Sie einigten sich über das Lösegeld und Las Casas blieb allein. Es ging
schon gegen Morgen. Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann.
Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür war nicht verschlossen und er
sah keine Wache. Er stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel eines
Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. Es roch modrig. Von Zeit zu
Zeit merkte er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber er mied sie.
Plötzlich fühlte er Schwindel, und die Furcht, daß er sich im Kreise
bewege, zog ihm das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel, wie er
bleich ward und schlug hastig den Gang in einen Kreuzstollen ein, der das
Gewölbe durchbrach. Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang getastet
hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab, eine Dämmerung schwoll auf, leichte
Helle lockte, und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes, das größer
wurde und ihm entgegenströmte im Nahen und Mond ward . . . und ihn
hinauszog auf einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht.
Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt in der Mitte, als schwämmen
sie auf dem Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen blitzende Strahlen
Quecksilber.
Las Casas schlich über den taghellen Hof, an die Mauer geduckt und von dem
schmalen Gurt ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen zwei
Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah hinein.
Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und schaute müd und regungslos dem
Spiel eines jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben eine Zeit
so. Innen der Türke in das Betrachten versunken, der Marques fand nicht den
Augenblick, sich von dem Posten geräuschlos zu lösen.
Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob die Augen. Die Augen mußten über
das Fenster . . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in die Luft, Glas
splitterte, ein Dolch schlug neben Las Casas' Kopf vorbei durch die Scheibe
und verlor sich zischend und blinkend nach den Brunnen.
Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine Blicke faßten plötzlich
eine dunkle Öffnung in dem hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen
Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht und glatt. Während er
suchte, fing ein runder Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er
auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle tauchten auf und
spielten mit dem ersten. Sie glitten übereinander und vermehrten sich, bis
die eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte Las Casas, die
Wände seien Spiegel. Er suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er fand
keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in die Augen. Da hieb er mit einem
Aufschrei bebend vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles
Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es einen Ruck, eine Öffnung,
durch die er schritt fünf Schritte bis in sein Zimmer.
Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte herein. Sie betrachtete ihn lang
und eingehend. Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort, ihn
anzusehen.
Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte: »Ich kann mit dir machen,
was ich will.«
Las Casas zuckte die Achseln.
»Wenn du mich liebtest«, meinte sie nach einiger Zeit ernst und überlegen,
»kostete es dich den Kopf. Zwei, drei Schnitte . . .« . . . sie fuhr
sachlich mit dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah ihn an, als ob
sie immer mehr über ihn erstaune.
Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der Marques die Linien ihres Körpers
nach und wandte sich langsam nach der Wand.
Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und brannten ihr Bild in die
Mauer. Sie war sehr schön.
»Mein Vater hat sieben Monde«, fuhr ihre Stimme fort, »ich habe den Alten
schlagen lassen, dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und dich.«
Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. Da fuhr ein Lachen mit
tausend süßen Spitzen in ihr Gesicht: »Alle Querstollen führen in den Hof«,
lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie ihm vor das Gesicht.
Dann lenkte sie ab: »Deine Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht
sehr braun . . .« Sie strich mit der Handfläche neugierig und schauernd
über seinen Hals.
Der Marques packte ihre Hand und warf sie mit spitzen Fingern zurück. Sie
zog sie erstaunt an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms und
senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht und drohte ihrem hellbraunen
Spielzeug überrascht:
»Wenn ich will, kann ich dich an das Bein einer Kamelstute binden lassen,
die nach Tripolis geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules Wasser zum
Trinken. Oder du mußt Sand scharren im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem
Kopf stehen und durch die Nase lachen.«
Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. Rasch flog ihr Fuß aus dem
Pantoffel, das Bein schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und zupfte
ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las Casas schlug mit der Hand hart auf
den Fuß, der sich zurückzog.
Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich gering gemacht und wie ein
Schwein oder gleich einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang auf ihn zu
und drückte sich an ihn und strich ihm über den Arm und den Hals. Sie
begriff ihn nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er warf sie,
während seine Finger die ganze Schönheit ihres Körpers begriffen und im
Gefühl bewahrten, ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen die Wand, stieß
einen kleinen spitzen Ruf aus, zog ihr Tuch bis unter die Augen und ging.
Einmal noch floh Las Casas.
Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit vielen Begleiterinnen
dunkelblaue Bohnen und Winden begoß.
Er wußte nun, daß er ganz -- wie ein Tuch und ein Stein -- in ihren Händen
sei. Aber die Erniedrigung war nicht tief genug, daß er sich tötete. Er
spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam zu. Einmal setzte sie
sich auf seine Knie und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff
und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr. Um so stärker aber stieg
das Bewußtsein der Berufung in ihm.
Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er sie abschüttelte, obwohl
sie sah, wie seine Lippen brannten.
Doch langsam sahen Las Casas' Augen sie nicht mehr. Sie sahen trüb aus wie
Zisternenwasser. Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte es
drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren Finger vor die Pupille und stieß
danach. Sie brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm der Stern auf dem
Weiß.
Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien eingeritzt standen, und
flüsterte an sein Ohr: »Palast-Plan . . . Palast-Plan«, bis er begriff und
ihn vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine List.
Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den Lippen. Sie küßte ihn auf
den Mund und sah ihn traurig an: »Was willst du?« Der ganze Körper bat.
Da floh er.
Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels, glitt über Terrassen und
Galerien und tauchte in einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog.
Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang. Er schritt minutenlang.
In Abständen waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen hatten.
Einige waren aus einem porösen Stein, andere völlig glatt. Er streichelte
seine Hände kurz und stolz: »Kluge Hände«. Ein Übermaß von Freude stand ihm
bis zum Kopf, bereit, durch Mund und Augen übermäßig aufzuspringen.
Plötzlich packte er einen Auswuchs und empfand im gleichen Moment, daß
seine Hand in einer Zahnreihe lag. Er half mit der anderen und erschrak,
wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen verschwanden, die
feucht waren und sich anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen
nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips sei. Wie er aufatmend
vorwärts trat und sein Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas
Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen die Tür, die hinausführen
mußte.
Seine Hände aber erkannten die Schönheit wieder, die sie einmal gefühlt
hatten, und packten sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem. Da gab er
nach. -- -- --
Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die um sie kreisten. Er senkte die
Augen. Zwei Beduinen empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf ein Tier und
ritten neben ihm. Er hatte den einen Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie
ihm einen Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche. Als sie ihn
verließen, sagten sie ihm, daß es knapp ein Tageslauf sei.
Er hielt sie an.