Maintonis Hochzeit

Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. Ganz steil stand sie tief

am Horizont auf der weißen glühenden Straße.

»Es sind noch fünf Minuten«, murmelte Antoine.

Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; da nahm Antoine meinen Arm

und zog mich unter die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen. Das Gras

war am Rand der Chaussee leicht gelb. Im Schatten stand es satt und

buschig. Wasser lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß. Nun

sagte Antoine: »Fahren sie mit nach Paris!« Nach einer Pause wiederholte er

mit eigentümlich gedehnter Betonung: »Paris.« Dann wandte er sich um und

sprach ganz laut und anders:

»Sie müssen nicht daran denken!«

Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest

zusammen: »Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .«

»Kurz! Ich sah ihn«, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff.

Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die

Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hügelzug verloren. Durch die

ganze stille Luft hörte man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm

Antoine beim Arm:

»Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß ich mich nicht täusche. Ich

weiß Ihnen gewiß Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie müssen doch

einsehen, daß Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er

sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf

Grund der damaligen Verhältnisse verhaften lassen wollte, hätte ich

durchaus keine Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind.

In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon

ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, auf unangenehme

Ideengänge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die

Pyrenäen.«

Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten Baumganges ein und

fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte

ihn in die Schulter: »Der arme Perdican . . .«, flüsterte er.

Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine

Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf

flog eine rasche Spannung über seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf

einen Stein. Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein

paar Worte. Ich nahm, etwas verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir

eine Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen Straße die Post herbei.

Antoine rief mir rasch zu: »Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit

meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!«

Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an.

Antoine winkte. Sein Bart und sein schräges Profil traten bedeutend aus der

Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine

Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Häuser.

Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines.

Es mußte ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte ich

wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod

hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah

man, daß sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlösen konnte, Karten aus

einer doppelten Manschette schüttelte. Man verband damals noch andere

seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lächerlich, daß wir uns

damit begnügten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig.

Damals hatte niemand hieran gedacht.

Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien höchstens drei

Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich

sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein

schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand

hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er

nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm

Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie

laut vor.

Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück und streckte den Span

mit gespanntem Arm noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen

Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hörte verhandeln. Ein Mann mit

einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prüfte

mich, während das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich

fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor.

Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann

forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. Währenddem sagte er, es

seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich

meine Auskunft über den Weg von Tarragona erzählte. Drinnen saßen noch drei

Männer. Sie tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand

eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrähten über einem

Tisch.

Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer nahm mich bei der Hand,

verbeugte sich und sagte: »Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .«

Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, das ich wieder nicht

verstand, worauf jeder mir die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank

aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann ward ich müd. Auf einem Strohsack

in einer Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich niemand mehr. Ich

durchsuchte das ganze Haus. Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und

ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung sein, als das hölzerne

Geklapper eines Maultiers mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das

Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin Pelayo.

Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er stand vor seinem Haus und wusch

sich den Oberkörper mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte sich

zuerst, durchaus keine Notiz von mir zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann

wiederholte ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen. Darauf stellte ich

mich aufgerichtet vor ihn hin und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß.

Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über seinen Arm laufen. Die Muskeln

brachen wie Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig krümmte.

Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt konnte mich betrogen

haben. Nun nahm ich meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit der

Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum wuchs etwas vor mir in die Höhe.

Ich hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen Lage wie

eine Kinderfahne.

Ich erstaunte über die Würde des Mannes und seine unnatürliche Größe.

Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir die Hand. Er fragte nach

seinem Freunde Antoine. Antoine war doch ältester französischer Adel. Ich

ließ nicht merken, daß ich verblüfft war. Ich redete rasch und abgerissen.

Er schloß sein Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn noch größer

machte. Dann rief er zweimal : »Maintoni . . .«

Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen der Lider meine rechte

Hand und zog mich ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang und traten in

ein hohes Zimmer. Maintoni drehte sich um und rief hinaus: »Rodriguez!«

Eine alte Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich hin. Maintoni

küßte ihr die Hand und ging hinaus.

Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen aus. Sein Körper war

schlank und von wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das Gesicht wirkte

in der Nähe kantig gegen die Harmonie des Wuchses. Die Nase war ein wenig

zu lang.

Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme hatte eine knarrende

Biegungslosigkeit. Einige Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch vor

ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte. Sie dankte, sprach aber

weiter. Dann sagte er mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur noch in

ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung kannte sie nicht mehr. Eine

dichte Luftschicht, von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie körperlich

und schloß hermetisch alle Berührungen mit der Welt ab.

Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll die Hand, als er

eintrat. Maintoni brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte der

Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm seiner Tochter. Er trug einen Ring

mit einem riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf, blendete er. Ich sah

sofort, daß er echt war. Pelayo sagte zu Rodriguez, als Maintoni

hinausgegangen war:

»Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr Zimmer abtreten! Sie werden unten

schlafen bis zur Hochzeit.« Ich wollte Einwendungen machen. Aber man schlug

mich mit Freundlichkeit nieder. Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez

erzählte mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde. Maintoni sei

dann gerade siebzehn Jahre alt.

Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf zusammen, daß das Gelenk knackte,

und der bronzene Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er dehnte sich weit

zurück, schlug rasch auf seine Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und

an der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. Dann erst konnte er

wieder reden, so nahm ihn die Freude mit.

Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als wir die Treppe hinaufstiegen,

öffnete sich neben dem Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine

eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus. Pelayo schloß rasch

wieder. Ich fühlte, daß mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein wenig und

wollte Maintoni fragen. Aber sie ging so ruhig vor mir, daß ich es ließ.

Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde Hitze auf die Landschaft. Die

Nerven lösten sich und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer aus hatte ich

weite Schau und staunte über die Seltsamkeit der Gegend, die mit einer

Welle von Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen das Haus prallte

und sich hinunter nach Valencia zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus

der, zäh und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet hinaufwuchs.

Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin Pelayo von mir. Er ließ

Maintoni allein mit uns beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. Morgens

liefen wir zwei Stunden südlich, wo der Postdampfer anlegte, und fragten,

ob etwas für mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien ihnen fremd und

eigenartig zu sein. Rodriguez tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das

seine Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch nehme. Allmählich

hatte er sich so in die Rolle hineingelebt, daß er meinte, seine

Anwesenheit sei nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der die Post

ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn herüberwarf und mit affenhaften

Verrenkungen eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte er mich mit

einer kleinen Gebärde von Ungeduld auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal

allein gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als hätte ich ihm

das Wertvollste anvertraut. Maintoni hatte eine stumme Verwunderung dafür.

Sie strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief hin, beschaute ihn von

allen Seiten und blieb mit einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens an

den vielen bunten Marken hängen.

»Hätten Sie sie gerne?« fragte ich lächelnd. Ich löste sie und reichte sie

ihr hin. Da ging ein namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie öffnete

halb den Mund. Zwischen den sanften Bogen ihrer Lippen traten die Zähne,

die weiß und außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte sie rasch den

Blick, bewegte den Arm einige Male wie streichelnd über den Gürtel, wandte

sich langsam um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu Rodriguez hin. Er

umarmte mich:

»Hombre, si: Sennor!« Sie sind ein guter Mensch«, rief er enthusiastisch.

Abends fuhren wir aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die heiße

Stille des Tages zu einer bewegten Kühle, die einen Schauer von Ruhe und

dämmerndem Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in dem Boot,

dessen geschweifte Flanken in eine Spitze aufstiegen, die über meinem Kopfe

stand. Maintonis Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, dessen

braune Rückenmuskeln im Takt des Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und

wieder unter der Haut verliefen.

Wenn die Sonne verschwunden war und die Berge um das Castel de Balaguer wie

mit violetter Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt schienen, sang Maintoni

eine Romanze, deren Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab ging.

Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater, der vor fünf Jahren in Asturien

auf einer Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm den Kopf

abgerissen. Das Messer des Freundes schon im Herz, hatte es ihn mit einer

der letzten Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. Man mußte den

Leichnam ohne Kopf begraben. Rodriguez schien bang:

»Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem . . .«

Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend. Er hatte die Hand fest gegen

sein Knie gepreßt und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig:

»Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben war und mit dem Kopf

verschwunden ist . . .?«

Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz die Brust berührt habe . . .

Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber und verteilte ihn dünn und

zärtlich über das Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand lag eine breite

Klippe. Dort war, wenn die Flut nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen

Gegend.

Nachts schlug das Meer gegen den Strand.

Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher. Es war am heißesten Mittag.

Maintoni brachte eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und später

Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen, und ich zeigte ihm ein paar

Aufnahmen Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte ihm auch von dem

Eindruck des Zettels auf den Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht

hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht:

»Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!«

Ich lachte: »Da müßte der Diamant an Ihrem Finger nicht unter Brüdern

zwanzigtausend Francs wert sein . . .«

Es war, als hätte ich mit der Hand auf den Tisch gehauen. Alle wurden

still. Rodriguez strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu ihrem

Vater.

Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser Lähmung lief an uns ab, wir

rauchten, und als es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer

heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen kniete sie nieder. Wir saßen auf

der Galerie des ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer. Sie

blieb lange unten bei der alten Frau, die immer mit sich sprach. Dann trat

sie bescheiden heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in sonderbarem

Widerspruch mit dem heroischen Risse des Gesichts. Nur die Augen linderten

die Stärke der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie waren weit

aufgebogen und leuchteten in hellem Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen

von Hospitalitet.

»Sor Gracia, meine Schwester«, sagte Pelayo.

Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren. Die Linie der Küste zischte

wie in versteckter Wut. Draußen an der Klippe sprang manchmal eine

gepeitschte Welle springbrunnenhaft und heftig in die Höhe. Der Himmel nahm

eine tiefrote Glut mit blauen Rändern an.

Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom Kloster; und wie sie sich

freue, am jüngsten Tage eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und Sor

Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der

gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.

Am nächsten Tage kam der betäubende Duft wieder heftig aus dem Zimmer im

Erdgeschoß. Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton durch das Haus

von splitterndem Glas.

Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. In den Zimmern ward alle Stunden

gesprengt. Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute zum

Strand über die kleine Bucht, wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos

lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines gelbes Tuch, das schlaff

an einer Stange herabfiel. Wir schliefen den vollen Mittag. --

Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte am folgenden Morgen. Sie wehte wieder

am Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit ihr. Er legte sich in die

Falten, drehte sich darin und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es

von neuem hoch.

Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an. Wir gingen am Strand entlang.

Dann bogen wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis Haare glänzten

kupfern. Wir trugen kurzgestielte Netze mit feinen Maschen. In kleinen

Abständen blieben wir stehen und hielten mit kurzem Ruck die Laternen dicht

über das Wasser. So schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein.

Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran, das zuckende Heranschleichen

der Aale zu beobachten. Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das Netz

halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing keine.

Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben.

Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. Maintoni hatte die gleiche Ruhe

wie stets. Sie hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der Haut. Ich

schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, hörte ich, noch schlaftrunken,

Stimmen. Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite, starke, die

ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher Ausruf -- -- ein Wagen, der anzog --

-- noch ein paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog mich weit über die

Holzstäbe . . . . . .

Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz knirschte. Ich fühlte, daß mein

Atem pfiff. Ich sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd

Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . es waren dieselben

Züge, es war derselbe, den ich zwei Tage vor dem Tod der Frau von

Montbellaire mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben, mit

schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, aus ihrer Loge stürzen

sah.

In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige Männer.

Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute, in mich auf: Die Fahne wehte

nicht mehr.

Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. Da drang ich in das Zimmer

im Erdgeschoß. Ich hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz weit.

Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich sah

kurz ein Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich hinausgezogen. Er war

höflich, schien aber verletzt. Er begriff meine Erregung nicht. -- -- Was

sie gewollt hätten?

Das Haus mieten oder so etwas . . .

Es schien ihn gar nicht zu interessieren.

In diesem Augenblick rief draußen einer der Knechte. Pelayo sprang hinaus.

Ich folgte. Der Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe raste

etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir stürzten nach. Maintonis Kahn

schaukelte leer draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte. Wellen

mit breitem dunklen Rücken wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte

es und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. An einem Vorsprung

hielt sich Maintoni mit gekreuzten Armen.

Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust drängte sich heraus. Er bog die

Hände vor die Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und aus dem

qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes flog seine Stimme wie ein Schuß:

»Ay!« rief er.

»Ay! Maintoni -- --«

Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. Ich hielt das Steuer, sah

sein Gesicht. Wie lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen

wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe gehn. Maintoni hatte den

Vorsprung umklammert und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand uns

zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. Wir wagten es nicht, zu atmen.

Nein. Wir konnten nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge.

Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. Die Flut trieb es weg, während

sie die Fahne einstrich.

Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am Morgen sehr früh weckte mich

Pelayo und fragte, ob ich ihn begleiten wolle.

»Es wird zwei Tage dauern«, sagte er. Ich war dabei. Wir gingen Stunden.

Wir schliefen den Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde dämmerig.

Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen rauhe Bergwände einnistete. Ein

abschüssiger Pfad führte zum Meer.

Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die Fahne auf der Klippe bedeute. Ich

hatte ihn gefragt, woher er Antoine kenne. Dann hatte ich gefragt, was das

Geheimnis des Zimmers sei, aus dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch

ich das Blitzen sah.

Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei. Antoines Mutter sei aus dem

alten Königsgeschlecht und in einem Zweige mit ihm verwandt.

Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht mehr. Sie mußte schon lange tot

sein. »Bei Antoines Geburt«, sagte Pelayo. »Dieser Familienstamm ist älter

als der ganze europäische Adel. Antoine und ich entdeckten unsere

Verwandtschaft, als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu lassen.«

Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: Sein Laboratorium. --

»Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. Es ist gefährlich,

Sennor, wenn man weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden. Ich habe

den Schmuck der Herzogin von Guise und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch

geschliffen. Sie sehen, welche Werte ich manchmal im Hause habe. Die Fahne

bedeutet je nach der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher komme.

Das Schiff fährt an der Küste vorbei, und man läd hier aus.« Pelayo schaute

angestrengt durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte er lächelnd:

»Sie werden erstaunt sein, Sennor, . . . ein unbekannter Mann . . . hier in

der Einöde . . . schleift den berühmtesten Schmuck. -- -- Ich habe in

Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein System erhalten. -- -- --

Maintoni soll glücklich werden«, fügte er ohne Zusammenhang hinzu.

Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der dünne Ton einer Pfeife -- -- --

Pelayo verschwand. Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging das Tal hinauf.

Mohn wuchs im Gras. Wilde Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald

mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe rauschte an mir vorbei. Leicht

feucht war die Luft. Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen.

Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie die Sterne über das Meer

hinauswuchsen und mich traurig machten.

Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem bettelnden Gendarmen Brot

unterwegs. Maintoni weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht

erwartet.

Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es niemand sah. Maintoni hatte

goldene, glänzende Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte

Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen waren halb blau und halb schwarz und

waren lang und so fein wie der Schatten einer Feder.

Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus ausgehängt wurden, die Türen

wurden geöffnet. Die Diener wehten mit Palmblättern Wind, wenn wir

speisten.

Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er setzte sich auf die Binsenmatte.

Dann stand er wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne

Kohlenbecken. Er sagte: »Sennor, Maintoni ist traurig.« Ich tröstete ihn.

Ich sagte ihm: »Es wird die Hochzeit sein, Rodriguez.« Doch er schüttelte

den Kopf.

Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: »Ich bin nicht traurig. Ich freue

mich, Sennor.« Aber Maintoni hatte rote Augen.

Die sechs Mündungen: Novellen · 第 18 / 39 题