7. Die oben erwähnte =Weltchronik= bis 334, verbunden mit einer
=Stadtchronik= von Rom und der =Regionenbeschreibung=[8].
[5] Abhandlungen der Kgl. Sächs. Ges. der Wissenschaften in Leipzig.
I. 1850. S. 547-668. Neue Ausg. des Textes Auctt. antt. IX,
13-196. Ein mit jener Arbeit verwandter, von Pallmann zuerst
herausgegebener, ganz kurzer Abriß der Weltgeschichte bis 452
Auctt. antt. IX, 149-153. Vgl. auch C. Frick im Rh. Mus. f.
Philol. XLVI, 106 ff.
[6] Ausg. v. Mommsen, CIL. I, 332-360.
[7] Nach De Rossi, La Roma sotterranea I, 116 eigentlich ein
Festkalender, _feriale_, und deshalb nicht vollständig.
[8] S. darüber und über die im 12. Jahrh. daraus erwachsenen
_Mirabilia Romae_, H. Jordan, Topographie der Stadt Rom im
Alterthum II, 1871. Dess. Forma urbis Romae regionum XIII. 1875.
In diesen Stücken läßt sich mehr als ein Keim erkennen, der später
zu weiterer Entwickelung gelangt ist. Während aus dem letzten Theile
jene so zahlreichen, immer neu aufgelegten Beschreibungen von Rom
entstanden, hauptsächlich zum Wegweiser für die Pilger bestimmt,
forderten die =Consularfasten=, sowie die Ostertafeln von selbst
dazu auf, bedeutende Begebenheiten bei den betreffenden Namen
und Zahlen einzutragen, wie es z. B. Cassiodor gethan hat, und in
vollständigerer Weise Prosper. Ein solches Werk ist auch den späteren
Exemplaren jenes Kalenders eingefügt; Fasten, die anfangs nur sehr
vereinzelte Bemerkungen enthalten, für das fünfte Jahrhundert aber
reichhaltiger, und wegen der genauen chronologischen Bezeichnung
wichtig werden, ohne Zweifel, abgesehen von dem früheren Theil, in
=Ravenna= geschrieben[9]. Und zwar haben sie einen durchaus officiellen
Charakter; es sind bedeutende Vorfälle in Betreff der kaiserlichen
Familie, mit denen sie sich beschäftigen, dazu wichtige staatliche
Begebenheiten und Naturerscheinungen, mit ausschließlicher Beschränkung
auf Italien. Mit den Consullisten wurden sie von Zeit zu Zeit neu
ausgegeben. Durch sehr sorgfältige und eingehende Untersuchungen von
Pallmann, Waitz, G. Kaufmann, Holder-Egger ist die Benutzung dieser
Annalen bei immer zahlreicheren Schriftstellern nachgewiesen, so daß
=Holder-Egger= sogar den Versuch machen konnte, dieselben von 379 bis
572 wieder herzustellen. Seine Untersuchung ist so erschöpfend, daß
ich mich darauf beschränken kann, auf dieselbe zu verweisen[10]. Nach
dem Ergebniß derselben (S. 344) sind diese Fasti consulares für uns
für volle zwei Jahrhunderte in chronologischer Beziehung eine Quelle
vom höchsten Werthe. „Sie haben ganz außerordentliche Verbreitung
gefunden: fast alle weströmischen und ein oströmischer[11] Chronist des
fünften und sechsten Jahrhunderts haben sie benutzt, sie theilweise
zur chronologischen Grundlage ihrer Werke gemacht. Zuletzt sind sie
noch im neunten Jahrhundert von Theophanes, Agnellus und einem Mönch
von St. Gallen benutzt. Sie müssen mehrmals redigiert und jedes Mal
mit neuer Fortsetzung herausgegeben sein. Die erste Redaction fällt
vor das Jahr 445, in welchem Prosper sie bereits für die erste Ausgabe
seiner Chronik benutzt hat; dieselbe Redaction wird auch dem Chronicon
imperiale vorgelegen haben. Eine zweite schloß, wie wir mit ziemlicher
Sicherheit sagen können, mit dem Jahre 493; sie ist von Cassiodor
und Marcellin benutzt. Die meisten Chronisten schöpften aus einer
Vorlage, welche über dieses Jahr noch hinausreichte, so der Anonymus
Valesianus[12], Marius, der langobardische Chronist (Cont. Prosperi
Havniensis), wahrscheinlich auch der Verfasser der Continuatio und des
Auctarium Prosperi[13] in der vaticanischen Handschrift ... Wie weit
deren Exemplare reichten, läßt sich nicht bestimmen; doch ist einiger
Grund zu der Annahme vorhanden, daß im Jahre 526 eine neue Redaction
abgeschlossen ist. Wahrscheinlich ist dann noch eine neue Fortsetzung
etwa bis zum Jahre 572 in Ravenna hinzugefügt; diese letztere hätte
dann Agnellus, möglicher Weise auch der Mönch von St. Gallen[14]
benutzt.“
[9] Früher als _Anonymus_ oder _Chronicon Cuspiniani_ bekannt, zuletzt
gedr. bei Mommsen a. a. O. S. 656-668, Auctt. antt. IX, 263 ff.
als _Fasti Vindobonenses_, mit d. Anon. Vales. u. a. herausgegeben
als _Consularia Italica_.
[10] Die Ravennater Annalen, NA. I, 215-368. Eine Berichtigung von
Usener in dem Anecdoton Holderi, 1878. Benutzung bei Beda nach L.
Schmidt, NA. IX, 197, verworfen v. Mommsen a. a. O. S. 253.
[11] =Marcellinus Comes=, s. über diesen Holder-Egger, NA. II, 49
bis 109. Sein Werk reicht im Anschluß an Hieronymus von 379 bis
518 und ist von ihm selbst bis 534, weiter bis 548 fortgesetzt.
Die weitere Forts. 549-566 in den Ausgaben ist aus Herm. Contr.
entlehnt, wie Waitz, Gött. Nachr. 1857 S. 38 nachgewiesen hat.
Jordanis hat nach Mommsen, Praef. Jord. p. XXIX. XXXIX, das Werk
in ausführlicherer Fassung oder (auch schon Cassiodor) die darin
excerpirte Grundlage benutzt.
[12] =Anonymus Valesianus=, zuerst von H. Valois mit Ammianus
Marcellinus herausgegebene Hauptquelle für Odovacar und
Theodorich. Neue Ausgabe mit Benutzung der wiedergefundenen
Hs. hinter Amm. Marc. ed. V. Gardthausen, Lips. 1875; Mommsen
a. a. O. S. 314 ff. Uebers. v. D. Coste bei Procops Gothenkrieg.
Vgl. C. Frick über d. cod. Pal. 927 in d. Comm. Wölfflin. (N.
A. XVI, 642). Nach Holder-Egger im NA. I, 316-324 schrieb er in
Ravenna und benutzte die verlorene Chronik des Bischofs Maximian
(546-556); SS. Langob. p. 273 stimmt H. E. der Ansicht bei, der
Anon. sei ein Fragment der Chronik Maximians.
[13] Nach Br. Krusch in NA. IX, 103 nur eine Copie des Ostercyclus des
Victurius mit einigen hist. Zusätzen; die doppelten Osterdaten
hat Holder-Egger irrthümlich f. hist. Daten gehalten.
[14] _Excerptum ex Chronica Horosii_, mit gleichzeitiger Notiz über das
Erdbeben vom April 849, gedr. e. cod. S. Galli 878 von De Rossi,
Bullettino di Archeologia crist. 1867 S. 17-23. Wiederholt von G.
Kaufmann, Die Ravenn. Fasten, S. 484. Auctt. antt. IX, 264.
Leicht möglich ist es, daß Holder-Egger in seinen Folgerungen zu weit
gegangen ist. G. Kaufmann hat dieselben angegriffen[15]; er bestreitet
die Ableitung mancher Nachrichten aus dieser Quelle, beschränkt die
Ravennater Fasten auf die Zeit von 455 bis 493, und bestreitet ihren
amtlichen Charakter. Das Gewicht seiner Gründe ist nicht zu verkennen;
ohne Zweifel hat es damals noch vielerlei Aufzeichnungen gegeben,
welche sich meistens an Consullisten angeschlossen haben werden. Doch
von allen unterscheiden sich die Ravennater durch ihre knappe Auswahl
und Fassung, und durch die genauen Tagesdaten[16].
[15] Die Fasten von Constantinopel u. Ravenna, Philologus XLII, 471
bis 510.
[16] Mommsen, Praef. Jord. p. XXXIX sagt von den 'Consularia
Ravennatia': 'tota imbuta spiritu regni Theodericiani, sive ea
publico consilio edita sunt, sive, quod prudentiores praeferent,
a laudatore aliquo status praesentis'. Auch in der neuen Ausg.
verhält er sich dagegen ablehnend.
Auch von einer zweiten Consulliste mit stadtrömischen Nachrichten
lassen sich Spuren nachweisen. Ein Exemplar der ravennatischen aber
bis etwa 456 ist nach Holder-Eggers Vermuthung nach =Arles= gekommen,
dort überarbeitet, mit gallischen Nachrichten verbunden und fortgesetzt
worden. Diese so neu entstandenen Annalen sind von Gregor von Tours und
dem sogenannten Severus Sulpitius[17] benutzt.
[17] Holder-Egger: Ueber die Weltchronik des sog. =Severus Sulpitius=
und südgallische Annalen des 5. Jahrhunderts. Gött. 1875. Neue
Ausg. v. Mommsen, Auctt. antt. IX, p. 98 ss. als „Chronica ad
annum 511“.
Die ursprünglich in Italien zusammengestellten und fortgesetzten
Fasten kamen unter Constantin auch nach Constantinopel und wurden hier
fortgeführt; ein Exemplar, welches bis zum Tode Theodosius I. reichte,
kam nach Spanien und ist uns, jedoch nur im Auszuge, von =Hydatius=
mit seiner Fortsetzung und in engster Verbindung mit seiner Chronik
bis 468 erhalten. Reichlichere Auszüge aus dem ursprünglichen und in
Constantinopel fortgeführten Werk sind im Chronicon paschale bis 630
enthalten. Aus beiden hat Mommsen die _Consularia Constantinopolitana_
(bis 468) zusammengestellt[18].
[18] MG. Auctt. antt. XIX, 197-247.
In gleicher Weise, wie diese Consultafeln zu einem chronologischen
Anhalt für geschichtliche Notizen dienten, benutzte man auch die
Folge der Kaiser, indem man entweder nur mit jedem Namen kurze
Bemerkungen verband, oder auch die Regierungsjahre der Kaiser
einzeln unterschied[19]. Weit zweckmäßiger für kurze annalistische
Aufzeichnungen waren aber nach dem Aufhören der Consularfasten die
=Ostertafeln=, welche sich ebenfalls in jenem Kalender fanden und auch
ohne denselben bald in jeder bedeutenderen Kirche vorhanden waren. Im
Abendlande fand nach manchen Versuchen, unter denen die Ostertafel
des Aquitaniers Victurius eine gewisse Rolle spielt, besonders der
von Dionysius Exiguus angenommene Kanon des Alexandrinischen Bischofs
Cyrillus eine große Verbreitung, welche noch zunahm, als Beda die
Tafeln desselben über die Cyklen von 1-532 und von da bis 1063 in sein
Werk _De ratione temporum_ aufnahm[20].
[19] S. hierüber Bethmann im Archiv X, 387 und über die Ostertafeln
S. 279; vgl. V, 102 und Piper, Karls des Großen Kalendarium und
Ostertafeln, Berlin 1858, S. 100 ff. -- Die Echtheit der Briefe
von Victurius und Pabst Hilarus vor dem Canon paschalis hat Br.
Krusch erwiesen, NA. IV. 169-172.
[20] S. darüber Br. Krusch: Die Einführung des griech. Paschalritus
im Abendlande, NA. IX, 169-172, vgl. 658. -- Consulliste des
Victurius mit Forts. ib. S. 269-281.
Doch hat es längere Zeit gedauert, bis man von der einmal
herkömmlichen Rechnung nach Consulaten und Jahren der Kaiser abging;
in England zuerst, wo man außerhalb des römischen Herkommens stand,
sind Ostertafeln zu diesem Zweck benutzt, und von dort durch die
Vermittelung der irischen und englischen Missionare nach Gallien und
Deutschland gekommen[21].
[21] Es kann ja auch einmal in Italien geschehen sein, vgl. NA. I,
283, aber die hier früher nach Bethmann im Arch. X, 820 angeführte
Handschrift aus Sant Andrea della Valle enthält keine Annalen. Es
ist Christ. 2077, gedr. Roncall. I, 721; vgl. Mommsen im Hermes I,
130 u. das Facs. bei Zangemeister u. Wattenbach, Exempla codicum
Latinorum Tab. IV. NA. I, 29.
Schon 354 hatte auch der römische Staatskalender ein =Verzeichniß
der römischen Päbste= aufgenommen, welches seiner Anlage nach um 230
entstanden ist. Dieses wurde in der Folge nicht allein immer weiter
fortgesetzt, sondern auch durch allerlei Zusätze vermehrt. Man fügte
die Amtsdauer der Päbste hinzu, ihre Bauten und andere Verdienste
um die kirchliche Verwaltung, die von ihnen vorgenommenen Weihen,
endlich auch geschichtliche Vorfälle, und so entstand das _Pontificale
Romanum_, welches gewöhnlich nach dem päbstlichen Bibliothekar
Anastasius benannt wird. Doch zeigen weit ältere Handschriften, daß
schon im siebenten Jahrhundert der Anfang des Werkes vorhanden war[22],
und auch Beda und Paulus Diaconus haben diese Aufzeichnungen bereits
benutzen können. Eine übersichtliche Darstellung der Entstehung
dieses Werkes und seiner Fortsetzungen hat Giesebrecht gegeben in der
Allgemeinen Monatsschrift für 1852, April. Wie in Rom, so entstanden
ähnliche Aufzeichnungen auch an anderen Bischofsitzen und in manchen
Klöstern, und daraus erwuchsen später die ausführlichen Geschichten
der Bisthümer und Klöster, welche in der geschichtlichen Litteratur des
Mittelalters eine so bedeutende Stelle einnehmen.
[22] S. Pertz im Archiv V, 70-74; De Rossi, La Roma sott. I, 122. Ueber
den ältesten Theil des Werkes Janus S. 139 ff. mit Beziehung auf
die sorgfältige Analyse des ganzen Werkes bei Piper, Einl. in die
monumentale Theologie (Gotha 1867) S. 315-349, der auch bereits
die Benutzung durch Beda nachgewiesen und die Wichtigkeit dieses
Verhältnisses für die Kritik hervorgehoben hat, vgl. S. 198. 202
Anm. 12. -- Ganz neue Ansichten über diesen ältesten Theil, seine
Entstehung und das Verhältniß der Handschriften entwickelt der
Abbé L. Duchesne: Étude sur le Liber pontificalis, Paris 1877
(Bibl. des écoles Franç. d'Athènes et de Rome, I). Ihm entgegnete
Waitz, NA. IV, 215-237: Ueber die verschiedenen Texte des
Liber pontificalis. Ders. V, 229 über Lipsius: Neue Studien zur
Pabstchronologie; VIII, 405 über eine neue Schrift von Duchesne;
IX. 457-472 über den sog. Catal. Cononianus: X, 453-465 über die
ital. Hss.: über den Catal. Felicianus XI, 217-229. Vgl. auch
Krusch, XII, 236. Jetzt ist von der Ausgabe von Duchesne Bd. I.
1886 erschienen, während Waitz dazu nicht mehr gekommen ist. Rec.
v. Grisar, Zts. f. Kath. Theol. 1887 S. 417-446. -- Ein merkw.
_Elogium Liberii papae_ († 366) hat De Rossi herausgegeben,
Bullettino di Archeologia crist. 1883. Prof. Funk im Hist. Jahrb.
V, 424-436, XII, 757 ff., bezieht es jedoch auf Martin I (†
655), Friederich, Münch. SB. 1891 S. 87-127 auf Joh. I, De Rossi
wieder f. Liberius im Bull. 1891.
Endlich aber enthält auch der Abschnitt des Kalenders, in welchem
die Todestage der Märtyrer und Päbste verzeichnet sind, den Anfang
eines ganz eigenthümlichen Zweiges der Litteratur, nämlich der
=Martyrologien=, in welchen die dort verzeichneten Namen sich immer
als die ersten wiederfinden, und gewissermaßen den Kern der immer
mehr anwachsenden Verzeichnisse bilden, welche zu dem bloßen Namen
bald auch Nachrichten über Leiden und Leben der Märtyrer und Bekenner
hinzufügen. Wir sahen schon, wie lehrreich diese Martyrologien
in Rettbergs Händen für die Entstehungsgeschichte der kirchlichen
Sage geworden sind; denn da die Zeit der Verfasser bekannt ist, so
läßt sich darin die allmähliche Erweiterung der Legenden urkundlich
nachweisen[23]. Die ältesten tragen den Namen des Hieronymus[24], obwohl
mit Unrecht; besonders geschätzt ist das Martyrologium Gellonense[25].
Die größte Verbreitung fand, wie alle Schriften =Beda's=, auch dessen
Martyrologium, das wir jedoch nicht in seiner ursprünglichen Gestalt
besitzen, sondern nur mit den Zusätzen des =Florus=, eines Subdiaconus
zu Lyon im neunten Jahrhundert[26]. So kam also auch dieser Zweig
der Litteratur über England nach Gallien; hier wurde er im neunten
Jahrhundert mit besonderer Vorliebe behandelt, und aus der mündlich
sich fortbildenden Tradition kamen bei jeder neuen Ausgabe stets
auch neue Zusätze hinzu. Ein Reichenauer, welches zwischen 837 und
842 entstanden ist, gab A. Holder kürzlich heraus[27]. Eine metrische
Bearbeitung verfaßte um 850 =Wandalbert=, Mönch zu Prüm[28], andere in
Prosa =Hraban=[29] zwischen 842 und 854, =Ado= von Vienne[30] (859-874)
und auf Befehl Karls des Kahlen =Husward=[31] (Usuardus) im Jahre 875;
am Ende des Jahrhunderts schrieben =Notker= der Stammler (896) auf der
Basis des von Ado 870 den Mönchen von St. Gallen geschenkten Exemplars
seines Martyrologium[32], und in Versen =Erchempert=, der Mönch von
Montecassino[33]; noch im elften Jahrhundert verfaßte =Hermann von
Reichenau= ein Martyrologium[34]. Damit war nun aber auch dem Verlangen
nach Martyrologien völlig genügt; man fragte nicht mehr so viel nach
diesen immer noch kurzen und dürftigen Aufzeichnungen, da man bereits
eine sehr große Zahl ausführlicher Legenden besaß, theils aus der
Zeit der Merowinger, theils aber auch über eben jene alten Märtyrer,
von denen die Martyrologien so wenig zu sagen wußten. Der Wunsch
danach war zu dringend, besonders in den Klöstern, welche Reliquien
von ihnen besaßen, als daß nicht eine reiche Auswahl nachgemachter
Legenden hätte entstehen sollen, welche leicht genug Glauben fanden,
oder doch in Ermangelung anderer benutzt wurden, wie z. B. die Legende
vom Apostel Thomas, deren Unglaubwürdigkeit wohl bekannt war[35]. Bald
hatte man Legenden für jeden Tag im Jahr, und eine Sammlung derselben
veranstaltete schon im Anfange des zehnten Jahrhunderts =Wolfhard=,
Mönch zu Herrieden[36]. Kleinere, unvollständige Legendarien hatte man
schon früher, und sie finden sich in großer Zahl in den folgenden
Jahrhunderten, bis sie endlich wiederum verdrängt wurden durch die
in zahllosen Abschriften verbreitete =Goldene Legende des Jacob von
Genua=[37], welche dem Gebrauch für das Leben und für die praktische
Anwendung auf der Kanzel am meisten entsprach und in gedrängter Kürze
den ganzen Kreis der Heiligengeschichte auf den Umfang eines Bandes
beschränkte.
[23] Ausführlicheres darüber mit dem Nachweis der Ausgaben bei Rettberg
I, 76. Vgl. Potthast S. 436. Das Hauptwerk ist die Abhandlung von
J. B. Sollerius vor der Ausg. des Martyrol. Usuardi, Acta SS. Jun.
VI. Vgl. auch die oben S. 41 angef. Schrift v. Fr. Stolle.
[24] Mart. Hieron. ed. Fiorentini, Lucae 1668. Als vorzüglichste
Handschrift rühmt De Rossi die Berner, Roma sotterranea II. p. XII
ss. Nach dieser ist es jetzt herausgegeben, Acta SS. Oct. XIII.
[25] D'Achery Spicil. ed. II. II, 27. Geschrieben ist es um 804. Sickel
in d. Wiener SB. XXXVIII, 161 macht auf das noch nicht benutzte
Martyrologium aus derselben Zeit im Wiener Cod. 387 aus Salzburg
aufmerksam.
[26] In den Werken des Beda und Acta SS. Mart. II. Ueber ein ihm
zugeschriebenes kurzes Mart. in Hexametern (ed. Giles I, 50-53)
vgl. Dümmler, NA. IV, 516.
[27] Röm. Quartalschrift III, 204-251.
[28] Erste krit. Ausgabe von Dümmler, Poetae Lat. aevi Carolini II,
569-603.
[29] Canis. II, 2, 313. Vgl. E. Dümmler, das Martyrol. Notkers u. seine
Verwandten (Forsch. XXV) S. 197-200, mit Ergänzung des Textes.
[30] Herausgeg. von Surius im Anhang der Vitae probb. SS., dann von
Heribert van Roswey mit dem Martyrologium Romanum. Ueber das
vorhergehende, von Ado in Ravenna abgeschriebene, _Romano piccolo_
s. De Rossi, La Roma sott. I, 125. Vgl. Dümmler a. a. O. S. 200.
[31] Ed. Sollerius, Acta SS. Jun. VI und VII. A. Longnon, Notice sur le
plus ancien obituaire de l'abbaye de St. Germain-des-Prés (Not.
et Doc. publ. p. l. Soc. de l'hist. de France p. 19) hält diese
Hs. für sein Autograph.
[32] Canis. II, 3, 89. Vgl. Dümmler, St. Gall. Denkmale, S. 252.
Scherrer S. 149 über den cod. 454. Dümmler, Forsch. XXV, 202 ff.
Es ist unvollständig erhalten.
[33] NA. IV, 544. VI, 285. Noch ungedruckt. Die nach der Vorr. zur
Bezeichnung seiner Zusätze gesetzten obeli finden sich in der Hs.
nicht. -- Ein metr. Martyrologium (Anf. _Jure kalendarum_) ist aus
dem angels. Theil der Hs. Galba A 18, die K. Aethelstans Psalter
gewesen sein soll, herausg. v. Hampson, Medii Aevi Kalendarium
(1841) S. 397-420. Die Hs. ist beschrieben in Thompons Catal. of
anc. mss. Latin (1884) S. 12, Fasc. pl. 28.
[34] Darüber, nebst Zusätzen einer späteren Bearbeitung, Dümmler ib.
S. 208-214.
[35] Ch. Schmidt, Histoire du Chapitre de Saint-Thomas de Strasbourg,
p. 121. Auch in Handschriften des Thomasklosters zu Vorau fand
ich die Klage über den Mangel an authentischen Nachrichten bei
den Legenden des Heiligen, die man aus Noth benutzte.
[36] Anon. Haser. MG. SS. VII, 256. Vgl. Archiv V, 565. X, 645.
[37] Jacobi a Voragine Legenda aurea, vulgo Historia Lombardica dicta,
rec. Th. Grässe. Ed. II. Lips. 1850. 8.
Geschichtlich ist Jacobs compendiarische Behandlung der Legenden
unbrauchbar; die ausführlichen Lebensbeschreibungen der Heiligen aber
enthalten für manche Zeiträume die werthvollsten Nachrichten. Auch
diese Aufzeichnungen finden ihre Vorbilder schon in den früheren
Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit. Die christlichen Gemeinden
theilten sich unter einander die Todestage der Märtyrer mit nebst den
Umständen ihres Leidens, und solche Mittheilungen wurden bei ihren
Zusammenkünften verlesen. Bald fing man auch an, das Leben anderer
frommer Männer, der Bekenner, aufzuzeichnen. Cassians vielgelesenes
Werk über die Einsiedler der Thebais, das Leben des Cyprian, Ambrosius,
Augustin und ganz besonders das um 400 von Sulpicius Severus verfaßte
und durch ganz Gallien verbreitete Leben des heiligen Martin von
Tours[38] regten zu ähnlicher Thätigkeit an[39]. Benedict von Nursia,
der eigentliche Begründer des abendländischen Mönchthums, fand einen
Biographen in dem Pabste Gregor dem Großen, und dieses Werk fehlte
natürlich in keinem Kloster seines Ordens; nebst den übrigen Büchern
der Dialoge bot es der Wundersucht des Mittelalters reiche Nahrung
und reizte zur Nachahmung. Daran also schließt sich nun eine überaus
reiche Litteratur, und wenn auch vielfach der erbauliche Ton so sehr
überwiegt, daß der geschichtliche Werth nur gering ist, so ist doch
keine der wirklich echten gleichzeitigen Biographien ganz ohne Frucht,
und für die Zeiten, wo die Heiligen zugleich Staatsmänner waren,
gehören ihre Lebensbeschreibungen zu den wichtigsten Quellen der
Geschichte. Mit dem dreizehnten Jahrhundert aber verlieren sie fast
alle Bedeutung.
[38] Vgl. Reinkens, Martin v. Tours (1866) S. 258-274. Fast unbeachtet
dagegen und ohne Nachwirkung blieb desselben Sulpicius Chronik
bis 403, welche, die jüdische Geschichte mit der profanen
verarbeitend, im Stil sich den Werken des Sallust, Vellejus,
Tacitus anschloß und dem Geschmack des Mittelalters nicht zusagte;
s. die geistreiche Würdigung dieses Werkes von Jakob Bernays:
Ueber die Chronik des Sulpicius Severus, Berlin 1861, 4. u. in
d. Sammlung seiner Kl. Schriften. Benutzung in der V. Heinr. IV
sucht Gundlach nachzuweisen, NA. XI, 299-304. Neue Ausg. von C.
Halm: Sulpicii Severi libri qui supersunt, Vindob. 1866. Ebert S.
327-336.
[39] Wie sehr es bis ins 13. Jahrh. als Vorbild diente und ausgenutzt
wurde, zeigt Manitius, NA. XIV, 165-170. XV, 194-196.
Ganz vereinzelt erscheint daneben die weltliche Biographie; nur einige
Kaiser haben Lebensbeschreiber gefunden, und wenn Einhard den Sueton
zum Vorbilde nahm, so ist das nur eine Frucht der durch Karl den Großen
erneuten Einwirkung auch der heidnischen Classiker; eine lebendige
Fortentwickelung knüpfte sich nur an die kirchliche Litteratur.
Zu erwähnen bleibt endlich noch eine Art der Aufzeichnung, welche
den Martyrologien sehr nahe steht und häufig damit verbunden ist,
die =Necrologien= nämlich, in welchen die Todestage aller derjenigen
verzeichnet wurden, deren Gedächtniß in der Kirche oder dem Kloster,
dem diese Aufzeichnungen angehörten, gefeiert werden sollte. Da
jeder angesehene Mann sich um seiner Seligkeit willen eine solche
Gedächtnißfeier zu sichern pflegte, erfahren wir hierdurch ihre
Todestage, deren Kenntniß für manche Fragen wichtig werden kann;
auch für die verwandtschaftlichen Verhältnisse ist manches daraus zu
entnehmen, und zuweilen sind auch einzelne geschichtliche Begebenheiten
anderer Art darin verzeichnet. Zur geschichtlichen Litteratur kann man
diese Namensverzeichnisse nicht rechnen, und ich beschränke mich daher
auf diese Erwähnung und auf ein Verzeichniß der mir bekannt gewordenen,
gedruckten Necrologien, welches im Anhange zu finden ist.
Eine Zeitbestimmung ist nicht hinzugefügt, weil auch in jüngere
Necrologien einzelne ältere Angaben herübergenommen sind, und ältere
durch die fortgesetzten Eintragungen werthvoller zu werden pflegen.
Doch ist es nicht unwichtig, die Zeit der ersten Anlage zu erkennen;
bei dem lobenswerthen Versuche, dahin zu gelangen, begegnet aber stets
wiederholt ein Fehler, vor dem ich deshalb ausdrücklich warnen möchte.
Die Herausgeber glauben nämlich, zu dieser Bestimmung die Ansetzung des
Osterfestes benutzen zu können und lassen sich dabei auch durch den
auffallenden Umstand nicht stören, daß dieser überall derselbe ist,
nämlich der 27. März; auch nicht dadurch, daß es ja gar keinen Sinn
haben würde, das zufällige Datum eines einzelnen Jahres einzutragen.
Es ist aber dieser 27. März ein festes Datum, welches man für dasjenige
der wirklichen Auferstehung hielt.
Den vollen Nutzen für geschichtliche Forschung werden diese Necrologien
erst gewähren, wenn sie systematisch gesammelt, durchgearbeitet und
zusammengestellt sind. Das ist jetzt geleistet von Baumann für die
Sprengel von Augsburg, Constanz und Chur[40], von Herzberg-Fränkel für
Salzburg[41].
[40] MG. Necrologia Germaniae I. 1888; vgl. NA. VII, 19-41. VIII,
425-447. XIII, 409-429.
[41] Vol. II, 1. 1890; vgl. NA. XIII, 269-304.
Geschichtlich noch wichtiger sind die =Todten-Annalen=, in welchen
Jahr für Jahr die Todesfälle eingetragen sind. Solche sind aus =Fulda=
von 779 bis 1065 erhalten[42], und an diese sich anschließend, aber
weit weniger reichhaltig, aus =Prüm=, von 1039 bis 1104[43], aus =St.
Blasien= von vor 1036 bis 1474[44].
[42] Erste vollständige Ausgabe aus den verschiedenen Hss. von G.
Waitz: _Annales necrologici Fuldenses_, MG. SS. XIII, 161-215.
[43] _Ann. necrol. Prum._ ib. p. 219-223.
[44] Necrol. I, 329-333. Die Weltenburger 1045-1109 (MB. XIII, 473-493)
werden auch wohl bei den Necrol. gedruckt.
Verschieden davon sind die =Verbrüderungsbücher=, in welche
Lebende eingetragen wurden; bei weitem das wichtigste darunter ist
das von Karajan, jetzt aber mit wesentlichen Verbesserungen von
Herzberg-Fränkel herausgegebene von =Sanct Peter in Salzburg=[45];
von einer systematischen Bearbeitung sind die von =Sanct Gallen=,
=Reichenau= und =Pfävers= erschienen[46]. Sie geben über die
Verbindungen der Klöster untereinander Nachricht und sind durch die
Fülle alter Eigennamen für die Sprachforschung von Bedeutung. Auch
von den =Roteln= späterer Zeit, durch welche man von den Todesfällen
verbundenen Klöstern Nachricht gab, und welche theils nur mit
Empfangsbescheinigung, theils sogar mit längeren Gedichten versehen
wurden, hat sich namentlich in Frankreich eine große Anzahl, wenn auch
meistens nur fragmentarisch, erhalten, welche von L. Delisle gesammelt
und herausgegeben ist[47].
[45] Necrol. II, 3-60; vgl. NA. XII, 53-107.
[46] MG. Libri Confraternitatum S. Galli, Augiensis, Fabariensis, ed.
P. Piper 1884. Das Verbrüderungsbuch von St. Gallen ist, nebst dem
Buch der Gelübde, auch von E. Arbenz herausgegeben und erläutert,
Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, St. Gallen 1884. Vgl. auch C. Will,
Monum. Blidenstatensia, p. XX-XXII. A. Ebner, Die klösterlichen
Gebetsverbrüderungen. Regensb. 1890.
[47] Des monuments paléographiques concernant l'usage de prier pour
les morts, Bibl. de l'École des chartes, II, 3, 361-411, und
die Ausgabe: Rouleaux des morts du IX. au XV. siècle, 1866. Vgl.
Wattenbach, Schriftwesen (2. Ausg.) S. 137.
Eine besondere Erwähnung verdienen endlich noch die alten =Diptycha=,
in welche Namen ohne Daten eingetragen wurden, um sie der Fürbitte
theilhaftig werden zu lassen, wobei auf die Ordnung nichts ankam; aus
Fulda, Trier, Novara haben sich dergleichen erhalten. In Ermangelung
anderer Denkmäler hat man daraus Bischofslisten entnommen, deren
Lückenhaftigkeit und Umstellungen sich aus solchem Ursprung erklären.
Ein Liber vitae ecclesiae Dunelmensis (jetzt Cott. Domit. A. VII) aus
der Mitte des neunten Jahrhunderts und bis in späte Zeit fortgeführt,
lag im Prachtband auf dem Altar[48], herausgegeben von Stevenson 1841.
[48] Genaue Beschreibung der Hs. von Thompson im Catalogue of ancient
Latin Mss. p. 81-84.
Eine besondere Art von Namensverzeichnissen entstand durch die Sitte,
in =Evangelienbücher= Namen einzutragen, wovon man sich gute Folgen
für das Seelenheil versprach. So schrieb nach einer Mittheilung von
K. Lamprecht in d. Westd. Ztschr. IV, 156 in einem Evangeliar des
Castorstifts in Coblenz der Schreiber selbst hinzu: „Waniggus peccator
nomen habeo. in vitae libro mei memoriam condo“. Darauf folgen andere
Namen. Beispiele davon kommen auch sonst vor[49]; geschichtlich wichtig
sind die Eintragungen im Evangeliar von Aquileja für die Anfänge
des Christenthums unter den Bulgaren, während Theodelinde und andere
Namen später betrügerisch zugesetzt sind, was Bethmann entdeckt und
nachgewiesen hat[50].
[49] L. Delisle, Bibl. de l'École des ch. 1876, S. 484.
[50] NA. II, 112-128.
§ 4. Die Ostgothen. Cassiodor.
Manso, Geschichte des ostgothischen Reiches in Italien, Breslau 1824.
Aschbach, Geschichte der Westgothen, Frankf. 1827. Waitz, Ueber
das Leben und die Lehre des Ulfila, Hannov. 1840, 4. Bessell,
Ueber das Leben des Ulfilas und die Bekehrung der Gothen zum
Christenthum, Gött. 1860. Max Müller, Lectures on the Science
of Language, 2. ed. 1862, p. 179 ff. Bessell, Art. Gothen in
der Encyklopädie von Ersch und Gruber I, 75. S. 98-242 (1862).
Raszmann, Goth. Sprache und Litteratur, ib. 294-348. Wietersheim,
Geschichte der Völkerwanderung, bes. II, 137 ff. Pallmann, Die
Geschichte der Völkerwanderung, I, Gotha 1863. II, Weimar 1864.
F. Dahn, Die Könige der Germanen, Abth. II. 1861. Wackernagel,
Geschichte der deutschen Litteratur. S. 15-22. Bernhardy, Grundriß
der römischen Litteratur, § 60. A. Thorbecke, C. Senator, Progr.
d. Heidelb. Lyceums 1867. Ad. Franz, C. Senator, ein Beitr. z.
Gesch. d. theol. Litt. Bresl. 1872. Teuffel § 475. Ebert S. 498
bis 542. Balzani p. 1-19. Rinaudo p. 25-31. -- Ueber Cassiodor und
Jordanis: Papencordt, Geschichte der vandal. Herrschaft in Afrika
(1837), S. 383-388. Freudensprung, De Jornande sive Jordane et
libellorum eius natalibus, Monaci 1837. H. v. Sybel, De fontibus
libri Jordanis de origine actuque Getarum, Berol. 1838; Entstehung
d. D. Königthums, 2. Ausg. (1881) S. 134-208. Waitz, GGA. 1839,
S. 769-781. Joh. Jordan, Jordanes Leben und Schriften. Progr.
des Gymnasiums zu Ansbach. 1843. J. Grimm, Ueber Jornandes. Abh.
der Berliner Akademie, 1846 (Kleinere Schriften III, 171-235).
Cassel, Magyarische Alterthümer, 1848, S. 293 bis 310. Stahlberg.
Jornandes, Programm der höheren Bürgerschule zu Mühlheim a. R.
1854. C. Schirren, De ratione, quae inter Jordanem et Cassiodorium
intercedat commentatio, Dorp. 1858; vgl. die Rec. von A. v.
Gutschmid. Jahrbücher für classische Philologie, 1862, S.
124-151. R. Köpke, Deutsche Forschungen, Berl. 1859. Bessell, Art.
Gothen, S. 101-116, recapitulirt die ganze Frage. Waitz, Gött.
Nachrichten 1865 N. 4, über das Verhältniß zum Anon. Cuspiniani.
Baehr S. 247-262. Mommsen, Praef. Jord. p. XL-XLIV. -- Cassiodori
Opera ed. Garet, Rothomagi 1679. fol. Frammenti di orazioni
panegiriche, raccolti ed illustrati di Carolo Baudi de Vesme,
Memorie della Real Acad. delle Scienzie, Serie II, Vol. VIII; vgl.
Reifferscheid, SB. 68, 483, Fragm. d. Lobrede auf K. Theodahat,
viell. von Cassiodor nach Arbois de Jubainville, Bibl. de l'École
des chartes, V. 3, 139, vgl. M. Haupt in Hermes VII, 377. H.
Usener, Festschrift zur Philol. Vers. in Wiesbaden 1877 (Anecdoton
Holderi, Excerpt aus der früher unbekannten Schrift C.'s über die
Schriftsteller in seiner Familie); vgl. aber Schepss, im NA. XI.
125-128. F. Rühl. Ein Anecdoton zur Goth. Urgesch. im Jahrb. f.
class. Philol. 1880, S. 549-576 (Barbarischer Auszug aus Cass.
über Skythen und Amazonen).
Das ostgothische Reich, so kurz es dauerte, bildete doch ein sehr
wichtiges Mittelglied zwischen der antiken Welt und dem Mittelalter,
welche sich in ihm auf merkwürdige Weise berühren.
Der gothische Stamm war einer der begabtesten, bildungsfähigsten
deutschen Stämme. Er allein, nebst den Angelsachsen, hat von
Anfang an auch die Muttersprache ausgebildet, nicht nur in Lied und
Gesang, sondern auch zu wissenschaftlichem Gebrauch; außer Vulfila's
Bibelübersetzung haben sich auch Fragmente einer Evangelienharmonie
erhalten. Getrennt von der herrschenden Kirche, feierten sie den
Gottesdienst in ihrer eigenen Sprache[1], und deren Gebrauch war
dadurch bei ihnen, wie später bei den Slaven, besser gesichert als
in der römischen Kirche. Dennoch hätten auch die Ostgothen, wäre
ihrem Reiche längere Dauer beschieden gewesen, sich der Uebermacht
römischer Cultur wohl sicher ebenso wenig zu erwehren vermocht, wie die
Westgothen in Spanien und später die Angelsachsen.
[1] Papencordt, Geschichte der vandalischen Herrschaft in Afrika, S.
295.
Denn mit der größten Empfänglichkeit wandten die Gothen sich auch der
antiken Bildung zu; Theoderichs Reich ist merkwürdig als ein Versuch,
die neuen Elemente mit den alten zu vereinen und die Herrschaft in den
alten Formen fortzuführen; an seinem Hofe hörte man noch die alten
gothischen Heldenlieder, aber es sammelten sich dort auch die noch
übrigen Träger der alten Bildung; hier entstanden mehrere der Werke,
welche die Elemente der alten Cultur dem Mittelalter überlieferten,
aus denen es seine Kenntniß des Alterthums schöpfte und zugleich den
gezierten dunklen Stil lernte, der damals in den Schulen der Rhetoren
und Grammatiker für schön galt.
Den Schriftstellern des vierten Jahrhunderts, Donat, Macrobius,
Marcianus Capella, reiht sich Priscianus an, Theoderichs Zeitgenosse
und mit Cassiodor bekannt; doch lebte er in Constantinopel. Einer
der Hauptlehrer des Mittelalters aber, dem es zunächst die Kenntniß
der Aristotelischen Philosophie verdankte, war =Boethius=[2],
der mit seinem gelehrten Schwiegervater =Symmachus= am Hofe zu
Ravenna lebte. Die Familie der Symmacher, die domni Symmachi,
werden uns ganz besonders genannt unter den Männern, welche in
genauer Verbindung mit den Schulen der Grammatiker und Rhetoren
noch einmal das sinkende Heidenthum neu zu beleben suchten, durch
Auffrischung der Mysterien, der Philosophie, und namentlich auch durch
angelegentliche Beschäftigung mit der alten Litteratur, deren Werke
sie durch sorgfältige Verbesserung der verwahrlosten Handschriften in
diejenige Gestalt brachten, in welcher sie uns jetzt vorliegen[3].
Das Christenthum war nun freilich bereits zum unbestrittenen Siege
durchgedrungen, dennoch aber stehen diese Männer noch ganz auf dem
Boden der alten heidnischen Bildung. Auch =Cassiodor= gehört dazu; erst
in seinem Alter gab er sich immer mehr einer kirchlich frommen Richtung
hin.
[2] So nach der Etymologie, während die handschriftliche Autorität
mehr für =Boetius= spricht.
[3] O. Jahn: Ueber die Subscriptionen in den Handschriften römischer
Classiker. Berichte über die Verhandlungen der königl. Sächs. Ges.
der W. Phil. hist. Classe, III, 327. 1851.
Dieselbe Mischung römischer und deutscher, heidnischer und christlicher
Elemente, wie an Theoderichs Hofe, finden wir nun auch in der
geschichtlichen Litteratur, die uns leider nur theilweise erhalten
ist. Was es für eine Bewandtniß mit den gothischen Philosophen habe,
mit Athanarit, Hildebald und Markomir, auf die sich der Ravennatische
Geograph beruft, ob sie existirt haben oder nicht, ist bis jetzt noch
dunkel[4]. Auch der von Jordanis[5] benutzte und gelobte =Ablavius=,
der „treffliche Geschichtschreiber des gothischen Volks“, bleibt in
zweifelhaftem Dunkel; Mommsen vermuthet, daß er an Theoderichs Hofe
nicht lange vor Cassiodor geschrieben und, der gothischen Sprache
kundig, ihre Ueberlieferungen und Lieder mit den Nachrichten des
Priscus u. a. verbunden habe. Er ist geneigt, einen sehr wesentlichen
Theil des Cassiodorischen Werkes ihm zuzuschreiben, aber Schirren hat
sich mit guten Gründen von neuem sehr nachdrücklich dagegen erklärt.
Der Name ist in jener Zeit häufig und lautet correct =Ablabius=,
doch folge ich lieber der damals üblichen, durch Jordanis bezeugten
Aussprache.
[4] Th. Mommsen, Ueber die Ravennatische Kosmographie, SB. der
k. Sächs. Ges. der W. Phil. hist. Classe, III, 80-117, 1851.
Bock, Lettre à Mr. Bethmann, Annuaire de la Bibl. Royale de
Belgique, Vol. XII. 1851. Rec. von Waitz, GGA. 1851, N. 121.
Ravennatis Anonymi Cosmographia et Guidonis Geographia. Ex libris
manuscriptis edd. M. Pinder et G. Parthey, Berol. 1860. -- =Guido
Pisanus= excerpirte das ältere Werk des siebenten Jahrhunderts
um 1119. Während Mommsen und de Rossi (Giornale Arcadico CXXIV
p. 259-281, 1851) sammt vielen anderen seiner Autoritäten auch
die gothischen Philosophen für erfunden halten, sehen Bock und
Pallmann I, 9-12. II, 139, in ihnen Zeitgenossen Theoderichs.
[5] De orig. Gett. c. 4. 14. 23. Vgl. Sybel, De fontibus Jord. p.
34-37. Schirren S. 36-44. Koepke S. 80. Gutschmid S. 129, 130.
Sybel, Königthum, S. 193. Mommsen, Praef. Jord. p. XXXVII. -- Daß
um 1200 jemand _Blavius de gestis Gothorum_ aus der Bibliothek
des Klosters Tegernsee verlangte (Pez, Thes. VI, 2, 53), erklärt
sich wohl einfach aus der Lectüre des Jordanis. Die Meinung von
P. Buchholz, daß Flavius Blondus den A. gekannt habe, widerlegt
Mommsen.
Der rechte Repräsentant dieses Uebergangsreiches ist Magnus Aurelius
=Cassiodorius[6] Senator=, ein vornehmer Römer von angesehener Familie,
aus Bruttien, vielleicht aus Squillace gebürtig. Dem Beispiele seines
Vaters folgend, stellte er sich der Herrschaft der Barbaren nicht
feindselig oder schmollend gegenüber, sondern war als Staatsmann und
als Gelehrter aufrichtig und unablässig bemüht, die widerstrebenden
Elemente friedlich zu verbinden und auszugleichen; als Minister
Theoderichs und seiner Nachfolger suchte er die Regierung in den alten
Formen fortzuführen, und als Geschichtschreiber verkündete er den
erstaunten Römern, daß das Volk der Gothen und das Königsgeschlecht der
Amaler ihnen an Alter und Adel, ja sogar an uralter Cultur mindestens
ebenbürtig sei.
[6] Diese Form wird man nach dem Veroneser Cod. saec. VII. der
Complexiones vorziehen müssen, mit Maffei und Reifferscheid,
SB. XLIX, 49. Auch Mommsen braucht sie (doch jetzt nicht mehr),
während F. Rühl, Jahrb. f. Philol. 1880, S. 564, sich dagegen
erklärt.
Schon die =Chronik= Cassiodors[7] dient der Verherrlichung Theoderichs
und seines Eidams Eutharich, dem sie in seinem Consulatsjahre
überreicht wurde; der Schwall der Lobrede belebt 496 bis 519 das
dürftig und ungeschickt zusammengestoppelte chronologische Gerippe,
dessen Mangelhaftigkeit und willkürlich leichtsinniges Machwerk
Th. Mommsen schonungslos aufgedeckt hat. Auch die wenigen früheren
historischen Notizen zur Consulartafel, die er aus Hieronymus,
Prosper, Eutrop, von 456-493 aus den Ravennater Fasten schöpfte[8],
hat er in gothischem Interesse verändert[9]. Von weit größerem Werth,
fleißiger gearbeitet und der schulmäßigen Gelehrsamkeit jener Zeit
entsprechend waren Cassiodors zwölf Bücher =Gothischer Geschichten=,
ein früh verlorenes Werk, über welches jedoch der Auszug des Jordanis
ein Urtheil gestattet, denn nach den Untersuchungen von Schirren und
Koepke kann man es jetzt wohl als festgestellte Thatsache betrachten,
wie es denn auch von Mommsen angenommen ist, daß der ganze wesentliche
Inhalt dieses Werkes mit Einschluß des gelehrten Apparats von Cassiodor
herrührt[10]. Außerdem finden sich in der Sammlung seiner Briefe mehrere
Aeußerungen, welche sich auf sein Geschichtswerk beziehen; so legt er
gleich in der Vorrede einem Freunde die Worte in den Mund[11]: „Du hast
in zwölf Büchern die Geschichte der Gothen in einer Blüthenlese ihrer
glücklichen Thaten niedergelegt“. Varr. XII, 20 wird eine Stelle über
die Einnahme Roms durch Alarich daraus angeführt, welche beweist, daß
auch die Geschichte der Westgothen darin behandelt war.
[7] Die Chronik des Cassiodorus Senator vom Jahre 519. Nach den
Handschriften herausgegeben von Th. Mommsen. Abhandl. der königl.
Sächs. Ges. der Wiss. VIII. 1861. -- Zugesetzt sind die Consuln
520-559. Benutzt ist die Chronik nur von Hermanus Contractus
aus der Reichenauer, von Marian und den Ann. S. Dysibodi aus der
Mainzer Handschrift.
[8] Holder-Egger, NA. I, 247-250.
[9] Vgl. Thorbecke S. 43. Ueber ein ähnliches Verfahren in der
Gothengeschichte s. G. Kaufmann, Forschungen VI, 464.
[10] Auch H. v. Sybel, der in seiner Abhandlung die entgegengesetzte
Ansicht durchgeführt hatte, gab 1858 in der Hist. Zeitschr. II,
515 die Wahrscheinlichkeit der Beweisführung von Schirren und
Koepke zu. Ihm folgt darin auch Bessell. Nur die Benutzung des
Orosius hält Mommsen für Eigenthum des Jordanis, während er auf
die von H. v. Sybel (Königth. S. 193) aufgestellte Behauptung,
daß J. selbst die Reihe der Gothenkönige aus Ammian ergänzt habe,
nicht Rücksicht nimmt. -- Nach F. Rühl kannte auch Aethicus das
Werk Cassiodors.
[11] „XII libris Gothorum historiam defloratis prosperitatibus
condidisti.“ Bessells Deutung (Forschungen I, 639-643) „mit
auserlesenem Glück geschrieben“, scheint mir unhaltbar, trotz
Thorbecke's Zustimmung.
Wichtiger aber und lehrreicher sind die Worte des Königs Athalarich
in dem Schreiben (Varr. IX, 25), durch welches er dem römischen
Senat Cassiodors Erhebung zum Praefectus praetorio für das Jahr 534
anzeigt. Nicht damit habe er sich begnügt, heißt es da, die lebenden
Herren zu loben: „auch in das Alterthum Unseres Geschlechtes ist er
hinaufgestiegen und hat durch Lesen erkundet, was kaum noch in dem
Gedächtniß unserer Altvorderen haftete. Er hat die Könige der Gothen,
welche lange Vergessenheit barg, aus den Schlupfwinkeln der Urzeit
hervorgezogen. Er hat die Amaler mit dem vollen Ruhm ihrer Herkunft
wieder ans Licht gestellt, indem er klärlich nachwies, daß Wir bis in
die siebenzehnte Generation von königlichem Stamme sind. Er hat die
Herkunft der Gothen zu einer römischen Geschichte gemacht, und die
Blüthenkeime, welche bis dahin auf den Gefilden der Bücher hier und
dort zerstreut waren, in einen einzigen Kranz gesammelt[12]. Bedenkt,
welche Liebe zu euch er durch Unser Lob bewiesen hat, da er nachwies,
daß eueres Herrschers Stamm von Uranfang her wunderbar gewesen ist, so
daß, wie ihr von eueren Vorfahren her immer für edeler Art gegolten
habt, so nun auch ein altes Königshaus über euch die Herrschaft
führt[13].“ Und weiterhin wird Cassiodor gerühmt, weil er gleich den
Anfang von Athalarichs Herrschaft gleichmäßig mit den Waffen und mit
gelehrter Thätigkeit (litteris) gefördert habe; von der tiefen Ruhe
litterarischer Beschäftigung aufgescheucht[14], habe er ohne Zaudern zu
den Waffen gegriffen.
[12] Gutschmid S. 140 bemerkt, daß Cassiodor in diesen Worten Justins
Vorrede nachgeahmt zu haben scheine.
[13] Tetendit se etiam in antiquam prosapiam nostram, lectione discens
quod vix majorum notitia cana retinebat. Iste reges Gothorum
longa oblivione celatos latibulo vetustatis eduxit. Iste Amalos
cum generis sui claritate restituit, evidenter ostendens in
decimam septimam progeniem stirpem nos habere regalem. Originem
Gothicam historiam fecit esse Romanam, colligens quasi in unam
coronam germen floridum, quod per librorum campos passim fuerat
ante dispersum. Perpendite quantum vos in nostra laude dilexerit,
qui vestri Principis nationem docuit ab antiquitate mirabilem,
ut sicut fuistis a majoribus vestris semper nobiles aestimati,
ita vobis regum (so statt _rerum_ zu schreiben, scheint mir mit
Gutschmid selbstverständlich) antiqua progenies imperaret.
[14] A litterarum penetralibus ejectus. Bessell S. 115 bemerkt richtig,
daß damit seine Thätigkeit in der k. Kanzlei nicht wohl bezeichnet
sein kann.
Cassiodor selbst ist es, der diesen Brief verfaßt hat, und klar
genug hat er darin Zweck und Absicht seines Werkes ausgesprochen.
Der übergroße Abstand zwischen dem kräftigen, aber noch den Römern
als barbarisch geltenden Gothenvolke und den auf ihre Geschichte und
Bildung stolzen Römern sollte ausgeglichen werden, das war der leitende
Gedanke in Cassiodors ganzer Thätigkeit. Dazu mußte ihm nun auch seine
Gelehrsamkeit dienen; daß Gothen und Geten dasselbe Volk wären, war
eine längst geläufige Annahme[15], aber noch hatte niemand es versucht,
den Zusammenhang nachzuweisen. Cassiodor that es und zwar, wie jetzt
durch das von Holder entdeckte Fragment bekannt geworden ist, im
Auftrag des Königs Theoderich, doch erst nach dem Tode desselben gelang
ihm die Vollendung[16]. Er verflocht zu diesem Zwecke, was er über
die Gothen wußte und bei Ablavius las, mit dem, was er bei Römern und
Griechen über die Geten vorfand, und da diese wie jene von den Griechen
häufig Skythen genannt wurden, zog er auch die ganze Urgeschichte
der Skythen heran, und machte sogar die Amazonen ohne Bedenken zu
gothischen Weibern. So erschienen die Amaler, deren Glanz die gothische
Sage verkündete, nun als unmittelbare Nachfolger des Zamolxis und
Sitalkes, und die Römer konnten darin einen Trost finden für die
Bitterkeit der fremden Herrschaft[17]. Es war das ein Gedanke, der
wohl Anerkennung verdient, wenn auch der Zweck unerreicht blieb, die
Grundlage irrig war, wenn auch zur Verherrlichung der Amaler er ihren
Stammbaum selbst mit freier Dichtung über alle Gebühr verherrlicht
haben mag[18].
[15] S. Schirren S. 54. Koepke S. 209. Die von J. Grimm vertheidigte
Identität kann als antiquirt betrachtet werden; ich begnüge mich,
auf die Anm. v. Waitz zu verweisen, Verfassungsgesch. II, S. XIII,
2. u. 3. Ausg. I, S. 5.
[16] Mommsen, Praef. Jord. p. XLI.
[17] Diesen Gedanken hat R. Koepke lichtvoll entwickelt, Forsch. S.
89 ff. Die Art der Verknüpfung, das chronologische System von
Cassiodors Gothengeschichte weist Gutschmid S. 141 ff. nach,
nachdem er S. 133-140 den Stammbaum der Amaler behandelt hat.
Er hält mit Schirren den Eutharich für keinen wirklichen Amaler
und sieht in dessen Stammbaum einen Hauptzweck des Werkes; aber
weshalb wurde dann Eutharich aus Spanien geholt, wenn nicht,
weil er ein Amaler war? Dafür auch Thorb. S. 18-20. -- Waitz,
Nachrichten 1865 S. 101 vermuthet, daß Cassiodors Geschichte sich
auf Theoderichs Regierung nicht erstreckte. Ihm stimmt Thorb. S.
45 bei.
[18] Das hat vorzüglich H. v. Sybel nachgewiesen und eben deshalb
angenommen, daß die nicht als Amaler bezeichneten Gothenkönige
erst von Jordanis eingeschoben sind.
Als Cassiodor oder Senator, denn das war sein eigentlicher Name, alle
seine Bestrebungen vereitelt sah, als das Gothenreich dem Angriff der
Mächte, mit welchen er es hatte aussöhnen wollen, unterlag, da zog er
sich, vermuthlich nach Vitigis Sturz (um 540) von der Welt zurück und
gründete ein Kloster (monasterium Vivariense) in Bruttien, wo er das
Ende seines Lebens in stiller Beschaulichkeit und schriftstellerischer
Thätigkeit als hochbetagter Greis erwartete. Hier ließ er unter
seiner Aufsicht die im Mittelalter vielgelesene Kirchengeschichte[19]
zusammenstellen und übersetzen; hier schrieb er in seinem 93. Jahre
eine Abhandlung über die Orthographie, zum Frommen seiner Mönche,
denen er die Vervielfältigung der Bücher durch Abschriften ganz
besonders zur Pflicht machte. Er zuerst hat die wissenschaftliche
Arbeit grundsätzlich in die Klöster eingeführt und dadurch einen
weitreichenden segensreichen Anstoß gegeben[20]. Ist er, wie Thorbecke
annimmt, erst um 570 gestorben, so erlebte er noch die neue Verwüstung
Italiens durch die Langobarden, sah er, wie die blutigen Lorbern
Justinians fruchtlos hinwelkten.
[19] Die _Historia tripartita_, durch Epiphanius. Ueber dieses sehr
mangelhafte Werk s. Ad. Franz S. 104-120.
[20] Thorb. S. 29-31. Sehr ausführlich Franz S. 35 ff.
Von vorzüglichem Werthe für uns sind unter seinen erhaltenen Werken[21]
die 538 verfaßten zwölf Bücher seiner =Briefe= (Variae), in welchen er
die Kanzleiformen der Zeit und viele auch durch ihren Inhalt wichtige
Briefe aus der königlichen Kanzlei der Gothen aufbewahrt hat. Das
Zureden seiner Freunde, sagt er in der Vorrede, habe ihn zu dieser
Sammlung veranlaßt, welche einen Vorrath fertiger Formeln darbieten
und zugleich zur Bildung junger Staatsmänner dienen sollte, während sie
auch das Andenken der von ihm gelobten trefflichen Männer der Nachwelt
erhalte. Alles habe er hier vereinigt, was er aus der Zeit seiner
Quästur, seines Magisteriums und seiner Präfectur in den öffentlichen
Actenstücken von ihm herrührend habe finden können. Doch nicht selten
sei es ihm begegnet, daß er wegen übergroßer Eile bei der Ertheilung
von Würden und Ehren hastige und schmucklose Schreiben erlassen
habe: davor wolle er nun andere bewahren, und deshalb habe er die, im
sechsten und siebenten Buche enthaltenen Formulare für die Verleihung
aller Würden nun mit Sorgfalt überarbeitet[22]. Denn reden können wir
alle ohne Unterschied; nur der Schmuck ist es welcher den Gelehrten vom
Ungelehrten unterscheidet[23].
[21] Sehr lehrreich sind auch seine Institutiones divinarum et
saecularium litterarum. Ueber die verschiedenen Texte des zweiten
Buches s. Laubmann in d. Münch. SB. 1878, II, S. 71-96.
[22] Diese bestimmte Angabe macht es bedenklich, Schirrens Vermuthung
zu folgen, der auch in den übrigen Büchern eine bedeutende
Ueberarbeitung, zum Theil neue Abfassung annimmt. Er hätte ja das
nicht nöthig gehabt zu verschweigen.
[23] „Dictio semper agrestis est, quae aut sensibus electis per moram
non comitur aut verborum minime proprietatibus explicatur. Loqui
nobis communiter datum est: solus ornatus est qui discernit
indoctos.“ Die Erlasse in seinem eigenen Namen, als Präfect, aus
den Jahren 534, 535, 537, 538 finden sich im elften und zwölften
Buche; in den früheren schreibt er im Namen des Königs. Vgl. über
die Variae Thorb. S. 50-60. Horst Kohl, Zehn Jahre ostgoth. Gesch.
(526-536), Leipzig 1877. Hasenstab, Studien zur Variensammlung des
C. S. Progr. d. Max. Gymn. zu München 1883. Tanzi, Cronologia dei
libri Var., Triest 1887. Ueber eine Abh. v. Gaudenzi s. Mommsen,
NA. XIV, 437.
Das war der Grundsatz und die Richtschnur der damaligen Schulen, und
demgemäß hat denn auch Cassiodor den oft geringfügigen Inhalt seiner
Briefe unter einem solchen Wortschwall und so vielem Zierrath der
gesuchtesten Phrasen verborgen, daß es häufig nicht leicht ist, ihn
herauszufinden.
Im höchsten Grade trifft dieser Vorwurf auch die Schriften des
=Ennodius=, Bischofs von =Pavia=[24], unter denen besonders sein
Panegyricus auf Theoderich geschichtlich wichtig ist[25].
[24] Ennodii Opera ed. Sirmond, Paris 1611. Hartel im Wiener Corpus
VI, 1882. Rec. v. Krusch, HZ. LI, 100-102. MG. Auctt. antt. VII
von Fr. Vogel 1885. Fertig, Magnus Felix Ennodius und seine
Zeit. 1. Abth. Passau 1855, 4. Pallmann II, 190-192. Ebert
432-440. Rinaudo p. 19-24. Zur Chronologie Hasenstab, Progr.
d. Münch. Luitpoldgymn. 1889/90. Tanzi, s. NA. XV, 425. Auf
die Bedeutung seiner Vita Epiphanii ed. Ticin. weist Binding
hin: Das Burgundisch-roman. Kgr. I, 97. Seine Briefe sind
culturgeschichtlich wichtig. -- Ueber die schon früh sagenhaft
entstellte Geschichte Theoderichs, aus welcher geschichtliche
Thatsachen nicht zu entnehmen sind, findet sich eine sorgfältige,
auf Untersuchung der Handschriften begründete Abhandlung bei A.
Thorbecke: Ueber _Gesta Theoderici_, Herbstprogr. des Heidelb.
Gymn. 1875. Ausg. v. Krusch, SS. Meroving. II, 200-214.
[25] Dafür H. v. Schubert: Die Unterwerfung der Alamannen (Strassb.
1874) S. 67-89. Er wurde nach Cipolla dem König schriftlich
zugesandt; s. darüber NA. IX, 244. XII, 205.
§ 5. Jordanis.
Baehr S. 249-260. Teuffel § 477. Ebert S. 556-562. Dahn, A. D. B.
XIV, 522-526. Rinaudo p. 31-36. Balzani p. 19-21. S. d. neuere
Litt. zu § 4. Anstatt der älteren Ausgaben genügt es jetzt, die
Ausgabe der MG. von Mommsen zu nennen, Berl. 1882, 4. (Auctorum
antiquiss. V, 1.) Rec. von Schirren, Deutsche LZ. 1882, S.
1420-1424, von L. Erhardt, GGA. 1886, S. 669-708. Bemerkungen v.
Manitius, NA. XIII, 212. 213. -- Ausg. der Getica v. Holder 1882
mit selbständ. Benutzung d. Heidelb. Hs. 1882. 3. Ausg. v. Closs
1889. Emendationen v. Fröhner, Philologus, Suppl. V, 55 (1884).
Uebers. v. W. Martens, 1884, Geschichtschr. 5 (VI, 1).
An jene Vertreter der antiken Bildung, welche Theoderich an seinem
Hofe versammelte, reiht sich nun der erste und einzige gothische
Schriftsteller, dessen Werke wir besitzen, =Jordanis=; denn so wird
sein Name in den besten Handschriften geschrieben, mit so überwiegender
Autorität, daß die durch Peutingers Ausgabe von 1515 gebräuchlich
gewordene Form =Jornandes= sich dagegen nicht behaupten kann. Jakob
Grimm freilich hat sie sehr nachdrücklich in Schutz genommen, und
unmöglich ist es nicht, daß in der entscheidenden Stelle (Cap. 50)
ursprünglich gestanden hat: Jordanis sive Jornandes. Dann wäre nach
Grimms Vermuthung der kriegerischer lautende gothische Name Jornandes
d. i. Eberkühn, beim Eintritt in den geistlichen Stand mit dem
griechisch-römischen Namen Jordanis vertauscht worden[1]. Wie dem
nun auch sein möge, sicher gestellt ist allein der letztere, durch
das ganze Mittelalter gebräuchliche Name, den wir deshalb auch hier
vorgezogen haben.
[1] Für Jornandes kämpft Dietrich, Ueber die Aussprache des
Gothischen, Marburg 1862. Mommsen schreibt Jordanes; ich folge
auch hier der überlieferten Form, welche sich der Aussprache
anschließt.
Jordanis rechnet sich selbst zum gothischen Volke[2]. Er stammte aus
einem sehr angesehenen Geschlechte, das mit den Amalern verschwägert
war; sein Großvater war Notar oder Kanzler des Alanenkönigs Candac
in Mösien, er selbst ebenfalls Notar: leider wissen wir nicht wo und
unter welchen Verhältnissen[3]; später ist er in den geistlichen Stand
eingetreten. Seiner, wie es scheint, alanischen Abkunft entsprechend,
zeigt er für dieses Volk eine deutliche Vorliebe[4], während er die
Vandalen nicht leiden kann[5].
[2] De rebus Get. am Schluß: „Nec me quis in favorem gentis praedictae
quasi ex ipsa trahentem originem aliqua addidisse credat“.
[3] Ib. c. 50: „Scyri vero et Sadagarii et certi Alanorum cum duce suo
nomine Candac Scythiam minorem inferioremque Moesiam acceperunt.
Cujus Candacis Alanovijamuthis patris mei genitor Paria, id
est meus avus, notarius quousque Candac ipse viveret fuit,
ejusque germanae filio Gunthicis (l. Gunthigis, p. 150) qui et
Baza dicebatur mag. mil. filio Andages fili Andele, de prosapia
Amalorum descendente, ego item quamvis agramatus Jordanis ante
conversionem meam notarius fui.“ Die nach den Hss. hergestellte
Form dieser Stelle macht ihre Bedeutung noch unsicherer. Ueber
die Namen Grienberger, Germania XXXIV, 406 (NA. XV, 615).
[4] Mommsen, Praef. p. X.
[5] ib. p. VII.
Die eigentliche grammatische Bildung der Schule war ihm fremd, wie er
selbst sagt, doch konnte es ihm nicht schwer fallen, griechische und
lateinische Schriftsteller zu lesen, und damit hat er sich denn auch,
wohl besonders in der späteren Zeit seines Lebens, eifrig beschäftigt,
wenn gleich die umfassende Belesenheit, welche seine Gothengeschichte
zu zeigen scheint, nur als erborgtes Gut gelten kann.
Seine Schreibweise ist entstellt durch den gesuchten, sententiösen
Charakter der Zeit, doch nur da, wo er seiner cassiodorischen Vorlage
folgt; er selbst drückt sich ungeschickt und unbehülflich aus und
klammert sich ängstlich an seine Quellen; die volle Barbarei der
damals gewöhnlichen Schreibweise einer Bevölkerung, welche fast alles
Gefühl für grammatische Formen verloren hatte, bis dahin nur aus den im
Original uns erhaltenen Urkunden bekannt, ist nun auch bei ihm nach den
ältesten und besten Handschriften hergestellt[6].
[6] Immerhin giebt es zu denken, daß auch bei Orosius, wenn der cod.
Laurent. nicht erhalten wäre, aus der Donaueschinger Hs. dieselbe
Barbarei herzustellen sein würde.
Die Vorrede seiner Getica hat Jordanis mit geringen Aenderungen
wörtlich von Rufin entlehnt[7]. Natürlich eignete er sich auch die
römisch christliche Weltanschauung an; dahin führte ihn sein Stand,
dahin auch die ganze Richtung seines Volkes. Vollkommen theilt er
die Verehrung des Kaiserthums, und wenn er es unternahm, die Folge
der Weltreiche in gedrängter Uebersicht darzustellen, so konnte ihm
doch der Gedanke niemals nahen, daß etwa auch das römische Reich sein
Ende erreicht habe und andere an seine Stelle treten würden. Eben war
er, wie er uns berichtet, mit der Abfassung eines solchen Handbuches
beschäftigt, als sein Freund Castalius oder Castulus ihn aufforderte,
Cassiodors =Geschichte der Gothen= in einen Auszug zu bringen[8].
Diese Aufgabe, sagt er, sei für ihn um so schwieriger gewesen, da ihm
das Werk nicht einmal vorliege, sondern er es nur einmal in früherer
Zeit auf drei Tage zum Lesen erhalten habe. Doch glaube er sich des
wesentlichen Inhalts noch vollständig zu erinnern[9]. Damit habe er nun
verschiedenes aus griechischen und lateinischen Geschichten verbunden,
den Anfang und das Ende aber, wie auch mehreres in der Mitte von seinem
Eigenen dazu gethan. Später, im Verlauf der Geschichte, nennt er den
Cassiodor nie, ebenso wenig aber auch den gegen das Ende benutzten
Marcellinus. Es unterliegt nun wohl kaum noch einem Zweifel, daß er,
wie schon Cassel angenommen hatte, bis auf wenige unbedeutende Zusätze
eben nur den Cassiodor ausgezogen hat, was ihm ja auch aufgetragen
war, und die Ungenauigkeit der gelehrten Citate bestätigt, daß auch
sie mit herüber genommen sind[10]. Man muß also annehmen, daß er sich
schon früher schriftliche Auszüge gemacht hatte, die er jetzt, ohne
das Werk selbst wieder einsehen zu können, verarbeitete, eine in der
That schwierige Aufgabe, welche wohl von einer zu harten Beurtheilung
des ungeschulten Gothen abhalten sollte. Doch läßt sich freilich
nicht leugnen, daß seine Benutzung der Annalen des gleichzeitigen
Marcellinus Comes[11] nicht befriedigender ausgefallen ist. Denn
nach diesem Führer erzählt er mit auffallender Kürze von den Siegen
Belisars, und die Vergleichung mit den knappen aber genauen und
zuverlässigen Angaben dieses Schriftstellers fällt nicht günstig für
unseren Autor aus, der sich offenbar mit größerer Vorliebe den alten
Ueberlieferungen zuwendet, und wie das bei den Anfängen einer gelehrten
Geschichtschreibung so häufig ist, gerne eine unverdaute Gelehrsamkeit
auskramt, von der sorgsamen Gewissenhaftigkeit aber, welche die
Nachwelt am höchsten schätzt, kaum einen Begriff hat. Indem er nun
hierin gegen gleichzeitige und spätere Annalen zurücksteht, zeichnet
er sich dagegen vor den einfachen Chronisten aus durch das Festhalten
eines leitenden Gedankens, welcher die Darstellung beherrscht. Man
hat Jordanis eine gänzliche Entfremdung von seinem Volke zum Vorwurf
gemacht. Nicht zum Ruhme der Gothen, sagt er schließlich, habe er
dieses geschrieben, sondern um den Ruhm des Siegers zu erhöhen. Allein
darauf darf man nicht zu viel Gewicht legen. Die Liebe zu seinem Volke,
der Stolz auf die Tapferkeit der Gothen, auf die Herrlichkeit der
Amaler, treten vielmehr mit großer Lebhaftigkeit überall hervor, und
eben deshalb hielt Jordanis es für nöthig, durch eine solche Wendung in
der damaligen Zeit des Krieges dem Argwohn der Herrscher zu begegnen.
Denn als er dieses schrieb, war der Krieg noch keineswegs beendigt,
sondern vielmehr mit neuer Wuth entbrannt. Jordanis aber hatte
allerdings für diesen letzten Todeskampf der Gothen keine Theilnahme;
dem stand in ihm theils seine politische Ansicht, theils das Blut der
Amaler entgegen, welches mächtiger war als das Volksbewußtsein. Er
setzte seine Hoffnungen auf Germanus, den Gemahl der Matasuinth, dem
ja auch von seinen Landsleuten so viele sich zuwandten, und nach dessen
frühem Tode auf den letzten Sprossen der Amaler, auf das Kind Germanus:
der sollte sein Volk wieder sammeln und beherrschen, im engsten
Anschluss an das Römerreich, so wie einst Theoderich. An drei Stellen
gedenkt er dieses Kindes, und an der letzten spricht er ausdrücklich
die Hoffnungen aus, welche er an diesen Erben der vereinigten Anicier
und Amaler knüpft.
[7] Aus Rufini presb. praefatio in explanationem Origenis super
ep. Pauli ad Romanos, wie H. v. Sybel nachgewiesen, in Schmidts
Zeitschrift für Gesch. VII, 288. Ueber den am Eingang seiner Rom.
angeführten Jamblichus s. Mommsen, NA. VIII, 352.
[8] Der Titel beider Werke scheint gelautet zu haben: _De origine
actibusque Getarum_.
[9] „Ad triduanam lectionem dispensatoris eius beneficio libros ipsos
antehac relegi, quorum quamvis verba non recolo, sensus tamen et
res actas credo me integre retinere.“ -- Zu den drei Tagen bemerkt
Mommsen „si credis“.
[10] G. Kaufmann, Krit. Unters. der Quellen z. Gesch. Ulfilas, handelt
von d. Gothi minores (c. 51) im Gegensatz zu Bessell, u. bemerkt
S. 243, daß, wenn auch Jordanis den Orosius selbständig benutzt
habe, doch im Cap. 25 u. 26 die Vermischung seiner Angaben mit
Amm. Marc. 31, 3 ihm von Cassiodor herzurühren scheine.
[11] Oder dessen Vorlage, s. oben S. 56, Anm. 2.
Denn das ist eben, wie Sybel nachgewiesen, und Stahlberg weiter
ausgeführt hat, der leitende Gedanke des Jordanis, daß er, was ja auch
richtig war, nur in der friedlichen Einfügung des Gothenvolkes in das
römische Reich die Möglichkeit und Hoffnung einer gedeihlichen Zukunft
für dasselbe erkennt. Ihm konnte es nur als ein hoffnungsloses und
frevelhaftes Unternehmen erscheinen, wenn die letzten Gothenfürsten,
die dem Stamm der Amaler fremd waren, sich dem letzten Weltreich
gegenüber feindlich behaupten wollten, um so mehr, da er katholisch
war, und dadurch im Gegensatze zu seinen arianischen Volksgenossen
mit der Einheit der Kirche auch die Einheit des weltlichen Reiches
erstreben mußte. Daher legt er überall besonderes Gewicht auf die
friedlichen Beziehungen der Gothen zum Ostreiche, und seine Theilnahme
und Hoffnung konnten sich nur dem Germanus zuwenden. Dieser Auffassung
konnte sich damals niemand entziehen, der in den Bildungskreis der
römischen Kirche eingetreten war, und sie blieb herrschend, bis die
Franken stark genug waren, um sich selbst als die wahren Träger
des erneuten römischen Reiches betrachten zu können. Vollkommen
zutreffend bezeichnet daher L. v. Ranke[12] sein Werk als eine „zwar auf
historische Vorstudien basierte, aber zugleich auf den Moment angelegte
politisch-historische Arbeit über die Geschichte der Gothen“. Auch ist
es richtig, daß er ganz im Sinne Cassiodors geschrieben hat, aber wenn
dann die Vermuthung hinzugefügt wird, dass Cassiodor selbst als der
intellectuelle Urheber des Werkes zu betrachten sei, so läßt sich das
weder mit den Verhältnissen vereinigen, noch ist zu erklären, weshalb
Jordanis das so sorgfältig hätte verbergen sollen.
[12] Weltgeschichte IV, 2. Abth. S. 313-327.
Von großer Wichtigkeit aber ist es, festzustellen, wo und unter welchen
Verhältnissen Jordanis sein Werk geschrieben hat. Da finden wir nun
bei Mommsen die Behauptung, dass er als Mönch in einem mösischen
oder thracischen Kloster gelebt und geschrieben habe. Er beruft sich
auf seine besonders genaue Kenntniß des unteren Donaulaufes und der
benachbarten Gegenden, und daß er bei dem Auszug aus Cassiodor gerade,
was sich auf Mösien und Thracien bezog, bevorzugt habe, was sich
indessen durch die Angaben über seine Herkunft leicht erklären läßt.
Weit wichtiger ist die Frage, ob aus den Worten „ante conversionem
meam“ mit Nothwendigkeit zu schließen ist, daß er Mönch geworden sei.
Das wird behauptet, aber ich finde keinen Beweis dafür, daß nicht auch
der Eintritt in den geistlichen Stand so bezeichnet werden könne.
Wir haben ja aus späterer Zeit Mönche genug, welche geschichtliche
Werke geschrieben haben, aber aus diesen Jahrhunderten ist mir
keiner bekannt. Ihre Stellung zur Welt hat sich im Laufe der Zeit
und vorzüglich durch die eigenthümliche Entwickelung der Kirche im
Abendland völlig verändert. Wer damals in ein Kloster eintrat, zog
sich in vollem Ernst aus der Welt zurück und erfuhr, wie noch jetzt
orientalische Mönche, sehr wenig von ihr. Cassiodor zuerst scheint
seine Mönche überhaupt auf litterarische Beschäftigung hingewiesen
zu haben. Ich halte es für vollkommen undenkbar, daß ein Mönch in
einem Kloster in Mösien ein solches Werk hätte zu Stande bringen, daß
er das neueste Annalenwerk hätte erhalten und über die politischen
Angelegenheiten der Gegenwart hätte schreiben können.
Deshalb halte ich fest an der Entdeckung Jakob Grimms, der in dem
Vigilius, welchem Jordanis sein zweites Werk gewidmet hat, den
damaligen römischen Pabst erkannt und mit überzeugenden Gründen
nachgewiesen hat[13]. Schon früher hatte Cassel auf einen Jordanis,
Bischof von Kroton, aufmerksam gemacht, welcher in einem Schreiben
des Pabstes Vigilius erwähnt wird; seine Vermuthung, daß er mit
unserm Autor identisch sei, fand Zustimmung. Es erklärt sich nun
dadurch leicht, daß er von dem Verwalter der unfern gelegenen Güter
Cassiodors dessen Werk auf kurze Zeit erhielt, auch daß er sich nicht
selbst im Gothenreiche befand, als er schrieb. Schirren freilich
hat einen anderen Jordanis vorgezogen, den Pabst Pelagius in einem
Schreiben vom Jahre 556 als Defensor der römischen Kirche erwähnt;
allein mit Recht hat Bessell hervorgehoben, daß doch nur ein Bischof
den römischen Pabst _frater_ anreden könne, und daß auch der ganze
Inhalt des Trostschreibens nur für einen Amtsbruder angemessen sei.
Auch bezeichnen ihn als solchen nicht geringe Handschriften[14]. Noch
erheblicher aber ist der Umstand, daß nach jenem Schreiben des Vigilius
Jordanis von Kroton sich im Jahre 551 mit ihm in Constantinopel befand,
daß er also zu denjenigen gehörte, welche ihn in seinem Exil (547
bis 554) begleiteten. Dasselbe nimmt auch Schirren von dem Defensor
Jordanis an, und hat deshalb die Vermuthung, welche auch Stahlberg
wahrscheinlich fand, ausführlich begründet, daß nämlich Jordanis
seine Gothengeschichte 551 in Constantinopel verfaßt habe[15]; darin
stimmen Bessell und Gutschmid mit ihm überein, und in der That ist die
Wahrscheinlichkeit dafür so groß, daß sie fast zur Gewißheit wird.
Nun erklärt es sich sehr einfach, weshalb Jordanis sich Cassiodors
Buch nicht wieder verschaffen konnte, während Marcellins Annalen ihm
zugänglich waren; man begreift, daß Vigilius und seine Anhänger eines
Buches bedurften, welches ihnen die gothische Geschichte kurz und
übersichtlich vorführte, die ältere vorzüglich, weil die Ereignisse
der letzten Jahrzehnte noch in frischem Gedächtniß waren. Die Worte
Jordanis, in welchen er seinen Freund Castalius als Nachbar der Gothen
(vicinus genti) im Gegensatz zu seiner eigenen Lage bezeichnet,
sind nun nicht mehr auffallend, und der politische Standpunkt, die
ängstliche Behutsamkeit des Verfassers, seine geringe Kenntniß der
Kämpfe in Italien, der Mangel an Theilnahme für die neue Erhebung
unter Totila, die lebhafte Hoffnung, welche er an den Sprößling der
Anicier und Amaler knüpft, so wie die Vertrautheit mit den in Byzanz
getroffenen Maßregeln und erst begonnenen Unternehmungen, alles das
tritt in ein helleres Licht, so daß an der Richtigkeit dieser Annahme
kaum zu zweifeln ist.
[13] Ueber Jornandes S. 12. Ebert S. 535 bekämpft die Annahme, weil
die Sprache des Schreibers nicht hinlänglich respectvoll sei.
Mir scheint das bei der damaligen Sachlage und der durchaus nicht
imposanten Persönlichkeit des Pabstes unerheblich. Noch weniger
kann ich in den Worten: „quatinus diversarum gentium calamitate
comperta ab omni aerumna liberum te fieri cupias et ad Deum
convertas, qui est vera libertas“ eine Aufforderung sehen, Mönch
zu werden, wie sich dagegen auch Schirren erklärt. -- In der 2.
Ausg. S. 561, Anm. 3, ist Ebert dabei geblieben.
[14] „episcopum eum dicit librorum ordo primus in titulo Romanorum“.
Mommsen p. XIII.
[15] Oder in Chalcedon, wohin Vigilius um Weihnachten 550 flüchtete,
und wo er bis zum Frühjahr 553 blieb.
Bald nach der Vollendung der Gothengeschichte konnte Jordanis auch dem
Vigilius seine Chronik überreichen, die, wie er selbst sagt, im 24.
Jahre Justinians (welches am 1. April 551 begann)[16], beendigt war. Die
erneuten Kämpfe der Gothen sind hier mit sichtlicher Abneigung gegen
Totila berührt, die letzte Katastrophe aber war noch nicht zur Kenntnis
des Verfassers gekommen. Uebrigens ist dieses Werk, welches gewöhnlich
_De regnorum successione_ genannt wird, richtiger (nach Mommsen) _De
summa temporum vel origine actibusque gentis Romanorum_ betitelt wird,
eine unbedeutende und ungeschickte Compilation; es ist großentheils aus
Florus entlehnt, so wörtlich, daß die neuesten Herausgeber desselben,
Jahn und Halm, aus Jordanis den Text des Florus bedeutend berichtigen
konnten; später benutzt er den Eutrop, Orosius und andere, welche in
der Ausgabe von Mommsen nachgewiesen sind. Wichtig ist diese Schrift
fast nur als höchst charakteristisch für den Standpunkt des Verfassers,
denn die Weltgeschichte ist ihm eben nur die römische, angeknüpft an
die aus der Chronik des Hieronymus entlehnten Generationen des alten
Testaments und die Regentenreihen der früheren Weltreiche; er beruft
sich ausdrücklich auf die Prophezeiung des Daniel, daß diesem Reich die
Herrschaft bis ans Ende der Welt beschieden sei.
[16] Mommsen p. XIV.
§ 6. =Die Westgothen.= Isidor.
Aschbach, Geschichte der Westgothen, Frankf. 1827. Lembke, Geschichte
von Spanien, Hamb. 1831. F. Dahn, die Könige der Germanen, Abth.
V. 1870. Teuffel § 487.
Spanien gehörte, wie Gallien, in den letzten Zeiten des römischen
Reiches zu den blühendsten Provinzen und war von der römischen Bildung
der damaligen Zeit vollkommen durchdrungen. Unendlich viel ging hier zu
Grunde in den verheerenden Kriegen des fünften Jahrhunderts, wo Spanien
unausgesetzt der Kampfplatz verschiedener deutscher Völkerschaften war;
die Westgothen aber, welche allmählich ihr Reich dort befestigten,
zeigten sich der römischen Bildung ebenso wenig abgeneigt wie die
Ostgothen, und während sie die unterworfenen Romanen mit großer Milde
behandelten, erhielt sich auch unter ihnen noch ein Nachklang des
wissenschaftlichen Lebens der besseren Zeit; sie selbst jedoch haben
nicht in namhafter Weise an dieser Thätigkeit Theil genommen.
Den Anfang der barbarischen Heimsuchung Spaniens erlebte noch
=Orosius=, der Augustins Geschichte des Reiches Gottes auf dessen
Wunsch die Schilderung des Elendes dieser Welt zur Seite stellte. Er
wollte darin nachweisen, daß nicht das Christenthum, wie die Heiden
behaupteten, das Elend über die Welt gebracht habe, sondern daß es
zu allen Zeiten viel Trübsal und Leiden gegeben: eine Auffassung,
welche in den Zeiten des Unglücks und der Verwirrung überall Anklang
fand und großen Einfluß auf die Ansichten der mittelalterlichen
Geschichtschreiber geübt hat, ganz besonders auf Otto von Freising,
dessen Chronik sich unmittelbar an Augustin und Orosius anschließt.
Für uns mindert die unhistorische Auffassung des Orosius, die dadurch
bedingte einseitige Benutzung und Entstellung seiner Quellen, und sein
ziemlich leichtfertiges Verfahren, den Werth, welchen sein Werk sonst
durch die Benutzung jetzt verlorener Schriften, namentlich des Livius,
haben würde. Im Anfang legt auch er den Eusebius in der Bearbeitung
des Hieronymus und des Rufin zu Grunde, schreibt dann vorzüglich den
Justin aus und geht endlich zu einer ganz überwiegenden Darstellung
der römischen Geschichte über. Das römische Reich ist ihm nach der
erst kurz zuvor, wenn auch nicht zuerst, von Hieronymus aufgestellten
Deutung die vierte Weltmonarchie; als die vorhergehenden aber sieht er,
abweichend von den späteren Chronisten, das babylonische, macedonische
und karthagische Reich an. Am Schlusse seines Werkes giebt Orosius die
Geschichte seiner Zeit bis 417, in welchem Jahre er seine Geschichte
schrieb, und dieser Abschnitt hat, obschon dürftig und ganz erfüllt von
dem engherzigen Geiste der pfäffischen Hofpartei, welcher so eben der
Sturz des großen Stilico gelungen war, doch selbständigen Werth, und
enthält namentlich gute Nachrichten über Spanien und die Geschichte der
Westgothen[1].
[1] Th. de Mörner, De Orosii vita eiusque Historiarum libris VII
adversus paganos. Berol. 1844. 8. Vgl. Papencordt, Geschichte
der Vand. 337-340. 365. Büdinger in Sybels Zeitschrift VII, 113.
Pallmann II, 236-245. (Gegen dessen Vermuthung einer Fortsetzung
unter dem Titel _De Placidia et moribus ejus_, Waitz, Gött. Nachr.
1865, S. 113. Zangemeister in der kl. Ausg. v. 1890 Praef. p.
XXI.) Ebert S. 337-344. Ausgabe von Zangemeister im Wiener Corpus
V, 1882. Rec. von Krusch, HZ. L, 472-476, darin S. 475 über das
Jahr 417, nach Orosius Rechnung 419.
Unter der westgothischen Herrschaft entstanden ferner mehrere jener
wortkargen annalistischen Aufzeichnungen, welche sich an die Chronik
des Hieronymus anschlossen, und in den späteren Weltchroniken
regelmäßig den Uebergang vom Hieronymus zum Beda bilden, weshalb eine
Zeit lang westgothische, später angelsächsische Namen vorherrschen.
Die wichtigste dieser Chroniken, für viele Begebenheiten unsere einzige
Quelle, ist das Werk des Aquitaniers =Tiro Prosper=, wie er an einigen
Stellen genannt wird, oder kurzweg =Prosper=, wie er gewöhnlich
heißt[2]. Um 400 geboren, hat Prosper sich eine für jene Zeit
hervorragende Bildung erworben, und zwar haben ihn, obgleich er Laie
war und blieb[3], ganz vorzüglich theologische Studien beschäftigt.
Als eifriger Verehrer und Bewunderer Augustins kämpfte er wacker
gegen Pelagianer und andere Ketzer, und erwarb sich als Schriftsteller
einen angesehenen Namen. Im Jahre 440 scheint er den Pabst Leo nach
Rom begleitet zu haben; er wird als Verfasser von Briefen genannt,
welche Leo's Namen tragen, und blieb fortan, vermuthlich als Notar,
am römischen Hofe, wo er die Angst vor Attila und den Schrecken der
vandalischen Eroberung erlebte. Hier, wie es scheint, hat er sein
_Chronicon_ geschrieben, oder doch vollendet, welches in erster
Redaction bis 445 reicht[4], in zweiter bis 455 fortgeführt ist[5].
Er beginnt mit der Erschaffung der Welt, beschränkt sich aber im
ersten Theile ganz auf einen grundschlechten Auszug aus Hieronymus,
welcher dessen eigenthümlichen Vorzug, die chronologische Bestimmtheit
und Uebersichtlichkeit, ganz zerstört. Von Christi Tod an beginnt
bei ihm das Verzeichniß der Consuln, welches er einem Exemplare der
Ravennatischen Fasten entlehnte. Auch finden sich Zusätze, welche sich
vorzüglich auf die verschiedenen Ketzereien beziehen und aus Augustins
Schriften entlehnt sind. Weiterhin sind auch andere Quellen benutzt,
darunter die Geschichte des ihm geistesverwandten Orosius. Spätestens
von 425 an berichtet er als Zeitgenosse, und zwar über einen Zeitraum,
aus welchem andere Quellen fast ganz mangeln. Flüchtig und nachlässig,
in dürftiger Kürze berichtet er auch hier, aber werthvoll ist in hohem
Grade, was er mittheilt. Dem Interesse des römischen Stuhles zeigt
er sich überall eifrig ergeben, und verändert sogar Nachrichten des
Hieronymus in solcher Tendenz.
[2] S. über ihn die Abhandlung von Holder-Egger im NA. I, 13-90,
welche ich hier zu Grunde lege.
[3] Holder-Egger S. 55, bes. auf Gennadius gestützt. Mommsen freilich
nimmt geistlichen Stand an, weil er in dem Schreiben an Augustin
einen Diaconus seinen _frater_ nennt. Das ist jedoch schon von
den alten geistlichen Herausgebern als irrelevant zurückgewiesen.
[4] _Chronicon vulgatum_ genannt, weil es zuerst, als Fortsetzung des
Hieronymus, bekannt wurde, in allen Drucken mit Interpolationen.
Ueber die älteste Ausgabe s. oben S. 9 Anm. 5. Erste und beste
kritische von Pontacus: Chronica trium illustrium auctorum.
Burdigalae 1604. Mommsen nimmt wegen der abschliessenden
Berechnung eine erste Ausgabe bis 433 an, eine zweite bis 443, an
welche Victor Tonnenensis (so schreibt M.) sich anschloss.
[5] _Chronicum integrum_ ed. Labbe, Bibl. nova Manuscriptorum, Paris
1657, I, 16-55. Jetzt allein brauchbar die Ausgabe von Mommsen
u. d. T. _Epitoma chronicon_. Auctt. antt. I, 341-485, woran sich
verschiedene Additamente schliessen. (So weit konnte ich diesen
Band benutzen.)
Verständiger Weise hat man schon früh den ersten Theil bis 378 als
werthlos fortgelassen, und nur den zweiten als Fortsetzung mit der
Chronik des Hieronymus verbunden. In dieser Gestalt wurde die Chronik
als bequemstes Handbuch der Weltgeschichte schon sehr früh allgemein
benutzt, und noch im 16. Jahrhundert häufig gedruckt, jedoch mit
Zusätzen, welche den ursprünglichen Text verdunkeln. Man verband damit
die Fortsetzung des Matthaeus Palmerius bis 1449, die weitere des
Matthias Palmerius bis 1482, und fügte noch eine Fortführung bis zum
Druckjahre hinzu, weil man den praktischen Gebrauch im Auge hatte.
Eine Ueberarbeitung der Chronik des Prosper bis 445, mit einer
römischen Fortsetzung bis 451, die noch Verwandtschaft mit dem Text
des Prosper zeigt, ist in Afrika, wahrscheinlich in Karthago, verfaßt
und bis 457 fortgeführt, mit Benutzung der Consularfasten. Hinzugefügt
ist eine Uebersicht der Geschichte des vandalischen Reiches von der
Einnahme von Karthago bis zum Untergang des Reichs 533[6].
[6] Das sog. _Chronicon Canisianum_, auch _Ulricianum_ und
_Augustanum_ nach dem Fundort der HS. in St. Ulrich u. Afra.
Diese und die zweite Pariser HS. stammen aus der Sammlung des
Reichenauer Reginbert. Ausg. Canis. I, 148 u. 306 ed. II. Bibl.
Max. Patr. Col. V pars III. Lugd. VIII. Ronc. I, 677-704. S.
Holder-Egger im NA. I, 24. 37-47. 278 u. S. 280 bis 291 über den
vat. Auszug mit Forts. bis 466 u. _Auctarium Prosperi_ e cod. Vat.
Christ. 2077.
Irrthümlich Prosper zugeschrieben ist das _Chronicon imperiale_ oder
_Pithoeanum_ (379-455), welches am Anfang und am Ende mit Prosper
übereinstimmt, übrigens aber in Form und Inhalt ganz verschieden
ist. Als Zeitrechnung dienen hier die Regierungsjahre der Kaiser.
Verfaßt ist es, wahrscheinlich vom Autor selbst, als Fortsetzung
des Hieronymus; wenigstens findet es sich nur mit diesem verbunden.
Geschrieben ist es auf Grundlage der Consularfasten mit Benutzung
des Rufinus und anderer unbekannter Quellen im südlichen Gallien,
vielleicht in Marseille, mit besonderer Verehrung des Klosters Lerins.
In scharfem Gegensatz zu Prosper erscheint der Verfasser zwar auch von
lebhaftem kirchlichen Interesse erfüllt, aber Augustin abgeneigt und
semipelagianistisch gesinnt. Holder-Egger vermuthet, daß die Chronik
vielleicht unvollendet blieb und von anderer Hand aus Prosper ergänzt
wurde, um den Uebergang zum Marius zu bilden. Benutzt ist es nur
von dem sog. Severus Sulpicius und später von Sigebert, durch den es
allgemein bekannt und verbreitet wurde. Es ist voll von chronologischen
Irrthümern, aber enthält wichtige Nachrichten über die Geschicke der
germanischen Völker in Gallien[7].
[7] Holder-Egger im NA. I, 91-120. Ausg. von Pithou 1588 etc. Roncall.
I, 739-760.
Von erheblichem Werthe und namentlich durch gute Nachrichten über die
Sueven und Westgothen sehr schätzbar ist die Chronik des galizischen
Bischofs =Idatius= oder =Hydatius= (gebürtig aus Lamego, daher
=Lemicensis=), welcher den Hieronymus fortsetzte, und nach seiner
eigenen Angabe bis 427, in welchem Jahre er Bischof wurde, aus Büchern
und den Berichten der Zeitgenossen schöpfte, von da an bis 467 aus
eigener Erfahrung von den Begebenheiten berichtete, in welchen er als
angesehener Bischof eine nicht unbedeutende Rolle spielte[8].
[8] Ronc. II, 1-54. Sirmondi opera varia II. Ausg. von De Ram, Brux.
1845. Migne LI. Vgl. Baehr S. 208-212. Papencordt, Gesch. d.
Vandalen S. 352-355. Ebert S. 443. Krusch, NA. VII, 475-478. Ueber
sein Verhältniß zu den Consularfasten. Mommsen, Auctt. antt. IX,
201 (oben S. 58).
Eine grundschlechte, doch durch ihren Inhalt wichtige Chronik schrieb
=Victor=, Bischof der unbekannten Stadt =Tunnuna= in der afrikanischen
Proconsularprovinz. Er scheint von der Schöpfung begonnen zu
haben, aber erhalten ist sein Werk nur als Fortsetzung des Prosper
(444-566)[9]. An dasselbe schließt sich die Fortsetzung eines Gothen,
=Johannes von Biclaro=, der aber in Constantinopel seine Bildung
erhalten hatte, bis zum Jahre 590. Er stiftete 586 das Kloster Biclaro
am Fuße der Pyrenäen, wo er auch seine Chronik geschrieben hat; 591 ist
er Bischof von Gerona geworden[10].
[9] Ronc. II, 337. Migne LXVIII. Vgl. Baehr S. 217. Papencordt S.
359-365. Ebert S. 586. Holder-Egger im NA. I, 298-300. Scaliger
benutzte dieselbe Abschrift Schotts, s. darüber C. Frick, Rhein.
Mus. f. Philol. N. F. XLIV, 369-373.
[10] Ausg. von Canisius mit Victor Tunnunensis 1600 etc. Baehr S. 218.
Ebert S. 587. Zu warnen ist vor den von Papencordt benutzten und
durch ihn weiter gelangten, gefälschten Fragmenten des angeblichen
=Victor Cartenensis=.
Eine Fortsetzung des Prosper bis 581 schrieb in Burgund der Bischof
=Marius von Avenches=, auf welchen wir noch zurückkommen. Eine
eigenthümliche Umgestaltung des Textes mit werthvollen Zusätzen und
Fortsetzung bis 641 bietet uns der =Continuator Prosperi Havniensis=,
so genannt, weil die Handschrift 1836 von G. Waitz in Kopenhagen
entdeckt wurde. Lange nur durch spärliche Mittheilungen bekannt, wurde
sie endlich von G. Hille abgeschrieben und 1866 in einer Berliner
Dissertation herausgegeben. Der Verfasser schrieb im Langobardenreich,
vielleicht in Mailand, gehörte aber der romanischen Bevölkerung an.
Er versah schon Hieronymus und Prosper mit Zusätzen aus Isidor, einem
Pabstkatalog und den Consularfasten; auch hat er gallische Annalen
benutzt. Der Fortsetzung fehlen die Jahre 458-474. Beim Jahre 523 hört
die Rechnung nach Consuln auf, und die Regierungen der Kaiser treten
an die Stelle, wie bei Isidor, welcher von nun an dem Verfasser als
Leitfaden dient[11].
[11] Bethmann im Arch. X. 380. Waitz, Nachr. 1865 N. 4. Holder-Egger
im NA. I, 259-268. Theilweise Auctt. antt. IX in den Consularia
Ital. herausgegeben.
Näher auf diese Werke einzugehen, deren Werth nur in ihrem materiellen
Inhalt besteht, würde hier nicht am Orte sein; sie durften nicht ganz
übergangen werden, weil sie den Uebergang zu den späteren Chronisten
bildeten, denen vorzüglich Prosper und Idatius ganz allgemein
als Grundlage für diese Zeiten dienten: die weiteren Quellen der
westgothischen Geschichte aber dürfen wir hier wohl unbedenklich bei
Seite lassen[12]. Dagegen haben wir noch eines Mannes zu gedenken, der,
wie jene Vertreter der alten grammatischen Bildung am Hofe von Ravenna,
alles was von der überlieferten Schulbildung noch übrig war, in sich
aufgenommen hatte, und durch seine Schriften einer der einflußreichsten
Lehrer des Mittelalters geworden ist, nämlich =Isidor von Sevilla=[13].
[12] Hervorzuheben ist noch des =B. Julian von Toledo= _Historia
Wambae regis_ über den Aufstand des Herzogs Paulus von Narbonne
und den Sieg des Königs 674. Duchesne I, 821 etc. Migne XCVI.
Ebert S. 604. Ein gefeierter Schriftsteller, Apostel der Sueven
in Gallicien, war der Pannonier =Martin=, gest. 580 als Bischof
von =Bracara= (Braga). Seine culturhistorisch wichtige Schrift
_De correctione rusticorum_ hat 1883 Caspari mit gründlicher
Einleitung über sein Leben herausgegeben. Vgl. Krusch, HZ.
LII, 128-130. Ueber die neue Ausg. und die Hss. der Chronik des
=Isidorus Pacensis= aus dem 8. Jahrh. s. P. Ewald, NA. X, 604.
[13] Isidori Hispalensis Opera ed. Arevalo, 1790-1803. 7 Bände in
quarto. Vol. VII enthält die historischen Schriften. Migne LXXXI
bis LXXXIV. Baehr, S. 221. Ebert S. 588-602.
Isidor war der Sohn des Severian, eines Provinzialen aus dem District
von Karthagena. Er folgte seinem Bruder Leander auf dem bischöflichen
Stuhle von Sevilla, und starb 636. Außer vielen anderen Werken, brachte
er die Summe aller Kenntnisse, welche er sich vermittelst der damals
noch vorhandenen Hülfsmittel erworben hatte, in ein Compendium, die
20 Bücher _Originum sive Etymologiarum_, welche eine außerordentliche
Verbreitung erlangten und allgemein gelesen und benutzt wurden[14].
Heut zu Tage ist man geneigt diese Bestrebungen gering zu schätzen,
ja ihnen zu zürnen, weil dadurch die älteren und besseren Werke
verdrängt wurden. Allein es war damals schwer sich eine Bibliothek zu
sammeln; nur wenige von denen, welche sich mit Wissenschaften überhaupt
beschäftigten, konnten sich die umfangreichen Handschriften der alten
Classiker verschaffen, und deshalb gewannen die leicht zugänglichen
Auszüge eine so rasche Verbreitung. Es ist sehr fraglich, ob sich
die reineren Quellen besser erhalten haben würden, wenn auch niemand
Auszüge daraus verfaßt hätte; diese dagegen setzten auch unbemittelte
Schüler in den Stand, wenigstens etwas zu lernen.
[14] Ausg. von Arevalo, Vol. III. IV, von Otto in Lindemanns Corpus
Grammatt. Vol. III. 1833. Migne LXXXII. Ueber die Quellen eine
Gött. Diss. von Dressel, 1875. Die Benutzung der Prata Suetons
(Suetonii Reliquiae ed. Reifferscheid 1860) ist stark überschätzt.
Vgl. L. Traube, Commentationes Wölfflin. p. 198 ff.
In jenem umfassenden Werke, welches freilich auch die mäßigsten
Ansprüche unbefriedigt läßt, ist nun auch eine kurze Chronik oder
chronologische Uebersicht, _liber de discretione temporum_, enthalten,
ein Auszug aus der zwölf Jahre früher verfaßten =Chronik=, welche
in gedrängtester Kürze eine Uebersicht der Begebenheiten von der
Erschaffung der Welt bis zum fünften Jahre des Heraklius, dem vierten
des Sisebut (615) giebt[15]. Eigenthümlich ist Isidor die Eintheilung
nach den =sechs Weltaltern=, entsprechend den sechs Schöpfungstagen;
das letzte beginnt mit Christi Geburt und Augusti Kaiserthum. Es ist
das ein bei Augustin wiederholt vorkommender Gedanke[16], welcher hier
zuerst chronistisch verwerthet wurde und später durch Beda allgemeine
Verbreitung fand.
[15] Bis era 654. Den Ursprung dieser spanischen, 38 a. C. beginnenden
Zeitrechnung findet Joh. Heller in dem Anfangsjahr der
Ostercyclen, Hist. Zeitschr. XXXI, 13-32. -- Kurze Fortsetzung
bis 877 MG. SS. XIII, 725.
[16] Gegen Büdinger, welcher Isidor für den Urheber derselben hielt,
nachgewiesen von Ebert S. 233 u. 599, u. von H. Hertzberg in
seiner Abh. über die Chroniken des Isidor, Forsch. XV, 289-360,
wo auch die Quellen derselben nachgewiesen sind.
So sehr nun auch Isidor von der kirchlichen Auffassung der
Geschichte erfüllt war, so hatte er doch auch ein lebhaftes Gefühl
für sein Land und für das Volk der Westgothen, von deren Milde und
Menschenfreundlichkeit er ein schönes Zeugniß ablegt. Denn nachdem
er die Einnahme Roms durch Alarich und die dabei geübte Schonung
beschrieben hat, fügt er hinzu: „Deshalb lieben auch bis auf den
heutigen Tag die Römer, welche im Reiche der Gothen leben, die
Herrschaft derselben so sehr, daß sie es für besser halten, mit den
Gothen in Armuth zu leben, als unter den Römern mächtig zu sein und die
schwere Last der Abgaben zu tragen.“ Das steht in der _Volksgeschichte
der Westgothen_, welche er verfaßt hat, kurz zwar und dürftig für uns,
die wir nach eingehenderer Darstellung verlangen, aber doch nicht ohne
Geschick zusammengefaßt und mit Wärme erzählt. Kurze Geschichten der
Vandalen und der Sueven schließen sich daran. Vorangeschickt aber ist
ein überschwengliches Lob Spaniens, das jetzt von dem blühenden Volke
der Gothen in Reichthum und glücklicher Sicherheit beherrscht werde.
Dieses Stück fehlt jedoch in den meisten Handschriften und ist nicht
von Isidor[17].
[17] Auch nicht die Recapitulatio, nach Hugo Hertzberg: Die Historien
des Is. (Gött. Diss. 1874) mit genauer Analyse der Quellen,
zu welchen vorzüglich auch die verlorene Geschichte des Bisch.
=Maximus von Zaragoza= bis c. 620 gehört, aus welcher auch die
Randglossen zum Victor Tunnunensis stammen (S. 65-72). Vgl.
NA. IX, 244. Uebers. d. Volksgeschichten von D. Coste 1887,
Geschichtschr. 10 (VII, I).
Außerdem aber haben wir endlich noch ein Werk des Isidor zu erwähnen,
welches ebenfalls große Verbreitung gefunden und manchen zur Nachahmung
gereizt hat. Das ist sein litterarhistorisches Buch _De scriptoribus
ecclesiasticis_. Er selbst folgte darin dem Vorgange des Hieronymus
und des Gennadius, eines Marseiller Priesters im fünften Jahrhundert.
Ihm schloß sich dann zunächst =Ildefons von Toledo= an und darauf nach
langem Zwischenraume im zwölften Jahrhundert =Sigebert=, =Honorius=,
=Petrus Diaconus= und der ungenannte Mönch, welcher nach dem Fundort
der Handschrift von =Melk= (Anonymus Mellicensis) genannt wird[18],
aber dem Inhalt nach vielmehr nach =Regensburg= gehört, alle dürftig
und mager, aber schätzbar durch einige nur von ihnen aufbewahrte
Nachrichten. Im dreizehnten Jahrhundert folgte ihnen =Heinrich von
Gent=[19] und endlich am Schlusse des Mittelalters der vielbelesene,
aber unzuverlässige =Johann von Trittenheim=[20]. Denselben Gegenstand
behandelte im 12. Jahrhundert =Conrad von Hirschau= in seinem _Dialogus
super auctores_[21], und im Jahre 1380 =Hugo von Trimberg=, Lehrer
zu St. Gangolf in Bamberg, in Versen, in seinem _Registrum multorum
auctorum_, dessen nicht eben reicher Ertrag von M. Haupt geprüft
ist, in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie 1854, S. 142 ff.;
vollständig herausgegeben von Joh. Huemer[22].
[18] Ueber die viel bessere gleichzeitige Handschrift in Admunt s. NA.
II, 421.
[19] Der Name beruht nur auf der Ausgabe von Suffridus Petri 1580.
Sicher ist er verschieden von dem bekannten Philosophen des
Namens, s. Hauréau, Mém. de l'Acad. des Inscriptions XXX, II,
349-357.
[20] Alle zusammen gedruckt in J. A. Fabricius Bibliotheca
ecclesiastica. Vgl. Baehr S. 228-245. Die gänzlich
unzuverlässigen, zum Theil geradezu erfundenen Angaben des
Trithemius sind lange Zeit ohne Prüfung angenommen und werden noch
jetzt häufig unvorsichtig nachgeschrieben. Adolf Helmsdörffer
in seinen Forschungen zur Geschichte Wilhelms v. Hirschau
(Gött. 1874) S. 35 ff. weist sehr gut nach, wie Trithemius
in seinen eigenen Schriften sich nicht gleich bleibt, die
erfundenen Schriftsteller seiner Annales Hirsaug. in den älteren
Verzeichnissen selbst nicht kennt. (Vgl. auch Silbernagel,
Trith. 1885, über die Zusätze der Würzb. Hs. zu seinem Catalogus
illustrium virorum.) Er verweist auf ein ungedrucktes Werk des
Abts =Andreas von Michelsberg= _Opus canonisatum de Ordine S.
Benedicti_, welches in Verbindung mit ihm steht (s. Arch. XI,
421-424). =Nicolaus de Siegen= in Erfurt in seinem _Chronicon
ecclesiasticum_ (ed. Wegele, Thür. Geschichtsquellen II, 1855)
scheint ihn schon benutzt zu haben. Ein _Congestus virorum
illustrium Ordinis S. Benedicti_ von =Petrus Gallus Wagner= 1487
in St. Ulrich und Afra verfaßt, ist noch ungedruckt und scheint
unabhängig zu sein. Das (werthlose) von =Radulfus de Diceto=
seiner Chronik vorausgeschickte Verzeichniß seiner Gewährsmänner
s. in der Ausg. von W. Stubbs, Lond. 1876, NA. III, 208.
[21] Entdeckt und herausgegeben von G. Schepss im Progr. des alten
Gymn. in Würzburg 1889.
[22] Wiener SB. CXVI, 145-190. Ueber eine zweite von A. Ebner gefundene
Hs. NA. XVI, 203.
§ 7. Die Franken.
Histoire Littéraire de la France, 1733 ff. Guizot, Histoire de la
Civilisation en France depuis la chute de l'Empire Romain, zuerst
1830 erschienen. Ampère, Histoire Littéraire de la France avant
le douzième siècle. 3 Vol. 1839, 1840. Aug. Thierry, Récits des
temps Mérovingiens, 1840. Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit,
1839. Zweite Ausg. 1869. Ozanam, Études Germaniques, 1845-1849; 3.
Ausg. 1861. Junghans, Die Gesch. d. Fränk. Könige Childerich u.
Chlodevech, 1857. Diss. traduite par M. Gabriel Monod, augmentée
d'une introduction et de notes nouvelles, 1879. G. Monod,
Bibliographie de l'histoire de France, 1888.
Die Gothen waren ohne Zweifel ein wohlbegabter, bildungsfähiger Stamm
und ihre Anfänge vielversprechend; aber die Westgothen zeigen nach
Isidor keine fortschreitende Entwickelung in der Litteratur, und
der Ostgothen Reich war in vollster Auflösung begriffen, als es den
Feldherren Justinians erlag. Keines der deutschen Reiche, welche auf
römischem Boden errichtet wurden, vermochte die innere Festigkeit
und Ordnung zu gewinnen, welche allein die Grundlage einer dauernden
und fortschreitenden Geistesbildung und litterarischen Entwickelung
darbieten kann. Einen ganz ähnlichen Verlauf der Dinge sehen wir auch
bei den Franken: auch sie finden einige Reste der alten Bildung vor,
welche sich eine Zeit lang kümmerlich erhalten; in der Kirche regt sich
dann einige litterarische Thätigkeit, aber zuletzt droht doch alles
in der allgemeinen Auflösung und Verwirrung rettungslos unterzugehen,
und es bedarf einer Neubelebung der fast ganz erstorbenen Keime,
um ein besseres Zeitalter herbeizuführen auf der Grundlage festerer
staatlicher Bildungen.
Hochberühmt waren in den letzten Jahrhunderten der Kaiserherrschaft
die Schulen der Grammatiker und Rhetoren in Gallien, die französischen
Schriftsteller gefallen sich darin, das Bild dieser Zeiten auszumalen,
und es tritt uns in den Werken von Guizot und Ampère lebendig entgegen.
Diese Studien, welche noch in den letzten Jahrzehnten des Reiches so
eifrig betrieben wurden, waren aber, wie sich das bei dem Charakter
dieser Zeiten nicht anders erwarten läßt, dem wirklichen Leben gänzlich
entfremdet, und bewegten sich nur auf dem Boden der Schule. Die Prosa
war bis auf einen unerträglichen Grad verkünstelt; die gesuchte,
kaum verständliche Schreibart, deren wir schon bei Ennodius und
Cassiodor gedachten, ist hier auf die Spitze getrieben. Die Poesie
war vorherrschend epigrammatisch und diente fast nur dem Zeitvertreib
der vornehmen Welt; durch Gelegenheitsgedichte suchten die Poeten die
Gunst hoher Gönner, oder diese griffen auch selbst zur Feder, und
bewiesen ihre feine Bildung durch allerhand poetisches Spielwerk,
wie =Ausonius= aus Bordeaux, der nach der Verwaltung bedeutender
Staatsämter in Muße der Litteratur lebte und bald nach 392 gestorben
ist[1]. Weniger glücklich als dieser, sah sich =Apollinaris Sidonius=
schon verdammt, unter den Barbaren zu leben, und deshalb sind seine
Gedichte und Briefe von um so größerem Werthe für uns: sie zeigen uns
nicht nur den damaligen Zustand der Schulen und des Lebens in Gallien,
sondern gewähren auch manche Kunde von den Burgunden und Westgothen,
denen er mit seiner Kunst dienen mußte. Innigst verabscheut er diese
Barbaren, und bei mancher Gelegenheit spricht er das unverhohlen aus,
aber bewundern und feiern ließ er sich doch recht gerne von ihnen.
Auch das große Hochzeitsfest der Franken, bei welchem diese von Aëtius
überfallen wurden, hat Sidonius zum Preise des Siegers geschildert.
Zuletzt wandte er sich der Kirche zu, welche allein noch einen sicheren
Hafen darbot, wurde 471 Bischof von Clermont in der Auvergne und starb
bald nach 484[2].
[1] Neue Ausg. v. C. Schenkl, MG. Auctt. antiquiss. V, 2. 1883; von
Peiper 1886, Leipz. Teubner. Mosella mit frz. Uebers. und Anm.
von H. de la Ville de Mirmont, Bordeaux 1889. Manitius, Gesch. d.
christl. lat. Poesie (1891), S. 105-111.
[2] Teuffel § 460. Fertig, Apollinaris Sidonius und seine Zeit,
in 3 Würzburger und Passauer Programmen 1845. 46. 48. Georg
Kaufmann, Die Werke des C. Sollius Apollinaris Sidonius, Gött.
Diss. 1864. Derselbe, Ueber Leben und Charakter des Sidonius, im
Neuen Schweizer Museum, 1865. Von demselben: Rhetorenschulen und
Klosterschulen oder heidnische und christliche Cultur in Gallien
während des 5. und 6. Jahrhunderts, in Raumers hist. Taschenbuch
IV, 10 (1869) S. 1-94. St. Sidoine Apollinaire et son siècle par
l'abbé Chaix, 1867; besser als das Buch ist die Recension von
G. Kaufmann, GGA. 1868, S. 1001-1021. Ebert I, 419 ff. Manitius
a. a. O. S. 218-224. Mommsen, S. A. am westgoth. Hof, Berl. SB.
1885, S. 215-223. Büdinger, A. S. als Politiker, Wiener SB. XCVII,
915-954. Aufsatz von Sandret über ihn als Historiker in d. Revue
des questions hist. LXIII, 210 (Juli 1882). Ausg. von Grégoire
und Collombet in 3 Bänden, Lyon 1836: v. Baret, Paris 1879: v.
Luetjohann MG. Auctt. antt. VIII. Migne LVIII. E. Chatelain über
den cod. Vat. 3421, Mélanges Graux, S. 321-327.
Einst hatte Constantin die fränkischen Gefangenen den wilden Thieren
vorwerfen lassen, weil sie ihm zu wild und treulos erschienen, um sich
wie andere Barbaren zum Anbau des Landes, zum Kriegsdienst oder als
Sclaven verwenden zu lassen: nur der Schrecken, meinte er, vermöge sie
zu bändigen. Aber die vielfache, wenn auch feindliche Berührung mit
den Römern milderte allmählich ihre Wildheit; bald finden wir Franken
in ansehnlichen Aemtern bei den Römern, und schon am Ende des vierten
Jahrhunderts war der Franke Arbogast Befehlshaber der Heeresmacht
im westlichen Reiche. In der Mitte des fünften Jahrhunderts sind die
salischen Franken von den Römern abhängig, sie führen ihre Kriege und
schlagen ihre Schlachten. Mit den Römern verbündet, durchzieht der
König Childerich ganz Gallien nach allen Seiten; er besiegt mit ihnen
die ketzerischen Westgothen, die britischen und sächsischen Seeräuber,
die plündernden Alamannen. Obgleich noch Heide, ist Childerich
mit seinen Franken doch bereits dem ganzen Lande wohlbekannt, aber
nicht mehr als der wildeste aller Feinde, sondern als Retter und
Beschützer. Man freute sich des alten Hünen, wo man ihn sah, hoch zu
Roß, in reicher und prächtiger Rüstung: der Königsmantel, in welchem
seine Getreuen ihn zu Tournay bestattet haben, bestand aus purpurner
golddurchwirkter Seide, wahrscheinlich besetzt mit den goldenen Bienen,
die man in so großer Zahl in seinem Grabe fand und die Napoleon von ihm
entlehnt hat. Natürlich war das alles von römischer Arbeit, auch sein
Siegelring führte die lateinische Inschrift: CHILDIRICI REGIS[3].
[3] J. J. Chifflet, Anastasis Childerici I illustrata, Antv. 1655, 4.
L'abbé Cochet, Le Tombeau de Childéric I. Paris 1859.