Da sagte er heiser: »Las Casas!«

* * *

Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere vor ihm . . . öffneten

den Vorhang. Er stand vor dem König.

»Sie?« sagte der.

Las Casas verbeugte sich.

»Warum kommen Sie?«

»Der Prinz ließ mich rufen.«

»Duell . . .?«

»Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen den Prinzen) nannte ihn

irgendwas. Ich schlage mich für den Prinzen.«

Der König winkte ab.

Langsam drehte er sich um und schaute durch das Fenster.

»Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.«

Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König ihm das Gesicht zu, nahm

einen verzierten Dolch, schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und sagte

gütig und klar:

»Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.«

Las Casas lächelte verzerrt und ging.

Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis er in den Eckraum kam, den ihm

der Prinz überlassen hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen, der die

Galeere kommandiert hatte, die den falschen Bassa fing.

Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem Lächeln, verlegen und

geschmeichelt auf ihn zukam, griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf

einem Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen Armen ihm zu vor

ihn. Er rief ihm gleichzeitig, daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme

für seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, nicht wußte, was das

war, befahl er ihm, den einen Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr

hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex von fassungsloser

Enttäuschung.

»Holländische Münzen . . . ge . . . fäl . . . schte . . . Molinillos --?«

»Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit anderem als mit einer --

Imitation belohne?«

Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht geschlagen war. Er stemmte

sich auf, als wolle er den Beutel wegwerfen.

Da begann Las Casas' Gesicht zu zittern: »He,« tief er, »Herr!« -- und es

klang wie der Ton eines der krummen Hörner an einer königlichen Barchette:

im Befehl unabwendbar . . . und es knickte den Zornigen. Er ging mit

hängenden Armen.

Las Casas promenierte noch über eine Stunde in der Kühle des Korridors, bis

die Herren kamen, ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn umarmte.

Das Rendezvous war in einem gesperrten Teil des Gartens zwischen einer

Fontäne und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß nach wenigen

Minuten seinen Gegner durch den Nabel mitten durch, daß der Herzog von

Medina-Sidonia mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung nicht unterlassen

konnte, daß an der Stelle, da ihm das Leben geworden sei, es wieder

verströme.

Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die Löwen. Ihre Augen wurden grün

vor Gier. Es pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen. Dann

brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins in ein erschütterndes

Gebrüll aus -- durch die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper rasend

dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen kitzelte.

Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum Palast, traf Las Casas auf Juana

und Luis Quijada, der sich um sie bemühte. Sie war auf eine Bank

zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand sie auf.

Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl.

Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten einen gleichen in hetzenden

Takten selig geschwellten Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper

aufeinanderdrangen und sich umschlossen, obwohl sie sich nicht bewegten

. . . und wie wenn ihr Blut aus den Adern presse, heraustrete und

ineinanderströme.

Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte von irgendwo her, von der

Seite her? -- -- -- neben ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die

Stimme Quijadas:

»Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu Ihrem Erfolg heute -- -- wie ich

ihr Unglück bedaure -- sonst.«

Las Casas' Blick fuhr an ihm vorüber wie an einer Wand. Drehte die

Schultern, entblößte seine Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an

Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die Hand. Sie sahen sich in

das Weiße. Dann ging er.

Nach drei Schritten wieder bog er um: »Graf Oropesa, . . . Sie sagten

. . . vielleicht, daß Sie mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt,

Ihre Segler zu rüsten.«

Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle spielte, sagte scharf, den

Schnurrbart kauend: »Sie haben mir nicht den Gefallen getan, mich für

diesen Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären. Auch im

Großzügigen wie in der Verachtung weiche ich Ihnen nicht.«

»Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung haben, jetzt . . . gleich

. . . sofort -- Auf Wiedersehen.«

Er machte eine schwache Geste nach dem Meere und ging.

Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen nahm, brachte ein Diener ihm

einen Brief von ihr. Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder.

Nur dieses: »Komm --!«

Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: »Komm!« Es fielen ihm ein die

Abende im Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor Sehnsucht wie der

Horizont und darüber erschrak, zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn

so, daß er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er sich selbst

empfindend, langsam zurückkehrte in die Umgebung und sich gewaltig

zufammenraffte und toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb:

»Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen, wo ich Dich aufschob bis nach

dem Erfolg. Ich müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs. Du aber

wärst feig, wenn Du nachher mich nicht verachtetest.«

Aber in der Dämmerung fand er sie in dem Garten. Sie spannte die Arme nach

ihm. Da fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte und die

verbotene, selbstversperrte Sehnsucht in einem knabenhaften Weinen in ihren

Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre Schenkel, und sie sagten kein

Wort. Doch er warf ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ,

lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein Mund.

Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte, erhielt er ein Billet.

Er erbrach es am Ufer noch, einen Fuß in der Barchette.

Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil das Dunkel ihr Blut quälte,

und raste nun nach ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! auf

den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein.

Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte ein ganz kleiner Hucker mit

unmäßig geschwellten Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann stand

darin. Warf einen Brief herauf.

Sie schrieb: »Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . die Härte . . . warte --

trotz alledem. --«

Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die Augen rot -- eine überreife

Frucht. Die Lippen hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie eine weiße

Falte lag der Mund in dem Gesicht.

Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen an den beiden Abenden,

die folgten, ins sinnloseste betrinken. Er schenkte es ihnen.

Zehn Tage später liefen die drei Segler des Luis Quijada aus.

Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden.

Juana hielt die flachen Hände an die Brust und fing den Herzschlag auf

darin und warf ihn den Galeeren nach.

Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte sie auch sein Fehlen doch,

da sie ganz allein war. Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen

sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr das Kühlende seines

Hasses. So glaubte sie. Manchmal erschrak sie.

Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer Donner sich sammle, wie wenn

ein Bergwerk einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus dem

glatten Himmel sause irgendwo. Und sie bedauerte, daß sie nicht tiefer

hören könne, und streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf, höher

. . . und ward straff gegen jeden Anprall und scharf wie eine Lanze.

* * *

Bandieren und Standarten spannten sich auf Las Casas' Galeeren. Morgens und

abends bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das Meer wechselte blau und

grün. Gegen Mallorka zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende Monde auf

dem Grund. Die Sklaven ließen die Ruder und beugten sich über die Geländer

und starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie zu prügeln, und sie

krochen wie die Hunde zurück.

Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer Seide mit Las Casas' Wappen in

Granaten bestickt. Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht vorüber.

Bei der Insel Galita war eine Falle für den Bassa gelegt. Zwei kleine

Segler mit Lamawolle und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden nachts,

lautlos.

Las Casas kreuzte ganz Tunis ab.

In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische Caramuzzals ein, die

völlig braun waren und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. Sie

schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus kleinen Kanonen. Beim Entern

sprang ein Mann zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott lobend. Las

Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in Ketten legen. Die anderen schlug sein

Henker mit der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten wurden auf die

Ruderbänke geschmiedet. Die Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere

stach die Sonne zusammen.

Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang (sein Blick hatte den

gewöhnlichen Wahnsinn der Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn

langsam totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. Das fiel vor ihm hin und

nannte sich einen Franziskaner aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten

war. Er küßte die Füße Las Casas', und als der ihn nach dem Versteck des

Bassa fragte, heulte er auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß

er den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches gab er singend die

Weisungen für das Schiff.

Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und versprach ihm straflose

Freiheit, wenn sie den Bassa fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe

seines Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei -- -- -- für den

anderen Fall. Der Renegat allein lobte nur Gott.

Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den Bassa überraschen sollten,

sahen sie eine gelbe Caramuzzal in einem schönen Bogen eine Mauer von

Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von beiden Seiten wurden sie mit

Brandpfeilen und glühenden Eisen überschüttet.

Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert Soldaten aus, fing

und erschlug eine Anzahl Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe

Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene Nubier saßen vor

des Bassas Kajüte. Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige

Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein stehendes Lager und den

Harem hätte.

Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten Morgen. Sein Herz ging hoch,

als ob er ganz dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten. Die

Galeeren sollten so lange kreuzen.

Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer.

Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner seine Hymnen, bis ihm ein

Offizier mit einem Koran als Knebel das Maul verstopfte.

Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren sie, daß am Abend der

Bassa in aller Flucht vorbei gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer

und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu weisen, obwohl sie schrien und

sich wehrten aus Furcht.

Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender fiebervoller Ring wälzte der

Himmel sich um den Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in der Luft

wie Sand. Sie mußten die Augen senken, und das Blut zog sich ihnen wie

gefroren im Kopf zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos

wurden, schrien plötzlich etwas, rannten ein Stück in die leichten Dünen

und verbeugten sich . . . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen Laut.

Nur das war: wie wenn der grünliche Schlauch am Himmel sich langsam um sie

zusammenziehe.

Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, zündeten Feuer an und stellten

Wachen aus. Die Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf der einen Seite

die Männer, auf der anderen Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne

scharf in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen in die

Arme. Dann spielte die Muschel allein. Auch sie schwieg.

Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte, daß es Zuversicht sei. Er

wußte (ganz unstreitbar), daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie

war zu zweifeln? . . . Juana? Er würde sie dann in fiebernden Händen

besitzen.

Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper zitterte unter dem Gedanken.

Er hob den Kopf. -- Ja . . . Bisamrosen hatten um die Bank gestanden und

geduftet. Und Nelken.

Die sechs Mündungen: Novellen · 第 29 / 39 题