Maintoni bekam große blendende Augen! »Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich
liebe ihn auch. Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, was habe ich,
um es ihm wiederzugeben? Nichts, Sennor.« . . .
Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. Sie setzte sich lang zu der Alten,
die immer sprach. Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine Borte von
gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines jeden wuchs ein Arm aus Messing. In
der Hand hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle Kerzen an. Es
mochten hundert sein.
Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine kleine Harfe spielen werde.
Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen
schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.
Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben Miedern. Frauen in Schuhen
ohne Absätze, in Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit Gold, mit
Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen Perlen bestickt. Sie tanzten
Fandango. Sie tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez tanzte. Alle
anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. Tamburine und Flöten klangen.
Die Männer schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen in die Hände. Eine
Sackpfeife spielte mit hohem, eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni
trat allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. Die Glieder
spannten sich in einen heißeren Rhythmus. Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie
wölbten die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden heiß. Dann hielten
sie in einer plastischen Pose, lösten sich und gingen allein in das Dunkel.
Sie kehrten bald zurück.
Die Gäste gingen.
Ich stieg hinauf, um zu schlafen.
Es war spät in der Nacht.
Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, pfiff, peitschte sich durch
das Haus. Ich stürzte die Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles
fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte, lag ich schräg auf der
Treppe. Langsam stand ich auf und ging hinaus.
Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak in seinem Hals. Nur Leute,
denen der Tod in die Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines.
Es war Rodriguez.
Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten rote Räder. Flimmernde Punkte
sprangen hin und her.
Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht nebeneinander. Ich ging hin. Da
lag noch ein Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte mich nicht
mehr. -- -- -- Es war dasselbe Gesicht des, der lächelte, als er Graf
Perdicans Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grünunterlaufen
war, wie ich es vor Frau von Montbellaires Loge sah.
Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif Schaum hing aus dem Mund. Im
Gesicht waren blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und am Gurgelknopf
rot wie rohes Fleisch.
Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten gereizt. Rodriguez war
dazugekommen. Das Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte ihm den
Kehlkopf zerdrückt. -- -- -- Ich sah alles.
Maintoni weinte nicht.
Das Meer lag wie eine große Perle da.
Der Kopf des Fremden stand schräg über die Schulter in die Höhe. Der Hals
wölbte sich heraus. Es konnte nicht mehr lange dauern.
Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den Star. Die Pupillen wurden grau.
Sie wurden breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. Die Nägel
hatte er in die Handflächen eingeschlagen. Die Arme lagen still neben ihm.
Alles Leben stand nur noch im Krampf der Pupillen.
Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom Hals über die Brust und spielte
mit schwachen Erschütterungen über den Bauch.
Da tat Maintoni dies, das größer war und furchtbarer, wie alles, was
Rodriguez gab, als er sie von der Klippe rettete . . . Maintoni tat es: sie
trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins Gesicht; sein Kopf rollte
schwerfällig zurück.
Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie warf sich vor dem Meer auf die
Knie, und indem sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne viele Male
hineinrief: »O Santa Maria . . . Santa Maria de la Mar . . .«, schlug sie
die Hände vor das Gesicht, weinte laut und schrie.