Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile eine Fregatte in den
Hafen. Ein Kapitän stand vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land,
eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte, die Silber aus Mexiko und
Gold aus Peru brachte, ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn
verfolgte, geschlagen habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Der
Hingerichtete war nicht der Bassa gewesen . . .
* * *
Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses, über dessen Bühne ein Stück
von Moreto ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von Zeit zu Zeit
auf sie ein. Sie folgte angestrengt den schwerbeladenen Szenen und bat in
der Zwischenpause, als ein burleskes Entremes wie eine klebrige Kette von
Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr belästigte, den Grafen, sich neben
sie zu setzen.
Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie dann, an was sie denke.
Sie antwortete nicht, sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer.
»Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so enttäuschen«, sagte er dann und
legte die Hand auf ihren Fächer.
Sie sprach sehr nachlässig: »Bei Gott, was habe ich gehofft?« . . . und
wagte nicht aufzusehen.
»Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine niederschlagende -- -- Komik
ausgelaufen sind . . . wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in die
Knutscherei des Zwischenaktes.«
Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das Spöttische seiner Mundwinkel
besiegte sie. Sie brauste auf: »Was wollen Sie mit Las Casas?«
Er hob die Achseln: »Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos
ehrgeizig . . . jung, jung! -- --« Quijadas Stimme klang kühl, klang
gerecht. Er fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie
Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach ihn einmal höhnisch:
»Neid.« Er schüttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den
Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr selbst, denn es waren
Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und
haßte ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich in der Wirkung,
aber scharf und zergliedernd und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über
Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das
unerträgliche Heiß ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die
wohltuend in sie ströme, wo sie am Ersticken war.
Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, daß er schweige, weil sie
plötzlich begriff, daß seine Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in
der Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre
Intellekt seiner Worte überschwemmte sie. Sie fühlte in einer wohligen
Apathie, wie er das Heiße, das Begeisterte und das ungenau, aber groß
Aufstrebende in ihr wie zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las
Casas' Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte und verschieden
beleuchtete, bis seine Silhouette klein vor seinen Worten stand und er
phantastisch und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam und
beschämt in der Schwankung der Ereignisse und sich das Bewußtsein dahinein
verstrickte, daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt einer
Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen dieser Dinge,
zürnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust der
Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hörte ihm gern zu.
Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er
war, und sie zwang sich, daß es ihr gefiel. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- --
Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei
gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und
schnitten sich wie zwei Säbel. Dann kam eine Barchette mit singenden
Sklaven vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter auf das Wasser
. . .
Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham ergriff sie leicht über die
Worte und Gedanken des Tags vorher wie über eine geheime und später sich
mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände vor das Gesicht . . .
und tat sie rasch hinweg, daß ihre Blicke groß gegen den ungeheueren
Horizont schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, in dieser
Minute, daß dieser, daß er trotz allem »O Las Casas!« dessen Ehrgeiz an
fremden Küsten wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als
alles, was an sie herankam. Sie dachte an Quijada, und es schien ihr jetzt,
als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen
Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.
Später kam Quijada. Er sprach wieder über Las Casas. Er sprach nie über
sich oder über sie. Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen in der
Beziehung auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist
und weil sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie das Verschmähen
ihres Besitzes um einer Tat willen, sie bis zu den äußersten Grenzen der
Idee entflammt, ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine
Nichtachtung des Bluts erscheint -- und wie sie nur aus gekränktem Eros
heraus denken können und tun . . . so empfinden sie, unbewußt vielleicht,
vielleicht oft, immer -- es ist möglich und einerlei -- den Haß des Mannes
auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über alles umronnen stehn
von ihrem Blut!
Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte
ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es
schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.
Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen Gärten.
Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grüßte und ging nach dem Palast.
»Las Casas . . .?«
»Beruhigen Sie sich!«
Sie sah ihn an.
Bleich.