»Welche furchtbare Zeit habe ich an dem Abend verlebt!« fuhr sie endlich

nach einer Pause fort, während ihr der Schweiß in großen Tropfen auf

der Stirn stand und der Staatsanwalt noch immer mit dem Kopf schüttelte,

denn er sah keinen Faden durch das Ganze. Wo war das Mädchen

geblieben, daß die Baronin geboren haben sollte? -- »Welche furchtbare,

entsetzliche Zeit!« fuhr die Frau fort. »Ich könnte keine Worte finden,

und wenn ich Jahre danach suchte. Stunde nach Stunde verging, und ich

weinte nach meinem Kind, während draußen der Sturm die großen Tropfen

gegen das Fenster peitschte und der Wind durch den Schornstein heulte.

Wie lange ich so gelegen, weiß ich auch nicht: ich muß ohnmächtig

geworden und wieder zu mir gekommen sein, ohne daß mir Jemand beistand.

Da hörte ich plötzlich einen Schlüssel im Schloß herumdrehen, und nicht

meine Schwester, aber mein Schwager trat zu mir herein. Sein Mantel

troff von Wasser, aber zitternd, vor Freude zitternd, streckte ich die

Arme nach ihm aus, denn ich hörte ein Kind darunter wimmern.

»Mein Kind, mein Kind! rief ich ihm entgegen. O Schwager, bringt Ihr mir

mein Kind zurück!«

»Da habt Ihr's,« sagte der Mann mit einem lästerlichen Fluch. »Ist das

ein Wetter, um einen Menschen darin hinaus zu jagen? Es war nichts --

die Frau Baronin hat selber einen Knaben geboren -- da habt Ihr das

Eurige wieder, wir können's nicht gebrauchen.«

»Mit Jubel griff ich es und drückte es in meine Arme; aber ich wollte

es auch sehen. Es war dunkel im Zimmer, dunkle Nacht. Neben meinem

Bett stand ein Feuerzeug; ich machte Licht und entzündete die Lampe.

Heßberger blieb neben meinem Bett stehen und hob mein liebes, liebes,

schon verloren gegebenes Kind gegen das Licht; aber ein furchtbarer

Schmerz zuckte mir durch die Brust.

»Das ist es ja nicht! schrie ich, von Angst und Schrecken erfüllt. Das

ist es ja nicht! O, glaubt Ihr, daß ich mein Kind nicht wiederkennen

würde?

»Da wurde er ängstlich und bat mich, nicht so zu schreien, die Wände

wären dünn, und die Nachbarn könnten am Ende die Worte verstehen.

Seine Frau würde am nächsten Morgen selber herüberkommen und mir Alles

erklären; nur bis dahin solle ich ruhig sein und das arme Würmchen

pflegen, das ohnedies schon halb erstarrt vor Kälte wäre. Und Gott sei

es geklagt, er hatte recht! Der Mantel war in dem furchtbaren Wetter naß

geworden; das arme, neugeborene Kind hatte kaum noch Leben in sich, als

er es zu mir in's Bett legte, und ich konnte ihm ja nicht böse sein. Ich

küßt' es und herzt' es, als ob es mein eigenes wäre, und nie die langen,

langen Jahre hindurch durfte es sich beklagen, daß ihm eine Mutter

gefehlt hätte.«

»Aber, beste Frau Baumann,« sagte der Staatsanwalt, der sie ruhig hatte

ausreden lassen, jedoch die Hauptsache noch immer vermißte, obschon ein

dunkler Verdacht über das Geschehene in ihm aufstieg -- »ich verstehe

das noch immer nicht; denn wenn die Frau Baronin wirklich einen Knaben

und kein Mädchen....«

»Hören Sie nur weiter,« sagte die Frau, »ich bin gleich zu Ende. Am

nächsten Morgen kam meine Schwester zu mir und wollte mir ebenfalls

einreden, das sei mein Kind, was ich in den Armen halte; aber sie konnte

das Mutterauge nicht täuschen, und wie sie denn endlich einsah, daß all'

ihr Reden nichts half, da lenkte sie ein und meinte, sie habe mich

das nur glauben machen wollen, damit ich mich um so leichter beruhigen

solle. Aber jetzt mußte Sie mir die ganze Geschichte erzählen, oder ich

drohte ihr, es meinem Mann zu sagen, und den fürchtete sie; so erfuhr

ich denn Alles. Der Baron hatte mit ihr vorher heimlich abgemacht, das

Kind, wenn es ein Mädchen sein sollte, gleich nach der Geburt gegen

einen Knaben einzutauschen, und ihr dafür nicht allein reichen Lohn für

sich, sondern auch für die Mutter des andern Kindes versprochen. Alle

Vorbereitungen waren dazu auch getroffen gewesen, und meine Schwester

hatte es so einzurichten gewußt, daß sie oben in der Wohnstube nur

eine Person um sich hatte, auf die sie sich fest und sicher verlassen

konnte.«

»Wer war das?« fragte Witte, mit einer Idee an die Madame Müller.

»Sie ist lange todt,« sagte die Frau; »eine arme Verwandte von uns, die

bei Heßberger im Hause wohnte oder dort vielmehr diente. Sie zog aber

fort von hier nach Amerika, und wie meine Schwester mir später erzählte,

ist sie dort am gelben Fieber gestorben.«

»Und die war mit oben im Schlosse?«

»Ja; meine Schwester hatte auch im Schlosse, wie sie mir gestand, sehr

leichte Arbeit, denn weniger der Baron als des Barons Schwester, das

gnädige Fräulein von Wendelsheim selber, schien die Verabredung mit

ihr getroffen zu haben und unterstützte sie so vollständig in der

Ausführung, daß sie völlig freie Hand behielt. Mein Schwager Heßberger

wartete mit meinem Knaben in einem kleinen Gartenhäuschen, in dem ein

Ofen stand und das ordentlich erwärmt war, weil man ja doch die Zeit

nicht genau bestimmen konnte, und die Frau Baronin bekam ihr eigenes

Kind gar nicht zu sehen. Meine Schwester erschrak wohl, als sie sah,

daß es auch ein Knabe sei; aber der Gewinn, den sie durch den Tausch

erwartete, blendete sie -- kein Mensch im Schlosse, weder der Baron,

noch das gnädige Fräulein erfuhren je, daß ihnen ein Erbe geschenkt

worden. Meine Schwester trug das Neugeborene gleich fort, und als sie

mit meinem Kinde zurückkam, legten sie den Knaben der Frau Baronin in's

Bett, die ihn dann herzte und küßte und Freudenthränen über ihr Glück

vergoß.

»Am nächsten Morgen erst kam die Amme, die jetzige Müller aus Vollmers,

die aber natürlich nichts von dem Tausch wissen konnte. Aber andere

Menschen mußten doch Verdacht geschöpft haben, denn es wurde in der

nächsten Zeit viel davon gesprochen, und manche Leute haben sich wohl

Mühe gegeben, um hinter die Wahrheit zu kommen. Aber die Heßberger,

obgleich damals noch ein junges Weibsen, war ihnen Allen zu schlau, und

an mich dachte Niemand; denn wer hätte sich auch denken können, daß der

Baron den eigenen Knaben weggegeben, um einen andern einzutauschen? Im

Anfang weinte ich auch viel, und der Betrug schnitt mir in die Seele;

aber die Schwester wußte mir Alles so golden hinzustellen, und wie

wir jetzt viel Geld kriegen und reich und mein Sohn ein vornehmer Herr

werden würde, und als mein Mann nach Hause kam, mit keiner Ahnung

des Geschehenen, und mit dem Knaben auf dem Arme jubelnd in der Stube

herumsprang, da wußte ich, daß er ihn eben so lieb haben würde, als ob

es sein eigenes Kind gewesen wäre, und schwieg.«

»Also versteh' ich daraus,« sagte der Staatsanwalt, dessen klares und

durchdringendes Auge fest, aber nicht unfreundlich auf der Frau haftete,

»daß der Baron von Wendelsheim, oder mehr noch seine Schwester, ohne

Vorwissen der Mutter einen Tausch des Kindes beabsichtigten, falls es

ein Mädchen sei, und daß Ihre Schwester, trotzdem daß dem Baron ein

Knabe geboren wurde, den Tausch ausführte und den Baron wie dessen

Schwester glauben ließ, es sei eben ein Mädchen gewesen, nur um sich die

ausgestellte Belohnung zu sichern.«

»So war es,« nickte die Frau still vor sich hin -- »so war es.«

»Und hat sich der Baron selber später nie um sein wirkliches Kind

bekümmert, nie es sehen wollen?«

»Doch,« nickte die Frau. »Da ich immer Angst hatte, daß das Verbrechen

trotzdem an den Tag kommen könnte, beruhigte mich meine Schwester, indem

sie mir alle getroffenen Vorsichtsmaßregeln erzählte. Auf einem Dorfe

in der Nachbarschaft war wenige Tage nachher ein acht Tage altes Mädchen

gestorben -- dessen Todtenschein verschaffte sich meine Schwester und

brachte ihn dem Baron, der von da an glaubte, sein eigenes Kind sei

todt, und auch nie wieder seit der ganzen Zeit danach gefragt hat.«

»Das ist eine durchtriebene Person,« nickte der alte Anwalt vor sich

hin. »Und welchen Lohn erhielten Sie dafür?«

»Ach, viel, viel Geld!« seufzte die Frau. »Mein Theil betrug, wie mir

die Schwester sagte, dreitausend Thaler, und sie wußte das ebenfalls

so einzurichten, daß mein Mann -- ein gutes, ehrliches Herz außerdem --

glauben mußte, es sei eine Erbschaft, die ich erhoben. Aber in so fern

habe ich wenigstens gut gemacht, was ich konnte, und Alles, was in

unseren Kräften stand, und was wir besonders mit Hülfe jener Summe

ersparen konnten, auf die Erziehung des Pflegekindes gewandt. Fritz

hat gewiß seine Mutter nie so vermißt, wie ich nach meinem eigenen Kind

gejammert habe. Aber jetzt kann es nichts mehr helfen. Die Sache ist

allerdings schon vor den Gerichten, und wenn sie den alten Baron und

das gnädige Fräulein vorfordern, so müssen die wohl bekennen, doch sie

können den Fritz damit nicht mehr retten, denn das dauert zu lange, und

die Zeit verfliegt -- er soll den Mord schon bekannt haben und ist

zum Tode verurtheilt; aber er darf nicht sterben. Mit dem Sohn des

Schlossermeisters Baumann machen sie wenig Umstände, das weiß ich. Die

Volkert hat ganz recht: was liegt an solch einem armen Menschen und

daran, was ihn dazu getrieben! Anders wird es aber, wenn sie erfahren,

daß es ein Baron von Wendelsheim, der Erbe von so vielem Geld ist, den

sie im Gefängniß halten, und den werden, den dürfen sie nicht tödten.

»So,« sagte die Frau, indem sie mühsam nach Athem rang, »jetzt haben Sie

Alles gehört, was ich verbrochen, was mich hiehergetrieben. Ich weiß,

daß ich damit Schmach und Schande auf mein eigenes Haupt lade; ich weiß,

daß mein eigener Sohn, den ich reich und vornehm machen wollte, arm und

niedrig wird, wie wir selber sind; ich weiß, daß ich Unglück über

uns Alle bringe, aber Blut -- Blut soll nicht vergossen werden, nicht

meinethalben -- nicht meinethalben. Ich habe Sünde genug auf dem

Gewissen, aber ich will kein Blut darauf haben -- um des Himmels willen

kein Blut!«

Die Frau war erschöpft in ihrem Stuhl zusammengebrochen, und Witte

sprang empor, denn er fürchtete, daß sie zu Boden fallen könnte; aber es

war nicht körperliche Schwäche, sondern allein nur vollständige geistige

Ermattung gewesen, die sie erfaßte, und dagegen glaubte er ein Mittel zu

wissen. Er hatte in seiner Stube eine Flasche mit gutem Rum stehen; den

holte er vor, goß ihr einen Theil davon unter das noch übrig gebliebene

Wasser und hieß sie das trinken. Die Frau nahm es auch und that einen

Schluck; aber sie war geistige Getränke nicht gewohnt und setzte es,

innerlich schaudernd, wieder ab. Der Staatsanwalt dagegen schenkte

sich ebenfalls ein Glas ein; er fühlte sich so aufgeregt, daß er etwas

Derartiges bedurfte; aber er schüttelte sich nicht, und erst in der

Stube ein paarmal auf und ab gehend, blieb er endlich wieder vor der

Frau Baumann stehen.

»Und Ihr Sohn,« sagte er, »oder der Baron Friedrich von Wendelsheim, der

er eigentlich ist, hat noch keine Ahnung von seinem Stande?«

Die Frau schüttelte mit dem Kopf.

»Und der Lieutenant eben so wenig?«

»Kein Mensch weiß etwas davon, als Heßbergers und ich -- und jetzt Sie.«

»Hm,« sagte der Staatsanwalt, »das ist bei Gott eine wunderbare

Geschichte und wird....« Er brach kurz ab, rieb sich mit der flachen

Hand den Kopf und setzte seinen unterbrochenen Spaziergang fort.

»Wissen Sie, liebe Frau,« sagte er endlich, als er nochmals stehen

blieb, »daß wir mit der Sache in ein wahres Wespennest hineingerathen,

denn wenn die Heßberger'schen Eheleute leugnen -- und das thun sie

jedenfalls --, so glaubt uns nachher kein Mensch ein Wort von der ganzen

Bescherung. Es sind vierundzwanzig Jahre darüber hingegangen, und der

alte Baron -- und sein Satan von einer Schwester erst recht -- werden

sich hüten, auch nur eine einzige der angeführten Thatsachen zuzugeben.

Sie werden es für blanke Lüge und Verleumdung erklären.«

»Ich habe die Wahrheit gesprochen,« sagte die Frau feierlich, »so mir

Gott in meiner letzten Stunde beistehen soll!«

»Ich glaube es Ihnen, liebe Frau, ich glaube es Ihnen, jede Silbe,

und ich durchschaue auch jetzt das Ganze gut genug, aber Beweise --

wo kriegen wir Beweise her? Die müssen wir schaffen, ehe wir nur damit

herauskommen können, oder wir verderben Alles.«

»Und indessen tödten sie mir den Sohn, den ich genährt und erzogen und

so lieb habe wie den eigenen!« rief die Frau in Angst und Aufregung.

»Wen? Den Fritz Baumann?«

»Hat er denn nicht gestanden und soll er nicht schon übermorgen

hingerichtet werden?«

»Unsinn,« sagte der Staatsanwalt mürrisch, »altes Weibergeschwätz in

der Stadt. So schnell geht die Sache nicht, und wenn er den alten Mann

wirklich überfallen hätte, was ich aber nicht einmal glaube. Nein,«

setzte er hinzu, als ihn die Frau zweifelnd anstarrte, »machen Sie sich

deshalb keine Sorgen; Sie haben deren schon außerdem genug. Er sitzt

allerdings noch im Gefängniß, und möglich, daß er auch noch ein paar

Wochen dort bleiben muß, denn die Herren Richter haben darüber ihre

eigenen Ansichten, aber weiter wird ihm nichts geschehen -- verlassen

Sie sich auf mich.«

»Aber die Volkert hat mir doch gesagt,« stammelte die Unglückliche ganz

verstört -- denn jetzt erst kam ihr der Gedanke, daß vielleicht das

ganze Geständniß unnöthig gewesen wäre -- »daß er bekannt hätte und am

Freitag hingerichtet werden solle.«

Der Staatsanwalt mochte vielleicht ahnen, was in ihrer Seele vorging,

und es lag ihm selber daran, das Gefühl jetzt nicht in ihr aufkommen

zu lassen. »Ich weiß nicht, woher die Frau Volkert ihre Nachrichten

schöpft,« sagte er deshalb, »kenne die Dame auch nicht und glaube nicht,

daß der junge Mann sich zu dem Verbrechen bekannt hat. Wäre es aber

auch wirklich der Fall, so beruhigen Sie sich vollständig, über eine so

rasche Ausführung der Strafe. Das geschieht nicht und kann nach unseren

Gesetzen gar nicht geschehen, da selbst einem jeden Verbrecher, und sei

er der schwerste, der Weg zur Gnade des Königs noch immer offen steht.

In diesem Fall aber und im Besitz des Geheimnisses, das Sie mir eben

mitgetheilt, würde ich selber die nöthigen Schritte thun, um eine über

ihn verhängte Strafe hinauszuschieben, und deshalb brauchen Sie sich

keine Sorge zu machen -- Ihr Fritz soll nicht sterben.«

Die Frau faltete die Hände. »Dann mag nachher mit mir geschehen, was

da will,« sagte sie leise. »Und wenn ich das Furchtbare nun erst noch

meinem braven Mann gestanden und seine Verzeihung erfleht habe, dann

glaube ich auch, daß mir der liebe Gott die Sünde vergeben wird. Die

Menschen mögen mich dann strafen -- ich habe es verdient und will es

gern ertragen.«

»Ihrem Mann wollen Sie es gestehen?« sagte der Staatsanwalt. »Hm --

ja....«

»Und muß ich denn nicht?« fragte die Frau erstaunt. »O, wenn ich es vor

langen, langen Jahren gethan hätte, es wäre vieles Elend abgewandt!«

»Die Sache ist nur die,« meinte Witte verlegen, »daß wir damit

eigentlich nicht unter die Leute treten dürfen, bis wir nähere Beweise

dafür bringen können. Haben Sie kein Zeichen, an dem Sie Ihr eigenes

Kind fest bestimmen könnten, kein Maal oder sonst etwas?«

Die Frau schüttelte mit dem Kopf. »Nein,« sagte sie, »kein anderes

Zeichen als das Herz der Mutter. Er kennt mich ja auch selber nicht,«

setzte sie traurig hinzu; »wie oft habe ich mich ihm in den Weg

gestellt, um ihm in die guten, treuen Augen -- ganz wie sie sein Vater

hat -- zu schauen! Er kannte mich nicht einmal, sah mich kaum, dankte

nur manchmal vornehm oder auch gar nicht und ging vorüber, und mir

hätte das Herz dann in der Brust zerspringen mögen, daß ich's mit beiden

Händen halten mußte.«

»Arme Frau....«

»Jawohl, arme Frau -- o, was ich geduldet und getragen habe die ewig

lange Zeit, und immer allein, immer allein, mit keiner Seele, der ich

mich vertrauen durfte -- ich könnt's nicht sagen. Jetzt zum ersten Mal

fühl' ich mich leichter, jetzt zum ersten Mal ist mir, als ob ich wieder

Frieden finden könnte. Aber mein armer Bruno,« setzte sie seufzend

hinzu, »wie wird er es tragen? Muß er nicht seiner eigenen Mutter

fluchen, daß sie ihm allen Glanz der Erde zeigte, nur um ihn dann wieder

herauszureißen und zu einem der Niedrigsten zu machen?«

»Das ist wirklich eine verzweifelte Geschichte,« murmelte der

Staatsanwalt, dem indessen eine ganze Menge von Dingen durch den Kopf

fuhren. Nicht allein Herr Bruno von Wendelsheim würde nämlich erstaunt

über den Wechsel der Verhältnisse sein, sondern auch seine eigene Frau.

Aber was half ihm das Alles? Beweise brauchte er, weiter nichts als

Beweise; denn daß das Zeugniß einer einzigen alten Frau nicht

ausreichen würde, um besonders in einer so wichtigen und bedeutenden

Erbschaftssache die ganze Erbfolge umzustoßen, konnte er sich nicht

verhehlen. War es ja doch, wie das Gericht einwenden würde, ihr eigener

Sohn, dem sie durch ein solches Geständniß das riesige Erbe zuwenden

wollte, und daß man das nicht so ruhig hinnahm, ließ sich denken. Und

was der Major dazu sagen würde? Recht hatte er freilich gehabt, daß

damals nicht Alles redlich zugegangen, wenn es bei ihm auch blos

Verdacht, nie Gewißheit gewesen; aber ihm half es trotzdem nichts,

wie die Sachen standen. Und seine eigene Frau? Er kratzte sich mit der

rechten Hand hinten am Kopf und lief noch immer mit schnellen Schritten

im Zimmer auf und ab. Außerdem konnte er der Frau nicht verdenken,

jetzt, da sie ihm das schwere Geheimniß eröffnet, auch ihr Herz gegen

ihren Mann auszuschütten, und daß sie da einen harten Stand bekam,

ließ sich denken. Aber ihm setzte sie damit ebenfalls das Messer an die

Kehle, denn wenn jetzt etwas in der Sache geschehen sollte, mußte es

rasch geschehen; er wußte nur nicht, wie.

Mitten im Herumlaufen fiel ihm sein Justizrath ein. »Hilf Himmel, wie

rasch die halbe Stunde vorüber war!« Er mußte jetzt fort, denn es

betraf einen wichtigen Fall, der nothwendig eine vorherige Besprechung

erforderte, und die Zeit war jetzt schon beinahe abgelaufen.

»Liebe Frau Baumann,« sagte er deshalb, »ich muß fort, ich kann nicht

länger ausbleiben. Gehen Sie indessen nach Hause und überlegen Sie sich

die Sache noch einmal ordentlich unterwegs. Treibt Sie Ihr Herz,

mit Ihrem Mann offen darüber zu sprechen -- ich kann's Ihnen nicht

verdenken --, so thun Sie es, aber bitten Sie ihn, mit keinem Menschen

weiter darüber zu reden, bis ich ihn selber gesehen habe. Ich komme

dann, wenn die Sitzung vorüber ist, bei Ihnen vor. Wollen Sie mir das

versprechen?«

»Ja, Herr Staatsanwalt,« sagte die Frau leise, »denn ich glaube, daß Sie

es gut mit uns meinen.«

»Sie können sich darauf verlassen, liebe Frau.«

»Und der Fritz? -- Es geschieht ihm gewiß nichts Böses, wenn wir nicht

gleich erzählen, daß er vornehmer Leute Kind ist?«

»Es geschieht ihm nichts, die Versicherung kann ich Ihnen geben. Ich

werde dafür sorgen, daß er in keine Gefahr kommt, und wenn irgend

eine Aenderung in der Untersuchung eintreten sollte, so komme ich

augenblicklich zu Ihnen oder schicke nach Ihnen und lasse es Sie

wissen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, ich danke Ihnen recht von Herzen

-- auch für die freundlichen Worte, die Sie zu mir gesprochen. Ich

hatte schon geglaubt und gefürchtet, alle Menschen, die mein Vergehen

erführen, müßten mich von jetzt an nur hassen und verabscheuen, und ich

trage doch wahrlich nicht die Schuld -- o, ich allein hätte es nie, nie

gethan!«

»Seien Sie ohne Sorge, Frau Baumann,« sagte der alte Herr, der aber

jetzt etwas ungeduldig wurde. »Ich habe Sie nun kennen gelernt, und ich

glaube, ich durchschaue das Ganze. Wir wollen sehen, wie sich Alles zum

Besten wenden läßt, und in spätestens zwei oder drei Stunden bin ich bei

Ihnen.«

Damit ging er nach der Thür zu und nahm drin in seinem Zimmer Hut und

Stock. Frau Baumann folgte ihm auch, und mit gesenktem Haupte schritt

sie zwischen den Schreibern hin, die sich indeß die Köpfe zerbrochen

hatten, was die Frau so Wichtiges mit ihrem Chef zu sprechen hatte, daß

er einen besondern Boten auf das Amt hinaufschickte, um eine Verhandlung

aufzuschieben, und sie jetzt beinahe sogar versäumte. Aber sie erfuhren

nichts. Der Staatsanwalt lief, ohne selbst seiner Frau Adieu zu sagen,

die Treppe hinunter, um noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein,

und langsam -- o, wie waren ihr die Füße so schwer geworden, als sie

diesmal ihrer Heimath entgegenschritt -- folgte ihm die Frau.

Ende des zweiten Bandes.

Druck von _G. Pätz_ in Naumburg a. d. S.

[Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Ein an den vorderen Buchdeckel angeklebter Zettel mit Verlagswerbung

wurde nicht in den Text aufgenommen.

Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden stillschweigend

korrigiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit

folgenden Ausnahmen:

Seite 43:

"," eingefügt

(wie von dem Vater selber, wie von der Tante besonders)

Seite 55:

"peischte" geändert in "peitschte"

(während der Regen an die Fenster peitschte)

Seite 107:

"senie" geändert in "seine"

(während seine Frau aufstand und in die Küche ging)

Seite 110:

"schmelmisches" geändert in "schelmisches"

(schelmisches Lächeln flog über die Züge des jungen Mannes)

Seite 127:

"das" geändert in "daß"

(ich wußte nicht, daß Ihr Verstand schon so vollständig)

Seite 145:

"Sie" geändert in "sie"

(deshalb sollen sie mir gerade an's Messer)

Seite 147:

"erwidert" vereinheitlicht zu "erwiedert"

(Beleidigung nicht allein erlitten, sondern auch gleich erwiedert)

Seite 155:

"," eingefügt

(sagte ihr Mann, »Du redest einmal wieder in den Tag hinein)

Seite 182:

"." eingefügt

(es noch vor der Hand abgelenkt, aber nur unter Einer Bedingung.«)

Seite 251:

"wie" geändert in "nie"

(nie ist ein unfreundliches Wort zwischen uns gefallen)

Seite 263:

"," eingefügt

(sagte dieser auf ihre deshalb gemachte Bemerkung, »ich wäre)

Seite 268:

"kamst" geändert in "kannst"

(so kannst Du Dich auch fest darauf verlassen)

Seite 280:

"Reisensenden" geändert in "Reisenden"

(und alle Reisenden scharf musterten)

Seite 281:

"," eingefügt

(er fing an, die Menschen in seinem Herzen)

Seite 284:

"mölich" geändert in "möglich"

(um dem Dieb wo möglich auf die Spur zu kommen)

Seite 287:

"Uebelhäter" geändert in "Uebelthäter"

(ihm vielmehr den Uebelthäter gleich in die Hände geliefert)

Seite 324:

"Bureau" vereinheitlicht zu "Büreau"

(deutlich genug durch ein Schild das Büreau des Staatsanwalts)

Seite 324:

"uud" geändert in "und"

(dort wurde sie doch nicht verachtet und zurückgestoßen)

Seite 329:

"." eingefügt

(Mir wirbelt der der Kopf jetzt noch vom vielen Denken.«)

Seite 342:

"das" geändert in "daß"

(meine Schwester hatte es so einzurichten gewußt, daß sie oben)

Seite 343:

"vergaß" geändert in "vergoß"

(und Freudenthränen über ihr Glück vergoß)]

End of Project Gutenberg's Der Erbe. Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker

Der Erbe: Roman. Zweiter Band. · 第 15 / 15 段