konnte,« sagte der Staatsanwalt; »er hatte so etwas Rüdes, oder -- ich
weiß nicht, wie ich sagen soll -- Junkerhaftes in seinem ganzen Wesen.
Seit einigen Wochen aber hat er sich sehr zu seinem Vortheil geändert
und das letzte Mal sogar merkwürdiger Weise nicht eine einzige Silbe von
Pferden erwähnt.«
»Und wenn der nun um Ottiliens Hand anhalten sollte, würde der Dir nicht
lieber sein, als Dein »Techniker«?«
Der Staatsanwalt sah eine Weile still und schweigend vor sich nieder.
Allerlei wunderliche Gedanken gingen ihm im Kopf herum.
»Ich weiß es nicht,« sagte er endlich; »aber es ist auch nicht der Mühe
werth, sich jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen, denn er hat noch
nicht angefragt. Der alte Schlosser Baumann ist mir übrigens lieber
als der alte Baron Wendelsheim. Hat sich Ottilie etwa gegen Dich
ausgesprochen?«
Seine Frau zögerte mit der Antwort; endlich sagte sie: »Nein -- nicht
direct; aber ich habe so meine Vermuthungen, und glaube nicht, daß ich
weit am Ziel vorbeischieße.«
Der Staatsanwalt war aufgestanden und ging mit auf den Rücken gelegten
Händen im Zimmer auf und ab.
»Soll ich Dir einen Rath geben, Mutter?« sagte er endlich, indem er vor
seiner Frau stehen blieb und sie wohl freundlich, aber doch sehr ernst
ansah.
»Nun,« meinte diese, »wenn es etwas Gescheidtes wäre; ein guter Rath ist
Goldes werth, wie das Sprichwort sagt.«
»Aber die Leute glauben gewöhnlich nie, daß es ein guter ist, und thun
doch, was sie wollen; leider Gottes erleb' ich das fast alle Tage! Aber
es schadet nichts -- es ist einmal mein Amt. Wenn Du also meinem Rath
folgen willst, Mutter, so unterstützest Du Ottilien nicht in solchen
Ideen. Dir ist ein Handwerker nicht recht -- bei mir wäre dasselbe
mit einem Adeligen, dessen Sippschaft uns vielleicht über die Achsel
ansähe.«
»Aber Vater...«
»Ich werde mein Kind nicht zwingen,« fuhr Witte fort; »hat sie ihr Herz
wirklich vergeben, und ist es nicht allein Rang und Reichthum, den sie
erlangen will -- in Gottes Namen; ob der Mann ein Wappenschild oder ein
Schurzfell trägt, wenn er nur brav und rechtschaffen ist, mir soll
er willkommen sein; aber ich habe mir nachher auch keine Vorwürfe zu
machen, wenn die Wahl nicht zum Glück meines Kindes ausschlug.«
»Aber Dietrich, Du wirst doch nicht glauben...«
»Meinen Rath hast Du gehört,« sagte ihr Gatte; »jetzt thu', was Du nicht
lassen kannst -- ich habe einen Weg zu gehen. Wo ist denn Ottilie?«
»Drüben in ihrem Zimmer; sie war ganz außer sich über den Antrag.«
Der alte Witte seufzte tief auf; aber er sagte kein Wort mehr, steckte
seine Brille in die Tasche und verließ das Zimmer.
7.
Bei der Leiche.
Fritz Baumann, als er seines Vaters Haus verließ, schritt, seinen trüben
und bitteren Gedanken folgend, der eigenen Wohnung zu. Abgewiesen und
verachtet! Das war das Wort, das ihn am schmerzlichsten verwundete --
verachtet gerade von ihr, an der er seine ganze Jugendzeit mit so treuer
Liebe gehangen, so daß nur immer, wenn er sich ein Glück der Zukunft
dachte, ihr Name in seinem Herzen freudig widerklang! Und jetzt sollte
er das Alles, was er die langen Jahre gehegt und gepflegt, herausreißen
und zerstören.
Mit welcher Lust war er früher an seine Arbeit gegangen, wie hatte er
freudig ganze Nächte geopfert, um sich auszubilden und recht Tüchtiges
zu leisten, nur immer in dem einen Gedanken, ihrer werth zu werden
und sie sich zu erringen! Das schwand jetzt Alles vor den kalten,
hochmüthigen Worten des jungen Mädchens, und leer und ausgestorben lag
die Welt vor ihm. So in diese quälenden Erinnerungen vertieft war
er auch, daß er gar nicht darauf achtete, als ein Reiter auf dem
Straßenpflaster dicht an ihm vorübertrabte und den Kopf nach ihm wandte.
Erst als er sein Pferd einzügelte und an ihn anritt, sah er auf und
erkannte den Lieutenant von Wendelsheim.
»Herr Baumann,« rief dieser, »ich hatte Sie im ersten Augenblick gar
nicht erkannt...«
»Herr Baron!« sagte Fritz erstaunt, denn es war das erste Mal, daß ihn
der Officier auf der Straße anredete.
»Lieber Baumann,« sagte der junge Wendelsheim bewegt, »ich weiß, Sie
haben meinen Bruder immer gern gehabt, und er hat auch viel von Ihnen
gehalten; seine Arbeiten waren ja die einzigen Lichtblicke seines Lebens
-- er ist todt.«
»Großer Gott!« rief Baumann erschreckt aus.
»Soeben habe ich durch einen Boten die Nachricht erhalten,« fuhr
Wendelsheim fort, »und reite jetzt selber hinaus. Wollen Sie ihn noch
einmal sehen, so kommen Sie nach.« Und sein Pferd herumwerfend, setzte
er seinen Weg rasch wieder fort.
»Armer Benno!« seufzte Fritz, der in der Kunde fast sein eigenes Leid
vergaß. »So ein reiches Leben so früh, so furchtbar früh dahingerafft!
Und wie wenig Freude hat er genossen, wie seine schöne Jugendzeit
verbringen müssen! Hätte ich so viel Ursache, dem Schicksal zu grollen,
wie er?«
Er war an seiner Wohnung angelangt und blieb stehen. Aber wie hätte er
jetzt wieder mit Lust und Liebe an seine Arbeit gehen können, wo ihm
der Kopf vom vielen Denken schmerzte! Der Lieutenant hatte recht -- er
wollte hinaus und den armen jungen Freund noch einmal sehen. Jetzt war
das auch möglich, im ersten Schmerz ein Besuch gerechtfertigt; später
und bei der Beerdigung, wenn all' die adelige Verwandtschaft mit ihrem
Todtengepränge zusammenkam, konnte und wollte er sich nicht eindrängen.
»Sie sollen Dich nicht zum zweiten Male verachten,« murmelte er finster
vor sich hin, »und ich werde von jetzt ab Ottiliens Wort beherzigen
und in den Kreisen bleiben, in denen Niemand wagen darf, mich über die
Achsel anzusehen. Ihnen gönne ich dann ihre vornehme Welt, es ist ja
doch nur Alles Schein, und sie mögen sich glücklich darin fühlen, wenn
sie können.«
Er hatte indessen seinen Weg dem Wendelsheim'schen Schlosse zu rasch
verfolgt, und erst vor der Stadt draußen wurde ihm wohler, freier zu
Muthe, denn er fühlte sich allein, während es ihm in den engen Straßen
immer so vorkam, als ob die Leute nach ihm aus den Fenstern sähen und
zugleich wissen müßten, welche Schmach ihm heute angethan. Er ging auch
von da an langsamer, und als er endlich in der Ferne das alte Schloß mit
den düsteren Baumgruppen seines Parkes vor sich liegen sah, da schwand
der bittere Groll in seinem Herzen in der Wehmuth über den Verlust des
jungen Freundes, und die Scene dieses Morgens war fast vergessen.
So erreichte er das Dorf und schritt hindurch, so stieg er zum
Schlosse hinauf, und als er in das Thor trat, sah er die Leute dort
niedergedrückt stehen und mit einander plaudern, und einer der Mägde
liefen, während sie mit ihrer Hofarbeit beschäftigt war, die großen
Thränen an den Backen nieder. Hatten sie doch Alle den armen kranken
jungen Herrn, der immer so gut und freundlich mit ihnen war, von Herzen
gern gehabt, und jetzt, da er gestorben, kam ihnen das alte, öde Schloß
noch einmal so wüst, noch einmal so öde vor.
Den Gärtner traf er auf dem Hof. »Gehen Sie hinauf, Herr Baumann,« sagte
er zu ihm, als er ihn erkannte; »oben liegt das arme junge Blut, aber
jetzt freut er sich nicht mehr, wenn Sie kommen, oder wenn ich ihm
Blumen bringe -- ich habe sie ihm eben wieder hinaufgetragen. Mir ist
jetzt gerade so zu Muthe, als ob es Winter geworden wäre und der Schnee
auf den Beeten läge. Nun wird's hübsch hier im Hause werden.« Und damit
wandte er sich ab und schritt wieder in den Park hinaus.
Fritz Baumann stieg die Treppe hinauf. Er begegnete Niemandem im ganzen
Hause; es schien Alles wie ausgestorben, und an des jungen Benno Zimmer
angekommen, scheute er sich ordentlich zu klopfen, aus Furcht, der Todte
könne allein darin liegen. Er drückte auch erst nach einigem Zögern die
Klinke auf, und als er die Thür öffnete, sah er sich dem todten jungen
Freund gegenüber.
Dort lag er, so still und friedlich wie ein schlummernd Kind, so bleich
und weiß fast wie das Kissen selber, auf dem er ruhte, und nur die
dunkeln vollen Locken beschatteten seine edlen Züge. Die Hände hatte man
ihm auf der Brust gefaltet, aber eine freundliche Hand Blumen über ihn
ausgestreut -- Rosen und Reseda, Astern und Camellien --, und Fritz
stand vor ihm, den Blick fest auf das liebe Antlitz geheftet, und
schaute ihn so lange ernst und sinnend an, bis ihm selber vorquellende
Thränen die Augen füllten und das Bild des Todes in den blitzenden
Zähren verschwamm.
»Mein armer, armer Benno,« flüsterte er dabei, »so bist auch Du
hingegangen, und ich soll Dein gutes, treues Auge, Dein freundliches
Lächeln nimmer wiedersehen und nie mehr den Druck deiner Hand fühlen! So
leb' denn wohl -- ich selber bin ein Fremder in diesen Räumen und werde
sie und Dich nicht wiedersehen -- leb' wohl!« -- Und dabei bog er sich
über die Leiche und drückte einen Kuß auf die bleichen Lippen. -- »Gott
lasse Dir die Erde leicht sein!«
»Amen!« sagte eine leise Stimme, und als er überrascht aufsah, denn er
hatte geglaubt, daß er allein mit dem Todten im Zimmer wäre, bemerkte
er Kathinka, die, halb von der einen Gardine verdeckt, am Fenster stand.
Ihr bleiches liebes Antlitz war aber von Thränen überströmt, und ihr
Auge hing mit tiefer Schwermuth an den Zügen der Leiche.
»Fräulein Kathinka,« sagte Fritz bewegt, »ich hatte Sie nicht gesehen --
o, wie weh mir der Verlust unseres armen Benno thut!«
»Ihm ist wohl,« sagte das junge Mädchen mit leisem, traurigem
Kopfnicken; »er hat Alles überstanden, und sein Tod war leicht und
schmerzlos.«
»Sie waren bei ihm?«
»Ja -- er starb heute Morgen in meinen Armen, gerade wie ich ihn
unterstützen wollte, um sich etwas höher zu legen, denn er klagte,
daß es ihm an Luft fehle. Noch sterbend hat er mir einen Gruß für Sie
aufgetragen.«
»Mein armer Benno! Und sein Vater war nicht bei ihm?«
»Nein. Der Herr Baron hat in der letzten Zeit sein Zimmer fast nicht
mehr verlassen.«
»Und Fräulein von Wendelsheim?«
»Sie kam auf meinen Hülferuf, und zum ersten Male habe ich sie bewegt
gesehen; aber sie fürchtet sich vor Leichen: sie stand dort an der Thür
und winkte mir nur zu, bei dem Todten zu bleiben.«
»Und sein Bruder?«
»Er war lange bei ihm und hat heiße Thränen vergossen; jetzt ist er bei
dem Vater. Woher erfuhren Sie es so rasch?«
»Der junge Baron traf mich in der Stadt, und ich konnte dem Wunsch nicht
widerstehen, dem armen Todten Lebewohl zu sagen. Du großer Gott,« fuhr
er dann fort, während er an das Fenster trat und hinaussah, »wie öde
wird das jetzt hier im Schlosse werden! Wie wird auch Ihnen der Knabe
fehlen, Fräulein, der so mit ganzer Seele an Ihnen hing!«
»Ich habe hier im Schlosse Alles an ihm verloren,« sagte das junge
Mädchen leise, »denn er war nicht allein mein einziger Trost in der
Einsamkeit, sondern auch mein Schutz.«
»Ihr Schutz, Fräulein?«
»Die Tante wird mich jetzt entbehren können,« sagte Kathinka leise,
»und ich selber wäre auch nicht im Stande, allen ihren Anforderungen zu
genügen. Ich werde am Ersten nächsten Monats Wendelsheim verlassen.«
»Sie wollen auch fort?«
»Ja, und da wir uns wahrscheinlich nicht wiedersehen, so leben Sie wohl,
Herr Baumann -- ich muß fort und dem Herrn Baron das Frühstück bringen,
und -- die Tante würde auch sonst böse. Nicht wahr, Sie bleiben nicht
länger hier allein? Ich bekomme sonst gezankt.«
»Nein, liebes Fräulein,« sagte Fritz bitter, »haben Sie keine Furcht,
daß ich dem Fräulein von Wendelsheim je Grund zur Unzufriedenheit geben
sollte. Ich werde ihr auch wohl schwerlich wieder in den Weg kommen, so
wenig wie sie mich suchen wird. So leben Sie wohl, und schütze Sie Gott
auf Ihrer einsamen Bahn!« Damit reichte er ihr die Hand und verließ dann
mit einem letzten Abschiedsblick auf die Leiche das Zimmer.
Drüben am Gang hörte er heftiges Reden -- das war die Tante --, und es
klang wie ein Mißton in dem Hause des Todes; was es aber war, mochte
er nicht untersuchen. Ihn selber trieb es fort, um ihr aus dem Weg zu
kommen, denn er fürchtete heute für sich, daß er ihren gewöhnlichen
Hochmuth nicht so leicht und geduldig ertragen hätte, als sonst. Er
gewann die Treppe und eilte hinab. Unten stand einer der Diener und
horchte nach dem Zank hinauf.
»Gott soll uns bewahren, nicht einmal an einem solchen Tage hält sie
Ruhe! Sind Sie ihr in den Weg gelaufen, Herr Baumann?«
»Nein,« sagte Fritz; »sie hat mich gar nicht gesehen.«
»Gar nicht gesehen? Na, dann haben Sie heute Ihren Glückstag, das muß
wahr sein!«
»Ja, meinen Glückstag in der That,« nickte Fritz finster vor sich hin
-- »ich werde ihn mir merken. Adieu, Freund!« Und ohne sich weiter
aufzuhalten, verließ er das Schloß und schritt in die Stadt zurück.
Still vor sich hinträumend, ging er auch ziemlich rasch seinen Weg und
bemerkte gar nicht dabei, daß er unterwegs einen Herrn überholte,
der, seine linke Hand auf dem Rücken, den Kopf etwas zurückgebeugt und
außerordentlich gerade, aber auch ein wenig steif, derselben Richtung
folgend wie er, nach der Stadt zuspazierte. Ohne zu grüßen oder ihn
anzusehen, passirte er ihn auch, als er sich plötzlich angerufen hörte
und natürlich schon unwillkürlich den Kopf dorthin wandte.
»Ah, mein lieber Baumann,« rief der Spaziergänger, »wohin so eilig?
Warten Sie ein wenig, ich begleite Sie, und zu Zweien macht sich ein
langweiliger Weg immer besser!«
»Herr Rath Frühbach!« sagte Baumann, halb überrascht, von dem Herrn
angeredet zu werden, der sich sonst in der Stadt gar nicht um ihn
bekümmerte. Er kannte aber den Rath zu wenig, dem vor der Stadt und in
einsamer Gegend jedes menschliche Wesen, und wäre es eine alte Bauerfrau
gewesen, nur als gute Beute galt, um ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen
und seiner Suada freien Lauf zu lassen. Baumann würde auch viel lieber
allein gegangen sein, aber er konnte jetzt nicht mehr gut ausweichen und
schritt, etwas langsamer als vorher, neben dem Rathe her.
»Aber nun ein mäßigeres Tempo, mein junger Freund,« sagte der Rath,
indem er ihm mit seinem Stockknopf in den Arm hakte. »Das glaub' ich,
wie ich noch in Ihrem Alter war, da konnte ich auch laufen, und es kamen
nur Wenige mit mir fort. Da bin ich einmal in Schwerin -- kennen Sie
Schwerin?«
»Nein, Herr Rath.«
»Ah, wie schade! -- wunderschöne Stadt, und ungemein gemüthlich -- da
bin ich einmal in Schwerin, wie ich Ihnen erzählen wollte, eines
Morgens früh aufgestanden, um einen Spaziergang zu machen, denn ich muß
regelmäßig jeden Tag mein Quantum gehen, um ordentlich in Schweiß zu
kommen, da meine Verdauung nie in Ordnung ist. Unterwegs traf ich denn
auch einen intimen Freund von mir, den Grafen Kotopshien, der in einer
geheimen Mission an unserem Hofe war -- ein liebenswürdiger Mensch,
sage ich Ihnen, so einfach und human -- wir haben kostbare Abende mit
einander verlebt. Das war ein famoser Fußgänger, und der Arzt hatte ihm
auch das Gehen verordnet. Wir marschirten also zusammen los, und zwar in
keinem Paradeschritt, das versichere ich Ihnen -- ich führte sogar noch
dabei die Unterhaltung. Der Graf hielt es aber nicht lange aus. »Nein,
lieber Rath,« sagte er, wie wir eine Strecke zusammen gegangen waren,
»Sie laufen mir zu rasch« -- und so bog er richtig in die nächste Straße
ein.«
Frühbach hätte sich keinen besseren Gesellschafter auf der weiten Welt
wünschen können, als Fritz Baumann heute war; denn mit seinen eigenen
trüben Gedanken beschäftigt, schritt er nur schweigend neben ihm her,
und er hörte wohl Worte, verstand aber deren Sinn nicht, und mühte sich
noch viel weniger, ihn aufzufassen. Aber auch dem Rath, so sehr er
in seinen interessanten Erinnerungen schwelgen mochte, konnte die
niedergedrückte Stimmung seines Begleiters nicht entgehen.
»Nun,« sagte er nach einer kleinen Weile, indem er ihn von der Seite
ansah, »was fehlt Ihnen denn eigentlich heute? Sie schneiden ja ein
ordentliches Trauergesicht.«
»Ich komme auch aus einem Trauerhause, Herr Rath.«
»So? Woher denn?«
»Aus Schloß Wendelsheim.«
»Alle Wetter,« rief Rath Frühbach und drehte sich rascher nach ihm um,
als er sich sonst zu bewegen pflegte, »der alte Baron gestorben?« Und
unwillkürlich überkam ihn ein behagliches Gefühl, denn nach den letzten
Vorgängen in Vollmers und mit dem Bewußtsein, was er dort angerichtet
und die entsetzliche Frau Müller gedroht hatte, würde er auf gar
keine angenehmere Kunde haben denken können. Er sollte sich aber darin
getäuscht sehen.
»Nein,« sagte Fritz, »der alte Baron nicht, aber der jüngste, der zweite
Sohn, Benno, ist heute Morgen verschieden. Ich komme eben von seiner
Leiche.«
»Hm -- so?« sagte der Rath, indem er den Stockknopf im Gehen an seine
Lippen hielt. »Also der junge Baron -- schade!«
»Ja, es war so ein lieber Knabe,« seufzte Baumann, der ihn ganz falsch
verstand. »Armes Kind!«
»Hm,« fuhr der Rath fort, dessen Gedanken unter der Zeit mit ihm
durchgegangen waren, »der Baron von Wendelsheim hatte nur die zwei
Söhne?«
»Er hat jetzt nur noch einen.«
»Ja, der in den nächsten Tagen die große Erbschaft macht. Sie wissen
wohl nichts Näheres über die Sache?«
»Ueber welche Sache?«
»Nun, über die Erbschaft, mein' ich -- oder über den Erben. Es wurde
einmal eine Zeit lang so vielerlei erzählt....«
»Ich habe nichts gehört,« sagte Fritz, »kümmere mich auch in der That
nur wenig um den Stadtklatsch.«
»Ja, da haben Sie ganz recht, junger Freund,« lenkte der Rath ein,
der wohl merkte, daß er von seinem Begleiter nichts Neues über diese
Angelegenheit erfahren würde. »Das ist auch genau dasselbe, was ich
immer meiner Frau sage. Was hat denn aber dem jungen Baron eigentlich
gefehlt?«
»Ach, ein böses, innerliches Leiden!« seufzte Fritz. »Rettung war wohl
nicht gut möglich, denn er kränkelte von frühester Jugend an. Es soll
ein Herzfehler gewesen sein.«
»Das ist schlimm,« sagte Rath Frühbach, bedenklich mit dem Kopf
schüttelnd, »das ist sehr schlimm. Da wohnte in Schwerin ein sehr guter
Freund von mir -- er war früher Präsident der Ersten Kammer, aber
ein bischen hypochondrisch und, wie er glaubte, mit einem Leberleiden
behaftet. Er behauptete nämlich stets, seine Leber sei zu groß; es war
aber nicht wahr, sondern sein Herz. Oft und oft haben wir zusammen auf
dem Sopha gesessen, und er hat mir von seiner Krankheit erzählt und ich
ihm von ähnlichen Fällen, die mir zu Ohren gekommen waren. Lieber Gott,
wenn man älter wird, bekommt man ja auch nach verschiedenen Richtungen
hin Erfahrung, und ich rieth ihm damals -- ich weiß es noch, als ob es
gestern gewesen wäre -- wieder und wieder, er solle eine Aepfelwein-Cur
gebrauchen. Aber bewahre -- er blieb hartnäckig auf seinem Kopf, und
nach vierzehn Tagen war er todt. Durch den Aepfelwein wäre er vielleicht
zu retten gewesen; der hätte ihm das Herz zusammengezogen.«
Sie erreichten jetzt die Stadt, wenigstens die ersten Häuserreihen
der Vorstadt, wo noch ziemlich viel Scheunen und Ställe zwischen
Wohngebäuden standen; der Rath erzählte aber immer fort. Jeder
Gegenstand, ob es ein Paar Ochsen im Zuge, ein von einem Dache
gefallener Ziegel, ein ohne Maulkorb herumlaufender Hund, ein vor der
Thür stehen gebliebenes Faß, kurz, was auch immer war, er knüpfte eine
Erinnerung an Schwerin daran, und Baumann wurde die Gesellschaft
endlich lästig. Er hatte sich auch schon vorgenommen, unter irgend einer
Entschuldigung an der nächsten Seitenstraße einzubiegen, als gerade wie
er sich von dem Rath verabschieden wollte der Staatsanwalt Witte um die
Ecke bog und auf Frühbach einlenkte. Er hatte im ersten Augenblick auch
jedenfalls nur ihn erkannt.
»Ah, mein lieber Rath, sehr erfreut, daß ich Sie treffe -- habe Sie
schon in der ganzen Stadt wie eine Stecknadel gesucht!«
»Mich?« sagte der Rath verwundert, denn sonst war er gewöhnlich auf der
Suche.
Fritz Baumann war blutroth geworden, als er den Staatsanwalt bemerkte,
und wollte sich mit einer Verbeugung entfernen. Aber jetzt erkannte
Witte auch ihn und sagte, indem er ihm die Hand entgegenstreckte:
»Herr Baumann, entschuldigen Sie, ich hatte hier unsern Rath so fest auf
dem Korn, daß ich gar nicht auf seinen Begleiter achtete!« Sein Blick
traf dabei den des jungen Mannes, und der herzliche, derbe Druck der
Hand bewies diesem wenigstens, daß der Vater andere Gefühle hege als die
Tochter -- und wie dankbar war er ihm dafür!
Frühbach merkte aber natürlich von diesem Zwischenspiele gar nichts.
Dem glücklichen Sterblichen, der nur an der Oberfläche herumschwamm und
Blasen fischte, war die Begrüßung der beiden Männer eine gewöhnliche
Höflichkeitsform, und er sagte deshalb auch, darüber hinwegsehend: »Aber
was um des Himmels willen wollten Sie von _mir_? -- Ah, Adieu, lieber
Baumann -- Adieu, auf Wiedersehen! -- Sehr netter junger Mann, der
Baumann, wie?«
Der Staatsanwalt nickte und sah sinnend dem Davongehenden nach; aber die
Frage des Raths war doch zu direct gewesen, und sich wieder an diesen
wendend, indem er ihn unter den Arm nahm und die Straße hinabführte,
erwiederte er: »Ja so, was ich gleich sagen wollte, den Major habe ich
heute vergeblich gesucht; ich war zweimal bei ihm draußen.«
»Den Major?« wiederholte Frühbach, und Frau Müller stand in all' ihrer
Entsetzlichkeit leibhaftig vor ihm.
»Jawohl, Eurer fatalen Geschichte wegen,« bestätigte der Staatsanwalt;
»er war aber nirgends anzutreffen, und wie ich zu Ihnen kam, hieß es
ebenfalls, Sie wären über Land.«
»Ja, Sie wissen wohl, bester Staatsanwalt, meiner Verdauung wegen....«
»Na, das ist jetzt einerlei, und die Hauptsache bleibt, daß ich Sie
erwischt habe.«
»Aber ich begreife gar nicht....«
»Ich werde Sie nicht lange zappeln lassen. Sie waren neulich mit dem
Major in Vollmers, wie?«
»Ich? -- Ah, ja doch -- ich erinnere mich jetzt.«
Der Staatsanwalt lachte: »Ah so, Sie sind wohl der Mann mit dem
schwachen Gedächtniß? Nun, Scherz bei Seite, die Sache ist ernsthaft
genug. Sie haben da draußen einen dummen Streich gemacht....«
»Aber, lieber Herr Staatsanwalt....«
»Bitte, lassen Sie mich ausreden, denn ich habe nicht viel Zeit, und
außerdem meine besonderen Gründe, die ganze Geschichte ohne Eclat
beigelegt zu sehen. Also hören Sie mir einfach zu, was ich Ihnen sagen
werde.«
»Ich bin wirklich neugierig,« log der Rath.
»Die Frau Müller war bei mir und wollte Sie verklagen.«
»Mich?«
»Sie und den Major -- ich habe es noch vor der Hand abgelenkt, aber nur
unter Einer Bedingung.«
»Aber die Frau muß wahnsinnig sein!«
»Ich gebe Ihnen mein Wort, daß sie ihre Sinne vollkommen bei einander
hat, und das Gericht würde sich der Meinung anschließen. Sie haben einen
dummen Streich gemacht, lieber Rath -- Sie oder der Major, oder Beide
zusammen.«
»Wenn sich der Major in Thatsachen irrte, ist das _meine_ Schuld?«
»Das bleibt sich jetzt vollkommen gleich. Sie haben sich verleiten
lassen, da draußen Sachen zu behaupten, die Sie nicht beweisen können,
und die Madame Müller scheint nicht die Frau zu sein, etwas Derartiges
ruhig über sich ergehen zu lassen.«
»Aber was verlangt sie nur?«
»Zuerst bestand sie darauf, eine Klage gegen Sie Beide anhängig zu
machen, und was das für ein Gerede in der Stadt gegeben hätte, brauche
ich Ihnen nicht zu sagen. Sie will sich aber zufriedenstellen, wenn Sie
ihr eine schriftliche Ehrenerklärung geben.«
»Ich?«
»Sie alle Beide -- Sie sowohl als der Major. Ich habe das Ding jetzt
aufgesetzt, und das müssen Sie unterschreiben.«
»Aber ich bitte Sie um Gottes willen,« rief Frühbach erschreckt, denn
er hatte einen heiligen Respect vor allen Unterschriften -- »ich weiß
ja von der Frau gar nichts, weder ob sie irgend eines Vergehens schuldig
oder unschuldig wie ein Lamm ist, und nur dem Major zu Liebe....«
»Desto schlimmer für Sie,« unterbrach ihn der Staatsanwalt, »daß Sie
dann, wenn Sie gar nichts wissen, zu einer fremden Frau in's Haus gehen
und ihr ein Verbrechen vorwerfen. Aber machen Sie, was Sie wollen, und
glauben Sie um des Himmels willen nicht, daß ich Sie zu etwas überreden
werde! Ich meine es gut mit Ihnen, und habe in der Sache weiter nichts
zu thun. Es ist jetzt vier Uhr; um fünf Uhr bin ich draußen bei dem
Major und lege Ihnen das Schriftstück vor, das Sie dann unterschreiben
können oder nicht -- wie Sie wollen.«
»Und wenn wir es nicht unterschreiben?«
»Gut, dann macht die Frau ihre Klage anhängig, und Sie können nachher
meinetwegen die Sache abschwören.«
»Aber, bester Staatsanwalt....«
»Sie haben eine volle Stunde Zeit, um sich Alles reiflich zu überlegen.
Ich werde mir den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen.«
»Aber, lieber Staatsanwalt,« sagte Frühbach, »mir fällt da ein ganz
ähnlicher Fall ein. In Schwerin waren wir eines Tages....«