»Eine Familienangelegenheit?« sagte der Staatsanwalt etwas gedehnt,

und zum ersten Mal flog sein Blick über des jungen Mannes sonntägliche

Kleidung; auch die Glacéhandschuhe war er nicht an ihm gewohnt. »Und die

betrifft, wenn ich fragen darf?«

»Sie selbst.« -- Fritz war in Gang gekommen, und jetzt half ja doch kein

längeres hinter dem Berge halten.

»Mich selbst?« lachte Witte. »Sie wollen mich doch nicht selbst bei mir

selber verklagen?«

»Nein, Herr Witte,« sagte Fritz ernst, aber freundlich; »aber Ihre

Meinung wollte ich in einer Sache hören, die mich sowohl als Sie

betrifft.«

»Und die wäre?« fragte Witte, und sein erster Verdacht wurde durch die

Aeußerung nur bestärkt -- er hatte einen Freiwerber vor sich.

»Ich wollte Sie um die Hand Ihrer Tochter bitten,« platzte denn auch der

junge Baumann ohne Weiteres heraus.

»Alle Wetter!« rief Witte erstaunt. »Und haben Sie mit Ottilien schon

darüber gesprochen?«

»Nein, Herr Witte; ich bin allerdings deshalb heute herübergekommen,

aber da ich Sie zuerst traf, hielt ich es für besser, vorher Ihre

Meinung darüber zu hören. Ich brauche Ihnen auch nicht zu sagen, daß ich

den Schritt genügend vorbereitet thue. Ich kann Ottilien eine zwar nur

bescheidene, aber vollkommen ausreichende Existenz bieten und sie von

allen Nahrungssorgen fern halten, ja, ihr aus eigenen Mitteln, ohne

irgend eine Mitgift zu beanspruchen, auch noch manche Bequemlichkeit

bieten. Mit nur einigermaßen bescheidenen Ansprüchen reichen wir dann

sicher aus, denn ich habe jetzt schon, besonders von auswärts, so viele

ehrenvolle Aufträge und Arbeiten bekommen, daß ich, wenn sich dieselben

nicht einmal steigern, schon jetzt genöthigt bin, einige Gehülfen

anzunehmen.«

»Lieber Baumann,« sagte der Staatsanwalt, der bei den letzten Worten

still und nachdenkend vor sich niedergesehen hatte, »ich weiß, daß Sie

ein braver, tüchtiger Mann sind, kenne Sie auch die langen Jahre und

habe Sie von Herzen gern. Ihr Vater ist ebenfalls ein braver, geachteter

Bürger in der Stadt....«

»Aber?« sagte Fritz und sah erwartungsvoll zu ihm auf.

»Erwarten Sie kein Aber von meiner Seite,« fuhr jedoch der Staatsanwalt

mit dem Kopf schüttelnd, fort. »Hätten Sie mit Ottilien schon gesprochen

und ihr Jawort erhalten, so würde ich selber gegen ihre Wahl nichts

einzuwenden haben, ja, aufrichtig gesagt, wären Sie mir, mit Ihrem

einfachen, anspruchslosen Wesen, lieber als vielleicht mancher andere

Schwiegersohn. Das Aber liegt allein bei meiner Tochter, und mit

der müssen Sie vorher darüber in's Klare kommen; denn das werden Sie

keinesfalls von mir erwarten oder wünschen, daß ich meinem Kind in einer

so wichtigen Sache zureden oder sie gar bereden solle.«

»Lieber Herr Witte, Sie glauben mir wohl, daß ich an etwas Aehnliches

nicht gedacht habe.«

»Gut, dann gehen Sie hinüber zu meiner Tochter und fragen sie selber.

Sie treffen es günstig, denn sie ist gerade ganz allein. Aber Eins

beantworten Sie mir erst: Haben Sie irgend eine -- wie soll ich gleich

sagen -- eine gegründete Ursache, zu glauben, daß Ottilie Sie wirklich

liebt?«

»Bester Herr Witte....«

»Ich will es nicht meinetwegen wissen, lieber Baumann, denn das ist Ihre

Sache; aber ich sage Ihnen ganz aufrichtig, daß meine Idee, wenn ich

überhaupt einmal an etwas Derartiges dachte, nach einer andern Richtung

hin lag. Ich glaubte, Ottilie hätte eine Neigung nach einer andern Seite

gefaßt. Aber, lieber Gott, wer kennt ein Mädchenherz aus, und noch dazu

ich, der ich mir die Stunden abstehlen muß, die ich in meiner Familie

zubringe!«

»Nach anderer Richtung hin?«

»Ich sage Ihnen, es ist das nur eine Vermuthung, und nichts, gar

nichts, worüber ich selber mit mir in's Klare gekommen wäre. Sie waren

Spielgefährten zusammen....«

»Ja, und immer, seit der Zeit, habe ich Ottilie im Herzen getragen.«

»Also wirklich eine erste Liebe? Aber haben Sie noch nie eine Andeutung

davon gegen sie fallen lassen?«

»Neulich, als ich sie zum letzten Male sprach.«

»Und was sagte sie da?«

»Wir wurden gestört -- es kam Besuch -- es war unmittelbar nach dem

Ball, den Sie damals gaben. Aber wenn ich nach ihrem Erröthen und dem

Ausdruck ihrer lieben Züge gehen darf, so ist sie mir gut.«

»Na, dann versuchen Sie Ihr Glück in Gottes Namen,« nickte der

Staatsanwalt; »der Henker soll aus dem Mädchen klug werden! Von mir

haben Sie auch keinen Widerspruch zu fürchten, wobei ich jedoch nicht

eben so sicher für die Mutter einstehen möchte. Aber das läßt sich am

Ende auch überwinden, und wenn sich ihr Kind glücklich darin fühlt, wird

sie auch nichts dagegen haben dürfen.«

»Mein lieber Herr Witte, wie herzlich danke ich Ihnen....«

»Noch haben Sie für gar nichts zu danken, lieber Baumann,« sagte der

alte Herr; »denn hoffentlich halten Sie mich doch für einen vernünftigen

Mann, der sein Kind eben so gern, oder noch ein groß Theil lieber einem

braven Techniker, als irgend einem vornehmen Flieg' in die Luft giebt.

Reden Sie mit dem Mädel, und wenn Ottilie damit einverstanden ist

und Sie so lieb hat, wie -- ich es eigentlich wünsche, dann in Gottes

Namen!«

Damit drückte er dem jungen Manne herzlich die Hand und öffnete ihm

selbst die Thür, und Fritz flog mehr als er ging -- sehr zum Erstaunen

der Schreiber -- durch die Stube und über den Vorsaal hin.

Fritz klopfte herzhaft an -- jetzt war der Bann gebrochen, und als er

nach einem rasch folgenden »Herein!« die Thür öffnete, kam ihm Ottilie

schon auf halbem Weg entgegen, und es war fast, als ob sie die Hand nach

ihm ausstrecke. Aber wie verlegen wurde sie, als sie den jungen Baumann

erkannte und stotterte:

»Entschuldigen Sie, Herr Baumann, ich dachte -- es ging gerade Jemand --

eine Freundin von mir -- unten vorüber, und ich -- glaubte, sie wäre zu

mir heraufgekommen.«

»Und bekomme ich keine Hand, Fräulein Ottilie?«

»Gewiß, warum nicht?« sagte das junge Mädchen, aber immer noch befangen,

indem sie ihm die Hand reichte. Sie wußte auch dabei gar nicht, wie

sonderbar ihr der junge Mann heute vorkam, ganz anders als sonst -- und

was wollte er nur? Eine Arbeit war doch nicht bestellt worden.

Fritz aber, dem ihre Verlegenheit nicht entgehen konnte, fuhr rasch

fort: »Es thut mir leid, Fräulein Ottilie, daß Sie durch mein Erscheinen

vielleicht enttäuscht wurden. Soll ich aber aufrichtig sein, so bin ich

froh, daß Sie jetzt keinen Besuch bekommen haben, denn ich möchte ein

paar Worte mit Ihnen reden -- Sie um etwas fragen.«

»Mich?«

»Ja.«

»Nun, wenn ich Ihnen in irgend etwas Auskunft geben kann, von Herzen

gern.«

»Erinnern Sie sich noch der Zeit, Fräulein Ottilie, wo wir zusammen

spielten und als Kinder so fröhlich mit einander waren?«

»Sie holen weit aus; aber ich dächte, Sie hätten mich neulich schon

darum gefragt. Gewiß, und weshalb nicht?«

»Wissen Sie noch, was wir damals spielten, Ottilie?«

Ottilie erschrak. Bei ihrem bloßen Vornamen hatte sie Baumann seit

jener Zeit nie wieder genannt, und sie erinnerte sich auch, was sie

hauptsächlich zusammen gespielt hatten: Braut und Bräutigam. Jetzt wurde

ihr klar, was ihr früherer Spielgefährte von ihr wollte, weshalb er so

feierlich auftrat. Wieder erblaßte sie auch und wurde dann feuerroth,

fühlte aber zu gleicher Zeit, daß sie jeder Erklärung, so lange es noch

Zeit war, zuvorkommen müsse, und sagte rasch:

»Lieber Himmel, Herr Baumann, was spielen Kinder nicht oft mit einander!

Aber die Zeiten sind jetzt vorüber, Sie ein gereifter Mann geworden,

ich bin ebenfalls aus den Kinderschuhen gewachsen; lassen wir die alten

Sachen ruhen. Was wollen Sie mich denn fragen? Sie entschuldigen, ich

muß zum Vater hinüber.«

»Ihr Vater schickt mich gerade zu Ihnen.«

»Mein Vater? Aber weshalb?«

»Ich kann nicht lange Worte machen, Ottilie,« brach jetzt Baumann durch

alle Hindernisse. »Schon neulich sagte ich Ihnen, daß ich selbstständig

geworden sei und jetzt beabsichtige, einen Hausstand zu gründen. Wollen

Sie mir darin helfen? Wollen Sie mein Weib werden? Seit meiner frühesten

Jugend trage ich Sie im Herzen, nie hat der Gedanke an ein anderes

Wesen meine Brust erfüllt. Sehen Sie den Groschen hier, den Sie mir vor

einiger Zeit gaben? Wie ein Heiligthum trage ich ihn seitdem auf meinem

Herzen. Ich weiß,« fuhr er bewegt fort, als Ottilie erbleichend schwieg,

»ich bin nicht aus vornehmem Stand, und Glanz und Rang kann ich Ihnen

nicht bieten, aber ein treues Herz, Ottilie, und einen geachteten,

ehrlichen Namen. Mein Auskommen habe ich auch; Sie sollen wahrlich an

meiner Hand weder Noth noch Sorge kennen lernen, und wenn Ihr Herz nur

ein klein wenig...«

»Halten Sie ein, Herr Baumann,« unterbrach ihn Ottilie mit fast

tonloser, aber doch vollkommen deutlicher Stimme, »Gehen Sie nicht

weiter und hören Sie mich erst an.«

Baumann erschrak wirklich über die Blässe, die plötzlich alle Farbe aus

ihren Wangen trieb, nur ihre Augen hatten einen ganz merkwürdigen Glanz

angenommen, aber ihr Ausdruck war nicht mehr so freundlich, als vorher.

Das Mädchen jedoch, während sie sich mit der Hand an dem nächsten Tisch

stützte, fuhr mit immer fester werdender Stimme fort:

»Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie in mich zu setzen scheinen.

Man sagt ja, daß ein jeder solcher Antrag ein junges Mädchen ehrt, und

ich darf mich deshalb nicht gekränkt dadurch fühlen. Was aber Ihre Liebe

betrifft, so thut es mir leid -- ich kann sie nicht erwiedern.«

»Ottilie!«

»Es ist nothwendig, daß wir offen gegen einander sind,« fuhr die

Jungfrau fort, und ihr Auge blitzte dabei wie in verhaltenem Zorn,

»schon deshalb nothwendig, um jedes Mißverständniß für die Zukunft

zu vermeiden: nehmen Sie daher die Versicherung, daß ich niemals Ihre

Gattin werden kann und will.«

»Und weshalb nicht, Ottilie?«

»Sie haben kein Recht zu dieser Frage,« erwiederte das junge Mädchen mit

eisiger Kälte. »Wenn ich als Kind nicht den Unterschied kannte, der

uns von einander trennt, so darf man das dem Kinde wohl verzeihen. Sie

werden mir gestatten, daß ich mich jetzt in die Schranken, die mir von

der Gesellschaft geboten sind, zurückziehe.«

Baumann sah das junge, wirklich selbst in ihrem Zorn bildschöne Mädchen

groß und fast erstaunt an. Das war kein liebes, sanftes Herz, wie er

es sich in dieser Brust gedacht; das war nichts als eitler Stolz und

Hochmuth, der diese Worte sprach, und die Jungfrau, wenn sie auch ihre

Worte milderte, stand ihm in der That genau so gegenüber, als ob er sie

auf das Tödtlichste beleidigt hätte. Ihm selber stieg jetzt das Blut in

die Stirn, denn er schämte sich der Rolle, die er hier spielte, obgleich

er in der ehrlichsten Absicht hergekommen. Das war nicht die Tochter

ihres Vaters, das war die Tochter ihrer Mutter, und wie er nur

fühlte, daß hier jedes weitere Wort vergeblich sei, ja, seine Lage nur

unangenehmer machen konnte, sagte er artig, aber jetzt ebenfalls nur

kalt und höflich:

»Fräulein Ottilie, ich muß Sie um Verzeihung bitten, ich wußte nicht,

daß Ihr Verstand schon so vollständig Ihrem Herzen über den Kopf

gewachsen war. Ich bin mir jetzt unserer beiderseitigen Stellung bewußt,

und seien Sie versichert, ich werde Ihnen nie wieder lästig fallen.«

Ottilie wurde blutroth. Das klang wie ein Vorwurf, und während sie

vielleicht fühlte, daß sie ihn verdient hatte, empörte sich doch auch

wieder ihre Eitelkeit dagegen, auch nur Aehnliches von dem _Handwerker_

zu ertragen. Fritz Baumann ließ ihr aber keine Zeit, zu irgend einem

Entschluß zu kommen. Er verbeugte sich kalt -- sein Hut stand neben ihm

auf dem Tisch --, und wenige Secunden später schloß sich die Thür hinter

ihm.

Fritz Baumann dachte auch nicht daran, den Staatsanwalt wieder

aufzusuchen. Er konnte ihn jetzt nicht sprechen, denn die Thränen

standen ihm in den Augen, und Hals und Kehle waren ihm wie zugeschnürt.

Aber nicht der Schmerz um eine verlorene Geliebte trieb ihm das Wasser

zwischen die Wimpern, sondern weit mehr verletztes Ehrgefühl.

Ottilie verachtete in ihm den Handwerker, der es gewagt hatte, zu

ihr, der vornehmen Dame, die Augen zu erheben, und was war sie? Eines

Advocaten Tochter, eines Bürgers der Stadt, wie sein alter, braver, von

Allen geachteter Vater ebenfalls Bürger war. Er biß die Zähne zusammen

und stieg langsam die Treppe hinab.

»Ein Korb,« murmelte er dabei, »ein Korb in aller Form, und _wie_

ertheilt -- so höhnisch, so kalt, so herzlos!« Was war ihr der

Jugendgespiele, was die Liebe, die er für sie im Herzen trug!

So schritt er über die Straße hinüber, so die Bahn entlang nach seines

Vaters Hause, und erst als er dort auf der Schwelle stand, zögerte er

wieder, denn er schämte sich, dem alten Mann unter die Augen zu treten.

Hatte der es ihm nicht vorausgesagt? Aber das konnte er nicht wissen;

kein Mensch konnte hinter so lieben, treuen Augen solche Eitelkeit, eine

so herzlose Brust vermuthen. Und wie würde jetzt das überstolze Mädchen

auf ihn herabsehen, wenn sie ihm je wieder begegnete! Und konnte er sie

denn hassen? Er schüttelte traurig vor sich hin den Kopf. Ach, zu lange

hatte er jenes selige Gefühl der Liebe mit sich herumgetragen, um es

jetzt so rasch und plötzlich gegen Haß umzutauschen!

Aber da war er an der Schwelle, ja, er stand in der Werkstatt, ehe er es

selber recht wußte. Und sollte er hineingehen?

Die Stube öffnete sich, und Madame Müller, die indessen die ganze Zeit

hier gesessen hatte, kam heraus. Sein Vater begleitete sie an die Thür.

»Sie können gar nicht fehlen, Madame,« sagte er; »links gehen Sie

hinunter, und dann biegen Sie rechts hinein in die erste Straße. Es muß

etwa das sechste oder siebente Haus sein; Sie sehen schon das kleine

Porzellanschild an der Thür unten: »Staatsanwalt Witte.« Wenn Sie es

denn nun einmal nicht anders haben wollen; aber ich an Ihrer Stelle...

Holla, Fritz, schon wieder da? Junge, das ist schnell gegangen, fast ein

bischen zu schnell,« setzte er langsamer hinzu. »Na, komm nur herein; es

ist beinahe, als ob ich heute meinen Ambos gar nicht wieder warm kriegen

sollte.«

Madame Müller grüßte, griff ihren, indeß vollständig abgelaufenen

Regenschirm wieder auf und verließ das Haus, während Fritz langsam dem

Vater in die Stube folgte.

»Wo ist die Mutter, Vater?«

»Weiß der liebe Gott, was sie vorhin angewandelt,« sagte der Alte; »sie

wurde auf einmal unwohl, und hat sich auf ihr Bett gelegt. Ach, das geht

rasch vorüber! Wenn man in die Jahre kommt, packt Einen manchmal so

'was ganz plötzlich, dauert aber gewöhnlich nicht lange. Mir wurde auch

neulich einmal sehr schlecht, wie ich den drei Centner schweren Krahn

auf den Wagen gehoben hatte; aber es ging gleich wieder vorüber.

Altersschwäche, mein Junge, weiter nichts. Aber was ist mit Dir? Du

schneidest gerade so ein Gesicht, als ob Dir der Hafer verhagelt wäre.

Abgeblitzt, heh?«

»Ja, Vater,« sagte Fritz mit fester und entschlossener Stimme, denn

er hätte dem Vater gegenüber nicht einmal Ausflüchte suchen mögen. »Du

hattest recht -- wär' ich Deinem Rath gefolgt!«

»Hm, und was sagte sie?« fragte der Vater, indem er beide Hände vorn in

sein Schurzfell schob.

Fritz sah eine Zeit lang schweigend vor sich nieder. Endlich flüsterte

er: »Sie sagte, Vater, daß sie sich jetzt, wenn wir auch früher als

Kinder mit einander gespielt hätten, in den Schranken halten müsse,

welche die Gesellschaft für sie gezogen.«

»Unsinn,« brummte der Schlossermeister; »das versteh' ich nicht. Was hat

die Gesellschaft mit Eurer Heirath zu thun?«

»Sie meinte damit,« fuhr Fritz finster fort, »daß sie zu vornehm wäre,

um einen Handwerker zu heirathen, wenn Dir das deutlicher ist.«

»Das ist allerdings deutlich genug,« lachte der alte Schlosser ingrimmig

vor sich hin; »aber nicht anders, als ich's mir gedacht hatte. Und die

Mutter war natürlich ganz damit einverstanden?«

»Die Mutter war gar nicht zu Hause.«

»Und der Vater?«

»Ist ein Ehrenmann. Ich sprach mit ihm vorher darüber, und er war

freundlich und gut, und sagte mir, daß er mit Freuden seine Einwilligung

geben würde, wenn die Tochter es wünsche.«

»Also ich hatte wieder einmal recht?«

»Ja, Vater.«

»Armer Junge,« nickte der Vater nach längerer Pause, in der Beide ihren

Gedanken folgten. »Das war freilich ein böser Gang, und ein mäßiger

Amboß ist manchmal leichter zu tragen, als so ein Korb. Aber laß Dir's

nicht leid sein, Fritz. Mir ist dabei, ich gebe Dir mein Wort, eine

Last vom Herzen, denn das Mädel hätte nicht zu Dir gepaßt, und Ihr wäret

Beide für Euer ganzes Leben unglücklich geworden. Gleich und Gleich

gesellt sich gern; aber mit der Familie, den alten Staatsanwalt

ausgenommen, würden wir nie zusammen gegangen sein. Es ist gegen die

Natur; und was wär' das nachher für ein Leben, wenn man nicht einmal den

Sohn in seinem eigenen Hause besuchen dürfte, und die Schwiegereltern

wie Hund und Katze zusammen lebten! Und paßt Du etwa zu Bällen und

großen Mittagsessen, wo eine Menge vornehmes Pack zusammenkommt und

die Handwerker über die Achsel ansieht? Daß sich das Volk selber nicht

ernähren kann, und mit seinem Adelsstolz vom Staate gefüttert werden

muß, sehen sie nicht ein! Das gehört sich, das war in der Weltgeschichte

nie anders; aber der Plebs darf ihnen nicht in die Quere kommen!«

»Wittes sind ja aber doch gar nicht adelig, Vater...«

»Um so viel schlimmer, mein Junge. Mit einem wirklich vornehmen Manne

ist immer leicht verkehren, aber das unausstehlichste Gesindel sind

derlei Bürgerliche, wenn sie sich in den Adel hineindrängen, und die

alte Frau Witte mitsammt ihrer Tochter gehören zu der Race, von der

Frisur oben bis zur Fußspitze hinunter.«

Fritz hatte sich auf einen Stuhl geworfen und stützte den Kopf in die

Hand.

»Und Alles umsonst,« sagte er leise; »wie habe ich gearbeitet und

geschafft, wie gedarbt und gespart, nur immer mit der einen Hoffnung im

Herzen, und jetzt Alles vergebens!«

»Wenn ich nur so 'was nicht hören müßte!« rief der alte

Schlossermeister. »Du redest gerade, als ob Du ein Greis von einigen

achtzig Jahren wärst und Dich nun ganz behaglich in die Grube legen

könntest. Du hast gearbeitet und geschafft, ja, aber nicht für die

stolze Liese, die sich zu gut dünkt, eines braven Mannes Frau zu werden,

sondern für Dich selbst, und was Du gethan und geleistet hast, kommt Dir

jetzt selber zu Gute. Erste Liebe -- ja, prosit die Mahlzeit! Wie wenig

Menschen giebt es auf der Welt, die ihre erste Liebe bekommen! Das ist

die Blüthe am Baume, die Frucht kommt später, und junges Volk glaubt

gewöhnlich, wenn es sich in das erste glatte Gesicht vergafft hat,

daß es sterben und verderben würde und müsse, wenn sie das nicht als

Eigenthum bekämen, 's ist aber nicht wahr, und sie leben ruhig fort, und

finden auch bald eine Andere, die sie eines Besseren belehrt. Glaubst

Du, daß Deine Mutter meine erste Liebe gewesen wäre, oder ich ihre? Gott

bewahre! Ich hatte ein Mädel gern, das mit einer Familie von England

gekommen war, ein blitzsauberes Ding, und ich hätte mich damals mit

Vergnügen für sie todtschlagen lassen. Nachher hat sie den dicken Wirth

in Eichenbach geheirathet und jetzt zehn oder zwölf Kinder, lauter

Jungen, und ich danke meinem Schöpfer noch heute, daß ich Deine Mutter

und nicht sie bekommen habe, denn sie ist ein Drache, und der Skandal im

Hause hört nicht auf, während Deine Mutter und ich in Frieden und Liebe

die langen, langen Jahre verlebt und nie den Tag bereut haben, an dem

wir unsere Hände in einander legten und Ja sagten. Willst Du fort?«

Fritz war aufgestanden und hatte seinen Hut genommen. »Ja, Vater,« sagte

er, »ich will nach Hause und wieder mein Arbeitszeug anziehen, ich werde

die Gedanken sonst nicht los.«

»Da hast Du recht,« nickte der Vater, »das Gescheidteste, was Du thun

kannst, und wenn Du meinem Rathe folgen willst, mein Junge, so freie das

nächste Mal, wie ich um Deine Mutter gefreit habe, nicht in einem

feinen Rock und mit nichtsnutzigen Handschuhen an den Händen, sondern im

Schurzfell. Die Ehen halten nachher, und wenn Ihr Euch Beide lieb habt

in der Arbeit, so habt Ihr Euch auch lieb im Glück und Ueberfluß --

umgekehrt stimmt's nicht.«

»Adieu, Vater!«

»Hast Du denn schon gegessen?«

»Ist mir heute der Appetit vergangen,« sagte der junge Mann, indem er

ohne weiteren Gruß zur Thür hinausschritt.

Der alte Schlossermeister blieb noch eine Weile am Tisch stehen und sah

ihm nach. So lieb es ihm auch sein mochte, daß aus der Verbindung, der

er nie etwas Gutes zugetraut, nichts geworden war, so ärgerte es ihn

doch, daß jenes stolze Ding seinen Fritz so hatte ablaufen lassen.

Aber das dauerte nicht lange; Meister Baumann war kein Charakter, der

stundenlang über geschehene Dinge nachgegrübelt hätte.

»Wetterhexe!« brummte er nur leise in den Bart, dann schob er sich das

Käppchen auf's linke Ohr, und zehn Minuten später schallten die Schläge

seines Hammers wieder so lustig durch die Werkstatt, wie nur je.

6.

Staatsanwalt Witte zu Hause.

Der Staatsanwalt Witte war indessen durch den Antrag des jungen

Technikers ebenso überrascht worden, wie seine Tochter selber, ohne aber

auch nur für Einen Moment seinen praktischen Standpunkt zu verlieren. Er

hatte allerdings keine Ahnung gehabt, daß nach dieser Richtung hin bei

Ottilien eine Neigung im Aufkeimen wäre -- weit eher nach anderer,

und das mußte doch der Fall sein, sonst würde der junge, sonst so

schüchterne Mann nicht gleich mit einem directen Antrage vorgetreten

sein. Aber er wäre nicht böse darüber gewesen, denn er kannte Fritz

Baumann als einen strebsamen, ordentlichen und fleißigen jungen

Techniker, und gegen die Eltern war ebenfalls nichts einzuwenden.

Ein etwas »vornehmerer« Schwiegersohn wäre vielleicht auch ihm recht

gewesen, aber er dachte doch zu vernünftig, um das ein Hinderniß sein

zu lassen, wenn Ottilie selber ihr Glück darin sah -- that sie das aber

wirklich?

Er ging in seinem kleinen Zimmer auf und ab und dachte gar nicht an

Arbeiten, denn wichtigere Dinge kreuzten ihm jetzt das Hirn -- die

Zukunft seines einzigen Kindes. Allerdings wollte die Mutter -- das

wußte er gut genug -- hoch mit ihr hinaus, und ihr wäre eine derartige

Verbindung ein bedeutender Strich durch die Rechnung gewesen; bei ihr

fanden sie deshalb auch gewiß noch hartnäckigen Widerstand -- aber

neigte sich denn nicht Ottilie selber ganz den Ansichten der Mutter, und

sollte sie die so auf einmal und so plötzlich gewechselt haben?

Der Staatsanwalt blieb plötzlich in der Stube stehen. Wenn er nun selber

einmal zu seiner Tochter hinüberging -- aber das verdarb am Ende mehr,

als es gut machte. Er hätte auch nicht einmal zureden können und mögen,

denn -- eine brillante Partie war es immer nicht; aber er würde auch

nicht abgeredet haben. Es war besser, er ließ der Sache eben ihren

natürlichen Lauf.

Draußen auf dem Gang wurde eine Thür geöffnet und hastig wieder

geschlossen; er hörte es deutlich, denn seine eigene, in das

Schreibzimmer führende Thür stand noch offen -- das konnte doch nicht

schon der Brautwerber gewesen sein -- vielleicht seine Frau. Er schritt

hinaus über den Vorsaal in seiner Frau Wohnstube, um dort aus dem

Fenster auf die Straße zu sehen. Wahrhaftig, dort ging der junge Baumann

mit raschen Schritten gerade über den Weg!

»Abgelehnt,« nickte er leise vor sich hin -- »ob ich es mir denn nicht

gedacht habe -- armer Junge -- aber es ist, wie ich gefürchtet: das

Mädel hat, wie man so sagt, große Rosinen im Topfe, und ihre Mama

quellt sie noch auf.« -- Er zuckte mit den Achseln. -- »Ich kann's nicht

ändern, und das Gescheiteste wird sein, ich thue, als ob ich gar nichts

von der ganzen Geschichte wüßte.«

Damit drehte er sich um und glitt wieder -- dieses Mal mit geräuschlosen

Schritten -- in sein Büreau hinüber, wo er sich an sein Pult setzte und

arbeitete. Er wollte das Ganze ruhig an sich kommen lassen.

Eine gute Viertelstunde, vielleicht etwas länger, mochte er so ungestört

geblieben sein, als einer seiner Schreiber den Kopf in die Thür steckte

und sagte: »Herr Staatsanwalt, es ist eine Frau hier, die Sie selber zu

sprechen wünscht.«

»Wer ist es?«

»Die Frau Müller aus Vollmers.«

»Soll herein kommen,« sagte der Staatsanwalt mürrisch; er hatte den Kopf

voll und die Störung war ihm nicht gelegen.

»Guten Tag, Herr Advocat!« sagte Madame Müller, indem sie sich in der

Stube nach einem Platz umsah, wo sie ihren Schirm abstellen konnte, denn

sie brauchte ihre Hände für den Strickbeutel.

»Guten Tag, liebe Frau! Was wünschen Sie?«

Der Erbe: Roman. Zweiter Band. · 第 5 / 15 段