mönch mit dem Besieger seines Volkes verband, auf

immer ließ er sich doch nicht am Hofe fesseln. Die immer zunehmende,

endlich bis zum Kriege gesteigerte Feindschaft zwischen Arichis und

Karl mag ihm wohl zuletzt den Aufenthalt daselbst vollends verleidet

haben, obwohl sein persönliches Verhältniß zum Könige auch durch

diese Vorfälle nicht gestört wurde. Doch finden wir ihn 787 wieder

in Montecassino, wo er die schöne Grabschrift für den am 25. August

verstorbenen Fürsten Arichis verfaßte[15]. Den Abend seines Lebens

widmete er von nun an in ungestörter Ruhe frommen Betrachtungen und

der Geschichte seines Volkes. Er schrieb eine ausführliche Erläuterung

der Klosterregel[16] und verfaßte die sechs Bücher seiner =Geschichte

der Langobarden=[17], die er leider unvollendet hinterlassen hat. Er

erfüllte damit das schon in der Widmung der Römischen Geschichte der

Adelperga gegebene Versprechen, sie bis auf seine Zeit fortzusetzen.

[15] Poet. Lat. I, 66.

[16] Gedr. Bibl. Casin. IV. Floril. p. 1-173. Der Brief an Karl im

Namen des Abts Theudemar ist facs. bei der Beschreibung des cod.

179 p. 39-41. Ueber diesen Commentar u. die Epit. Festi s. K.

Neff: De Paulo D. Festi epitomatore. Diss. Erl. 1891.

[17] Die lange erwartete neue Ausgabe ist von Waitz vollendet: SS. Rer.

Langob. et Ital. saec. VI-IX. ed. G. Waitz 1877. 4; S. 193-197

_Epitomae_, S. 198-220 _Continuationes_, von geringer Bedeutung.

Anz. v. Bishop im Dublin Review, Apr. 1879, von Monod, Revue crit.

1879, I, 272-276. Uebersehene Hs. der Classe D. Christ. 597, NA.

X, 165. 231. Cod. 96 = 105 ist jetzt in Paris Nouv. acquis. lat.

1602. Ueber die umgearbeitete Bamberger Hs., welche Spruners

Uebersetzung zu Grunde liegt, s. Waitz im Arch. IX, 673-703,

über eine verwandte in Oxford R. Pauli im NA. II, 161-168. G.

Calligaris über eine Hs. in Turin im Bull. dell'Istituto stor.

Ital. n. 10, S. 31 ff. u. Studien zur Kritik des Paulus in Mem.

della R. Deputazione di storia patria per la Venezia 1890 (NA.

XVII, 224). -- Uebers. v. O. Abel 1849, 2. A. v. Reinh. Jacobi

1878, Geschichtschr. 15 (VIII, 4). -- Ueber den Weg, auf welchem

die Lang. gekommen, Virchow in Verh. d. Berl. Anthropol. Ges. v.

17. Nov. 1888, S. 508-532 (NA. XV, 211). Chroust, Ortsbestimmung,

nach Pogatschnigg, NA. XV, 585.

Als einen bedeutenden Historiker können wir Paulus freilich nicht

betrachten. Die Sprache weiß er in seinen Gedichten mit Leichtigkeit

und Anmuth, wenn auch nicht fehlerfrei, zu behandeln[18] und in der

Erzählung zieht uns ihre schmucklose Einfachheit an. Von der gesuchten

Gelehrsamkeit und Ueberkünstelung so wie von der barbarischen Rohheit

des siebenten Jahrhunderts ist er frei, und für sein Zeitalter

ist seine gelehrte und sprachliche Bildung außerordentlich hoch

anzuschlagen[19]. Allein historische Kunst oder tiefere Auffassung

dürfen wir bei ihm nicht suchen. In der Geschichte der Bischöfe

von Metz berichtet er anfangs die fabelhafte Localtradition, ohne

ein Urtheil darüber auszusprechen, als Sage, dann schöpfte er seine

Nachrichten aus Gregor, Fredegar und dem Leben Arnulfs; was er aus der

neueren Zeit hinzufügt, ist wenig bedeutend, wie denn auch dieses ganze

Werk über einen ihm fernliegenden Gegenstand, auf den Wunsch seines

Gönners verfaßt, zu keinen höheren Ansprüchen berechtigt.

[18] Die von Dümmler NA. X, 165 nachgetragenen Verse sind in

scherzhafter Absicht, im Anschluß an vorhergehende ähnlicher Art,

mit Vernachlässigung aller metrischen Regeln gemacht.

[19] Waitz: Ueber die handschriftliche Ueberlieferung und die Sprache

der H. Langobardorum, NA. I, 533-566. Die Ausgabe bietet doch

nicht die barbarische Sprache, welche die ältesten Handschriften

enthalten. Es kommen allerdings grobe grammatische Fehler vor,

und zwar in den letzten Büchern zunehmend. Da ist in Anschlag zu

bringen, daß das Werk unvollendet blieb.

Anders verhält es sich mit der Geschichte der Langobarden. Leider

reicht sie nur bis zum Tode Liutprands (744), und es fehlt uns also

die Darstellung der Zeit, welche der Verfasser selbst durchlebt hat. So

weit er aber mit seiner Arbeit gekommen ist, finden wir auch hier nur

einfache Erzählung, zusammengesetzt aus der mündlichen Ueberlieferung

und schriftlichen Quellen, wie der Origo, Gregor von Tours, Beda,

den Leben der Päbste u. a. m.[20]. Aus diesen nimmt er ganze Stücke

auf, ohne sie eigentlich zu einem Ganzen zu verarbeiten; in der

Kritik, sogar in der Sorgfalt und Genauigkeit bei Benutzung seiner

Gewährsmänner erscheint er schwach, höchst verwirrt in der Chronologie,

und obwohl seine eigentliche Aufgabe die Volksgeschichte der

Langobarden ist, nimmt er ohne rechtes Maß doch auch fernerliegendes

auf. Läßt er aber demnach als gelehrter Geschichtschreiber viel zu

wünschen übrig, so entschädigen uns doch dafür andere sehr wesentliche

Vorzüge, die einfache Klarheit seiner Darstellung, die lautere

Wahrheitsliebe, die ihn von allem in ungeschminkter Geradheit berichten

läßt, die Wärme des Gefühls für sein Volk, welche sich auch ohne

ruhmredige Verherrlichung besonders in der Aufzeichnung der alten

Sagen kundgiebt. Sehen wir nun aber vollends auf den materiellen Werth

seiner Geschichte, so ist derselbe unbedenklich als ganz unschätzbar

anzuerkennen, wir verdanken ihm eben die Bewahrung jenes reichen,

durch keine spätere Gelehrsamkeit verfälschten Sagenschatzes, und über

die Geschichte der Langobarden, was er aus dem Secundus von Trident

und anderen verlorenen Quellen schöpfte sowohl wie die Aufzeichnung

mündlicher Ueberlieferung: rettungslos würde alles dieses nach dem

Sturze des Reiches dem Untergang verfallen sein, wenn nicht des alten

Mönches Hand es mit treuer Liebe aufgezeichnet hätte.

[20] Bethmann, Archiv X, 314. R. Jacobi: Die Quellen der

Langobardengeschichte des P. Diaconus, Halle 1877. Controverse

über den von ihm benutzten Catalogus provinciarum und verlorene

annalistische Quellen, auch im Cont. Havniensis, zwischen Mommsen

u. Waitz, NA. V, 51-103 u. 417-424. XI, 633. K. Neff, NA. XVII,

204-208 gegen Waitz. Mommsen Auctt. antt. IX, 527. -- Die auch

von P. benutzten hist. Stellen aus Gregors Dial. SS. Lang. p.

524-540. -- Benutzung des Fredegar, von Waitz geleugnet, behauptet

Monod, Revue crit. 1879, I, 276. Ueber die Quelle von HL. I, 25

über Justinians Gesetzgebung s. Th. Mommsen u. Fitting, NA. III,

185. 399-402. Zu III, 9. 31. Malfatti im Arch. stor. per Trieste,

l'Istria e il Trentino II, fasc. 4, 1883. Zu VI, 54 W. Martens

Polit. Gesch. d. Langobardenreichs unter K. Liutprand, Heidelb.

Diss. 1880, Excurs S. 66-71.

§ 7. Angilbert.

Angilberti Carmina ed. Dümmler, Poet. Lat. I, 355-381; vgl. NA. IV,

140-142. Die älteren Drucke, gesammelt bei Migne XCIX, 849-854,

dadurch veraltet. Herm. Althof: Angilberts Leben und Dichtungen

(übersetzt). Wiss. Beilage z. Progr. des Realprogymn. u. Progymn.

zu Münden. Bes. Abdr. Hann. Münden 1888. Traube, O Roma nobilis

(Abh. d. Münch. Akad. I. CI. XIX, 2) S. 326-331. Verz. seiner

Gedichte. Ein Abt Angilbert von Corbie zugeschriebenes Gedicht

ihm zugesprochen. Ders., Karol. Dicht. I, 51-60 gewinnt Gedichte

Angilberts aus denen des Bernowin (Poet. Lat. I, 413-425), der

sich als Plagiator A.'s Gedichte angeeignet hat.

Wie Paulus am langobardischen, so war Angilbert, der ebenfalls aus

vornehmem Geschlechte stammte, am fränkischen Hofe aufgewachsen[1].

Wohl wenig jünger als Karl selbst, war er mit diesem durch innige

Freundschaft verbunden und stand zu der ganzen königlichen Familie

im vertraulichsten Verhältniß. Er scheint sich schon früh mit

wissenschaftlichen Studien beschäftigt und eine ansehnliche Stellung

in Karls Kapelle erlangt zu haben. Als Alcuin an den Hof kam, ergriff

er mit demselben Eifer, wie sein königlicher Freund, die Gelegenheit

zu höherer Ausbildung; er wurde ein Schüler Alcuins, des Paulinus und

Peters von Pisa, und nahm an der Akademie den lebhaftesten Antheil;

hier erhielt er wegen seiner poetischen Begabung den Namen =Homer=. Aus

dieser frühen Zeit der achtziger Jahre haben sich einige, in der Form

zum Theil noch sehr unvollkommene Gedichte erhalten, welche Dümmler

kürzlich aus einer gleichzeitigen Handschrift herausgegeben hat[2].

In dem einen, welches aus _versus serpentini_ besteht, grüßt Angilbert

mit seinen Genossen Angelram und Riculf den nach Italien heimgekehrten

Lehrer Peter von Pisa, und sendet zugleich ein von ihm erbetenes

Gedicht Karls des Großen an ihn. In dem Gedicht eines räthselhaften

=Fiducia= an Angelram werden Angilbert und Theodulf als _divini poetae_

erwähnt. Diese Verse scheinen früher angesetzt werden zu müssen,

als Angilberts Sendung nach Italien, wo ihm, gewiß ein Zeichen hohen

Vertrauens, eine bedeutende Stellung am Hofe des Kindes Pippin in dem

neugewonnenen italienischen Königreiche anvertraut wurde. Auch war er

mit Alcuin schon vorher befreundet[3].

[1] _Qui paene ab ipsis infantiae rudimentis in palatio vestro

enutritus est_, schreibt Pabst Hadrian 794 an Karl (Bibl. VI,

245). Er muß aber als _primicerius palatii_ bei dem unmündigen

Pippin schon in reifem Alter gewesen sein. Doch nennt Alcuin ihn

wiederholt _filius_ und in dem Briefe n. 82 bei Jaffé, Bibl. VI,

358 vom J. 797 genauer: _filius eruditionis meae_; Karl noch 796:

_Homeriane puer_. Bibl. IV, 354.

[2] Zeitschrift f. Deutsches Alterthum XVII, 141-146. Poet. Lat. I,

75.

[3] Alcuini ep. 22 Frob. 5 Jaffé, Bibl. VI, 149, von Jaffé 783-785

angesetzt. In der Anrede heißt er _venerabilis_ u. _primicerius_;

in der Aufschrift in 2 Handschriften _primicerius palatii Pipini

regis_. B. Simson, Karl d. Gr. II, 435, Anm. 6, verwirft diese

Angabe gänzlich; ich sehe den Grund nicht recht ein, wenn auch

die Unsicherheit zuzugeben ist.

Zurückgekehrt trat Angilbert wieder in den Kreis seiner alten Freunde

ein, und genoß in hohem Grade Karls Vertrauen, der ihn 796 in einem

Briefe an Leo III _manualem nostrae familiaritatis auricularium_, in

dem an ihn selbst gerichteten Brief seinen _auricularius_ nennt[4]. Er

gehörte zur königlichen Kapelle, und auch seine Würde am italienischen

Hofe war vielleicht schon eine geistliche[5]. Wie bedeutend und

einflußreich seine Stellung gewesen ist, zeigen die wichtigen

Gesandtschaften an den römischen Pabst, welche ihn noch dreimal (792,

794, 796) nach Italien führten; auch soll er im Jahre 800 den König

nach Rom geleitet haben, und im Jahre 811 unterzeichnete er Karls

Verfügung über seinen Schatz zu Gunsten der Kirchen seines Reiches.

[4] Bibl. IV, 353 u. 355.

[5] _Ministrum capellae_ nennt ihn Hadrian 794. Docen macht darauf

aufmerksam, daß in seinem Gedichte an Karl _primicerius aulae_

der Erzkaplan ist. Vgl. auch Leibniz, Ann. Imp. I, 168.

Noch hatte sich am fränkischen Hofe aus Karl Martels Zeit die Sitte

erhalten, daß die Einkünfte reicher Abteien zum Unterhalt der Hofleute

verwandt wurden, und auch Angilbert war 790 Abt von Centula oder

Saint-Riquier in der Picardie geworden[6]. Er betrachtete aber diese

Würde nicht als eine bloße Pfründe, sondern stellte es sich vielmehr

zur Aufgabe, dieses Kloster so herrlich wie möglich auszustatten.

Unterstützt durch Karls fürstliche Freigiebigkeit, mit Hülfe

königlicher Baumeister und Künstler, baute er es von Grund aus neu,

und auch hierher kamen antike Säulen und Marmorstücke aus Italien.

Angilbert selbst hat darüber einen Bericht geschrieben, der fast

vollständig in Hariulfs Chronik aufgenommen ist[7]. Die vollendete

Kirche schmückte er in glänzendster Weise mit jedem Zubehör des

prachtvollen Kirchendienstes; namentlich ließ er sich, wie Arn, die

Pflege der Bibliothek angelegen sein und bereicherte diese mit 200

Büchern. Vielleicht das köstlichste unter diesen für die Mönche von

Centula war das Leben ihres Stifters, des h. =Richarius=, welches

auf Angilberts Bitten sein Freund Alcuin nach den gesteigerten

Anforderungen der Zeit neu bearbeitete[8]. Im Jahre 800 hatte Angilbert

die Freude, seinen königlichen Freund in den Mauern seines Klosters

als Gast zu empfangen, der bei ihm am 19. April das Osterfest feierte,

und wie er diesem Zeit seines Lebens in treuester Freundschaft zugethan

war, so folgte er ihm auch am 18. Februar 814 im Tode nach.

[6] Jaffé Bibl. VI, 173.

[7] Angilberti abbatis de ecclesia Centulensi libellus, MG. SS. XV,

173-179. In ders. Hs. ist von ihm eine _Institutio de diversitate

officiorum_.

[8] Gedruckt Mabillon II, 189; die ältere ist verloren. Daran

schließen sich _Miracula_ von 814-865 (Auszug SS. XV, 2, 915-919),

_Historia relationis S. Richarii_ a. 981 ib. p. 696-698, viell.

aus Hariulf, die _Vita metr._ vom Abt =Angelram= oder Ingelram,

einem Schüler Fulberts von Chartres († 1045), weitere Mirakel

von =Hariulf=, dem Verfasser der Chronik (Auszug ib. 919. 920).

Ein Rhythmus mit den Namen der Aebte, von Angelram, SS. XV,

181. Dieser hatte das Leben und die Wunder metrisch in 4 Büchern

bearbeitet.

Daß Angilbert nach solchen Verdiensten um das Kloster später daselbst

als Heiliger verehrt ward, versteht sich von selbst[9]; =Anscher=,

sein Biograph im zwölften Jahrhundert, weiß auch viel von seinem

strengen und erbaulichen Wandel zu erzählen, allein das war gleichfalls

so unvermeidlich, wenn man nach Jahrhunderten über das Leben des

Stifters berichtete, daß darauf durchaus kein Gewicht zu legen ist.

Einem Staatsmanne Karls des Großen stand mönchische Askese übel an,

und Angilberts Thätigkeit scheint mehr auf eine tüchtige praktische

Wirksamkeit gerichtet gewesen zu sein; unmöglich ist es aber nicht, daß

er in seinen alten Tagen sich getrieben fühlte, für ein früher allzu

freies Leben Buße zu thun. Hatte er sich doch schon von Alcuin einreden

lassen, daß die Schauspiele, an denen er so viele Freude hatte,

sündlich wären, und wenn auch Alcuin seinen Wandel im übrigen würdig

und angemessen nennt[10], so wissen wir doch von einem Verhältniß,

welches den mönchischen Sittenpredigern nicht gefallen konnte, so

wenig es auch an Karls Hofe auffallen und Anstoß erregen mochte.

Denn Angilbert war der glückliche Geliebte von Karls schöner Tochter

Bertha, die ihm zwei Söhne, Nithard und Harnid, geboren hat: ein

Verhältniß, welches vielleicht durch eine naheliegende Verwechselung

Anlaß gegeben hat zu der bekannten Sage von Eginhard und Emma[11]. Die

Thatsache ist unzweifelhaft; Nithard, der eigene Sohn, erzählt sie,

und wir haben Einhards ausdrückliches Zeugniß dafür, daß Karl sich

nicht entschließen konnte, eine von seinen Töchtern zu verheirathen.

Daß er ihnen dafür um so größere Freiheit gestattete und daß manches

anstößige Verhältniß an seinem Hofe geduldet wurde, ist ebenfalls

bekannt genug. Wie Hariulf, der 1088 seine lehrreiche Chronik von

Centula vollendete, diesen Umstand behandelt hat, wissen wir nicht,

da gerade hier zwei Blätter aus der Handschrift ausgeschnitten sind;

der Interpolator sagt kurz, daß Angilbert die Bertha zur Ehe erhalten

habe und mit ihr den Ducat des Küstenlandes[12]. Wahrscheinlich aber

war die Darstellung hier ähnlich wie in der zweiten Biographie, welche

nebst drei Büchern Mirakel von dem Abt =Anscher= verfaßt ist, um die

Canonisation Angilberts zu erwirken. Im Jahr 1110 hatten die Wunder an

dem vergessenen Grabe Angilberts neu begonnen, und Anscher überreichte

das Werk dem Erzbischof Radulf von Reims, vielleicht auch dem Pabste,

um die Heiligsprechung zu erreichen. Ungeachtet dieses Zweckes aber

erzählt er unbefangen, gewiß alter Ueberlieferung folgend, daß Bertha

in heißer Liebe zu Angilbert, der schon zum Priester geweiht war und

ein Bisthum erhalten sollte, entbrannte; ungern habe Karl nachgegeben.

Angilbert aber, ausgestattet mit dem Ducat, den Anscher schon nach

den Begriffen seiner Zeit als ein Herzogthum auffaßt, schlägt die

Dänen[13] mit S. Richarius Hülfe, wird dann Mönch und führt zur Buße das

strengste Mönchsleben, während Bertha ebenfalls zu Saint-Riquier den

Schleier nimmt. Das ist nicht richtig, noch bei der Zusammenkunft Karls

mit Pabst Leo zu Paderborn 799 erscheint Bertha in voller weltlicher

Herrlichkeit, und hat nach Einhards Zeugniß bis zu des Kaisers Tod den

Vater nicht verlassen; auch 826 bei der Ankunft des h. Sebastian finden

wir sie bei ihrem Bruder in Soissons. Da sie ferner erst um 780 geboren

ist[14], war Angilbert schon Abt, als sie sich in ihn verliebte, und daß

er auch noch viel später, noch im J. 800 nach Karls Osterfeier in St.

Riquier, sein Familienleben am Hofe nicht aufgegeben hatte, zeigt uns

das anmuthige Gedicht, welches zuerst von Docen an dem Dichternamen

Homer als ein Werk Angilberts erkannt ist[15], ein Gruß an Karl und

den engeren Kreis der Seinen aus der Ferne. Hier gedenkt er nach der

Schilderung der königlichen Pfalz und ihrer Bewohner, zuletzt auch

seines nahe gelegenen Hauses mit dem Garten, in welchem seine Knaben

spielen; die zärtlichste Liebe und Sorge spricht sich darin aus, aber

von der Mutter ist keine Rede. Dagegen begrüßt er unter Karls Töchtern

Bertha mit besonderer Verehrung[16], und die Weise, wie er den König als

seinen süßen David, dessen Kinder als seine Lieben grüßt, deutet auf

ein sehr vertrauliches Verhältniß.

[9] So in seiner Stiftung Cysoing bei Tournai Markgraf =Eberhard=

von Friaul, Gemahl von Ludw. d. Fr. Tochter Gisla, einer der

litterarisch gebildeten Laien dieser Zeit, s. Dümmler im Jahrbuch

für vaterländische Geschichte (Wien 1861) S. 171-179, Gesta

Berengarii p. 17 und die in der _Translatio S. Callisti Cisonium_

a. 854 durch Eberhard, Acta SS. Oct. VI, 444, ausgelassenen

Stellen NA. III, 405-407. Vollst. Ausgabe dieser von Holder-Egger

SS. XV, 1, 418-422. Zu solcher Verehrung genügte die bloße

Existenz des Grabes eines vornehmen oder bekannten Mannes aus

alter Zeit, wie recht deutlich die Verehrung =Zwentibolds= in

Süstern zeigt, und die des =Meingold= in Huy; über dessen ganz

fabelhafte und historisch unbrauchbare Vita (Acta SS. Feb. II,

191-196, MG. SS. XV, 556-563) s. Dümmler, De Arnulfo p. 201-204.

Von den Helden der Sage wurden =Waltharius= in Novalese, =Otger=

in St. Faron-les-Meaux, Tegernsee und Groß St. Martin zu Cöln

verehrt und ihre Geschichte mönchisch gestaltet. Gar wunderbar ist

die Geschichte von dem Haimonskinde =Reinold= (_Vita S. Reinoldi_,

Acta SS. Jan. I, 385-387 und in lateinischen Versen im Annuaire de

la Bibliothèque Royale de Bruxelles XII, 239-281), der in Cöln,

für seine Sünden büssend, als Steinträger bei einem Kirchenbau

arbeitete u. von seinen mißgünstigen Genossen erschlagen wurde;

seine angeblich von dort geholten Knochen thaten in Dortmund

Wunder. Abh. darüber nebst Abdr. v. Floss, Niederrhein. Ann. XXX

(1876) S. 174-203. Gleicher Art ist die von Giesebrecht zur Passio

Adalberti beschriebene _V. Hugonis_ aus Jumièges, über die auch

schon Ravaisson, Rapports p. 125, Mittheilung gemacht hat; vgl.

Gesch. d. Kaiserzeit II, 601.

[10] Alcuini epp. 144 et 213 Froben, 116 u. 177 Jaffé.

[11] S. O. Abel, Kaiser Karls Leben von Einhard, S. 56-62; vgl.

Lorentz, Alcuins Leben, S. 183, A. 32.

[12] „Cui etiam ad augmentum palatini honoris totius maritimae terrae

ducatus commissus est.“ Hariulfi Chron. Centul. in d'Achery's

Spicil. ed. II. II, 291 sq. Vgl. das daraus mit Benutzung der

Handschrift gegebene Leben Angilberts bei Mab. IV, 1, 108-122,

worauf Anschers Werk folgt. Hier fehlt der Eingang, weshalb es

zweifelhaft ist, ob Anscher auch diese Vita verfaßte. Ein Fragment

ders. SS. XV. 180.

[13] Auch das ist wohl Anticipation späterer Zustände. Nach Hariulf

III, 9 wurde Rudolf, der Bruder der Kaiserin Judith, unter Karl

dem Kahlen zugleich Laienabt und comes maritimae provinciae.

[14] S. Leibniz, Ann. Imp. I, 107.

[15] Neuer litterarischer Anzeiger 1807 N. 6. Daß dieses Gedicht schon

unter Alcuins Namen bei Froben II, 614 gedruckt ist, fand Docen

selbst später. Aretins Beiträge VII, 523. Poet. Lat. I, 360.

[16] „Virginis egregiae Bertae nunc dicite laudes, Pierides, mecum,

placeant cui carmina nostra. Carminibus (cunctis) Musarum digna

puella est.“ Da hier nicht, wie in dem sonst sehr ähnlichen

Gedichte Theodulfs, die Königin Liudgard erwähnt wird, so ist

dieses wohl erst nach deren Tod, 4. Juni 800, geschrieben. Althof

a. a. O. S. 14 bemerkt, dass hier noch Thyrsis (der Kämmerer

Meginfrid) als lebend erwähnt wird, der damals auf einem Zug

Pippins gegen Benevent starb.

Aehnlicher Art wie dieses ist ein anderes Gedicht Angilberts, verfaßt

als er 796 nach Italien eilend, dem siegreichen jungen Könige Pippin

in Langres begegnete; er schildert die Freude des Wiedersehens, die

ungeduldige Erwartung am Hofe, und voraus schauend die zärtliche

Begrüßung des jungen Helden im Kreise der Seinen[17].

[17] Poet. Lat. I, 358. Ueber die chronologischen Schwierigkeiten

Simson, Karl d. Gr. II, 126.

Geglaubt hat man, daß uns auch noch aus einem größeren Werke Angilberts

ein Bruchstück erhalten sei. Sein Dichtername Homer, den ihm Karl

selbst 796 beilegt, in dem Briefe, welcher die wichtigsten Aufträge

für seine römische Gesandtschaft enthält[18], deutet auf große

Erwartungen, die sich an ihn knüpften, die Erwartung, daß er Karls

Thaten in einem Epos feiern werde. Wenn wir daher einem solchen Epos

wirklich begegnen, so ist wohl die Vermuthung gerechtfertigt, daß kein

anderer als Angilbert der Verfasser sein könne. Hegewisch hat deshalb

bereits diese Vermuthung ausgesprochen, und Pertz das Gedicht unter

Angilberts Namen herausgegeben[19]. Allein der Abstand von Angilberts

Werken in der Beherrschung der Sprache und der Behandlung des Verses zu

Gunsten dieser Dichtung ist doch zu groß, um beide demselben Verfasser

zuschreiben zu können. Auffallend ist es, da wir doch im Ganzen

über diese Zeit so genau unterrichtet sind, von einem so bedeutenden

Werke gar keine Erwähnung zu finden. Vermuthlich ist es unvollendet

geblieben, und deshalb weder vollständig erhalten, noch hinlänglich

beachtet, um von anderen genannt zu werden. Doch würde Angilberts

Dichtername Homer wenigstens eine Hindeutung enthalten, die für andere,

wie Theodulf, den Dümmler vermuthungsweise genannt hat, gänzlich fehlt.

Ein Citat freilich ist uns jetzt bekannt geworden: in der oben S.

156 angeführten Ecloge des Naso wird ein Dichtergreis eingeführt, den

er =Micon= nennt, und dieser verwendet einen Vers aus jenem Epos zum

Preise des Kaisers (p. 389, v. 74). Doch kann er ihn sich ebenso wie

so manchen Vergilvers angeeignet haben. Vorher spricht Naso von dem

Dichterruhm des Alcuin, Theodulf, Einhard, und setzt hinzu: „Nam meus

ecce solet magno facundus Homerus Carminibus Carolo studiosis saepe

placere.“ Daß aber nun dieser Homer eben der Micon sei, darauf deutet

nichts, und wir dürfen es kaum annehmen. Wir ersehen hieraus nur,

daß schon wenige Jahre nach der Kaiserkrönung das Gedicht vorhanden

war. Sicher war der Verfasser ein Mann von ungewöhnlichem Geiste und

großer dichterischer Begabung, der sich den Unterricht der Hofschule

mit bestem Erfolge zu Nutze gemacht hat. Dafür zeugt die fleißige, man

muß wohl sagen übermäßige, Benutzung des Vergil, Ovid, Lucan, und wie

B. Simson nachgewiesen hat[20], Venantius Fortunatus, zu denen Manitius

noch mehrere hinzugefügt hat, welche ihm an sich so wenig zum Vorwurf

gemacht werden kann, wie Einhard die Nachahmung des Sueton, und bei

seinen Zeitgenossen gewiß eher Bewunderung als Tadel erregte, wenn

er auch in übergroßem Eifer nach dem Vorbild von Karthago sogar von

Hafenbauten bei Aachen dichtete. Auch zu Karls Akademie muß der Dichter

gehört haben, da er ihn immer David nennt, was ein anderer sich gewiß

nicht hätte erlauben dürfen, und die lebendige Schilderung verräth

sowohl den Augenzeugen als auch einen Mann, der Karls Hofe nicht fern

stand, was freilich bei einem so ausgezeichneten Dichter ohnehin mit

voller Sicherheit anzunehmen ist.

[18] Bibl. IV, 353.

[19] MG. II, 391-403. Orelli, Helperici sive ut alii arbitrantur

Angilberti _Carolus magnus et Leo III_, 1832, nach der von ihm

wiederaufgefundenen Handschrift. Dagegen Pertz im Archiv VII,

363. -- Poet. Lat. 1, 366-381. M. Manitius, NA. VIII, 9-45 für

Angilbert als Autor. Dagegen Ausfeld, Forsch. XXIII, 609-615.

Die Unsicherheit anerkennend Manitius, NA. IX, 614-617; XI, 555.

556 über Benutzung älterer Dichter bei ihm. Traube verwirft seine

Autorschaft.

[20] Forsch. XII, 567-590, vgl. XIV, 623-626, sehr ungünstig über den

Vf. urtheilend, den dagegen Ebert, Deutsche Rundschau III, 9, 407

(vgl. Lit. des MA. II, 58-63) lebhaft anerkennt. Aehnlich auch

Althof.

Erhalten ist uns der Anfang des dritten Buches oder vielleicht das

ganze, 536 Verse, vermuthlich ein Stück, welches seiner besonderen

Schönheit wegen einzeln in eine Blumenlese aufgenommen war, denn

es steht mitten zwischen anderen Bruchstücken. Die Geschichte der

Gegenwart episch zu behandeln, ist stets ein Mißgriff, und immer

werden es die einzelnen Schilderungen sein, welche einem solchen

Werke seinen Reiz verleihen. Aber auch die Anlage ist hier doch sehr

geschickt entworfen. In voller Pracht wird Karls Hofhaltung uns vor

Augen geführt; eine Lobrede auf den großen König eröffnet das Buch,

dann werden die Bauten zu Aachen und eine große Jagd mit reichen Farben

und lebendiger Anschaulichkeit geschildert: mit besonderer Vorliebe

verweilt der Dichter bei den Töchtern Karls, zu denen wohl kein

anderer Dichter der Zeit in so nahem Verhältniß stand wie Angilbert.

In der Nacht läßt dann der Dichter den König im Traume die Mißhandlung

erblicken, welche der Pabst Leo 799 in Rom erfuhr; er weicht darin

von der Wirklichkeit ab, aber wenn man einmal die Geschichte episch

behandeln will, so ist eine solche Wendung geschickt genug, um ohne

lange Vorbereitungen die Hauptereignisse einander nahe zu rücken[21].

Ohne von den umständlichen Gesandtschaften, welche in der Wirklichkeit

dazwischen lagen, berichten zu müssen, gelangt so der Dichter sogleich

zu der Zusammenkunft Karls mit dem Pabste im Lager bei Paderborn,

welche den eigentlichen Gegenstand seiner Darstellung bildet.

[21] Dieser dem Vergil entlehnte Kunstgriff ist freilich nicht selten,

sonst würde es für Angilberts Autorschaft sprechen, daß auch in

seinem Gedichte auf Pippins Ankunft ein Traum auf ähnliche Weise

angewandt wird.

Niemand wird dieses Fragment aus der Hand legen, ohne zu bedauern,

daß uns von diesem Werke nicht mehr erhalten ist; es weht uns darin

gleichsam die frische Luft jenes kraftvollen Lebens an, und wir fühlen

uns auf einen Augenblick entrückt aus der einförmigen Atmosphäre

der geistlichen Chronisten, ja selbst der seelenlosen Schulpoesie.

Ueber den Verfasser aber werden wir uns bescheiden müssen, unsere

Unwissenheit zu bekennen.

§ 8. Einhard.

Pertz, MG. SS. II, 426-430. Baehr S. 200-216. O. Abel, Kaiser Karls

Leben von Einhard, S. 1-18. Eug. Bacha bei Kurth: Dissertations

acad. Liège 1888. Opera ed. Teulet, Par. 1840, 1843, 8. 2 Bände.

Jaffé, Bibl. IV, 487-506; vgl. die zweite Ausgabe der Vita

Caroli M. cur. W. Wattenbach, 1876. Vita Caroli ed. Waitz, 1880.

Ebert II, 92-104. Bursian, Gesch. d. Philol. S. 21. M. Manitius,

Einharts Werke und ihr Stil, NA. VII, 517-568. Nachtrag VIII, 193.

XI, 64-73.

Dem Kaiser Karl wurde das Glück zu Theil, so lange die Herrschaft

zu führen, daß er noch selbst den Erfolg seiner Bestrebungen

und Einrichtungen erlebte. Haben wir bisher mit den Männern uns

beschäftigt, welche er als Gehülfen seiner Thätigkeit an sich zog,

seinen gleichaltrigen Zeitgenossen, so haben wir dagegen jetzt in

Einhard den ersten der jüngeren Generation zu betrachten, der schon

ganz unter dem Einfluß von Karls Zeitalter erwachsen war, und selbst

den schönsten Beweis gab für den gesegneten Erfolg dieses Strebens.

Kein mittelalterlicher Schriftsteller ist den classischen Vorbildern,

welchen sie nacheiferten, so nahe gekommen; er erfreut sich deshalb

eines guten Namens und findet selbst vor philologischen Augen Gnade.

Und doch zeigt sich auch gerade darin wieder eine Gefahr der damaligen

Richtung; so viel anziehendes Einhard auch hat, es fehlt ihm die

frische Natürlichkeit anderer, er schreibt fast wie Sueton, aber es war

nicht das richtige Ziel des Mittelalters, zu schreiben wie Sueton, so

wenig wie am Beginn der neueren Zeit diejenigen das Höchste erreicht

haben, welche fast wie Cicero schrieben.

Man hätte in die Gefahr kommen können, nichts als ein mattes Abbild

der römischen Kaiserzeit darzustellen, wenn nicht doch dagegen das

widerstrebende Element der Kirche immer geschützt hätte, welches sich

in dieser Form nicht fesseln lassen konnte, und das unvertilgbare

frische Leben der Völker, welches nicht ruhte, bis es sich seine

eigenen neuen Formen geschaffen hatte.

Für das Leben Einhards haben wir die werthvollste Bereicherung

unserer Kenntniß dem Prologe =Walahfrids= zu Kaiser Karls Leben zu

danken, dessen früher bezweifelte Echtheit durch die Auffindung der

Kopenhagener, einst Kirschgarter Handschrift gesichert ist; daraus ist

er fehlervoll Arch. VII, 372, correcter von Jaffé herausgegeben[1],

und mit Benutzung desselben hat Jaffé in sorgfältigster Weise Einhards

Leben neu bearbeitet. Eine zweite Handschrift in Freiburg i. Br. hat B.

Simson entdeckt und die Varianten mitgetheilt[2].

[1] Bibl. IV, 507-508, doch ist S. 508 n. b. wohl mit Unrecht _debere_

in _prebere_ geändert. In der 4. Ausg. von Waitz p. XX.

[2] Zts. f. Gesch. d. Oberrh. N. F. VII, 314-319.

Einhard -- denn so, nicht Eginhard, wird der Name von seinen

Zeitgenossen urkundlich geschrieben[3] -- ist um das Jahr 770 in

Ostfranken im Maingau von edlen Eltern[4] geboren, und erhielt

seine früheste Erziehung im Kloster Fulda[5], zu dem er auch immer

in freundschaftlicher Beziehung blieb: noch bewahren sechs von ihm

unter Abt Baugulf (779-802) geschriebene Urkunden, wenn gleich nicht

im Original erhalten, das Andenken an jene Zeit. Darunter ist eine

Schenkung der Ehegatten Einhart und Engilfrit, höchst wahrscheinlich

seiner Eltern; zwei vom 19. April 788 und vom 12. September 791

dienen zur Zeitbestimmung[6]. So sehr zeichnete er sich durch seine

Fähigkeiten und Fortschritte aus, dass Abt Baugulf ihn an den Hof des

Königs schickte, denn dieser, das wußte Baugulf, trachtete eifrigst

danach, die fähigsten und gelehrtesten Männer aus dem ganzen Reiche

um sich zu versammeln. In der Hofschule also vollendete er seine

Ausbildung, und erwarb sich bald die Anerkennung, welcher beim ersten

Anblick seine kleine Gestalt hinderlich war. _Homuncio_ nennt ihn

deshalb Walahfrid, _nam statura despicabilis videbatur_. Und Theodulf

sagt 796 in dem oben erwähnten Gedicht an Karl v. 155 ff. von ihm:

Nardulus huc illuc discurrat perpete gressu:

Ut formica tuus pes redit itque frequens,

Cujus parva domus habitatur hospite magno,

Res magna et parvi pectoris antra colit.

Et nunc ille libros operosus[7], nunc ferat et res,

Spiculaque ad Scotti nunc paret apta necem.

[3] Er selbst schrieb _Einhart_, Zeitgenossen wechseln, und neben

_Bernhard_ erscheint _Einhard_ für uns als die natürlichere

Schreibart.

[4] Wegen der falschen Lesart _minus_ statt _munus_ nahm man früher

das Gegentheil an.

[5] Irrthümlich sah O. Abel in den Worten Walahfrids _sub pedagogio

sancti Bonifacii martiris_ einen Anachronismus; nicht der lebende

Bonifaz, sondern der Schutzpatron ist gemeint.

[6] S. Jaffé S. 488, der diese Urkunden aus Dronke's C. D. Fuld.

zuerst verwerthet hat.

[7] Jaffé's Conjectur _operosas_ mit vorhergehendem Komma kann ich

nicht billigen.

Denn von der Bissigkeit dieses Schottenmönchs (vgl. oben S. 153) hatte

er nicht minder als Alcuin und Theodulf selbst zu leiden. Alcuin aber

verfaßte folgende scherzhafte Verse als Inschrift auf Einhards Haus:

Parva quidem res est oculorum cerne pupilla,

Sed regit imperio vivacis corporis actus.

Sic regit ipse domum totam sibi Nardulus istam:

Nardule, dic lector pergens, tu parvule salve!

Und für seine Hausthür:

Janua parva quidem et parvus habitator in aede est.

Seine volle Anerkennung für Einhard aber spricht er in diesem hübschen

Epigramm aus:

Non spernas Nardum, lector, in corpore parvum,

Nam[8] redolet nardus spicato gramine multum:

Mel apis egregrium portat tibi corpore parvo.

[8] _Nam_ statt _Jam_, und im folg. Vers _Mel apis_ statt _Me lapis_

sind Verbesserungen von Jaffé. Diese Verse sind als n. 242 bei

Frob. II, 231 unpassend mit den vorhergehenden verbunden. Poet.

Lat. I, 248.

Als schon in späteren Jahren 829 Walahfrid Kaiser Ludwigs Hof

schilderte, schrieb er von Einhard (mit dem Lemma _de Einharto

magno_)[9]:

Nec minor est magni reverentia patris habenda

Beseleel, fabre[10] primum qui percipit omne

Artificum praecautus opus: sic denique summus

Ipse legens infirma deus, sic fortia temnit. (I. Cor. 1, 27.)

Magnorum quis enim majora receperat umquam,

Quam radiare brevi nimium miramur homullo?

[9] Poet. Lat. II, 377.

[10] Diesen Ausdruck (ich vermuthete _fabri_) rechtfertigt Dümmler

a. a. O. durch Hinweis auf Exod. 31, 4. 35, 33. 36, 1.

Daß aber auch Einhard zu den Dichtern des Hofes gehörte, erfahren wir

erst aus jenem Gedicht des Naso, wo es zugleich mit hoher Anerkennung

seiner hervorragenden Stellung von ihm heißt:

Aonias avide solitus recitare Camenas

Nardus ovans summo praesenti pollet honore.

Durch seine Klugheit und Gelehrsamkeit, sowie durch seine Rechtlichkeit

und Treue erwarb sich Einhard das vollste Vertrauen Karls, der

fast keinem seiner Räthe so rücksichtslos seine geheimsten Gedanken

mittheilte; den jüngeren Mann liebte er wie einen Sohn, und Einhard

erwiderte diese Zuneigung mit der hingebendsten Verehrung[11]. Ganz

besonders zeichnete sich Einhard auch durch seine Kunstfertigkeit

aus, durch seine Kunde der Baukunst, welche er durch eifriges Studium

des Vitruv und der alten Denkmäler auszubilden suchte, und durch

Geschicklichkeit in mancherlei Arbeit. Er erhielt deshalb unter den

Hofgelehrten den Beinamen =Beseleel=, nach dem kunstreichen Werkmeister

der Stiftshütte, und wurde vom Kaiser zum Aufseher seiner großartigen

Bauten ernannt[12]. Auch in anderen wichtigen Angelegenheiten bewies ihm

der Kaiser sein Vertrauen; er sandte ihn im Jahre 806 an den Pabst,

um dessen Zustimmung zu seiner Anordnung über die Reichstheilung zu

erlangen, und 813 war es Einhard, dessen Rath und Bitte Karl bestimmt

haben soll, seinen Sohn Ludwig zum Kaiser zu ernennen. Da ist es denn

nicht zu verwundern, daß er auch bei diesem sehr in Gunst stand; die

großen Bauten hörten auf, aber nun wurde dem kunstreichen und gelehrten

Manne eine ganze Reihe der ansehnlichsten Abteien übertragen. Allein

mehr als diese zog ihn der abgelegene und einsame Fleck Landes zu

Michelstadt im Odenwald an, den er 815 für sich und seine Gemahlin

Imma vom Kaiser zum Geschenk erbat. Mehr und mehr zog er sich hierin

zurück, und nachdem er sich im Jahre 827 den nach den Begriffen der

Zeit unschätzbaren Besitz der Gebeine der heiligen Märtyrer Marcellinus

und Petrus verschafft hatte, gedachte er hier ein Kloster zu gründen;

doch veranlaßte eine Vision ihn, die Reliquien nach Mühlheim am Main

zu führen, wo er ihnen eine stattliche Kirche erbaute, und die Abtei

stiftete, welche den Namen des Ortes allmählich in Seligenstadt

verwandelte.

[11] Dass er auch als Geheimschreiber thätig gewesen sei, was nicht

unwahrscheinlich ist, sucht E. Bacha nachzuweisen.

[12] Nach einer von Pertz in d. 3. Sep. Ausg. d. V. Caroli, von Jaffé,

Bibl. IV, 536 mitgetheilten Notiz war Meister Odo der Architekt

des Aachener Münsters; Einhard scheint die oberste Leitung

aller Bauten gehabt zu haben. Wenigstens heißt es in der Chronik

von St. Wandrille vom Abt Ansegis: „exactor operum regalium in

Aquisgrani palatio regio sub Heinhardo abbate, viro undecunque

doctissimo, a domno rege constitutus est.“ Und Hraban sagt in der

Grabschrift:

Quem Carolus princeps propria nutrivit in aula,

Per quem et confecit multa satis opera.

Waitz fügt dazu die Stelle des Odilo in der Transl. S. Tiburtii,

wo E. „palatii regalis domesticus“ genannt wird. Verfassungsgesch.

III (2. Aufl.) S. 528 Anm. 1.

Noch konnte Einhard sich nicht ganz den Staatsgeschäften entziehen,

deren unruhiges und kriegerisches Getreibe allen denen, welche sich zu

litterarischer Beschäftigung hingezogen fühlten, unerträglich war[13].

Im Jahr 817 gab ihn Ludwig dem jungen Kaiser Lothar als Rathgeber,

und 830 finden wir ihn eifrig bemüht, den Ausbruch der Empörung

zu verhindern, die Aussöhnung zwischen Vater und Sohn zu bewirken;

Walahfrid rühmt ganz vorzüglich die Klugheit, mit welcher Einhard

weder vorzeitig den alten Kaiser verlassen, noch auch sich ohne Nutzen

ins Verderben gestürzt habe. Als aber die inneren Zustände des Reichs

immer unheilbarer wurden, auch niemand mehr auf seinen weisen Rath

achtete, da zog er sich ganz in seine Waldeinsamkeit zurück. Noch war

ein harter Schlag des Schicksals ihm vorbehalten, der Tod seiner innig

geliebten Gemahlin Imma, die nach Jaffé's scharfsinniger Vermuthung

eine Schwester des Bischofs Bernhar von Worms war[14]. Sie starb im

Jahre 836; der alte Kaiser hat ihn damals in seiner Zurückgezogenheit

aufgesucht, um ihm seine Theilnahme zu bezeugen, und Lupus, der

sich gerade seiner Studien wegen in Fulda aufhielt, wo er eben mit

lebhafter Bewunderung die _Vita Caroli_ gelesen hatte, schrieb ihm

in herzlichem Mitgefühl einen Trostbrief[15]. Nicht lange darnach, am

14. März 840, starb er selbst[16]; eine schöne Grabschrift von Hrabans

Hand zierte seine Ruhestätte[17]. In der Abtswürde folgte ihm sein

Schüler =Ratleik=, einst sein Schreiber, jetzt Ludwigs des Deutschen

Kanzler[18].

[13] In einer, wie es scheint, an Ludw. d. Fr. gerichteten theol.

Abhandlung heißt es: „Einharde, si haec legas, non mireris, si

forte invenias errantem.“ Forsch. VI, 122.

[14] Das bezweifelt B. Simson, Ludw. d. Fr. II, 160 Anm. 2, und es ist

zuzugeben, daß die Vermuthung unsicher ist.

[15] Lupi epp. 1 u. 4 ed. Baluze. Diese Briefe sind wiederholt bei

Ideler, Leben Karls d. Gr. II, 138 ff. Einhard widmete ihm eine

Schrift _de adoranda cruce_, welche E. Dümmler, NA. XI, 231-238

herausgegeben hat.

[16] Das Jahr 840 hat Jaffé den Fulder Todtenannalen (Dronke Traditt.

p. 168, jetzt SS. XIII, 174) entnommen, und da er darin billig

vorkommen muß, dürfen wir den ohne jede nähere Bezeichnung

gesetzten Namen wohl auf ihn beziehen. Die Ann. S. Bavonis (MG.

II, 187), welche 844 (Chron. S. Bavonis bei De Smet, Corp. I,

483 auch d. 25. Juli) geben, sind eine ganz unzuverlässige späte

Compilation. Den 14. März geben die Necrologien von Lorsch u.

Fulda (Leibn. SS. III, 762; bei Schannat u. Boehmer fehlt Einhards

Name) u. eine Aufzeichnung saec. IX im Cod. Vat. Pal. 1448 bei

Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 76; den 21. März das Würzburger

bei Eckhardt, Comm. II, 320, u. Dümmler, Forsch. VI, 116.

[17] Poet. Lat. II, 237. Einige Bücher aus seinem Besitz, wie es

scheint, Vergil, Persius, Arator, Boethius, befanden sich im 11.

Jahrh. in St. Evre zu Toul, Becker, Catal. S. 152, worauf mich

Manitius aufmerksam machte.

[18] S. über ihn Dümmler Ostfr. II, 432.

Eine reiche Quelle für die Geschichte des letzten Jahrzehnts von

Ludwigs des Frommen Regierung, leider nicht für die frühere Zeit,

bieten uns die =Briefe= Einhards und anderer an ihn, oder die auf

irgend eine Weise in seinen Besitz gekommen waren[19], welche in seinem

Genter Kloster als Muster gesammelt wurden; die Eigennamen wurden als

überflüssig meistens beseitigt. Die Handschrift kam mit den vor den

Normannen flüchtenden Mönchen nach Laon, wo sie in stark beschädigtem

Zustande geblieben ist, bis Pertz sie 1827 dort entdeckte, worauf

sie wenig später nach Paris gebracht wurde. Nachdem zuerst Teulet die

Handschrift wieder benutzt hatte, liegt nun von Jaffé eine zu bequemem

Gebrauche kritisch bearbeitete Ausgabe vor[20].

Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2) · 第 20 / 60 题