»Mein lieber Rath, es thut mir leid, Sie zu unterbrechen, denn ich muß

hier abbiegen. Vergleichen Sie im Geist indessen jenen analogen Fall aus

Schwerin mit der gegenwärtigen Situation und richten Sie es sich so ein,

daß Sie bis um fünf Uhr zu einem Entschluß gekommen sind. Haben Sie mich

verstanden?«

»Vollkommen, Herr Staatsanwalt, aber....«

»Na, dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag!« Und ohne dem verblüfft in

der Straße stehen bleibenden Rath einen weiteren Einwand zu gestatten,

nickte er ihm nur freundlich zu und bog in eine Quergasse ein. Er war

nicht in der Stimmung, längere Auseinandersetzungen der Schweriner

Chronik mit anzuhören.

8.

Der Raubmord.

Fritz Baumann hielt sich in seiner eigenen Wohnung. Das Herz war ihm so

schwer, daß er sich scheute, anderen Menschen zu begegnen. Er hatte auch

viel an Einem Tag verloren -- den jungen Freund und die Geliebte -- fast

zu viel für Einen Tag; aber wenn in unserem wunderlichen Leben einmal

ein Gewitter über ein Menschenherz hereinbricht, so folgt auch nicht

selten Schlag auf Schlag, bis das Schicksal müde wird und seine Sonne

wieder über den verödeten Platz scheinen läßt.

Fritz Baumann war aber keine Natur, die sich zu lange solch trübem und

nutzlosem Grübeln hingegeben hätte. Eine Stunde brauchte er, um Alles

abzuschütteln, was ihn im Anfange fast zu Boden drückte; wie er

sich aber erst einmal auf seinem eigenen, kleinen Zimmer ordentlich

ausgeweint, da kehrte sein elastischer Geist auch wieder die trotzige

Seite heraus. Im ersten Moment, ja, und bei der Zusammenkunft mit dem

Vater meinte er, daß jetzt all' sein Mühen und Ringen, da er das Ziel

verfehlt, nach dem er gestrebt, auch vergebens gewesen sei, und das

Leben, seine Zukunft lag schwarz und öde vor ihm da -- aber wahrlich

nicht lange. Nein, jetzt erst recht mit frischen Kräften wollte er seine

Arbeit wieder aufnehmen -- jetzt erst recht Ottilien beweisen, daß er,

wenn er auch nicht ihre Liebe erringen konnte, doch wahrlich nicht ihre

Verachtung verdient habe.

Mit dem Gedanken, dem Entschluß durchströmte ihn auch wieder ein

neues, frisches Leben, und trotzig vor sich hin lachend, warf er seine

Sonntagskleider ab und fuhr wieder in sein gewöhnliches Wochenzeug.

Zum Arbeiten war es heute freilich zu spät geworden -- er fühlte sich

dazu auch nicht besonders aufgelegt --, aber andere Sachen blieben noch

zu erledigen, und morgen dann begann er wieder mit frischen Kräften.

In seiner Stube stand, noch immer in rastloser Thätigkeit, das

=perpetuum mobile=, welches er damals Benno bei seinem letzten Besuch

gezeigt und noch immer nicht an den Eigenthümer abgeliefert hatte,

obgleich dieser schon ein paarmal danach geschickt. Das konnte er heute

selber hintragen, denn einem Andern mochte er es nicht anvertrauen. Aber

er mußte vorher damit bei den Eltern vorgehen, denen er davon erzählt.

Die Mutter wollte es so gern einmal selber sehen; auch der Vater

hatte mit ihm die Sache eifrig besprochen, wie es möglich sei, etwas

herzustellen, das sich selber in Bewegung halte und nicht auslaufe.

Ueberdies schämte er sich jetzt der Schwäche, die er heute Mittag dem

alten Schlossermeister gegenüber gezeigt; der Vater sollte wenigstens

sehen, daß er nicht lange Zeit gebraucht, um darüber Herr zu werden, und

das würde ihn, wie er recht gut wußte, freuen.

So nahm er denn das kleine Kunstwerk auf und ging damit zu den Eltern

hinüber, fand auch den Vater, obgleich es schon stark auf den Abend

zuhielt, noch scharf bei seiner Arbeit.

»Holla, Fritz, was bringst Du da?«

»Das =perpetuum mobile=, Vater. Ihr wolltet es ja gern einmal sehen, und

ich muß es jetzt wieder dem Eigenthümer hintragen.«

»Hm,« sagte der Alte, der nur einen flüchtigen Blick auf das Kunstwerk

warf, während die Uebrigen darum herdrängten. Sein Auge flog forschend

über die Züge des Sohnes, und wie damit befriedigt, fuhr er fort:

»Bravo, mein Junge, Du hast den schwarzen Rock und damit eine ganze

Menge anderer Dinge wieder ausgezogen, und das freut mich, freut mich

von Herzen! Geh' nur damit in die Stube -- laß die Pfoten davon, Karl,

Du mußt doch gleich Alles betasten. Setz' es nur drinnen hin, Fritz, ich

komme gleich nach.«

»Ist die Mutter drin?«

»Ja, ich glaube; sie war vorhin ausgegangen, ist aber wieder zurück.

Weiß der Henker, was sie hat! Vorhin wurde sie doch auf einmal unwohl,

aber es muß wohl wieder vorüber sein.«

Fritz ging in die Stube und fand zu seinem Erstaunen die Mutter, die er

sonst nie ohne irgend eine Arbeit traf, wie in tiefen Gedanken auf und

ab gehen. Wie sie ihn erkannte, blieb sie stehen, und während sie ihn

ansah, traten ihr die Thränen in die Augen.

»Guten Abend, Mutter!« sagte Fritz, indem er das Mitgebrachte auf den

Tisch stellte. »Ich wollte Dir hier einmal die kleine Maschine

zeigen, von der ich Euch neulich erzählt. Es ist wirklich eine Art von

Kunstwerk.«

»Fritz, mein armer, armer Fritz!« sagte die Frau, ohne einen Blick

darauf zu werfen, indem sie auf ihn zuging, seine beiden Hände ergriff

und ihm voll und traurig in die Augen schaute.

»Hat Dir der Vater erzählt?« sagte der junge Mann scheu und leise.

»Alles, Alles,« nickte die Frau; »o, das stolze, hochmüthige Ding -- und

wenn sie wüßte, was sie an Dir hätte!«

»Liebe Mutter,« lächelte Fritz verlegen, denn er hätte sich dieses neue

Aufreißen der kaum geschlossenen Wunde lieber erspart, »ich glaube, sie

hat, wenn nicht liebevoll, doch sehr vernünftig gehandelt. Ich war ein

wenig zu hastig -- ich bin noch nichts -- ich muß mir selber erst einen

Namen, einen Wirkungskreis schaffen, -- und wenn die Jahre auch für den

Mann nicht so rasch dahinfliegen -- ein junges Mädchen kann darauf nicht

warten.«

»Und Du vertheidigst sie noch?« sagte die Mutter. »O, Fritz, daß ich das

Herzeleid erleben mußte!« Und ihr Gesicht in die Schürze bergend, sank

sie auf einen Stuhl und schluchzte laut.

»Mutter,« bat Fritz und schlang seinen Arm um sie, »meine liebe, gute

Mutter, aber so beruhige Dich doch; Du siehst ja, daß ich gefaßt und

wieder ruhig bin! Was ist es denn auch weiter? Ich habe eben einen Korb

bekommen, was sich schon bessere Männer gefallen lassen mußten. Sieh',

der Vater kommt jetzt herein -- Du weißt, daß er die Thränen nicht

leiden kann.«

Die Frau stand auf, warf plötzlich ihre Arme um den Nacken des Sohnes,

drückte einen Kuß auf seinen Mund und verließ dann durch die Küchenthür

das Zimmer in demselben Augenblick, als es der alte Baumann von der

Werkstätte aus betrat.

Fritz sah ihr erstaunt nach und konnte sich gar nicht denken, weshalb

sich die Mutter gerade seine Abweisung so furchtbar zu Herzen nahm. War

es vielleicht deshalb, weil _sie_ gerade ihm zugeredet und ihn in seiner

Liebe und der Hoffnung, die er darauf baute, bestärkt hatte?

»Was hat nur die Mutter, Vater?« fragte er diesen. »Sie weint, als ob

ihr Herz brechen müsse, daß mich Ottilie verschmäht.«

»Weiß der liebe Gott,« erwiederte kopfschüttelnd der Schlossermeister,

»was ihr in die Krone gefahren ist! Aber sie war schon den ganzen

Mittag so aufgeregt und unruhig, wie ich sie noch nie gesehen habe --

eigentlich seit die Müller zu uns kam, die allerdings genug schwatzt, um

Einem den Kopf wirbelig zu machen. Aber laß sie nur: sie wird sich schon

wieder zufrieden geben, ist ja sonst eine vernünftige, resolute Frau.

Und nun laß einmal sehen, was Du mitgebracht hast -- ei, Du kleiner

Schelm, willst Du Deine naseweisen Finger davon lassen!« -- Der Ausruf

galt der kleinen Else, die sich, neugierig wie Kinder sind, an die

Maschine gemacht hatte und mit ihren Fingerchen die Räder in Gang zu

bringen suchte. -- »Du wirst dem Fritz die ganze Arbeit verderben; komm,

Schatz, setz' Dich mit dem Vater her, und nun wollen wir uns die Sache

einmal betrachten.«

Damit nahm er die Kleine auf den Schooß und ließ sich neben dem

Tische nieder, wo ihm Fritz, der die Maschine in Bewegung setzte, den

Mechanismus erklärte.

Der alte Mann begriff das auch leicht genug, schüttelte aber doch

dazu mit dem Kopf und sagte: »Hübsch ist das Ding, das läßt sich nicht

leugnen, auch sinnreich erfunden und einfach ausgeführt; aber mir thut's

immer leid, wenn ich solche Arbeiten sehe und an die Zeit und Mühe

denke, die darauf verschwendet wurde. Die Bewegung ist da, aber die

Kraft fehlt, um die Bewegung nutzbringend zu machen und Wasser und Feuer

bei unseren Gewerken ersetzen zu können; und so lange wir die Kraft

nicht hineinzulegen vermögen, bleibt die ganze Geschichte doch immer

weiter nichts als eine hübsche Spielerei.«

»Aber auf Weiteres macht sie ja auch keinen Anspruch, Vater.«

»Und wo willst Du jetzt damit hin?«

»Zum alten Salomon, dem das Werk gehört, oder gehörte, denn er hat es,

wie er mir sagte, schon an einen Engländer, aber nur unter der Bedingung

verkauft, daß es wieder vollkommen in Stand gesetzt würde. Das ist jetzt

geschehen, und er möchte es gern so bald als möglich abliefern.«

»Wo warst Du heute den ganzen Nachmittag?«

»Draußen in Schloß Wendelsheim. Der junge Baron Benno ist heute Morgen

gestorben; ich wollte ihn gern noch einmal sehen.«

»Wer ist gestorben?« fragte die Mutter, die in diesem Augenblick wieder

in's Zimmer trat und die letzten Worte gehört hatte.

»Der junge Benno von Wendelsheim, Mutter.«

»Und Du warst draußen bei ihm? Was hattest Du dort zu thun?« fragte die

Frau rasch.

»Ich bin oft bei ihm gewesen, Mutter, besonders in der letzten Zeit,

weil er selber große Freude an mechanischen Arbeiten fand, und ich ihm

da oft aushelfen und ihn unterstützen mußte. Es war ein herzensguter,

junger Bursche, auch voll Geist und Leben, und ich hatte ihn recht lieb

gewonnen. Jetzt ist er todt,« setzte er leise hinzu, »und ich kann Euch

gar nicht sagen, wie weh mir sein Tod gethan hat. Aber willst Du Dir

nicht einmal die Maschine betrachten, Mutter? Du wolltest sie ja gern

sehen, ehe ich sie fortbrächte, und ich bin gerade damit unterwegs.«

Die Frau nickte still und schweigend vor sich hin und trat mit zum

Tisch; aber ihre Augen flogen über das Kunstwerk hin und starrten wie

in's Leere.

»Siehst Du, wie hübsch sie arbeitet?« sagte Fritz. »Und so geht sie,

ohne je aufgezogen zu werden, ununterbrochen fort, Jahr aus, Jahr ein.

Jedesmal, wenn die Kugel diesen Punkt erreicht hat -- aber Du achtest ja

gar nicht darauf, Mutter -- fehlt Dir denn etwas?«

»Nein, mein Kind,« versetzte die Frau; »nur im Kopf summt es mir so

sonderbar, und -- im Herzen thut mir etwas weh. Aber nimm es nur fort,

ich verstehe ja doch nichts davon und sehe nur, daß es hin und her

geht.«

Fritz mochte nicht weiter in sie dringen; er glaubte sicher, daß der

heutige Vorfall bei Wittes sie so tief verletzt habe, und hütete sich

deshalb wohl, noch einmal darauf zurückzukommen. Es wurde auch spät; im

Zimmer fing es schon an zu dämmern, und der alte Salomon schloß immer,

wie er recht gut wußte, sehr zeitig seinen Laden.

»Du willst fort, Fritz?«

»Ja, Vater, ich treffe den alten Mann sonst nicht mehr unten, und in

seinem Hause weiß ich nicht Bescheid; auch sind die Wohnungen in der

Judenstraße immer Abends fest verschlossen.«

»Dann komm aber auf dem Rückweg wieder vor und bleib' den Abend bei uns

-- ich lasse nachher Bier holen. Was sitzest Du so allein zu Hause?«

»Ja, Vater, ich werde kommen,« sagte der junge Mann, indem er die kleine

Maschine wieder sorgfältig aufnahm -- »also auf Wiedersehen, Mutter --

Adieu, Else!« Und seine Mütze nehmend, verließ er die Stube und schritt

auf die Straße hinaus.

Die Sonne mußte längst untergegangen sein, denn hier und da wurden schon

die Lichter in den Läden angezündet. Fritz schritt deshalb auch wacker

aus, um nicht zu spät zu kommen und den ganzen Weg umsonst zu machen,

schnitt durch ein paar kleine Seitenstraßen und erreichte endlich die

Judengasse, durch welche er jetzt so rasch als irgend möglich vorwärts

eilte. Ueber die kleine Maschine hatte er nur sein Tuch gedeckt, damit

nichts daran geschehen konnte.

In der Erweiterung der Straße, die er jetzt betrat, sah er sich einen

Officier entgegenkommen, der in seinem ganzen Gang und Wesen dem

Lieutenant von Wendelsheim ähnelte; um sein Gesicht zu erkennen, war es

aber noch zu weit und zu dunkel, und ehe er an ihn hinankommen konnte,

bog derselbe plötzlich nach links ein und verschwand in dem Hof, der zu

dem Hause des alten Salomon gehörte.

»Was, um Gottes willen, hat denn der Lieutenant noch so spät bei dem

alten Mann zu thun,« dachte Fritz, »und warum geht er nicht in den Laden

-- oder sollte der schon geschlossen sein? Dann seh' ich, daß ich den

Eingang dort ebenfalls finde, mitnehmen möchte ich das schwere Ding doch

nicht noch einmal.«

Er hatte indessen das Haus fast erreicht und sah, daß der Laden wirklich

schon geschlossen sein mußte. Die Läden waren zu, ebenso die Thür;

aber jedenfalls befand sich der alte Salomon noch im Innern, denn der

Officier kam nicht wieder heraus.

War denn das wirklich Baron Wendelsheim gewesen, und schon so rasch vom

Schloß zurückgekehrt -- und ging gleich zu dem Juden, wo er doch nichts

Anderes suchen konnte, als Geld zu borgen? Fritz schüttelte vor sich hin

mit dem Kopf und überlegte sich eben, daß der Lieutenant gerade nicht

besonders erfreut sein würde, wenn er ihn bei seinem Geldgeschäft

überraschte; aber das ließ sich jetzt nicht mehr ändern. Hätte er nicht

das Werk bei sich gehabt, wäre er vielleicht wieder umgekehrt.

Das Hofthor war noch offen, und gleich links hinein mußte auch die

Thür zum Laden führen; er erinnerte sich, daß Salomon einmal dort

hinausgegangen war, als er sich im Laden befand, um irgend etwas aus

seiner Wohnung herunter zu holen.

Im Hofe war es fast noch dunkler als auf der Straße, denn das hohe

Nachbargebäude schloß selbst den matten Widerschein des westlichen

Himmels ab; aber die Thür in dem helleren Gebäude ließ sich noch

deutlich erkennen, und als Fritz näher darauf zutrat, bemerkte er, daß

sie nicht nur halb angelehnt, sondern auch noch Licht im Innern war.

Salomon war also noch drinnen, und ohne sich lange zu besinnen,

griff der junge Baumann nach der Thür und wollte sie eben öffnen, als

plötzlich eine dunkle Gestalt ihm dieselbe aus der Hand riß, ihn bei

Seite warf, daß er fast gestürzt wäre, und dann, ehe Fritz nur recht zur

Besinnung kommen konnte, mit wenigen Sätzen aus dem Hof verschwand.

War das Salomon selber gewesen -- oder vielleicht ein Dieb? Wie ihn nur

der Gedanke durchzuckte, sprang er der Gestalt nach an das Hofthor und

schrie in die menschenleere Straße hinaus: Hülfe! Diebe! Haltet ihn! Er

wäre auch selber nachgesprungen, aber er sah jetzt nicht einmal, ob

sich der Flüchtige nach links oder rechts gewandt hatte -- und war es

wirklich ein Dieb gewesen? Er mußte sich selber überzeugen und lief

deshalb in den Laden zurück.

Dort stellte er sein Werk rasch auf einen Tisch und wollte die Lampe

aufgreifen, um selber nachzusehen, als er vor sich auf dem Boden einen

leblosen Körper lang ausgestreckt erkannte. Er hob ihn auf und hielt

sein Gesicht gegen das Licht der Lampe -- großer Gott, es war der alte

Mann selber, mit Blut bedeckt -- ermordet vielleicht von Räuberhänden!

Aber hier konnte er nicht bleiben -- er mußte Hülfe herbeirufen, nicht

allein für den Ueberfallenen, sondern auch um dem Mörder so rasch als

möglich nachzusetzen.

Er legte den unglücklichen alten Mann so sanft als möglich wieder

auf den Boden zurück und eilte dann auf das Haus zu, das er aber

verschlossen fand. Salomon trug den Drücker dazu immer in seiner Tasche.

Aber dort hielt er sich nicht lange auf, klopfte nur heftig an, um die

Bewohner aufmerksam zu machen, und sprang dann der Straße zu, um dort

die Nachbarn zu alarmiren und Polizei herbeizurufen. Er war von Schreck

und Entsetzen so verwirrt, daß er kaum selber wußte, was er that.

Mit flüchtigen Sätzen erreichte er auch das Hofthor und wollte eben

hinaus auf die Straße springen, als er sich plötzlich von vier nervigen

Fäusten gefaßt und gehalten fühlte.

»Um Gottes willen,« rief er, »der Mörder ist entflohen -- ruft Leute,

die ihm nachsetzen!«

»Heda, mein Bursche, ich glaube nicht, daß er so weit fort ist,« schrie

ihn da ein derber Bursche an. -- »Haltet ihn fest -- gebt ihm Eins auf

den Kopf, wenn er nicht still ist! Was ist hier vorgefallen?« riefen die

Anderen.

Fritz Baumann rang aus Leibeskräften, um sich frei zu machen, denn durch

den Irrthum entkam der wirkliche Thäter.

»Setzt nur nach!« rief er, als er sah, daß das nicht möglich war, denn

immer mehr Leute kamen herbeigestürmt und warfen sich auf ihn. »Schickt

Leute nach rechts und links die Straße hinunter -- ein Mann ist dort

hinaus geflohen -- er kann nicht groß sein!«

»Na, Du wirst ihn schon später noch genauer beschreiben können!« rief

ein corpulenter Bursche, ein Bierbrauer, der in der Nahe wohnte und mit

herbeigesprungen war, als er den Lärm hörte.

In dem Hause selber wurden unruhig hin und her fahrende Lichter

sichtbar. Baumann war in Verzweiflung.

»Aber Ihr könnt mich ja meinetwegen hier festhalten, seht nur, daß Ihr

den weggelaufenen Mörder fangt!«

»Mörder?« schrie eine Frau aus dem Fenster in Todesangst.

»Mörder?« wiederholten auch die Leute unten im Hof erschreckt, und Einer

schrie: »Mit der Laterne hieher -- kommt einmal her, Freund, leuchtet

einmal hieher!«

Der Zuruf galt einem der schüchternen Nachbarn, der mit einer Laterne

herausgekommen war, um zu sehen, was vorgehe, und eben damit in dem

Hofthor erschien. Der Mann kam auch, wenngleich ein wenig scheu, in

demselben Augenblick mit der Laterne heran, als die Hausthür geöffnet

wurde und ein Officier heraussprang.

»Was geht hier vor?« rief er, und Fritz erkannte zu seinem Erstaunen den

Lieutenant Wendelsheim, den er indessen ganz vergessen hatte. Ehe er

ihn aber anreden konnte, rief Einer von denen, die ihn noch immer wie

in einem Schraubstock hielten, indem er die Laterne aufgriff und gegen

Fritz Baumann anleuchtete:

»Mord! Bei Gott, seht, wie blutig der Kerl aussieht!«

»Herr Baumann!« rief auch jetzt der Lieutenant erschreckt. »Was ist

vorgefallen? Wie kommen Sie hieher?«

»Der alte Salomon liegt da drinnen ermordet,« rief Fritz, »und mich

haben die Menschen gefaßt, während sie den wirklichen Mörder entkommen

ließen!«

»Salomon ermordet? Um Gottes willen, ein Licht!«

Oben an dem einen Fenster wurde der Aufschrei einer weiblichen Stimme

gehört, und gleich darauf stürzte des alten Mannes Frau, an allen

Gliedern zitternd, aus der Thür und dem Laden zu, aus dem ihr gellender

Hülferuf gleich darauf ertönte.

Der Hof hatte sich indessen mehr und mehr mit Menschen gefüllt, und

Alles drängte nach dem Laden. Wendelsheim aber fühlte, daß er hier,

so lange noch keine Polizei eingetroffen war, die Leitung des Ganzen

übernehmen müsse, und deshalb der Thür zuspringend, wies er die Masse

zurück.

»Nur drei oder vier von Euch mögen eintreten,« sagte er, »Ihr Anderen

wartet hier draußen. Ist schon Jemand auf die Polizei gelaufen? Noch

nicht? Schickt augenblicklich einen Boten dorthin ab; ich werde so lange

hier bleiben. Sie, Freund,« wandte er sich dann an einen ordentlich

aussehenden Mann, der auch mit von der Straße hereingekommen war,

»seien Sie so gut und fassen Sie an der Thür Posto, daß Niemand weiter

eindrängt. Den jungen Mann da könnt Ihr ruhig loslassen; ich glaube

nicht, daß er den Mord begangen hat.«

»Abwarten,« sagte der Bierbrauer, der nicht die geringste Lust hatte,

sich die eingefangene Beute entgehen zu lassen. »Wovon ist denn der

Bursche so blutig geworden? Wenn wir ihn jetzt loslassen, ist er in

einer Viertelstunde über alle Berge. Gebt einmal einen Strick her, daß

wir ihm die Hände ein bischen zusammenschnüren können.«

Wendelsheim hörte schon nicht mehr, was er sprach, denn er war jetzt

ebenfalls in den Laden gesprungen, um dort zu sehen, was geschehen sei,

und die alte Frau zu unterstützen. -- --

Den Nachmittag um fünf Uhr war der Staatsanwalt Witte, pünktlich wie in

allen Dingen, draußen bei dem Major erschienen, um mit diesem und dem

Rath die Sache der Frau Müller in Ordnung zu bringen. Er that das auch

nicht etwa, wie Madame Müller selber vielleicht glauben mochte, allein

in ihrem Interesse, auch nicht, um dem Major und dem langweiligen Rath

Frühbach eine Unannehmlichkeit zu ersparen, sondern einzig und allein

seiner selbst wegen. Was er nämlich schon seit einiger Zeit, eben nicht

zu seiner Freude, vermuthet hatte, daß Ottilie eine stille Neigung zu

dem jungen Wendelsheim hege, hatte er in der Unterredung mit seiner

Frau nur zu sehr bestätigt gefunden, es konnte ihm daran kein Zweifel

bleiben, und hing die Frau Müller ihre Klage an die große Glocke, dann

war des Geredes über die Familie Wendelsheim nachher auch kein Ende

mehr.

Außerdem fühlte er sich fest davon überzeugt, daß die Frau an dem ihr

von dem Major, nach Gott weiß welchen Combinationen, untergeschobenen

Verbrechen vollkommen unschuldig sei. Es war bei dem alten Herrn nun

einmal zur fixen Idee geworden, jenem früher aufgetauchten Gerücht, das

er fest und bestimmt für eine Thatsache hielt, auf die Spur zu kommen,

und je näher der Zeitpunkt rückte, wo er alle seine Hoffnungen sollte in

nichts zerfließen sehen, desto eifriger wurde er darauf.

Er haßte den alten Baron von Wendelsheim -- der ihm vielleicht nie etwas

Anderes zu Leid gethan, als daß er einen Erben bekommen -- von Grund

seiner Seele, und immer in dem Wahn, daß er die Hand bei einem Betrug im

Spiel gehabt, hielt er sich natürlich nur für schlecht und nichtswürdig

behandelt. Daß er dabei kein Mittel unversucht ließ und scheute, um sein

vorgestecktes Ziel zu erreichen, hatte er schon wieder in diesem Fall

gründlich bewiesen, und es wurde deshalb wirklich Zeit, ihm seinen

Standpunkt einmal klar zu machen. Konnte er doch auf solche Weise für

sich gar nichts erreichen, wohl aber die Familie Wendelsheim dermaßen in

das Gerede der Leute bringen, daß lange Jahre dazu gehört hätten, um

den Eindruck zu verwischen oder nur abzuschwächen, und das war dem

Staatsanwalt natürlich, wenn er sich die Möglichkeit einer näheren

Verbindung mit der Familie dachte, schon persönlich nicht angenehm.

Besonders ärgerte sich Witte aber darüber, daß der Major auch den Rath

Frühbach in die Angelegenheit gezogen hatte; denn dessen Rednertalent

kannte er aus dem Grunde und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der

Rath schon in der ganzen verflossenen Woche von Haus zu Haus gegangen

sei, um das merkwürdige Erlebniß zu erzählen. Darin aber that er dem

Rath unrecht, denn Frühbach dachte gar nicht daran, mit den Erlebnissen

jenes Morgens Staat zu machen. Er hatte mit keiner menschlichen Seele

darüber gesprochen, und selbst als er den Major einmal wieder in der

Zwischenzeit aufsuchte, kein Wort von der fatalen Angelegenheit erwähnt.

Die Rolle, welche er selber dabei gespielt, gefiel ihm erstens nicht,

und dann eignete sich der Gegenstand auch nicht zu seiner gewöhnlichen

Unterhaltung, indem dort in Vollmers wirklich etwas geschehen war, er

aber nur solche Scenen schilderte, in denen gar nichts passirte.

Der Staatsanwalt ärgerte sich aber trotzdem darüber und betrat diesesmal

die Wohnung des Majors eben nicht in der besten Laune. Er hätte aber

trotzdem beinahe gelacht, als er das Zimmer öffnete und das Bild des

Jammers sah, das sich hier entwickelte.

Der Major saß in seinem Lehnstuhl, den Kopf verbunden und an dem einen

Bein das Beinkleid aufgestreift, und vor ihm auf der Erde saß der

Christian, ebenfalls eingewickelt und mit dem kläglichsten Gesicht von

der Welt, und rieb ihm Knie und Wade mit Kampherspiritus ein, der

einen penetranten Geruch im Zimmer verbreitete. Auf dem Sopha aber lag

ausgestreckt, mit Kopfkissen und Decke, Frau von Bleßheim, und die alte

Liese, einen riesigen warmen Umschlag auf der linken, fest eingebundenen

Backe, brachte ihr eben eine Tasse des unvermeidlichen Camillenthees.

Zwischen den Allen aber saß Rath Frühbach auf einem Stuhl mitten in

der Stube, einen dicken grauen Rock an und die Brille auf, die

Schnupftabaksdose in der linken Hand und in Gedanken eine Prise nach

der andern nehmend, so daß er schon auf dem, vorher mit weißem Sand

bestreuten Fußboden der Stube -- der alten Liese ewiger Aerger -- einen

braunen Fleck niedergefallenen Tabaks gebildet hatte.

Der Erbe: Roman. Zweiter Band. · 第 8 / 15 段