Und nun erzählte sie mit ziemlich kurz gedrängten Worten, aber natürlich

noch immer in jener gereizten Stimmung, welche die Erinnerung an den

Morgen in ihr hervorrief, dem aufmerksam zuhörenden Heßberger'schen

Ehepaare die Erlebnisse mit Rath Frühbach und dem Major, und Heßberger

unterbrach oder störte sie darin nur ein einziges Mal, indem er

leise und vorsichtig an die Thür der Werkstatt schlich und diese dann

plötzlich aufriß, ob er vielleicht einen seiner Jungen beim Horchen

ertappte. Die aber kannten schon sein Manöver und hüteten sich wohl,

etwas Derartiges zu versuchen. Wie angeleimt saßen sie auf ihren

Schemeln, und darüber beruhigt, schloß der Schuhmacher die Thür wieder.

Die Frau Heßberger schüttelte aber, während ihr Besuch erzählte, immer

nur schweigend mit dem Kopf; denn obgleich sie sich von dieser Anklage,

dem Rath Frühbach etwas Aehnliches erzählt zu haben, vollkommen rein

wußte, so begriff sie doch in aller Welt nicht, wie der genannte Herr

erstlich zur Frau Müller kam, und dann auch nicht, wie er _sie_ auf

solche Weise da hinein bringen konnte. Aber der Major -- den kannte sie

gut genug, und der stak auch jedenfalls hinter dem Ganzen.

Ihr Mann mußte ähnliche Gedanken gehabt haben, denn wie die Frau einen

Augenblick schwieg, mehr um Athem zu schöpfen, als weil es ihr an Stoff

gefehlt hätte -- sie würde einen Monat lang damit ausgereicht haben --,

sagte er artig:

»Escusiren Sie, Madame Müller, behauptete denn der Herr Geheime Major

etwas Aehnliches?«

»Ja, ob es ein geheimer Major war oder nicht,« sagte Madame Müller,

»weiß ich nicht -- eine Uniform trug er freilich nicht, wie sich's für

einen Major gehört, sondern einen alten grauen Rock und einen runden

Hut --, aber er sprach wenig oder gar nichts; der Rath führte ziemlich

allein das Wort und trank auch allein meinen Wein aus, der graue Sünder

der... Aber nun, Frau Heßberger, frage ich Sie, wie konnten Sie sich

unterstehen, etwas Derartiges von mir zu erzählen? Habe ich je in meinem

ganzen Leben...«

»Ereifern Sie sich nicht unnöthiger Weise, Madame Müllern,« sagte die

Heßberger mit Würde, denn sie hatte Zeit genug gehabt, um sich Alles

genau zu überlegen. »Ich kann es auf die Hostie beschwören, daß Ihnen

jener Herr Rath, was mich betrifft, nichts als blanke Lügen erzählt hat,

und wenn Sie mir ihn hieherbringen, will ich ihm das in's Gesicht hinein

sagen. Und was Ihren Major betrifft, so kenn' ich den gar nicht und habe

ihn wohl noch nicht einmal gesehen, viel weniger gesprochen, und noch

viel weniger über Sie. Außerdem,« fuhr sie fort, als sie sah, daß Madame

Müller etwas darauf erwiedern wollte, »steht hier die Frau, die von der

Geburt des Wendelsheim'schen Kindes an bei ihm war, und doch wohl wissen

müßte, ob es vertauscht wäre oder nicht, denn mir kann in der Hinsicht

Keiner ein X für ein U machen. Ich habe aber den Jungen -- und ein

prächtiger junger Herr ist es geworden -- zuerst auf den Armen gehabt,

und Wochen und Monate und Jahre lang vor Augen, und wenn den hätte Einer

auswechseln wollen, der hätte es klug anlegen müssen. Aber ich weiß,

woher das Alles kommt: der Major steckt dahinter; das ist derselbe,

der das Geld gekriegt hätte, oder doch ein ganz Theil davon, wenn die

Wendelsheim'sche Familie ohne männlichen Erben geblieben wäre. Jetzt

hat sie, Gott sei Dank, deren zwei, und da nun das Geld bald ausgezahlt

werden soll, kommt bei ihm die Wuth und der Aerger, daß er nichts kriegt

und leer ausgeht, und er versucht's auf allerlei Art, um noch einen

Haken daran zu finden.«

»Aber, Heßbergern,« sagte die Madame Müller, »das ist ja doch gar nicht

möglich! So schlecht kann doch ein Mensch gar nicht sein...«

»Lehren Sie mich die Menschen kennen, Madame Müllern!« sagte die

Heßberger, während der Schuster einen salbungsvollen Blick nach oben

warf und schwer aufseufzend mit dem Kopf nickte -- er schien sie

ebenfalls zu kennen. »Mir sind schlimmere Dinge passirt,« fuhr die Frau

fort, »viel schlimmere, und die ersten Jahre -- Sie waren wohl damals

schon in die weite Welt gegangen und über die See --, da hatten sie bald

dies, bald das Gerede, und Alles über die arme Heßberger, die konnte

herhalten, weil sie zu gutmüthig war, fest gegen sie aufzutreten. Aber

zuletzt mußten sie's doch aufgeben -- Wahrheit und Ehrlichkeit bleiben

immer oben, Madame Müllern, immer und ewig, und wie sie erst ausfanden,

daß sie mir nichts anhaben konnten, ließen sie mich zufrieden.«

»Und dann wollen sie jetzt vielleicht mit mir dasselbe Spiel versuchen?«

rief Madame Müller, deren ganzer Zorn sich nun gegen ihren neulichen

Besuch kehrte. »Aber da sind sie an die Falsche gerathen! Ich bin

_nicht_ zu gutmüthig, die Versicherung kann ich Ihnen geben, Heßbergern,

und wenn mich neulich nicht der Aerger und Zorn so krank gemacht hätte,

daß ich mich niederlegen und volle zehn Tage das Bett hüten mußte, ich

wäre augenblicklich auf die Gerichte gelaufen! Aber aufgeschoben ist

nicht aufgehoben, und dazu heute so gut ein Tag, wie gestern oder vor

acht Tagen!«

»Aber, beste Madame Müller,« sagte Heßberger sehr artig, »da treten

Sie die Geschichte erst recht breit. Ich würde solche Menschen mit

Verachtung strafen und laufen lassen. Die kommen Ihnen nicht wieder, so

viel kann ich Ihnen versichern.«

»Na, das fehlte mir auch noch, daß die wiederkämen,« sagte die Frau,

ganz resolut von ihrem Stuhl aufstehend und nach ihrem Schirm greifend,

den sie wie eine Waffe packte; »ich wollte ihnen zeigen, wo der

Zimmermann das Loch gelassen hat! Aber so kommen sie nicht davon, so

viel ist sicher, denn ich will nicht umsonst die ganze Zeit vor Aerger

krank im Bett gelegen haben! Ich suche mir einen Advocaten, und dann

wollen wir doch einmal sehen, ob so ein paar Kerle zu mir hereinbrechen

und mir ihre Lügen unter die Nase reiben dürfen!«

»Da müssen Sie schmähliches Geld blechen,« sagte Heßberger, »und es

hilft Ihnen gar nichts.«

»Und wenn mich die Geschichte zwanzig blanke Thaler kosten sollte!« rief

Madame Müller bestimmt und schlug sich mit dem nassen Regenschirm in die

linke Hand. »Ich kenne freilich die Advocaten hier nicht, denn ich habe

mit derlei Leute nie in meinem Leben etwas zu thun gehabt; aber ich

gehe zu Eurem Schwager, dem alten Baumann, das ist ein ehrlicher, braver

Mensch, der den Kopf auf der rechten Stelle hat. Der wird mir schon

einen ordentlichen Menschen nennen können, der Einen nicht blos zum

Vergnügen über's Ohr haut.«

»Liebe Madame Müller,« sagte da die Frau Heßberger rasch, »thun Sie das

nicht; mein Schwager ist ein seelensguter Mensch, aber was weiß der von

den Advocaten! Wenn Sie denn absolut einmal Ihren Willen durchsetzen

wollen, so wohnt hier gleich nebenan ein sehr tüchtiger Mann, der

Herr....«

»Lassen Sie mich nur machen, Frau Heßberger,« sagte Madame Müller, die

eben nicht besonders viel auf eine Empfehlung derselben zu geben schien.

»Ich bin von klein auf in der Welt gewesen und weiß selber, was ich zu

thun habe. Meister Baumann ist ein ganz tüchtiger Mann, und ich will

auch gar keinen spitzfindigen Advocaten, sondern nur einen ehrlichen

haben. Wenn Sie dann vorgeladen werden, brauchen Sie nur auszusagen, was

Sie mir heute versichert haben, und dann wollen wir die beiden Herren,

den Herrn Rath und den Herrn Major, schon kriegen, darauf dürfen Sie

sich verlassen!«

»Aber es regnet so sehr, meine gute Madame,« sagte Heßberger, der sie

jetzt merkwürdiger Weise noch gar so gern eine Weile da behalten hätte.

»Und wenn es Schusterjungen regnete, Herr Heßberger,« versicherte Madame

Müller, »ich komme mit meinem Parapluie schon durch. Also guten Morgen

allerseits -- wünsche gesegnete Mahlzeit!« und damit öffnete sie die

Thür der Werkstatt selber, schritt, ohne mehr nach rechts oder links

einen Blick zu wenden, hindurch und stieg dann langsam die etwas steile

und dunkle Treppe hinab.

Unten im Hausflur hatte sich indessen ebenfalls Gesellschaft

eingefunden. Der Staatsanwalt Witte war, gerade wie der Schauer begann,

ohne Regenschirm die Straße heruntergekommen und, da er sich besonders

vor Erkältung fürchtete, dort untergetreten. Er glaubte natürlich, daß

es, da es mit solcher Wuth und Heftigkeit einsetzte, auch eben so rasch

vorüberziehen würde, denn »gestrenge Herren regieren nicht lange.« Aber

der Donner folgte immer langsamer und in größeren Zwischenräumen dem

Blitz, bis zuletzt noch kaum ein leises Grollen hörbar wurde, und immer

wollte der eigentliche Guß nicht nachlassen, ja, schien eher heftiger zu

werden.

Witte schüttelte mit dem Kopf, fand sich aber darein, eine Weile

auszuhalten, denn ewig konnte es ja nicht dauern, und vielleicht kam

auch eine leere Droschke vorüber, die er dann angerufen hätte. Wer

aber hat schon je bei Regenwetter, und wenn er sie am nothwendigsten

brauchte, eine leere Droschke gefunden? Es kommt gar nicht vor, und

überhaupt scheinen die Droschkenkutscher in solcher Zeit einzukriechen

wie die Fliegen, denn man trifft nur in Ausnahmefällen einen von ihnen

auf der Straße. Der Staatsanwalt lauerte denn auch vergeblich eine volle

Viertelstunde und nahm sich schon ein paarmal vor, lieber mitten im

Regen hinauszuspringen und lieber scharf an den Häusern wegzulaufen.

Jedesmal aber, wenn er zu solch einem halben Entschlusse gekommen war,

schien es, als ob es mit frischen Kräften an zu gießen fing; es dachte

gar nicht daran, aufzuhören, und er gab jedesmal den Versuch wieder auf.

Wie er noch so dastand, arbeitete sich ein Herr mit einem großen

hellblauen seidenen Regenschirm an der Thür vorüber; gerade aber als er

vor dem Thorwege war, kam ein plötzlicher Windstoß die Straße herunter,

faßte unter den Schirm und klappte im Nu die Fischbeinstäbe nach oben,

während eine benachbarte Dachtraufe, welche ebenfalls durch den Windstoß

eine andere Richtung erhielt, ihren vollen Inhalt über den unglücklichen

und nun vollständig wehrlosen Eigenthümer des Schirmes ausschüttete.

»Herr Du meine Güte!« sagte der Mann und fuhr mit einem Seitensprung so

rasch in das Haus hinein, daß ihm Witte kaum aus dem Weg kommen konnte.

Dort bog er sich dann vor, um wenigstens erst einmal das Gröbste von Hut

und Rock ablaufen zu lassen; dann nahm er die Brille ab, um diese klar

zu wischen, denn er war vollständig überschüttet worden, und Witte

erkannte jetzt erst in dem Eingeregneten den Rath Frühbach.

»Ei, ei, mein lieber Herr Rath,« sagte er, »Sie sind ja in ein ganz

gehöriges Sturzbad hineingerathen. Das nenn' ich ja vollkommen unter

Wasser gesetzt. Es ist aber auch wirklich ein Hundewetter.«

Rath Frühbach brauchte einige Zeit, bis er seine Sehwerkzeuge wieder

in Ordnung hatte, denn er erkannte den Staatsanwalt nicht gleich an

der Stimme. Während er aber die Brille noch abwischte, bog er den Kopf

herunter, als ob er sie auf der Nase hätte und darüber hinwegsehen

wollte, und rief plötzlich aus: »Ei, mein lieber Herr Staatsanwalt,

das ist mir ja ein ganz besonderes Vergnügen, Sie hier so zufällig zu

treffen! Das nehme mir aber kein Mensch übel, so ein Wetter ist ja noch

gar nicht dagewesen -- dreht Einem den Schirm ordentlich um. Aber so

ist es mir einmal in Schwerin gegangen. Da spaziere ich auch in aller

Gemüthlichkeit, bei fast wolkenreinem Himmel, ein Stückchen vor die

Stadt hinaus, hatte aber doch den Schirm aus Vorsicht mitgenommen, als

plötzlich ein Gewitter ankommt, und ich war draußen auf freiem Felde,

und wenigstens auf tausend Schritte nach keiner Richtung hin ein Haus.

Na, ich spannte den Schirm auf, und nun dicke durch. Ja, aber du lieber

Gott, das wurde immer ärger, das regnete, als ob es mit Mulden gösse,

genau so, wie jetzt da draußen, und es hörte auch den ganzen Nachmittag

nicht auf.«

»Wenn wir nur eine Droschke bekommen könnten,« sagte der Staatsanwalt,

der ungeduldig indessen auf die Straße hinaus sah; »ich habe gar nicht

einmal so lange Zeit, ich muß nach Hause, und nun das Wetter --

mit meinen dünnen Stiefeln -- wenn ich nur wenigstens Gummischuhe

mitgenommen hätte!«

»Die helfen auch nicht viel,« sagte der Rath. »Da kam ich einmal Abends

in Schwerin aus dem Theater; es war auch nasses Wetter gewesen, und ich

hatte meine Gummischuhe mitgenommen. Während der Vorstellung mußte sich

aber der Wind gedreht haben; es wurde bitter kalt und fror, und wie ich

nur hinaus auf die steinerne Treppe trete, fühle ich schon, daß ich

an zu rutschen fange. Ich trete also sehr vorsichtig hinunter auf das

Pflaster, erst mit dem rechten und dann mit dem linken Fuß, und immer

ein bischen weiter, und so bin ich den ganzen Weg nach Haus gegangen.«

Der Staatsanwalt überlegte sich eben, ob er nicht lieber dem Regen

und einem jedenfalls darauf folgenden Schnupfen, als den endlosen

Erzählungen des Raths trotzen sollte, als hinter ihnen eine Frau die

Treppe herunterkam, auf welche Rath Frühbach, da er gerade wieder seinen

Schirm in Ordnung brachte, gar nicht achtete.

Es regnete noch mit derselben Hartnäckigkeit weiter, und die Frau

spannte unten im Flur, ohne sich um die Herren zu bekümmern, ihren

Schirm auf, wollte auch eben hinaus in den Guß treten, als ihr Auge

zufällig auf Rath Frühbach fiel, der ihr in seiner aufmerksamen Weise

Platz machte.

»Ne, so 'was lebt nicht!« rief sie plötzlich im größten Erstaunen aus.

»Da ist er ja -- wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt! Ist auch ein

vortreffliches Plätzchen hier, um andere ehrliche Leute wieder schlecht

zu machen und zu bereden, nicht wahr? Jawohl, kann ich mir denken! Aber

jetzt wollen wir einmal sehen, ob die Gerichte das zugeben! Wenn noch

Recht und Gerechtigkeit im Lande ist, so will ich's schon finden, darauf

können Sie sich verlassen, und Ihren saubern Major, den kauf' ich mir

noch dazu!«

»Liebe, beste Frau,« sagte der Rath, der zu seinem Entsetzen die Frau

Müller aus Vollmers erkannt hatte und jetzt nicht übel Lust zu haben

schien, seine ganze Existenz abzuleugnen, denn der Staatsanwalt durfte

um Gottes willen nichts von der Geschichte erfahren.

Madame Müller war aber nicht die Frau, irgend jemand Anderes reden zu

lassen, so lange sie noch etwas zu sagen hatte, und die wohlwollende

Anrede reizte sie ganz besonders: »Der Teufel ist Ihre »liebe, beste

Frau!« rief sie zornig und schien nicht übel Lust zu haben, den schon

geöffneten Schirm wieder zu schließen. »Sie sollen mir aber vor's

Messer, darauf können Sie sich verlassen, und wenn ich....«

»Heh, Droschke! Droschke!« rief der Staatsanwalt auf die Straße hinaus.

Er begriff nicht recht, was Rath Frühbach mit der Frau haben oder gehabt

haben konnte, hatte aber auch keine große Lust, einem etwaigen Streit

zuzuhören, und der Wagen, der gerade zufällig gegenüber eine »Fuhre«

abgesetzt, kam ihm gut zu Statten. Der Kutscher hörte auch den Ruf

und lenkte um, und mit einem kurzen Gruß gegen den Rath sprang der

Staatsanwalt mitten in den Regen hinaus.

Das war dem Rath aber zu viel. Mit der entsetzlichen Frau sollte er hier

im Thorweg, und außerdem noch durchaus naß, das Unwetter abwarten?

Nein -- hier drinnen wüthete es ärger als draußen, und einen herzhaften

Entschluß fassend, spannte er mit einem plötzlichen Ruck seinen Schirm,

sagte »Guten Morgen, Madame!« und war mit drei Schritten wieder unter

der Traufe. Er hörte noch hinter sich her etwas von »Gerichten« und

»Hausschleichern«, aber der auf den Schirm schlagende Regen ertödtete

die Worte, und dem Sturm in die Zähne arbeitete er sich, Madame Müller

ihrem eigenen Schicksal überlassend, die Straße hinauf.

4.

Neben der Werkstätte.

Neben der Werkstätte des Schlossers Baumann befand sich das kleine, aber

ganz behaglich eingerichtete Wohnzimmer der Familie, und zwar nicht etwa

behaglich durch elegante Möbel oder sonstigen Zierath, sondern weit mehr

durch die wirklich auffallende Sauberkeit, die dort herrschte, so daß

Baumann selber oft lachte, wenn er mit seinem rußgeschwärzten Gesicht,

und eben solchen bloßen Armen zum Frühstück oder sonst einmal hereinkam

und dann meinte, er passe da eigentlich gar nicht hin und müsse immer

vorher an der Thür »abgetreten« werden. Er paßte aber und gehörte

trotzdem da ganz besonders hinein, denn seinem unermüdlichen Fleiß

sowohl als seiner Geschicklichkeit verdankte die Familie gerade diese

Behaglichkeit, die nur die Frau noch durch ihr ewig thätiges Schaffen

und Sorgen zu erhöhen und zu erhalten wußte.

Baumann hätte sich auch in der That keine bessere Frau wünschen und sie

auf der weiten Welt finden können; eine sorgsamere für ihn und seine

Bequemlichkeit gewiß nicht, denn was sie ihm an den Augen absehen

konnte, das that sie. Dabei war in den langen Jahren ihrer Verheirathung

auch noch nicht ein einziger Zank zwischen ihnen vorgekommen, und

nur manchmal neckte sie der alte Schlosser mit dem »Stückchen

Hochmuthsteufel«, der in ihr stecke, und meinte dann wohl, es sei

jammerschade, daß sie keine Gräfin geworden wäre und in Sammet und Seide

und mit langen Schleppkleidern hätte umhergehen können, das würde ihr

außerordentlich gut gestanden haben. Aber das war immer nur im Scherz

und wurde so gesagt und aufgenommen.

Heute saß sie allein in der Stube an ihrem Nähtisch und arbeitete ein

Kleidchen für ihr kleines Töchterchen, das seit acht Tagen zum ersten

Mal in die Schule geschickt war und nun doch Manches brauchte, um

anständig zwischen den übrigen Kindern zu erscheinen. Wenn es auch blos

Kattunröckchen tragen durfte, denn der Vater litt das nicht anders,

konnten die doch wenigstens sauber und nett gemacht sein, und darin, wie

überhaupt in allen Dingen, besaß sie eine besonders geschickte Hand.

Draußen wetterte es gerade, was vom Himmel herunter wollte; der Blitz

zischte, der Donner rollte und die ersten schweren Tropfen fingen an

zu fallen. Die Leute auf der Straße liefen, was sie laufen konnten, um

irgend ein schützendes Obdach zu erreichen, und ein paar vorüberfahrende

Droschkenkutscher hieben mit ganz ungewohnter Energie auf ihre Pferde

ein.

Die Frau Baumann warf einen besorgten Blick auf die Straße und nach

dem Himmel hinauf -- aber ihre Else saß jetzt schon lange sicher in der

Schule, und bis die aus war, hatte sich das Wetter auch gewiß wieder

verzogen. Nur die Schmiede ängstigte sie etwas; dort lag so viel Eisen,

und sie fürchtete immer, daß der Blitz einmal da einschlagen könnte,

hatte auch ihren Mann oft und oft gebeten, nur doch wenigstens so lange

mit Arbeiten aufzuhören, als ein Gewitter dauere. Der aber lachte dazu

und meinte, der Blitz, wenn er einmal einschlagen wolle, könne ihn

überall treffen, jedenfalls eben so leicht in der Stube, wie in der

Werkstätte, und der liebe Gott sei aller Orten. Die Arbeit dürfe aber

nicht rasten, und nur wenn einmal ein Gewitter an einem Sonntag käme,

verspräche er ihr, nicht dabei am Ambos zu stehen, was er überhaupt

nicht am Sonntag that. Es war mit dem Manne eben nichts anzufangen.

Baumann hämmerte denn auch, mit seinem zweiten Sohn, einem andern

Gesellen und dem Lehrjungen an seiner Seite, wacker darauf los, daß

die Funken nach allen Seiten hinausspritzten, und warf nur einen

schmunzelnden Blick nach der Thür, als der Regen plötzlich mit voller

Wucht einsetzte und niederschlug. Wie die Menschen draußen sprangen,

um unter Dach zu kommen -- aber er stand trocken, und lustig schlug er

wieder auf das rothglühende Eisen ein.

Da fuhr plötzlich ein Schirm in die weit geöffnete Thür, und als er den

Kopf dorthin wandte, tauchte sein ältester Sohn Fritz darunter auf und

rief ihm lachend einen Guten Morgen zu.

»Na nu?« sagte der Alte, indem er den Hammer ruhen ließ und ihn

erstaunt betrachtete. »Wo kommst Du bei dem Wetter her, und noch dazu in

Sonntagskleidern? Du -- trägst wohl wieder ausgebesserte Arbeiten aus,

mein Junge, he?«

»Nein, Vater,« rief Fritz, aber doch ein wenig verlegen, denn er wußte

recht gut, auf was der alte Mann anspielte, »wegzutragen habe ich heute

nichts; aber ich wollte nur einmal zu Dir und Mutter kommen, um etwas

mit Euch zu reden.«

»In Sonntagskleidern?«

»Ich habe überhaupt noch einen Besuch zu machen -- Professor Anders,

der Astronom, hat mich gebeten, wegen einer größeren Arbeit zu ihm zu

kommen, und da -- mochte ich doch nicht in meinen Arbeitskleidern gehen.

Uebrigens erwischte mich das Wetter, und ich bin nur eben noch glücklich

vor Thorschluß hier eingefahren, Ist die Mutter zu Hause?«

»Ja, sie sitzt drinnen -- geh' nur hinein; wenn ich hier mit dem

Schlüssel fertig bin, komme ich gleich nach, denn in dem Aufzug kannst

Du mir doch nichts helfen -- Donnerwetter, Glacéhandschuh' -- na, und

das Alles, um einem Professor einen Besuch zu machen. Ich gehe bei

solchen Wegen allerdings auch in Leder, aber mit meinem Schurzfell.

Junge, Junge, Du wirst mir verdammt fein und geschniegelt, und ich habe

es bis jetzt gar nicht geglaubt, daß zwischen einem Schlosser und einem

Mechanikus solch' ein Unterschied wäre. Du, Karl, mach' einmal Deinem

Herrn Bruder die Thür auf, daß er sich die Glacéhandschuh' nicht an der

vielleicht rußigen Klinke schmutzig reibt.«

»Danke, Vater, danke,« lachte Fritz, indem er der Thür zusprang,

»so gefährlich ist's denn doch noch nicht, und das kann ich allein

besorgen.«

Der Vater sah ihm, das Eisen in der Hand und den Hammer noch auf dem

Ambos ruhend, in einer etwas gebückten Stellung nach, so lange er ihm

mit den Augen folgen konnte, und ein leises, aber nicht unfreundliches

Lächeln flog über seine ehrlichen Züge. Dann schüttelte er still vor

sich hin den Kopf, und wieder hob sich der schwere Hammer, als ob es

eine Feder gewesen wäre, und kam wuchtig auf das sprühende Eisen nieder.

Fritz, der seinen Schirm in der Werkstätte abgestellt hatte, denn auf

dem Boden dort mochte er triefen, wie er wollte, trat zur Mutter

in's Zimmer und setzte sich zu ihr, und die Beiden sprachen lange und

angelegentlich mit einander -- ja, eine so wichtige Sache mußten sie

wohl verhandeln, daß die Mutter sogar ihre Arbeit ruhen ließ und die

Hände im Schooß faltete, bis der Vater zu ihnen herein kam.

»Na,« sagte er, als er sie da so sitzen sah, »eine Hand kann ich Dir

heute nicht geben, mein Junge; Du bist mir zu fein, und zum Waschen hab'

ich keine Zeit, denn ich muß gleich wieder hinaus. Also was hast Du zu

sagen, und was ist denn überhaupt mit Euch Beiden? Ihr seht mir ja alle

Zwei so feierlich aus? Hör' einmal, Junge, ich glaube, Du willst _doch_

wieder eine fertige Arbeit austragen, he?«

»Eine Arbeit gerade nicht, Vater,« lächelte Fritz, doch etwas verlegen;

»aber weit vom Ziel hast Du allerdings nicht vorbeigeschossen.«

»Auf den Knopf getroffen,« lachte der Alte, »he? Dem Jungen steckt ein

Frauenzimmer im Kopfe!«

»Er will heirathen, Gottfried,« nickte die Mutter, während ein

freundliches Lächeln über ihre Züge flog.

»Ob ich's mir nicht gedacht habe!«

»Und so ein sauberes Mädchen hat er sich ausgesucht!«

»Na, er wird keine Schmiergans nehmen,« lachte der Alte. »Und wie heißt

sie? Alles natürlich schon fix und fertig gemacht, und jetzt nur noch

eine nachträgliche Anmeldung bei den Eltern, die weiter nichts nöthig

haben, als den üblichen Segen dazu zu geben. Ist mir auch recht; habe

doch schon genug zu thun, und könnte mich mit derlei nicht mehr auf

meine alten Tage befassen.«

»Nein, Vater,« sagte Fritz, »fertig gemacht ist noch gar nichts; ich bin

im Gegentheil eben im Begriff, den allerersten Schritt dazu zu thun.«

»So--o?« sagte der Vater, etwas erstaunt; »das ist ja merkwürdig. Na,

hat die Sache etwa einen Haken?«

»Nein, Gottfried,« sagte die Frau, »ganz und gar nicht; es ist Alles

glatt und recht und wie sich's gehört, und der Fritz ist ein braver

Junge, der uns nur bei einer so wichtigen Sache vorher um Rath fragen

wollte.«

»Bah, Alte, laß Dir nichts weiß machen,« lachte der Schlossermeister

-- »um Rath fragen. Sieht der aus, als ob er erst noch um Rath fragen

wollte, und steckt schon bis über die Ohren in seinen Sonntagskleidern

drin? Nur hören will er, daß wir sagen: Ei, mein lieber Sohn, das hast

Du brav gemacht -- geh' doch geschwind hin und hol' Deinen Schatz! Und

dann läuft er von selber.«

»Aber Gottfried...«

»Na, mach' keine langen Geschichten, Also wie heißt sie und wer ist's?

daß ich wieder hinaus an meine Arbeit komme.«

»Ich bin vielleicht in meinen Ansprüchen etwas keck gewesen, Vater,«

sagte Fritz, aber jetzt schon lange nicht mehr so zuversichtlich, als

vorher; »aber ich -- ich glaube glücklich zu werden.«

»Hm, das glauben wir gewöhnlich Alle,« lächelte der Schlossermeister

gutmüthig; »na, aber nun schlag' einmal los, das Eisen wird sonst kalt

-- wer ist's denn?«

»Ottilie Witte, Vater.«

»Die Tochter des Staatsanwalts?«

»Ja, Vater.«

Der alte Mann war stehengeblieben und sah ihn ernst und forschend an.

Aber er erwiederte lange kein Wort, gab auch kein Zeichen des Beifalls

oder Mißfallens; endlich fragte er langsam: »Und will sie _Dich_ haben?«

Der Erbe: Roman. Zweiter Band. · 第 3 / 15 段