Der Rath blieb mitten in der Straße stehen und sah ihm nach. Dort ging

der Bursche mit seinen Hosen so unverschämt wie möglich hin, und er

hatte sich ein Paar andere kaufen müssen. Und waren es auch wirklich

seine? In dem Laden benahm er sich genau so, als ob er sie dort gekauft

hätte, und die Leute da drinnen widersprachen ihm auch nicht. Frühbach

war ganz irre geworden, und doch hätte er darauf schwören mögen, daß der

kleine verschmitzte Schuster, der sich gerade in der letzten Zeit häufig

bei ihm zu thun gemacht, das Zeug aus seinem Vorsaal mitgenommen.

Jedenfalls beschloß er auf die Polizei zu gehen und die Anzeige zu

machen; das war überhaupt seine Pflicht, denn wenn die Polizei gar nicht

erfuhr, daß gestohlen wurde, so konnte sie auch nicht nachforschen, und

hätte dann -- ein undenklicher Zustand -- nichts zu thun gehabt. Mit dem

Entschlusse bog er deshalb direct in die nächste Straße ein, um seinen

Vorsatz augenblicklich zur Ausführung zu bringen.

12.

Die Nachbarin.

Dies war der dritte Tag nach dem Ueberfall, und auf dem Judenkirchhof

hatte der Todtengräber, obgleich ihm merkwürdiger Weise kein Auftrag

dafür geworden, schon ein Grab für den alten Salomon ausgeworfen; denn

selbst in der Judengasse wußte man nicht anders, als daß er dort drüben

in seiner Stube, wo auch die Fenster den ganzen Tag über geöffnet

standen, ausgestreckt als Leiche auf dem Bett liege.

Am ersten Tage waren einige seiner nächsten Bekannten hinauf gelassen

worden, um ihn noch einmal zu sehen, und damals lag er auch in der That

wie ein Todter da und rührte und regte sich nicht, und die Leute waren

an der Thür, ihre Gebete murmelnd, stehen geblieben. Später aber ließ

man Niemanden mehr ein; es hieß, die alte Frau sei selber so krank

geworden und bedürfe der Ruhe, und etwas Natürlicheres gab es ja nicht.

Daß sie es überhaupt so lange ertragen, war ein Wunder. Der Arzt ging

denn auch noch häufig aus und ein, und wenn er herauskam, fragten

ihn die Leute nur immer, wie es der alten Frau ginge -- nach Salomon

erkundigte sich Niemand mehr.

Uebrigens schien die Vorsichtsmaßregel mit seinem fingirten Tode ganz

unnöthiger Weise gebraucht zu sein, da Tag nach Tag verstrich, ohne daß

die Polizei auch nur irgendwo den geringsten Anhaltspunkt für die That

gefunden hätte, und selbst Salomon, als er wieder zur Besinnung kam,

konnte ihr keine weitere Auskunft geben.

Am zweiten Tag schon schlug er die Augen auf und erkannte seine Frau und

Tochter, und der stille Jubel im Hause läßt sich denken, als ihnen der

Arzt erklärte, er hoffe ihn jetzt, wenn nicht etwas ganz Besonderes

vorfiele, durchzubringen. Aber in den ersten Stunden durfte man ihn

natürlich nicht mit Fragen quälen, ja selbst die Erinnerung an das

Erlebte mußte, so viel als irgend möglich, ferngehalten werden. Der

Actuar war allerdings noch an dem Abend da und wünschte ihn zu

sprechen; aber der Doctor ließ ihn nicht hinein. Morgen vielleicht oder

übermorgen, wenn er eine recht ruhige Nacht gehabt, möchte er wieder

vorfragen, aber bis dahin nicht.

Diese Vorsicht erwies sich als ganz vortrefflich, denn der überhaupt

zähe Körper des alten Mannes kräftigte sich durch die notwendige Ruhe

so rasch, daß er schon am andern Morgen wieder in seinem Bett aufsaß und

jetzt selber von dem Ueberfall jenes Abends zu sprechen begann.

Rebekka selbst schrieb jetzt ein paar Zeilen an den Actuar, der ihnen

schon zu dem Zweck seine Adresse dagelassen hatte, und dieser kam

ungesäumt, um einen so günstigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Aber

wenig genug war es, was ihm Salomon über die Person des Räubers sagen

konnte, denn so genau er ihn im Gesicht kannte und erklärte, ihn unter

Tausenden herausfinden zu wollen, so wußte er doch seinen Namen

nicht und konnte auch nicht sagen, ob er in Alburg selber oder in der

Nachbarschaft wohne. Drei- oder viermal war er allerdings schon bei ihm

gewesen; das erste Mal, um ihm eine Partie silberner Löffel zum

Kauf anzubieten, den er aber verweigert habe, weil er die Sachen für

gestohlen hielt und keine Unannehmlichkeiten haben wollte. Das zweite

Mal war er unter dem Vorwand gekommen, selber ein silbernes Besteck

zu kaufen, und hatte sich dann verschiedene Sachen zeigen lassen --

natürlich nur in der Absicht, wie sich jetzt herausstellte, um die

Gelegenheit auszukundschaften. Er kaufte auch damals nichts, versprach

aber wiederzukommen, und erhandelte das dritte Mal wirklich einen

silbernen Serviettenring, wofür er eine Zehnthaler-Note auf den Tisch

legte. Das war an jenem Abend, kurz vor der Dämmerung. Wie aber Salomon

leichtsinniger Weise an seinen Geldschrank ging und ihn öffnete, um die

Note zu wechseln, sprang der Fremde plötzlich mit einem Satz über den

Ladentisch und hatte ihn an der Gurgel. Er wollte schreien, aber er

konnte nicht, der Schreck und die eiserne Faust des Räubers verhinderten

ihn daran, und ehe er im Stande war, sich dem Griff zu entwinden, fühlte

er einen schweren, dumpfen Schlag auf seinem Kopf, und was dann weiter

mit ihm geschehen, vermochte er nicht mehr anzugeben.

Und wie sah der Mann aus?

Ja, genau konnte er das auch nicht sagen; er war die drei verschiedenen

Male -- wenigstens die beiden letzten, denn das erste Mal erinnerte er

sich nicht mehr deutlich -- nur in der Dämmerung zu ihm gekommen. Es

sollte eine nicht große, aber ziemlich kräftige Gestalt sein, mit einem

breiten Gesicht und kleinen verschmitzten Augen. Er trug -- ja genau

konnte er das auch nicht angeben --, er glaubte, einen grauen oder

schwarzen kurzen Rock; er wußte nicht einmal, ob er einen Hut oder eine

Mütze aufgehabt, denn er versicherte, daß er ihm immer hätte in die

kleinen tückischen Augen sehen müssen.

Und sonst war er ihm nie hier in der Stadt begegnet?

Lieber Himmel, der alte Mann kam ja fast nicht vor seine Thür! Seit nun

zehn Jahren, wo er nach Alburg gezogen war und das Haus da kaufte, war

er kaum irgendwo anders hin, als zur bestimmten Zeit auf die Börse und

vielleicht einmal mit seiner Familie an einem schönen Tag hinaus in den

Wald gekommen. Wirthshäuser besuchte er gar nicht. Geschäftswege hatte

er ebenfalls nicht; wer Geschäfte mit ihm machen wollte, kam zu ihm, und

bis dahin erinnerte er sich nicht, den Menschen je gesehen zu haben.

Und war der junge Baumann jemals mit dem Menschen zusammen bei ihm

gewesen?

Der junge Baumann -- der Mechanikus? Nie.

Und er glaubte also nicht, daß jener Baumann bei dem Ueberfall

betheiligt gewesen?

»Der junge Baumann? Gott der Gerechte,« rief der alte Mann aus, »würd'

ich ihm anvertrauen meinen ganzen Laden mit Schlüssel und Schränken, als

ich hab' die Beweise, daß er ist ein ehrlicher, braver Mensch, der junge

Baumann!«

Der Actuar erzählte dem Alten jetzt, daß man gerade diesen in Verdacht

gehabt habe, der Mörder zu sein, da er im Hofe unmittelbar nach der That

und mit Blut bedeckt angetroffen worden sei; aber Salomon gerieth fast

außer sich, als er hörte, daß man ihn noch auf den Verdacht hin gefangen

halte.

»Der junge Baumann,« rief er, »wär' er dabeigewesen, der böse Mensch

hätte nie wagen dürfen, Hand an einen alten Mann zu legen! Er kam immer

allein, und wenn ich es hätte für möglich gehalten, daß etwas Derartiges

könnte passiren mitten in einer großen Stadt und wo die Straßen sind

noch belebt und die Häuser offen, ich würde gewesen sein vorsichtiger

-- aber der junge Baumann -- Gott soll behüten -- wegen meiner im

Gefängniß! Lassen Sie den Mann los, Herr Actuar, denn wer weiß, wenn er

nicht wär' dazugekommen und den Räuber verjagt hätte, ob ich noch lebte

und erzählen könnte!«

Das war nun Alles schon recht, aber dem Actuar nicht im mindesten damit

gedient, denn wenn er den Baumann losließ, hatte er keinen Andern dafür

und mußte zugleich dabei eingestehen, daß er sich geirrt. Und war der

alte Mann überdies auch wirklich ein genügender Zeuge, um den Gefangenen

von jeder Schuld loszusprechen? War es überhaupt denkbar, daß irgend

Jemand allein einen solchen Ueberfall unternommen hätte, wo er jeden

Augenblick von außen gestört werden konnte und jeden Weg zur Flucht

dann abgeschnitten sah? Zwei Gehülfen wenigstens durfte man bei einer

solchen, jedenfalls vorher reiflich überlegten That annehmen, und

während der eine den Ueberfall ausführte, stand der andere natürlich

indessen Wache und half nur vielleicht im entscheidenden Augenblick. Daß

Salomon dann den Zweiten, der anfangs vor der Thür stand, nicht gesehen

hatte, ließ sich leicht erklären. Unter jeder Bedingung mußte aber der

Versuch gemacht werden, den Gehülfen zu einem Geständniß zu bringen

und dadurch den wirklichen Mörder herauszubekommen. So leicht ließ die

Polizei Niemanden wieder frei.

Morgens um zehn Uhr, an dem nämlichen Tag, wurde der Schlossermeister

noch einmal vorgeladen. Man hatte vergessen, ihm das Tuch zu zeigen,

welches im Laden gefunden worden; er sollte bestätigen, daß es seinem

Sohn gehöre, und sagen, ob er es schon in seiner Werkstätte, als er

an dem Abend von ihm fortging, über die kleine Maschine, die sich

allerdings im Laden gefunden, gedeckt hätte.

Schlossermeister Baumann mußte außerdem, ehe er vorkam, eine volle

Stunde draußen auf der Galerie warten und konnte nachher auch nichts

Bestimmtes aussagen. Seiner schlichten Meinung nach blieb sich ja das

auch vollkommen gleich, ob das Tuch in der Werkstätte oder auf der

Straße übergedeckt gewesen wäre; er begriff sogar nicht, wie man ihn nur

einer solchen Bagatelle wegen wieder vorfordern und noch dazu so

lange warten lassen konnte. Aber auf den Gerichten hat das Alles seine

bestimmte Zeit, und die jungen Actuare, während sie selber nur für die

gesetzlichen Stunden an das Büreau gebannt sind, verfügen gewöhnlich auf

das willkürlichste über ihre vorgeladenen Zeugen. Dürfen sich diese doch

nicht einmal darüber beschweren, ohne sich gleich einer Mißachtung des

ganzen Instituts schuldig zu machen.

Auf das dringendste erneuerte er aber dabei seine Bitte, den gefangenen

Sohn sprechen zu dürfen -- es ging nicht an; der Gefangene hatte noch

nichts gestanden, und es war da sehr leicht möglich, daß er von außen

her Warnungen oder Nachrichten bekam, die auf den Lauf der Untersuchung

störend hätten einwirken können. Die Gefühle eines Vaters durften dabei

nicht in Betracht kommen.

Indessen wurde in ganz Alburg fast von nichts als dem Raubmord und

hauptsächlich von dem Raubmörder Fritz Baumann gesprochen, denn als

solcher galt er den Leuten, wie sich das von selbst versteht. Den alten

Salomon persönlich kannten auch fast nur solche, die ihn in seiner

eigenen Wohnung aufgesucht, denn in der eigentlichen Stadt ließ er sich

nie blicken. Alles, was man von ihm wußte, war, daß er ein sehr reicher

Jude sei, der aus Geiz ganz entsetzlich ärmlich lebe -- zu welchem

Gerücht vielleicht das unscheinbare Aeußere seines Hauses den Grund

gegeben -- und mehr aus Liebhaberei, als irgend eines besondern

Vortheiles wegen den Antiquitäten-Laden gehalten und fortgeführt habe.

Der war jetzt todt, und man interessirte sich nicht mehr viel für

ihn, desto mehr aber für den jungen Baumann; denn die Frau

Appellationsgerichtsräthin, der es die Frau Staatsanwalt, natürlich

unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, anvertraut, daß der

junge Baumann gerade die Frechheit gehabt habe, um die Hand ihrer

Ottilie anzuhalten, schien sich verpflichtet gefühlt zu haben, der Frau

Präsident Beckhaus die wichtige Nachricht mitzutheilen, und da sich dort

zufällig an dem nämlichen Nachmittag ein kleiner, aber gewählter Cirkel

von Damen »aus den höheren Ständen« zusammenfand, so konnte die Folge

davon nicht gut ausbleiben. An dem nämlichen Abend wußte die

ganze Stadt, daß der junge Mechanikus Baumann von der Tochter des

Staatsanwalts Witte einen Korb bekommen habe, da Fräulein Ottilie

nächstens Baronin von Wendelsheim werden würde, und die Comtesse

unterhielt sich über dieses höchst interessante Thema nicht eifriger

beim Auskleiden mit ihrer Zofe, als die Mägde am Brunnen oder die

Nachbarsfrauen an den verschiedenen Parterrefenstern das nämliche Thema

besprachen.

Der kleinen Schneidersfrau neben Baumanns hatte es ebenfalls fast das

Herz abgedrückt, sich mit der Mutter des Gefangenen über die Haupt- und

Staatsangelegenheit zu unterhalten; der alte Schlossermeister schnitt

ihr aber jedesmal die Möglichkeit dazu ab. Wie er ihrer nur ansichtig

wurde, fuhr er schon auf sie ein und fragte sie, ob sie nicht wieder ein

Unglück mit ihrem »Maul« anrichten wollte, und sie fürchtete ihn wie

den Gottseibeiuns. Heute gegen Mittag sah sie ihn aber wieder in seinem

guten Rock am Fenster vorbeigehen; er mußte sicher auf's Gericht, wo er

nicht so bald mehr herunterkam, und die Zeit durfte sie nicht unbenutzt

verstreichen lassen. Hatte sie doch auch in den letzten Tagen so viel

Stoff in der Stadt angesammelt, daß sie eine volle Stunde davon erzählen

konnte. Das mußte sie von sich abwälzen und wenn ihr »Meisterchen« auch

ein wenig länger auf das Essen warten sollte.

Kaum sah sie also die Luft rein, als sie wie ein Schatten hinaus aus

ihrem Haus und hinüber in die Werkstätte huschte, wo sie erst die

Gesellen fragte, ob sie es auch schon gehört hätten, daß das »Fritzchen«

Alles eingestanden hätte und am Freitag geköpft werden sollte; und als

ihr dort Karl drohte, er würde ihr das »Hämmerchen«, ein Stück Eisen

von etwa drei Pfund Schwere, an den Kopf werfen, wenn sie den Mund noch

einmal aufthäte, fuhr sie in die Stube selber hinein, wo die Meisterin

an ihrem Spinnrad saß.

Es ist eine traurige Thatsache in der Welt, daß eine einzige Zunge

oft so viel Unheil anrichten kann. Wenn wir armen, kurzsichtigen

Menschenkinder nur überhaupt immer wüßten, was uns zum Unheil oder zum

Heil gereicht. Manches halten wir für ein Glück, was sich in späterer

Zeit als unsern größten Fluch herausstellt, und dann wieder sehen wir

den Himmel nur mit schwarzen, drohenden Wolken umzogen, wenn dahinter

schon die helle, freundliche Sonne lacht und nur auf den Moment wartet,

wo sie das düstere Gewölk durchbrechen und unsern Pfad mit ihren lieben

Strahlen erhellen soll. Nur der Augenblick liegt uns erschlossen, alles

Uebrige aber in Gottes Hand.

»Ach, liebe Frau Meisterin,« sagte die kleine, förmlich eingetrocknete

Frau, indem sie wie ein Wiesel zur Thür hineinschlüpfte, das Schloß

eindrückte und sich dann gleich auf eine dort stehende Fußbank

niederkauerte, »erschrecken Sie nur nicht; aber erfahren müssen Sie es

ja doch einmal, und das Unglück, ach Du liebes Gottchen, das Unglück!«

Und die Schneidersfrau zog ihre Schürze über's Gesicht und schluchzte

laut.

»Hören Sie einmal, Frau Volkert,« sagte die Frau Baumann, »wenn Sie mir

etwas Bestimmtes mitzutheilen haben, so thun Sie es; aber schneiden Sie

mir das Herz nicht nach einander in kleinen Stücken ab. Mir ist so

angst und weh genug zu Sinn, machen Sie's nicht noch ärger, und was ich

erfahren muß, je eher, desto besser, denn die Ungewißheit nimmt Einem

sonst noch das bischen Verstand ganz mit fort.«

»Ach, das Fritzchen, das Fritzchen,« klagte die arme kleine Frau, »nein,

daß er auch so 'was nur thun konnte, daß er auch so 'was nur thun konnte

-- und so braver Leutchen Kind, so braver Leutchen Kind!«

»Aber Sie glauben doch nicht etwa, daß mein Fritz die furchtbare That

begangen haben kann, Meisterin?« rief die Frau Baumann wirklich halb

außer sich.

»Aber es hat's ja schon gestanden,« klagte die kleine Frau wieder, »es

hat's ja schon gestanden; die ganze Stadt weiß es ja, und das Fränzchen

kam vorhin noch ganz besonders zu uns herüber, um uns das schreckliche

Geschichtchen zu erzählen. Ach Du lieber Gott, Du lieber Gott,

und übermorgen, noch dazu an einem Freitag, soll ihm das Köpfchen

heruntergeschlagen werden.«

»Volkert,« stöhnte die Meisterin, indem sie von ihrem Stuhl aufsprang

und ihr Herz mit beiden Händen faßte, »treibt Ihr auch noch Euren Spott

mit mir?« Aber der Verdacht war gewiß unbegründet, denn die kleine Frau

weinte selber so bitterlich, als ob ihr das eigene Herz darüber brechen

sollte.

Des Schlossers Frau stand starr und unbeweglich neben ihr; das Antlitz

war ihr todtenfahl geworden, ihre Glieder zitterten, ihr Auge haftete

stier und gläsern an der Unglücksbotin. Endlich sagte sie mit leiser,

heiserer Stimme: »Aber es kann ja gar nicht sein, Volkert; wenn der

Fritz wirklich die schreckliche That verübt hat -- und es müßte das in

der Verzweiflung geschehen sein, denn an dem Tage war er seiner Sinne

kaum mächtig --, wenn er den Juden wirklich erschlagen hat, so ist es im

Zorn, in der furchtbaren Aufregung geschehen. Wer weiß auch, wie ihn

der Mann gereizt, ob er ihn nicht gar vielleicht seines Unglücks wegen

verspottet hat, daß der Fritz gegen ihn die Hand erhoben, und dann --

dann können und dürfen sie ihn doch nicht am Leben strafen. Es ist nicht

möglich! Denken Sie nur, Volkert, wie vor noch gar nicht so langer

Zeit jener Officier den Mann erstochen hatte, und der war nur vom Wein

aufgeregt gewesen, da bekam er zwei Jahre Festungsstrafe, wurde aber

nach dem ersten Jahre schon begnadigt und kam wieder frei. Sie können

und werden doch meinen Fritz nicht ärger strafen als Jemanden, der eine

solche That im Trunk verübt?«

»Ja, aber liebe, beste Frau Baumannchen,« winselte die kleine Frau

hinter ihrer naßgeweinten Schürze vor, »das war doch auch ganz 'was

Anderes; das war ja doch auch ein Gräfchen, das den armen Menschen

erstochen hatte, ein ganz vornehmes Gräfchen, und sein Vater war

Ministerchen oder sonst so 'was. Ja, wenn das Fritzchen ein vornehmes

Gräfchen oder ein Barönchen wäre und sein Vater kein Schlosserchen, dann

könnten Sie recht haben, und er käme vielleicht ein Jährchen oder so

in die Festung, und nachher wäre das Geschichtchen aus und würde kein

Wörtchen mehr darum gesprochen. Aber so, ach Du mein liebes Himmelchen,

wenn sie dem Herzen von einem Menschen das Köpfchen herunterschlagen!«

Die Frau Baumann hörte gar nicht mehr, was sie zuletzt sagte, und wie

von einem neuen und plötzlichen Gedanken ergriffen, starrte sie die

Schneidersfrau mit einem Blick an, daß diese jedenfalls darüber zu Tode

erschrocken wäre, wenn sie nur hätte vor lauter Schluchzen aus den Augen

sehen können.

»Und Ihr glaubt, Volkert, daß er frei käme, wenn es ein Baron oder Graf

wäre?« sagte sie mit heiserer, fast tonloser Stimme.

»Ach, gewiß glaub' ich's,« wimmerte die kleine Frau; »und die Homeier

war auch heute Morgen bei mir, und wir haben darüber gesprochen, und

der ihr Männchen hatte dasselbe gesagt, und der versteht es, denn er ist

Bote bei den Gerichtchen und hat immer die Actenstückchen von einem

der Herren zum andern zu tragen. Aber ein Handwerkerchen, ach Du liebes

Gottchen, das ist ja gar nichts! Deren giebt's die Hülle und die Fülle,

und so ein armes Schlosserchen oder Schneiderchen, oder was es auch

sonst ist, mit dem machen sie keine Umstände und lassen dem Gesetzchen

seinen Lauf.«

»Ja, ja,« nickte die Schlossersfrau, »es ist wahr; wir sollen Alle vor

den Gesetzen gleich sein, so steht's in den Büchern und so sagen's die

Leute. Aber es ist nicht so: den Vornehmen lassen sie eine Hinterthür

offen, und die schlüpfen durch, und mit den Armen und Gedrückten füllen

sie ihre Zuchthäuser und Gefängnisse -- und wer verdient mehr Strafe,

wenn er ein Verbrechen begeht, der Reiche und Vornehme, der Alles, was

er braucht, im Ueberfluß hat und im Uebermuth braucht, oder der Arme und

Gedrückte, den oft Noth und Verzweiflung dazu treiben?«

»Aber wir machen's nicht besser, Frau Baumännchen,« klagte die Kleine;

»wir ändern die Welt nicht, und dürfen noch nicht einmal ein Muckschen

thun, sonst werden wir ebenfalls eingesteckt.«

»Ja, wenn es ein Graf oder Baron wäre,« sagte die Schlossersfrau, noch

immer vor sich hinstierend.

»Aber er ist es nicht,« winselte die Kleine; »das Fritzchen ist ja nur

ein Mechanikuschen, und noch ein ganz junges, und wenn's auch nur ein

Jude war, den es todtgeschlagen hat, jetzt hetzen sie Alle dahinter

her, bis sie ihn unten haben. O, mein Männchen sollten Sie darüber reden

hören, Frau Nachbarin, der kann's! Die Härchen stehen Einem zu Berge,

wenn er davon spricht, daß alle die Kaiserchen und Fürstchen sterben

müßten, und das Völkchen allein zu sagen hätte, was es will. Aber er

thut es nur immer, wenn wir allein mit einander sind, denn sie haben ihn

schon einmal deswegen eingesteckt. Ja wahrhaftig, 's ist wahr,«

setzte sie hinzu, als die Frau sie mit ihrem stieren Blick wie fragend

anschaute; »sechs Wöchelchen hat er brummen müssen bei Wasser und

Rübensuppe. Ach, und wie er wieder herauskam, war er so dünn geworden,

man hätte ihn durch ein Nadelöhrchen fädeln können!«

»Und wer hat Euch gesagt, Nachbarin, daß der Fritz am Freitag schon

hingerichtet werden sollte?«

»Wer? das Fränzchen; expreß ist es zu uns herübergelaufen gekommen. Und

der Herr Staatsanwalt Witte hat sich die größte Mühe gegeben, um ihn

frei zu bekommen, und gleich von Anfang an versprochen, daß er seine

Partei nehmen wollte; aber wenn das Fritzchen nun gestanden hat, da ist

freilich Alles vorbei.«

»Der Staatsanwalt Witte hat seine Partei genommen?«

»Ja, gewiß; das Fränzchen war ja an dem Abend dabei in der Judengasse,

wo sie das Salomonchen im Laden fanden, und hat's mit seinen eigenen

Oehrchen gehört.«

»Der Staatsanwalt Witte?« wiederholte die Frau kopfschüttelnd.

»Das ist ein braver, rechtlicher Mann,« bestätigte die Schneidersfrau,

»und wenn ein armes Teufelchen zu ihm kommt, dem Jemand Unrecht thun

will, da springt er mit beiden Füßchen in die Sache hinein, und ruht

nicht, bis er ihn frei gemacht, und nimmt nachher auch noch nicht einmal

ein Gröschchen Geld dafür.«

»Der Staatsanwalt Witte?« murmelte die Schlossersfrau noch einmal.

»Ja, und wie hat er sich neulich der Frau Müller aus Vollmers

angenommen,« fuhr die redselige kleine Schneidersfrau fort. »Sie war

noch bei uns, ehe sie wieder nach Vollmers hinausfuhr, und hat uns das

ganze Geschichtchen erzählt. Da war ein Majorchen und ein Räthchen zu

ihr gekommen, lauter vornehme Leutchen mit großen Titelchen, und hatten

sie in ihrem eigenen Hause schlecht gemacht und ihr einen Kindertausch

bei Wendelsheims draußen und Gott weiß was Alles vorgehalten. Aber sie

ging an die rechte Schmiede. Der Herr Staatsanwalt hat ihr gesagt, daß

sie sich nicht vor den Leuten zu fürchten brauchte; Abbitte müßten sie

thun vor den Gerichtchen oder Beweischen bringen; und nun will er sie

vorkriegen, und das wird ein schöner Skandal im Städtchen werden, wenn

so ein paar große Herrchen vorgefordert werden und Beweischen bringen

sollen -- Herr Du mein Gottchen,« unterbrach sich aber die Frau

plötzlich, als sie zufällig aus dem Fenster sah und den zurückkehrenden

Baumann bemerkte, »da kommt das Schlossermeisterchen wieder, und wenn

der mich hier findet, drückt er mich armes Weibsen todt. Er kann mich so

nicht leiden, und hat mir verboten, daß ich wieder herüberkomme.«

»Ja,« nickte die Frau still vor sich hin, »sie werden die Beweise

bringen -- aber zu spät, zu spät! Heute ist Mittwoch -- übermorgen,

o mein Gott, mein Gott!«

»Nachbarin, ich rutsche durch die Küche auf das Höfchen,« sagte

die Frau, die in dem Augenblick noch fast um sechs Zoll kleiner und

schmächtiger schien; »wenn er mich findet, giebt's ein Unglück!«

Und ohne eine weitere Erlaubniß abzuwarten, fuhr sie durch die

Hinterthür in die Küche hinein und verschwand dort in demselben

Augenblick, als Baumann, seinen Hut noch auf dem Kopf und mit finster

zusammengezogenen Brauen in's Zimmer trat. Sie hatte auch in der That

recht gehabt, ihm in dieser Stimmung aus dem Weg zu gehen; freundlich

wäre sie keinenfalls von ihm empfangen worden.

»Wieder nichts!« sagte er, als er selbst ohne Gruß an seiner Frau

vorüberging und an's Fenster trat. »Es ist rein um verrückt zu werden,

daß sie Einem nicht einmal erlauben wollen, ihn nur zu sehen oder zu

sprechen, und dabei erzählt sich das wahnsinnige Volk in der Stadt schon

die tollsten und albernsten Geschichten!«

Seine Frau war im Zimmer; er hatte sie gesehen, als er an ihr

vorüberging. Aber sie erwiederte kein Wort, richtete keine Frage an ihn,

und mehr erstaunt als beunruhigt über dieses Schweigen, drehte er sich

nach ihr um.

Seine Frau stand mitten im Zimmer; aber ihr Blick begegnete dem seinigen

und hing mit unendlicher Liebe, aber auch einem unsagbaren Schmerz an

ihm, so daß er sie ganz verwundert deshalb anstarrte.

»Nun,« sagte er endlich erstaunt, »was hast Du denn, Alte? Du siehst

mich ja so merkwürdig an. Ist etwas vorgefallen?«

Der Erbe: Roman. Zweiter Band. · 第 13 / 15 段