lehnte langsam ihr Haupt an seine Brust, »Gottfried, mein braver, braver
Gottfried, ich danke Dir für alles Liebe und Gute, das Du mir gethan,
seit ich so glücklich wurde Dein Weib zu werden; ich danke Dir dafür
viel tausend- und tausendmal, und möge Dich der Himmel dafür segnen!«
»Aber was hast Du nur?« sagte der Schlossermeister fast wie verlegen.
»Was soll denn all' die Feierlichkeit? Und mit Bedanken? Ei, da glaub'
ich, hat Einer von uns gerade so viel Ursache als der Andere.«
»Nein, Gottfried,« flüsterte die Frau wieder, »nein; Du weißt es nicht,
und ich kann's Dir auch jetzt nicht sagen. Aber Du wirst's bald erfahren
-- bald -- vielleicht heute noch, und dann -- dann sei mir ja nicht so
böse -- denk' nicht, daß ich schlecht war, Gottfried, denk' es nicht
-- ich bin's nie gewesen! Nur übergroße, thörichte Liebe hat mich dazu
getrieben. Wenn es mich aber auch die langen, langen Jahre gepeinigt und
gequält, und ich größere Strafe dadurch erlitten habe, als wenn sie mir
die Glieder mit Ketten zusammengeschnürt hätten, an Dir hab' ich doch
gesündigt, an Dir und an ihm, und Alles, was jetzt in meinen Kräften
steht, ist, das zu sühnen.«
»Aber, Mutter,« rief Baumann erschreckt, denn er glaubte im ersten
Augenblick nicht anders, als daß sie über die Angst um den Sohn den
Verstand verloren habe, »so schlimm ist's ja noch gar nicht, es kann
noch Alles besser werden; habe nur guten Muth.«
»Den hab' ich, Gottfried, recht aus vollem Herzen,« nickte die Frau, und
ihr Auge glänzte dabei von einem unheimlichen Feuer; »recht guten Muth
hab' ich, denn ich bin jetzt auf dem richtigen Weg, und wollte Gott,
o wollte Gott, ich wäre ihn früher gegangen, viel Unheil wäre dadurch
Allen von uns erspart worden!«
»Komm, Alte, sei gut, mach' Dir deshalb keine Sorgen,« sagte Baumann
freundlich, denn er gedachte sie jetzt nur zu beruhigen, damit sie die
quälenden Gedanken fahren ließe. »Ist denn die Else noch nicht aus der
Schule zurück? Es muß doch schon lange zwölf Uhr vorbei sein. Du hast
auch noch nicht einmal den Tisch gedeckt?«
»Es muß sein, Gottfried,« nickte die Frau, die auf die letzten Worte
gar nicht gehört oder geachtet hatte; »aber ich allein werde die Strafe
erleiden, weil ich sie verdient habe -- nicht Ihr -- nicht er -- es muß
sein! Leb' denn wohl, Gottfried -- Gott segne Dich viel tausendmal, und
wenn Du....«
Die Aufregung war zu viel für sie. Sie wurde todtenbleich, und Baumann
konnte sie noch eben mit seinem Arm auffangen, sonst wäre sie zu Boden
gesunken. Jetzt wurde der alte Schlossermeister aber wirklich besorgt
um den Zustand der Frau. Ihr tiefsinniges, zerstreutes Wesen, das
entschieden nicht in ihrer Art lag, war ihm schon die letzten Tage
aufgefallen, und die Ursache dafür suchte er natürlich nur in der
Verhaftung des Sohnes. Aber er hatte nie geglaubt, daß es bei der
nervenstarken Frau so gefährlich überhand nehmen könne. Er selber wußte
auch in dem Augenblick gar nichts mit ihr anzufangen, als sie eben auf
das Sopha zu legen; aber ein Arzt mußte her, vielleicht half ein Aderlaß
oder irgend etwas Anderes, das der verordnen würde. Rasch entschlossen
drückte er sich auch den Hut in die Stirn, rief dem in der Werkstätte
arbeitenden Karl nur zu, einmal nach seiner Mutter zu sehen, es sei ihr
unwohl geworden, er selber käme gleich wieder, und eilte dann, was er
konnte, auf die Straße hinaus, um nach dem Arzt zu laufen und diesem
gleich selber unterwegs die Krankheits-Symptome anzugeben.
Den nächsten Arzt fand er nicht zu Hause; aber der Medicinalrath Bennigs
wohnte nur ein paar Straßen weiter, und den traf er glücklich gerade
beim Frühstück an. Er mußte auch hereinkommen und dem alten Herrn,
während er aß, den Fall genau erzählen, und der Arzt beruhigte ihn
dabei. Es sei, wie er sagte, eine Nervenüberreizung, die sich wohl bald
wieder geben würde; er wolle aber gleich selber mit ihm hinübergehen und
die Kranke untersuchen -- Sorge brauche er sich deshalb nicht zu machen.
Die beiden Männer waren auch bald wieder unterwegs, und Baumann
beruhigte sich schon, als er, in der Nähe seiner Werkstätte angekommen,
die Hämmer so lustig gehen hörte. Die Frau war jedenfalls wieder zu sich
gekommen. Er hielt sich auch gar nicht da drinnen auf, sondern wollte
gleich mit dem Medicinalrath durch die Werkstätte in die Stube gehen,
als ihn Karl anrief.
»Vater, die Mutter ist nicht drin.«
»Nicht drin?« sagte Baumann erstaunt und sah sich nach ihm um.
»Ach,« meinte Karl, »es war ihr vorhin ein bischen schlecht geworden,
und als sie wieder zu sich kam, meinte sie, sie wolle ein wenig an die
frische Luft gehen, sie käme bald wieder.«
»Was,« rief Baumann erschreckt, »allein ist sie fort?«
»Ja,« sagte Karl, »natürlich; aber sie war so sonderbar. Die Else, die
gerade aus der Schule kam, hat sie geherzt und geküßt, als ob sie auf
ewig von ihr Abschied nehmen wolle, und auf mich ist sie auch zugegangen
und hat mich an sich gedrückt und mir einen Kuß gegeben trotz meinem
schwarzen Gesicht.«
»Großer Gott,« rief Baumann, jetzt zu Tod erschreckt, »was ist da
vorgegangen und wo hinaus ist sie?«
»Ja, sie bog links um und ging die Straße hinunter.«
»Dort hinzu liegt der Fluß!« stöhnte Baumann, während Leichenblässe
seine Züge deckte. Aber er war kein Mann, der sich lange einer Schwäche
hingegeben hätte. »Fort, Karl,« rief er rasch, »setz' Deine Mütze auf
und lauf', was Du kannst, da hinaus zu und suche die Mutter, und wenn Du
sie findest, gehst Du ihr nicht von der Seite!«
»Aber, Vater....«
»Lauf', sag' ich, was Du laufen kannst -- und Ihr Uebrigen alle auch --
die Meisterin ist krank -- sie war vorhin ohnmächtig geworden -- es kann
ihr ein Unglück geschehen, wenn Niemand bei ihr ist! Wo ist die Else?«
»Drinnen in der Stube, Vater. Sie weint, weil die Mutter weinte, als sie
fortging.«
»Ich werde Sorge für das Kind tragen, Meister, und es in der
Nachbarschaft unterbringen,« sagte der Medicinalrath; »sorgen Sie sich
nicht deshalb und eilen Sie, selber Ihre Frau aufzusuchen, denn in einem
solchen exaltirten Zustand kann man allerdings für nichts einstehen.«
»Ich danke Ihnen, Herr Doctor,« rief der Mann; »aber wir dürfen auch
keinen Augenblick Zeit verlieren!« Und ohne weiter den Blick zu wenden,
sprang er zur Thür hinaus und eilte, von Karl und den Uebrigen gefolgt,
die sich bald nach verschiedenen Richtungen hin vertheilten, die Straße
hinab und jetzt vor allen Dingen dem Ufer des Flusses zu, denn er
fürchtete das Entsetzlichste.
13.
Das Geständniß.
Die Frau des Schlossermeisters Baumann hatte, wie Karl auch gesehen, das
Haus verlassen und sich die Straße hinabgewandt; aber Baumann's Furcht,
daß sie in Angst und Aufregung beabsichtigen könne, sich ein Leides
anzuthun, war unbegründet. Sie folgte allerdings eine kurze Strecke
der Straße, die sich dem Fluß und einer darüber führenden Brücke zuzog,
drehte dann aber rechts ab in einen Seitenweg hinein, bis sie das Haus
des Staatsanwalts Witte erreichte. Aber schon unterwegs zog sie die
Blicke der Vorübergehenden auf sich, denn sie schien Niemanden zu sehen,
sprach dabei mit sich selber und nickte dazu, während sie sich mit
beiden Händen die Ellbogen hielt, als ob sie fröstele, ununterbrochen
mit dem Kopfe.
Erst auch in dem Hause angelangt, kam sie ordentlich wieder zur
Besinnung, denn bis dahin war sie wie in einem Traum fortgeschritten.
Sie blieb auf dem Hausflur stehen, strich sich die Haare aus der Stirn,
ordnete ihr Tuch etwas besser und sah nach ihrem Kleid, als ob sie
irgendwo einen Besuch machen wolle, und stieg dann langsam, aber ohne
irgend ein Zögern die Treppe hinauf.
Oben blieb sie stehen. Die eine Thür zeigte allerdings deutlich genug
durch ein Schild das Büreau des Staatsanwalts an; aber sie wußte auch,
daß dort viele Schreiber saßen, und sie wollte ihn allein sprechen. Ging
sie lieber hinüber zu einer der in die Wohnung führenden Thüren? Aber
nein, dort mußte sie fürchten, jenem Mädchen zu begegnen, das ihrem
Fritz so weh gethan und ihn vielleicht gar zu der schwarzen That
getrieben. Lieber zu den fremden Männern in die Stube -- dort wurde
sie doch nicht verachtet und zurückgestoßen, und ohne sich länger zu
besinnen, schritt sie auf die bezeichnete Thür zu und klopfte an.
»Herein!« rief die monotone Stimme des einen der Schreiber, und die Frau
stand auf der Schwelle und warf den Blick scheu in dem engen Raum umher.
»Ist der Herr Staatsanwalt zu Hause?«
Der Schreiber deutete, ohne eine weitere Antwort für nöthig zu halten,
mit der Feder nach der Stube desselben.
»Ist er allein?«
»Ja, aber er wird nicht viel Zeit haben, er muß bald fort.«
»Ich _muß_ ihn sprechen.«
»Gut, versuchen Sie es -- da drinnen ist er« -- und wieder kritzelten
die Federn über das Papier.
Die Frau schritt der Thür zu, und einer der Leute blickte über sein
Heft nach ihr hin -- wie merkwürdig blaß sie aussah! Aber sie waren ja
gewohnt, hier von allen Leidenschaften bewegten Menschen zu begegnen --
wer wußte denn, was sie hatte! Drinnen der Staatsanwalt würde die Sache
schon in Ordnung bringen.
»War das nicht die Baumann?« flüsterte einer der jungen Leute über sein
Stehpult hinüber, »deren Sohn wegen der Salomon'schen Geschichte sitzt?«
»Ich glaube, ja,« sagte ein Anderer. »Der alte Salomon soll ja wohl
heute beerdigt werden -- so eine Judenleiche möchte ich gern einmal
sehen....«
»Ja, aber sie lassen Einen nicht dazu,« meinte der Erste wieder; »in den
Kirchhof darf man nicht hinein.«
»Und was machen sie mit dem Baumann?«
»Bah, sie haben ja gar keine Beweise gegen ihn und müssen ihn wieder
laufen lassen! In der Zeit, wo er vorher gesehen ist, kann er die That
gar nicht verübt haben, und ist auch sonst ein ganz anständiger Kerl!«
Die jungen Leute hatten weiter kein Interesse an der Sache und schrieben
weiter, denn der Staatsanwalt konnte jeden Augenblick herauskommen, und
es gab heute Morgen entsetzlich viel zu thun.
Drinnen im Zimmer des Staatsanwalts spielte indeß eine andere Scene.
»Frau Baumann?« sagte Witte, als er sie erkannte und sich wohl denken
konnte, weshalb sie kam -- des gefangenen Sohnes wegen. »Ja, es thut
mir leid, aber so schnell geht die Sache nun einmal nicht mit unseren
Gerichten. Uebrigens....«
»Kann ich ein paar Worte allein, ganz allein mit Ihnen sprechen, Herr
Staatsanwalt?« unterbrach ihn die Frau, indem sie ihn mit ihren
großen Augen scharf und doch bittend ansah. »Ich habe Ihnen etwas sehr
Wichtiges zu sagen, aber es darf mich Niemand weiter hören, als Sie --
und Gott,« setzte sie leise und kaum hörbar hinzu.
»Etwas sehr Wichtiges?« sagte Witte erstaunt.
»Etwas _sehr_ Wichtiges,« wiederholte die Frau, »und Sie werden die Zeit
nicht bereuen, die Sie darauf verwenden.«
»Hm« -- Witte sah nach der Uhr; er hatte allerdings nicht viel Zeit,
weil er zu einer wichtigen Besprechung auf das Criminalamt mußte. Wäre
es aber wirklich etwas Wichtiges gewesen, so konnte er auch einen seiner
Schreiber hinaufschicken und die Sache um eine halbe Stunde aufschieben
lassen. Frauen hielten nur zu gewöhnlich eine Menge von Dingen
für wichtig, die an sich unbedeutend genug waren -- nun, er konnte
wenigstens hören, was sie wollte.
Für solche Fälle, die auch gar nicht etwa so selten vorkamen, benutzte
er gewöhnlich eine kleine, hinter seinem Arbeitszimmer befindliche
Stube, in welcher nur eine Anzahl von Bücher-Regalen mit wenig
gebrauchten Büchern und alten Acten und ein Tisch wie ein paar Stühle
standen. Das Zimmer sah auf den Hof hinaus und lag so abgeschieden, daß
kein darin gesprochenes Wort durch die Wände drang.
Witte stand auf und öffnete die Thür der Schreibstube. »Ich will jetzt
nicht gestört werden,« sagte er hinaus; »wenn Jemand in der Zwischenzeit
kommen und nach mir fragen sollte, so lassen Sie ihn nicht in mein
Zimmer, sondern behalten ihn hier, bis ich selber herauskomme.«
»Sehr wohl, Herr Staatsanwalt.«
»So, Frau Baumann,« sagte dann Witte, indem er die Thür wieder schloß,
»haben Sie jetzt die Güte und kommen Sie hier mit herein. Da drinnen
hört Niemand, was Sie mir zu sagen haben; aber seien Sie so gut und
machen Sie es so kurz als möglich, denn meine Zeit ist gemessen, und
wenn die Sache nicht wirklich _sehr_ wichtig ist, thäten Sie mir sogar
einen Gefallen, wenn Sie lieber heute Nachmittag wieder vorkämen.«
»Es hängt Leben und Tod daran,« sagte die Frau ernst.
»Leben und Tod? Dann freilich geht das allem Andern vor -- bitte, treten
Sie näher, und nun setzen Sie sich und sagen mir, was Sie zu sagen
haben. Sie zittern ja an allen Gliedern -- ist etwas vorgefallen?«
»Lassen Sie mir nur einen Moment Zeit, Herr Staatsanwalt,« sagte die
Frau, indem sie auf den nächsten Stuhl niedersank -- »nur um meine
Gedanken zusammenzubringen -- es geht dann auch um so viel schneller.
Mir wirbelt der der Kopf jetzt noch vom vielen Denken.«
Der Staatsanwalt sah nach der Uhr; es fehlte kaum noch eine
Viertelstunde an der bestimmten Zeit, in der er fort mußte. Er wollte
aber doch wenigstens erst wissen, um was es sich hier handle, und
beobachtete deshalb ruhig die Frau, die aber seinem Blick noch auswich
und nur einen Anfang zu suchen schien, mit dem sie beginnen könne.
Endlich sagte sie:
»Es hilft doch nichts -- es ist doch Alles vorbei und ich kann's
nicht mehr ändern, also brauche ich auch keine Vorrede mehr zu machen.
Erfahren müssen Sie's doch, und der liebe Gott mag's mir vergeben.«
»Aber was, liebe Frau?« sagte der Staatsanwalt, der aus den
unzusammenhängenden Sätzen nicht klug wurde.
»Sie wissen eigentlich schon Alles,« flüsterte die Frau, »aber nur noch
nicht recht -- die Müller war schon bei Ihnen, und es ist jetzt vor den
Gerichten.«
»Die Müller? Welche Müller?«
»Die Müller von Vollmers...«
»Aber was hat das mit Ihrem Sohn zu thun?«
»Es ist nicht mein Sohn!« stöhnte die Frau, indem sie sich krampfhaft an
der Lehne ihres Stuhles festhielt. »Es ist -- der Sohn -- des -- Baron
von Wendelsheim!«
»Alle Teufel!« rief Witte, fast unwillkürlich vor seinem Stuhl
emporspringend. »Die Sache ist allerdings wichtig -- aber warten Sie
einen Augenblick. Fassen Sie Muth, liebe Frau Baumann, gestehen Sie
nur Alles aufrichtig, und was ich dann für Sie thun kann, das seien Sie
versichert, daß ich es thun werde -- ich bin gleich wieder bei Ihnen --«
und rasch schritt er durch sein Arbeitszimmer der Schreibstube zu.
»Gerber,« sagte er hier, »Sie mögen einmal hinauf auf das Stadtgericht
gehen und dort in Nr. =II= den Justizrath Bertling bitten, mich auf eine
halbe Stunde zu entschuldigen -- ich kann jetzt nicht fort. Ist frisches
Wasser in der Flasche?«
»Jawohl, Herr Staatsanwalt -- eben geholt.«
»Geben Sie mir einmal die Flasche -- ich danke Ihnen -- ein Glas habe
ich selber drüben -- ich bin für Niemanden zu sprechen.«
Der Staatsanwalt eilte mit der Flasche und einem Glase zu der Frau
Baumann zurück, die sich aber in der Zwischenzeit vollständig erholt
und jede Schwäche niedergekämpft hatte. Sie trank allerdings ein
Glas Wasser, aber sie schien jetzt vollkommen ruhig und gefaßt. Das
Schlimmste war auch eigentlich überstanden, das Geständniß selber
abgelegt, das Geheimniß gebrochen, und jetzt blieb ihr nur noch übrig,
die nöthige Aufklärung über das Einzelne zu geben, und das mußte ihr
leicht werden, denn sie sprach ja nur die reine, lautere Wahrheit.
»Sie haben mir da vorher, meine liebe Frau Baumann,« begann der
Staatsanwalt jetzt -- denn er wollte vor allen Dingen die Thatsache
constatirt haben -- »eine wunderbare Eröffnung gemacht, in der ich Sie
noch einmal fragen muß, ob ich Sie auch richtig verstanden habe. Sie
sagten nämlich, daß Ihr Sohn -- Sie meinten damit den Friedrich Baumann,
nicht wahr?«
»Ja, Herr Staatsanwalt.«
»Nicht Ihr Sohn, sondern der des Barons von Wendelsheim wäre. Ist das
richtig?«
»Ja, Herr Staatsanwalt.«
»Merkwürdig -- und weiß der Baron Wendelsheim davon?«
»Nein, Herr Staatsanwalt.«
»Er weiß es nicht?« rief der Mann erstaunt.
»Nein, Herr Staatsanwalt.«
»Aber wie ist das um des Himmels willen möglich? Wußte es denn seine
verstorbene Frau?«
»Eben so wenig; sie würde sich eher das Herz aus dem Leibe, als ihr
eigenes Kind haben nehmen lassen.«
»Dann muß ich Ihnen aber gestehen, daß ich Ihre ganze Angabe nicht
begreife, beste Frau, denn wenn beide Eltern nichts davon wissen, sagen
Sie mir, wie es dann irgend möglich ist, einen derartigen Tausch -- denn
darauf hin läuft doch das Ganze hinaus -- vorzunehmen?«
»Und doch ist es wahr,« nickte ruhig die Frau. »Wenn Sie mich aber
geduldig anhören wollen, so werde ich Ihnen Alles erklären -- Alles --
und dann -- möchte ich sterben, um die Schande nicht zu erleben, die
mich betreffen muß.«
»Ich bin wirklich begierig,« sagte Witte, »denn ich gebe Ihnen mein
Wort, daß ich es nicht begreife.«
»Sie wissen, welche Clausel das Testament hat, das in den nächsten Tagen
fällig sein muß,« sagte die Frau.
»Darüber beruhigen Sie sich; ich habe mich mit der verwünschten
Geschichte so viel und bis jetzt so nutzlos beschäftigt, daß ich den
Gegenstand durch und durch und bis in seine kleinsten Einzelheiten
kenne.«
»Der Baron von Wendelsheim, wie mir meine Schwester, des Schuhmachers
Heßberger Frau, sagte, hatte Angst, daß ihm kein Knabe, sondern ein
Mädchen geboren würde, wonach die Erbschaft für ihn verloren gewesen
wäre, und meine Schwester ist eine kluge, aber -- Gott vergebe es ihr!
-- eine böse Frau. Der alte Baron zog sie zu Rathe, und sie wußte Rath.
Mir sollte damals das erste Kind geboren werden, und sie war täglich um
mich. Es ging uns noch knapp -- wir mußten uns mühsam durchhelfen, um
nur das tägliche Brot zu gewinnen. Baumann war ein junger Mensch, der
damals erst anfing selbstständig zu werden; es reichte hier und da nicht
aus, und ich sah für das Kind, das ich erwartete, nur bittere Noth
und Sorge. Und doch war ich ehrgeizig. Ich wußte, was Baumann für ein
geschickter, braver Mann sei, wie er getrost den Ersten an die Seite
treten konnte, und wie doch Andere immer wieder durch Protection oder
andere Vergünstigung die Arbeit bekamen, die er hätte eben so billig,
und viel, viel besser und tüchtiger liefern können. Das fraß mir
in's Herz -- aber das nicht allein, auch eine Sünde, die sich meiner
bemächtigt hatte: ich war eitel -- ich ärgerte mich, wenn andere
Handwerkerfrauen besser und vornehmer gekleidet gingen, als ich, und der
böse Feind gewann seine Macht über mich.«
Witte hatte ihr aufmerksam zugehört, und hütete sich wohl, sie auch nur
mit einem Wort zu unterbrechen. Die Frau, wie sie da vor ihm saß,
sprach jetzt die Wahrheit, und wenn er der Sache je auf den Grund kommen
wollte, so konnte er nichts Besseres thun, als sie eben ausreden lassen.
»Meine Schwester,« fuhr die Frau nach einer Pause fort, in der sie still
vor sich niedergestarrt hatte, »kannte alle meine schwachen Seiten.
Sie versicherte mir, daß ich einen Knaben bekommen würde, und der Knabe
würde in Lumpen und Jammer groß und sein ganzes Leben geknechtet und
herumgestoßen werden; denn was haben die Armen für Rechte auf der Welt!
Aber in meinen Händen läge es, den Knaben, das Kind, für das ich mich
schon sorgte und ängstigte, ehe es nur athmete, groß und vornehm zu
machen und ihm Alles zuzuwenden, nach dem die Menschen hier auf
Erden mit allen Kräften streben und es zu erreichen suchen: Rang und
Reichthum. Kurz, sie schlug mir vor, den Knaben, wenn es ein Knabe
würde, dem Baron von Wendelsheim zu überlassen, der ihn zu seinem Sohn
und Erben heranziehen wollte, während ich dagegen sein eigenes Kind,
wenn es ein Mädchen wäre, wie mein eigenes pflegen und warten, aber ihm
nie im Leben verrathen sollte, wer seine wirklichen Eltern wären.
»Lange sträubte ich mich dagegen,« sagte die Frau mit einem tiefen
Seufzer. »Der Gedanke war mir zu furchtbar, mein Kind, mein eigenes Kind
herzugeben, um es von fremden Eltern erziehen und pflegen zu
lassen. Aber der Hochmuthsteufel, der seinen Sitz in meinem Herzen
aufgeschlagen, arbeitete auch in mir und ließ nicht Ruhe. Er malte mir
vor, welch ein vornehmer, von allen Leuten geachteter Herr mein Knabe
werden könnte, für den ich jetzt nur Noth und Armuth vor Augen sah, und
-- von dem Teufel geblendet, willigte ich endlich ein. Das Geld, was
mir die Heßberger noch außerdem versprach, hatte keinen Werth für mich,
reizte mich wenigstens nicht, oder machte mir die Sache leichter; nur
mein Kind wollte ich groß und vornehm wissen, und stolz auf es sein
können, und mich an ihm freuen, und das andere dafür pflegen und groß
ziehen mit meinen besten Kräften -- Du großer Gott, ich war selber noch
jung und leichtsinnig, und hatte ja keine Ahnung, welche furchtbaren
Folgen das in der Zukunft haben könnte!«
»Und dann?« fragte Witte, denn das Alles betraf nur Verabredungen und
Vorsätze und hatte nicht den geringsten Werth für ihn.
»Dann,« fuhr die Frau fort, »dann schenkte mir Gott einen Knaben, ein
liebes, herziges, gesundes Kind, und ich herzte und küßte ihn, und hatte
alle meine Pläne und Hoffnungen vergessen, denn ich dachte es mir nicht
mehr möglich, daß ich ihn je wieder freiwillig hergeben und aus meinen
Armen lassen könnte. Unglücklicherweise traf es sich aber gerade damals,
daß mein Mann verreisen mußte. Er hatte auf dem Gut in Vollmers ein
eisernes Gitter aufzustellen.«
»In Vollmers?«
»Ja -- wozu er drei oder vier Tage brauchte und auch dort natürlich
übernachtete, um am nächsten Morgen gleich wieder mit Tagesgrauen
anfangen zu können.«
»Und Ihr Mann wußte von der ganzen Verabredung nichts? Sie hatten nie
mit ihm darüber gesprochen, ihn nie um seinen Rath gefragt?«
»Nie. Ich hätte es nicht gewagt, denn er wäre schon bei dem bloßen
Gedanken außer sich gerathen, und kannte auch die Menschen besser als
ich. Er mochte meinen Schwager nicht leiden, den er für einen Heuchler
hielt, und verdachte mir sogar den Umgang mit der Schwester, obgleich er
zu gut war, ihn mir ganz zu verbieten -- o, wäre ich ihm gefolgt!«
»Und wie wurde es weiter?« fragte der Staatsanwalt, um sie von dieser
Abschweifung zurückzubringen.
»An demselben Abend,« erzählte die Frau -- »es wurde eben Dämmerung und
ich war mit meinem Kind allein --, kam plötzlich meine Schwester zu mir.
Sie trug einen weiten, dunkeln Mantel und war in großer Eile. Sie sagte
mir, daß die Baronin von Wendelsheim draußen ein Mädchen geboren habe
und das sie hinausgerufen wäre, um ihr beizustehen, und jetzt sei der
Moment, um das Glück zu ergreifen und festzuhalten. Ich bat und beschwor
sie, von ihrem Plan abzustehen; ich sagte ihr, daß ich mich von dem
herzigen Knaben nicht trennen könne, daß ich sterben würde. Sie lachte
darüber und meinte, mein Knabe solle ein großer und vornehmer Herr
werden, und um das zu erreichen, brauche ich nichts zu thun, als viel
Geld zu nehmen und still zu sein. Eine Entdeckung war auch nicht
zu fürchten; sie allein hatte mir in meinen Nöthen beigestanden und
Niemanden weiter dazu gerufen, mein Mann wußte noch nicht einmal, daß
uns ein Kind geschenkt sei, und sollte es erst bei seiner Rückkehr
erfahren. Sie ließ mir auch gar keine Zeit zum Ueberlegen, und schwach
und erschöpft, wie ich mich fühlte, konnte ich ihr nicht einmal
Widerstand leisten. Ich weinte und bat nur; aber sie fragte mich, ob ich
nicht glaube, daß sie, als meine Schwester, es gut mit mir und dem Kinde
meine und mir zu etwas rathen würde, was nicht zu unserem Besten wäre.
Dann nahm sie das Kind, schloß die Thür von außen, daß Niemand zu mir
konnte, und kam nicht wieder.