»Sehen Sie, Herr Advocat,« sagte Madame Müller, indem sie den Schirm

glücklich hinter dem Sopha anbrachte, »ich bin die Frau Müller aus

Vollmers, und daß mir kein Mensch 'was Böses oder Schlechtes nachsagen

kann, das will ich Ihnen beweisen. Da, hier,« fuhr sie fort, indem sie

ein ganzes Paket Schriftstücke aus ihrem Arbeitsbeutel nahm, »ist mein

Tauf- und Impfschein, mein Confirmations-Zeugniß, mein altes Dienstbuch,

denn ich.....«

»Meine gute Madame,« sagte Witte ruhig, »Sie sind hier mit ihrer

Beschwerde am unrechten Platz. Daß Sie eine brave, rechtliche Frau sind,

glaube ich Ihnen auf Ihr Wort, aber ich habe mit der Sache....«

»Na, aber dann brauchen auch so ein paar alte Schleicher nicht zu mir

in's Haus zu kommen,« rief die Frau entrüstet, »und mir alle möglichen

Grobheiten und Injurien zu sagen!«

»Liebe Madame Müller,« sagte Witte ungeduldig werdend, »Sie sind hier an

den vollkommen unrechten Ort gerathen; denn wenn Sie, wie ich nach Ihren

Reden vermuthen muß, in Ihrem eigenen Hause beleidigt wurden, so gehen

Sie einfach auf die Polizei und beschweren sich dort. Einen Advocaten

haben Sie dazu überhaupt nicht nöthig.«

»Aber ich will einen haben,« sagte die Frau ganz entschieden, »denn wenn

ich gegen ein paar so vornehme Herren auf die Polizei gehe, so steckt

die mit ihnen durch, und Unsereiner kann mit langer Nase wieder

abziehen.«

Witte lachte. »Sie haben gute Ansichten von der Polizei, aber Sie sind

im Irrthum; ob Sie ein Baron oder ein Graf oder wer sonst beleidigt hat,

bleibt dasselbe -- die Gesetze sind für Alle gleich. Aber jetzt, liebe

Madame, bitte ich Sie, mich zu entschuldigen; ich bin sehr beschäftigt

und habe auch mit der Sache gar nichts zu thun. Gehen Sie nur auf die

Polizei.«

»Nein,« sagte die Frau -- »Gott bewahre Einen vor der Polizei! Einen

Advocaten will ich haben, und wenn's auch kein Baron oder Graf war, so

war's doch ein Major und ein Rath, und den Rath besonders, den Herrn

Frühbach, den soll mir der Advocat drangsaliren, daß er schwarz wird!«

»Rath Frühbach -- und ein Major?« sagte Witte, plötzlich aufmerksam

werdend, denn er mußte an den verbissenen Major von Halsen denken. »Wie

hieß der Major?«

»Halsen,« sagte die Frau, »Major von Halsen.«

»Und der soll Sie in Ihrem eigenen Hause beleidigt haben?« sagte der

Staatsanwalt kopfschüttelnd. »Das ist wohl nur ein Irrthum, liebe Frau,

denn der alte Herr kränkelt fortwährend und wäre kaum zu Ihnen nach

Vollmers gekommen.«

»Irrthum? Ja, schöner Irrthum!« rief die Frau. »Kränklich sieht er

aus, denn er humpelte an einem Stock herum. Aber wo soll da ein Irrthum

herkommen, wenn er mir in meinem eigenen Hause sagt -- das heißt, der

Rath, nicht der Major --, das Bild, das über meinem Sopha hängt, wäre

nicht meine Tochter, sondern die Tochter vom Baron von Wendelsheim, und

daß _ich_ die Kinder vertauscht hätte, wo ich den jungen Baron selber

auf meinen eigenen Armen zehn volle Monate herumgetragen und genährt

habe.«

»Von Wendelsheim?« sagte Witte, der schon ungeduldig auf seinem Stuhl

herumgerückt war, jetzt plötzlich aufmerksam werdend. Dahinter stak

wieder der unglückliche Major, so viel war sicher, und hatte jetzt,

wie es schien, seinen tollen Verdacht so weit getrieben, um einen Eclat

herbeizuführen. Witte selber fing aber an, sich nach den Vorgängen von

heute Morgen mehr und näher für den Namen Wendelsheim zu interessiren.

Seine Tochter mußte eine andere Neigung haben, oder sie hätte den

Freier nicht so rasch und entschieden abgewiesen, und er wünschte nun

wenigstens der Klagesache auf den Grund zu kommen, um wo möglich ein

Oeffentlichwerden der fatalen Rederei zu verhindern. Anstatt die Frau

deshalb abzuweisen, legte er die Feder hin, drehte sich auf seinem

Stuhl herum und sagte: »Dann lassen Sie wenigstens einmal hören, was die

Herren von Ihnen gewollt haben; bitte, nehmen Sie Platz und reden Sie

ein wenig leiser.«

Madame Müller verlangte nichts weiter, als einen Platz zum Sitzen und

eine Aufforderung zum Reden, und begann nun auch ohne Säumen mit

ihrer gewöhnlichen Weitschweifigkeit nach allen Himmelsrichtungen hin

auszuholen. Witte war aber nicht der Mann, der ihr das hingehen ließ.

Wie er nur erst einmal herausbekam, worauf es abzielte, hielt er sie

auch in dem Geleise, und wenn sie nach links oder rechts ausbrechen

wollte, schnitt er ihr augenblicklich den Faden ab und brachte sie

wieder in die richtige Bahn. So hatte er denn auch nach einer kleinen

halben Stunde, denn die Zeit gebrauchte Madame Müller doch, um

sich gehörig zu entwickeln, nicht allein den größten Theil

ihrer Lebensgeschichte -- so weit sich dieselbe nämlich auf das

Wendelsheim'sche Haus und die spätere Zeit bezog --, sondern auch die

genauen Vorgänge jenes Morgens erfahren, wo der Major und der Rath

Frühbach so schmählich abgefahren waren. Wiederholt producirte dabei

Madame Müller jenen ganzen Stoß von Papieren, der ihre Unschuld

bekräftigen sollte, wenn der Staatsanwalt überhaupt noch an derselben

gezweifelt hätte. Witte wies sie jetzt auch nicht ganz zurück, sondern

blätterte sie durch, um den Tag zu erfahren, an welchem sie damals

zuerst in Wendelsheim'sche Dienste, und zwar als Amme, eingetreten war;

das Datum notirte er sich und schnürte das Paket dann wieder zusammen.

Uebrigens stimmte dasselbe genau mit ihrer Angabe, und das wußte er

schon selber aus früheren Nachforschungen, daß die Frau wirklich erst

in der Nacht, und zwar mehrere Stunden nach der Geburt des Kindes, durch

den herrschaftlichen Kutscher in einem verschlossenen Wagen aus ihrem

Heimathsort abgeholt worden sei und die Wartung des Säuglings dann

übernommen habe. Die Madame Müller machte dabei den Eindruck einer zwar

etwas derben und überschwatzhaften, aber doch grundehrlichen Frau, und

der Staatsanwalt mußte nur im Stillen für sich lachen, wenn er sich die

Scene dachte, wo Frühbach und der Major einen Angriff auf sie versucht

hatten, es natürlich so ungeschickt als möglich anfingen und mit einem

Donnerwetter und völlig geschlagen wieder abziehen mußten. So gern er

aber dem Major sowohl wie dem Rath eine kleine Lection gegönnt hätte,

die nicht ausblieb, wenn die Sache vor Gericht kam, so durfte er es doch

nicht so weit gehen lassen, schon des unausbleiblichen Geredes wegen,

das darüber entstanden wäre. Er freute sich jetzt ordentlich, die Frau

nicht gleich abgewiesen zu haben, und es galt jetzt nur, sie von ihrer

Klage abzubringen. Uebrigens zeigte sich das gar nicht so leicht, denn

Madame Müller hatte einen ganz entschiedenen Charakter wie ihren eigenen

Kopf, und Witte wurde deshalb höflich.

»Liebe Madame,« sagte er, als sie ihren letzten Satz damit schloß, daß

er jetzt eine ordentliche und tüchtige Klage gegen die »beiden Subjecte«

aufsetzen solle -- »die Anklage oder Verdächtigung der beiden Herren ist

viel zu ungeschickt und leer, als daß Sie darauf das geringste Gewicht

legen könnten -- kein vernünftiger Mensch wird deshalb etwas Derartiges

von Ihnen glauben.«

»Und deshalb sollen sie mir gerade an's Messer,« sagte Madame Müller,

indem sie auf ihren Strickbeutel klopfte: »da drinnen steht's, daß

ich mir von solcher -- Bagage meinen ehrlichen Namen nicht brauche

verschimpfiren zu lassen!«

»Davon rede ich nicht,« sagte der Staatsanwalt, »das ist eine Sache, die

sich von selbst versteht; aber Sie sehen mir gerade so aus, als ob Sie

auch praktischer Natur wären -- hab' ich nicht recht?«

»Na, ich sollte denken,« sagte die Frau, »wenn man sich einmal so lange

in der Welt herumgetrieben hat....«

»Nun gut, dann müssen Sie sich doch auch von einer solchen Klage einen

praktischen Nutzen versprechen, nicht wahr?«

»Ich will nichts für mich davon haben,« sagte die Frau, die ihn falsch

verstand; »nur die Beiden sollen abgestraft werden, wie sich's gehört

und wie sie's verdient haben.«

»Das meine ich nicht,« sagte kopfschüttelnd Witte; »Sie selber haben

natürlich nichts davon, als Lauferei und Unannehmlichkeiten, und das

wäre das Wenigste, denn denen muß sich jeder unterziehen, der vor

Gericht geht. Aber um ganz reine Sache zu haben und die Schuld allein

auf Ihre Gegner zu wälzen, fürchte ich, sind Sie schon gleich von Haus

aus zu weit gegangen.«

»Ich -- wie so denn?«

»Sie scheinen mir etwas heftiger Natur, und wie ich vorhin aus Ihrer

ganzen Erzählung vernommen, haben Sie den Herren nicht allein tüchtig

die Wahrheit gesagt -- dagegen ließe sich nichts einwenden --, sondern

Sie haben auch Schimpfworte wie Schafskopf und dergleichen gebraucht

und dadurch eine Beleidigung nicht allein erlitten, sondern auch gleich

erwiedert.«

»Aber der Henker soll da ruhig bleiben, wenn Einem in seinem eigenen

Hause...«

»Ich gebe Ihnen ganz recht, verehrte Frau -- in meinen Augen sind

Sie vollkommen entschuldigt und wir Alle hätten unter ähnlichen

Verhältnissen vielleicht das nämliche gethan; aber die Gesetze sind

darin außerordentlich streng, und bedenken Sie selber, wie das aussehen

würde, wenn Sie Jemanden gerade eines Vergehens wegen anklagen wollten,

das Sie ebenso gegen ihn verübt.«

»Ach bah -- was ist denn das, wenn ich einen Menschen einen Schafskopf

nenne?«

»Bitte um Verzeihung, Madame, einen gewöhnlichen Menschen vielleicht

nicht, aber bedenken Sie, einen Rath! Sie beleidigen dadurch nicht

allein den Mann, sondern den Staat, ja, den König selbst, der ihn zum

Rath gemacht hat, denn Sie sagen damit, daß er einen Schafskopf zum Rath

ernannt habe.«

»Na, und das kommt wohl nicht vor?«

Witte zuckte die Achseln. »Wir dürfen es aber nicht aussprechen,« sagte

er, »und Sie könnten in den Fall kommen -- und kommen sicher hinein --,

daß Sie den Herren noch öffentlich Abbitte thun müßten.«

»Und das nennen Sie Gerechtigkeit?« rief Madame Müller, den Arm

entrüstet in die Seite stemmend. »Der Wurm krümmt sich, wenn er getreten

wird, und eine arme, alleinstehende Frau, die nichts hat, als ihre

Zunge, soll noch nicht einmal Schafskopf damit sagen dürfen?«

»Und auf was wollen Sie eigentlich klagen, Madame Müller? Der Herr Rath

hat behauptet, daß das Bild in Ihrer Stube nicht das Ihrer Tochter,

sondern einer Tochter des Barons von Wendelsheim wäre. Gut, das ist aber

noch immer keine Beleidigung, sondern nur ein Irrthum.«

»Aber der Baron hat ja gar keine Tochter, und er meinte damit...«

»Was er damit meinte, können wir Beide nicht wissen, und noch weniger

das Gericht. Wir vermuthen allerdings, was er damit meinen konnte; aber

darauf läßt sich keine Klage basiren.«

»Aber er sagte mir auch direct auf den Kopf zu, ich hätte die Kinder

umgetauscht.«

»Das wäre allerdings eher ein Grund, um klagbar aufzutreten; aber

erinnern Sie sich noch ganz genau der Worte? Bedenken Sie wohl, so

genau, daß Sie dieselben auch beschwören können; denn es wäre ja wohl

sehr leicht möglich, daß er eine Vertauschung behauptet und Sie dabei

genannt habe, ohne gerade zu sagen, daß Sie die eigentliche Person

wären, welche die Vertauschung bewirkt hätte. Auf das Setzen der Worte

kommt hier Alles an. Können Sie sich noch genau darauf besinnen?«

»Ja, Du lieber Gott,« sagte Madame Müller, doch jetzt stutzig gemacht,

»es sind nun zehn oder zwölf Tage darüber hingegangen -- den Sinn weiß

ich noch genau, und der war so...«

»Wie Sie ihn nämlich verstanden haben.«

»Nun natürlich -- aber die einzelnen Worte, wer kann die so lange und so

genau im Kopfe behalten?«

»Und doch kommt gerade auf die Worte Alles an,« sagte Witte; »wenn Sie

die nicht genau vor Gericht beschwören können, so fällt Ihre ganze Klage

zusammen und Sie werden abgewiesen. Rath Frühbach aber, der weit eher

im Stande ist, seinen Schafskopf eidlich zu erhärten, dreht den Spieß

nachher um, und Sie haben außer Ihren Laufereien auch noch Kosten und

Unannehmlichkeiten.«

»Das nehme mir aber kein Mensch übel,« rief Madame Müller entrüstet aus,

»da hört doch die Gerechtigkeit auf, wenn sich eine arme, alleinstehende

Frau sollte ungestraft beleidigen lassen, blos weil sie nicht mehr genau

weiß, was das Lumpenvolk gesagt hat! Denken Sie denn, daß man in einem

solchen Augenblick, wo Einem die Galle überläuft, auch auf jede Silbe so

genau passen und sie gleich aufschreiben kann? Und das glaub' ich auch

nicht,« setzte sie bestimmt hinzu, indem sie von ihrem Stuhl aufstand

und einen Blick nach ihrem Schirm warf; »das wollen wir doch erst noch

einmal sehen.«

»Wollen Sie mir die Sache überlassen, Madame Müller?«

»Dazu war ich von Anfang an hergekommen; aber wenn Sie mir gleich von

vorn herein sagen, daß ich...«

»Erlauben Sie mir einmal, verehrte Madame -- Sie wollen doch nur

Genugthuung für die angethane Beleidigung, nicht wahr?«

»Weiter nichts auf der Gotteswelt.«

»Also ist es Ihnen doch auch einerlei, ob Sie die vor Gericht oder

privatim bekommen?«

»Das weiß ich nicht,« sagte Madame Müller.

»Die Sache bleibt doch immer dieselbe, nur mit dem Unterschiede, daß Sie

auf privatem Wege Ihren Zweck gewiß erreichen, aber auf gerichtlichem

Wege nicht; und außerdem haben Sie auf ersterem gar keine Kosten.«

»Hm -- und was wollen Sie thun?«

»Ich werde den Herrn Rath Frühbach und den Major von Halsen veranlassen,

daß sie Ihnen schriftlich eine Ehrenerklärung geben, nicht gewillt

gewesen zu sein, Sie zu beleidigen.«

»Und daß Alles, was sie gesagt haben, lauter Lügen sind.«

»Das läßt sich Alles auf eine feine Art darin anbringen, und daß die

beiden Herren ferner bedauern, Sie durch irgend ein Wort und eine

Andeutung gekränkt zu haben.«

»Und von dem Schafskopf sagen wir nichts weiter?«

»Der bleibt unberührt.«

»Und wenn sie's nicht thun?«

»Dann bleibt Ihnen immer noch die Klage offen, so gut, als heute. Aber

lassen Sie mich den Versuch machen, und ich glaube, Sie werden davon

befriedigt sein. Lieber Gott, ich habe ja doch wahrhaftig nichts dabei!

Sie hören, daß ich nicht Einen Pfennig für meine Mühe verlange; aber ich

sehe, daß Sie eine brave, rechtschaffene Frau sind, und möchte Sie nicht

in Ungelegenheiten bringen.«

»Gut denn, Herr Advocat,« sagte die Frau, indem sie ihm treuherzig die

Hand entgegenstreckte; »ich sehe, Sie meinen es wirklich ehrlich, und

ich will Ihrem Rathe folgen.«

»Aber eine Bedingung habe ich noch dabei,« sagte Witte: »daß Sie

nämlich den Brief der beiden Herren nicht öffentlich herumzeigen. Die

Ehrenerklärung ist nur für Sie bestimmt. Und was hätten Sie auch davon?

Andere Menschen würden sich nur darüber lustig machen, denn die Welt

liebt nichts so sehr, als Skandal und Klatschereien.«

»Nun, soll mir auch nicht darauf ankommen,« sagte Madame Müller nach

einigem Bedenken.

»Also es bleibt dabei?«

»Wenn ich einmal das Wort gesagt habe, können Sie ein Haus darauf

bauen,« versicherte Madame Müller mit Würde.

»Dann können Sie sich auch darauf verlassen, daß ich Ihnen die verlangte

Genugthuung schaffe. Ich schicke Ihnen den Brief oder bringe

ihn vielleicht selber. Ich muß so nächstens einmal nach Vollmers

hinauskommen.«

»Soll mir sehr angenehm sein,« sagte Madame Müller. »Und nun leben Sie

so lange wohl, Herr Advocat, und machen Sie's gut -- ich verlasse mich

ganz auf Sie!«

Und sehr befriedigt griff sie ihren Schirm wieder auf und schritt, die

sämmtlichen Schreiber, die ihr nachschauten, freundlich grüßend, zur

Thür hinaus.

Witte war an seinem Pult stehen geblieben und dachte eben über das

Fatale der ganzen Angelegenheit nach, als einer der Leute wieder in's

Zimmer sah und sagte: »Herr Staatsanwalt, Frau Gemahlin hat schon ein

paarmal nach Ihnen gefragt; möchten gefälligst einmal hinüber kommen.«

»Ja -- gleich,« sagte Witte und kratzte sich am Hinterkopf. Er wußte,

was ihm dort bevorstand; die Sache ließ sich aber nicht ändern. Wenn

Frau Gemahlin etwas Derartiges vorhatte, wurde sie gewöhnlich sehr bald

ungeduldig, und je eher er es also abmachte, desto besser.

Als er aber den Vorsaal betrat, hörte er weder bei seiner Tochter, noch

bei seiner Frau im Zimmer Stimmen, wonach er ganz richtig schloß, daß

Beide nicht mehr zusammen sein könnten, sonst hätten sie sich jedenfalls

»ausgesprochen.« Er ging also zu seiner Frau hinüber und fand dieselbe

auch richtig, wie er vermuthet, allein in ihrem Gemach, in dem sie wie

eine gereizte Löwin auf und ab schritt. Das Barometer deutete auf Sturm.

»Du hattest mich rufen lassen, Therese?«

»Ist es wahr, daß Du den Sohn vom Schlosser Baumann zu Ottilien hinüber

geschickt hast?« fragte die Dame mit zorngerötheten Wangen.

»Allerdings, mein Schatz; er wollte mit ihr sprechen.«

»Und wußtest Du, was er mit ihr sprechen wollte?«

»Auch das wußte ich. Er wollte ihr einen Heirathsantrag machen.«

Die Frau blieb mit nach unten gefalteten Händen vor ihm stehen und

machte dabei ein so erstauntes Gesicht, als ob er ihr eben erzählt

hätte, daß er am nächsten Sonntag zum Besten irgend einer armen Familie

auf dem Seile tanzen würde.

»Ist es denn möglich?« rief sie endlich aus. »Du, der Vater,

schickst den Schlossergesellen zu Deinem eigenen Kinde, um ihr einen

Heirathsantrag zu machen? Wenn ich es nicht mit meinen eigenen Ohren

gehört hätte, ich würde es gar nicht glauben.«

»Nun,« sagte Witte, immer noch in der Hoffnung, ein drohendes Ungewitter

von sich abzuwenden, denn er vermied am liebsten jede häusliche

Aufregung -- »und was ist da weiter? Jedem anständigen jungen Mann steht

es frei, sich um ein Mädchen, das ihm gefällt, zu bewerben. Ob sie ihn

nehmen will, ist dann ihre Sache.«

»Und wenn sie ihn nun genommen hätte, Dietrich, wenn sie nicht

vernünftiger gewesen wäre, als Du, der Staatsanwalt Witte?«

»Bitte,« sagte ihr Mann, »Du redest einmal wieder in den Tag hinein.

Wenn sie ihn wirklich genommen hätte, wäre es auch noch kein Unglück

gewesen, denn der junge Baumann ist ein braver, anständiger Mensch,

der gewiß einmal eine recht gute Carrière macht und eine Frau ernähren

kann.«

»So?« rief die Frau, die eigentlich hatte heftig werden wollen, aber vor

lauter Erstaunen über das Unerhörte gar nicht dazu kommen konnte.

»Und in unsere Gesellschaft wolltest Du den alten Schlosser, der im

Schurzfell in der ganzen Stadt herumläuft, bringen?«

»Der alte Baumann ist ein so braver, tüchtiger Mann, wie er in der

ganzen Stadt zu finden ist,« sagte der Staatsanwalt mürrisch; »ob er in

einem Schurzfell oder im Frack herumläuft, ist mir ganz einerlei.«

»In der That, Herr Staatsanwalt,« sagte seine Frau, die jetzt auf den

ironischen Ton umsprang, »und der Schuhmacher Heßberger als Schwäher mit

seinem »Gelobt sei Jesus Christus« wäre Ihnen auch wohl einerlei, wie?

Noch dazu, wenn die alte Kartenlegerin, die Heßberger, uns ihren Besuch

als nächste Verwandte machte?«

»An das Lumpengesindel habe ich wirklich gar nicht gedacht,« sagte der

Staatsanwalt doch etwas verlegen.

»Nun, dann ist es nur ein Glück,« rief seine Frau, »daß andere Menschen

mehr Ueberlegung haben. Das sag' ich Dir aber, Dietrich, wenn sich meine

Tochter so weggeworfen hätte, nicht Einen Schritt wäre ich ihr über die

Schwelle gekommen oder hätte geduldet, daß Einer ihrer Sippschaft die

meine überschritte!«

Der Staatsanwalt warf den Kopf ungeduldig herüber und hinüber, denn er

besaß zu viel gesunden Menschenverstand, um nicht das Haltlose einer

solchen Behauptung einzusehen. Aber die Sache war einmal erledigt, wozu

also noch einen häuslichen Zwist deshalb heraufbeschwören, was er durch

Widersprechen jedenfalls gethan haben würde. Er setzte sich auf einen

Stuhl und sah aus dem Fenster.

»Und diese Unverschämtheit von dem Menschen,« fuhr aber Frau Witte fort,

die noch lange nicht alle ihre Trümpfe ausgespielt hatte, »so etwas ist

mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen; daß er nur die Stirn

haben konnte, dem Mädchen gegenüber zu treten!«

»Na, das nimm mir aber doch nicht übel, liebes Kind,« sagte jetzt der

Staatsanwalt, dem das ein wenig zu stark wurde, »so groß ist denn doch

die »Unverschämtheit« nicht, wie Du Dich ausdrückst; er ist aus einer

bürgerlichen Familie, und wir sind nichts Besseres.«

»Nichts Besseres?« rief Madame Witte, die heute aus ihrem Erstaunen gar

nicht herauskam. »Witte, ich begreife Dich nicht. Du, einer der ersten

Staatsbeamten, der geachtetste Rechtsgelehrte in der ganzen Stadt, zu

dessen Gesellschaften sich der Adel drängt, und Herr Fritz Baumann, der

Neffe vom Schuster Heßberger, den man seines ekelhaften Tabaksgeruches

wegen nicht einmal in's Zimmer läßt, wenn er ein paar geflickte Schuhe

zurückbringt!«

»Ach was,« sagte der Staatsanwalt, »Baumann ist nicht der Sohn von dem

Schuster, sondern nur der Neffe, und überdies die ganze Sache abgemacht.

Ottilie hat ihm einen Korb gegeben, und er wird sich jetzt nach einer

andern Frau umsehen.«

»Das hoffe ich auch,« sagte die Frau Staatsanwalt, und warf den Kopf

so weit zurück, daß sie auf ihren Gatten herabsehen mußte; »und er wird

jetzt doch auch aller Wahrscheinlichkeit nach so klug geworden sein, um

nicht wieder eine Familie wie die unsere mit seiner Zudringlichkeit

zu belästigen. Was aber der Mensch für ein Glück hat, daß ich nicht zu

Hause war!«

Jetzt wurde es aber dem alten Witte doch zu bunt; er hatte schon

die ganze Zeit den Kopf geschüttelt, nun hielt er es für nöthig,

einzuschreiten, und auf seinem Sitz herumfahrend, rief er aus: »Und

was ist denn die unsere für eine so großbrodige Familie, daß ein braver

Techniker sie entehren würde, wenn er hinein heirathete? Dein Vater war

ein Subaltern-Beamter mit vierhundert Thalern Gehalt, und der meinige

ein ehrlicher Schneider, der sich das Brot vom Munde abdarbte, um seinen

Sohn studiren zu lassen. Und was hatten _wir_ denn etwa, als wir uns

heiratheten, Therese? Hunger und Kummer in allen Ecken, und oft nicht

das Geld im Hause, um einen Laib Brot baar zu bezahlen. Daß ich fleißig

war und nachher dabei Glück hatte, das ist mein ganzes Verdienst, und

daß Du das Wenige zusammennahmst und wirthschaftlich sorgtest, das

Deine, und das thun andere ehrliche Handwerker auch.«

»Aber jetzt, Dietrich!« rief die Frau, ordentlich erschreckt über die

ganz ungewohnte Heftigkeit des Mannes.

»Aber jetzt,« fuhr der Staatsanwalt, der einmal im Zuge war, fort, »geht

es uns besser; ich verdiene mehr, als wir brauchen, und wir haben

uns größere Lebensbequemlichkeiten angeschafft und in Kreise Zutritt

gewonnen, die uns sonst eben so über die Achsel anschauten, wie Du jetzt

die Handwerker. Aber das ist falsch, das ist unrecht, und wenn Du nur

nicht einmal Deine Strafe dafür bekommst!«

»Das ist blos Deine grenzenlose Bescheidenheit, die aus Dir spricht,«

lenkte die Frau in etwas ein, denn auf diese Wendung war sie nicht

gefaßt gewesen; »jeder Mensch strebt nach etwas Höherem.«

»Und weshalb wirfst Du das also dem jungen Baumann vor?«

»Aber es muß erreichbar sein, Dietrich,« sagte seine Frau; »und Ottilie,

mit der Erziehung, die sie genossen hat, scheint denn auch schon ihre

Wahl nach einer andern Seite hin getroffen zu haben.«

»So--o,« sagte der Staatsanwalt gedehnt, »in der That? Und nach welcher,

wenn ich fragen darf?«

»Du weißt doch, daß der junge Baron von Wendelsheim sie entschieden

ausgezeichnet hat?«

»Davon weiß ich gar nichts,« sagte der Vater, »und habe nichts davon

bemerkt -- war auch nicht böse darüber.«

»Du hast nichts gemerkt,« sagte seine Frau, »weil Du immer Deine Acten

und Processe im Kopfe hast; ich habe es aber gemerkt, und als Mutter

mußte ich es merken.«

»Er hat sich, so viel ich weiß, seit einer Ewigkeit gar nicht bei uns

sehen lassen.«

»Er war vor acht Tagen bei uns zum Thee.«

»Weil er von mir etwas wegen der Erbschaftsangelegenheit erfragen

wollte und Du ihn so nöthigtest, da zu bleiben, daß er hätte grob werden

müssen, um es auszuschlagen.«

»Er blieb sehr gern, kann ich Dir sagen.«

»Und hat nachher mit mir und dem Justizrath den halben Abend Whist

gespielt.«

»Aber er setzte sich immer so, daß er Ottilien im Auge hatte.«

»Weil ihn der Justizrath bat, den Platz mit ihm zu wechseln, denn das

Licht blendete ihn so.«

»Du könntest eine Heilige ärgerlich machen, Dietrich.«

»Weil ich nicht sehe, was nicht da ist?«

»Du hast immer etwas auf den armen Lieutenant gehabt.«

Der Erbe: Roman. Zweiter Band. · 第 6 / 15 段