schon Römer wohnen konnten, als Gäste und Hausgenossen des Königs,
ja daß auch die Salier selbst ihr eigenes Volksrecht in lateinischer
Sprache aufzeichneten -- denn noch wagte oder verstand man es nicht,
die fränkische zur Schriftsprache zu machen, und erst an eben dieses
Rechtsbuch lehnten die ersten noch unbeholfenen Versuche sich an[4] --
und andererseits erklärt es sich auch, wie bald darauf die Vermischung
der Franken mit den schon halb barbarisch gewordenen Provinzialen so
leicht und rasch von Statten gehen konnte; war man doch beiderseitig
schon längst daran gewöhnt, mit einander zu leben und zu verkehren.
[4] Ungeachtet anderer entgegengesetzter Ansichten scheint mir diese
Auffassung dem ganzen Bildungsgang der Franken nicht nur, sondern
auch anderer Völker in gleicher Lage besser zu entsprechen.
In lateinischer Sprache ist auch das älteste uns erhaltene Denkmal
einheimischer Poesie der Franken verfaßt, der =Prolog zum Volksrecht
der Salier=, wo das Volk der Franken hoch gepriesen wird, das
schöne, kluge, tapfere und treue, das jetzt auch den katholischen
Glauben empfangen habe und von jeder Ketzerei rein sei. Die frühere
Abhängigkeit von den Römern erschien ihnen in der Erinnerung als
die härteste Knechtschaft, deren Joch sie mit ihrer gewaltigen Kraft
abgeworfen hätten, und voll Stolzes rühmen sie sich der reichen Gaben
an die Kirchen der heiligen Märtyrer, gegen welche die Römer einst mit
Feuer und Schwert gewüthet hätten.
Dieser letzte Satz, welcher erst lange nach der Bekehrung geschrieben
sein kann, hat aber nicht mehr die rhythmische Form, welche für den
Anfang dieses Prologs zuerst von Bethmann-Hollweg nachgewiesen hat[5],
und dieser erste Theil, in welchem die neulich geschehene Bekehrung
des Volkes erwähnt wird, scheint älterer Zeit anzugehören. Doch ist
das sehr unsicher und die genauere Zeitbestimmung des Prologs viel
umstritten.
[5] Schmidts Zeitschrift für Geschichte IX, 49. Vgl. Waitz, Das alte
Recht der salischen Franken, S. 36 ff. und jetzt ausführlicher in
d. 3. Aufl. d. Verfassungsgesch. II, 1, 122 ff. Der Schluss des
Prol. aus d. Pariser Hs. Lat. 2294 bei L. Delisle, Sacramentaires
p. 187.
So wie die Franken das Christenthum sogleich mit dem orthodoxen
Eifer ergriffen, welcher sich in jenen Worten ausspricht, so waren
sie auch der übrigen römischen Bildung durchaus nicht feind; ja
Chlodovechs Enkel Chilperich, der auch für byzantinischen Hofstaat und
römische Staatseinrichtung große Vorliebe zeigte, versuchte sogar das
lateinische Alphabet durch Erfindung neuer Buchstaben zu verbessern,
und machte selbst lateinische Verse nach dem Vorbilde des Sedulius,
aber wie Gregor von Tours berichtet, wollte es ihm mit der Metrik nicht
recht gelingen[6].
[6] S. darüber Gregor von Tours V, 45, und die Uebersetzung
Giesebrechts I, 287. Das ihm zugeschriebene Epitaphium S. Germani
bei Aimoin III, 16 scheint nicht wirklich von ihm zu sein.
Höchst charakteristisch für diese erste Zeit der Vermischung des
Alten und Neuen ist die Persönlichkeit des =Venantius Fortunatus=[7].
Noch in den alten Rhetorenschulen gebildet, ist er einer der letzten
Repräsentanten jener verkünstelten Schulgelehrsamkeit. Er stammte
aus Italien und kam um das Jahr 565 nach Gallien, an König Sigiberts
Hof, wo man viel Gefallen an dieser Poesie fand. Ueberall bei den
fränkischen wie bei den römischen vornehmen Herren und Bischöfen war
er ein gern gesehener Gast und auf ein Lobgedicht von ihm legte man den
größten Werth. Aber mehr als alles dieses fesselte ihn die Freundschaft
der heiligen Radegunde, die ihn zuletzt bewog, in den geistlichen Stand
einzutreten und sich ganz nach Poitiers zurückzuziehen. Hierhin hatte
Radegunde, aller Herrlichkeit der Welt entsagend, sich begeben, um ihr
Leben in dem von ihr gestifteten Kloster bei den Werken der Frömmigkeit
und Demuth zu beschließen, sie, einst die Gemahlin Chlothars, den
sie aber nach der Ermordung ihres Bruders, des letzten Sprossen der
thüringischen Königsfamilie, verlassen hatte. Nur ein Vetter von ihr
war noch übrig, der in Constantinopel lebte, und an diesen schrieb
nun Fortunat in ihrem Namen eine wahrhaft schöne poetische Epistel,
in welcher er den Untergang des thüringischen Reiches in ergreifender
Weise schildert. Ebenso schön ist ein zweites langes Gedicht über
das traurige Geschick der Galswintha, Tochter des Westgothenkönigs
Athanagild, der Schwester der Königin Brunhilde, die mit König
Chilperich vermählt, aber bald nach der Hochzeit auf Anstiften der
Fredegunde ermordet wurde[8].
[7] Baehr S. 145-161. Teuffel § 483. Ebert I, 518 ff. Manitius
S. 438-470. Vgl. über ihn besonders die Werke von Guizot und
Ampère. Opera poetica ed. Fr. Leo, MG. Auctt. antiquiss. IV, 1.
1881; Op. pedestria ed. Krusch ib. 2. 1886. Vgl. auch Böcking:
Moselgedichte des Ausonius u. Ven. Fortunatus, Bonn 1845 (Jahrbuch
der Alterthumsfreunde im Rheinland, Band VII). Fr. Leo, V. F.
der letzte röm. Dichter, Deutsche Rundschau XXXII, 414-426. Sehr
häufige Benutzung im MA. hat Manitius nachgewiesen.
[8] Beide Gedichte schreibt Ch. Nisard der Radegunde, Ven. nur
Retouche zu, hat aber nur Widerspruch gefunden, s. NA. XIV 437.
W. Lippert, Zts. f. Thür. Gesch. N. F. VII, 16-38.
Wo Fortunat in solcher Weise einen bedeutenden Gegenstand aus dem
wirklichen Leben zu behandeln unternimmt, zeigt er wahres Gefühl und
ungewöhnliches Talent. Aber bei weitem die Mehrzahl seiner Gedichte
bewegt sich ganz in der spielenden Weise seiner Zeit; er bedichtet
jede gute Mahlzeit, die Radegunde ihm zukommen läßt, und widmet jedem
kleinen Vorfall ein Epigramm. Vollends unerträglich ist seine Prosa,
schwülstig, geziert, kaum verständlich; nur in den von ihm verfaßten
Heiligenleben redet er einfach und natürlich. Das findet sich überhaupt
fast durchgehends, nur wenige derselben sind in dem gesuchten Stil
der Schule geschrieben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie
zur Erbauung, zum Vorlesen bestimmt waren, und deshalb allgemein
verständlich sein mußten.
In den Heiligenleben, die Fortunat verfaßte, herrscht übrigens der
moralisch-theologische Zweck und Standpunkt zu sehr vor, als daß sie
einen bedeutenden historischen Werth haben könnten; am anziehendsten
und am lehrreichsten ist das =Leben der Radegunde= († 13. Aug. 587),
worin das Klosterleben der damaligen Zeit anschaulich geschildert
wird, doch waren auch hier so bedeutende und für das Kloster wichtige
geschichtliche Vorgänge ganz übergangen, daß schon von der damaligen
Aebtissin Dedimia der Nonne =Baudonivia= die Abfassung einer zweiten
Biographie aufgetragen wurde, was sie gewissenhaft, wenn auch in
ungeschickter Weise, bald nach 600 ausgeführt hat[9].
[9] De vita S. Radegundis libri II, ed. Krusch, SS. Meroving. II,
358-395. Vgl. Dümmler: Radegunde von Thüringen (Im neuen Reich
1871, S. 641 bis 656). Die Kehrseite zeigen die höchst ärgerlichen
und anstößigen Zustände im Kloster gleich nach Radegundens Tod,
Greg. Tur. IX, 39-43. X, 15-17.
Wie nun die Legenden sich schon durch ihre einfache Sprache als dem
Leben näherstehend bewähren, so zeigt es sich überhaupt bald, daß
die kirchliche Litteratur die einzige wahrhaft lebensfähige war. In
die Kirche flüchteten sich alle, welche noch Sinn und Neigung für
litterarische Bildung hatten, die in dem wilden Getümmel des weltlichen
Lebens keine Stätte mehr fand. Das sahen wir an Ennodius, der auch im
südlichen Gallien geboren und in den dortigen Rhetorenschulen gebildet
war, an Cassiodor, Jordanis, Apollinaris Sidonius, und auch Fortunat
wurde in seinem hohen Alter noch Bischof von Poitiers, wo er zu Anfang
des siebenten Jahrhunderts gestorben ist.
Jene innerlich leblose gekünstelte Litteratur der Grammatiker starb mit
ihren letzten, von den Franken noch vorgefundenen Repräsentanten ab,
und nur die Kirche bewahrte von nun an die Keime des geistigen Lebens,
welche sie naturgemäß für ihren Dienst verwandte. Freilich konnte auch
sie dem Druck dieser Zeiten nicht unversehrt widerstehen; die früher
in Gallien sehr bedeutende speculativ-theologische Thätigkeit hörte
gänzlich auf, da man zu gewaltsam vom Drange des praktischen Lebens
ergriffen wurde; aber in diesem bewahrte die Kirche eine bedeutende
Stellung. Politisch war die Macht der Bischöfe im fränkischen Reiche
bald größer, als sie je gewesen war, und wenn sie auch von der immer
mehr überhand nehmenden Verwilderung stark ergriffen wurden, so
ging der tiefere sittliche Gehalt in der Kirche doch niemals völlig
verloren, und mitten in dem allgemeinen Verderben erschienen immer
aufs neue einzelne Männer, welche durch Reinheit der Gesinnung und
durch rückhaltlose Hingabe ihrer eigenen Person für die Gebote des
Evangeliums die Verehrung ihrer Zeitgenossen und die Bewunderung der
Nachwelt erzwangen. Zu keiner Zeit nach den ersten Jahrhunderten der
christlichen Kirche finden wir eine größere Zahl von Heiligen als
gerade damals, Männer und Frauen, großentheils von hervorragender
äußerer Stellung, die durch Entsagungen aller Art, durch aufopfernde
Wohlthätigkeit, durch unerschrockenes Auftreten gegen die Verbrechen
der Großen und Mächtigen, sich die dankbare Verehrung des Volkes
erwarben. Das äußere Leben nahm gebieterisch alle ihre Kräfte in
Anspruch; für wissenschaftliche Bestrebungen war kein Raum in dieser
Zeit, und die geringe litterarische Thätigkeit, welche noch Statt
findet, beschränkt sich auf Predigten, moralische Schriften und
Legenden, die ebenfalls als Vorbilder zum Zweck der unmittelbaren
Einwirkung auf die Zeitgenossen verfaßt wurden.
Auf diesem Felde schloß sich an Sulpicius Severus eine reiche
Litteratur an, und auch der Mann, mit dem wir uns zunächst zu
beschäftigen haben, der bedeutendste Schriftsteller der merowingischen
Zeit, Gregor von Tours, wandte der Legende seine Thätigkeit
hauptsächlich zu.
§ 8. Gregor von Tours.
Opera ed. Ruinart, Paris 1699, fol. Migne LXXI. SS. Meroving. I.
1885 (Hist. Fr. ed. W. Arndt, de miraculis S. Andreae ed. M.
Bonnet, die übr. Schriften v. Br. Krusch). Rec. v. Bonnet, Revue
crit. 1885 N. 9 (vgl. NA. X, 603), 1886 N. 8 (vgl. NA. XI, 632).
Differenzen zw. Krusch u. Bonnet NA. XII, 309-314. XVI, 432. XVII,
199-203. Krusch: Chlod. Sieg über die Alamannen, gegen Vogel, NA.
XII, 289-302; zu Greg. de cursu stell. NA. XII, 303-314.
In Not. et Doc. publ. p. la Soc. de l'hist. de France (1884) giebt H.
Omont S. 1-18 Nachricht von einem durch L. Delisle in Kopenhagen
entdeckten Fragment e. Hs. d. Hist. in Uncialen u. einer zweiten
saec. IX. Auch sind die Leid. u. Vat. Fragmente (A2 bei Arndt)
abgedruckt. -- L. I-VI e cod. Corb. mit den Zusätzen d. 2. Ausg.
v. H. Omont 1886. Album pal. pl. 12 codd. Belvac. Corb. pl. 13
Camerac. mit von Bethmann übersehenen Correcturen.
Uebersetzung der Gesch. mit vortrefflicher Einleitung von W.
Giesebrecht. Berlin 1851, 2. Aufl. 1878 (Geschichtschr. 8. 9.
VI, 4. 5). Kries, De Greg. Tur. vita et scriptis, Vratisl. 1838.
Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit, Leipzig 1839, 1869.
Haeusser S. 8-17. R. Koepke in der Allg. Monatsschrift, 1852
Sept. S. 775-800. Kl. Schr. S. 289 ff. Waitz in den Gött. Gel.
Anz. 1839, S. 781-793, in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II,
44. Dazu jetzt die vortreffl. Monographie von G. Monod: Études
critiques sur les sources de l'hist. Mérovingienne (Bibl. de
l'Écol. des hautes études, 8 Fasc. 1872) p. 21-146 (vgl. seine
oben S. 39 angeführte Recension), rec. v. Dümmler, Lit. Centr.
1872, 819; v. Waitz, GGA. 1872, 903-909; v. W. Arndt, Hist.
Zeitschr. 23, 415-422. Ebert S. 566-579. Alfred Jacobs, Géographie
de Grégoire de Tours et de Frédégaire, Paris 1861, u. bei der
Ausg. von Guizots Uebersetzung. Longnon, Géographie de la Gaule
à l'époque de Gr. de T. 1878. Le Mire, Études archéolog. sur Gr.
de T. Lons-le Saulnier 1879. Bonnet, Le Latin de G. de T. Paris
1890.
Gregor von Tours stammte aus einer sehr vornehmen römischen Familie,
der fast alle Bischöfe von Tours und viele Heilige angehörten. Um das
Jahr 540 in Clermont-Ferrand (Arverni) geboren, erhielt er nach seinem
Vater und seinem Großvater die Namen Georgius Florentius; Gregor hat
er sich erst später genannt, nach seinem mütterlichen Ahnherrn, dem
heiligen Gregorius, Bischof von Langres. Seinen Vater scheint er früh
verloren zu haben; erzogen wurde er an seinem Geburtsort von seinem
Oheim, dem heiligen Bischof Gallus, und nach dessen Tode von dem
Priester Avitus, der im Jahre 571 ebenfalls Bischof von Clermont wurde.
Er selbst nennt nur diesen, der ihn nicht in weltlicher, sondern in
kirchlicher Wissenschaft unterwiesen habe. Doch hat er natürlich in
der Schule einige Kenntniß des Vergil und Sallust bekommen, weiß auch
von Marcianus Capella, aber seine Citate beschränken sich auf das erste
Buch der Aeneide und den Prolog des Catilina, wie G. Kurth nachgewiesen
hat, welcher daraus den Schluß zieht, daß eine Chrestomathie dieser Art
damals im Schulgebrauch gewesen sei[10].
[10] Godefroy Kurth: Saint Grégoire de Tours et les études classiques
au VI. siècle. Revue des questions historiques, Oct. 1878.
Im Jahr 573 erhielt Gregor von König Sigebert das Bisthum Tours, und
Fortunat versäumte nicht, sein Gedicht dazu zu machen; Gregor, der
ihm nahe befreundet war, hat ihn später sogar mit einem Landgütchen
beschenkt.
Der Bischof von Tours, der Nachfolger des heiligen Martin, war eine
der ansehnlichsten Personen im fränkischen Reiche, ein Kirchenfürst
von bedeutender Macht, und mehr noch wegen der ungemeinen Verehrung des
heiligen Martin ein Mann, auf den die Blicke vieler Menschen gerichtet
waren und dessen Stimme bei allen Staatshändeln von Gewicht war. Bei
den inneren Kriegen unter den Merowingern konnte es daher nicht fehlen,
daß Gregor sehr bald in schwierige Verwickelungen hineingezogen wurde,
und gleich anfangs sah er sich in sehr gefährdeter Lage, als Chilperich
die Stadt Tours seiner Herrschaft unterwarf. Er benahm sich aber stets
mit Klugheit und Festigkeit, und wußte sich selbst gegen erbitterte und
mächtige Feinde zu behaupten. Nach Chilperichs Tode (584) stieg sein
Ansehen, und von nun an war er einer der einflußreichsten Männer im
Reiche. Allgemein geachtet starb er am 17. Nov. 594, und hinterließ ein
dankbares Andenken in seinem Sprengel, für den er in jeder Beziehung
mit unermüdlichem Eifer thätig gewesen war; man verehrte ihn sogar
als einen Heiligen. Seine im zehnten Jahrhundert in Tours verfaßte
Biographie hebt nur diese Seite hervor, und gewährt fast keine neue
Belehrung über ihn[11].
[11] Die darin von ihm erzählte Reise nach Rom ist erfunden, s. Monod
p. 37. Als Verfasser ist von Ruinart ohne Grund der Abt Odo von
Cluny genannt, ib. p. 25.
Vieles hatte Gregor erlebt und gesehen, von seiner Kindheit an,
wo die Auvergne der Schauplatz des Kampfes zwischen Chlothar und
Childebert war, bis zu dem blutigen Streite der Königinnen Brunhilde
und Fredegunde; seitdem er zu den Bischöfen des Reichs gehörte, konnte
kein bedeutendes Ereigniß eintreten, ohne ihn unmittelbar zu berühren;
von allem erfuhr er, und an vielen wichtigen Staatsgeschäften nahm
er persönlich Theil; einen großen Theil des Reiches kannte er aus
persönlicher Anschauung. Da erwachte in ihm der Wunsch, die Kunde
dieser Dinge auch der Nachwelt zu überliefern, und während er das Leben
der Heiligen beschrieb und reiche Sammlungen von Wundergeschichten
verzeichnete, arbeitete er zugleich unablässig an dem Geschichtswerke,
welchem wir fast allein unsere Kenntniß von dem Reiche der Merowinger
verdanken. Noch trägt es die Spuren seiner allmählichen Entstehung, man
erkennt spätere Nachträge, und es fehlt ihm die letzte Vollendung. Um
so größer ist deshalb die Glaubwürdigkeit der letzten Bücher, in welche
er den Ereignissen gleichzeitig die Zeitgeschichte eintrug.
Häufig nennt man dieses Werk die Kirchengeschichte der Franken, und in
manchen Handschriften trägt es nach dem Vorbild des Beda diesen Titel
(_Historia ecclesiastica Francorum_). Allein so sehr auch dem Charakter
der Zeit entsprechend das kirchliche Element vorwiegt, der Inhalt
zeigt doch, daß jene Ueberschrift den Grundgedanken des Werkes nicht
ausdrückt und also nicht von Gregor herrühren kann. Richtiger nennt man
es: _Zehn Bücher fränkischer Geschichten_.
Gregor hatte bereits Vorgänger gehabt; er selbst, und nur er
allein, hat uns (II, 8. 9) Namen und Bruchstücke von zwei verlorenen
Historikern aufbewahrt, von =Renatus Profuturus Frigeridus=[12], dessen
zwölftes Buch der Geschichten er anführt, und =Sulpicius Alexander=.
Aber diese scheinen beide noch den Zeiten der letzten Kaiser angehört
zu haben, und niemand versuchte mehr das Andenken dieser trüben Zeiten
aufzuzeichnen. Mit der Klage darüber beginnt Gregor sein Werk. Jetzt,
da die Pflege der schönen Wissenschaften in den Städten Galliens
vernachlässigt, ja sogar gänzlich in Verfall gerathen sei[13], so
lauten die inhaltsschweren Worte, jetzt finde sich kein Gelehrter, dem
die Kunst der Rede zu Gebote stände[14], der in Prosa oder Versen die
Begebenheiten der Gegenwart der Nachwelt aufbewahre. Laut klage das
Volk: Wehe über unsere Tage, daß die Pflege der Wissenschaften bei uns
untergegangen ist und niemand sich findet, der, was zu unsern Zeiten
geschehen, berichten könnte! Deshalb also, weil kein anderer auftrete,
habe er es auf sich genommen, das Gedächtniß dieser Tage den Nachkommen
zu überliefern.
[12] J. Grimm, Ueber Jornandes S. 17, erklärt den letzten Namen für
gothisch. Beide Namen kommen bei Ammian XXXI, 7 vor. Schirren,
De Jord. p. 7, vermuthet in dem Profuturus ep. Braccarensis, an
welchen Pabst Vigilius 538 schreibt, den Autor.
[13] Decedente atque immo potius pereunte ab urbibus Gallicanis
liberalium cultura litterarum.
[14] Peritus dialectica in arte grammaticus.
Die Geschichte seiner Zeit also ist sein Gegenstand; aber um dafür
eine chronologische Grundlage zu gewinnen, schickt er im ersten Buche
eine Uebersicht der Weltgeschichte, hauptsächlich der biblischen, seit
der Schöpfung voran[15]; die Erzählung von der Stiftung der gallischen
Kirchen, zuletzt von seinem Schutzheiligen Sanct Martin, giebt dann den
Uebergang zur fränkischen Geschichte. Allein er führt doch auch noch
einen anderen Grund an für die Berechnungen, mit denen er sein Werk
beschließt, nämlich damit diejenigen, welche wegen des herannahenden
Endes der Welt in Sorgen sind, genau wissen möchten, wie viele Jahre
seit der Erschaffung der Welt verflossen wären. Denn diese Vorstellung
beherrschte auch ihn, so wie alle, die auf das untergehende römische
Reich, das letzte Weltreich, ihre Blicke gerichtet hatten. Und in der
That bot diese Zeit kaum etwas anderes dar, als Zeichen des Verfalles
und des Unterganges; Keime neuen Lebens mußten dem Frankenreiche in
Gallien erst von außen wieder zugetragen werden, für die Neugestaltung
des Staates von Austrasien, für die Kirche von den britischen Inseln.
[15] Libuit etiam animo, ut pro supputatione annorum ab ipso mundi
principio libri primi poneretur initium.
Vor allem findet nun Gregor es durchaus nothwendig, sein
Glaubensbekenntniß an die Spitze des Buches zu stellen, damit
kein Leser an seiner Rechtgläubigkeit zweifeln könne; denn ein
Hauptgegenstand seines Werkes würden die Kämpfe der Kirche mit den
Ketzern sein. Höchst charakteristisch ist dies für eine Zeit, die seit
Jahrhunderten von dem Gegensatze der Katholiken und Arianer erfüllt
war, wo der Name des Orthodoxen der höchste Ehrentitel der Fürsten war,
und die Franken ihren größten Stolz darin fanden, von jeder Ketzerei
frei zu sein. Das gesteht ihnen auch der Mönch Jonas im Leben des
Columban zu; den katholischen Glauben finde man bei ihnen, nur leider
von den Werken auch gar keine Spur.
Es ist aber dieser Standpunkt für die Beurtheilung von Gregors Werk
sehr wichtig; seine ganze Auffassung Chlodovechs beruht darauf. Nicht
nach schriftlichen Aufzeichnungen schildert ihn Gregor; für die ersten
Zeiten hat er wohl die schon erwähnten Autoren und den Orosius benutzt,
auch einzelne annalistische Notizen und Heiligenleben, vorzüglich
das Leben des Remigius, nebst Briefen und Aktenstücken[16]; aber seine
Hauptquelle für die Urgeschichte der Franken, und bald seine einzige,
ist doch die lebendige Ueberlieferung, und die Darstellung Chlodovechs
sowie seiner nächsten Nachfolger ist darum schon durchaus sagenhaft; in
diesem Abschnitt hat man sich sehr zu hüten, Gregors Autorität nicht zu
überschätzen[17].
[16] s. Monod S. 81 ff. und über die Vita Aniani G. Kaufmann, Forsch.
VIII, 130 ff. Dazu jetzt die Vorrede von Arndt. G. Kurth, Revue
des Questions hist. XXIII, S. 385 ff. untersucht seine Quellen
für die Gesch. Chlodwigs, nimmt _Ann. Turonenses_ an und eine
verlorene _Vita Remigii_. Letzteres bekämpft Hans v. Schubart: Die
Unterwerfung der Alamannen unter die Franken (Strassb. 1884) und
macht dagegen aus einer freilich fehlervollen Hs. in Montpellier
eine bald nach Vedasts Tod (um 540) geschriebene _Vita Vedasti_
bekannt, welche in Betreff der Bekehrung Chlodwigs Gregor benutzt
hat, wenn er nicht aus derselben Quelle mit ihr schöpfte. -- Die
von Gr. benutzte, später von Hincmar interpolierte, Ven. Fort.
mit Unrecht zugeschriebene, sehr magere _Vita Remedii_ (= Remigii)
Auctt. antt. VI, 2, 64-67.
[17] Neuerdings sind seine Nachrichten in diesem Sinne geprüft von
Junghans, Die Geschichte der fränkischen Könige Childerich und
Chlodovech kritisch untersucht, Gött. 1857, u. in der Bearbeitung
von Monod; und von Ad. Gloël, Zur Geschichte der alten Thüringer,
Forsch. IV, 195-240; dagegen L. Hoffmann, Zur Geschichte des alten
Thüringerreiches, im Jahresber. d. höh. Bürgerschule zu Rathenow
1872, 4. -- Die _Vita Basini regis_. ed. Guil. Cuper, Acta SS.
Jul. III, 701, des Gründers von Trunchinium oder Dronghen bei
Gent (vgl. Herm. Müller, Lex Salica, S. 128. Holtzmann, Ueber
das Verhältniss der Malb. Glosse, S. 22) ist geschichtlich ganz
unbrauchbar; erst sehr spät ist von ihm, u. als König noch später
die Rede. s. H. W. Lippert, Beiträge zur ältesten Gesch. d.
Thüringer, Zeitschr. d. Vereins f. thür. Gesch. XI, S. 292-302.
XII, S. 91-96.
Chlodovech ist ihm der Streiter der Kirche, ihr Vorkämpfer gegen die
Arianer; als solchen faßt er ihn vorzugsweise auf, und deshalb kann
er auch (II, 40) von ihm sagen: „Gott aber warf Tag für Tag seine
Feinde vor ihm zu Boden und vermehrte sein Reich, darum, daß er rechten
Herzens vor ihm wandelte, und that was seinen Augen wohlgefällig war“.
Unmittelbar vorher hat Gregor erzählt, wie sich Chlodovech durch
Mord und Verrath des ripuarischen Reiches bemächtigte, und man hat
ihm daher jenen Ausspruch sehr zum Vorwurf gemacht. Diese Worte
fassen aber den Inhalt nicht des einen Capitels allein, sondern
auch der vorhergehenden zusammen, in welchen die Bekämpfung der
arianischen Westgothen erzählt ist, der Kreuzzug, welchen die Kirche
als Chlodovechs größtes Verdienst betrachtete. Ein feines Gefühl für
Recht und Unrecht darf man freilich bei den Schriftstellern dieser
Zeit nicht suchen; wie bei den Italienern des fünfzehnten Jahrhunderts
war durch die täglich sich wiederholenden Greuelthaten das Gefühl
dafür abgestumpft worden. Mord und Hinterlist waren so gewöhnliche
Werkzeuge geworden, daß wer sie nicht selber anwandte, ihnen zum
Opfer fiel; es kam daher für die Beurtheilung nur noch darauf an,
ob sich ein lobenswerther Zweck damit verband, oder ob sie bloß der
Selbstsucht und anderen schlechten Leidenschaften dienten. So erzählt
denn auch Gregor zahlreiche Geschichten derart mit einer Kälte, die
uns unheimlich berührt, ohne irgend etwas von dem Abscheu zu äußern,
welcher den heutigen Leser dabei ergreift. Eben dadurch aber gewinnt er
um so mehr an Glaubwürdigkeit; ganz in seiner Zeit stehend, gewährt er
uns das treueste Bild derselben, und indem er nur einfach berichtet,
was geschehen war, verdient er ohne Zweifel vollen Glauben, so weit
seine eigene Kenntniß der Begebenheiten reicht, und so weit nicht
etwa leidenschaftliche Erregung, so weit nicht seine eifrig kirchliche
Denkungsart, sein Haß gegen die Ketzer, sein Urtheil trüben, oder seine
übergroße Leichtgläubigkeit ihn irre führt. Sehr mit Unrecht hat man
ihm absichtliche Entstellung Schuld geben wollen; von Flüchtigkeit und
Ungenauigkeit dagegen ist er im ersten Theile seines Werkes nicht frei,
und daran wird es auch wohl in den späteren Abschnitten, wo es unsere
einzige Quelle ist, nicht fehlen.
Die Darstellung Gregors ist einfach und kunstlos; er selbst bittet
um Entschuldigung deshalb: „Ich bitte die Leser vorher um Verzeihung,“
sagt er, „wenn ich im großen oder geringen gegen die Grammatik fehlen
sollte, denn ich bin nicht recht bewandert in dieser Wissenschaft.“
Die Schulgelehrsamkeit der Zeit mangelte ihm, und das ist ein Glück
für uns, ebenso wie bei Eugippius. Gregor selbst sagt darüber nicht
ohne Ironie, daß er sich zu dieser Arbeit entschlossen habe, weil
kein Gelehrter sie auf sich nehme, und weil er häufig verwundert habe
vernehmen müssen, daß einen Schriftsteller von gelehrter Bildung nur
wenige verständen, des schlichten Mannes Rede aber viele[18]. Einige
Stellen seines Werkes, wo er sich in dieser Schreibart versucht hat,
zeigen uns die Gefahr, vor welcher sein Mangel an Schulbildung uns
bewahrt hat. In der Regel aber ist seine Schreibart diejenige, welche
sich damals für die Legende ausgebildet hatte, und nach und nach
allgemein herrschend wurde; schlicht und einfach, weil sie allgemein
verständlich sein mußte, und erfüllt von biblischen Ausdrücken und
Anspielungen, dem Standpunkt der Verfasser und dem Zweck ihrer Werke
angemessen, da sie ja sämmtlich Geistliche sind und auch in der
Darstellung der Geschichte die kirchliche Bedeutung derselben fast
überall vorherrscht; dabei dem verfallenen Zustand der damaligen
Umgangsprache entsprechend, erfüllt von den ärgsten grammatischen
Verstößen; das Gefühl für die Bedeutung der Flexionsendungen hatte sich
fast ganz verloren[19].
[18] „Quia philosophantem rhetorem intelligunt pauci. loquentem
rusticum multi.“ Auch bei den Griechen war eine rhetorische
Kunstsprache üblich; im Anfang des siebenten Jahrh. drang die
vulgärgriechische Umgangsprache durch kirchlichen Einfluss in die
Litteratur ein. Gelzer, HZ. LXI, 9.
[19] Ueber seine Bildung und Sprache vgl. Monod S. 110 ff. u. Bonnet.
Die neue Ausgabe von W. Arndt läßt mit größerer Sicherheit
seine Sprache erkennen, obgleich leider die ältesten Hs. nicht
vollständig sind. Diese zeigen einen hohen Grad von Barbarei,
welche sowohl alte Abschreiber als neuere Herausgeber bei Gregor
und in den Heiligenleben fortwährend abgeglättet haben. Es mag
noch in Betracht kommen, daß der Frankengeschichte die letzte Hand
fehlt: doch bleibt es andererseits auch immer noch zweifelhaft,
was gerade die ältesten Abschreiber schon angerichtet haben mögen.
Die kunstlose, einfache Sprache Gregors, seine behagliche,
memoirenartige Erzählung, welche Geschichten aller Art, die größten
Staatsbegebenheiten und unbedeutende Vorfälle des gewöhnlichen Lebens
bunt durch einander mischt, das ist es eben, was seinem Werke einen
so großen Reiz verleiht, und es zu einem so treuen Spiegel seiner Zeit
macht, daß ihm in dieser Hinsicht kein zweites zu vergleichen ist.
Vorzüglich zeigt uns Gregors Werk auch, wie besonders Loebell schlagend
nachgewiesen hat, die völlige Verschmelzung der fränkischen und der
romanischen Bevölkerung; von einem feindlichen Gegensatze beider
Elemente ist nichts darin wahrzunehmen, und die römische Abkunft des
Verfassers hat durchaus keinen Einfluß auf seine Darstellung ausgeübt.
Was er hörte, was er sah, das erzählte er, ohne weiteren Zweck, als das
Andenken der Dinge zu erhalten; er dachte keineswegs gering von dieser
Aufgabe und dem Werthe derselben, denn ausdrücklich beschwört er am
Ende des letzten Buches seine Nachfolger auf dem Stuhle des heiligen
Martin, sie unverkürzt und unversehrt der Nachwelt aufzubewahren, und
nichts daran zu ändern. Und wenn auch nicht durch ihr Verdienst, so
ist uns doch wirklich Gregors Werk in seiner ursprünglichen Gestalt
überliefert worden, und seit Jahrhunderten hat man diese ungeschminkte
Darstellung einer fernen Zeit hoch geschätzt und in Ehren gehalten.
Wir können ihm keine hohe Stelle unter den Geschichtschreibern
einräumen, denn ihm fehlen die wesentlichsten Eigenschaften, welche
dazu gehören, die Beherrschung des Stoffes, das tiefere Eindringen
in den Zusammenhang der Dinge; aber um so mehr ist es auch dankbar
anzuerkennen, daß er nicht versucht hat, was ihm nicht gelingen
konnte, sondern sich in Bescheidenheit begnügte, eine reiche Fülle
des mannigfaltigen Stoffes in seinen Werken zusammenzufassen. Von
vorzüglichstem Werthe ist darunter für uns seine Geschichte der
Franken, doch enthalten auch seine Wundergeschichten und Heiligenleben
viele für die Charakteristik der Zeit wichtige Züge.
In seinen letzten Jahren, als die blutigen Stürme, die das Frankenreich
zerrissen hatten, eine Weile ruhten, als Childebert und König Gunthram
den Frieden aufrecht hielten, hat Gregor seine Erzählung fortgeführt
bis zum Jahre 591; am Ende fügte er noch eine kurze Geschichte der
Bischöfe von Tours[20], und zuletzt einen Abriß seines eigenen Lebens
hinzu: ein Schlußwort, welches Monod als Epilog zu allen seinen
Werken, nicht zur Geschichte allein betrachtet. Dann begann er, wie es
scheint, sein Werk noch einmal zu überarbeiten; die sechs ersten Bücher
enthalten Einschiebungen, welche um diese Zeit geschrieben sind, und
diese sechs Bücher sind denn auch, so scheint es, zuerst allein bekannt
geworden; nur sie finden sich in der ältesten Handschrift, und sie
allein wurden später in einen Auszug gebracht.
[20] Die Grabschrift eines sonst unbekannten „Ebracharius heros“,
der zur Zeit des etwas späteren Bischofs Chrodobertus 4 Klöster
stiftete, bei De Rossi, Inscriptt. urbis Romae christ. II, 1, 69.
Bei weitem nicht mehr in dem Grade wie Isidor, hatte Gregor in sich
aufgenommen, was von der alten Bildung noch übrig war; doch war sie
auch auf ihn nicht ohne Einfluß geblieben; hoch überragt er die nun
folgende Zeit der tiefsten Barbarei, wo kaum noch einzelne Funken
litterarischen Lebens zu finden sind, wo die aus der alten Welt
herübergenommene Bildung fast vollständig abstarb, während zugleich
politisch die ärgste Verwilderung und Auflösung eintrat: im siebenten
Jahrhundert, sagt O. Abel, nach Brunhilde und Fredegunde verliert im
merowingischen Königshause auch das Laster seine Größe, in wachsender
Jämmerlichkeit schleppt sich das entartete Geschlecht noch anderthalb
Jahrhunderte durch die Geschichte.
Erwähnt habe ich vorher (S. 97), daß Gregor auch annalistische Notizen
benutzt habe, welche im Anfang seiner Geschichte sehr deutlich zu
erkennen sind. Mit diesen hat man sich neuerdings sehr eingehend
beschäftigt[21]. Schon oben S. 57 ist der =Annalen von Arles= gedacht
worden, welche mit Consularfasten verbunden sind. Holder-Egger hat
ihre Benutzung nachgewiesen in einer Weltchronik, welche fälschlich den
Namen des =Severus Sulpicius= trägt[22], und bis 511 reicht, nach seiner
Ansicht aber wahrscheinlich erst 733 in Südgallien verfaßt ist; nicht
unwichtig für die westgothische Geschichte von 450 bis 500. Er findet
außerdem ihre Spuren bei Isidor, Marius, Jordanis, und in Verbindung
mit den Ravennater Fasten bei Gregor[23] und in der Fortsetzung des
Prosper bis 641. Gregor hat außerdem noch Annalen benutzt, welche
wahrscheinlich aus =Angers= stammen, und =burgundische=, welche auch
Marius hatte, und deren Verwerthung bei beiden ihre Uebereinstimmung
erklärt, wie W. Arndt nachgewiesen, und Monod, welcher früher Benutzung
des Marius bei Gregor angenommen hatte, ihm zugegeben hat.
[21] W. Arndt HZ. XXVIII. O. Holder-Egger in der S. 57 angeführten
Schrift. Rec. von J. J. M. im Lit. Centralbl. 1875 Sp. 1380, von
W. Arndt, Jen. LZ. 1875 N. 48. Arndts Vorr. S. 22, wo auch noch
annalistische Notizen aus der Auvergne und aus Poitiers vermuthet
werden. Ueber Annalen von Tours s. oben S. 97.
[22] Florez, Esp. sagr. IV, 430-456; vom J. 379 an wieder abgedruckt
bei Holder-Egger.
[23] Vgl. Holder-Egger im NA. I, 276-278.
Der Bischof =Marius von Avenches=, ein Zeitgenosse Gregors, ist zu
erwähnen, als Verfasser einer Fortsetzung des Prosper, oder vielmehr
des Chronicon imperiale (oben S. 82) bis 581. Marius scheint ein
vortrefflicher Mann und exemplarischer Bischof gewesen zu sein, dazu
ein geschickter Goldschmidt, welcher kunstreiche Geräthe für seine
Kirche selbst verfertigte. Im Jahre 530 oder 531 aus edlem Geschlecht
im Sprengel von Autun geboren, wurde er 574 Bischof der alten
Römerstadt Avenches, welche sich von der Zerstörung durch die Alamannen
niemals recht erholt hatte, und deshalb verlegte er den Sitz des
Bischofs nach =Lausanne=, wo er am 31. December 594 gestorben ist[24].
[24] W. Arndt, Bischof Marius von Aventicum. Sein Leben und seine
Chronik. Nebst einem Anhang über die Consulreihe der Chronik.
Leipz. Habilitationsschrift 1875. Die falsche Jahreszahl 593 auf
S. 13 hat der Verfasser selbst berichtigt. -- Hierin ist die jetzt
allein brauchbare Textausgabe nach der einzigen HS. enthalten,
welche einst in St. Trond war, jetzt Brit. Mus. 16,974. Facs. in
Arndts Schrifttafeln 16.
In seiner Schulbildung stand er nicht höher als Gregor. Es verdient
Anerkennung, daß er in dieser Zeit den Versuch machte, die Weltchronik
fortzusetzen, aber dürftig genug ist der Versuch ausgefallen. Er
besaß ein Exemplar der Ravennater Fasten, mit annalistischen Notizen
aus Arles vermehrt, und benutzt, ihnen folgend, die Consulreihe, zu
welcher er die Indictionen hinzufügt, später die Jahre p. c. Basilii
und die Regierungsjahre Justins II und Tiberius II, als einzige
brauchbare Chronologie; inmitten der vorübergehenden und durch innere
Kriege erschütterten neuen Reiche ist ihm die „res publica“ das einzig
bleibende, und ganz außerhalb ihres Bereiches, scheint er doch die
Kaiser als die wahren Herren der Christenheit zu betrachten. Uebrigens
berichtet er doch vorzüglich die ihn näher berührenden Vorgänge des
burgundischen und des fränkischen Reiches, und was er mittheilt, hat
für uns großen Werth. Bis 467 lassen sich bei ihm (nach W. Arndt) die
Annalen von Arles, bis 526 die Ravennater verfolgen. Vom Jahre 500 an
schöpft er aus burgundisch-fränkischen Annalen, vielleicht bis 570 oder
571. Endlich nimmt Arndt noch „byzantinische, wohl in Mailand verfaßte
Annalen“ an, welche bis 568 nachweisbar wären, und auch von Marcellin
benutzt.
Verbunden mit diesen Annalen ist ein Anhang von 581 bis 624, welcher
mit Unrecht von Brosien verdächtigtg[25], von G. Monod in Schutz
genommen ist[26], in Uebereinstimmung mit G. Kaufmann[27] und H.
Hertzberg[28]. Nach letzterem ist der erste Theil desselben aus Isidor
entnommen; der zweite ist original, erzählt in fließender Darstellung,
und geht bald völlig in die fränkische Geschichte über. Dieser Anhang
wäre benutzt in der Fortsetzung des Isidor bis 636 im Cod. Urbinas,
und diese wieder in der Fortsetzung des Prosper bis 641. Vollständig
aufgenommen ist er in der Fortsetzung des Isidor von 1017 (MG. SS.
XIII, 261).
[25] Krit. Untersuchung der Quellen zur Geschichte Dagoberts I (Gött.
1868) S. 5.
[26] Revue Critique 1873 N. 42.
[27] Forsch. XIII, 418-424.
[28] Forsch. XV, 317-324. Vgl. das Facs. bei Arndt, Schriftt. 16.
Im burgundischen Reiche ist ebenfalls schon in der ersten Hälfte
des sechsten Jahrhunderts die =Vita sanctorum abbatum Agaunensium=
(von St. Maurice im Wallis) geschrieben, welche W. Arndt nach einer
Abschrift des Jesuiten P. Fr. Chifflet herausgegeben hat[29]. Ist hier
nun auch der Text vielleicht etwas geglättet, so zeigt doch der ganze
Periodenbau noch eine anspruchsvolle Schulbildung, und sowohl die
halb in Prosa aufgelöste Grabschrift des Tranquillus c. 10, wie die
Distichen auf Ambrosius c. 12 zeigen metrisches Verständniß[30], während
die Verse auf Probus S. 3 geradezu jeder Metrik hohnsprechen. Demselben
Jahrhundert gehört das Leben eines Einsiedlers an, des =Hostianus=,
welcher ein Verwandter des Königs Sigismund war; geschichtliche
Thatsachen sind aber nicht daraus zu entnehmen[31].
[29] Kleine Denkmäler aus der Merovingerzeit, Hann. 1874. Acta SS.
Nov. I mit neuen Hülfsmitteln verbesserte Ausgabe von De Smedt,
auch mit der vorher noch fehlenden _Chronologica Series_, vgl.
Krusch, HZ. LXIII, 102. A. Jahn, Gesch. der Burgundionen (1874)
II, 504-512 giebt den ältesten Text der ebenfalls in Agaunum im
Anf. d. 8. Jahrh. geschriebenen _Passio Sigismundi regis_ und
erweist S. 513-518 den Unwerth der von Lütolf, Glaubensboten der
Schweiz S. 172 mitgetheilten _Passio SS. Victoris et Ursi_ nebst
der Translatio. Die Passio Sigism., welche einige Umstände aus
der Tradition und die Translationsgesch. bietet, ed. Krusch, SS.
Meroving. II, 329-340.
[30] Das c. 13 über Probus besteht aus rhythmischen Versen.
[31] Analecta Bolland. II, 355-358; vgl. NA. IX, 444.
Nach Gregor versiecht im Frankenreich die geschichtliche Aufzeichnung
der Begebenheit fast völlig, und nur in Burgund entstehen noch
Schriften, welche uns über die folgenden Zeiten dürftige Kunde
gewähren[32].
[32] Völlig unbekannt sind die „regnorum libri diversarum gentium,
quos pretiosissimo dictamine et in luculento sermone insignis
historiographus edidit =Roterius=“, angeführt in der Vita Severi
(Agath. Acta SS. Aug. 25). Er soll zu Zeiten K. Reccareds, also
gegen 600, geschrieben und über die Verheerung gallischer Städte,
spec. Agde, durch Attila berichtet haben.
§ 9. Fredegar.
Ausgabe v. Br. Krusch, MG. SS. Rer. Merov. II. 1888, vgl. Br. Krusch,
Die Chronicae des sog. Fredegar, NA. VII, 247-351. 421-516. Auszug
des fünften Buches in Giesebrechts Uebersetzung des Gregor. II,
265-281. Die Chronik-Fredegars (Buch 6) und der Frankenkönige
übersetzt von Otto Abel, Berl. 1849. 1876. 1888 mit d. Forts.
(Geschichtschr. 11. VII, 2). Ebert S. 606. Palacky, Ueber den
Chronisten Fredegar und seine Nachrichten von Samo. Jahrb. des
Böhm. Museums I, 387-413. Herm. Brosien, Kritische Untersuchung
der Quellen zur Gesch. Dagoberts I, Gött. 1868. Alfr. Jacobs,
Géographie de Frédégaire, de ses Continuateurs et des Gesta
Francorum, Paris 1859. G. Monod, Revue Crit. 1873 N. 42. Ders.
Du lieu d'origine de la chronique dite de Frédégaire, im 3.
Bd. d. Jahrb. f. Schweiz. Gesch. 1878. Ders. Sur un texte de la
compilation dite de Fr. relatif à l'établissement des Burgundions
dans l'empire Romain, in: Mélanges publiés par l'École des hautes
études, 1878 (NA. IV, 418), Abdr. des cod. 10910, von Monod
besorgt, Bibl. de l'École des hautes études. fasc. 63. Paris
1885. Facs. v. Harl. 5251 im Catal. of anc. Mss. pl. 52; des cod.
Clarom. im Album pal. pl. 13, wo H. Omont 678 berechnet.
Das einzige Geschichtswerk, welches uns aus dem siebenten Jahrhundert
aufbewahrt ist, trägt den Namen des =Scholasticus Fredegar=; aber
dieser Name findet sich nur bei J. Scaliger im Jahre 1598 und in den
Antiquités Gauloises et Françoises von Claude Fauchet 1599, in den uns
erhaltenen Handschriften dagegen nirgends[1]. Doch ist es zweckmäßig
ihn beizubehalten, wie ja auch allgemein üblich ist. Allein durch die
scharfsinnigsten Untersuchungen hat Bruno Krusch, gestützt auf die
früher noch nicht bekannt gewordenen Kapitel des Liber generationum,
der ganzen Untersuchung über den räthselhaften Schulmeister eine neue
Wendung gegeben, und unter seinem kritischen Messer hat das scheinbar
einheitliche Werk sich in ganz verschiedene Bestandtheile aufgelöst.
[1] Vgl. über den Namen G. Monod, Études crit. p. 256.
Zunächst treten uns Annalen entgegen, die in =Burgund=, im „pagus
Ultrajoranus“, vielleicht in Avenches, von wo Marius nach Lausanne
fortgezogen war, bis in den Anfang des 7. Jahrh. fortgeführt wurden,
und deutlich zu erkennen sind in der Compilation eines Aventicensers,
welcher im J. 613 dieselben bis auf seine Zeit fortsetzte[2], und
um den Zusammenhang der Weltgeschichte zu gewinnen, den im J. 235
von Hippolyt verfaßten _Liber generationis_[3] und einen Auszug aus
Hieronymus und Idacius voranstellte[4]. Seine Arbeit reicht bis zum
39. Cap. des sog. Fredegar, und dieser Anfang gewinnt also durch
diese Entdeckung bedeutend an Gewicht. Der eigentliche Fredegar aber,
von welchem man bisher allgemein annahm, daß er vor dem J. 660 nicht
geschrieben haben könne, nahm, wie Krusch jetzt das ganz überzeugend
nachgewiesen hat, im J. 642, bis wohin er seine Arbeit geführt hat, das
ältere Werk vor; auch er war in derselben Gegend heimisch. Er versah
die beiden ersten Bücher mit Anhängen, und fügte einen Auszug aus den,
ihm allein bekannt gewordenen, sechs ersten Büchern des Gregor von
Tours hinzu[5], nicht ohne Einmischung von allerlei Fabeln, namentlich
im dritten Buche nach dem wirklichen Idatius jene über die Vorzeit
der Franken, von welchen Gregor noch frei ist, die uns aber von nun an
aller Orten begegnen, und bald weiter ausgesponnen wurden: Erzeugnisse
einer kindischen Gelehrsamkeit und kecker Erfindung, echter Sage völlig
fremd, die aber nach und nach bei Halbgelehrten und Ungelehrten Eingang
fanden[6].
[2] Dieser ist nach Krusch der im Prolog als _quidam sapiens_
bezeichnete.
[3] Darüber s. Krusch, NA. VII, 456; vgl. oben S. 54.
[4] G. Kurth, welcher in der Revue des Questions hist. 1890, S. 60 ff.
die Geschichte Chlodwigs nach Fredegar behandelt, weist den Theil
der Chronik von Chilperichs Tod bis 613 dem zweiten Compilator
zu, indem er bestreitet, dass der erste überhaupt etwas originales
geschrieben habe (NA. XV, 615).
[5] Die auch abgesondert vorkommende sog. _Historia epitomata_ in 93
Kapiteln. Gegen L. v. Ranke's Ansicht (Weltgesch. IV, 2, 328-368),
daß sie nicht als Auszug aus Gregor zu betrachten sei, hat sich
Waitz sehr entschieden erklärt, Praef. Greg. Tur. p. VIII. NA.
IX, 650.
[6] Vgl. hierüber Zarncke, Ueber die Trojanersage der Franken, in
den Berichten der k. Sächs. Ges. d. Wiss. 1866 S. 257-285, nebst
dessen Anzeige der Schrift von Wormstall: Die Herkunft der Franken
von Troja, Münster 1869, im Lit. Centr. 1869, 381, und G. Waitz zu
Jord. Osnabrug. S. 13. A. Dederich, Der Frankenbund, Hann. 1873.
A. Thorbecke: Ueber Gesta Theoderici (1875) S. 9-13. Lüthgen: Die
Quellen u. der hist. Werth der fränk. Trojasage, Diss. Bonn. 1875.
Die Entstehung der Fabelei ist jetzt lichtvoll nachgewiesen von
Krusch, NA. VII, 473. Die in den mit Fortsetzungen versehenen Hss.
eingeschobene _Historia Daretis Frigii de origine Francorum_ ist
nach Fred. S. 194-200 von Krusch herausgegeben.
Für die Fortführung der Geschichte benutzte Fredegar eine Relation über
das inhaltreiche Jahr 613, wie man wegen des genauen Berichtes Cap.
40-44 annehmen muß, und erzählte treu, wenn auch mit geringem Geschick,
was er erlebt hatte.
Dasselbe nun, was Fredegar, für seine Zeit und Bildung gut genug,
geleistet hatte, versuchte um 658 ein dritter Bearbeiter, ein
Austrasier, den Krusch vermuthungsweise nach Metz setzt; er ergänzte
das Werk durch einen Auszug der Vita Columbani, und fügte verschiedene
Supplemente über austrasische, westgothische, oströmische Geschichte,
auch über Samo hinzu; von ihm muß auch der Absatz vom Schluss des Cap.
84-88 mit entschieden austrasischem Charakter herrühren. Seine Zuthaten
sind es, welche früher zu der Annahme führten, das ganze Werk könne
nicht vor 660 geschrieben sein. Eine weitere Fortsetzung aber hat er
nicht zu Stande gebracht.
Wie nun später diese Sammlung fortgesetzt, vermehrt und umgestaltet
ist, werden wir noch zu betrachten haben. Unbehülflich und dürftig
war diese Schriftstellerei, aber es kommt auch Fredegar gar nicht
in den Sinn, große Ansprüche zu machen; er empfindet lebhaft den
traurigen Zustand der Zeit, und sieht nach der damals herrschenden
Vorstellung das Ende der Welt als nahe bevorstehend an. „Wir stehen
jetzt im Greisenalter der Welt, sagt er; darum hat die Schärfe
des Geistes nachgelassen, und niemand vermag es in dieser Zeit
den früheren Schriftstellern gleichzukommen.“ Sich selbst legte er
nur einen bäurischen und ganz beschränkten Sinn bei[7], und diese
rührende Bescheidenheit sollte wohl den Spott über den ehrlichen
Mann entwaffnen, welcher mit aller Anstrengung geleistet hat, was
er vermochte, und der sich dadurch um die Nachwelt ein unsterbliches
Verdienst erworben hat.
[7] Rusticitas et extremitas sensus mei.
Merkwürdig wäre es allerdings, wenn Fredegar wirklich einer Schule
vorgestanden hätte; denn seine und seiner Genossen Kenntniß des
Lateinischen war unglaublich gering, seine Sprache ist über die Maßen
barbarisch, aber freilich nicht verschieden von derjenigen, welche wir
auch in den Urkunden der Zeit, und in Italien bis ins elfte Jahrhundert
finden. Entschieden falsch ist es, wenn man diese Sprache als die des
romanischen Volkes bezeichnet, sie kann nie gesprochen worden sein.
Alle Flexionsendungen sind nämlich darin vorhanden, sie werden aber nur
noch aus Convenienz gebraucht, da das Gefühl für ihre Bedeutung sich
fast ganz verloren hat[8]. Das Volk wirft in solchem Falle die Endungen
ab, und bildet sich neue; nur wer gelehrt scheinen will, braucht sie
noch, ohne aber ihre Bedeutung recht zu kennen. Treffend vergleicht
einmal Kausler diese Schreibart mit schriftlichen Aufsätzen, die einer
aus der niederen Klasse in der Sprache der Gebildeten, welcher er
nicht recht mächtig ist, niedergeschrieben hat. Wir finden sie deshalb
nur da, wo die Volksprache der lateinischen noch nahe genug stand,
daß man lateinisch schreiben konnte, ohne es schulgemäß erlernt zu
haben, besonders in Italien, wo sich ein solches Kauderwelsch bei den
Notaren am längsten erhielt. Dort zeigt es sich auch deutlich, daß
die Schreiber weit davon entfernt waren, in der Volksprache schreiben
zu wollen, denn mitten in solchen Urkunden kommen Zeugenaussagen in
ausgebildetem Italienisch vor.
[8] Krusch hat die Eigenthümlichkeiten dieser Sprache sorgfältig
zusammengestellt, S. 486-494. Ganz ungrammatisch sind auch die
Reliquienzeugnisse: 'Authentiques de Reliques de l'Époque Mérov.
découvertes à Vergy. Par L. Delisle' (École de Rome 1884). Welches
entsetzliche Latein man noch 754 schrieb, zeigt die Unterschrift
des Gundobin, Bibl. de l'École des chartes VI, 4, 217. Vgl. auch
Sickel, Urkk. der Karolinger I, 137 ff., dem ich aber darin nicht
beistimmen kann, wenn er dieses Kauderwelsch als sermo plebejus
bezeichnet. Eine ähnliche Erscheinung bietet das ausgehende 15.
Jahrh. in dem Diarium Nepesinum, Arch. della Soc. Rom. di Storia
patria, Vol. VII.
Fredegar stand übrigens mit seinem Latein durchaus nicht allein unter
der fränkischen Geistlichkeit des siebenten Jahrhunderts; das zeigt
uns das Leben des um 665 verstorbenen =Wandregisil=, des Stifters von
Fontenelle, welches W. Arndt genau nach der schönen Uncialhandschrift
hat abdrucken lassen, die der Abfassung sehr nahe stehen muß und
gewiß mit aller Sorgfalt geschrieben ist[9]. Hat doch jetzt G. Waitz
nachgewiesen, daß auch noch Paulus Diaconus nicht viel anders schrieb,
und Jordanis und Gregor von Tours scheinen ebenfalls schon auf diesen
Weg geführt zu haben.
[9] Kleine Denkmäler aus der Merovingerzeit, Hann. 1874.
Wiederum verging nach Fredegar mehr als ein halbes Jahrhundert,
in dem, außer einigen Heiligenleben, unter denen jedoch mehrere
nicht gering anzuschlagen sind, das ganze Frankenreich keine Spur
von Geschichtschreibung darbietet. Erst in den letzten Zeiten der
Merovinger, als in Austrasien schon die ganze litterarische Thätigkeit
dem aufstrebenden Geschlecht der Hausmeier sich zugewandt hatte,
wurde in Neustrien ein Werk verfaßt, welches sich Gregor und Fredegar
anschließt, und in seiner Armseligkeit dem Zustande des absterbenden
Reiches vollkommen entspricht. Es ist daher auch kaum möglich
anzunehmen, daß bei den darin Cap. 44 angeführten _scriptores_, wie
Krusch S. 217 annimmt, an wirkliche Geschichtschreiber zu denken ist;
mit Recht hebt Kurth hervor, daß mit dem ganz unbedeutenden Chlodwig
II sich nicht mehrere Geschichtschreiber beschäftigt haben werden,
dagegen in Saint-Denis, wo er ihrem Heiligen einen Arm genommen hatte,
verschiedentlich über ihn geschrieben sein mag.
§ 10. Die Thaten der Frankenkönige.
Gesta Francorum, Bouquet II, 580. Migne XCVI, 1421 aus Duchesne. Neue
Ausg. unter dem Titel _Liber historiae Francorum_ von Br. Krusch,
SS. Merov. II, 215-328. Vgl. Cauer, De Karolo Martello, Berol.
1841, p. 11-28. Brosien p. 41-44. Breysig, Karl Martell S. 112. G.
Monod, Les Origines de l'historiographie à Paris (Mémoires de la
Société de l'histoire de Paris et de l'Ile de France, Tome III,
p. 219-240). G. Kurth, Etude crit. sur le Gesta Rerum Francorum,
Bull. de l'Acad. r. de Belg. 3 sér. t. XVIII (1889) p. 261-291.
Auszugsweise Uebersetzung des ersten Theils von W. Giesebrecht,
hinter Gregor von Tours II, 282-302. Vollständig von 639 an, von
Abel, hinter Fredegar, s. oben S. 104.
Die Anfänge, die Herkunft und die Thaten des Frankenvolkes und
seiner Könige will ich erzählen -- so beginnt nicht ohne Kühnheit der
Verfasser sein Werk, aber genannt hat er sich nicht, und obgleich er
für seine Zeit außerordentliches leistete und im ganzen Mittelalter
sein Buch viel gelesen wurde, so hat doch niemand seinen Namen uns
überliefert. Ohne Zweifel war er ein Neustrier. E. Cauer glaubte, wegen
der besonderen Verehrung, mit welcher er des heiligen Bischofs Audoenus
gedenkt, daß er der Kirche zu Rouen angehört habe[10], und dieser
Ansicht hat auch Krusch sich angeschlossen, und einige Stellen für
seinen Aufenthalt in dieser Gegend geltend gemacht. Die von G. Monod
aufgestellte Vermuthung, daß der Verfasser ein aus Spanien geflüchteter
westgothischer Mönch in Paris gewesen sei, kann wohl als ausreichend
widerlegt betrachtet werden, aber seine Beziehungen zu Paris sind
auch von Kurth wieder schärfer betont; er hält ihn für einen Mönch
von Saint-Denis. Seine Heimath vermuthet er in der Gegend von Laon und
Soissons, von wo er allerlei zu berichten und Oertlichkeiten zu nennen
weiß.
[1] l. c. p. 14.
Neustrien ist das Land, von dem der Verfasser des _liber historiae_
berichtet; Austrasien erwähnt er nur gelegentlich, er liebt es nicht,
und von dem Neuen, was sich dort bildet, ist er unberührt; während man
in Austrasien wenig mehr von den Merovingern weiß, sie in den Annalen
kaum noch nennt, stehen sie bei ihm überall im Vordergrunde. Er gehört
ganz der alten Zeit an, und bezeichnet durch seine den Fredegar weit
übertreffende Dürftigkeit und Armuth den fortgehenden Verfall, wenn
auch sein Latein weniger barbarisch ist. Dafür aber fehlt ihm auch
die gelehrte Belesenheit Fredegars. Er hat für die alte Zeit, außer
dem Prologus legis Salicae[11], nur eine Quelle, die ersten sechs
Bücher Gregors, und hierauf gestützt unternahm er es im sechsten Jahre
Theuderichs IV d. i. im Jahre 727[12], die Geschichte seines Volkes zu
schreiben. Mit mageren Auszügen aus Gregor verbindet er wie Fredegar
die halb volksthümlichen, halb gelehrten Sagen über die Anfänge
der Franken; dann fährt er selbständig fort, nicht Jahr für Jahr
berichtend, sondern in kurzen Umrissen, wie sie sich allenfalls durch
mündliche Ueberlieferung erhalten konnten. Fredegars Chronik war ihm
nicht bekannt, und soweit diese reicht, ist sein Werk kaum zu benutzen;
dann aber ist es für lange Zeit die einzige zusammenhängende Erzählung,
welche wir besitzen, und wie er seiner eigenen Zeit näher kommt,
wird seine Darstellung, wenn sie gleich immer dürftig bleibt, doch
zuverlässig. Die besseren Heiligenleben, aus denen einzelne Abschnitte
sich ergänzen lassen, bestätigen seine Angaben.
[2] Was Kurth, der vielmehr den Prolog für jünger hält, m. E.
ohne Grund bekämpft. Ausserdem hat Monod in c. 38 u. 40 eine
Verwandtschaft mit dem Anhang zu Marius Avent. nachgewiesen.
[3] Nicht 725, wie man früher annahm, s. Br. Krusch, NA. X, 94, wo
die Chronologie der letzten Merovinger berichtigt ist.
Wenige Jahre nachher, noch bei Lebzeiten Theuderichs IV, der 737
gestorben ist, hat ein Austrasier eine neue Bearbeitung dieses Buches
(B) unternommen, welches er für ein Werk Gregors von Tours hielt und
dem er daher den Titel gab „Liber sancti Gregorii Toronis episcopi
gesta regum Francorum“. Daher der gewöhnliche Titel, an welchem man
als an einem gewohnten und allgemein verständlichen wohl auch ferner
festhalten wird. Der Verfasser ergänzte einiges aus Gregors Geschichte,
auch aus Isidor; schon 736 wurde dazu eine Fortsetzung geschrieben,
welche wir nur in überarbeiteter Gestalt als erste Fortsetzung des
Fredegar kennen.
Damit ist nun die Zahl der merovingischen Historiker erschöpft, denn
die =Thaten Dagoberts=[13] sind eine unzuverlässige Compilation aus
dem neunten Jahrhundert, von einem Mönch zu Saint-Denis verfaßt, um
das Kloster und seinen Stifter zu verherrlichen, mit Benutzung sowohl
mündlicher Tradition als auch der vorhandenen Urkunden, unter welchen
schon falsche sich befanden. Hat man früher sie in das Ende des neunten
Jahrhunderts gesetzt[14], so weist dagegen Krusch (S. 396) nach, dass
sie 835 schon vorhanden war. Entschiedener hat Julien Havet ihre
Glaubwürdigkeit in Schutz genommen, natürlich abgesehen von den nur
wiedererzählten Fabeln, vorzüglich in Bezug auf die Thatsache, daß
wirklich Dagobert I, wenn auch bei Lebzeiten seines Vaters, das Kloster
gestiftet hat, während Mabillon eine viel frühere Stiftung annahm[15].
[4] _Gesta Dagoberti_, Ausg. Bouquet II, 580. Migne XCVI, 1395 aus
Duchesne. Krusch, SS. Merov. II, 396-425, vgl. Forsch. XXVI,
161-191.
[5] So Monod, Rev. crit. 1873, II, S. 258, welcher die Vermuthung
ausspricht, daß die Flucht der Mönche vor den Normannen nach
Reims, die wahrscheinlich mit dem Verlust von Urkunden verbunden
war, nach ihrer Rückkehr 888 zu dieser trügerischen Arbeit den
Anlaß gegeben habe.
[6] Questions Mérov. V. Les origines de Saint-Denis (Bibl. de l'École
des chartes LI (1890) p. 5-62.) Derselben Zeit schreibt Havet S.
38 die _Passio SS. Dionysii, Rustici et Eleutherii_ zu, die aber
nach seiner Ansicht in Aquitanien geschrieben ist. Sie ist gedr.
Auctt. antt. IV, 2, 101-105, als fälschlich Venantius Fortunatus
zugeschrieben.
Der so viel benutzte und oft angeführte =Aimoin= aber ist gar erst
aus dem Anfange des elften Jahrhunderts und ohne allen Werth. Es war
die Roheit der Form, welche zur neuen Bearbeitung trieb, wie Aimoin
ausdrücklich sagt, und aus demselben Grunde zog man später diese
Bearbeitungen vor. Für geschichtliche Untersuchungen aber darf man sich
auf Aimoin so wenig wie auf den noch späteren =Rorico= berufen[16].
[7] Aimoin, von dem noch unter III § 10 die Rede sein wird, war
Mönch von Fleury und widmete sein Werk dem Abt Abbo († 1004).
Er wollte die Geschichte bis auf Karls des Großen Vater
Pippin beschreiben, sein Werk reicht aber nur bis 653. Rorico
schrieb in sehr geziertem Stil und reicht bis 511. Ueber seine
Person ist nichts bekannt, nur weisen einige Umstände nach
Amiens; mit Unrecht hat man aus der idyllischen Einkleidung
geschlossen, daß er die Schafe gehütet habe. Vgl. A. Thorbecke
über Gesta Theodorici (Heidelb. Progr. 1875) S. 13-18. In der
Chronikensammlung von St. Denis, welche man der Veranlassung
Sugers zuschreibt, wurde Aimoin mit den Gesta Dagoberti, Gesta
Francorum, den Fortsetzern des Fredegar etc. verbunden, später
die Chronik amtlich fortgeführt und im dreizehnten Jahrhundert
alles ins Französische übersetzt. Ausgabe bei Bouquet III. Die
darin benutzte Forts. aus Saint-Germain-des-prés 1125-1167 (=
Hist. Lud. VII) theilweise MG. SS. XXVI, 151. -- Den Anfang
einer eigenthümlichen Ueberarbeitung der Gesta Francorum, welchen
Ekkehard benutzt hat, theilt Waitz aus einer Bamberger Handschrift
mit, Forschungen III, 145-147; vgl. 607.
Actenstücke, Gesetzbücher und Formeln[17] liegen unserer Aufgabe fern,
aber gedenken müssen wir doch der =Briefe=, welche theils einzeln
und ihrer besonderen Wichtigkeit wegen, theils, und vorzüglich, in
Sammlungen, die als Muster gebraucht wurden, sich erhalten haben. Für
diesen Zeitraum schließen sie sich an die berühmten Namen der Bischöfe
Avitus von Vienne, Remigius von Reims, Desiderius von Cahors[18]. Von
besonderer Wichtigkeit ist die Sammlung der _Epistolae Austrasicae_,
welche, mit einigen Schreiben des Remigius beginnend, in großer Zahl
amtliche Correspondenzen der Könige Sigebert und Childebert II (bis
585) enthält, und zwar nach Concepten, so daß die Entstehung nothwendig
in der königlichen Kanzlei zu suchen ist. Hier hatte der von Fortunat
besungene =Gogo= gewirkt, gefeiert als ein neuer Cicero wegen seiner
Beredsamkeit, Vorsteher der Hofschule und aus weiter Ferne aufgesuchter
Lehrer; zweimal wird er als Concipient genannt. In der kritisch
gereinigten Ausgabe von Gundlach, der ersten seit Freher, werden diese
Briefe erst recht benutzbar sein[19].
[8] Ueber diese genügt es, auf die Abh. v. Zeumer. NA. VI, 9-115 u.
die Ausg. MG. Legum Sectio V zu verweisen. Den Bischof Landerich,
welcher Marculfs Sammlung veranlaßte, hält Z. für den Bischof von
Meaux. c. 700.
[9] Gesammelt bei Duchesne I, Bouq. IV. u. jetzt MG. Epp. Tom. III.
[10] Gundlach, NA. XIII, 365-387.
Sehr eigenthümlicher Art ist die Correspondenz zwischen einem Bischof
Frodebert, vermuthlich von Tours, und Importunus von Paris (um 666),
welcher jenem u. a. vorwirft, daß er des Hausmeiers Grimoald Frau
entführt habe. In höchst barbarischem Latein verfaßt, aber durchgehends
gereimt, können diese Schmähschriften unmöglich als wirkliche Briefe
betrachtet werden, sind aber um so merkwürdiger als ein boshaftes
Pasquill des 7. Jahrhunderts[20].
[11] S. Zeumer im NA. VI, 75 u. die Ausg. Formulae p. 220-226.
* * * * *
Von jenen halb verklungenen, halb durch Zuthaten der Schulgelehrsamkeit
entstellten Stammsagen der Franken finden sich Spuren auch in dem
schon früher (S. 90) erwähnten Prolog des Salischen Gesetzes, und
an diesen erinnert ein seltsames Werk des siebenten Jahrhunderts,
die =poetische Weltbeschreibung= eines ungenannten Verfassers, der
in ganz ähnlicher Sprache und Weise einige Capitel des Isidor in
Verse brachte, und nur über die Franken einige selbständige Zusätze
anbrachte, in denen sich das stolze Selbstgefühl jenes Prologs wieder
erkennen läßt[21]. Es sind dreizeilige Strophen mit sehr ungenauen
Endreimen, rhythmische Langzeilen von 15 Silben mit einer Caesur nach
der achten Silbe, eine in jener Zeit häufige Form. Für den Verfasser
dieses Kunstwerkes hält Dümmler denselben =Theodofridus=, welcher ein
anderes, nicht minder rohes Gedicht über die 6 Weltalter verfaßt hat;
beide sind von demselben Winitharius abgeschrieben; auch einen dritten,
chronologischen Rhythmus vom J. 718 fügt er hinzu. In Theodofrid aber
erkennt er den ersten, bald nach 657 aus Luxeuil gekommenen Abt von
Corbie, welcher um 681 Bischof wurde, wahrscheinlich von Amiens[22].
[12] _Versus de rota mundi_, ed. Pertz: Ueber eine fränkische
Kosmographie des siebenten Jahrhunderts, Abh. der Berl. Ak. 1845,
S. 253. Wright, Anecd. p. 101-104; aus Clm. 903. Dazu kommen noch
die Handschriften Cod. S. Galli 213 u. Vat. Pal. 1357, Arch. XII,
354. Vgl. Huemer, Untersuchungen über die ältesten lat. christ.
Rhythmen (Wien 1879) S. 63-65. Manitius, Gesch. d. christl. lat.
Poesie S. 474. -- Ueber eine alte =fränk. Völkertafel=, die er um
520 ansetzt, Müllenhoff, Abh. d. Berl. Akad. 1863. S. 520. Für
erheblich jüngeren Ursprung Ad. Bachmann, Wiener SB. XCI, 864.
In welche Zeit und Verbindung die fabelhafte Kosmographie des
=Aethicus= gehört, welche bei der Trojanersage eine Rolle spielt,
ist noch dunkel; Krusch bemerkt, „dass darin die Fassung der Gesta
Francorum von 736 benutzt und er also erheblich jünger ist, als
man ihn gewöhnlich ansetzt. Auf die erste Hälfte des 9. Jahrh.
weist auch seine Verwandtschaft mit der Hist. Daretis, welche der
erste Fortsetzer des Fredegar in den Hieronymus einschob: beide
haben die Fabel von Francus u. Vassus, beide gleichen sich im Stil
(z. B. gignarus für gnarus).“ Das Gegentheil behauptet freilich
K. Plath, Die Königspfalzen (Berl. Diss. 1892) These 2.
[13] Zeitschr. f. D. Alterth. XXII, 423. XXIII, 280. Manitius S. 476.
Höchst eigenthümlich ist eine andere Dichtung, die vielleicht ebenfalls
noch dem siebenten Jahrhundert angehört, nämlich ein =Lied=, welches
sich auf =Chlothars II Sieg über die Sachsen= i. J. 622 (?) bezog,
wovon uns aber leider nur ein kleines Bruchstück erhalten ist. Es
bestand ebenfalls aus je drei gereimten Zeilen, die aber iambischen
Rhythmus haben und je vier Hebungen enthalten. Der eigentliche Held des
Liedes ist der heilige =Faro=, Bischof von Meaux, welcher die Gesandten
der Sachsen gegen die beabsichtigte Ermordung von Seiten des Königs
beschützt hatte, und ihm zu Ehren wurde nach dem Zeugniß des Biographen
des h. Faro, Bischof Hildegars, der zu Karls des Kahlen Zeit schrieb,
dieses Lied allgemein von Männern und Frauen zum Tanze gesungen[23].
[14] Mab. Acta SS. O. S. B. II, 617. Hildegar war aus dem Kloster St.
Denis. Brosien S. 53 schlägt die Glaubwürdigkeit dieser Vita sehr
gering an. Manitius, S. 474 hält das Lied für Uebersetzung eines
fränkischen.
Ein anderes, noch weit merkwürdigeres Lied glaubte Lenormant entdeckt
zu haben[24], ein =historisches Volkslied= des sechsten Jahrhunderts zur
Feier von =Childeberts I Feldzug gegen Saragossa= i. J. 542. Dieses
sollte nämlich paraphrasiert sein in dem Leben des h. =Droctoveus=,
ersten Abtes von St. Germain-des-Prés, einer Stiftung jenes Childebert,
und sich daraus zum Theil wieder herstellen lassen. In der That
erinnern Ausdrücke darin, wie _torrens pulchritudinis_[25], an jene
alte fränkische Poesie, und es ist nicht unmöglich, daß wirklich die
Spur eines alten Liedes darin zu erkennen ist; im übrigen aber ist die
Erzählung von der angeblichen Erwerbung der Stola des h. Vincenz auf
jenem Feldzuge ganz den „Thaten der Franken“ entnommen, und deshalb
die Herstellung jenes Liedes aus den Worten der Lebensbeschreibung ein
verfehltes Unternehmen.
[15] Bibliothèque de l'École des chartes I, 1, 321.
[16] Vgl. V. Eligii auct. Audoeno I, 14: rex Dagobertus torrens pulcher
et inclytus.
§ 11. Fränkische Heiligenleben.
Außer den bis jetzt erwähnten Geschichtswerken ist uns aus der Zeit
der Merowinger noch eine bedeutende Menge von geschichtlichem Material
erhalten in den Legenden der Heiligen, deren Zahl in diesen Zeiten
außerordentlich groß ist. Die meisten von ihnen sind kirchliche
Würdenträger und dadurch auch in die weltlichen Händel verflochten;
ihre Lebensbeschreibungen würden unschätzbar sein, wenn sie nicht
erstlich zu ausschließlich bloße Lobreden wären, und namentlich
die weltlichen Beziehungen der Heiligen nur ganz oberflächlich
berührten, zweitens auch zum größten Theile in späterer Zeit verfaßt
wären[1]. Auch wo eine wirklich gleichzeitige Aufzeichnung vorhanden
war, besitzen wir doch häufig nur eine spätere Ueberarbeitung; noch
weit häufiger aber hat man das Leben des Heiligen erst später nach
unsicherer Ueberlieferung beschrieben und wenige bekannte Züge zu
einer ausführlichen Geschichte ausgemalt. Natürlich wurden dann
die Vorstellungen der späteren Zeit auf diese schon weit entlegene
Vergangenheit übertragen, und die unkritische Benutzung solcher Quellen
trägt einen großen Theil der Schuld an den falschen Ansichten, welche
bis auf die jüngste Zeit über die Zeit der Merowinger herrschend waren.
[1] Vgl. Brosien, Quellen Dagoberts S. 47 ff.
Der 5. Ausgabe dieses Buches war ein alphabetisches Verzeichniß aller
dieser Legenden mit möglichst vollständigem Nachweis der Litteratur,
von Br. Krusch, beigegeben; schon ein Blick darauf genügt, um zu
zeigen, wie fern die große Mehrzahl unserm Zwecke liegt, während
allerdings für vollständige Durchforschung der Merowingerzeit alle
wenigstens geprüft werden müssen. Auch für die MG. kann nur eine
Auswahl in Betracht kommen, und jede Berührung zeigt, wie viel hier
noch für die Kritik zu thun ist. Br. Krusch hat die von =Venantius
Fortunatus= herrührenden Legenden herausgegeben und die ihm fälschlich
zugeschriebenen damit verbunden; SS. Meroving. II blieb noch Raum für
die Heiligen, welche der königlichen Familie angehören. Derselbe ist
gegenwärtig mit systematischer Durchforschung des übrigen Vorraths
beschäftigt, und bevor die Ergebnisse dieser außerordentlich großen
und mühsamen Arbeit bekannt werden, ist es besser, sich auf die
Hervorhebung einiger der wichtigsten Heiligenleben zu beschränken.
Eine der geschichtlich wichtigsten, die _Vita Vedasti_ († 540)
ist schon oben S. 97 erwähnt; das Leben von Chlodwigs Gemahlin
=Chrothildis=[2] († 548) ist aus den Gestis Francorum geschöpft, kaum
vor dem zehnten Jahrhundert geschrieben und geschichtlich unbrauchbar.
Von =Chlodovald= (Saint Cloud, † c. 550), einem Sohne Chlodomirs, den
seine Großmutter vor dem Schicksal seiner gemordeten Brüder bewahrte
und der dann ein frommer Priester wurde, giebt es eine ganz aus Gregor
geschöpfte Lebensbeschreibung; eine zweite, im zehnten Jahrhundert
in St. Cloud verfaßte[3] ist werthlos. Nicht so inhaltlos, wenn auch
hauptsächlich Wundergeschichten berichtend, ist das von =Fortunat=
beschriebene Leben des Bischofs =Germanus= von Paris[4] († 576). Des
Lebens der h. =Radegunde= († 587) wurde schon oben S. 92 gedacht.
Von der Passio des Bischofs =Desiderius von Vienne= († 608) ist
erst kürzlich die älteste Fassung aus dem siebenten Jahrhundert
bekannt geworden[5]. Durch ziemlich gleichzeitige Entstehung und
noch unverfälschte Ueberlieferung ausgezeichnet ist die erst kürzlich
wieder aufgefundene älteste Lebensbeschreibung des Bischofs =Gaugerich=
von Cambrai († zw. 623 u. 629), welche manche culturgeschichtlich
wichtige Züge und auch geschichtlich brauchbare Nachrichten bietet[6].
=Arnulf= und =Gertrud= werden weiter unten noch zu erwähnen sein. Zu
den geschichtlich wichtigsten gehört wegen der Gleichzeitigkeit und der
hervorragenden Bedeutung des Mannes das Leben des Bischofs =Desiderius=
von Cahors († 654)[7].
[2] SS. Meroving. II, 341-348.
[3] ib. 349-357.
[4] Auctt. antt. IV, 2, 11-27.
[5] Anal. Bolland. IX. fasc. 3.
[6] Analecta Bolland. VII, 387, vgl. Krusch, NA. XVI, 225-234.
[7] Labbe, Bibl. nova I, 699 u. App. vgl. Krusch, Forsch. XXII, 466.
Von ausgezeichnetem Werth sind die Lebensbeschreibungen von drei
Männern, welche in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts
auch politisch bedeutend hervortreten, =Eligius= (St. Eloy, † zw.
659 und 665), zuletzt Bischof von =Noyon=, besonders hervorragend
als kunstreicher Goldschmidt, und deshalb auch Schutzpatron dieser
Künstler[8], =Audoenus= (St. Ouen, † 683), Bischof von =Rouen=,
sein Freund und Biograph[9], =Leodegar= (St. Léger, † 678), Bischof
von =Autun=[10], nur ist der kritische Zustand dieser Werke bis jetzt
noch ein wenig befriedigender. Zu diesen nicht gering zu schätzenden
Leistungen des siebenten Jahrhunderts gehört auch noch das Leben der
=Balthildis=, der Gemahlin Chlodwigs II[11] († c. 680), der Stifterin
von Corbie an der Somme und von Chelles, wo wahrscheinlich diese
Schrift zur Feier ihres Andenkens verfaßt ist. Wie elend dagegen das in
viel späterer Zeit im Kloster Sathonay geschriebene Leben =Dagoberts=
III[12] († 716), den aber der Verfasser für den Zweiten hält,
ausgefallen ist, das möge man in dem Vorwort von Krusch nachlesen.
Es hat nur dadurch eine relative Bedeutung, dass es von Theofrid von
Echternach und von Alberich als Quelle benutzt worden ist. In Betreff
des Lebens der h. =Odilia= († c. 720) ist nur zu warnen vor den als
Fragmente eines angeblich ältesten Lebens veröffentlichten Fragmenten,
welche eine Fälschung Vigniers sind, während die echte Vita doch auch
nicht älter als das zehnte Jahrhundert ist und geringen Werth hat[13].
Von den Lütticher Heiligen Hubert und Lambert wird weiter unten die
Rede sein.
[8] D'Achery Spicil. V, 156. Hall. Diss. v. O. Reich, 1872. Uebers.
im Auszug Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 160-173.
[9] Acta SS. Aug. IV, 805, vgl. NA. XII, 603. Verse zu einem Lobe von
seinem Nachfolger Ansibert NA. XIV, 171.
[10] Ueber das Bruchstück einer gleichzeitigen Vita, die Fälschungen
des Ursinus, die Compilation des Anonymus aus beiden, Krusch,
NA. XVI, 563-596. Die Vita metrica (nicht von Walahfrid) Poet.
Lat. III, 1-37. Uebers. des Anon. Geschichtschr. XI (VII, 2) S.
141-156.
[11] SS. Meroving. II, 475-508. Auszug Geschichtschr. XI (VII, 2) S.
157-159.
[12] ib. S. 509-524.
[13] Vgl. NA. XVII, 223.
Zunächst aber wollen wir uns hier noch einer Betrachtung derjenigen
Legenden zuwenden, welche eine nähere Beziehung auf Deutschland
haben und die erneute Pflanzung des Christenthums auf deutschem Boden
berühren.
Die Franken haben sich damit nicht viel befaßt; es kümmerte sie wenig,
daß so viele ihrer Landsleute noch Heiden waren; im alten Frankenlande
an der Schelde fand noch im siebenten Jahrhundert =Amandus= viel
Heidenthum auszurotten[14]. War doch bei den christlichen Franken
selbst nicht viel mehr als die äußere Form der Rechtgläubigkeit übrig
geblieben; fromme Männer fanden zu Hause Spielraum genug für ihre
Thätigkeit. Die Mission finden wir daher in diesen Jahrhunderten
fast ausschließlich in den Händen =Schottischer=, d. h. nach dem
Sprachgebrauch des früheren Mittelalters =Irländischer= Mönche, welche
damals alle Länder durchzogen. In dieser Insel, welche allein ihre
keltische Bevölkerung ungemischt bewahrt hatte, die allen fremden
Welthändeln ferne lag, war das Christenthum mit dem hingebendsten
Eifer aufgenommen worden, und hier war bald nicht nur die strengste,
mönchische Frömmigkeit, sondern auch eine ernstliche wissenschaftliche
Thätigkeit zu Hause; während im ganzen Abendland die gelehrte Bildung
unterzugehen und zu verschwinden drohte, fand sie hier sorgsame
Pflege[15] freilich nur im Dienste der Kirche. Man schrieb die
heiligen Schriften ab, man lernte, um sie zu verstehen, lateinisch
und griechisch, man beobachtete die Sterne, um die kirchlichen Feste
berechnen zu können, man übte die Musik für den Gottesdienst, baute
Kirchen und Glockenthürme, man schmückte die Bücher der Kirchen mit
kunstreicher Malerei und ihre Altäre mit köstlichen Gefäßen. Doch auch
die profanen Schriftsteller erschienen hier nicht, wie in Italien,
gefährlich; freilich sind die Columban zugeschriebenen Gedichte, worin
die alten Dichter viel benutzt und angeführt werden, von zweifelhafter
Echtheit. Vorzugsweise aber äußerte sich die Frömmigkeit dieser Mönche
in weiten Pilgerfahrten, in dem Verlassen der Heimath, um in entlegener
Fremde als Einsiedler zu leben oder Klöster zu gründen, um unter
Christen und Heiden das Evangelium zu predigen[16]. Das Frankenreich war
erfüllt von ihnen: was gäben wir darum, wenn sie aufgeschrieben hätten,
was sie sahen; wenn sie uns über ihre Thätigkeit und ihre Schicksale
zuverlässige Berichte hinterlassen hätten! Allein das lag ihnen ferne;
sie, die Meister im Schreiben, hatten für geschichtliche Aufzeichnungen
keinen Sinn, und nur wo sie so bedeutend wirkten, daß dauernde
Gründungen ihr Gedächtniß bewahrten, hat ihr Andenken sich erhalten.
Aber in völlig nebelhaften Umrissen würde ihr Bild uns verschwimmen,
wenn nicht glücklicher Weise einer von ihnen, und wohl von allen der
hervorragendste, in Italien einen Biographen gefunden hätte. Das ist
=S. Columban=, der Stifter von Bobio[17].
[14] Ueber ihn und seine Biographen Baudemund und Milo s. Rettberg I,
554. Brosien S. 49.
[15] Eine seltsam sagenhafte Aufzeichnung in einem Leidener Cod. s.
XII läßt die röm. Lehrer vor den Hunnen und andern Barbaren nach
Irland flüchten, mitgeth. v. Luc. Müller, Neue Jahrbb. f. Philol.
XCIII, 389.
[16] Vgl. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen
Manuscripten der schweizerischen Bibliotheken (Mittheilungen der
Antiquarischen Gesellsch. in Zürich VII, 3) 1851. Wattenbach,
die Congregation der Schottenklöster in Deutschland, in der
Archäologischen Zeitschrift von Otte und von Quast, Heft 1 und
2. Hauréau. Écoles d'Irlande, Singularités hist. (1861) p. 1
bis 36. Arbois de Jubainville, Introduction à l'étude de la
litt. Celtique. Die seltsamen Ansichten Ebrards über die Culdeer
in der Zeitschr. f. hist. Theol. XXXII u. XXXIII (Die Irische
Missionskirche 1873. Bonifatius, der Zerstörer des Columbanischen
Kirchenthums auf dem Festlande, 1882) kann ich nur erwähnen, um
davor zu warnen. Hier ist Friedrichs Polemik durchaus zutreffend.
Auch O. Reich bekämpft sie. Jetzt kann verwiesen werden auf Loofs,
Antiquae Britonum Scotorumque ecclesiae quales fuerint mores etc.
Lips. 1882. Keledei, verheirathete Anachoreten, kommen erst im 8.
Jahrh. auf, nach R. Pauli's Anz. von Skene, Celtic Scotland II,
GGA. 1878. S. 1015 ff.
[17] Vgl. Rettberg II, 35. G. Hertel, Ueber des h. Columba (so schrieb
er selbst seinen Namen) Leben u. Schriften, bes. über seine
Klosterregel. Zeitschr. f. hist. Theol. 1875. III, 396-454. Hauck
I, 240-276. _Vita S. Columbani auct. Jona abb. Bobiensi_, Mab.
Actt. II, 5. Im Ausz. übers. von Abel, hinter Fredegar. Daran
schließt sich als zweites Buch die _V. Attalae abb. Bob._ (Mab.
II, 123) und _Eustasii_ (S. 116); die _Vita Burgundofarae_ oder
_Gesta in coenobio Ebroicensi_ (S. 439) und _V. Bertulti abb.
Bob._ (S. 160). Ueber die aus der Vita Eustasii schöpfenden
Biographen des Agilus und der Salaberga s. Büdinger, SB. der
Wiener Akad. XXIII, 372-383. Brosien S. 51. Columbans Schüler,
der Ire Deicolus, stiftete Lutra (Lure oder Saint-Diey), welches
nach gänzlichem Verfall mit Otto's I Hülfe hergestellt wurde durch
Baltram, dem sein Neffe Werdolf folgte (Dümmler Otto I S. 309).
Dieser veranlaßte die Aufzeichnung der _Vita S. Deicoli_, Acta
SS. Jan. II, 199 bis 210. Mab. II, 102-116. Weil Lutra an Waldrada
gekommen war, finden sich darin sagenhafte Nachrichten über Lothar
II. -- _Versus de Bobuleno abbate_, einen alphabetischen Rhythmus
auf Bertulfs Nachfolger in Bobio, nicht gleichzeitig u. ohne viel
Inhalt, hat Dümmler herausgegeben, NA. X, 334.
Nach der Gewohnheit dieser Schottenmönche zog Columban, gebürtig
aus Leinster, gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts[18] mit zwölf
Gefährten aus von dem Kloster Benchuir oder Bangor; staunend und
tief ergriffen lauschte das Volk im Frankenreiche ihrer feurigen
Beredsamkeit, die entartete Geistlichkeit aber scheute die strengen
Bußprediger und fürchtete ihren Einfluß auf die Menge. Die Könige
dagegen nahmen sie willig auf, ihr Eifern gegen die ganz verfallene
Kirchenzucht war ihnen willkommen und auf Childeberts Wunsch ließ
Columban sich mit seinen Begleitern in den Vogesen nieder; zahlreiche
Schüler strömten ihnen zu, und bald erhoben sich Klöster in der
Wildniß, vor allem =Luxeuil=. Es waren dies nicht großartige Gebäude,
wie in der späteren Zeit, sondern wie einst S. Severins Ansiedelungen
Haufen unscheinbarer Hütten, in deren Mitte eine kleine Kirche sich
erhob; neben ihr der runde Thurm, der die Glocken trug, und im unteren
Geschoß, von der Erde nur auf Leitern zugänglich, eine Zuflucht in
Zeiten der Gefahr darbot.
[18] Im J. 590 nach G. Hertel, Anm. z. Gesch. Columba's, Zeitschr.
f. Kirchengesch. III, 145-150. -- Ueber C. Briefe s. Krusch, NA.
X, 84-88; Gundlach ib. XV, 497-526; Seebass ib. XVII, 243-259 u.
Entgegnung v. Gundlach S. 425-429. -- E. Dümmler, NA. X, 190, wo
er das Ruderlied _En silvis caesa_ herausgiebt, vermuthet einen
jüngeren irischen Dichter Columban, spätestens aus der ersten
karoling. Zeit, der mit Horaz und Vergil vertraut war. Manitius,
Gesch. d. christl. lat. Poesie, S. 390 für unsern Columban.
Aber Columbans Feuereifer schonte auch der Könige nicht; keine
menschliche Rücksicht konnte ihn bestimmen, zu dem sittenlosen
Treiben des burgundischen Hofes zu schweigen, und furchtlos trat
er den Ausschweifungen Theuderichs entgegen. Den Bischöfen war er
längst zuwider; schon die bloße Anwesenheit dieser Mönche im Lande
veranlaßte zu Vergleichungen ihres ascetisch strengen Lebens mit
dem lockeren Wandel der merowingischen Prälaten. Die Abweichung der
irischen Kirchengewohnheiten von den gallischen und die Unabhängigkeit
der Klöster von bischöflicher Aufsicht, welche nach irischer Weise
in Anspruch genommen wurde, boten eine Waffe dar; man erklärte sie
für ketzerisch, und so vertrieb denn endlich um 610 Brunhilde, deren
Zorn er verachtet hatte, den Columban sammt seinen Genossen. Ueber
Nantes sollten sie nach Irland geschafft werden, aber ein Sturm
warf sie wieder an die Küste; Chlotar II und Theudebert nahmen sie
ehrfurchtsvoll auf; hier wählte er zu seinem Aufenthalt Bregenz in
Alamannien, wo ungeachtet der Frankenherrschaft und der Bestimmungen
des Volksrechts doch das Heidenthum noch stark war. Drei Jahre lang
blieb Columban zur Bekämpfung desselben in Bregenz. Dann aber verließ
er das Frankenreich gänzlich und wanderte in das Langobardenreich,
wo Theudelinde, die Freundin Gregors des Großen, ihn mit Freuden
aufnahm. Hier stiftete er nun das Kloster Bobio zur Vertilgung der
Reste arianischer Ketzerei, und noch jetzt zeigen die zerstreuten
Handschriften dieses Klosters die alten irischen Schriftzüge und
Erinnerungen an die Heimath wie die _Versiculi familiae Benchuir_[19].
Mit vollem Eifer überließen sie sich hier ihrer Lieblingsneigung zum
Schreiben, die unverständlich gewordenen Ueberbleibsel der gothischen
Litteratur und Fragmente von alten Prachthandschriften der Klassiker
benutzten sie, um auf das reingewaschene Pergament die Werke der
rechtgläubigen Kirchenväter zu schreiben[20]. Sie retteten jene
Pergamentblätter dadurch vom Untergang, und es war auch nicht etwa ein
fanatischer Haß gegen die heidnischen Schriftsteller, welcher sie zur
Vertilgung derselben antrieb. An Handschriften derselben war damals
noch kein Mangel, und sie selber benutzten dergleichen zur Erlernung
der Sprache; finden wir doch unter den Schulbüchern zu Bobio auch den
Ovid.
[19] In dem Antiphonarium monasterii Benchorensis, ed. Muratori,
Anecdota Bibl. Ambros. IV, 121-159 (Verbesserungen von A. Peyron,
Ciceronis Orationum Fragmenta, 1824, Anhang S. 224-226). Vgl.
Manitius S. 482. Bei demselben Antt. III, 817 der wichtige
Catalog der Bob. Bibliothek saec. X. Sacramentarium Gallicanum aus
Bobio in Halbuncialschrift saec. VII, ed. Mabillon, Mus. Ital.
I, 2, 273-397. Von Luxeuil aus ist c. 657 =Corbie= durch die
Königin =Balthilde= gestiftet, daher Notizen von dort im Calend.
Corbeiense, gedr. NA. X, 91.
[20] Möglich, daß Columban selbst noch die arianischen Schriften
sammelte, um sie zu widerlegen, wie Krafft, De fontibus Ulfilae
Arianismi p. 18-20 annimmt, weil alle gothischen Reste von da
stammen. Ob man sie aber damals noch verstand? Nicht lange nachher
begann man sicher zu rescribiren. Ebrard in der Zeitschr. f. hist.
Theol. XXXII, 403 giebt die merkwürdige Inschrift des Cod. Erlang.
von Hieron. de viris ill. (mit dem üblichen Lesefehler _quum_ st.
_quoniam_), wonach es scheint, als sei unser Text durch Columban
aus einer beschädigten Handschrift auszugsweise hergestellt.
Am 21. November, wahrscheinlich im J. 615, ist Columban gestorben.
Drei Jahre nach seinem Tode kam =Jonas= aus Susa in das Kloster Bobio.
Dieser beschrieb zuerst, noch auf Veranlassung des Abtes Bertulf, das
Leben des Columban, welchem er das Leben seiner Schüler =Eustasius= und
=Attala=, die ebenfalls als Missionare von Luxeuil ausgingen, folgen
ließ; dann des =Bertulf=, Abtes von Bobio, und der =Burgundofara=,
welche Columban zur Nonne geweiht hatte. Jonas verräth seine italische
Herkunft und den Unterricht der Grammatiker durch seine unerträglich
schwülstige Schreibart, aber er hat uns außerordentlich schätzbare
Nachrichten aufbewahrt. Auf den Wunsch der Königin Balthilde ist er,
der inzwischen irgendwo Abt geworden war, auch nach Chalon-sur-Saone
gekommen, und hat im Nov. 659 im Reomaenser Kloster auf Verlangen des
Abts das Leben des 540 gestorbenen Gründers des Klosters =Johannes=
beschrieben[21].
[21] _Vita S. Johannis Reomensis._ Nach Fr. Stöber, Wiener SB. CIX,
319-398 ist es die unvollständig erhaltene des cod. Fossatensis,
die anderen Versionen jüngere Bearbeitungen. Das. S. 330 (gegen
A. Jahn) der Nachweis, dass die _V. Romani abb. Jur._ keine
Fälschung, sondern echt und alt ist.
Einer von jenen ursprünglichen zwölf Gefährten, die mit Columban von
Bangor auszogen, war =Gallus=, in älterer Form Callo, Gallunus, der in
Alamannien zurückblieb, als sein Meister über die Alpen zog, und zuerst
die Bekämpfung des Heidenthums am Bodensee fortsetzte, später aber als
Einsiedler in das wildeste Gebirge sich zurückzog, wo er um die Mitte
des siebenten Jahrhunderts gestorben ist. Als dann nach seinem Tode
das Grab des Heiligen immer häufiger von irischen Pilgern aufgesucht
wurde und immer mehrere von ihnen, sowie auch von den Alamannen, sich
hier niederließen, erwuchs aus dem unscheinbarsten Anfang das Kloster
St. Gallen, und so wie die kleine Zelle des Gottesmannes der Kern und
Anfang dieser reichen Stiftung ist, so schloß sich in gleicher Weise
an die Lebensbeschreibung des Stifters[22] die später so bedeutende
Litteratur von St. Gallen. In ihrer ursprünglichen Form ist uns diese
aber nicht erhalten; sie war nach einer alten Aufzeichnung _a Scotis
semilatinis corruptius scripta_, und enthielt nach Walahfrids Zeugniß
häufig die Form _Altimannia_, welche in der uns erhaltenen ältesten
nicht vorkommt[23]. Der Verfasser dieser Biographie war ein Alamanne,
welcher die alte barbarisch geschriebene überarbeitet hat; sein Name
ist uns aber erst jetzt bekannt geworden[24], indem Fr. Bücheler
in dem unglaublich barbarischen metrischen Prolog das Acrostichon
erkannte: _Cozberto patri Wettinus verba salutis_. =Wetti= also ist
es, der 824 nach seiner bekannten Vision gestorben ist, und dem Abt
Gozbert (816-837) sein Werk widmete. Es ist daher noch bedeutend
jünger als man früher annahm, wenn man auch schon erkannt hatte, daß
es erst nach 771 geschrieben war. Mancher merkwürdige, namentlich
culturgeschichtlich bedeutende Zug ist darin aufbewahrt, aber erst fast
zwei Jahrhunderte nach dem Tode ihres Helden geschrieben, darf diese
Biographie, wenn auch eine alte Grundlage vorhanden war, doch nur mit
Vorsicht benutzt werden. Vorzüglich auf die Wunder, überhaupt aber auf
Verherrlichung des Stifters ist das Bestreben des Verfassers gerichtet;
im Anfang benutzt er das Leben Columbans, später nur die Tradition
nicht ohne erhebliche chronologische Verstöße. Seine Sprache zeigt
gegen die frühere Zeit einen erheblichen Fortschritt, doch ist sie
für karolingische Zeit recht roh und fehlerhaft; hin und wieder fällt
rhythmischer Klang mit Reimen auf.
[22] MG. SS. II, 1-21 von Ild. v. Arx nach der von ihm wieder
aufgefundenen Handschrift zuerst herausgegeben. Daraus Acta SS.
Oct. VII, 860. Vgl. Stälins Wirt. Gesch. II, 167, Rettberg II, 40.
Uebersetzung von Potthast, Geschichtschr. 12 (VIII, 1) 1888. Neue
Ausg. von G. Meyer v. Knonau, in den Mitth. z. vaterl. Gesch. (S.
Gallen 1870) XII, 1-61. Nach einem älteren Irrthum von Arx ist S.
16 die Feldflasche _ascopa_ mit der Reliquiencapsel verwechselt.
Der metr. Prolog bei Dümmler, Poet. Carol. II, 476, cf. 701.
[23] S. Weidmann, Gesch. d. Stiftsbibl. S. 485. Gust. Scherer,
Verzeichniß der Handschriften S. 172-175.
[24] Schon Jodocus Metzler vermuthete ihn, doch ohne einen Beweis dafür
zu geben; vgl. auch Mab. Anal. IV, 640.
Von Columbans Stiftung Luxeuil ging auch das Kloster =Granval= im
Baseler Sprengel aus, und das Leben des ersten Abtes =Germanus=[25],
der um die Mitte des siebenten Jahrhunderts erschlagen ist, wurde bald
nachher von =Bobolen= beschrieben.
[25] Mabillon, Acta SS. II, 511 aus Acta SS. Feb. III, 263.
Noch andere Klöster Alamanniens und des Elsasses führten ihren
Ursprung auf irische Mönche zurück und haben es auch nicht an
Lebensbeschreibungen ihrer Stifter fehlen lassen, die aber erst später
entstanden und völlig unbrauchbar sind. Merkwürdig ist, daß man in
späterer Zeit in diesen Gegenden so gewohnt war, die Begründer der
Klöster aus der merowingischen Zeit als Schotten zu betrachten, daß man
sie in den Legenden unbedenklich dafür ausgab, wenn auch gar kein Grund
dazu vorhanden war; auch Franken, wie =Arbogast=[26], =Trudpert= und
=Landelin=[27], erscheinen da als Schotten, und sogar S. =Rupert=, der
Apostel der Baiern, wird ihnen zugezählt.
[26] Mit Arbogast, Theodat und Hildulf soll =Florentius= zu Dagoberts
Zeit aus Irland gekommen und Bischof von Straßburg geworden sein,
das Kloster Haslach gegründet haben. Die Namen sind nichts weniger
als irisch, die Legende, deren Wunder von anderen bekannten copirt
sind, sehr jung und völlig unbrauchbar. Neue Ausgabe der Vita
Florentii bei Ch. Schmidt, Histoire du Chapitre de Saint-Thomas
de Strasbourg (1860), p. 283. Vgl. Rettberg II, 65. -- Ueber das
ganz unbrauchbare Leben Trudperts s. Anm. 2 auf S. 122.
[27] Ich rechnete hierhin früher auch =Fridolin=, glaube aber jetzt,
daß dies ein fränkisch umgemodelter Schottenname ist, da es von
Columban Verse an einen =Fedolius= giebt, und auch Petrus Damiani
Opp. II, 9 den =Fredelinus= in Poitiers als Schotten bezeichnet.
Die Legende (Mone, Quellens. I, 1-16, alte Uebers. 99-111) aber
gewinnt dadurch wenig, sie soll von =Balther=, einem Seckinger
Mönch in einem unfindbaren Kloster Helera ad Musellam, auch
einer Stiftung Fridolins zu Ehren des h. Hilarius, entdeckt und
wegen Mangels an Pergament und Dinte auswendig gelernt, dann in
Seckingen aufgeschrieben und mit einem zweiten Theil aus localer
Tradition versehen sein. Ich kann darin nur eine Erfindung sehen,
wie sie ähnlich auch sonst zur Einführung erdichteter Legenden
vorkommen, und halte auch Balthers Namen und die Widmung an einen
Notker für Fiction. Vgl. Rettberg II, 29. Stälin I, 166. -- Von
den Versuchen, die Legende ganz oder theilweise zu retten, erwähne
ich Lütolf: Die Glaubensboten der Schweiz vor Gallus (Luc. 1871),
S. 267 ff. Die Erwähnung einer =Vita Fredelini= in Poitiers bei
Petrus Dam. Opp. II, 9, worauf hier Gewicht gelegt wird, ist
merkwürdig; aber was von diesem gesagt wird, stimmt wenig zu
unserer Legende. Seine Existenz und Herkunft sind allerdings jetzt
besser festgestellt. Gegen G. Heer, der einen hist. Kern retten
will (NA. XIV, 627), G. Meyer v. Knonau im Anz. f. Schw. Gesch.
1889, S. 377.
Freilich sind in =Baiern= ebenfalls Schotten thätig gewesen, obwohl
hier die namhaftesten Missionare Franken waren. Die Kirchengründungen
aber entstanden nach irischer Weise in der Form von Klöstern, deren
Aebte auch zugleich das bischöfliche Amt verwalteten. So war es in
Salzburg, Regensburg und Freising, und die Rivalität zwischen den
Bischöfen und den Klöstern von St. Emmeram und St. Peter zieht sich
fort bis in die neueste Zeit.
Es ist kaum glaublich, daß nicht im Laufe des siebenten Jahrhunderts
einzelne Missionare, Franken und Iren, in Baiern sollten thätig
gewesen sein; das Christenthum war äußerlich durch die Frankenkönige
eingeführt, aber wenig ins Volk eingedrungen und nach der Lockerung des
staatlichen Bandes völlig verfallen, die Herzogsfamilie selbst, heißt
es, ungetauft[28]. Da berief der Herzog Theodo i. J. 696 den Bischof
=Rupert= von Worms zu sich, um das kirchliche Wesen einzurichten[29].
Er wurde der Begründer des nun fest und bleibend gepflanzten
Christenthums in Baiern, der Stifter von St. Peter in Salzburg, von wo
sein Nachfolger =Virgil= (743 als Abt, als Bischof 767 bis 784), ein
Irländer, das Evangelium auch zu den karantanischen Slaven trug[30].
[28] Vgl. S. Riezler: Ueber die Entstehungszeit der Lex Bajuwariorum,
Forsch. XVI, 409-446.
[29] Vgl. die Abhandlung von Blumberger: Ueber die Frage vom Zeitalter
des heiligen Rupert, im Archiv der W. Ak. X, 329-368. Gegen die
immer wiederholten Bemühungen, Rupert dem 6. Jahrh. zuzuweisen,
habe ich mich in den Heidelb. Jahrbb. 1870 S. 24 ausgesprochen;
mir zustimmend Riezler a. a. O. S. 418; auch Zillner, Streifzüge,
in den Mitth. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde 1878. Vgl. auch Hauck
I, 337-342.
[30] Die Nachricht aus irl. Annalen von einem Fergil oder Feirgil,
genannt der Geometer, der Abt von Aghaboe gewesen war, und im
30. Jahre seiner Bischofswürde in Deutschland 789 gestorben, ist
ungenau. Zimmer, NA. XVII, 211.
Auch ein fränkischer Bischof, =Emmeram= von Poitiers, verließ,
vermuthlich im Anfang des achten Jahrhunderts, seine Heimath, um
auf diesem Felde zu wirken, und sein Grab wurde der Grundstein der
Regensburger Kirche; =Corbinian=, ebenfalls ein Franke, legte den Grund
zu der Freisinger Kirche.
Unsere Nachrichten über diese Begebenheiten sind aber leider sehr
unzulänglich; für den zuverlässigsten galt der kurze Bericht über S.
Rupert, welcher den Eingang der Schrift über die Bekehrung der Baiern
bildet, ihm schienen alte Aufzeichnungen zu Grunde zu liegen[31]. Und
diese, nämlich die ursprüngliche Form der Vita, glaubte Franz Martin
Mayer in einer Grazer Hs. gefunden zu haben, worin freilich von Sprache
und Stil des 8. Jahrh. nichts zu spüren ist[32]. Hiergegen aber hat sich
J. Friedrich erhoben[33], und aus alten Salzburger liturgischen Büchern
nachgewiesen, daß man noch lange im 9. Jahrh. kein Leben Ruperts besaß
und daß man den 24. Sept. als seinen Todestag feierte[34]. Nur durch ein
Mißverständniß hielt man später den Sonntag, an welchem er gestorben,
für den Auferstehungstag. Die Grazer Vita erklärt Friedrich für die
aus der Conversio entnommenen Lectionen, beiden aber spricht er allen
historischen Werth ab, worin er denn doch wohl etwas zu weit gehen
möchte. Denn so frei man auch in der Ausschmückung, ja Erfindung von
Legenden verfuhr, man machte doch nicht leicht seinen Heiligen zum
Bischof von Worms und setzte seine Ankunft in ein bestimmtes Jahr eines
ganz verschollenen Königs, wenn dafür nicht Notizen vorlagen.
[31] MG. SS. XI, 4. 5. Doch konnte ich dem von Büdinger Oest. Gesch.
I, 101 geltend gemachten Grunde für die Abfassung des ersten
Theils unter Virgil nicht beistimmen. Auch hat Blumberger: Ueber
die Frage, ob der heilige Rupert das Apostelamt in Baiern bis an
sein Lebensende geführt habe, im Archiv der Wiener Akademie XVI,
225-238, mich nicht von Ruperts Rückkehr nach Worms überzeugt, da
es mir unglaublich ist, daß die Translation der Gebeine vergessen
oder unerwähnt geblieben sein könnte. Andere Gründe dagegen bei
Al. Huber: Das Grab des h. Rupert, Arch. d. W. A. XL, 275-321.
-- Unbrauchbar ist das nach der Elevation von 816 geschriebene
=Leben Trudperts=, den man wohl nur wegen der Aehnlichkeit des
Namens zu einem Bruder Ruperts machte, bei Mone, Quellens. I, 19.
Vgl. Stälin I, 167. Rettberg II, 48. Potthast S. 913. Facs. aus
den Actis bei Herrgott, Geneal. I, p. XVIII.
[32] Die Vita S. Hrodberti in älterer Gestalt. Arch. d. W. Ak. LXIII,
595 bis 608. Hauck II, 380 für Veranlassung dieser Vita durch
Virgil.
[33] Münch. SB. 1883. S. 509-547.
[34] So auch in dem aus Regensburg stammenden Veroneser Sacramentar
(Saltisburgo). Delisle, Sacram. p. 194.
Die Legenden von Emmeram[35] und Corbinian[36] sind zuerst vom Bischof
=Aribo von Freising=[37] (764-783), letztere auf Ansuchen des Bischofs
Virgil von Salzburg, nach der mündlichen Ueberlieferung verfaßt und
von sehr geringem Werthe. Ein anstößiger Umstand darin ist die Reise
der beiden Missionare nach Rom; denn erst die Angelsachsen hielten es
für nothwendig, sich von dort die Vollmacht zur Missionsthätigkeit zu
holen, während vorher den Franken wie den Iren ein solcher Gedanke ganz
fern lag, ja selbst Bonifaz noch zu seiner ersten Mission unter den
Friesen eine solche Vollmacht nicht eingeholt hat. Später aber galt
diese Erlaubniß für so unerläßlich, daß die Legendenschreiber sie auch
für die ältere Zeit ganz unbedenklich als selbstverständlich annahmen.
Sie erzählen daher eine solche Reise als Thatsache, und nennen den
Pabst, der nach ihrer Berechnung der Zeitverhältnisse damals regiert
hatte. Die neueren Gelehrten haben dann wieder umgekehrt nach dem Namen
des Pabstes die Zeit des Heiligen bestimmt und dadurch die Verwirrung
vollständig gemacht; ein Fehler, von dem auch Rettberg nicht frei ist.
Daß die Sache sich aber wirklich so verhielt, zeigt sich deutlich
an den Legenden, die in ihrer älteren noch erhaltenen Form nichts
von einer solchen Reise nach Rom wissen, während sie in den späteren
Bearbeitungen eingeschoben ist. Das ist der Fall bei dem heiligen
Patricius, bei S. Rupert; auch Gregor von Tours läßt sein späterer
Biograph nach Rom reisen.
[35] Acta SS. Sept. VI, 474. Vgl. Rettberg II, 189. Hauck I, 342.
Nach Hugo Graf Walderdorff, Regensburg (3. Aufl.) S. 137, ist
die ursprüngliche Form _Heimraban_, in einem Kalend. saec. VIII.
_Emhram_. Vgl. Riezler, Forsch. XVIII, 528, über den Ort seines
Todes. Neue Ausg. v. B. Sepp, Anal. Bolland. VIII, 211-240 u. Sep.
Ausg. 1890. Nach Riezler muss es eine Ueberarbeitung sein.
[36] Meichelbeck Hist. Fris. I, 2 p. 3. Acta SS. Sept. III, 281. Vgl.
Rettberg II, 213, Hauck I, 345, und über beide M. Büdinger, Zur
Kritik altbaier. Geschichte, Wiener SB. XXIII. Darin wird auch
die früher herrschende Ansicht von der Anwesenheit des Eustasius
und Agilus in Baiern bekämpft, welche jetzt G. Waitz, Gött. Nachr.
1869 S. 136, Friedrich, Münch. SB. 1874, I, 358, Riezler, Forsch.
XVI, 417, wieder in Schutz nehmen. Büd. Oest. Gesch. I, 85, 94,
und über Aribo S. 141. Aelteste Form der V. Corbiniani im Cod.
Mus. Brit. 11880, her. von Riezler, Abh. d. Münch. Akad. III.
Cl. XVIII, 1 (1888). Die Bearbeitung ist nach ihm wahrscheinlich
von =Hrotrohc=, einem Mönch von Tegernsee, dem eine V. Corb.
zugeschrieben wird, saec. IX. X. Vgl. auch Dr. David Schönherr:
Ueber die Lage der angeblich verschütteten Römerstadt Maja,
Innsbr. 1873. Corpus Inscr. Lat. III, 707. V, 543.
[37] Er nennt sich auch =Cyrinus= nach der Deutung des Namen _Cyrus_
als _haeres_ bei Hieronymus de nominibus Hebraeorum.
Denselben Umstand finden wir auch im Leben des heiligen =Kilian=[38],
des ersten bekannten Missionars unter den Ostfranken. Auch er war
gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts mit mehreren Begleitern aus
Irland gekommen, und seine Wirksamkeit ist bezeugt durch die hohe
Verehrung seines Namens; wie an S. Gallus Grabe, so scheinen sich
auch in Würzburg seine Landsleute zahlreich eingefunden zu haben, und
noch jetzt finden wir ihre Spuren in den irischen Schriftzügen der
dortigen Handschriften. Die Lebensbeschreibung aber ist erst im zehnten
Jahrhundert verfaßt und fast ganz werthlos.
[38] Canis III, 1, 180. Mab. II, 991. Acta SS. Jul. II, 612. Vgl.
Stälin I, 167. Rettberg II, 303. Das älteste Zeugniß für
Kilians Martyrium ist im Necrolog. Wirzib. s. IX. bei Eckhardt,
Comm. de or. Francia I, 831. Dümmler, Forsch. VI, 116. 118.
Piper, Karls d. Gr. Kalend. S. 26. Ueber die in Kilians Grab
gefundene Bibel in Uncialschrift Eckhardt Franc. Or. I, 451,
Schepss, Die ältesten Evangelienhss. der Univ.-Bibl. (1887) S.
6. Facsim. bei Zangemeister u. Wattenbach, Exempla tab. LVIII.
Irische Handschriften in Würzburg: Archiv VII, 106; Catalogue of
Manuscripts in the British Museum, New Series I. 1843 fol. Tab.
1, 3; Zeuß, Grammatica Celtica, p. XX.
Diese irischen und fränkischen Missionare bereiteten den Boden vor
für die Angelsachsen, mit deren Auftreten ihr Stern erlischt. Ihre
Pflanzungen waren zu vereinzelt, um sich erhalten zu können, es fehlte
ihnen die feste Organisation, durch welche jene so stark waren, und die
vereinzelten Mönche konnten sich von Entartung und Verwilderung nicht
freihalten. Ihre Eigenthümlichkeiten in Lehre und Gebräuchen brachten
sie bald in Streit mit den Angelsachsen, und es ist ferner nicht mehr
die Rede von ihnen. Nur als Pilger erscheinen sie noch, geschätzt wegen
ihrer strengen Entsagung, wegen ihrer Fertigkeit im Schreiben, und
häufig auch noch wegen ihrer Gelehrsamkeit; aber als Missionare finden
wir sie nur zur Zeit der Merowinger genannt.
Geschichtliche Nachrichten aus dieser Zeit haben sie selbst uns
durchaus nicht überliefert; man sollte meinen, daß ihnen der Sinn
für historische Aufzeichnung der Begebenheiten gänzlich fehlte. In
der Heimath aber verfaßten sie doch Jahrbücher, deren Anfänge sehr
alten Zeiten zugeschrieben werden, und sie mögen wohl nicht ganz ohne
Einfluss auf die Entstehung der jetzt im Frankenreiche aufkommenden
Klosterannalen gewesen sein, da wir an der Spitze derselben hin
und wieder irische Namen finden, doch ist eine irgend erhebliche
Betheiligung von Schottenmönchen an den weiteren Aufzeichnungen
nicht nachweisbar. Andere Annalen gehen auf Lindisfarne zurück, eine
britische Stiftung in England; aber diese sind nicht unmittelbar,
sondern über Canterbury ins Frankenreich gekommen, wie denn überhaupt
diese Annalen von den Angelsachsen, nicht von den Irländern ihren
Anfang nehmen.
Die Schotten stehen in der genauesten Beziehung zu der alten
fränkischen Kirche, und gehören mit dieser wesentlich der
merowingischen Periode an; sie haben manche Keime gelegt und anregend
gewirkt, aber eine neue frische Entwickelung war im merowingischen
Reiche und auf dem alten Boden nicht mehr möglich; schon in den letzten
Zeiten der Merowinger knüpft sich alles wirklich lebensfähige an das
neue Geschlecht der Arnulfinger, und wir beginnen deshalb mit seinem
Auftreten einen neuen Zeitraum.