»Ich weiß es nicht, Vater, aber ich glaube es,« sagte Fritz herzlich:

»sie war immer so gut und lieb mit mir, und wir haben ja schon als

Kinder Braut und Bräutigam mitsammen gespielt.«

»Ich will Dir 'was sagen, mein Junge,« nickte der Alte, »die Sache

gefällt mir nicht.«

»Gefällt Dir nicht, Gottfried?« rief die Frau. »Und hätte er sich ein

netteres, hübscheres Mädchen in der ganzen Stadt aussuchen können?«

»Nein -- sie ist mir nur zu nett,« erwiederte der Schlossermeister.

»Wärst Du zu mir gekommen und hättest gesagt: Vater, ich habe mir die

Tochter vom Schneidermeister So und So oder vom Schuster So und So zur

Frau ausersehen und will sie heirathen, so würde ich geantwortet haben:

Bravo, mein Sohn, thu' das, und Gott gebe seinen Segen dazu -- meinen

hast Du. Aber die vornehme Tochter des Staatsanwalts, die große

Gesellschaften mit lauter Adeligen geben -- das thut kein gut.«

»Aber, Vater, Ottilie ist so einfach erzogen -- so wirthschaftlich!«

»Und bist Du wirklich überzeugt, daß sie Dich gern hat -- nein, nicht

so,« fuhr er rasch fort, als Fritz darauf erwiedern wollte -- »und was

wir so gewöhnlich darunter verstehen -- ich meine, ob Du überzeugt

bist, daß sie Dich so gern hat, um Dich wirklich zu heirathen und dem

Handwerker vor allen übrigen vornehmen Bewerbern die Hand zu reichen?«

»Wenn ich es nicht fest glaubte, würde ich sie nicht darum fragen,

Vater!«

»Ja,« nickte dieser, »denn ein richtiger Korb muß eine verflucht

unangenehme Geschichte sein -- möchte mir gerade keinen holen. Aber

mir ist die Sache doch nicht recht -- werde freilich nicht viel darum

gefragt werden. Aber Du paßt in die Familie nicht hinein, und wir gar

nicht, und ich glaube selbst nicht einmal, daß sich die Eltern -- die

Mutter wenigstens -- besonders erfreut darüber zeigen würden.«

»Aber, Gottfried, ich weiß gar nicht, was Du immer für Bedenken hast!«

»Keine anderen, als solche, für die ich auch einen Grund hätte. Wenn

sie wirklich an so etwas dächten, weshalb haben sie denn da den Fritz

neulich nicht zu ihrem Ball geladen, wie? Wenn er ihnen gut genug zum

Schwiegersohne wäre, müßte er es doch ganz gewiß erst recht als Gast

sein. Es hat aber Niemand von ihnen daran gedacht, während es von

adeligen Lieutenants nur so geschwärmt haben soll.«

»Aber was Du auch nicht Alles heraussuchst!«

»Ich suche gar nichts heraus, Alte, als was einmal drin liegt, und so

viel ist sicher« -- er mußte einen Augenblick mit Reden aufhören, denn

so furchtbar dröhnte der Donner, daß die Worte lautlos verhallten --

»so viel ist sicher,« fuhr er dann fort, ohne sich weiter irre machen zu

lassen, »daß die Familie, meiner Meinung nach, mit ihrer Tochter weiter

oder höher hinaus will, als sie einem Handwerker zu geben!«

»Aber ein Mechanikus ist doch kein Handwerker, Gottfried!«

»Nenne es, wie Du willst, es bleibt immer dasselbe,« beharrte störrisch

der Alte. »Und haben wir nicht neulich schon einmal davon gesprochen, wo

ich dazu kam, wie ihr einer von den Lieutenants, ich glaube, es war

der Wendelsheim, so zärtlich die Hand küßte -- und wie freute sie sich

darüber! Das gäb' nicht einmal eine Frau für Dich, wenn sie Dich selber

wollte.«

»Aber, Vater, Ottilie ist gewiß nicht coquet.«

»Gerade ist sie's, und recht sehr,« sagte der Alte; »Du siehst es nur

nicht, weil die Liebe, wie gewöhnlich, blind ist. Richtig coquet ist

sie, und ihre Mutter hat sie dazu angelernt. Allen Respect vor dem

Vater. Der alte Witte gilt in der ganzen Stadt für einen schlichten

und dazu braven und rechtlichen Mann; aber der Frau steckt der

Hochmuthsteufel noch viel ärger im Kopfe als Dir, Alte -- die möchte mit

der Nase die Decke abreiben, und über Unsereinen guckt sie nur immer so

hoch hinweg, als ob man seinen Kopf auf einer Stange trüge. Geh' mir

mit der; ich hab' früher ein paarmal mit ihr zu thun gehabt und sie auch

einmal bei einer Gelegenheit recht tüchtig ablaufen lassen. Nachher ist

sie etwas artiger oder herablassender geworden.«

»Aber der Fritz ist auch von guter Familie,« sagte die Frau, »und dazu

ein stattlicher Bursche.«

»Nicht was derartige Leute eine »gute Familie« nennen, Mutter,« sagte

der Schlossermeister; »das Wort »gut« heißt bei denen nur immer sehr

vornehm oder sehr reich, und wo möglich beides zusammen -- das sind die

besten -- ein ehrlicher Handwerker wird nicht mit dazu gezählt.«

»Aber wenn sich die Herzen nun zusammenfinden, Vater?« sagte Fritz.

»Das sind Bücherideen,« rief der Alte; »denn wenn die Familien

nachher nicht zusammenpassen, so giebt's Streit und Unfrieden, Haß

und Eifersucht. Ich wollte, Du hättest Dir eine Schneiderstochter

ausgesucht, Fritz, oder noch viel tausendmal lieber eine von unserem

Gewerke; nachher solltest Du einmal sehen, wie lustig und vergnügt ich

noch auf Deiner Hochzeit tanzen würde; so aber ist's nichts, und wenn

uns die Madame Witte wirklich einlüde, so müßten wir's uns noch zur Ehre

schätzen und uns fein anständig und ehrbar betragen.«

Fritz Baumann's Mutter hatte still und schweigend vor sich nieder

gesehen, aber kein Wort mehr gesagt, und Fritz wunderte sich eigentlich,

daß sie nicht seine Partei stärker nahm; aber der Alte hatte auch

recht, denn sein Entschluß stand zu fest, um sich noch von seiner Liebe

abwenden zu lassen. Ottilie war schon seit langen Jahren sein Ideal

aller Weiblichkeit gewesen, und nur um sie zu gewinnen, hatte er sich

mit beispiellosem Fleiße abgemüht, sein Ziel so bald zu erreichen. Jetzt

stand er unabhängig da, nicht mit der Hoffnung, nein, mit der Gewißheit,

sich sein Brot gut und reichlich verdienen zu können und eine Frau und

Familie dabei zu ernähren. Er wollte keine Mitgift, er verlangte keine;

was sie brauchten, konnte er selber beschaffen, und die Mutter hatte ihm

schon versprochen, in der ersten Zeit, wenn sich die Ausgaben vielleicht

unerwartet zu sehr häufen sollten, beizuspringen. Was brauchte er mehr?

Er trat ja nicht als Bittender in Witte's Haus -- wie er bat, wollte er

auch bringen, der Tochter einen treuen Gatten, den Eltern einen wackern

Sohn.

»Vater,« sagte er deshalb, »Du siehst die Sache zu schwarz. Ich gebe zu,

daß es Ottiliens Mutter vielleicht lieber sähe, wenn ihre Tochter eine

vornehmere Partie machte; es ist das ja natürlich. Aber sie wird auch

nicht der Liebe derselben entgegentreten wollen, und ist mir Ottilie

wirklich gut...«

»Was Du noch nicht einmal zu wissen scheinst.«

»Was ich aber von Herzen hoffe -- dann, glaub' ich, wird sie sich auch

nicht sträuben, ihre Einwilligung zu geben. In unserer Stadt besteht

noch die alte Achtung vor dem Bürgerstande, und dem gehören wir so gut

an, wie der Staatsanwalt Witte. Er ist eben so wenig adelig oder Baron,

als wir, und wenn seine Frau wirklich daran dächte, ihr Kind Einem aus

jenem Stande zu geben, so wäre der Sprung weit größer, als von uns zu

ihr.«

»Ja,« sagte der Vater, »das klingt ganz vernünftig, ist aber nur einfach

nicht wahr, weil Sitten und Gewohnheiten die ganze Geschichte gewöhnlich

herumdrehen. Aber was kann's helfen -- Du, als mein echter Sohn, hast

natürlich gerade einen solchen Dickschädel, wie ich, und der muß erst

ein paarmal irgendwo gegen rennen, ehe er gescheidt wird -- also lauf'.

Mit Vernunftgründen ist bei Dir doch nichts auszurichten, Du mußt durch

Schaden klug werden.«

»Vater...«

»Es ist nicht anders -- aber das Wetter warte erst ab, sonst kommst Du

wie eine gebadete Maus als Brautwerber, und naß sieht ein Fisch recht

hübsch aus, aber kein Mensch -- der Guß kann ja doch nicht ewig dauern.

Jesus, wie das noch regnet; wie dicke Seile kommt's von oben herunter,

und auf der Straße könnte man beinahe mit einem Boote fahren -- Herein!«

Der Ausruf galt einem starken und ganz entschiedenen Klopfen an der

Thür, die sich auch gleich darauf öffnete und das uns wohl bekannte

Gesicht der Madame Müller zeigte.

»Guten Tag Alle mitsammen!« sagte sie, ihren Regenschirm vorsichtiger

Weise draußen lassend. »Jemine, meine Güte, ist das ein Wetter, und bei

dem wird man herausgejagt, wo man so ruhig zwischen seinen vier Pfählen

sitzen könnte! Ich werde mir wohl wieder den Tod an einem Schnupfen

holen, denn aus den Schuhen hebt mich das Wasser bald heraus -- bis an

die Knöchel geht's Einem ja da draußen!«

»Madame Müller,« lachte Baumann, »so wahr ich lebe -- na, Sie haben sich

eine schöne Witterung zum Spazierengehen ausgesucht -- aber kommen Sie

doch nur herein! Sie wollen doch nicht in der Thür stehen bleiben?«

»Nein,« sagte Madame Müller mit einem Blick auf das reinliche Zimmer;

»aber ich triefe nur so, und mein verwünschter blauer Kittel färbt ab

-- ich werde Ihnen einen blauen Streifen in's Zimmer bringen. So

einen Regen hab' ich noch gar nicht erlebt; das ist ja ein wahrer

Wolkenbruch!«

»Aber Sie sind doch nicht von Vollmers herein zu Fuß gegangen?« rief

Frau Baumann, indem sie ihr behülflich war, das Tuch abzunehmen und

aufzuhängen.

»Na, weiter fehlt mir nichts,« sagte die Dame; »aber ich hatte vorher

noch einen Besuch zu machen, und jetzt bin ich hieher gekommen, Herr

Baumann, um Sie in einer Sache um Rath zu fragen.«

»Mich?« lachte der Schlossermeister. »Da wären Sie wohl an der falschen

Thür; ich bin doch kein Advocat.«

»Ja, eben einen guten, anständigen Advocaten will ich bei Ihnen

erfragen,« sagte die Frau; »es giebt derlei Volk genug in der Stadt,

alle drei Thüren weit klebt ein Schild, aber wer sich da nicht auskennt,

ist auch gleich verrathen und verkauft.«

»Hm,« sagte Baumann, »und was haben Sie mit einem Advocaten zu thun? Wer

die nicht sehr nothwendig hat, soll die Finger um Gottes willen davon

lassen; mit denen ist nicht gut Kirschen essen.«

»Das weiß ich,« nickte Madame Müller entschieden mit dem Kopf, indem sie

sich auf den ihr hingeschobenen Stuhl niederließ. »Ah, da ist ja auch

der Fritz -- alle Wetter, ist der groß und ein hübscher Junge geworden,

Baumann! Der ist ja einen halben Kopf größer als Sie, und Sie gehören

auch nicht mit zu den Kleinsten.«

»Ja, und jetzt Meister und selbstständig geworden,« nickte der Vater mit

einem beifälligen Lächeln auf den Sohn; »er hat 'was gelernt, der Junge,

das muß man ihm lassen, und wird sich schon durchhelfen in der Welt.«

»Dafür kann man Gott nicht genug danken,« nickte die Frau, »wenn man

Freude an seinen Kindern erlebt -- aber was ich gleich sagen wollte,

Meister, wissen Sie hier in der Nähe einen ordentlichen Advocaten, der

weiß, was Rechtens ist?«

»Das sollten sie eigentlich alle wissen,« lächelte der Meister, »aber es

kommt darauf an, zu was Sie ihn haben wollen. Brauchen Sie einen recht

verschmitzten und durchtriebenen, so...«

»Nein, den brauch' ich nicht,« rief Madame Müller; »ich will einen

ehrlichen haben, der geradeweg ist, denn ich habe auch eine ehrliche

Sache!«

»Ja, liebe Madame Müller,« sagte Baumann, sich den Kopf kratzend, »mit

den Advocaten hier in der Stadt bin ich, Gott sei Dank, nicht besonders

bekannt; aber wenn Sie in der Sache einen guten Rath hören wollen, dann

gehen Sie zum Staatsanwalt Witte. Ob er sich selber damit einläßt, weiß

ich nicht, aber was der Ihnen sagt, können Sie getrost thun, denn das

ist ein ehrlicher Mann.«

»Gut, danke schön, weiter verlang' ich nichts; das Uebrige besorg' ich

mir dann schon selber, denn auf den Kopf gefallen bin ich auch nicht,

und in meinem eigenen Hause brauche ich mich nicht beschimpfen und

beleidigen zu lassen.«

»Nein, das allerdings nicht,« sagte Meister Baumann; »und hat das

wirklich Jemand gethan?«

»Ih, denken Sie nur,« rief die Frau, »kommen da neulich -- ich habe zehn

Tage von dem Aerger krank im Bette gelegen -- so ein paar ganz anständig

gekleidete Herren -- der eine war ein Rath und der andere ein Major --

zu mir in's Haus hinein und reden so zuckersüß und gehen immer wie die

Katze um den heißen Brei herum, thun auch, als ob sie gar nicht zu mir,

sondern nur zu meinem Schwiegersohn gewollt hätten, der gerade wieder

mit meiner Tochter fortgefahren war. Wie ich aber nicht anbiß, denn wer

denkt denn in seiner Gutmüthigkeit an so 'was, fingen sie an vom Baron

Wendelsheim und seinem ältesten Sohn zu reden.«

»Vom Baron Wendelsheim?« rief Frau Baumann.

»Ja wohl,« nickte Madame Müller; »und auf einmal sagte mir der eine von

ihnen, der Rath -- und ein Mundwerk hatte er, daß Einem angst und bange

wurde -- sagte mir der Rath -- man sollte es gar nicht für möglich

halten --, das Bild von meiner Tochter, das über meinem Sopha hängt und

das der Maler Schröter hier gemalt hat, wie sie neunzehn Jahre alt war,

wäre gar nicht meine Tochter, sondern das Kind vom Baron, und ich hätte

das Kind vertauscht, und die Heßberger hätte es ihnen erzählt.«

»Aber das ist doch ganz unmöglich!« rief Frau Baumann, von ihrem Stuhl

emporfahrend.

»Na, ich hab' ihnen aber heimgeleuchtet,« lachte Madame Müller ingrimmig

vor sich hin, »die kommen so bald nicht wieder! Was ich ihnen eigentlich

gesagt habe, weiß ich gar nicht mehr; aber Excellenz habe ich sie

nicht genannt, darauf können Sie sich verlassen. Ich wollte auch

gleich nachher auf's Gericht und das Lumpengesindel auf frischer That

verklagen; aber der Aerger war mir so in die Glieder geschlagen, daß

ich mich wahrhaftig zu Bett legen mußte, und da kriegte ich meinen alten

Rheumatismus in das linke Knie, daß ich mich die ganze Zeit nicht rühren

konnte. Aber jetzt geht's wieder, und mein erster Gang war heute Morgen

zur Heßbergern, Ihrer Schwester, Baumannen, um der einmal ordentlich

die Leviten zu lesen, daß sie von einer ehrlichen Frau solche

Schandgeschichten erzählt. Die leugnet aber Stein und Bein; kein Wort

will sie, weder mit dem Rath noch mit dem Major, gesprochen haben. Aber

ich trau' ihr nicht, Baumannen, wenn's auch Ihre Schwester ist; sie hat

immer ihre Hinterkniffe gehabt, so lange ich sie kenne, und da wollen

wir denn kurzen Proceß machen. Ich muß der Sache auf den Grund gehen,

und wenn die Heßberger recht hat, dann sollen mir die beiden Patrone,

der Rath und der Major, vor's Messer.«

»Aber, liebe Madame Müller,« sagte Baumann kopfschüttelnd, während seine

Frau aufstand und in die Küche ging, »wegen eines solchen Klatsches

wollen Sie vor Gericht? Wenn Sie meinem Rathe folgen, so lassen Sie die

Hände davon, denn dabei kommt nichts heraus, als höchstens Lauferei und

Geldkosten. Kennen Sie denn den Rath Frühbach?«

»Ich? In meinem ganzen Leben hab' ich den Menschen nicht gesehen.«

»Nun ja, der ist aber in der ganzen Stadt dafür bekannt, daß er die

Leute auf der Straße anfällt und todtschwatzt.«

»Aber dann soll er mir nicht in's Haus kommen, und Ihnen kann es auch

nicht recht sein, Baumann, daß er von Ihrer Schwägerin solche Sachen

erzählt.«

»Liebe Madame Müller,« sagte Baumann und sah sich vorher im Zimmer um,

ob seine Frau nicht da wäre, »von meiner Schwägerin wollen wir nicht

weiter reden; die schwatzt auch mehr, als sie verantworten kann, wenn

ich auch nicht gerade glaube, daß sie das gesagt hat, und noch weniger

zum Rath Frühbach. Die Heßberger hat ein böses Mundwerk, und je weniger

ich von ihr zu sehen bekomme, desto lieber ist es mir -- wenn ich's auch

meine Alte nicht gern merken lasse, da es ihr weh thut.«

»Nun ja, es sind Schwestern,« sagte Madame Müller; »so ungleich habe ich

aber noch gar keine Schwestern gesehen -- im ganzen Leben nicht. Ihre

Frau ist eine brave, ordentliche Hausfrau, und die Heßberger -- na, ich

will mir das Maul nicht verbrennen. Hat sie mich aber wirklich auf eine

solche gemeine Weise hinter meinem Rücken schlecht gemacht, dann soll

sie auch dafür bezahlen, und hat sie's nicht, gut, dann kriegen wir den

Rath, denn Einer von Beiden hat gelogen, und bei der Müllern sind sie

nur unglücklicher Weise gerade an die Unrechte gerathen. =A propos=, wo

wohnt der Herr Witte?«

Der alte Baumann sah Fritz an, der wie auf Kohlen saß und nur

das Aufhören des Regens erwartete. Was interessirte ihn der

Alteweiberklatsch! Der wollte jetzt hinüber, und wenn ihm die Frau

Müller in die Quere kam, war nichts zu machen -- die mußte er deshalb

noch eine Weile zurückhalten.

»O, gar nicht weit von hier,« sagte er nach einer kleinen Pause; »aber

jetzt können Sie ihn nicht sprechen, Madame Müller. Der Mann hat so viel

zu thun, daß er nur in bestimmten Stunden Fremde annimmt. Weißt Du, in

welcher Zeit das ist, Fritz?«

»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte Fritz, dem selber nichts daran lag,

daß ihm die Frau jetzt zuvorkam. »Vor halb Eins ist er, glaub' ich,

nicht zu sprechen.«

»Gut, dann geh' ich um halb Eins hin,« nickte die Frau, die sich nun

einmal von ihrem Vorsatz nicht abbringen ließ.

»Dann bleiben Sie aber so lange bei uns, Madame Müller,« sagte Baumann,

»und essen mit uns, was da ist -- viel wird's so nicht geben, und ich

glaube, meine Frau ist auch deshalb schon hinaus in die Küche gegangen.«

»Schön, Herr Baumann, von Ihnen nehm' ich das an, denn ich weiß, Sie

meinen's genau so, wie Sie's sagen.«

»Ich glaube nicht, daß mich schon Jemand anders gefunden hat.«

»Nein, gewiß nicht -- also, es bleibt dabei; und indessen trocknet mir

auch die Fahne ein bischen ab, daß ich nicht gar so schlumpig aussehe,

wenn man zu fremden Leuten kommt.«

»Na, Fritz, dann könntest Du wohl indessen Deinen Weg abmachen,« wandte

sich der Alte jetzt an diesen, »und vielleicht bist Du zum Essen wieder

hier -- Du müßtest denn gleich eingeladen werden,« setzte er mit einem

eigenthümlichen Lächeln hinzu.

»Wo will denn der Fritz hin, er ist ja in seinem Sonntagsstaat?«

»O, nur zu einem Professor wegen Instrumente,« meinte der Vater; »der

Regen hat ja auch jetzt aufgehört, und da oben guckt schon wieder der

blaue Himmel durch. Das war aber ein Wetter!«

Ein eigenes, schelmisches Lächeln flog über die Züge des jungen Mannes,

als er eben an seinen Professor dachte. Aber der Vater hatte Recht, denn

wenn er gehen wollte, war es besser, er ging gleich, und ließ sich nicht

von der alten Frau Müller zuvorkommen, da er doch den alten Staatsanwalt

selber gern einmal vorher gesprochen hätte. Wo war nur die Mutter

hingerathen? Er suchte sie draußen in der Küche, konnte sie aber auch

dort nicht finden; er hätte gern Abschied von ihr genommen, da er einen

so wichtigen Schritt seines Lebens thun wollte -- aber er sah sie ja

auch gleich nachher.

»Also, Vater, ich gehe jetzt,« sagte er, auf diesen zugehend und ihm die

Hand reichend -- der alte Baumann wischte aber die seinige erst an einem

dort liegenden Tuche ab -- »und so wie ich etwas Genaueres erfahre,

komme ich her und theile es Euch mit.«

»Schön, mein Junge,« schmunzelte der Alte, »und -- grüß' mir Deinen

Professor,« setzte er hinzu, »und sag' ihm -- wenn Ihr Euch über die

Arbeit einigt, natürlich --, er möchte doch auch einmal zu mir herüber

in die Werkstätte kommen -- verstanden?«

»Gewiß, Vater,« sagte Fritz, während ihm das Blut in die Schläfe stieg,

»und hoffentlich einigen wir uns ja. Grüß' die Mutter noch einmal --

Adieu -- Adieu, Madame Müller!« Und rasch wandte er sich und schritt zur

Thür hinaus.

5.

Die Werbung.

Es war doch ein ganz eigenes, beklemmendes Gefühl, mit dem Fritz die

Werkstätte durchschritt; denn wenn er sich die Sache bis dahin auch in

den rosigsten Farben ausgemalt hatte, so fing ihm das Herz jetzt, da er

sich der Entscheidung gegenüber sah, merkwürdig an zu schlagen und zu

klopfen, und er war eigentlich ganz zufrieden damit, daß er an der auf

die Straße hinausführenden Thür noch einen Augenblick halten mußte,

um das Regenwasser erst ein wenig ablaufen zu lassen, denn wie

ein Sturzbach kam es noch die Straße nieder. Das ging aber doch

verhältnißmaßig rasch, denn da kein neuer Zufluß mehr kam, hatten sich

die Dächer bald geleert, und die Schleusen sogen genug davon ein, um

wenigstens die Trottoirs frei zu machen.

Der Weg war auch nicht so weit; gleich in der andern Straße wohnte

der Staatsanwalt, und mit einem unwillkürlich aus tiefster Brust

heraufgeholten Seufzer schritt jetzt Fritz Baumann seinen Weg entlang.

Allerdings war er noch immer unschlüssig, wie er es machen, ob er zuerst

Ottilie selber oder lieber ihren Vater aufsuchen solle. Der alte Witte,

das wußte er, hatte ihn gern und sich oft mit ihm über seine künftigen

Pläne und Aussichten unterhalten. Aber nützte ihm das bei der Tochter?

Wenn ihn Ottilie wirklich liebte, brauchte es da der Zureden des Vaters?

Und doch beschlich ihn wieder ein recht fatales Gefühl, wenn er an das

dachte, was sein eigener Vater vor wenigen Minuten zu ihm gesagt. Es war

nur zu wahr, daß eine Menge adeliger Herren mit dem Hause verkehrten,

und als er am Abend jenes Balles unter den erleuchteten Fenstern

vorüberging, gab es ihm selber einen Stich durch's Herz. Aber damals

konnte sie ihn eigentlich noch gar nicht einladen, und wie lieb hatte

sich Ottilie gegen ihn gezeigt, ja, wie deutlich bewiesen, welchen

Antheil sie an ihm nehme, als er ihr an jenem Tage mittheilte, daß er

selbstständig geworden. War ihr in jenem Augenblick das Blut nicht in

einem wahren Strom in die Schläfe gestiegen, und wie gut, wie herzig

hatte sie dabei ausgesehen! Daß auch gerade damals der alberne

Ballbesuch kam -- er war so auf dem besten Wege gewesen und hätte

vielleicht damals schon die Gewißheit seines Glückes bekommen.

Aber es war selbst jetzt noch nicht zu spät, und heute, besonders

unmittelbar nach dem schlechten Wetter, kaum eine Störung zu befürchten.

Er wollte es auch ganz dem Zufall überlassen, mit wem er zuerst sprach,

mit dem Vater oder der Tochter, wen er zuerst traf -- nur nicht mit der

Mutter, denn zu der hatte er selber kein rechtes Vertrauen und nie recht

warm in ihrer Gegenwart werden können.

Aber, lieber Gott, wie rasch ihm diesmal die Zeit verflossen war! Er

befand sich schon im Hause, schon auf der Treppe, ehe er nur eigentlich

selber wußte, wie er dahin gekommen. Und wie schwer ihm die Füße wurden,

als er die Stufen hinanstieg, so merkwürdig schwer, und sonst war er sie

so leicht hinaufgesprungen! Aber es konnte nichts mehr helfen; er mußte

vorwärts. Wie hatte er sich auch nach dem Augenblick gesehnt! Jetzt war

er ja da, und er selber nur thöricht und zaghaft, wenn er sich davor

fürchtete. Er stieg auch mit festen Schritten die wenigen Stufen hinan,

die ihn noch von dem Vorsaal trennten, und wollte sich eben entschlossen

nach links wenden, wo er Ottiliens Zimmer wußte, als der Staatsanwalt

selber von dort herauskam und auf seine eigene Stube zuging. Als er den

jungen Mann bemerkte, rief er freundlich aus:

»Ah, lieber Baumann, wollen Sie zu mir? Kommen Sie hier herein!« Und

damit, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, schritt er in sein Büreau,

dessen Thür er hinter sich offen ließ.

Fritz Baumann konnte jetzt gar nicht anders, als ihm folgen, und nahm

das für einen Fingerzeig, denn ein wenig abergläubisch sind wir ja

Alle mit einander. Er sollte zuerst mit dem Vater sprechen, und es war

vielleicht auch besser so.

Vorn im Büreau saßen und standen fünf verschiedene Schreiber in einem

nicht überhellen Gemach; die Leute kritzelten mit ihren Federn und

warfen kaum einen Blick darüber hin nach dem Eingetretenen. Ihr Chef war

gerade wiedergekommen, und der mußte sie thätig bei der Arbeit finden.

Gleich dahinter hatte der Staatsanwalt sein Privatzimmer, und als

Fritz Baumann das hinter demselben her betrat, drückte er die Thür in's

Schloß, denn die Schreiber brauchten gerade nicht zu wissen, um was es

sich hier handle.

»Nun, mein lieber Baumaun,« sagte der Staatsanwalt in seiner cordialen

Weise, »was führt Sie zu mir? Setzen Sie sich -- Sie rauchen doch?«

»Ich danke freundlichst -- heute nicht,« lehnte der junge Mann ab.

»Heute nicht?« lachte Witte, indem er sich die eigene Cigarre anzündete.

»Es ist doch nicht etwa Ihr Geburtstag oder sonst eine feierliche

Gelegenheit?«

»Lieber Herr Witte,« sagte Fritz, dem es jetzt fast die Kehle

zusammenschnürte, »ich -- bin allerdings aus einer ganz eigenthümlichen

Ursache zu Ihnen gekommen.«

»So? Na, da lassen Sie einmal hören. Wie mir Ottilie neulich sagte, sind

Sie ja jetzt Ihr eigener Herr geworden, wie?«

»Allerdings, und das -- auch eigentlich die Ursache, weshalb ich zu

Ihnen komme...«

»So? Doch keine Schwierigkeiten in der Stadt? Die wollten wir bald klar

bekommen.«

»Nein, Herr Witte -- eine -- Familienangelegenheit....«

Der Erbe: Roman. Zweiter Band. · 第 4 / 15 段