immer dicht gedrängt standen, und forderte Einzelne, die Näheres über
das Verbrechen anzugeben wüßten, auf, hereinzukommen. Es meldeten sich
aber nur zwei oder drei, die »etwas gesehen haben wollten.« Sie wurden
herein beordert und dann gleich mit dazu verwandt, um den leblosen
Körper des alten Mannes nach oben zu tragen.
Der Lieutenant, der zurückgekehrt war, nahm wieder die Leitung, und
während er langsam mit der Lampe voranging, verschloß der Actuar zuerst
die Ladenthür und ließ dann noch einen Augenblick den Zug halten, um
zuerst einen Streifen Papier über das Schloß zu siegeln, damit
Niemand den Platz betrete, bevor morgen, mit Tageslicht, eine genaue
Untersuchung desselben stattgefunden hätte.
Wie still und friedlich, wie wohnlich, ja, fast patriarchalisch hatte
sonst die Behausung des alten Salomon ausgesehen, und wie traurig
verändert lag sie heute! Fremde, rauhe Gestalten drängten die Treppe
hinauf und Tod und blutige Verwüstung schienen ihre Fährten in das
Heiligthum eingedrückt zu haben. Es war auch fast, als ob die alte
Dienerin des Hauses, die oben an der Treppe mit verweinten Augen stand,
den vielen Fremden den Eintritt wehren wollte -- aber brachten sie nicht
ihren armen Herrn? Und dann sah sie auch die gefürchteten rothen Kragen
der Polizei, gegen die sie am wenigsten gewagt haben würde, einen
Widerstand zu leisten.
Jetzt hatten die Träger den oberen Rand der Treppe erreicht, und Witte,
der dicht hinter ihnen folgte, sah staunend auf, als ein bildschönes
Mädchen, die schwarzen Locken gelöst, das Antlitz marmorbleich, auf die
Träger zustürzte und im ersten Moment sich auf den alten Mann werfen
wollte. Aber fast gewaltsam hielt sie sich zurück, ihre großen dunklen
Augen hingen an dem Gräßlichen, ihre kleine, weiße Hand war fest auf dem
Herzen geballt; aber sie sagte kein Wort, durch keine Bewegung hinderte
sie den Fortgang der Leute, und das Licht aus der Hand der Magd nehmend,
winkte sie ihnen nur, ihr zu folgen.
»Alle Wetter, wer ist das?« flüsterte der Actuar dem neben ihm stehenden
Staatsanwalt zu. »Das war ja ein bildschönes Mädchen, und der Lieutenant
scheint hier sehr bekannt im Hause zu sein!«
»Wahrscheinlich die Tochter des alten Salomon,« nickte der Staatsanwalt,
der die letzte Bemerkung ebenfalls gemacht hatte; »ich weiß, daß er eine
Tochter hat, habe sie aber noch nie vorher gesehen.«
»Mir ist nie etwas Schöneres vorgekommen....«
»Es muß in der That außergewöhnlich sein, wenn sich selbst die Polizei
davon ergriffen fühlt,« bemerkte der Staatsanwalt trocken -- »aber
da sind wir. Wie elegant das hier aussieht! Ich hätte wahrlich nicht
gedacht, im Judenviertel solch ein Haus zu finden, besonders wenn man
diese alten, rauchgeschwärzten Gebäude von außen ansieht!«
Die Träger folgten ihrer bleichen Führerin in ein Seitenzimmer, wie es
schien, das eigentliche Schlafgemach des alten Mannes, neben dem der
Arzt noch immer herging und seinen Kopf unterstützte. Dort winkte sie,
ihn auf das Bett zu legen.
»Möchten Sie nicht vielleicht eine alte Decke unterlegen,« bemerkte
der Arzt, als er das schneeweiße Linnen sah, »wir werden Alles mit Blut
beflecken.«
»Nein,« hauchte die Tochter. -- Es war das erste Wort, das sie sprach.
-- »O, sagen Sie mir um Gottes willen, ob er todt ist?«
»Ich glaube nicht, mein Fräulein,« erwiederte der Arzt theilnehmend dem
ungeheuern Schmerz gegenüber, der in den Worten lag. »Ich kann Ihnen
freilich für nichts stehen, denn ich habe die Wunden noch nicht
untersucht, aber noch scheint Leben in ihm zu sein, wenn auch vielleicht
nur ein Funken. Es soll gewiß Alles geschehen, was in menschlichen
Kräften steht, um ihn, wenn irgend möglich, zu retten. Machen Sie sich
aber auf das Schlimmste gefaßt; das Resultat kann kein Mensch vorher
bestimmen.«
»Hat sich Ihre Frau Mutter wieder erholt?« fragte der Staatsanwalt
jetzt, der ihr unwillkürlich näher getreten war. »Der plötzliche Schreck
machte eine Ohnmacht ja natürlich.«
»Ich danke Ihnen,« sagte Rebekka leise, »sie ist wieder erwacht -- o,
dieser entsetzliche Abend!«
»Und haben Sie keine Vermuthung, wer der Thäter sein könne?« fragte der
Actuar wieder.
»Keine,« hauchte das junge Mädchen, traurig mit dem Kopf schüttelnd;
»mein Vater war ja so gut und brav, er hat keinem Menschen je ein Leides
gethan -- sie haben ihn nur berauben wollen.«
»Und wissen Sie nicht, ob in letzter Zeit vielleicht irgend Jemand
häufiger als sonst in den Laden gekommen wäre?«
»Ich betrete den Laden nie oder doch nur so selten, daß ich es nicht
weiß. Selbst die Mutter kommt nicht hinunter.«
»Hm -- nun, wie steht es, Doctor?«
»Dürfte ich um etwas lauwarmes Wasser und einen Schwamm bitten?«
Es wurde rasch gebracht, und der Arzt ging jetzt daran, die Wunden
sorgsam auszuwaschen und zu untersuchen.
Wendelsheim hatte indessen leise mit Rebekka gesprochen und sie gebeten,
das Zimmer zu verlassen. Er selber glaubte fest, daß der alte Mann todt
sei, und wollte ihr wenigstens den Schmerz der unmittelbaren Entdeckung
ersparen. Rebekka weigerte sich aber; sie wollte das Entsetzliche selber
hören -- sie war gefaßt, wie sie sagte, und fürchtete keine Schwäche.
Staatsanwalt Witte beobachtete Beide scharf, während sie mit einander
sprachen, und es hätte auch wahrlich nicht des Auges eines Juristen
bedurft, um zu sehen, mit wie liebevoller Theilnahme des Barons Blick an
den Zügen des Mädchens hing, wie vertrauend, wie gut sie zu ihm aufsah.
Der Actuar glaubte aber seine Zeit indessen nicht unnütz versäumen zu
dürfen, und sich im Zimmer umschauend, bemerkte er bald einen Tisch,
auf welchem ein Schreibzeug stand -- Papier wie alles Nöthige führte
er überdies bei sich --, und er befahl jetzt, den Gefangenen herauf
zu führen, und ließ die Leute, die sich als Zeugen gemeldet hatten,
ebenfalls an die Thür treten. Um das Verhör kümmerte sich der Arzt
nicht, der sich nur immer mit dem Verwundeten beschäftigte, während ihm
Rebekka hülfreiche Hand dabei leistete. Wohl schnürte es ihr das Herz
zusammen, und sie mußte sich ordentlich Gewalt anthun, um nicht in
Klagen auszubrechen, als sie die furchtbaren Wunden sah, die des Mörders
Waffe dem Vater geschlagen; aber kein Laut kam über ihre Lippen, und
mit sorgsamer, nicht einmal zitternder Hand wusch sie das Blut von dem
theuern Haupt und küßte dann die bleiche, kalte Stirn.
Fritz Baumann wurde jetzt hereingeführt, und mit Entsetzen hingen des
Mädchens Blicke an dem edlen, aber jetzt bleichen Antlitz des jungen
Mannes. Das war der Mörder? O, um Gott, was hatte er ihm gethan, daß er
die blutige Faust gegen den armen schwachen alten Mann erheben sollte?
»Wer sind Sie und wie heißen Sie?« fragte der Actuar, der sich an seinem
Tisch festgesetzt hatte und die Sache amtsmäßig zu betreiben begann.
»Mein Name ist Friedrich Baumann,« lautete die eben nicht sehr
freundlich gegebene Antwort; »ich bin Mechanikus in hiesiger Stadt.«
»Schon einmal vor Gericht gestanden?«
»Nein.«
»Was hatten Sie heute Abend noch nach Dunkelwerden hier im Gehöft und im
Laden des alten Salomon zu thun?«
»Ich habe ein Werk zurückgebracht, das ich für ihn reparirt hatte,
fand aber den Laden schon verschlossen und sah nur eben noch in der
Dämmerung, daß ein Officier vor mir den Hof betrat. Da ich demnach
vermuthete, den alten Salomon noch im Laden zu finden, folgte ich ihm
und fand auch die Ladenthür nur angelehnt und Licht im Innern. Wie ich
aber den Platz eben betreten wollte, sprang eine dunkle Gestalt gegen
mich an und floh zum Hofe hinaus. Ich hielt das Werk, das jetzt unten
auf dem Tisch steht, noch in der Hand und war auch in dem Moment zu
überrascht, um dem Flüchtigen gleich zu folgen, that aber dann, was ich
für den Augenblick thun konnte. Im Laden sah ich den unglücklichen alten
Mann am Boden liegen, und das Schlimmste fürchtend, sprang ich hinaus,
fand die Hausthür verschlossen, klopfte dort scharf an und sprang dann
vor das Thor, um Hülfe herbei zu holen, als ich von diesen Männern
gefaßt und gehalten und selber des Mordes beschuldigt wurde.«
»Und wie kommt das Blut an Ihre Hände und Kleider?«
»Ich wollte den Erschlagenen aufrichten, fand aber bald, daß das
unmöglich sei.«
»Ist dies Ihr Tuch? Es trägt die Buchstaben =F. B.=«
»Ja; ich hatte es über das Werk gedeckt, und es mag im Hof herunter
gefallen sein.«
»Es lag im Laden.«
»Auch das ist möglich.«
»Was für ein Werk war das, welches Sie brachten?«
»Ein mechanisches Kunstwerk, das ich reparirt hatte.«
»An der Thür lag ein Sack mit Geld; wie ist der dahin gekommen?«
»Das weiß ich nicht; ich habe ihn nicht gesehen.«
»Haben Sie etwas fallen hören, als jene dunkle Gestalt, wie Sie sagen,
aus der Thür sprang?«
»Nein -- ich erinnere mich wenigstens nicht; ich war zu sehr
überrascht.«
Der Actuar ließ ihn bei Seite treten und fragte jetzt die verschiedenen
Leute aus, was sie über den Fall wüßten. Das war allerdings sehr wenig.
Einige wollten einen Hülferuf gehört haben und waren herbeigelaufen;
Andere, die sie laufen sahen, schlossen sich ihnen an.
»Wer hatte um Hülfe gerufen?« fragte der Actuar.
»Ich selber,« erwiederte Baumann, »wie ich jene dunkle Gestalt
davonspringen sah. Ich hoffte, dadurch ihm Begegnende aufmerksam zu
machen.«
»Und weshalb liefen Sie nicht gleich selber hinter ihm drein? Ich
dächte, Sie wären jung und stark genug dazu.«
»Ich hatte das Werk unter dem Arm -- es kam Alles so schnell -- ich
wußte ja auch damals noch nicht, ob wirklich ein Verbrechen verübt sei,
ja, im ersten Augenblick war es mir sogar, als ob der Laufende der alte
Salomon selber sei.«
»Sehr wahrscheinlich,« lächelte der Actuar verächtlich. »Und weshalb
liefen Sie da selber davon?«
»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich nicht gelaufen bin,« erwiederte
Baumann finster; »ich wollte auf die Straße springen, um Leute
herbeizurufen, als diese mich faßten und natürlich den Verbrecher
entwischen ließen.«
»Also Sie leugnen, weiter etwas von der That zu wissen?«
»Ich habe Ihnen Alles gesagt, was ich weiß, und bedauere, wenn Ihnen das
nicht genügt.«
»Schön. Gensdarmen, führen Sie den Gefangenen in das Polizeigebäude in
Untersuchungshaft -- er soll eingeschlossen werden -- ich komme gleich
selber nach! Lassen Sie ihn unterwegs nicht entspringen, und daß er
mit Niemandem verkehrt oder sich unterhält! Er wird auch vorher genau
untersucht, ob er keine Waffen oder sonst etwas Verdächtiges bei sich
trägt! Sind ihm die Hände noch fest auf dem Rücken gebunden?«
»Die kriegt er nicht los, Herr Actuar.«
»Gut -- fort mit ihm; wir brauchen ihn heute hier nicht weiter.«
»Aber Sie können mich doch wahrhaftig nicht nur auf einen so
wahnsinnigen Verdacht hin einkerkern wollen!« rief Baumann, bei dem der
Zorn auch jetzt die Oberhand gewann. »Stehen denn hier nicht Männer, die
mich kennen? Herr Staatsanwalt Witte, Herr Lieutenant von Wendelsheim,
können Sie glauben, daß ich eines solchen Verbrechens auch nur fähig
wäre?«
»Nein, das glaube ich nicht,« sagte Witte.
»Ich ebenfalls nicht,« fiel Wendelsheim ein.
»Meine Herren,« sagte der Actuar, »es thut mir leid, in dieser Sache
auf Ihren Glauben keine Rücksicht nehmen zu können. Die Person hier
ist unter verdächtigen Umständen angetroffen, und wir müssen uns ihrer
jedenfalls so lange versichert halten, bis wir vollgültige Beweise ihrer
Unschuld finden.«
»Aber ich habe den Hof nicht drei Minuten nach dem Lieutenant von
Wendelsheim betreten -- kaum zwei, wenn so viel -- ich sah ihn in den
Hof gehen.«
»Haben Sie etwas von dem Herrn bemerkt, Herr Baron?«
»Ich muß gestehen, daß ich mich gar nicht umgesehen,« sagte der
Lieutenant. »Ich erinnere mich, Jemanden in der Straße bemerkt zu haben,
als ich in den Hof einbog, aber es war schon dunkel und ich achtete auch
nicht darauf.«
»Und wie lange vor der Entdeckung des Mordes waren Sie im Hause?«
»Allerdings nur wenige Momente; als ich den Hülferuf hörte, hatte ich
eben erst das Zimmer betreten.«
»So? Na, das wird Alles die spätere Untersuchung ergeben. Also paßt
mir gut auf ihn auf! Schultze mag lieber noch mitgehen, falls etwas
vorfallen sollte oder vielleicht einige seiner Spießgesellen Miene
machten, ihn zu befreien.«
»Mein lieber Herr Baumann,« sagte der Staatsanwalt jetzt zu dem
Gefangenen, »fügen Sie sich vor der Hand in das Unvermeidliche, denn
Ihre vorläufige Haft muß allerdings stattfinden; aber ich hoffe und
bin fest davon überzeugt, daß Sie genügende Beweise Ihrer Unschuld
beibringen werden. Ihre Haft wird in dem Fall nicht lange dauern, und
ich ersuche Sie, Herr Actuar, dem Gefangenen jede Bequemlichkeit
zu gestatten, welche die Gefängnißordnung erlaubt -- auf meine
Verantwortung und Garantie. Sorgen Sie dafür, Freund,« wandte er sich
dann an den Gensdarmen, »daß das richtig bestellt und ausgeführt wird.«
Während die Leute den jungen Mann abführten, bog sich Witte zu dem
Actuar über und flüsterte ihm etwas zu, womit dieser nicht recht
einverstanden schien, denn er wiegte ein paarmal den Kopf hin und her,
schrieb auch noch erst Einiges nieder. Dann wandte er sich plötzlich an
den Lieutenant und sagte: »Und dürfte ich mir wohl erlauben, Herr Baron,
Sie zu fragen, was Sie so spät, oder vielmehr so früh in's Haus geführt
hat, da Sie doch schon hier waren, ehe der Lärm entstand, und eigentlich
an dem Laden müssen vorübergegangen sein, während der Mord im Innern
verübt wurde? Haben Sie nichts gehört?«
»Keinen Laut,« sagte Wendelsheim, von der Frage eben nicht erbaut, die
Gegenwart des Staatsanwalts genirte ihn. »Als ich vorüberging, war Alles
dunkel. Ob die Ladenthür angelehnt oder geschlossen war, weiß ich nicht
einmal; ich habe mich nicht danach umgesehen, auch nicht das geringste
Geräusch darin gehört, und glaubte deshalb, der alte Salomon befände
sich oben in seiner Stube.«
»Und wie Sie oben in's Zimmer traten, hörten Sie den Hülferuf?«
»Ja.«
»War Jemand in dem Zimmer?«
»Allerdings; die Frau des alten Mannes und das Fräulein da.«
»Sie wollten den alten Mann sprechen?«
»Ich wollte der Familie, mit der ich befreundet bin,« sagte Wendelsheim
ernst, aber entschieden, »eine Trauernachricht mittheilen, die mich
heute betroffen hat -- den Tod meines Bruders.«
»Der junge Baron Benno ist gestorben?« rief Witte rasch. »Ach, das thut
mir wirklich recht leid um Sie Alle!«
»Ja,« sagte Wendelsheim leise, »es war ein schwerer Verlust, obgleich
wir Alle schon lange darauf vorbereitet sein mußten.«
»In so jugendlichem Alter! Wie alt war Ihr Herr Bruder?«
»Noch nicht achtzehn Jahre.«
»Er lebt! Er lebt!« jubelte da plötzlich Rebekka, die neben dem Bett des
Vaters gekniet und ihr Ohr an sein Herz gelegt hatte -- was kümmerten
sie die Fragen des Beamten!
»Es ist allerdings noch Leben vorhanden,« nickte der Arzt, »und die
Wunden -- wenn nicht im Innern der Hirnschale mehr Unheil angerichtet
ist, als man von außen beurtheilen kann -- sehen auch nicht gerade zu
bösartig aus, wenigstens nicht so, um Ihnen jede Hoffnung zu rauben.«
»Er lebt, Doctor?« rief aber auch jetzt der Actuar. »Das allerdings
würde die Untersuchung sehr erleichtern, wenn wir erst seine Aussage
bekommen könnten!«
»Aber doch nicht heute Abend, Herr Actuar,« sagte der Arzt ruhig. »Ich
muß überhaupt die Herren bitten, dieses Zimmer jetzt zu verlassen, damit
der Verwundete kein Geräusch mehr hört und, wenn er ja schneller, als
ich vermuthe, seine Besinnung wieder erhält, nicht erschrickt -- ich
stehe sonst für nichts.«
»O, er lebt! Er lebt!« jauchzte Rebekka leise vor sich hin, und wie
ihrer selbst unbewußt, lehnte sie ihre Hand auf den Arm des jungen
Officiers und schaute mit strahlendem Antlitz zu ihm auf.
Der alte Staatsanwalt nickte still vor sich hin mit dem Kopf, aber der
Arzt drang jetzt entschieden auf Räumung des Zimmers. Der Kranke mußte
Ruhe bekommen, und nur die Tochter sollte bei ihm bleiben. Er selber
versprach aber, vor Mitternacht noch einmal nachzusehen, wie es ginge
-- er hatte noch einige Krankenbesuche zu machen und durfte die nicht
vernachlässigen.
Der Lieutenant von Wendelsheim zögerte, mitzugehen. Der Staatsanwalt
faßte ihn aber am Arm und sagte: »Kommen Sie einen Moment mit uns in ein
anderes Zimmer oder auf den Hof, Herr Lieutenant. Ich habe den Herren
einen Vorschlag zu machen, bei dem ich Sie ebenfalls betheiligt wünsche;
Sie können ja nachher immer wieder zurückgehen.«
»Einen Vorschlag? Welchen?« fragte der Actuar.
»Bitte -- unten; hier nichts weiter. Mein liebes Fräulein,« wandte er
sich dann an Rebekka, »fassen Sie guten Muth; vielleicht und hoffentlich
wird das Schwerste noch von Ihnen abgewandt. Seien Sie aber versichert,
daß wir den innigsten Antheil an Ihrem Schicksal nehmen, und was
geschehen kann, jene verruchten Buben, welche die That verübt, zur
Strafe zu bringen, soll gewiß geschehen.«
»Aber jener junge Mensch hat meinen Vater doch gewiß nicht geschlagen,«
sagte Rebekka mit tiefer Wehmuth im Ton.
»Ich bin fest davon überzeugt, daß er es _nicht_ gethan hat,« bestätigte
der Staatsanwalt; »doch das wird die Untersuchung bald ergeben.«
»Und bedenken Sie, daß Sie heute den Laden nicht mehr betreten dürfen,«
sagte der Actuar; »er ist versiegelt.«
»Gott soll mich behüten, daß ich den Schreckensort in der Nacht
betrete!« sagte das Mädchen zurückschaudernd.
»Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie,« drängte der Arzt. »Der Kranke
regt sich -- ich mache Sie sonst für die Folgen verantwortlich« -- und
die drei Männer vor sich her schiebend, verließ er mit ihnen das Gemach.
»Und was wollten Sie uns sagen, Herr Staatsanwalt?« fragte der
Gerichtsbeamte, als sie unten im Hof zusammenstanden, während der eine
Polizeidiener noch draußen am Hofthor Wache hielt. Die alte Magd war
mitgegangen, um hinter ihnen das Thor zuzuschließen.
»Ich habe,« sagte der Staatsanwalt, »schon oben meine Ueberzeugung
ausgesprochen, daß der junge Baumann unschuldig ist; ich wiederhole das
jetzt, und die Untersuchung wird es bestätigen. Wir wissen aber noch
gar nicht, ob der alte Salomon den oder die Menschen, die ihn überfallen
haben, erkannt hat, wenn er wirklich wieder zum Bewußtsein kommt, denn
derartige Schufte schwärzen gewöhnlich ihre Gesichter oder brauchen
andere Kunstgriffe. Wir müssen sie also in den ersten Tagen sicher
machen, daß sie nichts zu fürchten haben, und das geschieht am besten
durch das Gerücht von des alten Salomon's Tode. Die Stadt braucht
vor der Hand nicht anders zu wissen, als daß der alte Mann wirklich
erschlagen oder seinen Wunden erlegen sei, und meinetwegen auch, daß man
den Mörder gefangen und eingezogen habe; ein falscher Verdacht schadet
dem Namen des jungen Baumann, wenn er denn doch einmal abgeführt ist und
gefangen gehalten wird, auch nicht mehr, und bekommen wir nachher die
wirklichen Thäter heraus, so wollen wir ihn schon wieder weiß waschen.«
»Ich begreife nicht, was Sie damit bezwecken wollen,« sagte der Actuar.
»Ich halte es auch für das Beste,« meinte der Arzt. »Die Verbrecher
lassen sich dadurch möglicher Weise verleiten, mit ihrem Gelde groß zu
thun oder mehr zu verzehren, als ihre Bekannten an ihnen gewohnt sind
-- wie viele Diebstähle und Raubmorde sind schon dadurch an's Tageslicht
gekommen!«
»Gut, ich habe nichts dagegen,« nickte der Actuar. »Wir können
jedenfalls den Versuch machen, werden aber nichts dadurch erreichen,
denn wenn nach drei Tagen die Beerdigung des alten Mannes nicht erfolgt,
so wird man doch augenblicklich wissen, daß er nicht gestorben ist.«
»Drei Tage sind eine lange Zeit,« sagte der Staatsanwalt; »wir wollen
wenigstens die uns gegebene Frist nach besten Kräften benutzen, und Sie,
Herr Lieutenant, bitte ich, im eigenen Interesse der Familie, wenn
Sie dieselbe wiedersehen sollten, sie zu bitten, Alles zu thun, um das
Gerücht aufrecht zu erhalten. Aber jetzt guten Abend, meine Herren! Es
ist spät geworden, und ich muß nach Hause, oder gehen wir Einen Weg?«
»Jedenfalls anfangs,« sagte der Arzt; »aber das Volk muß dort von dem
Thor fort, daß wir keinen Lärm machen.«
»Ueberlassen Sie das mir, ich werde sie wegbringen,« sagte Witte.
Sie hatten jetzt den Thorweg erreicht und traten hinaus.
»Nun, wie steht's oben?« fragten zahlreiche Stimmen. »Wie geht's dem
alten Manne?«
»Geht nach Hause, Leute,« sagte der Staatsanwalt, »und stört die arme
Familie nicht in ihrer Trauer -- der alte Salomon ist todt.«
»Gott der Gerechte, und so ein Mann -- waih geschrieen!« tönte es von
vielen Seiten. »Und die Mörder?«
»Werden ihrer Strafe nicht entgehen, verlaßt Euch darauf; eine so
nichtswürdige That soll nicht ungeahndet hingehen.«
»Was ist der mehr,« sagte ein alter Israelit, der daneben stand; »werden
sie ihm auch nicht viel thun -- war es doch blos ein Jud', der alte
Salomon!«
»Er war ein Mensch, und wer Menschenblut vergießt, deß Blut soll wieder
vergossen werden. Aber jetzt geht nach Hause -- Ihr seht, das Thor ist
geschlossen, und Ihr könnt durch unnöthigen Lärm nur noch die Familie
beunruhigen, die so schon Schmerz und Sorge genug hat.«
Das half. »Jawohl, jawohl!« riefen die Meisten, und wenig Minuten später
war die Straße menschenleer.
10.
Verschiedene Eindrücke.
In Baumann's Haus, im Stübchen neben der Werkstatt, saß die Familie beim
Abendbrot; aber der sonstige fröhliche Ton herrschte heute nicht in
dem kleinen Kreise. Der Alte selber war ernst oder doch wenigstens
nachdenkend und sprach nicht viel, und an wen er eigentlich die Zeit
über gedacht hatte, verriethen die wenigen Worte, denen er endlich Laut
gab.
»Jetzt kommt er nicht mehr,« sagte er, während er sein leergetrunkenes
Glas wieder mit Bier füllte; »es muß schon lange neun Uhr vorbei sein.
Er ist jedenfalls nach Hause gegangen und hat sich zu Bett gelegt.«
»Zu Hause ist er nicht, Vater,« meinte Karl; »ich war vorhin drüben bei
ihm und wollte mir ein Stück Werkzeug borgen, aber der Schlüssel lag,
wie gewöhnlich, wenn er ausgegangen ist, unter der Strohdecke.«
»Er sollte auch etwas Gescheidteres thun, als ihn dahin legen,« sagte
die Mutter; »den Platz kennen die Diebe auch, und es ist schrecklich,
was in letzterer Zeit wieder in Alburg gestohlen wird.«
»Das macht unsere gute Polizei, Mutter,« lachte der Schlosser; »denn
wenn sich ein Dieb von der fangen läßt, so verdient er schon seiner
Dummheit wegen Strafe.«
Die Frau seufzte, sagte aber nichts weiter, stand dann auf, nahm sich
ein Gesangbuch von dem kleinen Bücherbrett und fing an, darin still vor
sich hin zu lesen.
Der alte Schlossermeister war aufgestanden und ging eine Weile im Zimmer
auf und ab. Er sah dabei manchmal die Frau an, als ob er sich mit ihr
beschäftige -- schwieg aber noch immer. Er hatte beide Hände vorn
in seinen Hosengurt geschoben und pfiff leise vor sich hin, wie er
gewöhnlich that, wenn er in recht tiefen Gedanken war. Die Frau achtete
nicht auf ihn -- sie las immer weiter, und endlich sah er, als er
einmal hinter ihr vorüberging, daß ein im Lampenlichte blitzender
Thränentropfen in das aufgeschlagene Buch fiel, ohne daß sie ihn wieder
weggewischt hätte.
»Höre, Karl,« sagte er, indem er vor dem Sohn stehen blieb, »geh' jetzt
zu Bett; ich habe mit Deiner Mutter noch 'was zu reden.«
»Ja, Vater,« sagte Karl, »mir ist's auch recht; ich bin müde, und bei
Euch scheint's heute Abend langweilig zu sein. Die Mutter liest und Du
pfeifst, da will ich lieber unter die Decke kriechen; morgen müssen wir
doch wieder früh heraus -- Gute Nacht mitsammen!«
Karl hatte schon lange das Zimmer verlassen, aber der alte Baumann
schwieg noch immer. Er war nur stehen geblieben, pfiff nicht mehr und
sah seine Frau an, die noch über das Buch gebeugt saß. Aber sie las auch
jetzt nicht; ihr Auge flog darüber hin, und es war fast, als ob sie die
Anrede des Mannes mit Zagen erwarte.
»Sag' einmal, Alte, was dir eigentlich ist,« begann der
Schlossermeister, indem er sich mit beiden Händen auf ihre Stuhllehne
stützte; »Du kommst mir ordentlich wie verwandelt vor. Du sitzest in
Dich gekehrt, Du seufzest, liest in einem Gesangbuch, weinst sogar
dabei. Hast Du 'was auf der Seele, wem besser könntest Du es wohl
anvertrauen, als mir? Sorgt Dich aber 'was, ei, alle Wetter, dann bin
ich auch gerade der Mann, um es Dir abzunehmen! Bist Du krank, Mutter?«