Vom Anfang des achten bis zum Anfang des zehnten Jahrhunderts.
§ 1. Neue Anfänge der Geschichtschreibung. Fredegars Fortsetzer.
Ausgaben mit Fredegars Chronik. Uebersetzung von O. Abel ebend. und
von 735 an bei Einhards Annalen; vereinigt u. nach der neuen Ausg.
v. Krusch berichtigt 1888. -- Cauer, De Carolo Martello, Berl.
1846. Breysig, De continuato Fredegarii scholastici chronico,
Berl. 1849. Oelsner, De Pippino rege, Vratisl. 1853. p. 24-34 De
Chronico Fredegarii continuato. Breysig, Karl Martell S. 112.
Hahn, Einige Bemerkungen über Fredegar, Arch. XI, 805-840. G.
Monod, Revue crit. 1873, I, 153. Br. Krusch, NA. VIII, 495-515.
Das Haus der Karolinger bewies von Anfang an seine Berechtigung
zur Herrschaft dadurch, daß es allein im Stande war, das Reich
herzustellen, dem weit vorgeschrittenen Verfall Einhalt zu thun
und auf neuen Grundlagen ein neues Zeitalter zu begründen. Auch das
Wiedererwachen der Geschichtschreibung knüpft sich an sein Auftreten:
mit dem Jahre 687, mit dem entscheidenden Siege Pippins, beginnen die
Annalen von St. Amand.
Fredegars Chronik war in Burgund, das Buch von den Thaten der Franken
in Neustrien geschrieben, in Austrasien fanden beide ihre letzte
Bearbeitung und Fortsetzung. Viel ist über die Beschaffenheit dieser,
über die Arbeit der verschiedenen dabei thätigen Personen geschrieben
worden; ich halte mich jetzt an die Resultate von Br. Krusch, welcher
genauer, als zuvor geschehen war, namentlich auch in Bezug auf die
Sprache, die Prüfung durchgeführt hat.
Als unter Pippin das Frankenreich in seiner neuen Gestaltung glänzend
befestigt war, unternahm es sein Oheim =Childebrand=, auch für das
dauernde Andenken dieser merkwürdigen Begebenheiten zu sorgen. Er ließ
ein Exemplar der alten Chronik des Fredegar sorgfältig abschreiben,
aber er oder der von ihm Beauftragte begnügte sich nicht mit
einfacher Abschrift: er ließ den Liber generationis weg, und setzte
an dessen Stelle den Hilarianus de cursu temporum ein, welchen er
in seiner Vorlage an anderm Orte fand, und erweiterte die Stammsage
im Hieronymus durch ein Excerpt aus Dares Phrygius. An den Fredegar
knüpfte er einen Auszug von cap. 43 bis 52 der Gesta Francorum nebst
ihrer 736 geschriebenen Fortsetzung; recht mangelhaft gearbeitet und
voll chronologischer Verwirrung, aber bereichert mit Zusätzen, welche
das Haus der Arnulfinger hervorheben, während er manches wegließ,
was das Haus der Merowinger betraf, das ihn nicht mehr kümmerte;
anfangs dürftig, dann von erheblichem Werthe. Das ist die sog. erste
Fortsetzung (cap. 1-17) bis zur Mitte von cap. 109, an welche bis
cap. 117 incl. die zweite (cap. 18-33) sich reiht, innerhalb welcher
stilistische Gründe einen Wechsel des Schreibers (nach cap. 109)
annehmen lassen. So weit, bis 752, war unter Childebrands Leitung
das Werk geführt, da übernahm dessen Sohn Nibelung[1] die weitere
Fortsetzung (cap. 34-54), welche uns in noch schlechterem Latein einen
schon ausführlicheren, nach Jahren genau geordneten und wohl theilweise
gleichzeitig aufgezeichneten Bericht über die königliche Herrschaft
Pippins darbietet.
[1] Cap. 117 (34): „Usque nunc inluster vir Childebrandus comes,
avunculus praedicto rege Pippino, hanc historiam vel gesta
Francorum diligentissime scribere procuravit. Abhinc ab inlustre
viro Nibelungo, filium ipsius Childebrando itemque comite,
succedat auctoritas.“
Als vereinzelte sehr schätzbare Notiz reiht sich an diese Fortsetzer
des Fredegar eine Aufzeichnung aus Saint-Denis über die Königsweihe
Pippins und seiner Söhne (754) durch Pabst Stephan II[2], welche sich
am Schluß einer Handschrift von Werken Gregors von Tours befindet, von
anderer Hand mit blasserer Dinte geschrieben und offenbar aus einer
älteren Handschrift herübergenommen, und _Clausula de Pippino_ genannt
wird[3].
[2] Auf dessen Reise „Roma salvanda“ starb m. Dec. ind. VII (753)
der primicerius notariorum Ambrosius in Saint-Maurice; er
wurde nach 6 Jahren in St. Peter bestattet mit einem rühmenden
rhythmischen Epitaph. Rossi, L'inscription du tombeau d'Hadr. I
(Mél. d'Archéol. et d'hist. VIII) p. 20.
[3] Mab. Dipl. p. 384. SS. Meroving. I, 465 mit Schriftprobe. MG.
SS. XV, 1 (vgl. p. 574a) als _De unctione Pippini regis nota_.
Diese Nachricht wurde später mit der fabelhaften _Revelatio
facta S. Stephano papae_ verbunden, mit welcher sie von Regino
abgeschrieben, und bei Sur. V. p. 658 (740 ed. II) zuerst gedruckt
ist. Hierdurch habe ich mich früher verleiten lassen, die Clausula
als unglaubwürdig zu bezeichnen. Vgl. Oelsner, K. Pippin S. 155.
Das Schreiben Stephans II, welches B. Simson, Forsch. XIX, 180,
als die Quelle betrachtet, ist in der neuen Ausg. von Jaffé's Reg.
Pont. n. 2316 von P. Ewald mit Recht als unecht bezeichnet. Ebenso
in der Ausgabe jenes, von Hilduin seinen Acta Dionysii angehängten
Stückes von Waitz, SS. XV, 2. -- Benutzt ist die Clausula in einem
(unechten?) Breve Clemens II für Romainmôtier, NA. XI, 590.
So wie das ganze Reich von den Merowingern an die Karolinger überging,
so wurde auch die einzige Chronik der Franken zu einer Familienchronik
des karolingischen Hauses. Sie gewinnt dadurch gewissermaßen einen
officiellen Charakter und damit eine gewisse Glaubwürdigkeit;
andererseits leidet sie aber auch an den Mängeln solcher amtlicher
Aufzeichnungen. Je näher die Verfasser den Karolingern standen,
je besser sie unterrichtet waren, um so mehr hüteten sie sich auch
etwas aufzunehmen, was den Machthabern unangenehm war. Es genügt in
dieser Beziehung den einen Umstand hervorzuheben, daß die bedeutenden
und gefährlichen Unruhen, welche Grifo, Karl Martels Sohn von der
Swanhilde, nach des Vaters Tod erregte, und welche dem Verfasser
doch unmöglich unbekannt geblieben sein konnten, hier mit gänzlichem
Stillschweigen übergangen werden. Ebensowenig ist andererseits von der
ganzen Wirksamkeit des Bonifatius und überhaupt von den kirchlichen
Angelegenheiten die Rede. Eine vollständige und unparteiische
Uebersicht der Begebenheiten darf man daher bei diesen Fortsetzern des
Fredegar nicht suchen[4].
[4] Zu vergleichen ist für diese Zeit noch der _Libellus de Majoribus
domus_, Bouq. II, 699 aus Du Chesne SS. II, 1, der nicht vor
dem neunten Jahrhundert geschrieben ist, wie B. Simson bemerkt,
nahe verwandt dem Chron. Adonis, vielleicht ein Auszug. Ferner
das von Wilthem excerpirte _Fragmentum historicum ex libro aureo
Epternacensi_ über die Jahre 714 u. 715, aus unbekannter Quelle,
herausgegeben von Reiffenberg im Bulletin de l'Académie de
Bruxelles (1843) X, 2. 264, und Monuments de Namur etc. VII, 209;
jetzt MG. SS. XXIII, 59. Rätselhaft ist der _Dionysius_, welchen
Gobelinus Persona als Chronisten von Prosper bis Einhard (455-741)
anführt, vgl. Hagemann: Ueber die Quellen des G. P. (Diss. Hal.
1874) S. 32. Er ist aber nicht zusammenzubringen mit der Erwähnung
der Cyclen des Dionysius Exiguus bei Regino z. J. 741, wo er
nur von der Incongruenz der verschiedenen Berechnungen spricht;
allerdings scheint er in seinem Exemplar eine annalistische
Bemerkung zu 741 gehabt zu haben.
Ebenso wenig unparteiisch, zur Verherrlichung der Arnulfinger
geschrieben und namentlich in den ältesten Theilen irreführend,
übrigens aber aus guten Quellen geschöpft, reichhaltig auch über Grifo,
ist die Geschichte von 687 bis 692, welche den Anfang der _Annales
Mettenses_ bildet[5], wo bis 768 eine Compilation aus Fredegar u. a.
Annalen sich anschließt. Früher gering geschätzt, ist sie von L. Ranke
nachdrücklich in Schutz genommen und ihr Werth ins Licht gestellt[6].
Es kommt hinzu, daß das _Fragmentum de Pippino duce_[7], welches
Bonnell für ein schlechtes Excerpt aus den Mettenser Annalen erklärt
hatte, in dem Cod. Arundel. 375 saec. XI. des Brit. Museum aufgefunden
ist[8] und, da es nun als Quelle anerkannt ist, ein höheres Alter
dieser Darstellung verbürgt.
[5] MG. SS. I, 316-321.
[6] Weltgesch. V, 2, S. 294 ff.
[7] Freher, Corpus SS. Franc. p. 168-170; am Schluss unvollständig.
[8] Arch. VIII, 759.
Natürlich ist es, daß man bei fortschreitender litterarischer Bildung
bald sowohl an der rohen Form des Fredegar und seiner Fortsetzer, als
auch an dem dürftigen Inhalt dieser Aufzeichnungen Anstoß nahm. Zu
Karls d. Gr. Zeit entstand eine Compilation, in welcher die Chronik des
Beda verbunden ist mit Zusätzen aus Hieronymus, Orosius, Fredegar und
seinen Fortsetzern, den Gestis Francorum und Jahrbüchern, die mit den
Lorscher große Aehnlichkeit haben, bis 741. Wir werden auf dieses sowie
auf andere ähnliche Arbeiten später zurückzukommen haben.
Mit dem kriegerischen Ruhme vereinigte das karolingische Haus, wie es
zu einer hervorragenden Stellung damals fast unerläßlich war, auch den
kirchlichen. Klosterstiftungen und klösterlich frommer Lebenswandel
schmücken ihren Stammbaum mit Heiligen, wie Gertrud und Begga, und
auch dem Ahnherrn, Bischof =Arnulf von Metz=, wurde mit gutem Recht
die dankbare Verehrung der Nachkommen zu Theil. Sein Leben ist auch von
einem Zeitgenossen beschrieben worden, und was hier über ihn berichtet
wird, ist werthvoll, aber dem Verfasser[9], einem der Mönche, welche
den h. Romarich nach Metz begleiteten, als er den weltmüden Bischof
629 nach seiner Einsiedelei in Remiremont abholte, hatte begreiflicher
Weise wesentlich den Zweck und Gesichtspunkt, seine kirchlichen
Tugenden zu preisen[10].
[9] Ueber die 4 von ihm verfaßten Vitae s. die Diss. von Dony in den
von G. Kurth 1888 herausg. Dissertations académiques.
[10] Neue Ausg. v. Krusch, SS. Merov. II, 426-446. Die Hs. schrieb
Karl Martels neunjähr. Sohn Hieronymus ab. Uebers. Geschichtschr.
XI (VII, 2) S. 131-140, nach Fredegar. Der angebl. Name des Vfs.
der werthlosen 2. Vita =Umno= ist ein Lesefehler: „Exhortatione
plurimorum commonitus Umno Dei gratia praeventus“ statt =immo=.
Als Werk eines Zeitgenossen und Augenzeugen schätzbar ist auch das
Leben der =h. Gertrud=, Pippins I Tochter, der Stifterin des Klosters
Nivelle, wo sie am 17. März 659 starb. Ganz ohne Grund von Bonnell
verdächtigt, ist ihre Lebensbeschreibung von Friedrich in ihrem Werth
erkannt, und von Krusch nach einer Handschrift des achten Jahrhunderts
herausgegeben[11].
[11] _Vita S. Geretrudis_, SS. Meroving. II, 447-74 mit den noch im 8.
Jh. hinzugefügten Wundern.
Einige gute Nachrichten enthält auch das noch zu König Pippins
Lebzeiten geschriebene Leben des Stifters des Klosters Laubach oder
Lobbes, =Ermino= († 737) vom Abt =Anso=[12]. Die schon für diese
Zeit nicht unwichtige Lütticher Litteratur werden wir später noch zu
berühren Anlaß haben.
[12] Mab. III, 1, 564.
Ganz unverändert werden uns ausser diesen sehr wenige Legenden erhalten
sein; dafür ist ihre Form zu glatt, zu abweichend von den authentischen
Denkmälern. Zum Vorlesen bestimmt und gebraucht, mußten sie der
zunehmenden Bildung angepaßt werden, und leicht verbanden sich damit
Zusätze und Aenderungen, welche auch den Inhalt berührten.
§ 2. Die Angelsachsen.
Die zahlreichen Missionen der irischen Mönche vermochten doch nichts
dauerndes zu schaffen, und auch in der Heimath konnte diese alte
vereinzelte Kirche sich der römisch-englischen Uebermacht nicht
erwehren. Sie unterlag überall, aber nicht etwa der äußern Uebermacht
allein; in jeder Weise wurden die Angelsachsen ihrer alten Lehrer
Meister. In den großen Weltchroniken des Mittelalters finden wir kaum
eine Erwähnung von Irland; die Reiche der Angelsachsen aber treten
auffallend in den Vordergrund für lange Zeit. Das ist der Einfluß
des =Beda= († 735), dessen Schriften diese Angaben entnommen
wurden. Einen Mann wie diesen Beda hat die gesammte irische Kirche
nicht hervorgebracht; er war der Lehrer des ganzen Mittelalters.
Durch mathematische Kenntnisse haben gerade die Schottenmönche sich
ausgezeichnet, auf ihren Unterricht mag ein bedeutender Theil der
Gelehrsamkeit Beda's sich, wenn auch nur mittelbar, zurückführen
lassen, ihm aber war es vorbehalten, durch die Gediegenheit und
Faßlichkeit seiner Lehrbücher für Jahrhunderte in jedem Kloster die
Anleitung zu den nöthigen astronomischen Kenntnissen zu geben; wo
man es verschmähte, tiefer einzudringen, benutzte man wenigstens
seine Ostertafeln als unentbehrliches Hülfsmittel der kirchlichen
Zeitrechnung, in welcher durch ihn die für leicht übersichtliche
Chronologie so förderliche dionysische Era üblich wurde. Sein
Martyrologium ist die Grundlage aller späteren Umarbeitungen;
seine kleine Chronik von den sechs Weltaltern (bis 726) war überall
bekannt, und die Kirchengeschichte Englands (bis 731) wurde um so
eifriger gelesen, weil man hierin den Ursprung der eigenen Kirche
erkannte, sowie sie andererseits das Bewußtsein dieser Verbindung wach
erhielt[1]. Hatten die irischen Missionare nicht durch Frömmigkeit
allein, sondern auch durch mancherlei Kenntnisse und Gelehrsamkeit die
Bewunderung der Franken erregt, so überragten doch nun die Angelsachsen
noch in weit höherem Maße alles, was man bis dahin gekannt hatte.
[1] Ueber die Schreibart Baeda (die eben damals veraltende) s.
H. Zimmer, NA. XVI, 599-601. Vgl. über ihn Ebert S. 634-650.
Karl Werner, Beda der Ehrwürdige und seine Zeit, Wien 1875.
Cantor, Gesch. d. Mathematik I, 707-712. Schöll in Herzogs
Real-Encyclopädie. -- Opera ed. Giles, Lond. 1843 ff. 12 Bände.
Bd. 1-4 die historischen Schriften. Chron. VI, 270 als c. 66. 67.
von De temporum ratione. Opera historica ed. Stevenson, 1841, 2
Bände; cura R. Hussey, Ox. 1846. Mon. hist. Brit. (1848) p. 83-102
(Sexta aetas), p. 103-289 (Hist. eccl.). Migne XC-XCV. Hist. eccl.
ed. Holder 1882. Auszüge, Geschichtschr. VII, 1 bei Isidor, von
Coste. G. Wetzel, Die Chroniken des Beda (über seine Quellen und
die Art ihrer Benutzung), Diss. Hal. 1878. Ueber die _Continuatio
Bedae_ von 731 bis 766, H. Hahn, Forsch. XX, 553-569. Die _Annales
chronographi vetussi_. SS. XIII, 716, schreibt Krusch ihm zu. NA.
XI, 633.
Ein älterer Zeitgenosse des Beda, ein Northumbrier aus dem Kloster
Streoneshalch (Whitby), an Bildung und Wissen ihm weit nachstehend,
hat seiner Verehrung für den Begründer des Christenthums in England,
Pabst =Gregor den Großen=, ein merkwürdiges Denkmal gestiftet, indem
er, so gut er es vermochte, eine Lebensbeschreibung desselben verfaßte,
mit nicht unwichtigen Nachrichten über die Bekehrung seiner Heimath
Wundergeschichten und den Preis der Werke Gregors verbindend. Dieses
merkwürdige Werkchen ist erst durch P. Ewald in einer alten Sanctgaller
Handschrift entdeckt, der wesentliche Inhalt mitgetheilt, und mit
grossem Scharfsinn nachgewiesen, dass dieses die von Beda, Paulus
Diaconus und Johannes Diaconus benutzte angelsächsische Legende ist[2].
[2] P. Ewald, Die älteste Biographie Gregors I. Hist. Aufsätze dem
Andenken an G. Waitz gewidmet (1886), S. 17-54.
Schon vor Beda hatte auch die angelsächsische Mission begonnen, welche
sich hauptsächlich den stammverwandten Sachsen und Friesen zuwandte.
Ein charakteristischer Unterschied dieser Mission von der irischen
liegt in ihrem Verhältniß zum römischen Stuhl: seitdem S. Augustin,
von Gregor dem Großen gesendet, die englische Kirche begründet hatte,
war diese in der engsten Verbindung mit Rom geblieben, und von da
aus geleitet, wurde die Kirchenverfassung fest und sicher organisirt.
Dadurch gewann diese Mission einen ganz anderen Boden, und war nicht
der Vereinzelung und der daraus folgenden Verwilderung ausgesetzt,
welche den Erfolg der Schottenpredigt auf einzelne Klosterstiftungen
beschränkte.
An zuverlässigen Lebensbeschreibungen der älteren unter diesen
Glaubensboten fehlt es freilich auch, und ihre Wirksamkeit würde uns
in nicht minder zweifelhaftem Dämmerlichte erscheinen, als die der
Schottenmönche, wenn nicht die englische Kirche, von der sie ausgingen,
in helleren Umrissen vor uns stände, und vor allem Beda uns so manche
sichere Nachricht aufbewahrt hätte.
Augustin, der erste Erzbischof von Canterbury, starb um das Jahr 604.
Schon sein Schüler =Livin= soll in Friesland gepredigt haben, seine
Lebensbeschreibung aber ist ein späteres betrügliches Machwerk. Da sie
fälschlich dem Bonifatius zugeschrieben wird, findet sie sich in der
Sammlung seiner Schriften[3].
[3] Vgl. Rettberg II, 509. Die Unechtheit der ihm zugeschriebenen
Verse an den Genter Abt Florbertus mit dem Epitaphium S. Bavonis,
mit Anklängen an Boethius, hat Holder-Egger nachgewiesen,
Waitz-Aufsätze S. 623-665. NA. XVI, 623.
Auch =Wilfrid=, Erzbischof von York, der im J. 709 gestorben ist,
hat unter den Friesen gepredigt, als er auf einer Reise nach Rom 678
an ihrer Küste landete, um den Nachstellungen des Hausmeiers Ebroin
zu entgehen[4]. Besonderes Verdienst um die Mission erwarb sich aber
=Egbert=, der Abt des Klosters Hy, in welchem er die bis dahin dort
herrschende irische Weise durch die siegreiche römisch-englische
verdrängte. Er entsandte zum Friesenfürsten Radbod den =Wigbert=[5],
und nach dessen Heimkehr im Jahre 690 =Willibrord= mit elf Gefährten.
Dieser, 695 in Rom zum Bischof geweiht, begründete 698 das Kloster
Echternach, aber nicht allein als Stätte eines stillen beschaulichen
Lebens, sondern als Ausgangspunkt für seine Thätigkeit, und mit
Karl Martels Hülfe gelang ihm sodann auch die Stiftung des Bisthums
=Utrecht=, wo er im Jahre 738 als erster Bischof verstorben ist.
Sein Leben ist erst lange nach seinem Tode von =Alcuin= aus fast
ausschließlich erbaulichem Gesichtspunkt beschrieben worden[6]; die
ältere Lebensbeschreibung, welcher er gewiss wesentlich folgte, von
einem Schottenmönch _rustico stilo_ verfaßt, wie die älteste Vita des
h. Gallus, ist leider, wie diese verloren, aber sie wurde noch benutzt
von =Thiofrid=, Abt von Echternach (1083-1110), dessen Werk deshalb
nicht ohne Werth ist[7].
[4] Rettberg II, 511. Daß jedoch Wilfrid nicht wider Willen an diese
Küste verschlagen wurde, bezeugt sein Schüler und Biograph
=Aedde=, genannt =Stephanus=, bei Mab. IV, 1, 671. Wenn aber
Alberdingk Thijm. H. Willibrordus S. 84 (deutsch S. 57) auch in
der Missionspredigt unter den Friesen einen tief angelegten Plan
sieht, so findet das in den Quellen keine Bestätigung. Dagegen
auch Moll, Kerkgeschiedenis van Nederland, I, 87.
[5] Rettberg II, 513.
[6] _Alcuini Vita S. Willibrordi_ ed. Wattenbach, nach Jaffé's
Vorarbeit den älteren, früher nicht benutzten Handschriften
folgend, Bibl. VI, 32-79. Das metr. 2. Buch auch bei Dümmler,
Poet. Carol. I, 197-220. Ebert II, 25 bemerkt, daß das hexametr.
Gedicht über Willibrord nach XXXIII, 3 u. XXXIV, 32 schon früher
verfaßt war. Die eigenhändige Aufzeichnung Willibrords vom J.
728 über seine Weihe (ib. p. 46) ist im Pariser cod. Lat. 10837
(Suppl. 1680). NA. II, 293. Facs. einer Schriftseite des Martyrol.
Acta SS. Apr. II, Propyl. Tab. II. Auch das Evangeliar Suppl. lat.
693 soll von ihm mitgebracht sein, Waagen, Kunstwerke in Paris
S. 241, Facs. Hist. de l'Imprimerie (Livre d'or des métiers) p.
12. Alberdingk Thijm, H. Willibrordus, Apostel der Nederlanden,
Amsterd. und Brüssel 1861 (Deutsch mit Zusätzen von Dr. Troß in
Hamm, Münster 1863) sucht einen Gegensatz zwischen Willibrord als
Vorkämpfer der auf Errichtung einer unabhängigen deutschen Kirche
gerichteten Politik der Päbste, und den egoistischen fränkischen
Missionsbestrebungen nachzuweisen im Anschluß an Gfrörer, wofür
ich in den Quellen keine Begründung finden kann. Vgl. Moll I,
95-118. Hauck I, 396-409.
[7] MG. SS. XXIII, 30-38, Auszüge aus dem prächtigen, dem Erzb. Bruno
von Trier (1102-1124) gewidmeten Codex, jetzt in Gotha (diese
Stelle S. 11). Die metr. Bearbeitung ist von R. Decker im Progr.
d. k. Gymn. zu Trier 1880/1, und mit Benutzung d. Goth. Hs. von
K. Roßberg, L. 83 herausgegeben.
Gleichzeitig mit ihm predigte auch =Suitbert=, der Stifter von
Kaiserswerth, von dem jedoch nur wenig bekannt ist. Als das
merkwürdigste Andenken, welches er uns hinterlassen hat, sehr
bezeichnend für die höhere und feinere Bildung, welche diese
Angelsachsen in der Heimath pflegten und von da ins Frankenreich
verpflanzten, galt bisher die schöne Handschrift des Livius, welche er
mitgebracht haben sollte, und die jetzt zu den kostbarsten Schätzen der
Wiener Hofbibliothek gehört. Doch wird die Inschrift jetzt richtiger
anders gelesen, die Bedeutung der Handschrift aber ist nicht geringer,
wenn sie aus der Utrechter Schule stammt[8]. Suitberts Biographie
dagegen, angeblich von Liudgers Genossen Marchelm oder Marcellinus
verfaßt, ist ein grober Betrug späterer Zeit[9].
[8] Mommsen et Studemund, Analecta Liviana (1873) p. 7 et tab. IV.
Gitlbauer de cod. Liv. Vindobonensi, Vind. 1876.
[9] S. Rettberg II, 396. Bouterwek, Swidbert der Apostel des
Bergischen Landes, Elberf. 1859.
Unter den Sachsen predigten der weiße und der schwarze =Ewald=, deren
Lebensbeschreibung aus Beda entnommen, aber völlig sagenhaft ist[10].
Später folgte ihnen =Liafwin=, jedoch erst um 770, nachdem vielleicht
schon mancher Glaubensbote vergeblich, und ohne das Andenken seines
Namens zu hinterlassen, versucht hatte, das starre Heidenthum der alten
Sachsen zu überwinden. Das Leben Liafwins, von =Hucbald= von St. Amand,
ist nicht ohne Werth, aber doch erst in viel späterer Zeit, im zehnten
Jahrhundert verfaßt[11].
[10] Rettberg II, 397. Ueber den Ort des Todes Dr. Troß bei Alberdingk
Thijm, S. 217-223. Lohoff, Krit. Untersuchungen der Geschichte
der beiden Ewalde unter bes. Berücksichtigung der Aplenbecker
Tradition (Beiträge z. Gesch. Dortmunds, I, 1875).
[11] Rettberg II, 405; vgl. unten § 15. III, § 10.
In Franken finden wir =Burchard=, den Bonifaz zum ersten Bischof von
Würzburg weihte, wo S. Kilian mit seinen Genossen den Boden bereitet
hatte. Auch seine Lebensbeschreibung aber ist erst im 9. Jahrh. von
einem Würzburger Cleriker verfaßt und völlig werthlos; die wenigen
Thatsachen, welche darin berichtet werden, sind theils entstellt,
theils mit oder ohne Absicht erfunden[12].
[12] Rettberg II, 314. Ausg. Mab. III, 1, 700. Acta SS. Oct. VI,
573. MG. SS. XV, 43-50 mit Auszügen aus der jüngeren Vita, von
Holder-Egger.
Die erste wirklich gleichzeitige Lebensbeschreibung besitzen wir von
=Winfrid=, dem Stifter der neuen fränkischen Kirche, der alle die
einzelnen Pflanzungen seiner Vorgänger zusammenfaßte in eine mächtige
Organisation, und ihnen dadurch die Kraft zum dauernden Bestehen gab,
der zugleich die alte verfallene fränkische Landeskirche emporrichtete,
und so im Verein mit den karolingischen Herrschern das gewaltige
Gebäude aufführte, in dem die neu hervorsprießende geistige Bildung für
viele Jahrhunderte eine gesicherte Stätte finden sollte, mitten unter
allen Stürmen und Drangsalen der kampferfüllten Zeiten. Allein die
Schilderung seines Lebens und seiner Wirksamkeit liegt unserer Aufgabe
fern; wir müssen uns hier begnügen, auf die ausführliche Darstellung
Rettbergs I, 331 ff. zu verweisen, wo auch genauere Nachweisungen über
seine Biographen zu finden sind[13].
[13] Dazu kommen nun u. a. die Jahrbücher des fränk. Reichs unter
Pippin v. Hahn u. Oelsner. Vgl. C. Will, Regesten d. Mainzer
Erzbb. I. Ebert S. 650-659. Hauck I, 410-546. Die schöne
Charakteristik bei Moll I, 141 berührt wohlthuend, gegenüber
den zur Mode gewordenen unwürdigen und unhistorischen Angriffen
auf ihn. -- Opera ed. Giles, Lond. 1844, 2 Bde. Külb, Sämmtl.
Schriften übers. u. erl. 1859. 2 Bde. Nürnberger, Zur handschr.
Ueberlieferung d. Werke, NA. VIII, 299-325. Aus der litt.
Hinterlassenschaft des h. Bon. u. des h. Burchard. 24. Bericht d.
Philomathie in Neisse, 1888. Beitr. zu d. Schriften des h. Bon.
Röm. Quartalschrift V, 28 ff. Vielleicht von Bonif. Hand sind die
Glossen zur Ep. Jacobi im Cod. Fuld. ed. E. Ranke 1868, cf. dess.
Specimen Cod. Fuld. zum Berl. Jubil. 1860. (Facs. der Glossen).
Gegen die Echtheit der Sermones Scherer, Denkmäler (1864) S. 144.
H. Hahn. Forsch. XXIV, 583-625; für dieselbe Nürnberger, NA. XIV,
109-134. Steinmeyer, 3. Ausg. II, 328, f. d. Unechtheit.
Sein kirchlicher Name war =Bonifatius=, ohne Zweifel von _bonum fatum_
abzuleiten, aber nach einer richtigen Bemerkung von Loofs scheinen
die Zeitgenossen den Namen vielmehr von _bonum fari_ hergeleitet zu
haben[14]. Er besaß eine für jene Zeit hervorragende Bildung, und
wir besitzen noch von ihm eine Grammatik und Metrik[15], und nicht
ohne Geschick und Gewandtheit verfaßte Gedichte mit der Vorliebe für
Akrostichen und andere Spielereien, welche der Zeit und besonders
seinen Landsleuten eigen ist[16].
[14] C. Will, Hist. pol. Bl. LXXVIII, Heft 4. Regesten S. V. W.
Schmitz, Beitr. z. Lat. Sprach-u. Litt.-Kunde (1877) S. 141.
Loofs, Zeitschr. f. Kirchengesch. V, Heft 4.
[15] Ars gramm. bei A. Mai, Auctt. class. VII, 475-548; vgl. Bursian
in d. Münch. SB. 1873 S. 457-460.
[16] Hierüber s. Dümmler, NA. IV, 98-101, und die Ausg. Poet. Carol.
I, 1-19, vgl. II, 687.
Von weit größerem Werthe für uns ist die Sammlung von Bonifazens
eigenen Briefen und den päbstlichen Schreiben an ihn[17]; aber auch
die bald nach seinem Tode, vielleicht noch zu Pippins Lebzeiten[18],
sicher vor 786 verfaßte Biographie enthält schätzbare Nachrichten,
und erhebt sich weit über die früheren Leistungen der Art. Der
Verfasser war ein Priester Namens =Willibald=, wohl ein Landsmann,
der bei der Kirche St. Victor bei Mainz lebte, und auf Veranlassung
der Bischöfe Lullus von Mainz und Megingoz von Würzburg seine Arbeit
unternahm. Lullus besonders versah ihn mit Nachrichten, so wie auch
andere Schüler Winfrids, den Willibald selbst nicht gekannt hatte.
Dieser ist freilich hinter einer genügenden Behandlung seiner großen
Aufgabe zurückgeblieben; anfangs sorgfältig und genau, scheint er
bei der großartigen Entfaltung der Wirksamkeit seines Helden, bei
den verwickelteren politischen Verhältnissen unter Pippins Regierung
zu ermatten, er wird verwirrt und ungenau, übergeht gänzlich
die wichtigsten Vorfälle und eilt weiter zu dem Märtyrertode des
Bonifaz[19], bei welchem er in frommem Phrasenschwall verweilt.
Aehnliche Erscheinungen sind auch in Biographien der späteren
Zeit häufig; wo ein Bischof aus dem engen Kreise der Ascetik und
bescheidener Pastoraltugenden heraustritt, wo er als Staatsmann zu
schildern war, entzieht er sich dem Gesichtskreis seines Biographen.
Hier aber ist der Abstand der §§ 30-32 von Anfang und Ende so
auffallend, namentlich auch der Mangel aller bestimmten Angaben über
Bonifatius Erhebung auf den Mainzer Stuhl, die plötzlich als fertige
Thatsache erwähnt wird, sowie über die Stiftung des Klosters zu Fulda
so unerklärlich, daß der Verdacht, Lullus Censurstriche möchten hier
verwirrend und verstümmelnd eingewirkt haben, kaum abzuweisen ist[20].
Auch der Streit über die Beerdigung des Märtyrers in Mainz oder in
Fulda ist mit keinem Wort berührt. Willibalds Sprache ist noch weit
entfernt von der Reinheit der karolingischen Latinität, aber er
bezeichnet doch schon den Anfang einer besseren Zeit; er hat in der
Schule seine Classiker gelesen, und sein Hauptfehler besteht darin,
daß er es zu gut machen will, daß er im Streben nach einem gewählten
Stil in Verkünstelung verfällt, während er doch in den Grundregeln der
Grammatik noch keineswegs sicher ist[21].
[17] Diese überaus wichtige, auch über B.'s Zeit hinausreichende
Sammlung liegt jetzt in der ersten kritischen Ausgabe von Jaffé
vor, Bibl. III, 8-315; eine neue von Dümmler ist bald zu erwarten.
Vgl. Forsch. X, 397-426 gegen die chronolog. Behauptungen
Dünzelmanns in seiner Gött. Diss. von 1869. Dieser hält jedoch
einen Theil derselben, und vorzüglich die grundsätzliche Annahme
willkürlicher Zufügung der Daten, aufrecht, und erklärt einige
der Briefe für Stilübungen, Forsch. XIII, 1-32. H. Hahn, Noch
einmal die Briefe und Synoden des Bonifaz, Forsch. XV, 43-124. Ein
übersehener Brief des P. Zacharias, NA. I, 580-583, berichtigt
von Loewenfeld, ib. IV, 173-175. Hahn, Ueber einige Briefe d.
Bonif. Sammlung mit unbest. Adr. Forsch. XXI, 383-400. Hahn,
Bonifaz u. Lul. Ihre angels. Correspondenten, 1883. Loofs, Zur
Chronol. der auf d. fränk. Synoden bezügl. Briefe, Leipz. Diss.
1881, vgl. NA. VII. 418. P. Ewald üb. die Fragmente in d. Brit.
u. a. Canonensammlungen, NA. V, 284-295. Nürnberger, Verlorene
Hss. der Briefe, NA. VII, 353-381. Die Bonif. Litt. der Magdeb.
Centuriatoren ib. XI, 9-41. P. Ewald, Susanna u. Brannlinde,
Deutung der chiffrirten Namen, NA. VII, 196-198. Dagegen Diekamp
in d. Beschr. d. Wiener Hs. ib. IX, 9-28. Hahn, Die Namen der
Briefe im Liber eccl. Dunelm. NA. XII, 109-127.
[18] Dagegen L. Oelsner, Jahrb. S. 490.
[19] Nach der seit Rettberg herkömmlichen Annahme am 5. Juni 755.
Sickels und Oelsners Meinung, daß 754 das richtige Jahr sei,
wird mit sehr erheblichen Gründen bekämpft von C. Will in d.
Tüb. theol. Quartalschrift 1873 S. 510-533, worauf er auch in den
Regesten der Mainzer Erzbischöfe S. 30 verweist.
[20] Vgl. die Einleitung B. Simsons zur Uebersetzung. Die Feindschaft
zwischen den Fuldern und Lull, dem Gründer von Hersfeld, ist
bekannt; bei Arndt, zur Uebersetzung der V. Bonif. S. 130, ist das
Privilegium des Pabstes Zacharias für Fulda aus der Bonifazischen
Briefsammlung mitgetheilt und wahrscheinlich gemacht, daß aus
dem Mainzer Exemplar dasselbe ausgeschnitten ist. Ohne Kenntniß
hiervon erweist Th. Sickel die Echtheit jener Bulle in den
Beiträgen zur Diplomatik IV, 47-73. Vgl. Bibl. III, 228. Oelsner,
Jahrbb. S. 487. Hahn, Forsch. XV, 87. Ewald, Regesta Pontiff.
2293. -- Im Prolog hat Willibald die Epistola Victurii benutzt
nach Br. Krusch, NA. IV, 171.
[21] Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 331-353. Uebersetzungen von
H. E. Bonnell, Berl. 1856. 8. Külb, Sämmtliche Schriften des
heiligen Bonifacius übersetzt, Regensb. 1859; von B. Simson und
von W. Arndt, 1863 (diese Geschichtschr. 13. VIII, 2. in neuer
Ausgabe), beide mit berichtigter Abtheilung der Capitel, jene
mit sorgfältigem Commentar, Arndt mit Benutzung der ältesten
Münchener (Freisinger) Handschrift. Nach dieser, grammatisch
fehlerhaftesten, und der einsichtig corrigirten Reichenauer
von Reginbert, hat Jaffé seine neue Ausgabe gemacht, Bibl.
III, 422-471. Es folgen hier noch die Mainzer Passio und
Auszüge aus Othloh und dem Presb. Ultraiectinus. Eine verkürzte
Ueberarbeitung, irrig für älter gehalten, ist in den Analecta
Bollandiana abgedruckt, s. Waitz, NA. VIII, 169-171. Eine
interpolierte Legende, deren Angabe über die Stiftung der Kirche
zu Hameln mit neuen Erweiterungen in die Hämelsche Chronik
des Johann von Pohle übergegangen ist, hat O. Meinardus in
der Zeitschr. d. hist. V. f. Niedersachsen 1882 herausgegeben.
Nürnberger, Disquisitt. crit. im Progr. d. Bresl. Matthias-Gymn.
1892.
Von =Lullus=, Bonifatius Schüler und Nachfolger, besitzen wir ebenfalls
eine Biographie, in welcher kürzlich Holder-Egger ein Werk Lamberts
erkannt hat, und welche deshalb als solche später zu erwähnen sein
wird. Ihr geschichtlicher Werth ist unbedeutend[22].
[22] S. über ihn vorzüglich das oben angeführte Werk von Hahn, Bonif.
u. Lull, 1883. Ueber ein vielleicht von ihm selbst verfaßtes
Epitaphium Forsch. XXII, 423; NA. VIII, 225. Ein nach der in
Marburg wiedergefundenen Hs. wesentlich verbesserter Text Forsch.
XXV, 177.
Dagegen ist als ein merkwürdiges Denkmal dieser Zeit noch das Leben
der beiden Brüder =Willibald= und =Wynnebald= zu nennen[23], verfaßt von
einer Nonne des Klosters Heidenheim, welches Wynnebald um 751 gestiftet
hatte und bis zu seinem Tode (19. Dec. 761) leitete, während Willibald
741 von Bonifaz zum ersten Bischof von Eichstedt geweiht war. Wie diese
Brüder, so stammte auch die Verfasserin, welche mit ihnen verwandt war,
aus England, von wo sie erst nach Wynnebalds Tod nach Heidenheim kam.
Ihr Werk zeigt uns, was auch aus Bonifatius Briefsammlung hervorgeht,
wie sehr lebhaft dort auch die Nonnen an den gelehrten Studien Antheil
nahmen. Freilich wurde auch sie, wie es leider so häufig vorkam, durch
ihre Gelehrsamkeit zu einer sehr gezierten und schwülstigen Schreibart
verleitet und vor fehlerhaftem Ausdruck nicht bewahrt; ja der Ausdruck
ist, wie er in der neuen Ausgabe nach der ältesten Handschrift
hergestellt ist, sogar in unglaublichem Maaße barbarisch, aber gelehrt
barbarisch, d. h. mit griechischen und anderen seltsamen Worten
beladen. Den Hauptinhalt und den werthvollsten Theil bildet in dem
Leben Willibalds der Bericht über seine Pilgerfahrt nach dem gelobten
Lande, welcher darin besonders hervortritt und den größten Raum
einnimmt. Er ist offenbar nach den Mittheilungen Willibalds am 23. Juni
778 über seine Pilgerfahrten und die daran sich schließenden Umstände
aufgezeichnet.
[23] So die authentische Form. Die älteren Ausgaben sind unbrauchbar
neben der neuen von Holder-Egger, SS. XV. 80-117.
Nach Wynnebalds Tod übernahm seine Schwester =Waldburga= die Leitung
des Klosters zu Heidenheim, von welcher nur im neunten Jahrhundert
Wolfhard von Herrieden in dem Werk über ihre Wunder etwas berichtet[24].
[24] Excerpta ed. Holder-Egger, SS. XV, 535-555.
Zu diesem Kreise gehören ferner noch =Wigbert=, den Bonifaz in Fritzlar
als Abt einsetzte, =Sualo= oder =Solus=, und =Leobgyth= oder =Lioba=,
die Aebtissin von Bischofsheim[25], deren Biographen Lupus von Ferrières
und Rudolf von Fulda später zu erwähnen sein werden.
[25] Nach Link im Klosterbuch der Diöcese Würzburg (1876) II, 538 bis
545 unzweifelhaft Tauberbischofsheim.
§ 3. Die Annalen.
In dem Abschnitte, bei welchem wir jetzt verweilen, in den
Anfängen der karolingischen Periode, beginnt zuerst ein Zweig
der Geschichtschreibung ans Licht zu treten, welcher sich aus den
unscheinbarsten Anfängen zu einer wahren Kunstform entwickelte, und
dem wir großentheils die festen Grundlagen der älteren Geschichte
des Mittelalters verdanken, nämlich die Jahrzeitbücher oder Annalen.
Augenscheinlich durch die Mission veranlaßt, kommen sie jetzt an
verschiedenen Orten zum Vorschein. Es bedurfte eben keiner neuen
Erfindung, um Jahr für Jahr die wichtigsten Ereignisse gleichzeitig
mit wenigen Worten aufzuzeichnen; wir haben ähnliches schon aus der
römischen Zeit zu erwähnen gehabt, und es mag auch hin und wieder
im merowingischen Reiche geschehen sein, aber erhalten haben sich
keine Beispiele davon. Einst hatten die Verzeichnisse der Consuln
den passendsten Raum dazu dargeboten, jetzt waren es die überall
verbreiteten Ostertafeln, deren Rand schon von selbst dazu aufforderte,
neben der Jahreszahl kurze Nachrichten einzutragen. Wir finden diese
Aufzeichnungen zuerst in England, und die Missionare, denen Beda's
Ostertafeln wohl selten fehlten, behielten die heimische Sitte
bei. Mit den Ostertafeln selbst wurden nun auch die Randbemerkungen
abgeschrieben, und gingen so von einem Kloster ins andere über; bald
fing man an darauf Werth zu legen, schrieb die noch ganz kurzen und
mageren, völlig formlosen Annalen auch abgesondert ab, setzte sie fort,
verband sie mit anderen, und machte sich endlich auch an die Arbeit,
die dürftige Kunde über die frühere Vorzeit durch Benutzung anderer
Quellen, aus Schriftstellern aller Art, aus der Sage und gelehrter
Berechnung zu ergänzen.
Daraus ergiebt sich nun, wie verschiedenartig, von wie ungleichem
Werthe der Stoff ist, welchen diese Jahrbücher uns darbieten.
Vielfache Fehler konnten schon beim Abschreiben nicht ausbleiben.
Der Rand der Ostertafeln hatte häufig nicht ausgereicht; dann waren
Bemerkungen unten, oben, an verschiedenen Stellen nachgetragen[1],
durch Zeichen auf das betreffende Jahr bezogen, und oft ist es selbst,
wenn das Original noch erhalten ist, schwer sich darin zurecht
zu finden. Gedankenlose Abschreiber haben dann nicht selten die
allergrößte Verwirrung angerichtet, zuweilen gar die Jahreszahlen ganz
fortgelassen[2].
[1] Vgl. die Schriftprobe der Annales Corbejenses, MG. SS. III. Tab.
1. Sickel in den Forschungen IV, 451 und ib. 454-461 über die
älteste im Original erhaltene Fulder Ostertafel mit Annalen.
[2] So bei den Ann. Ottenb. MG. SS. V, 1.
Um diese Annalen also mit Sicherheit benutzen zu können, um an ihnen
wirklich eine zuverlässige Grundlage für die Zeitrechnung zu gewinnen,
kommt natürlich alles darauf an, ihre Herstammung und Abkunft zu
erforschen, spätere Zusätze auszuscheiden, ihrem Ursprung so nahe wie
möglich zu kommen, wenn man nicht das Original selbst noch aufzufinden
vermag.
Das ist es, was für die gesammte Masse der Annalen aus karolingischer
Zeit zum ersten Male von Pertz im ersten Bande der Monumenta geleistet
worden ist, und zwar in so ausgezeichneter Weise und mit so umfassender
Benutzung des bis dahin bekannt gewordenen handschriftlichen und
gedruckten Materials, daß hier für alle weiteren Forschungen die
sicherste Grundlage gegeben ist[3].
[3] S. den Bericht von Pertz im Archiv VI, 258 ff.
Es ist jedoch gleich hier auf eine Unterscheidung hinzuweisen, welche
erst durch die fortgesetzte Beschäftigung mit dieser eigenthümlichen
Form der Geschichtschreibung sich immer deutlicher herausgestellt hat.
Zu allgemein hat man anfangs, von späteren Zuständen rückschließend,
die Klöster für die Ursprungstätte dieser Aufzeichnungen angesehen;
man suchte in allen Annalen nach localen Andeutungen, welche in irgend
ein Kloster führen. Auch giebt es wirklich viele Annalen, welche
sich dazu eignen; sie verbinden in buntem Gemisch die Hausgeschichte
mit Vorfällen von allgemeinerer Bedeutung, die aber in diesem Falle
keine zusammenhängende Folge darstellen. Findet sich dagegen eine
Reichsgeschichte, welche, wenn auch noch so dürftig, doch das Bestreben
nach vollständiger Mittheilung dessen zeigt, was vom Mittelpunkt aus
gesehen das ganze Reich betrifft, so wird man den Ursprung schwerlich
in einem Kloster zu suchen haben, und wenn hin und wieder eine locale
Notiz sich findet, ist sie wahrscheinlich, oft nachweisbar, einer
Abschrift zugesetzt. Den Klöstern lag ein solcher Gesichtspunkt
ursprünglich ganz fern, während der Hof damals noch wirklich den
lebendigen Mittelpunkt des Reiches bildete, an dessen Bewegungen
und Heerfahrten auch die Bischöfe mit ihren Caplänen fortwährend
sich betheiligen mußten. Die Aebte aber, welche in denselben Strudel
hineingezogen wurden, waren entweder geradezu Laienäbte, oder
sie entfremdeten sich doch durch solch unklösterliches Leben der
Genossenschaft der Mönche. Es hat freilich neuerdings H. v. Sybel
für die klösterliche Herkunft von neuem das Wort ergriffen[4], und
namentlich behauptet, daß man, was in den sog. Königsannalen steht,
im Kloster Lorsch recht gut in Erfahrung bringen konnte. Ich gebe
das gerne zu, kann mir aber nicht vorstellen, daß schon im achten
Jahrhundert der Sinn der Mönche in so hohem Grade den weltlichen
Dingen zugewandt war, was doch auch später nur ausnahmsweise der Fall
gewesen ist. Nur für wenige Klöster hatten die jährlichen Feldzüge ein
unmittelbares Interesse.
[4] Hist. Zeitschr. XLII, 265. Kleine hist. Schriften III, 1 ff.
Es hatte nun wohl den Anschein, als ob man die allmähliche Entstehung
der geschichtlichen Ueberlieferung aus den unscheinbarsten Anfängen,
die Verbindung verschiedener Aufzeichnungen und ihre nun schon
besser gelungene Fortführung deutlich vor Augen habe; man glaubte
eben jene ersten Anfänge in ursprünglicher Gestalt zu besitzen, und
bezweifelte, daß es in jener Zeit des wenig federfertigen achten
Jahrhunderts viel mehr und bessere Aufzeichnungen gegeben habe, als
uns noch jetzt vorliegen. Allein die fortgesetzte Beschäftigung mit
diesen Annalen zeigt in so hohem Grade Uebereinstimmung derselben
in vielen Notizen, während doch andere Sätze sich nur in dem einen
Exemplar, zugleich jedoch in anderen ganz entlegenen Annalen finden,
auch Spuren alter guter Ueberlieferung, die plötzlich in jüngeren
Compilationen auftauchen, daß hier, wie in manchen Fällen aus
späterer Zeit, kein anderer Ausweg möglich zu bleiben scheint, als
die Annahme verlorener Aufzeichnungen, aus welchen nur Excerpte
uns vorliegen; wir besitzen nur Bruchstücke einer einst vorhanden
gewesenen reicheren Litteratur, die wir uns aber doch hüten müssen,
uns zu bedeutend vorzustellen. Große Vorsicht ist hier nothwendig,
und eben diese Vorsicht vermisse ich bei Is. Bernays[5], dessen
Zusammenstellungen häufig gerade den entgegengesetzten Eindruck
machen, indem nur die notorischen Thatsachen übereinstimmen, im
Ausdruck aber die größtmögliche Verschiedenheit geradezu aufgesucht
sein müßte. Weit vorsichtiger dagegen ist R. Arnold[6] verfahren, und
doch scheint auch dessen Annahme von Hofannalen von 771 oder 772 an
eine unbegründete zu sein, indem ihr von Waitz[7] die erheblichsten
Gründe entgegengestellt sind. Ein solches Werk müßte deutlichere Spuren
hinterlassen haben, und als Regel werden wir doch festzuhalten haben,
daß man mühsam die dürftigen Aufzeichnungen zusammen arbeitete, und
mit einer uns oft unbegreiflichen Sorglosigkeit häufig einzelne Sätze
aus einer zugänglich gewordenen Quelle herübernahm, andere bedeutendere
Nachrichten aber unberührt ließ.
[5] Zur Kritik Karolingischer Annalen, Straßb. 1883. In einem dadurch
veranlaßten Aufsatz HZ. LIV (1885) S. 55-70 bestreitet G. Kaufmann
überhaupt den Nutzen solcher Untersuchungen und die Möglichkeit
gesicherter Erfolge.
[6] Beiträge zur Kritik Karolingischer Annalen, Diss. Lips.
1878. Für Hofannalen von 785-803 ist E. Seraphim eingetreten.
Quellenkritische Untersuchungen der kleineren Karol. Annalen.
Progr. d. livländ. Landesgymn. Fellin 1887.
[7] Neues Archiv V, 497 ff.
Als erste Quellen dieser Art können wir zwar nicht mehr die Ann.
S. Amandi und Ann. Mosellani, wie sie uns vorliegen, betrachten,
aber doch die etwas reichere Quelle der Ann. S. Amandi bis 769 und
die Aufzeichnungen, welche den wesentlichen Inhalt der Mosellani
ausmachen, bis 764 (oder 760?) annehmen. Nach Arnolds Ansicht wären
diese in oder bei Metz (Gorze?) compiliert und im siebenten Jahrzehnt
des achten Jahrhunderts mit eigenen, ziemlich reichhaltigen Zusätzen
vermehrt, die bis c. 771 reichten. Dieses nicht mehr vorhandene Werk
betrachtet Arnold als die gemeinsame Quelle der Annales Petaviani,
die nebenbei bis 737 noch ein Exemplar der Ann. S. Amandi oder ihrer
Quelle benutzten, und seit 760 einen officiellen Charakter tragen,
der Annales Maximiniani, die nebenher noch andere Quellen benutzten,
und wieder eines verlorenen Werkes, das im ersten Theile durch Notizen
über Angelsachsen vermehrt war, und fast ganz rein vorliegt in den Ann.
Mosellani und den Ann. Laureshamenses. Doch hat in Betreff der Annales
Maximiani G. Waitz dieser Annahme sehr entschieden widersprochen und
dadurch das ganze künstliche Gebäude erschüttert.
Die =Annales S. Amandi=[8] haben diese Benennung von Pertz erhalten,
weil 782 und 809 Beziehungen auf das Kloster Saint-Amand vorkommen;
dem früheren Theile fehlen sie und der Inhalt ist durchaus
reichsgeschichtlich. Die Ursprünglichkeit ihrer jetzt vorliegenden
Form ist angegriffen, eine verlorene Quelle oder etwas reichere Form
angenommen, aber als ein ziemlich treues Abbild dieser eben beginnenden
Annalistik werden wir sie doch betrachten dürfen.
[8] _Annales Sancti Amandi_ a. 687-810, MG. I. 6-11. Die nach dem
Besitzer der Handschrift genannten _Ann. Tiliani_ (ib. p. 6-8)
sind von 708 bis 737 nach Arnold, S. 53-55, aus der Quelle der
Ann. S. Amandi geflossen, in ihrem zweiten Theil 741 bis 807
(S. 219-224) aus den Ann. Lauriss. entnommen. Zu erkennen sind
die Notizen bis 771 auch in den dürftigen _Ann. Sangallenses
Baluzii_ p. 63, e cod. 124. welche nach Arnold, S. 42-47, aus
der von ihm angenommenen Compilation stammen, weiterhin aus den
Hofannalen. Ausg. v. Henking, Sanctgaller Mitth. XIX, 224-265;
nach S. 340 stammen sie bis 764 aus gleicher Quelle mit d. Ann.
S. Amandi u. sind auch weiterhin ein Auszug, nicht Original. Die
_Ann. Laubac._ SS. I, p. 7-12. 15. 52, und ihre Gruppe behandelt
Arnold, S. 55-61. Er erkennt in den Laubac. bis 814 eine mit
einigen Zusätzen versehene Umarbeitung der Ann. S. Amandi, welche
kürzer in den Ann. Auscienses, Augienses brevissimi, S. Germani
minores, vielleicht ebenso in den _Ann. S. Amandi breves_ (SS.
II, 184, von 742-855) und Ann. Bawarici breves benutzt, auch im
Chron. Lausonense nicht zu verkennen sei. Verwandt, aber ganz
unbedeutend, sind die _Ann. S. Amandi brevissimi_, 760 bis 796,
SS. XIII, 38. und _Ann. Regum Sangallenses_, 687-855, SS. XIII,
717 u. NA. V, 428. Vgl. über die Laubac. auch B. Simson, Forsch.
XXV, 375-377. Seraphim S. 8-12, der sie von ursprünglich reicheren
Ann. S. Amandi ableitet. -- Ann. 759-805 im Cod. Vat. Christ.
213, Arch. XII, 270, vgl. Waitz, HZ. XXVIII, 200, sind das Fragm.
Chesnianum der Ann. Laureshamenses, NA. II, 329.
Vom ersten Anfang an sind diese Annalen karolingisch. Sie beginnen mit
der dauernden Festsetzung dieses Hauses im Besitz der Macht, mit der
Begründung einer neuen Ordnung der Dinge, der Morgendämmerung einer
besseren Zeit, welche wieder Hoffnungen erweckte und die Seelen nicht
mehr mit dem trostlosen Gedanken von dem nahe bevorstehenden Untergange
der Welt erfüllte.
Die am Eingang stehende Nachricht von der Schlacht bei Tertri 687 ist
nachträglich zugesetzt; die regelmäßig fortgesetzten Aufzeichnungen
beginnen erst 708, und auch von da an möchte ich noch nicht behaupten,
daß gleich von Anfang an alles gleichzeitig eingetragen wäre; die
Form der kurzen und noch sehr dürftigen Bemerkungen, wenn man z.
B. zu dem Jahr 708, wo Ostern auf den 15. April fiel, an den Rand
schrieb: (Das war damals) als Drogo im Frühjahr starb[9] -- deutet
eher auf ein späteres Besinnen und Ueberdenken der Vergangenheit.
Auch ist das ganz natürlich; so lange der Eindruck noch frisch ist,
fühlt man kein Bedürfniß ihn künstlich festzuhalten, und erst später
macht sich das Verlangen geltend, die verschiedenen Erinnerungen aus
einander zu halten und zu ordnen. Wenn aber nun eine Reihe solcher
Aufzeichnungen beisammen ist, dann ändert sich der Gesichtspunkt,
man legt Werth auf diese Zusammenstellung und setzt sie um ihrer
selbst willen fort, trägt Jahr für Jahr die wichtigsten Begebenheiten
ein, um für spätere Zeiten ein Denkmal zu hinterlassen. Jene Annalen
nun, welche in ihrer Fortsetzung bis 810 deutliche Beziehungen zu
=Saint-Amand= enthalten, entbehren in ihrem früheren Theile bis 771
und noch darüber hinaus jeder Hinweisung auf dieses Kloster oder
dessen Umgegend; sie verzeichnen nur die großen Reichsbegebenheiten,
die Feldzüge jedes Jahres und zuweilen einen Todesfall oder einen
anderen merkwürdigen Vorfall, so kurz, daß die eigentliche Kenntniß
von den Dingen vorausgesetzt wird; an Erzählung ist kein Gedanke,
nur an chronologische Ordnung der Erinnerungen. Giesebrecht hält die
Aufzeichnung dieser Notizen im Cölnischen für sehr wahrscheinlich und
möchte den Schottenmönchen zu St. Martin, Pippins von Heristal Stiftung
in Cöln, dieses Verdienst zuschreiben. Allein daß 713 Suitberts Tod,
716 Radbots Vordringen bis nach Cöln erwähnt wird, daß 753 gerade
wie in den Annales Mosellani der Tod des Bischofs Hildegar von Cöln,
auf dem Feldzug gegen die Sachsen angemerkt wird, das berechtigt uns
noch nicht zu einer bestimmteren Annahme über die Herkunft dieser
Jahrbücher. Vorzüglich in den Klöstern Belgiens weit verbreitet, sind
sie durch Zusätze und Fortsetzungen immer mehr angewachsen, bis sie
endlich Sigebert von Gembloux zur Grundlage seiner gewaltigen Chronik
dienten, aber in ihren Anfängen weist nichts nach einer bestimmten
Gegend. Nichts tritt dagegen so sehr in den Vordergrund, wie die
Familie der Hausmeier, und man kann sie daher wohl mit besserem
Rechte, als irgend einem Kloster, einem Mitglied der Hofgeistlichkeit
zuschreiben.
[9] Quando Droco mortuus fuit in vernale tempore.
Ganz denselben Charakter tragen auch die gleichzeitigen =Annales
Mosellani=[10], deren Entdeckung in Petersburg durch Lappenberg ein
unerwartetes Licht auf das Verhältniß der ältesten Annalen zu einander
geworfen hat, vorzüglich nachdem Giesebrecht in seiner scharfsinnigen
Abhandlung über die fränkischen Königsannalen[11] die Folgerungen,
welche dem ersten Herausgeber noch entgangen waren, daraus gezogen
hat. Weiter ist dann, wie schon oben erwähnt, durch R. Arnold das
gegenseitige Verhältniß der Annalen eingehend untersucht.
[10] Von 703 bis 797, SS. XVI, 491-499. Den Namen wählte Lappenberg
wegen der Beziehungen zu Klöstern an der oberen Mosel, welche sich
darin finden.
[11] Münch. Hist. Jahrb. (1865) S. 185-238; vgl. hier vorzüglich S.
224 bis 226.
An der Spitze der Annales Mosellani (welche nach Arnold, wie sie
uns vorliegen, schon aus einer Vermischung mit denen von St. Amand
hervorgegangen sind) stehen von 704 bis 707 irische Namen. Diese bilden
den Uebergang von Bedas kleiner Chronik in der Schrift de temporibus,
an welche sie sich anschlossen, zu der Nachricht von Drogo's Tod 708,
die auch hier die fränkischen Eintragungen eröffnet. 713 ist der Tod
einer englischen Prinzessin, eines Königs von Ostangeln bemerkt, 726
und 729 unbekannte irische Namen. Erwähnt wird ferner 726 der Tod
Martins, welcher nach den Ann. Petav. ein Mönch von Corbie und Karls
Beichtvater war, 736 Audoins des Bischofs von Constanz, dessen Name
so wenig etwas für die Herkunft der Annalen beweisen kann, wie 728
die Erwähnung Haldulfs von Cambrai, der zugleich Abt von St. Vaast
war. Dagegen finden sich von 761 an Beziehungen zu Chrodegang von
Metz, dessen hervorragende Stellung im Reiche ganz geeignet war,
die Abschrift solcher, vielleicht in Metz ursprünglich entstandener
Aufzeichnungen und ihre Fortführung zu veranlassen, war er doch am
Hofe Karl Martels aufgewachsen und hatte 742 von Pippin das Bisthum
erhalten[12]. Pückert hat darauf hingewiesen, daß sein Bruder Gundeland
Abt von Lorsch war, was auf das in Lorsch so früh hervortretende
Interesse für Geschichte eingewirkt haben mag.
[12] Seine Regula Canonicorum hat W. Schmitz herausgegeben mit Facs.
der zum Theil in tironischen Noten geschriebenen Handschrift,
Hann. 1889.
Kaum waren diese ersten Versuche geschichtlicher Thätigkeit gewagt,
so begann man auch schon ihren Werth sowohl wie ihre Unvollkommenheit
zu empfinden; man copirte sie und bereicherte sie zugleich durch
Verbindung der verschiedenen Exemplare, ohne sich jedoch noch eine
redigirende Thätigkeit zu erlauben, welche das nothdürftigste Maß
überschritten hätte. Diese Gewissenhaftigkeit sowohl wie die ersten
Regungen einer combinierenden wissenschaftlichen Thätigkeit liegen
uns, wenn wir Arnold glauben dürfen, nicht mehr in dem ursprünglichen
Product vor, wohl aber in verschiedenen Ableitungen, vorzüglich in den
=Annales Petaviani=, welche von dem früheren Besitzer der Handschrift
ihren Namen haben[13]. Sie verbinden nämlich bis 771 die beiden bisher
betrachteten Annalen, an welche sich von da an eine schon wirklich
erzählende, völlig gleichzeitige und zuverlässige[14] Fortsetzung bis
799 anschließt, die bei dem Mangel aller localen Färbung wiederum nur
für den Königshof, den Mittelpunkt aller Unternehmungen, in Anspruch
genommen werden kann. Eine Abschrift, welche nur bis 796 reicht (Cod.
Masciacensis), gewährt Zusätze, welche aus dem Martinskloster zu Tours
zu stammen scheinen, während die beiden anderen specielle Angaben
über die karolingische Familie hinzufügen[15]. Arnold freilich (S.
28) bestreitet die Richtigkeit jener Bezeichnung als gleichzeitig
und zuverlässig, weil der Verfasser schlechtes Latein schrieb,
worin ich einen Gegengrund nicht zu erkennen vermag. Erheblicher
sind einige Ungenauigkeiten, welche er nachweist, und mehr noch
die Uebereinstimmung in manchen Angaben und Ausdrücken mit den Ann.
Laureshamenses. Aehnliche Spuren in anderen Annalen führen ihn zu der
Annahme von verlorenen =Hofannalen= (S. 52), welche 771 oder 772 nach
dem Beginn der Alleinherrschaft Karls angefangen, etwa bis 803 (Ende
der Lauresham.) oder 801 (Ende der Guelferbyt.) fortgeführt wurden,
ziemlich umfangreich waren, und deshalb in sehr verschiedener Weise
ausgenutzt wurden, ihre Spuren aber in vielen Annalen hinterlassen
haben. Vielleicht durch die überwiegende Autorität und Verbreitung
der sog. Königsannalen (Laurissenses) wäre das ältere Werk in den
Hintergrund gedrängt und endlich verloren. Einen geradezu officiellen
Charakter und Ursprung will Arnold nicht annehmen, wohl aber
Entstehung am Hofe, welche auch mir unzweifelhaft ist. Als Auszug aus
diesen Annalen hätten wir also auch den letzten Theil der Petaviani
zu betrachten, welcher durch ceremonielle Ausdrucksweise deutlich
höfischen Ursprung zeigt. Beginnt diese schon 760, so kann sie auf
diese Strecke durch Ueberarbeitung übertragen sein. Doch wird, wie
schon erwähnt, von Waitz die Existenz solcher Hofannalen bestritten,
und wir werden wenigstens nur mit großer Vorsicht von einem solchen
Werke reden dürfen.
[13] _Ann. Petav._ (697) 708-799, MG. SS. I, 7-18; cf. III, 170.
Arch. VII, 271. Ohne Zusätze, ex codice Vat. Christ. 520, olim
Corbejensi, deinde Petri Danielis, in A. Mai's Spicil. Rom. VI,
181-190. Auch die Angabe über Karls Geburt 747 (= Laubac.) fehlt
hier.
[14] Diese Ausdrücke sind natürlich nur relativ gemeint. Seraphim,
S. 26-31, sieht in diesen Ann. nur ein „schlechtes Excerpt der
Hofannalen“.
[15] S. Hahn. Sur le lieu de naissance de Charlemagne p. 76. Da
Remedius Pippins Halbbruder war, ist kein Grund, mit Giesebrecht
wegen der Notiz über ihn an eine Aufzeichnung in Rouen zu denken.
Neben dieser Fortführung der Annales Petaviani wurden nun auch jene
=Ann. Mosellani= in gleicher Weise fortgesetzt, ebenfalls schon von
dem ersten Hauch der karolingischen Zeit berührt und von räthselhaften
Notizen zur Erzählung übergehend; doch lassen auch hier auffallende
Uebereinstimmungen anstatt ganz selbständiger gleichzeitiger
Aufzeichnung vielmehr Benutzung einer gemeinsamen Quelle voraussetzen.
Wenn nun in diesem Theile zweimal der Tod eines Abtes von Lorsch
erwähnt wird, so darf das nicht auffallen bei einem Kleriker, der etwa
im Gefolge des Bischofs von Metz dem Hoflager folgte; ein Mönch aber
hätte wohl schwerlich so ausschließlich seinen Blick auf den König und
die allgemeinen Reichsbegebenheiten richten können. Nach dem Jahre 785
sind diese Annalen wiederum durch Abschriften verbreitet; diejenigen,
welche Pertz wegen einiger localer Zusätze =Annales Laureshamenses=
genannt hat[16], eine aus gemeinsamer Quelle stammende Nebenform
der Mosellani, erhielten von da ab zwei verschiedene ausführliche
Fortsetzungen bis 803 und 806; in den Annales Mosellani aber fehlen die
Jahre 786 und 787, und die weitere Fortsetzung bis 798 ist um ein Jahr
verschoben, also da sie doch offenbar gleichzeitig verfaßt ist, erst
nachträglich hier eingetragen.
[16] _Annales Laureshamenses_ MG. I, 22-39, bis 768 neben den Ann.
Alam. Guelferbyt. und Nazar. gedruckt. Die damals in St. Paul
vergeblich gesuchte Hs. ist von Dr. Holder gefunden, und von
Katz im Jahresbericht des Stifts 1889 herausgegeben, vgl. NA.
XV, 425. Ueber das Fragmentum Chesnianum, eine abweichende Form
dieser Annalen s. Dünzelmann, NA. II, 511, u. Katz. Die zweite
Fortsetzung ist 791-806 identisch mit den Laurissenses. Ueber eine
weitere Fortsetzung 803-818 s. unten § 10 zum Chron. Moissiacense.
Gerade bis 785 (731-753 mit Verschiebung der Jahreszahlen)
finden sich die Ann. Mosell. auch excerpirt in den _Annales
Flaciniacenses_, einer chronologischen Compilation von 816 (doch
vgl. Waitz im NA. V, 484) und von da an gleichzeitig fortgesetzt
bis 879. Dazu geschrieben sind die _Annales Lausonenses_,
Lausanner Notizen bis 968. 985. MG. SS. III, 150; neue berichtigte
Ausg. von Jaffé in Mommsens Cassiodor p. 684-689; vgl. dazu Waitz,
NA. V, 484. Vollständiger finden sich die Ann. Laus. in dem sog.
_Chronicon Laus. Chartularii_ (ed. Gingins, Mém. et Doc. de la
Suisse Romande (1851) VI, 5-10; Cibrario e Promis, Documenti
p. 326-331; Waitz, SS. XXIV, 774-810), in dem sich vorher die
Ann. Weißenburgenses benutzt finden, nebst Spuren gleichzeitiger
Annalen saec. IX. Einzelne ältere Notizen 592. 688 ff. sind
vorgesetzt, eine Fortsetzung bis 1056 enthält fast nur die Folge
der Bischöfe.
Eine andere Fortsetzung von 786 bis 796 hat G. Waitz nachgewiesen in
den Annalen von 741 bis 811, welche nach dem Fundort der Handschrift
von dem ersten Herausgeber, Baron von Reiffenberg, =Maximiniani=
genannt sind[17].
[17] Compte-rendu des séances de la Commission roy. d'histoire, VIII
(1844) 307-322; vgl. Gött. Nachrichten 1871, S. 307-322. Ausg. von
Waitz SS. XIII, 19-25, und Abhandlung darüber im NA. V, 475-501.
Auch diese hat Arnold als Auszug aus den von ihm angenommenen
Hofannalen in Anspruch genommen und gerade auf sie großes Gewicht
gelegt; er glaubte nicht, daß dieser Annalist so viele verschiedene
Annalen, wie Waitz annahm, benutzt und doch wieder so viele wichtige
Dinge, die auch darin standen, übergangen haben könne. Allein hier ist
ihm Waitz scharf entgegengetreten, indem er nachwies, daß die Ableitung
aus verschiedenen Elementen sich durch das Verhältniß zu anderen
Quellengruppen mit voller Sicherheit darthun läßt. Aufgeklärt wurde
die ganze Sachlage freilich erst durch die neue von Waitz gegebene
Ausgabe und die Sonderung der Annalen von der Chronik bis 741, an
welche sie sich anschließen und zu deren Fortsetzung sie bestimmt zu
sein scheinen. Diese, schon oben S. 129 kurz erwähnt, wird später zu
besprechen sein. Die Annalen sind eine um oder bald nach 811 verfaßte
Compilation, zu welcher die Gesta Pontificum Romanorum (doch noch
nicht die Vita Leonis III) mit verschiedenen Annalen in ziemlich freier
Weise, mit einigen willkürlichen Zusätzen, verbunden sind. Als solche
hier benutzte Annalen sind nachgewiesen die Mosellano-Laureshamenses,
d. h. die gemeinsame Quelle beider, und die Petaviani noch 778,
vielleicht 779, dann die Laurissenses mit Zusätzen aus einer
unbekannten Quelle, bis 811, wo ein Abschnitt derselben, das Ende einer
Bearbeitung, wahrscheinlich ist. Eigenthümlich aber ist von 786 bis
796 die Benutzung von Annalen, welche wegen besonders hervortretender
Berücksichtigung von Baiern dort geschrieben zu sein scheinen, und
welche wie B. Simson zuerst bemerkt, ebenfalls und ebensoweit in den
Annales Xantenses benutzt sind. Ebensoweit reicht auch die von Arnold
nachgewiesene Verwandtschaft mit den Juvavenses minores, welchen die
Mos. Laur. fremd sind; sie tritt aber auch schon früher, schon 743, und
überall da hervor, wo nicht die Mos. Laur. Quelle sind, so daß also die
Existenz einer anderen, den Laurissenses majores verwandten Redaction
fränkischer Annalen anzunehmen ist, an welche die Fortsetzung von 786
bis 796 sich anschloß. Berührung ist auch mit den Ann. Juvav. maj.
und S. Emmerammi maj. vorhanden, welche nach Waitz von den Maximiniani
direct oder mittelbar abhängig sind[18]. Wir werden auf dieses Werk noch
zurückkommen.
[18] Diese Ansicht bekämpft wieder Seraphim, S. 66, indem er S. 61 bis
73 ausführlich von den kleinen bair. Ann. handelt.
Andere gleichzeitige Aufzeichnungen, welche nach dem Fundort der
Handschrift =Guelferbytani= genannt werden, beginnen erst mit Pippins
Regierung 741. Sie weisen durch die Folge der Aebte deutlich auf das
727 gegründete Kloster =Murbach= in den Vogesen, und verfolgen die
Reichsbegebenheiten nicht so gleichmäßig wie jene anderen Annalen,
welche wir mit ihnen gemischt bis 768 in den =Annales Alamannici= und
=Nazariani= wiederfinden, deren Anfang von 708 an ebenfalls den Annales
Mosellani entnommen ist. Von 771 bis 790 folgt hier eine weitere
Fortsetzung, von ganz allgemeinem Charakter, welche in den Annales
Nazariani am vollständigsten erhalten, im Wolfenbüttler Codex allein
noch bis 805 weitergeführt ist[19], während die Annales Alamannici
eine selbständige Fortsetzung 790 bis 799 erhielten[20]. Diese Annalen
verbreiteten sich weithin durch die Klöster Schwabens und gelangten
auch nach Hersfeld, wo an diesen Anfang Lamberts Geschichtswerk sich
anlehnte, während auf den aus gleicher Quelle stammenden Reichenauer
Annalen Hermann der Lahme seine Chronik erbaute.
[19] Für die Jahre 802-805 nach Heigel Auszug einer ausführlicheren
Version der Königsannalen, welche in den Ann. Mett. erhalten ist.
S. Heigel: Ueber die aus den alten Murbacher Annalen abgeleiteten
Quellen. Forsch. V, 397-403; zustimmend, gegen Arnold, Waitz,
Forsch. XX, 391. Seraphim S. 32-61. -- Der von Pertz im Arch.
VII, 1018 angeführte Murbacher Bibliothekskatalog saec. IX vel
X ist gedruckt bei Senebier. Cat. de la bibl. de Genève S. 77;
vollständig von H. Hagen, Neue Jahrbb. f. Philol. CXVI (1877),
865-871. Doch bemerkt schon Pertz, Arch. VIII, 257, daß er nach
Reichenau zu gehören scheine. Geschichtlich ist darin nur Greg.
Turon. und Vita et gesta Caroli.
[20] _Ann. Guelferbyt._ 741-790, MG. I, 22-31; 40-44 neben den _Alam._
und _Nazariani_; dann folgen die weiteren Fortsetzungen der
Guelf. und Alamannici. Neue Ausg. der Alam. nach dem in Zürich
wiedergefundenen Original von Henking, Mitth. z. vaterl. Gesch.
XIX, S. 224-265. Arnold, S. 37-42, leitet die Forts. 771-790 und
790-799 von den Hofannalen ab; desgl. Seraphim S. 32-39. Nach
Dünzelmann wären die Alam. erst um 800 compilirt u. schöpften
aus den Lauresh. u. Guelferbytanis, NA. II, 511. Untersuchung
von Henking a. a. O. S. 347 ff. Danach ist bis 799 noch eine
gemeinsame Quelle kenntlich, Fortsetzung der vorhergehenden,
welche theils in Gorze, theils in Murbach überarbeitet wurde.
Vgl. über die weitere Verbreitung dieser Annalen Waitz in Schmidts
Zeitschrift II, 51.
Besonders merkwürdig sind die von Pertz in einer Handschrift des
Klosters St. =Germain-des-Prés= entdeckten Annalen[21], welche im Anfang
des neunten Jahrhunderts aus einer älteren Handschrift abgeschrieben
sind, und wie gewöhnlich zur Eintragung der dortigen Annalen benutzt
wurden. An der Spitze stehen hier ganz kurze Annalen von =Lindisfarne=
(643-664), einem Bisthum auf einer der kleinen Inseln an der Ostküste
von Northumberland, jetzt Holyisland bei Berwick, welches von Hy aus
begründet war. Darauf folgen von 673 bis 690 Notizen aus Canterbury.
Nach Pertz' Vermuthung war es =Alcuin=, welcher diese Handschrift mit
sich an Karls Hof brachte, wo er von 782 bis 787 (792) die Namen der
Orte eintrug, an welchen Karl in diesen Jahren das Osterfest feierte.
Daran haben nun die Mönche von St. Germain ihre eigenen Annalen
gefügt[22], als deren Grundlage jetzt Annalen von =Saint-Denis= bis
887, mit einer Fortsetzung 919-997 erkannt sind[23]. Jene Notizen über
die Osterfeier von 782 bis 787 aber finden wir auch in einer anderen
Handschrift wieder, jedoch ohne die Bemerkungen aus Canterbury.
Dieses Exemplar nämlich hat Arn, der Freund Alcuins, nach =Salzburg=
mitgenommen; die Orte der Osterfeier sind hier bis 797 genannt, und
dann schließen sich Salzburger Nachrichten daran[24]. In Salzburg
selbst hatte man damals aber bereits einheimische ältere Annalen, deren
Spuren sich in den späteren Jahrbüchern vorfinden[25]. Scheinbar bieten
sich uns in diesen viel reichere und vollständigere Aufzeichnungen
dar, allein es läßt sich mit Bestimmtheit nachweisen, daß diese erst
im zwölften Jahrhundert nach Vermuthungen und gelehrter Berechnung
zusammengestellt wurden, um die Dürftigkeit der alten Annalen zu
ergänzen. Wie bedeutende alte Quellen aber verloren, und so lange sie
noch vorhanden waren, unbeachtet geblieben sind, zeigen uns die von
Riezler nachgewiesenen, sehr wichtigen Fragmente, welche Aventin aus
einem Buch von „Herzog Thessels Kanzler mit Namen =Crantz=“ gerettet
hat[26].
[21] MG. SS. IV, 2, _Ann. Alcuini_. Ein ähnliches Exemplar bis 792, mit
Verbesserungen, aus Saint-Benôit-sur-Loire, bei Delisle, Catal.
du Fonds Libri, p. 70.
[22] _Ann. S. Germani minores_ 642-919, im Anfang des zehnten
Jahrhunderts geschrieben, den Murbacher und besonders den Ann.
Aug. brevissimi (SS. III, 136) verwandt (vgl. Seraphim S. 73-75),
von geringer Bedeutung; die Fortsetzung 923-1146 sehr dürftig.
Die _Annales S. Germani Parisiensis_ 466-1061, III, 166-168, sind
im elften Jahrhundert geschrieben und meist localen Inhalts,
a. 987 ist, wie Dümmler bemerkt, _captum_ irrig in _Capetus_
verändert. Die _Translatio S. Germani_ (755) bei Mab. III, 2,
104-118, Acta SS. Mai. VI, 788-796, beschreibt die Translation,
bei welcher Pippin geholfen und Palaiseau geschenkt haben soll.
Daß die Erzählung Karl dem Gr. in den Mund gelegt wird, hielt ich
für Fiction, sie wird in Schutz genommen von Oelsner, Pippin S.
501, und jetzt auch von Waitz, Ex translationibus et miraculis
S. Germani Excerpta, SS. XV, 5-9. B. Simson, Jahrb. Karls I, 9,
verhält sich skeptisch, um so mehr, da Aimoin die Schrift nicht
kennt.
[23] _Annales S. Dionysii_, ed. E. Berger, Bibl. de l'École des chartes
XL (1879), 261-295; SS. XIII, 718-721 von Waitz die Annalen mit
der in die Ann. S. Germ. min. übergegangenen Fortsetzung; aus den
weiteren Fortsetzungen nur Auszüge.
[24] _Ann. Juvavenses majores_ 550-855, 976, leider mit einer großen
Lücke in der wichtigsten Zeit, MG. I, 87 nach Eckhardt. Benutzung
der Ann. S. Amandi, wie Giesebrecht a. a. O. S. 228 meint, scheint
mir zweifelhaft. _Ann. Juvavenses minores_ 742-814 (I, 88) sind
816 geschrieben; über eine darin benutzte Quelle s. oben S. 147.
Nach Auffindung der Handschrift in Würzburg sind diese beiden
Annalen leider nicht neu abgedruckt, sondern SS. III, 122 mit
keineswegs erschöpfenden Berichtigungen und Supplementen versehen.
-- _Ann. Salisb._ 499-1049 (I, 89) von 784 an gleichzeitig, der
Anfang saec. XII ergänzt, vorherrschend local. -- _Annales S.
Emmerammi majores_ 748-823. _minores_ 732-1062, MG. I, 92 bis 94.
Wiederholt bei Karl Roth, Verzeichniß der Freisinger Urkk. von
Corb. bis Egilbert (München 1855) S. 89-92 nach der Handschrift;
minores jetzt auch SS. XIII, 47. _Ann. Bawarici breves_ 684-811,
MG. SS. XX, 8, ohne Grund in zwei Stücke getheilt, zu derselben
Gruppe gehörig; vgl. Arnold S. 50.
[25] Den Ann. S. Rudberti, MG. SS. IX, 758.
[26] Ein verlorenes baierisches Geschichtswerk des 8. Jahrhunderts,
Münch. SB. 1881, I, 247-291, vgl. S. 389. Einige Verbesserungen
von W. Meyer: Philol. Bemerkungen zu Aventins Annalen (Abh. d.
Münch. Ak. I. Cl. XVII, III) S. 762. Ders. weist S. 752 den Titel
nach: „Vita Thessaloni III scripta a Creontio, qui Thessalono fuit
ab epistolis, inc. ab a. Chr. 771 usque ad a. 796“ unter den von
Aventin benutzten Quellen. -- Spuren davon in den Annales Salisb.
cod. Monac. SS. XIII, 237. Die Möglichkeit eines in der Form von
„Crantz“ wenig verschiedenen Namens zeigt v. Oefele, HZ. LI, 154.
Zustimmend Riezler im Nachwort zur Ausgabe von Aventins Werken
III, 577.
Namen aus Lindisfarne finden wir auch an der Spitze der Jahrbücher von
=Fulda= und von =Corvey=; letztere stammen aus der angelsächsischen
Stiftung Werden oder aus Münster, aber die 809 beginnenden
Notizen reihen sich den alten Namen des siebenten Jahrhunderts
nur ganz äußerlich an[27]. Anders in Fulda, wo diese irischen und
angelsächsischen Namen nur in zwei Abschriften an die Spitze gestellt
sind, im Original aber schon um 760 der Rand der Ostertafel mit den
leider fast ganz erloschenen Notizen von angelsächsischer Hand versehen
wurde, welche seit 790 von anderen Händen fortgeführt von 742-822
reichen. In einer anderen, jetzt Casseler Handschrift, finden sich
diese Annalen bis 814 angereiht an einen Kaiserkatalog, dem auch jene
altenglischen Annalen eingefügt sind; diese, ohne die Kaiser, und eine
Fortführung bis 833 hat auch die dritte, jetzt Münchener Handschrift
aus St. Emmeram[28]. Hier also, wie in so vielen ähnlichen Fällen,
sehen wir recht deutlich, wie auch die mangelhaftesten Aufzeichnungen
sich verbreiteten und als werthvoll betrachtet wurden, bessere also,
auch nachdem sie schon in größerer Anzahl vorhanden waren, doch wenig
Verbreitung gefunden haben müssen.
[27] S. die Ausgabe von Jaffé, Bibl. I, 32.
[28] _Annales Fuldenses antiqui_, ed. Pertz, MG. SS. III, 116, in
Verbindung mit Sickels Untersuchung der Wiener Handschrift,
Forschungen IV, 454-461. Neue Ausgabe von Fr. Kurze, Ann. Fuld.
p. 136-138.
Die weitere Entwickelung dieser Annalen gehört einem späteren
Abschnitte an; hier waren, wenn auch manchmal schon vorgegriffen
wurde, vorzüglich nur die ersten Anfänge zu betrachten, welche noch im
höchsten Grade dürftig und armselig sind, wie sie denn auch in ihrer
ursprünglichen Gestalt als Randbemerkungen zu Ostertafeln durchaus
nicht den Anspruch machen für litterarische Erzeugnisse zu gelten. Erst
der lichteren Zeit des großen Karl gehört der Gedanke an, diese Notizen
mit anderen Nachrichten zu einem Ganzen zu verbinden, und sie dann mit
Absicht und Bewußtsein als gleichzeitige Aufzeichnung der Geschichte
weiter zu führen.
§ 4. Karl der Große. Allgemeines.
Bethmann, Paulus Diaconus Leben und Schriften, Arch. X, 247-334. C. F.
Baehr, De litterarum studiis a Carolo Magno revocatis ac schola
palatina instaurata, Heidelb. 1855, 4. Desselben Geschichte der
römischen Litteratur im Karol. Zeitalter, Carlsr. 1840. Phillips,
Karl der Grosse im Kreise der Gelehrten, im Almanach der Kais.
Akad. d. Wiss. 1856. S. 173-221. (Vermischte Schriften III, 93
ff. 415 ff.) F. Dahn, Urgeschichte der germ. u. rom. Völker IV
(1889). Litteratur unter Karl d. Großen. Dümmler, Gedichte aus
dem Hofkreise Karls des Großen in Haupts Zeitschrift XII, 446
bis 460. S. auch Waitz in Schmidts Zeitschrift für Geschichte
II, 48 ff. Bernhardy, Grundriß der römischen Litteratur § 61.
Wilh. Scherer, Ueber den Ursprung der deutschen Litteratur, Berl.
1864, vgl. Centralblatt Sp. 572. M. Büdinger, Von den Anfängen
des Schulzwanges, Zür. 1865. Ger. Meyer von Knonau, Ueber die
Bedeutung Karls d. Gr. f. d. Entwicklung der Geschichtschreibung
im 9. Jahrh. Züricher Probevorlesung 1867. -- Jahrbücher des
Fränk. Reichs unter Karl d. Gr. I. v. S. Abel 1866 (2. Ausg. v.
Simson 1888). II. von B. Simson 1883. Dümmler, Poetae Latini aevi
Carolini, I. 1881, II. 1884.
Eine lange Zeit der Finsterniß liegt hinter uns. Nur geringe und
dürftige Spuren haben uns Zeugniß gegeben, daß auch in diesen
traurigen Jahrhunderten das Bedürfniß historischer Aufzeichnungen
nicht ganz erstorben war; wir haben gesehen, daß mit der beginnenden
besseren Ordnung der Dinge, der Herstellung des Reiches durch die
karolingischen Hausmeier, auch einiges Leben auf diesem Felde sich
regte, daß lebensfähige Keime zum Vorschein kamen. Aber noch ist fast
alles namenlos; seit Venantius Fortunatus und Gregor von Tours ist
uns nirgends eine bedeutende Persönlichkeit entgegengetreten. Das
Frankenreich stand noch immer an Bildung weit zurück hinter seinen
Nachbarn, als =Karl der Große= zum Throne gelangte, und die erste
Hälfte seiner Regierung war auch noch viel zu sehr vom Kriegeslärm
erfüllt, als daß er seine Aufmerksamkeit viel nach dieser Seite hin
hätte wenden können. Doch hat er in Italien schon im Jahre 776 den
Grammatiker =Paulinus=[1] mit einem Landgut beschenkt, und wir finden
diesen an seinem Hofe in Gemeinschaft mit Petrus von Pisa, befreundet
mit Alcuin, der Angilbert als ihren gemeinsamen Zögling bezeichnet.
Wahrscheinlich 787 wurde er zum Patriarchen von Aquileja erhoben.
Verschiedene Gedichte kirchlichen Inhalts haben sich von ihm erhalten
und ein Buch der Ermahnung, das er an den trefflichen Herzog Herich
von Friaul richtete, welcher mit ihm in treuer Freundschaft verbunden
war und dessen Tod 799 er eine tiefgefühlte Todtenklage widmete. Am 11.
Januar 802 ist er selbst gestorben.
[1] „Venerabilis artis grammaticae magister.“ Er schrieb später gegen
Felix, nahm an den verschiedenen Synoden dieser Zeit Theil, und
starb am 11. Jan. 802. Opera ed. Madrisi 1737. Migne XCIX. Vgl.
Ebert II, 87-91. Dümmler, NA. IV, 113-118; Poetae I, 123-148,
darunter der Rhythmus de Herico duce Forojul. S. 131, und die wohl
nicht von ihm herrührende Klage um Aquileja S. 142.
Ohne Zweifel hat der Aufenthalt in Italien die Veranlassung gegeben,
daß Karl aufmerksam wurde auf die unverkennbare Ueberlegenheit, welche
den Italienern ihre höhere geistige Bildung verlieh; er faßte den
Entschluß seine Franken von dem Joche der Unwissenheit zu befreien,
und von da ab finden wir ihn unablässig bemüht, mit allen Mitteln nach
diesem Ziele zu streben[2]. Der feste Grund geordneter äußerlicher
Verhältnisse und einer neu gekräftigten, von sittlichem Eifer erfüllten
Kirche war bereits vorhanden, und auf diesem Boden gediehen die
Pflanzungen Karls mit dem überraschendsten Erfolge.
[2] Einen vermehrten Eifer, neue umfassende Maßregeln weist Scherer
nach dem folgenden italienischen Feldzug 787 nach. Ueber die
Zusendungen von Werken Gregors I durch Hadrian zu kirchlichem
Zweck, aber doch auch litterarisch anregend, s. P. Ewald im NA.
III, 440.
Schon regte sichs auch im Frankenreich. =Adam=, Haynhards Sohn aus
dem weinreichen Elsaß, Abt von Masmünster, copirte 780 zu Worms des
alten Grammatikers Diomedes Werk de oratione et partibus orationis,
und widmete es dem Könige in Versen, die metrisch freilich mangelhaft,
übrigens aber leidlich sind[3]. Im folgenden Jahre 781, als Karl das
Osterfest in Rom feierte, und Pabst Hadrian seinen Sohn Pippin aus
der Taufe hob, begann =Godesscalc= jenes Wunderwerk der Kalligraphie,
das auf Purpurpergament mit Uncialschrift ganz in Gold und Silber
geschriebene Evangeliarium, welches Karl und Hildegard zum dauernden
Andenken dieser Feier anfertigen ließen. _Providus ac sapiens,
studiosus in arte librorum_ heißt Karl in den Versen, durch welche
Godesscalc seinen Namen verewigt hat[4].
[3] Keil, Grammatici Latini I, p. XXIX; Delisle, Cabinet des
Manuscrits I, 3. Dümmler, NA. IV, 147; Poetae I, 93. Erst 30 Jahre
alt, hatte er durch Karls Güte die Abtei Masmünster (Masunuilare)
erhalten, doch wohl zur Belohnung und Förderung seiner Studien.
[4] Früher in Saint-Sernin de Toulouse, jetzt Bibl. Nat. s. Bibl.
de l'École des chartes XXXV, 85. Die Gemälde sind nach antiken
Mustern, die Randverzierungen jedes Blattes theils ebenfalls
römischen, theils irisch-englischen Ursprungs. Vgl. Piper,
Karls des Großen Kalendarium S. 36. Bastard, pl. 81-86. Dümmler,
Poet. I, 94. Benutzung der Schreiberverse der Mensuratio orbis
nachgewiesen von Traube, Münch. SB. 1891, S. 406.
In diesem denkwürdigen Jahre traf auch Karl in Parma mit =Alcuin=
zusammen, den er schon früher als Boten des Yorker Erzbischofs
kennen gelernt hatte, und veranlaßte ihn an seinen Hof zu kommen; von
demselben Heereszuge brachte er =Paulus Diaconus= und den Grammatiker
=Peter von Pisa= mit nach Frankreich[5]; er lehrte am Hofe Grammatik,
unter welcher Bezeichnung die ganze Beschäftigung mit der lateinischen
Litteratur verstanden wurde. In Freundschaft mit Paulus wechselte er
scherzhafte Verse mit ihm, und Karl selbst genoß seinen Unterricht und
bediente sich seiner, wenn er an diesem poetischen Verkehr theilnahm.
Aus Spanien flüchtig, wie es scheint, kam =Theodulf= zu Karl, dessen
geistreiche und formgewandte Dichtungen das lebhafteste Bild von
Karls Hof gewähren, während er als Staatsmann und Bischof von Orléans
eine bedeutende Wirksamkeit entfaltete. Sein Gedicht an Karl nach dem
Sieg über die Avaren 796 gewährt uns die eingehendste Schilderung
des Hofes[6], während das lange und ausführliche Gedicht an die
Richter[7] für die Zustände der Zeit ungemein lehrreich ist, und sein
Capitulare[8] die Ermahnungen und Vorschriften für die Geistlichkeit
seines Sprengels enthält, welche uns die reformatorischen Bestrebungen
dieser Zeit zeigen. Unter Ludwig in Ungnade gefallen und der Theilnahme
an Bernhards Aufstand beschuldigt, verlor er sein Bisthum und ist um
821 gestorben.
[5] Diesen Petrus hörte Alcuin schon vor Karls Zeit in Pavia mit
einem Juden disputiren: „Idem Petrus fuit qui in palatio vestro
grammaticam docens claruit.“ Alc. ep. ap. Jaffé, Bibl. VI,
548; cf. Einh. V, Caroli c. 25. Damals (799) war er schon todt.
Gedichte von Angilbert u. Karl an ihn nach seiner Heimkehr nach
Italien hat Dümmler herausgegeben, Zeitschr. f. D. Alt. XVII, 141.
146; Poet. I, 75. 76. Wohl von ihm ist die lat. Grammatik eines
Petrus Grammaticus bei H. Hagen, Anecdota Helvetica (Suppl. ad
Keilii Gramm. lat.) S. 159-171. vgl. XCVI-XCVIII; Dümmler, Poet.
I, 73. Seine Gedichte sind bei Dümmler S. 48-56 mit denen des
Paulus Diac. verbunden, vgl. S. 29.
[6] Dümmler, Poet. I, 483; II, 694-697. Ich begnüge mich jetzt, auf
diese so lange schmerzlich vermißte neue Ausgabe seiner Gedichte,
mit dem Vorwort, zu verweisen, S. 437-581; ein Nachtrag NA. VII,
401. Vgl. Ebert II, 70-84, Traube, Karol. Dichtungen (1888) S.
66. 67. De Rossi bemerkt, daß I, 557 das Epit. Damasi papae,
von ihm selbst verfaßt, irrthümlich unter Th's Gedichte gerathen
ist. (NA. XI, 213). Anklänge an ältere Dichter bei ihm, Manitius,
NA. XI, 561. Ein franz. Werk von Cuissard über ihn war mir nicht
zugänglich.
[7] Poet. I, 493. Neue Ausg. v. H. Hagen in einem Berner Univ.-Progr.
v. 1882, vgl. NA. VIII, 422.
[8] Theodulfi Opera ed. Sirmond, p. 1-28.
Eine etwas sagenhafte Nachricht über Computisten und Grammatiker,
welche Karl aus Rom in sein Reich berief, giebt Ademar von Chabanne
(SS. IV, 118). =Schotten= aus Irland hat er, wenn wir dem Mönch von St.
Gallen glauben dürfen, schon früher an sich gezogen[9]; hervorragend
unter ihnen ist =Dungal=, der unter Waldo's Obhut zu Saint-Denis lebte,
und 810 an den Kaiser über die Sonnenfinsterniß dieses Jahres schrieb,
vielleicht derselbe, welcher 825 in Pavia lehrte und 827 gegen Claudius
schrieb[10]; einer von ihnen lebte am Hofe in heftiger Feindschaft mit
Theodulf und Angilbert. =Joseph=, schon in England Alcuins Schüler
und mit Liudger befreundet, richtete an Karl als König einige sehr
gekünstelte Verse mit Akrostichen[11]. Er ist vor Alcuin, also vor 804,
gestorben.
[9] Cap. 1. Ueber =Donat=, 816 Bischof von Fiesole, nachdem er vorher
als Lehrer gewirkt hatte, s. Ozanam, Documents inédits p. 48-57.
Seine Vita vollständig Acta SS. Oct. IX, 655-662.
[10] Ueber ihn und den _Hibernicus exul_, welcher ein leider sehr
fragmentarisch erhaltenes Gedicht auf Tassilo's Abfall an Karl
richtete, s. Dümmler, NA. IV, 142. 254-256; Poet. I, 393-413. II.
664. Traube, „O Roma nobilis“ (Abb. d. Münch. Ak. I Cl. XIX, 2,
S. 332-337).
[11] Zuerst in H. Hagen's Carmina Medii Aevi (Bernae 1877) p. 116
bis 124; jetzt bei Dümmler, Poet. I, 149-159. Einige Anklänge
nachgewiesen von Manitius, NA. XI, 558.
Vielleicht gehört zu ihnen auch =Dicuil=, in dessen 825 verfaßter
Schrift _de mensura orbis terrae_[12] der von Harun an Karl geschenkte
Elephant erwähnt wird. Er verfertigte auch Verse grammatischen Inhalts
und ein poetisches Handbuch der Astronomie in 4 Büchern, welches er in
den Jahren 814 bis 816 vollendete und Kaiser Ludwig überreichte. Dieses
ist bis jetzt noch ungedruckt geblieben.
[12] Ausg. von G. Parthey, Berl. 1870. Benutzung der Mensuratio orbis,
Traube, Münch. SB. 1891 S. 407. Vgl. Dümmler, NA. IV, 256 u. Poet.
I, 666; auch Zimmer: Ueber die frühesten Berührungen der Iren mit
den Nordgermanen, Berl. SB. 1891 S. 279 ff.
Auch =Baiern= hatte unter den Agilolfingern, in enger Verbindung mit
Italien, bereits einen höheren Grad der Bildung erreicht. Herzog Odilo
hatte Cassinenser Mönche nach =Mondsee= berufen, und Reichenauer nach
=Nieder-Altaich=; von hier entnahm Tassilo den ersten Vorsteher seiner
herrlichen Stiftung =Kremsmünster=. Vor allem aber glänzte =Freising=
unter seinem Bischof =Arbeo= oder =Aribo= (764 bis 783) durch die
Pflege der Wissenschaft[13]. Aribo selbst verfaßte in ungelenker und
schwülstiger, aber von angestrengtem Studium zeugender Schreibart die
Lebensbeschreibungen der alten Glaubensboten Emmeram und Corbinian,
deren wir oben (S. 123) schon gedachten; als Diaconen aber finden wir
an seiner Kirche =Arn= und =Leidrad=, und auch diese folgten einem Rufe
des großen Frankenkönigs. Arn erscheint in den Freisinger Urkunden
zuletzt 778; 782 erhielt er die Abtei von St. Amand. Leidrad schrieb
noch 782 eine Urkunde für Tassilo[14], dann finden wir auch ihn im
Frankenreiche wieder, wo er neben Theodulf das Amt eines königlichen
Sendboten verwaltete, und von 799 bis 813 dem Bisthum zu Lyon vorstand,
welches er dann seinem Schüler Agobard überließ, um sich in das Kloster
des h. Medardus zurückzuziehen, wo er am 28. Dec. 816 gestorben ist.
In Lyon war =Claudius= bei ihm und begann seinen Commentar zur Genesis,
den er an des jungen Ludwigs Hof in Aquitanien vollendete, in Casanolio
palatio bei Poitiers, wo 811 Faustinus das Buch abschrieb[15].
[13] Er erscheint von 754-760 als Schreiber in der bischöflichen
Kanzlei; als Freund der Franken fiel er gegen das Ende der
Regierung Tassilo's bei ihm und Liutbirg in Ungnade, s. Graf
Hundt, Ueber die Bayr. Urkunden aus der Zeit der Agilolfinger,
Abh. d. Ak. III. Cl. XII, 182. 186, und was aus seinem Nachlaß
im 44. u. 45. Jahresbericht des hist. Vereins von Oberbayern
(1883) S. VII-XVII aus einer unvollendeten Abhandlung über Arbeo
mitgetheilt ist. -- Fabelhaft und von dürftigem Inhalt ist die
_Vita Gamulberti_, eines Gutsherren und Pfarrers aus Pippins Zeit
in Michelsbuch, unweit des Einflusses der Isar in die Donau, Acta
SS. Jan. II, 591-595, doch dürfte vielleicht aus den alten Hss.
in München und Admunt eine bessere Form zu gewinnen sein.