und sich die Gruppe betrachtete, »das sieht ja hier recht heiter und
vergnügt aus, und der Jammer ist wieder in allen Ecken los! Nun,
Major, ich dächte, vor einigen Tagen wären Sie gut genug auf den Beinen
gewesen! Wo fehlt's jetzt wieder?«
»Machen Sie um Gottes willen die Thür zu, Staatsanwalt,« rief der Major,
ohne die Frage gleich zu beantworten, denn bei dem Capitel nahm eine
Erwiederung zu lange Zeit in Anspruch; »es zieht hier herein, und ich
kann den Tod davon haben!«
»Zieht? Wir haben sechzehn Grad Wärme draußen,« sagte Witte, indem er
gleichwohl dem Wunsch Folge leistete; »außerdem sind alle Fenster dicht
geschlossen, und das ganze Zimmer riecht wie ein Schmetterlingskasten.
Es scheinen mir aber freilich lauter »Trauerfalter« darin zu stecken --
complicirte Sammlung, das muß wahr sein! Herr Gott, da liegt ja auch
die gnädige Frau, und die Liese hat wieder Zahnschmerzen! Der Christian
scheint heute der einzige Gesunde.«
»Ich? Ach, das Gott erbarm'!« stöhnte der Mann. »Hingesetzt hab' ich
mich hier, um dem Herrn Major das Bein einzureiben; aber wie ich wieder
in die Höhe kommen will, weiß der Himmel! Ich muß mir das Kreuz verrenkt
haben, denn das wird mit jedem Tag ärger.«
»Und was fehlt Ihnen, Herr Rath?« fragte der Staatsanwalt, »denn ganz
gesund können Sie doch unmöglich in diesem Lazareth sein.«
»Geistige Ruhe, verehrter Freund,« erwiederte Frühbach; »sonst, Dank dem
Aepfelwein, den ich täglich trinke, und meiner steten Transspiration,
nichts. Aber Sie sehen, ich habe mich pünktlich eingefunden.«
»Sehr wacker von Ihnen. Und Sie, Major, liegen wieder auf der Kante?«
Er hatte eigentlich recht. In der neulichen Aufregung schien der alte
Herr, dessen Leiden überhaupt zum großen Theil nur eingebildet waren,
seine ganze Krankheit vergessen oder wenigstens für den Augenblick
beurlaubt zu haben. Jetzt aber, nach dem letzten verzweifelten Versuch,
den er auch in der That als den letzten betrachten mußte, hatte er es
aufgegeben, sein Ziel weiter zu verfolgen. Seine letzte Hoffnung war
verschwunden, und mit dem Aufhören der Erregung trat, wie nach allen
solchen Fällen, die gewöhnliche Abmattung ein, so daß er sich jetzt auf
einmal kränker als je zu fühlen glaubte.
»Ja,« stöhnte er, »und das wird auch wohl der letzte Ruck sein, den die
Krankheit thut; ich fühl's schon in den alten Knochen, lange kann das
Elend nicht mehr dauern -- o Gott! Christian, Esel -- Er drückt mir ja
den ganzen Knochen ein! Der Mensch arbeitet gerade so auf meinem Fleisch
herum, als ob er ein Pferd striegelte. Setzen Sie sich, Staatsanwalt
-- wenn ich Jemanden lange stehen sehe, werde ich ganz nervös, denn ich
fühle das Ziehen und Ausdehnen in meinen eigenen Gliedern.«
»Und Sie wissen, weshalb ich komme?« sagte der Staatsanwalt, indem er
seinen Hut auf den Tisch stellte und der Einladung Folge leistete.
»Ja,« knurrte der Major, »der Rath da hat mir die ganze Geschichte
erzählt, und ich wollte, daß der Teufel die Madame Müller und den -- hm,
verdammt, wenn ich so einen Brief unterschreibe!«
»Na, dann lassen Sie's bleiben,« sagte der Staatsanwalt, wieder von
seinem Stuhl emporfahrend; »mir kann's recht sein, und nur Ihretwegen
bin ich herausgekommen. Also Gott befohlen, Major, möchte hier nicht
länger stören!«
»So bleiben Sie nur in's drei Teufels Namen sitzen!« schrie der Major.
»Herr Gott, ärgern Sie mir nicht auch noch die Galle an den Hals -- man
muß doch erst über die Sache reden! Da, Christian, das ist genug, die
Haut muß ja schon herunter sein, und das brennt wie Gift -- macht, daß
Ihr hinaus kommt, wir haben mit einander zu reden!«
»Ja, macht, daß Ihr 'naus kommt,« stöhnte der alte Gärtner, indem er
sich mit beiden Armen auf den Boden stützte; »mich reibt Niemand
ein, ich bin immer eingerieben, und jetzt soll man sich noch allein
aufrichten, wo Einem das ganze Kreuz aus dem Geschick ist. Uff!« stöhnte
er dabei und machte einen Versuch, aufzustehen, der aber mißglückte.
»Gott soll Einen bewahren!« sagte Witte, indem er auf den Mann zutrat
und ihm unter den rechten Arm griff. »So, Freund, nun hebt Euch einmal
-- ohoi! Geht's?«
»Danke schönstens, Herr Staatsanwalt,« keuchte der Gärtner, der sich
jetzt mit Mühe auf die Füße brachte, »der Herr vergelt's Ihnen! Wenn ich
erst einmal in die Höhe bin und wieder in Gang komme, bring' ich mich
wenigstens von der Stelle -- wenn's nur nicht da hinten so stäche!«
Damit hinkte er, das linke Bein hinter sich drein schleppend, aus dem
Zimmer, und Witte sah ihm nach, so lange er ihm mit den Augen folgen
konnte. Nur erst, als er die Thür wieder hinter sich zugedrückt, sagte
er:
»Aber um des Himmels willen, Major, weshalb schicken Sie den Mann nicht
in ein wirkliches Lazareth und nehmen sich einen gesunden, kräftigen
Menschen, der Ihre Haus- und Gartenarbeit auch verrichten kann?«
»Geht nicht,« knurrte der Major und schüttelte dabei mit dem Kopf; »halt
ich nicht aus -- kann keinen gesunden Menschen um mich herum haben --
geht mir wider die Natur. Ja, wenn ich nicht selbst so elend wäre!«
Der Staatsanwalt, der kein weiteres Interesse bei der Sache hatte,
sah sich im Zimmer um. Die Liese war auch mit ihrer Theekanne
hinausgegangen, die Frau von Bleßheim lag nur noch auf dem Sopha und war
krank, und es deshalb das Beste, zur Sache zu kommen.
»Eigentlich,« begann er, »haben wir gar nichts mehr mit einander zu
reden, denn wenn Sie mir gleich von vornherein sagen, daß Sie den Brief
nicht unterschreiben wollen, so läßt sich vor der Hand nichts in der
Sache thun, bis die Klage erst einmal anhängig gemacht ist.«
»Aber auf was, zum Teufel, will denn die alte Hexe klagen?« rief der
Major ärgerlich; »wir haben ihr ja nichts zu Leide gethan.«
»Sie haben ihr weiter nichts gethan, als sie beschuldigt, ein Verbrechen
begangen zu haben,« sagte der Staatsanwalt trocken, »und da sie eine
solche Verdächtigung nicht auf sich sitzen lassen will, so werden Sie
einfach aufgefordert werden, Ihre Beweise zu bringen.«
»Aber wir haben keine,« rief der Major, »als die moralische
Ueberzeugung, daß ich im Recht bin und ihre ganze Geschichte faul ist.«
»Eine moralische Ueberzeugung hat nur freilich vor dem Richter keinen
Werth, Major, und Sie fallen damit gründlich ab. Aber vielleicht kann
Ihnen der Rath Beweise bringen, da er, wie mir die Madame Müller erzählt
hat, so entschieden in der Sache vorgegangen ist.«
Rath Frühbach hatte wunderbarer Weise und ganz gegen seine sonstige
Gewohnheit bis jetzt kein Wort gesprochen und nur, in seine Gedanken
vertieft, Tabak um sich her gestreut. Jetzt sagte er: »Da fällt mir eine
Geschichte ein....«
»Lieber Rath,« rief Witte, ihn rücksichtslos unterbrechend, »ich bin
nicht hieher gekommen, um Ihre Geschichten mit anzuhören, sondern die
Angelegenheit zum Abschluß zu bringen. Hier ist der Brief« -- und dabei
nahm er das Papier aus der Tasche --, »ich habe ihn kurz und bündig
gehalten, und es steht nichts darin, was Sie nicht mit gutem Gewissen
unterschreiben können. Der Frau habe ich auch das Versprechen
abgenommen, das Document als vollkommen privatim zu betrachten; sie wird
es keinem andern Menschen zeigen. Nun lesen Sie es durch und sagen mir
dann kurz und bündig, ob Sie damit die fatale Sache erledigen wollen
oder nicht. Weiteres Reden ist vollkommen unnütz, und ich habe auch
keine Zeit dazu.«
»Sie lassen Einen auch wirklich gar nicht zu Worte kommen, lieber
Staatsanwalt,« meinte der Rath und nahm eine Doppelprise. »Wie kann man
denn in einer so wichtigen Sache einen Beschluß fassen, wenn man sich
nicht erst gehörig darüber ausgesprochen hat?«
»Ich dächte, Sie hätten da draußen gerade genug gesprochen,« nickte der
Staatsanwalt, »und ich begreife Sie wirklich nicht, Major, wie ein
sonst so ruhiger, vernünftiger Mann so seine Leidenschaft kann mit sich
durchgehen lassen und in's Blaue hineinrasen.«
»Ich habe ja gar kein Wort gesagt!« rief der Major; »der Rath war aber
nicht zu halten und behauptete nur immer, wenn man es ihr auf den Kopf
zusage, würde sie augenblicklich gestehen.«
»In Schwerin hatten wir einen ganz ähnlichen Fall, und gerade durch
meine Geistesgegenwart....«
»Haben Sie sich hier so in die Patsche geritten,« sagte der
Staatsanwalt, der fest entschlossen schien, dem unglücklichen Manne
jedesmal die Rede abzuschneiden, »daß Sie Vorspann brauchen, um wieder
herauszukommen. Den bringe ich Ihnen jetzt; da, lesen Sie den Brief
und seien Sie froh, wenn Sie so durchschlüpfen; denn wenn die etwas
cholerische Frau wirklich klagt, so dürfen Sie sich auf eine Scene vor
den Geschworenen gefaßt machen, an die Sie nachher ihr ganzes Leben
zurückzudenken haben. Ueberfüllte Tribünen garantire ich Ihnen
jedenfalls.«
Der Rath nahm den Brief und las ihn. Er war in der That in der mildesten
Form abgefaßt und führte die ganze Sache auf ein Mißverständnis oder
einen Irrthum zurück. Die beiden Herren erklärten nur zum Schlusse ihr
Bedauern, die Frau unverdienter Weise vielleicht durch irgend ein Wort
gekränkt zu haben, und baten sie, ihrer in Zukunft wieder freundlich zu
gedenken, wie sie sich selber mit aufrichtiger Hochachtung zeichneten
etc.
Der Rath kratzte sich hinter dem Ohr, reichte aber den Brief dem Major
hinüber und sagte dabei: »Du lieber Himmel, das könnte man allenfalls
einer Frau gegenüber unterzeichnen, nur um aus der unangenehmen Sache
herauszukommen!«
Der Major hatte sich indessen das Bild mit dem Geschworenengericht, das
ihm der Staatsanwalt entrollte, ausgemalt, und er würde lieber tausend
Thaler gezahlt haben, als sich einer solchen Blamage aussetzen. Er,
Major von Halsen, als Verklagter auf der Armensünderbank, und die Madame
Müller vor den Schranken, gegen ihn auftretend! Es war gut, daß der Rath
in dem Augenblick nicht hören konnte, was er über ihn dachte, denn
ihm allein verdankte er doch nur das Alles. Aber er las den Brief erst
einmal flüchtig durch, dann noch einmal langsam und bedächtig, und der
Staatsanwalt betrachtete ihn dabei mit triumphirenden Blicken. Er wußte
jetzt, daß er ihn fest hatte und die Sache erledigen konnte.
»Na denn meinetwegen,« sagte auch der alte Soldat endlich, indem er das
Papier neben sich auf den Tisch warf; »geben Sie einmal Dinte und Feder
von da drüben her, Rath -- die Dinte wird wohl eingetrocknet sein, dort
auf dem Ofen steht noch eine kleine Flasche. Wenn sich der alte Drache
damit beruhigen will, mir kann's recht sein; aber meinen Hals möcht' ich
zum Pfand einsetzen, daß sie die Lumperei doch begangen hat. Sie sollten
nur das Bild von ihrer Tochter sehen, Staatsanwalt, das über ihrem
Sopha in Vollmers hängt, ob das nicht das leibhafte Conterfei der
Wendelsheim'schen Familie ist -- jeder Zug, während der Lieutenant von
Wendelsheim auch nicht die Spur von Aehnlichkeit mit dem alten Baron hat
-- nicht die Spur, sage ich Ihnen.«
»Aber das sind Alles keine Hauptbeweise, lieber Freund, und könnten
nur vielleicht als Nebenbeweise in's Gewicht fallen. Eine solche
Aehnlichkeit täuscht und ist oft nur zufällig, denn sie hängt von uns
unbekannten Ursachen ab. Damit kommen Sie also nicht vom Fleck, und
seien Sie so gut und machen Sie die Sache kurz, denn es wird schon
dunkel und ich muß nach Hause.«
Der Major sah noch einen Augenblick still und verbissen vor sich nieder;
endlich sagte er: »Na, mein lieber Rath, Sie nehme ich einmal wieder auf
eine Entdeckungsreise mit!« griff dann die Feder auf, tunkte sie ein und
schrieb seinen Namen unter das Document; dann schob er es dem Rath hin,
und dieser, ohne sich länger zu sträuben, unterzeichnete ebenfalls.
»So,« sagte der Staatsanwalt, der die beiden Herren indessen schweigend
beobachtet hatte, »das war jedenfalls das Gescheidteste, was Sie thun
konnten, und ich hoffe die ganze Geschichte damit beizulegen. Wenn Sie
aber meinem Rath noch folgen wollen, Major, so geben Sie jetzt Ihre Jagd
auf und werden vernünftig, denn Sie müssen das Nutzlose derselben doch
nachgerade eingesehen haben. Wäre wirklich in jener Zeit etwas dem
Aehnliches in der Familie Wendelsheim vorgegangen, wie Sie vermuthen,
so haben es die Jahre jetzt verwischt. Aber Alles, auf das Sie nur Ihren
bösen Verdacht gründen, ist leere Vermuthung, oder, noch schlimmer,
ekelhaftes Weibergeschwätz vergangener Jahre, und Sie können Ihrem Gott
danken, daß diese Sache hier nicht dem alten Baron zu Ohren gekommen
ist; er hätte Sie wahrhaftig nicht so leicht durchgelassen. Doch nun
Gott befohlen, meine Herren! Ich habe mich hier länger aufgehalten,
als ich wollte. Was fehlt denn eigentlich der Frau von Bleßheim auf dem
Sopha?«
»Ach, nichts,« sagte der Major mürrisch; »sie bildet sich immer ein, daß
sie krank ist.«
»Und Du wohl nicht?« rief die Dame, sich plötzlich sehr lebhaft aus
ihrer liegenden Stellung aufrichtend. »Man muß ja allein schon davon
krank werden, wenn man das ewige Gejammer mit anhört!«
»Na, wünsche allerseits einen recht angenehmen Abend!« sagte der
Staatsanwalt, vergnügt, aus der Gesellschaft fortzukommen, und seinen
Hut schwenkend, schritt er in die schon dämmernde Straße hinaus.
Es war in der That später geworden, als er gedacht, und er ging rasch
den Weg hinab, der nach der Stadt zu führte; dabei zuckten ihm aber doch
die letzten Reden des Majors durch den Kopf, besonders was derselbe
von der Aehnlichkeit gesagt. Darin hatte der alte Major recht: der
Lieutenant von Wendelsheim glich seinem Vater, was das Aeußere betraf,
auch mit keiner Miene; er war erstlich kleiner als der alte Baron, und
seine Züge, seine ganzen Bewegungen trugen einen entschieden andern
Charakter. Aber was wollte das sagen? Wie oft kam das in der Welt vor,
und konnte nicht einmal gegründete Ursache zu einem Verdacht, viel
weniger denn zu einer Klage geben! Merkwürdig blieb es freilich immer,
und der Staatsanwalt grübelte auf dem ganzen Weg darüber nach, daß
wieder der zweite Sohn so entschieden die Züge der Eltern trug, und
dadurch auch seinem Bruder nicht im geringsten ähnelte.
Aber mit all' solchem Nachgrübeln gelangt man natürlich zu keinem
Resultat. Ob das Bild in der Stube der Frau Müller der Wendelsheim'schen
Familie mehr glich als der Lieutenant, war ziemlich einerlei;
deshalb blieb der Letztere doch der Sohn und Erbe, und mit dieser
Schlußfolgerung betrat der Staatsanwalt wieder die eigentlichen Straßen
der Stadt und schritt unwillkürlich etwas nach links hinüber, um seinen
Weg nach Hause so viel als möglich abzukürzen. Es dunkelte allerdings
schon stark, aber wenn er die Seitenstraßen benutzte, kam er doch
wohl noch bei Zeiten nach Hause, um einige nothwendige Briefe zu
unterzeichnen und vor Postschluß zu befördern.
Den kürzesten Weg hatte er durch die Judengasse, und wenn das
auch gerade kein Platz war, den man Abends gern passirte, weil das
Ausschütten von Gefäßen aus den Fenstern dort nur allzu häufig geschah,
schien er dieser Gefahr doch heute Abend trotzen zu wollen, oder dachte
auch vielleicht nicht einmal daran. Er bog ohne Weiteres in die Straße
ein, hatte aber erst wenige Schritte darin gethan, als er einzelne
Menschen rasch an sich vorüberspringen und einem bestimmten Hause
zueilen sah, vor dessen Thür sie sich sammelten oder in den Hof
eindrängten.
»Was ist denn hier geschehen oder was giebt's zu sehen?« fragte er einen
der Leute, der eben dort wieder herauskam und über die Straße wollte.
»Sie haben den alten Salomon todtgeschlagen,« sagte der Mann und sprang
in das nächste Haus, um noch eine Laterne zu holen.
»Du lieber Gott,« seufzte Witte, denn er kannte den alten Mann recht
gut und hatte schon oft selber mit ihm zu thun gehabt -- »das ist ja
schrecklich!« Und rasch trat er mit in den Hof hinein, wo er zu der
Stelle kam, an welcher die Nachbarn den jungen Baumann hielten und eben
dabei waren, ihm die Hände auf den Rücken zu schnüren.
»Wen habt Ihr denn da, Ihr Leute?« fragte der Staatsanwalt, indem er zu
ihnen trat, aber in der Dunkelheit nicht gleich die Züge der Einzelnen
erkennen konnte.
»Den Halunken, der den alten Mann todtgeschlagen hat, und eben
auskneifen wollte, als er mir in die Finger lief.«
Unwillkürlich nahm der Staatsanwalt dem Nächsten die Laterne ab und
leuchtete damit dem vermutheten Verbrecher in's Gesicht.
»Herr Baumann!« rief er aber auch schon im nächsten Augenblick
ordentlich entsetzt aus. »Das ist doch nicht möglich!«
»Sind Sie von der Polizei?« fragte ihn einer der Umstehenden.
»Nein, aber ich gehöre mit zu dem Fach -- ich bin der Staatsanwalt.«
»Na, dann gehen Sie lieber mit in den Laden hinein, wo der alte Salomon
liegt, bis ein Actuar oder sonst wer kommt,« sagte der Mann wieder.
»Aber, um Gottes willen, Herr Baumann, wie kommen Sie in diese Lage?«
»Ich hoffe doch nicht,« sagte Fritz, der todtenbleich geworden war, »daß
Sie mich eines solchen Verbrechens fähig halten?«
»Nein, gewiß nicht!« rief Witte schnell.
»So, und weshalb wollte er denn da ausreißen und ist über und über
blutig, he? -- Ruhe, mein Bursche, das bitte ich mir aus; ob Du schuldig
oder unschuldig bist, wird dann wohl die Polizei aus Dir herausdrücken,
darauf verlaß Dich! Und jetzt machen Sie, daß Sie hineinkommen, damit
Alles ordentlich zugeht! Es ist Niemand drin, wie ein Officier, und die
wissen sich bei solchen Geschichten gewöhnlich nicht zu helfen.«
Das war allerdings richtig. Witte konnte auch hier im Augenblick, mit
den näheren Umständen gar nicht bekannt, nichts helfen, und mußte den
jungen Mann vor der Hand seinem Schicksal überlassen. Die Untersuchung
stellte ja doch bald heraus, ob er schuldig wäre oder nicht.
9.
Die Untersuchung.
Als der Staatsanwalt Witte den düstern, unheimlichen Raum betrat,
bemerkte er nur eine Anzahl dunkler Gestalten, die um einen auf dem
Boden liegenden Gegenstand geschaart waren und von dem ungewissen Licht
der Lampe mehr sichtbar gemacht als beleuchtet wurden. Mit dem Fuße
stieß er dabei an einen klirrenden Körper, der am Boden lag, und als er
ihn aufhob, fand er, daß es ein Sack mit Geld sei, den der Mörder hier
jedenfalls auf der Flucht zurückgelassen. Die erste Person, die er,
allerdings zu seinem Erstaunen, erkannte, war der Baron von Wendelsheim;
denn er begriff nicht recht, wie dieser Abends noch so spät in die
Judengasse kam, wenn ihn nicht auch vielleicht, wie ihn selber, der
Zufall hier vorbeigeführt. Aber es war jetzt wahrlich keine Zeit
dazu, um solche Betrachtungen anzustellen, und der Staatsanwalt, den
gefundenen Beutel auf den Ladentisch stellend, trat näher zu der Gruppe,
um vor allen Dingen den Zustand des gefallenen Opfers zu untersuchen.
»Ah, Herr Staatsanwalt,« rief Wendelsheim, als er ihn erkannte, »ein
Glück, daß Sie kommen -- hier ist ein schändliches Verbrechen verübt
worden!«
Auf dem ausgestreckten Körper des alten Mannes lag, anscheinend leblos,
eine weibliche Gestalt.
»Was ist das?« sagte Witte. »Sind Beide ermordet worden?«
»Es ist des alten Salomon Frau; sie muß ohnmächtig geworden sein --
Ursache genug, wahrhaftig, bei solchem Anblick!«
»Ist der alte Mann todt?«
»Jedenfalls. Er hat zwei furchtbare Wunden am Kopf.«
»Hätten wir nicht besser die Frau fort und in ihre Wohnung geschafft, wo
sie die nöthige Pflege finden kann? Nach Polizei ist doch geschickt?«
»Gewiß -- faßt an, Ihr Leute, aber vorsichtig, und tragt die arme Frau
drüben die Treppe hinauf; ich werde Euch den Weg zeigen -- o, da kommt
noch eine Laterne! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, Herr Staatsanwalt.«
Es fiel Witte wohl auf, daß der Lieutenant so bekannt in dem Hause
schien, aber er achtete doch nicht weiter darauf. In diesem Augenblick,
und gerade als die Leute die in der That ohnmächtig gewordene alte Frau
nach oben trugen, langte die Polizei an: ein Actuar, zwei Polizisten und
zwei Gensdarmen. Der Actuar schien auch die Sache richtig zu behandeln.
Der Gefangene, da er doch gebunden war und nicht entwischen konnte,
wurde einem der Gensdarmen übergeben und der andere an das Hofthor
postirt, um die Neugierigen abzuhalten, denn die Straße war schon mit
Menschen angefüllt. Hatte sich doch das Gerücht, daß der alte Salomon
ermordet sei, wie ein Lauffeuer durch die ganze Judengasse und den
benachbarten Stadttheil verbreitet! Dann wurde der Hof von allen nicht
hinein gehörenden Personen gesäubert und nur ein paar noch zur Aufsicht
des Gefangenen zurückbehalten, wenn dieser ja einen verzweifelten
Fluchtversuch machen sollte. Jetzt verhielt er sich freilich vollkommen
ruhig, aber man weiß nicht -- solche Leute passen manchmal ihre Zeit ab.
Eben so bedeutete der Actuar auch alle solche, welche Näheres über die
That anzugeben wüßten oder vermutheten, draußen auf der Straße und in
der Nähe zu bleiben, um nachher ihr Zeugniß abzulegen. Dann gingen sie
-- es waren jetzt nur noch der Actuar, die beiden Polizeidiener, der
Staatsanwalt und Lieutenant von Wendelsheim -- in den Laden zurück,
um die Wunden des alten Mannes selber zu untersuchen. Der Actuar
hatte übrigens auch schon nach dem Polizei-Arzt geschickt, der jeden
Augenblick eintreffen konnte.
Der einzige Mensch, der wirklich Näheres über den Ueberfall wußte, stand
draußen gebunden unter Gensdarmerie-Bewachung.
Salomon lag auf dem Rücken, den rechten Arm noch wie zum Schutz gegen
die wahrscheinlich nach ihm geführten Schläge vorgestreckt. Er war aber
mit Blut ordentlich überdeckt, und sein Kopf zeigte, als der Actuar mit
der Lampe hinabreichte, zwei klaffende Wunden, aber schon mit geronnenem
Blute überklebt, so daß man ihre Tiefe nicht gut erkennen konnte. Die
Untersuchung derselben mußte aufgespart werden, bis der Arzt kam.
Wendelsheim fühlte indessen seinen Puls, aber dort war kein Leben
erkennbar, und die Hand selbst kalt und krampfhaft geballt: auch ein
Heben der allerdings noch warmen Brust ließ sich nicht unterscheiden.
»Armer Salomon,« sagte der Actuar, indem er sich kopfschüttelnd
aufrichtete -- »schade um ihn, es war ein braver, rechtschaffener
Mensch, und verwünscht viel besser als tausend Andere, die sich Christen
nennen! Aber wir können jetzt nichts thun, meine Herren, als ihn liegen
lassen, bis der Arzt kommt, indessen aber den Laden untersuchen
-- möglich ja doch, daß wir etwas finden, was der oder die Mörder
zurückgelassen haben, um dadurch auf seine Spur zu kommen. Möchte einer
von den Herren wohl so freundlich sein und die Lampe nehmen?«
Der Staatsanwalt machte den Actuar jetzt auf den Geldsack aufmerksam,
den er an der Thür gefunden; es waren noch Blutspuren daran, und
jedenfalls mußte der Mörder gestört sein, daß er den im Stiche gelassen.
Der eiserne Geldschrank stand offen; was daraus geraubt worden, konnte
man natürlich nicht wissen. Der Actuar stellte den Beutel wieder in den
Schrank und verschloß ihn.
Sie untersuchten jetzt den Boden und fanden dicht vor dem Schrank die
ersten Blutspuren. Der Angriff hatte dort jedenfalls begonnen und der
alte Mann sich wohl gewehrt. Dort machte der Ladentisch eine kleine
Biegung, um die herum das Opfer wahrscheinlich nach der Thür flüchten
wollte, als es den zweiten Schlag erhielt und zu Boden taumelte.
Eine Waffe oder irgend ein Instrument, mit welchem die Streiche versetzt
sein konnten, fand sich nirgends, eben so wenig irgend ein anderer
Gegenstand, der einem Fremden gehört haben konnte. Nur ein Taschentuch
lag vorn im Laden am Boden, das in der Ecke die mit Roth gezeichneten
Buchstaben =F. B.= trug. Der Actuar steckte es in die Tasche.
Beim Herumleuchten bemerkten sie noch eine geöffnete Schublade, an der
aber von außen der Schlüssel steckte; sie enthielt mehrere Gold- und
Silbersachen. Es war möglich, daß der oder die Diebe gewußt hatten,
wo sich werthvolle Gegenstände befanden, und auch daraus geraubt haben
konnten. Das ließ sich vielleicht durch Salomon's Frau constatiren, wenn
sie sich wieder erholen würde; heute Abend wohl kaum mehr.
In diesem Augenblick trat der erwartete Polizei-Arzt ein und untersuchte
den Körper des Erschlagenen; aber es war hier unten nicht viel zu
machen. Er glaubte noch Leben zu erkennen, aber so schwach, daß es auch
jeden Moment wieder schwinden konnte, und wünschte deshalb, denselben
hinauf in seine Wohnung geschafft und auf ein Bett gelegt zu haben. Dort
sollte dann auch in Gegenwart der Leiche das erste Verhör stattfinden.