Und der Lieutenant sollte das Haus nicht wieder betreten? Lächerlich!

Wer hätte es ihm denn verbieten wollen? Sie gewiß nicht -- und ihr Mann?

Ja, er gab manchmal, wenn ihn der »Hausherrndünkel« überlief, wie es

die Frau Staatsanwalt nannte, solche Befehle; aber ob sie jedesmal

ausgeführt wurden, war eine andere Sache. Sie selber erinnerte sich

wenigstens zahlreicher Beispiele, wo ganz entschieden befohlene

Anordnungen in das genaue Gegentheil umgeschlagen waren. Möglich, daß es

auch diesmal der Fall sein konnte.

Anders traf Ottilie die Nachricht; sie war wirklich nicht allein im

innersten Herzen, sondern auch in ihrem Stolz und Ehrgeiz verwundet, und

selbst die Rückerinnerung an Vergangenes bot ihr keinen Trost. Sie

hatte geglaubt, daß Bruno sie liebe; aber sie mußte sich jetzt selber

gestehen, daß er ihr nie Gelegenheit geboten habe, es bestimmt zu

wissen. Er war immer freundlich und artig gegen sie gewesen -- aber nie

mehr. Er hatte ihr Schmeicheleien gesagt, ja -- aber nicht anders als

all die gewöhnlichen schalen Redensarten lauten, mit denen junge Herren

nur zu häufig eine Unterhaltung führen. Wenn sie denen aber eine andere

Auslegung gegeben, war das nicht ihre Schuld gewesen? Und sie hätte

jetzt weinen, bitterlich weinen mögen, wenn sie daran dachte, daß sie

nur einen Augenblick den »Falschen« für werth gehalten, ihm mehr zu sein

als eine flüchtige Ballbekanntschaft.

Das Thema eignete sich aber heute Abend für beide Theile nicht zur

Unterhaltung, und wenn auch Ottilie mit ihrem Urtheil über den Baron von

Wendelsheim viel mehr im Klaren war als ihre Mutter, die noch immer nach

verschiedenen Seiten hin einen Anhalt suchte, so fühlte sich doch weder

Mutter noch Tochter dazu aufgelegt, die Sache augenblicklich weiter zu

erörtern.

Ottilie ging noch zum Flügel, phantasirte anfangs etwas schwermüthig,

und ging dann wie zum Trotz in Strauß'sche Walzer über. Die Mutter

dagegen saß still brütend in einer Ecke, hörte gar nicht auf das Spiel

und fing langsam an, die eingestürzten Schlösser wieder aufzubauen.

11.

Rath Frühbach.

Am nächsten Morgen war der alte Schlossermeister schon vor Tagesanbruch

auf den Füßen; er hatte keine Ruhe, und die Minuten wuchsen ihm zu

Stunden, bis er hinaus und den »verlorenen Sohn« aufsuchen konnte.

Mit fabelhafter Schnelle hatte sich aber indessen das Gerücht über den

Raubanfall auf den alten Salomon und den vermeintlichen Mörder in der

Stadt verbreitet, und schon als Baumann vorher noch einmal nach

seines Sohnes Wohnung ging, in der kaum gewagten Hoffnung, ihn dort

anzutreffen, begegnete er Leuten in der Straße, die ihn zu trösten

versuchten und meinten, der alte Jude habe sich gewiß ungebührlich gegen

den jungen, heißblütigen Mann gezeigt und dieser ihn nur im Jähzorn

verwundet.

Er durfte nicht mehr an der Wahrheit des furchtbaren Gerüchts zweifeln,

noch dazu, da er auch in dem Hause die Gewißheit bekam, daß Fritz

gestern Abend nicht heimgekehrt sei und auswärts geschlafen haben müsse;

dort wußten sie nämlich noch nichts von dem verübten Mord und dessen

Folgen.

Mit flüchtigen Schritten eilte er jetzt zum Polizeigebäude, wo die

in Untersuchungshaft befindlichen Verbrecher saßen. Er hörte hier

allerdings die Bestätigung, daß Friedrich Baumann, Mechanikus aus

Alburg, gestern Abend gefänglich eingebracht sei, wurde aber ganz kurz

und bündig abgewiesen, als er nur die Bitte aussprach, den Sohn zu sehen

und zu sprechen. Darüber hatte der Untersuchungsrichter zu bestimmen,

der keinesfalls vor zehn Uhr kam; aber selbst dann, wie der

Gefängnißwärter meinte, solle er sich keine Hoffnung machen, eine

derartige Erlaubniß zu bekommen, bis nicht wenigstens der Angeklagte

bekannt hätte. Nachher, jawohl, würde es keine weiteren Schwierigkeiten

haben, und er möge sich dann wieder melden.

Der Schlossermeister lief jetzt in seiner Verzweiflung zu des alten

Salomon Haus, um dort vielleicht etwas Näheres zu erfahren; aber auch

dort wurde er nicht einmal eingelassen, denn die Thür war mit Polizei

besetzt, da gerade eine besonders dazu gewählte Commission den gestern

versiegelten Laden untersuchte, um vielleicht noch weitere Spuren

aufzufinden. Ja, als er selbst seinen Namen nannte und sagte, er sei der

Vater des jungen Mannes, gegen den ein so furchtbarer Verdacht vorliege,

meinte der eine Polizeidiener, dann solle er nur ein klein wenig Geduld

haben, denn in dem Falle könne er sich fest darauf verlassen, daß er

schon selber vorgeladen würde, um über das frühere Leben des Verhafteten

Aufklärung zu geben.

Ein letzter Versuch, den er machte, war beim Staatsanwalt Witte, denn er

hatte zufällig gehört, daß dieser gestern Abend mit in der Wohnung des

Ermordeten gewesen sei; aber er traf ihn nicht mehr zu Hause, er war

selber früh aus- und seinen Geschäften nachgegangen.

Ganz gebrochen kehrte der alte Mann in seine eigene Heimath zurück,

und wenig genug Trost fand er dort. Seine Frau fiel ihm, als er nur

die Werkstätte betrat, um den Hals und schluchzte laut; die kleine Else

weinte, weil sie die Mutter weinen sah, und Karl, sein zweiter Sohn,

stand verdrossen bei der Arbeit. Drei, vier verschiedene Leute

waren aber auch schon wieder dagewesen und hatten alle von der

Schreckensgeschichte gesprochen und Näheres darüber natürlich in

Baumann's eigenem Haus erfahren wollen, und wie das die Mutter aufregen

mußte, ließ sich denken.

So verging der ganze Tag und die Nacht und der nächste Tag. Der

Gefangene hatte indessen zwei Verhöre zu bestehen, war aber auf das

bestimmteste bei seiner ersten Aussage, von welcher er durch keine

Kreuzfragen abgebracht werden konnte, geblieben. Dann wurde auch sein

Vater vorgefordert, aber nicht mit dem Sohn confrontirt. Man wollte nur

hören, ob, was er über des jungen Mannes Weg zum alten Salomon aussagte,

mit dem übereinstimme, was der Gefangene angegeben, und das war

allerdings genau der Fall. Zeit wie Angabe trafen mit der Aussage

überein, und daß mehrere Bewohner der Judengasse erklärten, ihn in der

Dämmerung gesehen zu haben, wie er mehr gelaufen als gegangen sei und

etwas unter dem Arm getragen habe, sprach eben so wenig gegen ihn, denn

er leugnete das gar nicht ab und erklärte es einfach dadurch, daß

er gefürchtet habe, den Laden des alten Mannes schon verschlossen zu

finden.

Auch das Alarmiren der Hausbewohner durch Anklopfen und Hülferufen

konnte auf keinen Andern zurückgeführt werden, als auf ihn selber, und

hatte er das wirklich gethan, so war es natürlich nicht wahrscheinlich,

daß er nach eben verübtem Verbrechen selber Lärm machen und die

Verfolger auf seine Fährte hetzen würde.

Nichtsdestoweniger zögerte man noch immer, ihn zu entlassen, denn die

Polizei gesteht nur sehr ungern und im äußersten Nothfall zu, daß

sie einen Mißgriff gemacht. Irgend Jemanden mußten sie ja doch auch

einstecken, und er war der einzig Verdächtige, den sie finden konnten.

Jedenfalls beschloß der die Untersuchung führende Assessor, den

Angeklagten so lange in Haft zu halten, bis sich Salomon wieder so weit

erholt habe, um selber eine Aussage zu machen -- möglich ja doch, daß er

den kannte, der ihn angegriffen, und der alte Mann schien sich wirklich

zu erholen, wenn man auch in der Stadt nichts davon erfuhr.

Witte's Rath war nämlich streng befolgt und das Gerücht absichtlich

verbreitet und unterhalten worden, der Ueberfallene, der allerdings

noch immer in Lebensgefahr schwebte und selbst noch in den ersten

vierundzwanzig Stunden ohne Besinnung blieb, sei seinen Wunden erlegen.

In seiner eigenen Wohnung aber wurde er indessen mit der größten Liebe

und Sorgfalt gepflegt; Rebekka besonders wich Tag und Nacht nicht von

seinem Lager.

Die Polizei hielt allerdings die strengsten und sorgfältigsten

Nachforschungen nach allen Richtungen hin, um nur irgendwo eine andere

Spur zu finden, der sie folgen könne -- freilich ohne das geringste

Resultat. Wenn der Gefangene die That wirklich nicht vollbracht hatte --

und der Untersuchungsrichter zweifelte jetzt selber daran --, so schien

sich der wirkliche Thäter dem strafenden Arm der Gerechtigkeit so

schlau entzogen zu haben, daß sein Auffinden von Tag zu Tag schwerer und

unwahrscheinlicher wurde; denn wie rasch konnte er bei der Leichtigkeit

der Verbindungen Stadt und Land verlassen, und hatte das

möglicher Weise auch vielleicht schon lange gethan. Was half es, daß

fortwährend zwei Polizeibeamte am Bahnhofe stationirt blieben und alle

Reisenden scharf musterten -- jeden ausgehenden Koffer konnte man doch

nicht visitiren und am Gesichte auch nicht so leicht einem Menschen

ansehen, ob er ein Verbrechen begangen habe oder nicht -- es liefen

sonst nicht so viele Missethäter frei umher!

Auch Rath Frühbach entwickelte in dieser Zeit eine ganz besondere, wenn

auch negative Art von Thätigkeit. Er lief nämlich von Morgens früh

bis Abends spät auf der Straße herum und hielt Unglückliche, denen er

begegnete, von ihren Geschäften ab, indem er ihnen Criminalgeschichten

aus Schwerin erzählte, die mit der jetzigen in sofern Aehnlichkeit

hatten, als sie sämmtlich ohne Resultat blieben. Leider aber kam er

nur selten über die Einleitung hinaus, denn er war schon in der Stadt

bekannt geworden, und wer irgend konnte, wich ihm aus. Ja, unter den

Händen brachen sie ihm manchmal aus und ließen ihn mitten in einer

Erzählung stehen, deren Pointe er gewöhnlich selbst nicht wußte, und

deren Anfang er vergessen hatte.

Dadurch wurde seine Laune aber nicht gebessert; er fing an, die Menschen

in seinem Herzen des Undanks zu beschuldigen und sich ähnlicher Fälle

aus Schwerin zu erinnern, und war froh, als es endlich Mittag wurde,

daß er nun doch nach Hause gehen, essen und sich darauf wie gewöhnlich

schlafen legen konnte. Er versäumte auch nichts, wenn er schlief, und

andere Menschen gewannen Zeit, also war es ein doppelter Vortheil, den

er erzielte. Leider sollte er aber selbst in seiner Behausung heute

keine Ruhe finden.

»Männi,« sagte die Frau Räthin, als er in's Zimmer trat und sich, wie

immer in Transspiration, die Stirn abwischte, »der Schneider war wieder

da, um das Zeug abzuholen, wovon Du Dir die neuen Beinkleider machen

lassen wolltest -- ich habe es aber nicht finden können; gieb es doch

heraus.«

»Das Zeug?« sagte der Rath, indem er verwundert mitten in der Stube

stehen blieb. »Aber, mein liebes Herz, das habe ich Dir ja schon

vorgestern Morgen draußen in den Vorsaal gelegt und Dich dringend

gebeten, es augenblicklich fortzuschaffen, da ich so abgerissen bin, daß

ich mich kaum noch auf der Straße sehen lassen kann! Die Leute weichen

mir überall aus.«

»Ja, ich erinnere mich wohl, Männi,« sagte seine Frau zärtlich, »daß

Du mir das gesagt hast; aber wie Du fort warst, konnt' ich es nirgends

finden, und nachher kam die schreckliche Geschichte mit dem alten

Salomon dazwischen, und ich habe gar nicht wieder daran gedacht.«

»Dann liegt es am Ende jetzt noch draußen?«

»Nein, gewiß nicht; die Henriette und ich sind überall herumgekrochen,

aber es ist nirgends zu finden. Du hast es gewiß wieder in Gedanken

eingeschlossen, Männi -- Du bist manchmal so zerstreut.«

»Ja, lieber Schatz,« sagte der Rath, der sich doch nicht ganz sicher

fühlte, »möglich wäre es allerdings, denn ich habe jetzt so viel zu

denken, daß ich oft selber nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Die

Leute hier in Alburg sind furchtbar weit in der Cultur zurück; es ist

merkwürdig, sie wissen sich gar nicht zu helfen, und alle Augenblicke

werde ich bald von der, bald von jener Seite um Rath gefragt.«

»So sieh' nur einmal nach, Männi, und nachher kann es die Henriette

gleich hinübertragen, daß er es schnell macht.«

»Ja wohl, mein Täubchen,« erwiederte Frühbach, indem er den Schlüssel

aus einer seiner Taschen herausarbeitete und erst die oberste, dann die

zweite und dritte und vierte Schublade aufschloß, um das gesuchte Stück

Zeug zu finden -- aber es war nicht da. Er war niedergekniet und hatte

jetzt einige Mühe, sich wieder aufzurichten, schüttelte aber dabei

ununterbrochen mit dem Kopf und ging, aber mit nicht besserem Erfolg, an

seinen Kleiderschrank, an den Schreibtisch, an eine andere Commode,

kurz überallhin, wo sich ein solches Stück Tuch möglicher Weise hätte

aufbewahren lassen -- aber immer umsonst.

Die Henriette meldete, daß das Essen aufgetragen wäre und kalt und

der unvermeidliche Aepfelwein warm würde -- umsonst. Der Rath Frühbach

suchte an den unmöglichsten Plätzen, die man gar nicht einmal alle

nennen kann, nach seinem Stück Hosenzeug und kam zuletzt, aber auch erst

ganz zuletzt, zu der Schlußfolgerung, daß es entweder verschwunden oder

gestohlen sein müsse.

Mit der Ueberzeugung setzte er sich zu Tisch, und daß ihm dabei

kein Bissen und kein Trunk schmeckte, läßt sich denken. Auch von dem

Nachmittagsschlaf sah er ab, denn das Hosenzeug, groß carrirt, mit

rothen, blauen und grünen Streifen, hatte drei Thaler zwanzig

Groschen gekostet und war nicht so leicht aufzugeben. Jedenfalls mußte

augenblicklich die Anzeige auf der Polizei gemacht werden, um dem Dieb

wo möglich auf die Spur zu kommen.

Bei Tisch stellte der Rath aber noch eine genaue Untersuchung an, um

zu erfahren, wer in den letzten Tagen bei ihnen gewesen wäre, und ob

vielleicht auf eine oder die andere Person ein Verdacht fallen konnte --

aber, Du lieber Gott, wie war es möglich, sich noch auf all' die Leute

zu erinnern, die in solch einer Wirthschaft ein und aus gingen!

Der Schneider war dagewesen und der Schuster, Leute, die Rechnungen

brachten, der Briefträger, Bettler, die noch nicht wußten, daß in der

ersten Etage nichts gegeben wurde, die Chorknaben, die Apfelsinen- und

Bücklingsfrau und eine wahre Unzahl von Obst- und Gemüseweibern -- es

wäre ein hoffnungsloses Unternehmen gewesen, zwischen denen nach einer

Spur zu suchen. Aber das war auch, wie er mit Bestimmtheit erklärte, gar

nicht seine Sache, sondern die der Polizei, und ihm blieb deshalb nichts

übrig, als eben nur die einfache Anzeige zu machen. Sein Hosenzeug mußte

ihm die Sicherheitsbehörde wiederschaffen, denn dafür zahlte er sein

Schutzgeld und seine Steuern.

Frühbach war wirklich in einer verzweifelten Stimmung; noch während des

Essens tanzten ihm fortwährend die roth-blauen und grünen Carrés seines

Hosenstoffes vor den Augen umher, und er konnte die Zeit kaum erwarten,

wo er dem Actuar oben auf der Polizei erzählen durfte, daß er sich auf

einen ganz ähnlichen Fall in Schwerin besinne, wo ihm ebenfalls noch

ganz neues Leder zu einem Paar Stiefel, das er sich besonders zu diesem

Zweck aus Rußland hatte kommen lassen, gestohlen worden sei. Er machte

denn auch augenblicklich die Anzeige, und es wurden vier oder fünf

Menschen, die nichts davon wußten, darüber vernommen. Nachher war er

abgereist, aber sein Stiefelleder sollte er noch heute wiederbekommen.

Das Alles schadete aber nichts, die Anzeige mußte gemacht werden, das

war er sich und seinen Mitmenschen schuldig. Die Unsicherheit in der

Stadt nahm ja auch wirklich einen so bedenklichen Charakter an, daß man

seines eigenen Lebens nicht mehr sicher war: Einbruch mit Todtschlag,

Raub, Diebstahl in der eigenen, durch eine Vorsaalthür verschlossenen

und mit einer Klingel versehenen Wohnung -- das streifte schon an die

Grenze des Unerhörten, und er nahm sich deshalb auch wirklich kaum

Zeit, nach dem Essen eine Tasse Kaffee zu trinken, als er schon wieder

seufzend zu Hut und Stock griff und hinaus auf die Straße eilte.

Daß Einen auch die Menschen nicht in Ruhe ließen! Legte er wohl je

irgend Jemandem etwas in den Weg? War er nicht freundlich und gutmüthig

mit Allen, ja, opferte er ihnen nicht oft aus reiner Gefälligkeit seine

Zeit? Und das war sein Dank -- Hosenzeug stehlen, was er noch nicht

einmal bezahlt hatte!

In der Entrüstung dieses Bewußtseins beschleunigte er seine Schritte

und schlug den geraden Weg nach dem Polizeigebäude ein, als er plötzlich

einen kleinen, etwas corpulenten Mann vor sich hergehen sah, der -- er

nahm schnell die Brille ab und wischte sie aus, denn er glaubte, daß er

sich geirrt haben müsse; das Muster des Hosenzeuges war ihm die ganze

Zeit so vor den Augen herumgeschwebt, daß er es jetzt wahrscheinlich an

allen ihm begegnenden Menschen entdeckte -- aber nein, beim Himmel! der

Mann da vor ihm trug, so wahr er lebte, _seine_ Hosen, und Glück oder

Zufall -- es war ihm jetzt ganz gleichgültig -- hatten ihn auf die

rechte Spur geführt, oder ihm vielmehr den Uebelthäter gleich in die

Hände geliefert.

Einige Schwierigkeiten hatte es allerdings noch, bis er den »Räuber

seines Eigenthums« einholen konnte, denn er schritt genau so rasch aus,

wie er selber -- sollte er ihn vielleicht schon erkannt haben und jetzt

absichtlich ihm aus dem Wege zu schlüpfen suchen? Aber das gelang ihm

nicht: Frühbach war entschlossen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren;

und wenn er noch mehr schwitzte, als er jetzt schon that, der kam ihm

nicht mehr aus.

So waren sie etwa zwei Straßen in einem gelinden Sturmschritt

hinabgelaufen, Frühbach immer etwa zwanzig Schritt hinter seiner Beute,

ohne im Stand zu sein, etwas an ihm zu gewinnen, als der vor ihm

Gehende plötzlich vor einem Schuhladen stehen blieb und das ausgestellte

Schuhwerk im Fenster betrachtete. In wenigen Secunden war der Rath

an seiner Seite und erkannte jetzt ebenfalls zu seinem unbegrenzten

Erstaunen in dem Träger seiner Hosen, wie er meinte, den Schuhmacher

Heßberger, der auch für ihn arbeitete und gerade in der letzten Zeit

öfter in seinem Hause gewesen war.

»Hallo, Meister,« sagte der Rath, wirklich auf's äußerste überrascht,

indem er neben ihm stehen blieb und ihn betrachtete, als ob er eben aus

dem Mond heruntergestiegen wäre, »wo kommen Sie denn her?«

»Ich? -- Ach, schönsten guten Morgen, Herr Geheimer Rath! Hätte Sie

beinah' nicht erkannt! Herr Du meine Güte, schwitzen Sie -- tragen aber

auch noch so einen dicken, warmen Sirtut bis obenhin zugeknöpft -- wo

ich herkomme? Von zu Haus. Ich bin ja nicht verreist gewesen. Hatte ja

noch gestern die Ehre, Frau Geheime Räthin ein Paar Negluschehschuhe zu

bringen -- passen doch hoffentlich, wenn ich fragen darf?«

Der Rath wußte nicht gleich, wie er die Sache anfangen solle, um den

nichtswürdigen Schuhmacher zu einem Geständniß zu bringen. Er hatte

allerdings im ersten Moment Lust, es ihm auf den Kopf zuzusagen; aber

die bittere Erfahrung, die er damit in Vollmers gemacht, schien ihn doch

ein wenig eingeschüchtert zu haben. Er getraute sich nicht damit heraus

und begann nun hintenherum die Sache auf eine schlaue Weise anzufangen,

was allerdings seine schwache Seite war.

»Ja wohl, Herr Heßberger,« sagte er deshalb vor der Hand auf die Frage,

die er nicht einmal recht verstanden hatte, »von Herzen gern -- aber

-- wenn Sie mir erlauben -- Sie tragen da ein Paar famose Beinkleider,

prächtiges Muster -- so ein Paar habe ich mir eigentlich längst

gewünscht. Sind die hier gekauft?«

»Sehr schmeichelbar, Herr Geheimer Rath, wenn sie Ihnen gefallen,«

sagte Heßberger mit selbstgefälliger Miene -- »eigener Guh -- selber

ausgesucht. Wissen Sie, Unsereiner, der nur für die Mode arbeitet, muß

doch auch ein bischen =passé= darin bleiben.«

»Ja wohl, Herr Heßberger, gewiß,« sagte Frühbach, der aber geglaubt

hatte, den Schuhmacher durch diese Frage in Verlegenheit zu bringen, und

sich darin vollkommen getäuscht sah. Heßberger war unbefangen wie

ein neugeborenes Kind, der Rath aber nicht der Mann, sich so leicht

abschütteln zu lassen, und er inquirirte deshalb unverdrossen weiter,

wenn auch wieder auf einem Umweg.

»Möchte mir wohl auch so ein Paar Hosen kaufen -- ganz famoser Stoff --

erlauben Sie, wohl Wolle, wie?«

»Halb und halb, denk' ich,« sagte Heßberger, durch das seinem

Kleidungsstück gespendete Lob ordentlich geschmeichelt -- »etwas

Baumwolle mank. Eigentlich trage ich nicht so theure Kleider, aber man

kann doch nicht gut wie Preti und Kleti herumlaufen.«

»Und wo haben Sie dieselben gekauft, wenn ich fragen darf?« sagte

Frühbach, denn er merkte wohl, daß er auf Umwegen nicht in einer Stunde

zum Ziel gekommen wäre.

»Das Zeug? Hier gleich um die Ecke, Herr Geheimer Rath, beim Kaufmann

Magnus -- hat immer die besten Stoffe, und ich kaufe Alles dort, was ich

für Damenschuhe brauche.«

Das war wieder ein Strich durch Frühbach's Rechnung, denn er hatte

erwartet, daß Heßberger jetzt einen ganz entfernten Ort, vielleicht

sogar eine andere Stadt als Kaufplatz angeben würde, wonach er dann

sicher gewesen wäre, seinen einmal gefaßten Verdacht bestätigt zu

finden. Statt dessen gab er einen Ort an, der kaum fünfzig Schritt von

ihnen entfernt lag, eine Entdeckung irgend eines Betrugs also in

wenigen Minuten herbeigeführt werden konnte. Aber selbst das hielt den

außerordentlich zähen Rath nicht ab, der Sache weiter nachzuforschen.

»Hören Sie, lieber Herr Heßberger,« sagte er, »hätten Sie vielleicht

einen Augenblick Zeit, mit in den Laden zu gehen, nur damit ich den

Leuten dort das Muster zeigen kann? Ich werde Sie nicht lange aufhalten,

ich möchte mir nur gern ein ebensolches Paar bestellen.«

Der Rath erwartete jetzt selbstverständlich, daß der Schuhmacher irgend

eine Ausflucht suchen würde, um diesem Dilemma zu entgehen. Er konnte ja

Geschäfte oder sonst etwas Derartiges vorschützen. Aber Gott bewahre --

nichts dem Aehnliches geschah, sondern der kleine höfliche Mann sagte in

der unbefangensten Weise:

»Mit dem größten Plesirvergnügen, Herr Geheimer Rath, wenn Sie sich nur

gefälligst hier mit herbemühen wollen. Sehen Sie, dort drüben können Sie

schon das Schild von Magnussen absolviren -- werden gleich dort sein --

kann Ihnen auch das Geschäft wirklich ehcommodiren, sehr curlante Leute.

Gleich da drüben ist noch ein Laden von Peters und Emmermann, kaufe

da aber nie etwas; der Peters ist ein Mowäh Schusseh, hat immer

die schlechtesten Waaren und die höchsten Preise und dabei ein ganz

constipirter Mensch, ein ordentlicher Fantist, der glaubt, man könne nur

bei ihm kaufen. Sehen Sie, da sind wir schon -- bitte, seien Sie so frei

und treten Sie näher -- sollen gleich bedient werden.«

Rath Frühbach war ganz wie ausgewechselt. Sonst, wenn er mit Jemandem

ging, führte er immer allein das Wort; heute sprach er fast keine Silbe,

und Heßberger mußte _ihn_ unterhalten. Etwas Aehnliches war noch gar

nicht dagewesen. Das hatte freilich auch seinen Grund: früher zeigte

die Magnetnadel seines Geistes und Erinnerungsvermögens nur immer

ununterbrochen nach Schwerin, und er steuerte dabei unbesorgt

seinen Cours; jetzt aber hatten sich die großcarrirten Hosen

dazwischengeworfen, sein Pol war ihm für einen Moment vollkommen

entschwunden; denn etwas Aehnliches hatte selbst er noch nicht erlebt,

und seine Nadel zeigte keinen Cours mehr.

Heßberger dagegen benahm sich so unbefangen als möglich. »Der Herr

Geheime Rath,« sagte er, »wünschen gern von dem Zeug zu ein Paar

Bandellongs zu haben, wo ich vorige Woche von gekauft habe -- bitte,

dieses Muster -- sehr geschmackvoller Stoff, so hammonische Farben.

Bitte, Herr Geheimer Rath, werden gleich bekommen.«

Dem Rath Frühbach war es nicht ganz recht, für sich in einem Laden,

wo er noch dazu Geheimer Rath genannt wurde, ein Paar Beinkleider nach

demselben Muster auszusuchen, wie es der Schuhmacher Heßberger trug, und

was auch früher sein Geschmack gewesen sein mochte, er verleugnete ihn

jetzt und wählte, da ihm verschiedene Stücke vorgelegt wurden, etwas

Anderes. Er gab auch die Ordre, den Stoff, den er gleich bezahlte, in

sein Haus zu schicken, ließ sich aber doch eine Probe von dem geben, was

Heßberger anhatte, und steckte sie in die Tasche. -- Er war noch nicht

recht mit sich im Klaren, was er thun solle. Heßberger wich ihm auch

dabei nicht von der Seite, und da sich Frühbach nicht einmal von

Schwerin her eines Beispiels erinnerte, daß _er_ von einem Menschen

loszukommen gesucht hätte, so war er dadurch vollkommen aus seinem

Fahrwasser gebracht, ja ertrug die Begleitung des kleinen geschwätzigen

Burschen noch wenigstens drei oder vier Straßen lang, wo dann Heßberger

selber glücklicher Weise Geschäfte hatte und in eine Nebengasse

einbiegen mußte.

Der Erbe: Roman. Zweiter Band. · 第 12 / 15 段