Dann fragte sie rasch: »Weiß es Luis Quijada?«

»Er fragte mich.«

»Was sagten Sie ihm, Marques?

»Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen sagen, daß ich nicht, wie ich

könnte nach meinem Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn mir

allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn er die Expedition, von der er

sagte, rüstet. Das Meer ist ihm frei.«

Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an den Händen nach ihm hin: »Sie

werden den Auftrag da zurücknehmen!« Er verneinte.

Sie flehte: »Marques, erklären Sie ihn als zum Töten erlaubt, als Brigant!«

Da schwoll Las Casas' Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend

stampfte er den Fuß auf den Boden und bat sie hochmütig und verächtlich,

nicht zu scherzen und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu verlangen,

daß er Luis Quijada für wert hielte, seine Rivalität zu fürchten. Und er

bewegte die flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer Fliege

schlage.

Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: »Ich werde den Auftrag nicht

ausrichten. Aber nur um des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute

nie mehr bei mir sehe.«

Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich neben ihrem Bett und zwang

sie so lange, bis sie zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie

früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt gewesen, wenn sie Quijada

die Beachtung des Hasses geschenkt hätte.

Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre Brust. Seine Hand fing

an heftig zu schwanken vor Verhaltenem.

Er stand auf.

»Ich gehe.«

Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses verwirrte sie und

blätterte sie auseinander in Begehr und Hilflosigkeit: »Nein . . . morgen

--!«

Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke. Wie sie auffuhr, sah er nur

das Innige ihrer Form, den Druck des Körpers in den Kissen -- und dann roch

er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang sich zurück und roch sie nur,

sah nichts, hatte kein Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern.

Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt, war es ihm.

Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen.

»Morgen --?« knirschte er, denn selbst die Stimmbänder waren mit Blut

überschwemmt. Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren und riß ihn

weg, taumelnd, und legte ihn wieder hin und Härte und Knabenhaftes

verstießen sich gegenseitig von seinen Mienen.

Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken und zog ihn von neuem

herunter: »Warum -- du . . . heute?« Sie stieß es brennend heraus und in

Scham. Sie stand halb und war halb gekauert in der Ecke des Bettes. Sie

faßte seinen Kopf, daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und ihre

Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten, während die Handflächen

kühl nach den Schläfen hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der

Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf Auge.

Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange schon schrien: »Sie sollen

bleiben, Marques . . . hier -- --« und zitterte.

Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von einer Welle aufgejagt und

gesteilt warf er sich auf die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und

drückte die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen den Körper hinauf

nach dem Hals auf den dünnen Batist.

»Corazon!« . . . stammelte sie. Und wieder: »Corazon!« . . . mit

hingebenden Lippen. Seine Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander

geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung ineinander verkrampft.

Sein Mund spannte sich in allen Qualen und mit von Küssen halbzerfressenen

Worten sagte er: »Nein!« und viele Male: »Nein.« Und als er ruhiger war,

kam es ihm in das Bewußtsein, daß er sie liebe und daß sie ihn liebe und

daß er es immer schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die

Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand und kam nicht weiter, und

sein Kopf füllte sich schwer mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht

genug sei. »Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende und Schreiende in

meinem Blut geht weit darüber.« Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff

ihres Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande nach dieser Tat, die

endlich soweit vorbereitet war, und indem er davon sprach, sprühte das

Aufleuchtende der Meere und Flotten vor seinen Augen auf und raste in

grellroten Kreisen über ihn: »Ich will den Bassa nicht nur jagen,

aufhängen, schinden, weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß und

Isabella, die eine Verwandte ist, schändete und seinen Leuten ließ zwei

Wochen lang. Seit ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn Gedanken

packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede Phase des Kampfes, mag er sein vor

Venedig, bei Cadix, in Marokko . . . ich weiß wie eingebrannt im voraus die

kleinste Schwankung des Gefechts. Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn

nicht im Traum schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so umkreist, daß

ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich mehr von ihm weiß wie von mir. Der

Name Bassa Yousouf macht mich blind. -- -- Ich fahre heute nacht.«

Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem Haar. Sie ließ ihn, denn

sie begriff das Heiße in ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz

umschloß, aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz, als er sich

aufriß und sie nicht nahm und sie brennend verließ.

Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie mit Gold, als käme er von

einer Liebesnacht.

Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein wenig gepreßt schon von

Jasmin, aber der Mond, der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine

flaue Dämmerung hing zwischen den Masten.

Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem Schatten einer Mauer, nahm ihn

und landete im Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg am

Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, jemand schoß eine Pistole in

das Schweigen. Sofort rasten Männer über den Steg und schlugen mit langen

Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten, am Vorderdeck sammelten sich

dunkle Haufen, hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa blitzten

die Offiziere.

Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu sechst an jedem Ruder

zweihundertvierzig Sklaven. Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur

sechsten Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet. Die letzten und

die Massen Soldaten auf der Proda erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen

und Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten die

blutunterlaufenen Hunderte Augen um ihn. Er schrie sie an:

»Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! Dazu habe ich euch gekauft. Das

wißt ihr. Ihr werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. Dafür spritzt

ihr das letzte Blut aus den Nägeln. So ist dies ausgemacht. -- -- Ihr sollt

noch mehr haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen ist, sei jeder frei.

Jeder kriegt tausend Maravedis. Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr

bekommt Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. Ich gebe euch die

Offiziere zum Schinden frei, wenn ich falle und sie hindern euch. -- -- --«

Er hob den Blick zum Himmel. Denn das Schweigen schwelte dumpf unter ihm.

Die Augen der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert Lichter auf

den Bänken.

»Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus Yousouf Bassas Harem. Eine

braune und eine helle. Am selben Abend noch . . . --«

Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf. Grunzende Töne johlten

herauf. Schreie rissen sich los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund.

Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen zurück, glänzend wie Fische

im Wasser. Viele knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen zu ihm

winkend oder den Kopf auf den Steg legend, daß er darauf trete.

Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten hoch. Eine große Fanale senkte

sich über die Poppa. Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen.

Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten Armen zurück, zogen sie

an, Ruder schäumten durchs Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge

schnellte die Galeere aus dem Maul des Hafens in das leichte blaugelbe

Band, das über dem Wasser lag und Horizont war. Links und rechts zwei

Zungen stießen nach.

Von drei Vorderdecks blies man: Benedito sea Dioz.

Die Sonne ging auf.

* * *

Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie kamen eines Abends an. Eine

Goelette legte an bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie fuhren

in die Nacht zurück. Am nächsten Tage fingen sie ein paar holländische

Segler, die in der Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und

Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San Sebastian.

»Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast setzen und ihn nachts im

königlichen Garten aufpflanzen«, sagte Las Casas zu seinen Offizieren, und

sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit den besten Perlen spielten,

die er zu einer Kette gebunden hatte und indem seine Gedanken um den Nacken

Juanas flossen.

Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf der Proda. Aus dem Korb rief

einer und meldete etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte.

Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille mit gekappten Masten.

Die Besatzung fehlte; nur einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und

schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig geworden. Ihre Ladung

war Florentiner Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen waren sie

überfallen worden. »Hui«, rief einer, auf einem nackten Widder-Gallion

reitend, immer: -- -- »die Weiberchen« und schälte mit einem Nagel an dem

Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man war auf der Spur. Mittags brannte es

neben der Munition.

Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der Abend war ruhig, und es ging

kein Löffel Wind. Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch. Las

Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige Stille und das maßlos

blaue Meer, auf dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken davon

lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl zu musizieren, die Offiziere

warnten. Doch er ließ die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das Meer

aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut war wie das Hüpfen einer kleinen

Welle gegen das Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit tausend

Stimmen: Juana! anschrie.

Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette zu senden und löste sie von

seinem Gürtel und warf sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge.

Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den Zaffarin-Inseln. Sofort meldete

es von oben: »Zwei Gallionen.« Las Casas kletterte selbst hoch, beschirmte

die Augen. Es waren Mudjaren und Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste

herunter. Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie schäumend, und

die Ruder überschlugen sich. Immer rascher raste seine Stimme, die selbst

den Takt sang. Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze. Doch

trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon so dicht herangekommen, daß die

Soldaten anfingen, in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken

bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein Vorsprung verschluckte

sie. Die hinterste hißte eine Fahne. -- -- -- -- -- -- --: Schwarz, ein

goldener Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf -- -- -- die Flagge der

Hauptschiffe Yousoufs.

Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte einen großen Araber und

ließ ihn hinrichten (er wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein

Blut in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen die Füße lief.

Er betrachtete sie genau während des Vorgangs. Doch es erschien kein

Ausdruck auf ihren von Stumpfheit abgefeilten Gesichtern.

In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. Fortwährend gingen Signale hin

und her. Am Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften Biegungen

durcheinander. Von der Mitte einer Insel schoß in Abständen ein weißliches

Feuer hoch. Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das Wasser.

Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen auf der Poppa. In der

Dunkelheit konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter von dem Bassa

und konnte ihn nicht fassen. Die Sklaven ruderten die ganze Nacht in

Schweißwolken gehüllt. Es roch noch nach Blut.

Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch dunkel war, nach

verschiedenen Seiten durch. Sie hörten auf den Galeeren nur ein fernes

Brausen, als streiche ein großer Vogel mit der Brust über das Wasser.

Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres Forcas zu. Die andere Galeere

schwamm eine Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die Lichter

löschen, Anker werfen und ruhen. Denn ihm schien das Tempo Las Casas'

wahnsinnig.

Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. Sie hetzten den ganzen Tag,

verloren sich, fanden sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie.

Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß das Dunkel sie weg. Die

Nacht kreuzten sie vor dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise

treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen. Sie sprangen hinüber.

Am Mast stand ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte mit weißer

Glut. Die Planken waren gesprungen. Der Türke war mit nassen Stricken an

den Baum gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der Hitze und ihm das

Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt war.

Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen machten. Da sprang einer vor

und deutete in sein Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten ihn

an dem einen grünen Auge. Sie schnitten ihn los, aber seine Haltung, die

ihre Wut durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude ihnen selbst

verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn davor, daß sie an ihn rührten.

Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. Als sie ihn nicht fanden,

brachten sie den Bassa nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er. Das

Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur Exekution führte.

Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas' größter Ehrgeiz, dem er sie opferte,

von einem Subalternen blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie empfand

es, als hätte man ihren Körper beschmutzt, und schien sich gering geworden.

Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der Gefangene um und sagte kalt:

»Ist es zum Tod?«

»Ja!« . . . brüllten ihm zehn ins Gesicht.

Da spie er ruhig den Henker an.

Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor.

Die sechs Mündungen: Novellen · 第 27 / 39 题