»Nein, Gottfried,« sagte die Frau leise, »ich bin nicht eigentlich

krank; aber -- ich weiß nicht -- es liegt mir etwas so schwer auf dem

Herzen, wie eine Ahnung -- als ob uns etwas recht Schlimmes passiren

müsse, und ich weiß doch eigentlich nicht, was.«

»Du lieber Gott, ja,« nickte Baumann, indem er sich jetzt neben sie

niedersetzte und ihre Hand nahm, »man hat ja wohl solche Stunden, und

die Doctoren sagen, es läge im Blut -- aber ist's das auch wirklich,

Alte? Sieh', wir sind jetzt die langen, langen Jahre mit einander

verheirathet -- unsere silberne Hochzeit liegt sogar hinter uns -- und

so glücklich mit einander gewesen, haben so zufrieden mitsammen gelebt,

und nie, nie ist ein unfreundliches Wort zwischen uns gefallen. Wenn Du

'was hattest, das Dich drückte, sagtest Du's mir -- wenn ich 'was hatte,

that ich ein Gleiches und sagte es Dir -- soll das jetzt anders werden!«

»Nein, Gottfried, nein -- es wäre ja furchtbar!« seufzte die Frau und

lehnte ihr Haupt an seine Brust; aber ihre Thränen fielen stärker.

»Na, also dann heraus mit der Sprache, Mutter,« lachte Baumann; »es

drückt Dich 'was -- ich seh's Dir an, und wenn ich der Sache nur erst

einmal auf den Grund komme, wollen wir auch schon Rath schaffen.«

»Ja, aber was soll ich Dir denn sagen?« klagte die Frau; »ich weiß es ja

selber nicht. Nur so ein dumpfes Gefühl liegt mir auf dem Herzen.«

»Hm,« brummte der Schlossermeister, »das ist genau so wie damals, als

wir noch nicht lange verheirathet waren und bald nach der Geburt des

einen Jungen -- war's der Fritz oder Karl? -- da machtest Du dieselben

Geschichten, und wie lange dauerte das, und wie hab' ich mich damals

gesorgt, und nachher war's doch nichts. Nach und nach wurde es besser,

und alle Deine Ahnungen, wie Du's damals auch nanntest, fielen in den

Sand.«

Die Frau nickte leise mit dem Kopf, und Baumann fuhr nach einer Weile

fort:

»Aber ich weiß schon, wo das herkommt. Deine Schwester, die Heßberger,

hat die ganze Zeit den Kopf voll solcher Schrullen, und mit ihrem

Kartenlegen und Prophezeien bildet sie sich am Ende selber ein, daß sie

'was wüßte; und ein Wunder wär's nicht, wenn sie so viele Gänse findet,

die's ihr glauben -- und die hat Dich angesteckt. Mit all' ihren

überirdischen Ideen und Einbildungen macht sie die Leute rein verrückt,

und wenn man die ganze Geschichte bei Lichte besieht, so ist's nichts

als Schwindel und blauer Dunst. Mir ist die Verwandtschaft auch schon

lange leid, und ich war froh, daß Ihr nicht mehr zusammenkamt; heute

Nachmittag war sie aber wieder ein paar Stunden da, und von der hast Du

Dich auch nur beschwatzen lassen.«

»Ach, Gottfried, Du magst einmal die Schwester nicht leiden, und sie

hat's doch so gut mit mir gemeint!«

»Das ist möglich,« sagte der Schlossermeister kopfschüttelnd, »aber

wenn's wirklich so ist, jedenfalls verkehrt angefangen. Mit ihren

verdammten Schrullen sollte sie zu Hause bleiben, und der -- na, ich

will Dir nicht weh thun, Alte, aber unser Schwager -- wenn ich den

verfluchten Kerl mit seinem »Gelobt sei Jesus Christus« nur sehe, wird

mir schon steinübel.«

»Es ist ein seelensguter Mensch,« sagte die Frau, »und er thut meiner

Schwester, was er ihr an den Augen absehen kann; er hat freilich seine

Eigenheiten, und mir wär's auch lieber, wenn er nicht so viel in die

Kirche ginge und den lieben Gott immer im Munde hätte. Aber es ist

einmal seine schwache Seite, und wenn er sonst brav und fleißig ist, so

haben wir doch gewiß keine Ursache, uns über ihn zu beklagen.«

»Meinetwegen,« brummte der Schlossermeister, »ich habe nichts dagegen;

wenn Deine Schwester mit ihm auskommt, mir kann's ja recht sein. Aber

mein Mann wär's nicht, und ich weiß auch, daß er mich nicht leiden kann

-- was ich ihm eben nicht besonders verdenke, denn viel freundliche

Worte hat er von mir noch nicht gehört.«

»Du thust ihm gewiß Unrecht, Gottfried.«

»Ich will's ihm wünschen,« brummte der Mann -- »aber wir sind ganz von

dem abgekommen, was ich Dich vorhin fragte. Also Du kannst mir nicht

sagen, was Dir auf dem Herzen liegt, Mutter? Du hast zu mir kein

Vertrauen?«

»Kein Vertrauen zu Dir, Gottfried?« sagte die Frau herzlich. »Weiß ich

denn nicht in den langen, langen Jahren, wie gut und treu und ehrlich

Du es mit mir meinst, und hab' ich je Ursache zu einer Klage gegen Dich

gehabt? Ach, Gottfried, Du bist der beste Mann, den es auf der Welt nur

geben kann, und Alles, was mich niederdrückt und manchmal so weh und

traurig stimmt, ist nur das Gefühl -- nie solch ein Glück verdient zu

haben.«

»Unsinn,« sagte der Schlossermeister halb verlegen; »Du redest gerade,

Alte, als ob Du in mich verliebt wärst und mich zum Mann haben wolltest.

Ein Glück, daß Niemand da ist, der uns hört; er müßte sonst Wunder

glauben, was Du an mir hättest. Aber das weiß ich denn doch besser...«

Er horchte auf, denn draußen am Laden wurde gepocht. Die Werkstätte war

schon verschlossen, und durch die in die Fensterläden eingeschnittenen

herzförmigen Löcher konnte man von außen sehen, daß noch Licht im Zimmer

war.

»Holla,« sagte der alte Baumann, »kommt da noch Besuch? Wer ist da?«

»Ich bin's, Meisterchen,« antwortete eine feine Stimme; »machen Sie nur

einmal auf.«

»Ja, ich bin's, das kann ein Jeder sagen,« brummte der Schlosser.

»Das muß die Volkert, des Schneiders Frau, sein -- unsere Nachbarin,«

sagte die Mutter.

»Sind Sie das, Frau Volkert?«

»Ja, Meisterchen; ich habe Ihnen eine wichtige Neuigkeit zu bringen.«

»Das wird 'was Gescheidtes sein, was die alte Schwatzliese noch zu

nachtschlafender Zeit hinüber jagt,« brummte Baumann leise vor sich

hin, und setzte dann lauter hinzu: »Na, gehen Sie nur herum an die

Werkstätte; ich mache auf.«

Damit verließ er kopfschüttelnd das Zimmer und hob die Barre zurück, die

als einziger Verschluß vor der Werkstätte lag. Kaum aber war die Thür

weit genug geöffnet, um einem menschlichen Wesen Zutritt zu gestatten,

als ein kleines, schmächtiges Frauchen, ohne Crinoline, ohne Hut oder

Haube auf, ohne Ueberrock, ohne Schuhe und Strümpfe, nur einfach im

Unterrocke, als ob sie eben aus dem Bette aufgesprungen wäre, und

ein altes, grün und roth carrirtes Tuch umgebunden, in die Thür

hereinschlüpfte und sagte: »Ach, Meisterchen, ist denn das Fritzchen

wohl zu Hause?«

»Und deshalb klopfen Sie uns heraus, um das zu erfragen?« sagte Baumann

eben nicht besonders freundlich. »Warum gehen Sie nicht hinüber, wo er

wohnt?«

»Ach, Meisterchen,« sagte die kleine Frau, »ich bin ja nur so von Hause

fortgelaufen! Eben wollten wir uns in's Bettchen legen, denken Sie, da

kommt das Fränzchen von Homeiers an's Fensterchen und klopft und ruft:

He, Meisterchen, wißt Ihr schon, daß sie das alte Salomonchen in der

Judengasse todtgeschlagen und das ganze Lädchen ausgeräumt und das

eiserne Geldkistchen weggeschleppt haben?«

»Den alten Salomon?« rief Baumann, stutzig gemacht. »Den Henker auch,

Fritz hat ihm ja noch heute Abend vor oder mit Dunkelwerden eine Arbeit

hingetragen!«

»Na ja, Meisterchen, das Fritzchen soll ihn ja auch todtgeschlagen

haben, und zwei Polizeidienerchen haben ihn fortgebracht. Ach, das

Unglück!« schrie die kleine Frau und fing bitterlich an zu weinen.

»Was ist das?« rief Frau Baumann, erschreckt aus der Stube

herausstürzend. »Was ist mit dem Fritz?«

»Ich weiß nicht,« sagte der alte Baumann, indem er sich mit der Hand an

den Kopf faßte, »bin ich verrückt, oder ist die Meisterin verrückt --

der Fritz soll den alten Salomon erschlagen -- aber Unsinn -- es ist zu

dumm, wie man auch nur einen Augenblick so 'was denken kann -- hahahaha,

und da kommt die Meisterin im Unterrock und mit bloßen Füßen mitten in

der Nacht herübergestürzt! Sie haben jedenfalls geträumt, Frau Volkert!«

»_Ach_ Du liebes Gottchen,« winselte die Frau, »ich wollte, es wäre so!

Aber das Fränzchen hat selber gesehen, daß sie das Fritzchen, mit den

Händchen auf den Rücken gebunden, in die Polizei gebracht haben, und das

eine Polizeidienerchen sagte, er hätte das Salomonchen umgebracht.«

»Wo willst Du hin, Gottfried?« rief seine Frau erschreckt, als er in die

Stube ging und dort seinen Rock vom Nagel nahm.

»Zum Fritz hinüber, Alte, und sehen, ob er zu Hause ist, und wenn er

nicht da ist, auf die Polizei; ich werde sonst verrückt, wenn ich mich

mit dem Unsinn im Kopf die Nacht schlafen legen soll.«

Die Frau erwiederte nichts; stumm und schweigend stand sie mit

gefalteten Händen und starrte vor sich auf den Boden nieder. Baumann

aber, der nicht mit Unrecht fürchtete, daß des Schneiders Frau, wenn

sie allein hier blieb, noch ein Unheil mit ihrer Zunge anrichten könne,

sagte, gegen diese gewandt: »Und Sie kommen mit, Meisterin; Sie können

sich ja auch auf den Tod in Ihren dünnen Kleidern erkälten, denn die

Nächte werden schon frisch. Das ist jedenfalls ein leeres Geschwätz von

dem Franz, und wir wollen der Sache bald auf den Grund kommen.«

»Ach Gott, ja, Meisterchen,« sagte die Frau, »Sie haben recht; mein

altes Rheumatismuschen plagt mich so immer. Na, gute Nacht, Frau

Baumann! Machen Sie sich nur keine Sorge -- ach, Du liebes Himmelchen,

mir ist der Schreck ordentlich in die Gliederchen gefahren!«

Und damit schlüpfte sie wieder wie ein Aal, und auch nicht viel breiter,

zu der Thür hinaus, die der Meister für sie offenhielt.

Baumann verließ sie aber nicht, bis er sich erst fest überzeugt hatte,

daß sie wirklich wieder nach Hause zurückgekehrt sei; dann erst wandte

er sich und schritt zu der nicht fernen Wohnung seines Sohnes hinüber.

Fritz war aber in der That noch nicht zu Hause, und jetzt wirklich

beunruhigt, ging er direct auf die Polizei. Es fiel ihm allerdings nicht

im Traum ein, auch nur ein Wort von dem zu glauben, was das alte Weib

geschwatzt, denn daß sein Fritz keinen Menschen -- noch dazu einen

alten, schwachen Mann -- umbringen würde, wußte er gut genug; aber er

wollte sich wenigstens die Gewißheit holen, daß es eine Lüge gewesen,

und dann der Schneidersfrau morgen früh schon seine Meinung sagen. Das

hatte auch noch gefehlt, daß sie der Kathrine heute Abend solch einen

Schreck in die Glieder jagte!

Auf der Polizei fand er nur die gerade die Wache habenden Diener der

Gerechtigkeit, und er erschrak allerdings, als diese ihm bestätigten,

daß der alte Jude Salomon heute Abend mit einbrechender Dunkelheit --

eigentlich noch in der Dämmerung -- überfallen und erschlagen sei; auch

ein des Mordes verdächtiger Mann sei verhaftet worden; wie der aber

hieß, konnten sie nicht sagen. Sie hatten seinen Namen nicht gehört und

waren nicht da gewesen, als er eingebracht wurde.

Baumann verlangte jetzt ihn zu sehen; aber das ging natürlich nicht

an. Erstlich durfte überhaupt Niemand zu ihm, bis es der

Untersuchungsrichter erlaubte, und dann wäre es auch jetzt zu spät

gewesen. Um zehn Uhr Nachts konnte man keinen Besuch mehr zu einem

Gefangenen lassen.

Aber wenn sie sich nur wenigstens erkundigen wollten, wie er hieß und

wer er sei.

Das ginge auch nicht -- sie dürften hier nicht von ihrem Posten,

um gleich bei der Hand zu sein, wenn etwas vorfiele, und der

Gefängnißwärter schliefe schon lange. Der revidire seine Zellen

regelmäßig jeden Abend um neun Uhr und läge mit dem Schlage halb zehn

Uhr im Bett. Er solle morgen früh wieder vorkommen, dann könne er den

Namen erfahren.

Der arme Baumann ging wie in einem Traum nach Hause. Der alte Salomon

war in der Dämmerung ermordet worden, wie die Leute bestätigten, und das

genau um die Zeit, in welcher Fritz bei ihm gewesen sein mußte. Daß

er die That nicht verübt, verstand sich von selbst -- aber welch

unglückseliger Zufall hatte hier gewirkt!

Er ging noch einmal bei Fritzens Wohnung vor; doch das Haus war jetzt

verschlossen, oben bei ihm aber auch kein Licht -- er konnte noch nicht

zurück sein -- und jetzt daheim -- welche Sorge würde sich wieder die

Frau machen, und war das am Ende die Ahnung, die sie den ganzen Tag

gequält hatte? Jedenfalls würde sie es sich einreden. Das verdammte alte

Weib, daß die auch noch in der Nacht mit ihrer Hiobspost herüberkommen

mußte!

Er bekam auch in der That einen schweren Stand mit seiner Frau, denn

diese war so außer sich, daß sie sich selber nur immer anklagte, als ob

sie an dem Allen schuld sei. Sie war furchtbar aufgeregt, und Baumann

dankte seinem Gott, als er sie endlich dazu brachte, zu Bett zu gehen.

Der nächste Morgen fand sie dann ruhiger und mußte ihnen ja überdies

auch Gewißheit des Geschehenen bringen. Das Uebrige fand sich Alles von

selber.

Der Staatsanwalt Witte war, als er Salomon's Haus verließ, noch ein

Stück Weges mit seinen beiden Begleitern zusammen gegangen; dann bog er

ab, seiner eigenen Wohnung zu, und schritt sehr nachdenkend und in

eben nicht besonders freudiger Stimmung weiter. Es war auch in der

That Manches, was ihm durch den Kopf ging, und er überlegte sich dabei

hauptsächlich, ob es wohl der Mühe verlohnt hätte, daß er sich mit

solchem Eifer der Sache der Frau Müller angenommen. Was ging ihn der

Major oder der Rath Frühbach an und die Familie Wendelsheim? Er nickte,

während er ging, immer still und nachdenkend vor sich hin; aber nicht

etwa als Bestätigung eines früher gefaßten Verdachtes, sondern nur

im Geist die verschiedenen übereinstimmenden Punkte der neu gemachten

Entdeckung constatirend.

So erreichte er sein Haus, wo ihn die Familie zum Thee erwartete, denn

mit der heutigen Expedition von Briefen war es zu spät geworden, und

die Schreiber hatten auch schon lange das Büreau geschlossen und den

Schlüssel drüben bei der Frau Staatsanwalt abgeliefert.

Er legte draußen Hut und Stock ab und betrat das Zimmer; aber die

Frau Staatsanwalt konnte ihr Erstaunen über sein spätes Kommen nicht

unterdrücken, denn es gab eigentlich kaum einen pünktlicheren Mann auf

der ganzen Welt, als ihren Gatten.

»Liebes Herz,« sagte dieser auf ihre deshalb gemachte Bemerkung, »ich

wäre pünktlich gekommen, wenn mich nicht ein ganz außergewöhnlicher Fall

abgehalten hätte. Ich passirte ein Haus, in dem unmittelbar vorher ein

Raubmord verübt worden, und mußte der Untersuchung mit beiwohnen.«

»Ein Raubmord -- bei wem?« riefen beide Damen zugleich aus.

»Ihr kennt die Leute nicht, Kinder; in der Judengasse beim alten

Salomon. Der Mann ist erschlagen und jedenfalls beraubt worden.«

»Das ist ja entsetzlich! Und hat man die Mörder gefaßt?«

»Man hat allerdings Jemanden gefaßt und abgeführt, aber vor der Hand

nur auf einen Verdacht hin -- einen Bekannten von uns, den jungen Fritz

Baumann.«

»Den Fritz Baumann? _Das_ habe ich mir gedacht,« rief die Frau

Staatsanwalt, mit der rechten Hand in ihre Linke schlagend, »daß der

noch einmal zu solch einem Ende kommen würde. Das war vorauszusehen,

denn die Unverschämtheit, die der Mensch hat....«

»O Du großer Gott,« sagte Ottilie, »das wäre ja schrecklich -- die armen

Eltern!«

»Hm,« brummte der Staatsanwalt, »ich hatte mir vorgenommen, bei

dem alten Baumann einzusprechen, habe es aber unterwegs schändlich

vergessen. Nun, eine unangenehme Nachricht erfährt man nie zu spät.«

»Also der hat ihn todtgeschlagen?« fragte die Frau weiter, die eine

grimme Genugthuung darin fühlte, den Menschen gedemüthigt und bestraft

zu sehen, der es gewagt hatte, zu ihrer Tochter den Blick zu erheben.

»Liebe Therese, Du urtheilst viel zu rasch,« entgegnete Witte; »ich habe

Dir gesagt, daß er nur auf einen Verdacht hin eingezogen ist, weil er

dort betroffen wurde und Blut an den Kleidern hatte. Das Alles erklärt

sich aber vielleicht sehr natürlich, und ich persönlich glaube auch

nicht einmal an seine Schuld.«

»Der hat's gethan,« rief die Frau Staatsanwalt pathetisch, »der hat es

heilig gethan, denn nun er bei uns abgefallen ist -- und das wär' ihm

gerade ein warmes Nest gewesen, wo er sich hätte hineinsetzen können --,

trieb ihn der Ehrgeiz, rasch ein reicher Mann zu werden, um uns zu

zeigen, was er könnte, und dazu war ihm kein Mittel zu schlecht; lehr'

_Du_ mich Menschen kennen!«

Ottilie schwieg. Was die Mutter sagte, hatte eine Wahrscheinlichkeit für

sich, aber widerstrebte doch ihren Gefühlen, es zu glauben. Sie konnte

sich nicht die Möglichkeit denken, daß der immer so schüchterne Mensch

ein solches Verbrechen begehen mochte; aber im Herzen war sie jetzt

doppelt froh, seine Bewerbung zurückgewiesen zu haben, und schon der

Gedanke daran ihr entsetzlich.

»Höre, Therese,« sagte der Staatsanwalt mit großer Ruhe, indem er sich

am Tisch niederließ und den für ihn eingeschenkten Thee nahm, »auf Deine

Menschenkenntniß möchte ich doch nicht zu viel bauen. Was hältst Du zum

Beispiel vom Lieutenant von Wendelsheim?«

»Das ist ein durchaus braver, solider Mensch,« sagte die Frau mit

Würde, »ehrlich und rechtschaffen, und wenn der einmal käme, statt des

hergelaufenen Vagabunden, und um Ottiliens Hand anhielte, mit Freuden

gäbe ich meinen Segen -- ein solches Vertrauen setze ich in ihn.«

»Hm -- so?« sagte der Staatsanwalt, seinen Thee langsam umrührend und in

die Tasse sehend.

Aber Ottilie war aufmerksam geworden: der Vater hatte noch etwas auf

dem Herzen, das sah sie ihm an -- hing es mit Bruno von Wendelsheim

zusammen? Er ließ sie indeß nicht lange in Zweifel.

»Der Herr Lieutenant von Wendelsheim,« sagte er, »war heute Abend

ebenfalls zugegen und befand sich merkwürdiger Weise, gerade während der

Raubmord im Hause des alten Salomon verübt wurde, oben bei den Damen.«

»Bei welchen Damen?« sagte die Frau Staatsanwalt, hoch aufhorchend.

»Nun, bei den Damen vom Hause, der Frau und Tochter des alten Juden, und

ich muß gestehen, daß ich in meinem ganzen Leben kein wirklich schöneres

Mädchen gesehen habe, als diese moderne Rebekka ist.«

»Das ist nicht wahr,« sagte die Frau Staatsanwalt mit großer

Bestimmtheit »und nur wieder eine von Deinen Erfindungen, um mich zu

ärgern.«

»Wenn Du das so bestimmt weißt,« erwiederte Witte, »so brauchen wir auch

nichts weiter darüber zu reden. Bitte, Ottilie, reiche mir doch einmal

das Brot herüber.«

Der Staatsanwalt machte eine Kunstpause, denn er wußte recht gut, daß

es seine Ehehälfte jetzt nicht dabei bewenden ließ; aber das so sehr

bestimmt ausgesprochene »Das ist nicht wahr« hatte ihn geärgert, und er

wollte sie dafür wenigstens dem Zwang einer neuen Anrede unterwerfen.

Die Frau Staatsanwalt ließ es aber ebenfalls an sich kommen, und da

Ottilie natürlich keine Frage in dieser delicaten Angelegenheit wagte,

so wurde eine ganze Weile nichts gehört, als das Klappern der Messer und

Gabeln und das Klirren der Löffel in den Tassen. Endlich aber hielt es

die Frau nicht länger aus -- ihr Mann war mit seiner Schweigsamkeit in

einer so wichtigen Angelegenheit gerade zum Verzweifeln. Mußte sie denn

als Mutter nicht darum wissen?

»Was hatte denn aber der Herr Baron von Wendelsheim in dem Hause des

Juden zu thun?« brach sie endlich das Schweigen. »Das ist doch nicht

Sache des Militärs, sondern nur der Polizei.«

»Ich glaube auch nicht, daß er in militärischen Angelegenheiten dort

vorgesprochen ist,« sagte Witte trocken.

»Und was wollte er sonst da? Witte, Du bist heute in einer Laune, um

eine Heilige die Geduld verlieren zu machen!«

»Dann sei so gut und unterbrich mich künftig nicht, wenn ich Dir etwas

erzähle, mit Deinem kategorischen »Das ist nicht wahr.« Wenn ich einmal

eine Behauptung aufstelle, so kannst Du Dich auch fest darauf verlassen,

daß sie wahr ist, und so sage ich Dir denn noch einmal: der Lieutenant

von Wendelsheim war während der Katastrophe oben bei den Damen vom

Hause, bei der Frau und Tochter des alten Salomon.«

»Aber was, um Gottes willen, hatte er dort zu thun? War er vielleicht

aus Versehen in ein falsches Haus gekommen?«

»In der Judengasse? Sehr wahrscheinlich,« nickte ihr Gatte. »Uebrigens

kann das nicht das erste Mal gewesen sein, daß er dort »aus Versehen«

hinaufgerathen ist, denn er wußte außerordentlich gut Bescheid im Hause

und leuchtete den Leuten, die sich dort nicht zurecht zu finden wußten,

voran.«

»Der Baron von Wendelsheim?«

»Ist sehr intim in der Familie, die Versicherung kann ich Dir

geben, Therese,« sagte der Staatsanwalt ernst, indem er ihr einen

bedeutungsvollen Blick zuwarf, »und Deine Menschenkenntniß hat Dich

dieses Mal, was etwa andere Voraussetzungen betreffen sollte, wie mir

scheint, im Stich gelassen.«

»Und ist die Tochter wirklich so schön?« fragte Ottilie, die einen recht

wehen Stich im Herzen fühlte, obgleich sie sich die größte Mühe gab,

gleichgültig bei der Frage auszusehen.

»Ich habe nicht übertrieben,« versetzte der Vater. »Sie war allerdings

in der Angst und Aufregung des Moments todtenblaß, aber dennoch nehme

ich mein Wort nicht zurück: ich habe noch nie in meinem Leben ein so

vollkommen schönes und dabei in jeder Bewegung edles Wesen gesehen, als

jenes Mädchen.«

»Und das wird es auch gewesen sein, was ihn dort hingeführt hat,« sagte

die Mutter, aber doch unruhig auf ihrem Stuhl herumrückend; »das hübsche

Gesicht hat ihn angelockt. Aber ein Baron kann doch wahrhaftig im Leben

nicht daran denken, ein Judenmädchen zu heirathen.«

Witte warf ihr einen strengen Blick zu. »Liebe Frau,« sagte er mit

scharfer Betonung, »sobald Du vermuthest, daß er überhaupt bewogen

werden könnte, sein Ahnenschild zu vergessen, so wäre das immer nur ein

Schritt weiter. Nach den Verpflichtungen aber, die er, allem Anschein

nach, in jener Familie eingegangen ist, hoffe ich, daß er unser Haus

nicht mehr betreten wird. Du hast mich doch verstanden, Mutter?«

»Du gehst zu weit, Dietrich,« sagte die Frau unruhig; »man muß doch

Jemanden hören, ehe man ihn verurtheilen darf, und Dir brauch' ich das

wohl nicht einmal zu sagen.«

»Nein, aber in manchen Dingen genügt es auch, wenn man Jemanden sieht,

anstatt ihn zu hören,« sagte der Staatsanwalt, »und ich kann Dir

versichern, daß ich nach dem, was ich heute Abend gesehen habe,

vollkommen befriedigt bin. Uebrigens ist das Thema kein so angenehmes,

um zu lange dabei zu verweilen; ich habe auch noch zu arbeiten. Gute

Nacht, Kinder, schlaft wohl! Ihr könnt mir wohl noch eine Flasche

frisches Wasser in meine Stube schicken.«

Damit ging er zur Thür hinaus und ließ, seine Frau wenigstens, in einem

unsagbaren Zustand von Bestürzung zurück, da ihr in diesem Augenblick

eine ganze Colonie von Luftschlössern und Phantasiebauten durch und über

einander gepoltert waren.

Der Lieutenant von Wendelsheim -- _ihr_ Lieutenant, den sie sich selber,

wie sie glaubte, sorgfältig herangezogen, den sie für ihre Tochter

ausgesucht und bestimmt, und kein erlaubtes Mittel unversucht gelassen

hatte, um ihn heranzuziehen, in der Judenfamilie! Und die Schmach und

Schande, wenn sie an die Frau Appellationsgerichtsräthin dachte, die sie

zu ihrer Vertrauten in allen Herzensangelegenheiten gemacht, und _die_

Frau konnte nicht schweigen, das wußte sie aus Erfahrung!

Ottilie war aufgestanden und zum Fenster getreten; das Herz schien ihr

zum Zerspringen voll, aber sie wagte nicht, ein Wort zu äußern, und an

dem Fenster klopfte sie in Gedanken eine Melodie und schlug dann leise

mit der rechten Fußspitze den Tact, erschrak aber ordentlich und hörte

auf, als ihr einfiel, daß das gerade die letzte Française sei, die sie

mit dem Verräther getanzt hatte.

Aber war denn die Sache wirklich so schlimm? Die Frau Staatsanwalt

konnte es sich noch nicht denken, aber darüber auch freilich mit der

Tochter keine Rücksprache halten. Wer wußte denn, ob er nicht nur ganz

flüchtig durch die Schönheit jenes Mädchens geblendet gewesen und gar

nicht daran dachte, eine ernste Neigung für sie zu fühlen! Er hatte in

der letzten Zeit viel Geld gebraucht -- die Erbschaft wurde erst in

den nächsten Wochen ausgezahlt; der alte Salomon verlieh aber Geld auf

Zinsen, und was war natürlicher, als daß er sich, um den guten Willen

des Vaters zu erwerben, ein klein wenig hatte um die Tochter bemühen

müssen. Wenn sie nur Jemanden gewußt hätte, der ihr darüber nähere

Auskunft geben konnte!

Der Erbe: Roman. Zweiter Band. · 第 11 / 15 段