glatt finden: Haß, Neid, Stolz und Ehrgeiz werden in Euren Pfad treten
und Euer Glück bedrohen. Laßt sie -- seid Euch selbst genug und sucht
in der Familie, wie unsere Vorväter es schon gethan, allein den Frieden,
den Euch die Welt vielleicht weigern oder streitig machen möchte. Er,
der die Bitten eines alten Mannes gehört, welcher stets, wo es seine
schwachen Kräfte erlaubten, nach Seinem Willen oder Geiste gehandelt hat
-- -- segne Euch!«
Und jetzt kam auch die Mutter herbei und küßte die Kinder und setzte
sich dann wieder in ihre Ecke und fing von vorn zu weinen an, aber vor
lauter Freude und Seligkeit.
Freude und Seligkeit glänzte aber auch aus den Augen der Liebenden, die
jetzt, fest aneinander gelehnt, zusammen saßen und von ihrer Zukunft,
von ihrem Glück sprachen. Vergessen war für Bruno, was da draußen lag
-- vergessen das finstere Schloß mit all' seinen trüben Erinnerungen
und überstandenen Schmerzen -- vergessen alles ertragene Leid nur in der
Wonne dieses Augenblicks. -- Und Vater und Mutter saßen dabei, hörten
dem Plaudern zu und wurden selber wieder jung in der Erinnerung an ihre
eigene Liebe.
So verging ihnen mit Zauberschnelle die Zeit, und als es dunkelte
und Rebekka aufsprang, um Licht zu holen, da setzte sich Bruno an das
Instrument, und in jubelnden Tönen machte sich seine Seele Luft, bis
Rebekka zurückkam, zu ihm trat, ihre Hand auf seine Schulter legte und
glücklich, überglücklich ihre alten Lieder sang. Jetzt aber saßen die
beiden Eltern zusammen in der Ecke, hatten Einer des Andern Hand gefaßt
und hörten zu, bis die Zeit kam, daß die Mutter das Abendbrot bestellen
mußte, denn Bruno sollte heute zum ersten Male mit ihnen essen.
Er blieb auch lange; er konnte sich nicht losreißen von dem Glück dieser
ersten Stunden und geizte förmlich mit den Secunden, und als er endlich
gehen mußte, als die Glocke auf dem alten, nicht fernen Dome die zehnte
Stunde schlug, da nahm er wieder und wieder Abschied von der Geliebten,
als ob sie sich für's ganze Leben und nicht auf wenige Stunden nur
trennen müßten.
Der alte Salomon gab ihm das Geleit durch den Hof.
»Und wann darf ich wiederkommen, Vater?«
»Hab' ich jetzt ein Recht, darüber zu bestimmen?« sagte der alte Mann.
»Lieber Himmel, was für eine Frage! Mich besuchen Sie doch nicht, und
die Rebekka -- werden Sie kommen morgen früh um neun Uhr, wird es ihr
sein nicht zu früh. Gute Nacht, Herr Baron -- Gute Nacht!«
Bruno trat hinaus auf die Straße, und von dem Lichte noch geblendet,
das er eben verlassen, konnten sich seine Augen nicht gleich an die
Dunkelheit gewöhnen. Trotzdem war es ihm, als ob er eine menschliche
Gestalt, Schatten gleich, von einem der verschlossenen Ladenfenster
fortgleiten sah, und diese hielt, als ob unschlüssig, wohin sie sich
wenden solle, an der andern Seite der Straße. Der junge Mann wäre auch
gern darauf zugegangen, aber es lag ihm selber noch nichts daran, es
zu früh in der Stadt bekannt werden zu lassen, in welcher nächsten
Beziehung er zu Salomon stehe. Er schritt deshalb, ohne sich weiter
nach der Persönlichkeit umzusehen, die Straße hinab, bis er den ersten
Nachtwächter traf, und schickte diesen dann zurück mit der Weisung,
auf jene Gegend Acht zu geben, da sich dort ein verdächtiger Bursche
herumtreibe. Der Nachtwächter folgte auch der Weisung und suchte den
ganzen Weg ab, fand aber Niemanden mehr vor. Wer es auch gewesen, er
hatte sich nicht länger dort aufgehalten und war verschwunden.
3.
Frau Heßberger.
Oben in der dritten Etage eines der Häuser in der Bergstraße von Alburg
saß der Schuhmacher Heßberger mit einem Gesellen und drei Lehrjungen
bei der Arbeit und war emsig beschäftigt, ein Paar sehr elegante
Damenschuhe, die einen außerordentlich kleinen Fuß verriethen, frisch
zu besohlen. Er hatte seinen Tisch aber dicht an's Fenster gerückt, denn
schwere, graue Wolken lagen vor der Sonne und dumpf grollender Donner
verrieth ein nahendes Gewitter. Nichtsdestoweniger arbeitete er fleißig
fort und schien sich um das Wetter draußen wenig zu kümmern, bis
plötzlich ein greller Blitz die Stube hell erleuchtete und gleich darauf
ein so schmetternder Donnerschlag hinterdrein folgte, daß der kleine
Mann ordentlich zusammenfuhr. Statt jedes andern Ausrufes setzte er
aber plötzlich mit gellender Stimme in einen Choral ein, daß sich die
Lehrjungen unter einander ansahen und heimlich lachten, aber nur ganz
heimlich, denn es wäre ihnen bös ergangen, wenn es der Meister gemerkt
oder nur Verdacht geschöpft hätte. Dieser aber, nur mit seiner Sohle
(denn er unterbrach seine Arbeit nicht) und dem Lied beschäftigt, schrie
mehr, als er sang, während der Regen an die Fenster peitschte:
»O Mensch gedenk' an's Ende,
Willst Du nicht Uebles thun --
Der Tod bringt oft behende
Das allerletzte Nun.
Am Lebens-Augenblicke
Hängt ewig Wohl und Weh',
Drum denke wohl zurücke,
Wohin Dein Ende geh'!«
Und wieder ein Blitz -- wieder ein Schlag, als ob die Erde von einander
bersten wollte, und die Fensterscheiben zitterten und klapperten
ordentlich dazu. Der Schuhmacher ließ sich aber nicht stören, und ohne
eine Miene zu verziehen, setzte er eben zu dem gerade so beginnenden
zweiten Vers ein:
»O Mensch, gedenk' an's Ende --«
als es heftig an die Thür pochte und der Gesell, ohne dazu des Meisters
Befehl abzuwarten, laut »Herein« schrie. Fast zu gleicher Zeit wurde
dieselbe auch geöffnet, und eine etwas corpulente Frau, einen triefenden
rothbaumwollenen Regenschirm mit Messinggriff in der Hand, den Hut
etwas zerdrückt und jedenfalls von dem Unwetter mitgenommen, das Gesicht
geröthet und eben nicht besonders freundlich ausschauend, trat in's
Zimmer und warf einen raschen Blick darin umher.
Der Schuhmacher schien dabei keine besondere Lust zu haben, sich in
seiner Andacht stören zu lassen, denn er fuhr, ohne auch nur den Kopf
nach der Thür umzudrehen, unverdrossen fort:
»Wer weiß, ob nicht noch heut'
Der Tod Dich treffen könnte,
Drum mache Dich bereit --«
Die Dame schien aber nicht gesonnen, das Ende des geistlichen Liedes
abzuwarten, denn mit einer ziemlich tiefen und derben Stimme rief sie
dazwischen: »Na, bei mir könnt Ihr Eure Faxen lassen, Meister Heßberger!
Ist Eure Frau zu Haus? Das fehlte auch noch, daß ich in dem Hundewetter
den Weg umsonst gemacht hätte!«
Der Schuhmacher fuhr blitzschnell herum. Er kannte die tiefe Stimme
und sagte, von seinem Sessel emporspringend und den Schuh, an dem er
arbeitete, ziemlich rücksichtslos bei Seite werfend: »Ach, Madame Müller
-- ist mir doch sehr angenehm, Ihre werthe Persönlichkeit wieder einmal
nach so langer Zeit condoliren zu dürfen.«
»Reden Sie keinen Unsinn,« erwiederte Madame Müller, gar nicht, wie es
schien, in der Stimmung, viele Worte zu machen. »Was Ihnen angenehm oder
nicht, kümmert mich einen Quark. Ich will wissen, ob ihre Frau zu Hause
ist.«
»Bitte, Madame Müller,« sagte Heßberger, »ich rede nur ganz höflich, und
eine Höflichkeit ist der andern werth; Madame scheinen aber -- o Du Herr
Jesus, der Donner! -- nicht guter Laune zu sein. Da wird sich meine Frau
ganz besonders daüber scharmiren, paßt ihr gerade -- sie ist drinne
-- bitte, treten Sie näher, demelliren Sie mir aber nur das Porzellan
nicht!«
Madame Müller warf ihm einen nichts weniger als achtungsvollen Blick zu
und stieg dann, ohne es weiter der Mühe werth zu halten, ihm noch eine
Antwort zu geben, über alles mögliche im Wege gestreute Schuh- und
Lederzeug, über Leisten, Handwerksgeräth und andere derartige Dinge
hinweg der Thür zu, welche, wie sie aus früheren Zeiten wußte, das Wohn-
und Schlafzimmer der Heßberger'schen Gatten von der Werkstätte abschloß.
Sie klopfte auch hier nicht lange an, wartete wenigstens nicht einmal
den gewöhnlichen Zuruf ab, sondern trat in demselben Moment in's Zimmer,
als wieder ein greller Blitz über den Himmel zuckte und gleich
darauf, aber doch etwas später als bisher, grollender, dumpfer Donner
hinterdrein rollte. Das Gewitter war jedenfalls vorübergezogen, und nur
der Regen goß noch in Strömen nieder.
Mit dem Donnerschlag -- selber ein kleines Gewitter in sich -- stand
aber Madame Müller auf der Schwelle, und der barsche Gruß schon, den sie
der Herrin vom Hause entgegenrief: »Guten Tag, Frau Heßberger, ich habe
'was mit Ihnen zu reden!« deutete nicht viel Gutes.
Heßberger, obgleich er keine Ahnung hatte, was die Frau, mit der sie
seit Jahren nicht verkehrt, hieher im Zorne geführt haben könne,
fühlte sich doch vielleicht nach verschiedenen Seiten hin nicht so ganz
sattelfest, und da er wußte, daß seine Frau bei irgend einer passenden
Gelegenheit, sehr laut sprach und die Frau Müller schrie, so bemühte er
sich bei Zeiten, wenigstens einen lästigen Zeugen zu entfernen -- kein
Mensch konnte ja sagen, was da verhandelt wurde.
»Backhof,« brummte er deshalb, eben nicht besonders heiter gestimmt,
»Sie können Schicht machen und mir noch einen Weg besorgen.«
»Aber _ich_ möchte so gern noch den Schuh fertig machen,« sagte der
Gesell, denn in der Nebenstube wurden die Stimmen schon etwas lauter,
und er wünschte vielleicht ebenfalls, einen etwa entstehenden Zank mit
anzuhören, der sicherlich der Mühe werth sein mußte. Seine Meisterin
kannte er, was ihre Zunge betraf; die eben gekommene Frau sah auch nicht
so aus, als ob es ihr an den Sprachwerkzeugen fehle, und
Es schwankt der Sieg, wenn Griech' auf Grieche trifft.
Sein Meister mochte aber Verdacht geschöpft haben, daß ein anderer
Wunsch, als nur den alten Schuh fertig zu bekommen, in seinem Herzen
lauere. Zeit war auch nicht zu versäumen, denn Madame Müller schien
nicht viel zu verlieren, und er sagte deshalb hastig: »Machen Sie ein
bischen zu -- die Stiefel sollten schon um drei Uhr beim Herrn Geheimen
Obergerichtsrath sein.«
»Ja, aber Meister, die bringen doch sonst immer die Jungen fort. Das ist
doch nicht meine Sache...«
»Das weiß ich wohl; ich will es auch nicht for Plesir haben« sagte
Heßberger, der sich augenscheinlich die größte Mühe geben mußte, höflich
zu bleiben. »Hier sind fünf Groschen, da trinken Sie einmal auf meine
Gesundheit -- aber machen Sie ein bischen -- =alleh=, Backhof --
und hier, nehmen Sie dem Herrn Geheimen Obergerichtsrath gleich die
quintirte Rechnung mit.«
Backhof, der Gesell, merkte wohl, daß ihn der Meister unter jeder
Bedingung los sein wollte, und es wäre doch jetzt hier so hübsch gewesen
-- gerade ging's da drinnen los. Aber er hatte auch nicht gut einen
Vorwand, da zu bleiben; die fünf Groschen lockten ihn ebenfalls. Er
stand auf, warf sein Schurzfell ab und zog den am Nagel hängenden Rock
an, dann nahm er Rechnung und Stiefel und ging damit hinaus, immer noch
in der Hoffnung, auch dort etwas zu hören. Darin sah er sich jedoch
getäuscht, denn die dazwischen liegende Küche war wie gewöhnlich
abgeschlossen.
Den Meister genirten jetzt noch die Lehrjungen, aber doch nicht so
viel, als es der Gesell gethan hätte, denn die waren eine etwas lebhafte
Unterhaltung im Hause schon gewohnt und -- konnten nicht die Condition
wechseln, sie mußten im Hause bleiben, durften also nichts daraus
schwatzen, oder -- der Teufel sollte sie bei lebendigem Leibe holen! Er
ging auch wirklich selber wieder zu seiner Arbeit zurück, aber es war
keine Andacht dabei. Die großen, schweren Tropfen schlugen draußen gegen
die Scheiben, daß sie das Zimmer fast dunkel machten, und da drinnen
wurden die beiden Damen immer lauter und heftiger. Das ging nicht mehr,
er mußte da einschreiten oder doch wenigstens erfahren, um was es sich
handelte; denn was ihn dabei beunruhigte, war, daß er die Stimme seiner
Frau gar nicht so scharf hervorhörte; Madame Müller schien ziemlich
allein das Wort zu führen, und das konnte unmöglich ein gutes Zeichen
sein. Wenn die Frau Heßberger eine gute oder doch wenigstens haltbare
Sache hatte, sprach sie auch gewöhnlich mit -- und wie!
Er fühlte sich nicht mehr behaglich auf seinem Schemel. Er stand auf,
band sich anstandshalber das Schurzfell ab, wobei sich die Jungen schon
wieder unter einander anstießen, fuhr in den schwarzen, abgeschabten
Frack hinein, und dann sein fettglänzendes Mützchen abnehmend und die
Haare vorn in die Stirn streichend -- es war dies die einzige Art, wie
er seine Frisur arrangirte --, drehte er sich noch einmal gegen die
Jungen um und sagte: »Daß mir keiner von Euch von seinem Schämbel
aufsteht, oder -- Ihr wißt wohl...« Und damit stieg er nach der Thür
hinüber.
Als er sie öffnete, fand er die Damen in sehr lebhafter Unterhaltung.
Frau Heßberger hatte friedlich, trotz Blitz und Donnerwetter, am Fenster
gesessen und eine etwas sehr schadhaft gewordene Unterjacke ihres
Gemahls ausgebessert. Sie beschäftigte sich allerdings in geeigneten
Stunden vortheilhafter mit der höheren Magie, mit Kartenlegen und
Prophezeien, wofür sie, wunderbarer Weise, in Alburg ein sehr gläubiges
Publikum fand. Aber die nothwendigen Hausarbeiten mußten doch auch
erledigt werden, und Frau Heßberger war die richtige Frau dazu, um das
zu besorgen.
Und dazwischen zuckte der Blitz und prasselte der Donner; aber wie eine
nur von metallenen Rädern abhängige Maschine saß sie dazwischen und
rührte und regte sich nicht weiter, als es ihre Arbeit erforderte. Sie
blinzelte nicht mit den Augen, wenn das gelbe, grelle Licht durch das
Zimmer zischte, sie fuhr nicht zusammen, wenn der Donner das Haus in
seinen Grundfesten zu erschüttern drohte -- sie hatte überhaupt keine
Nerven, die das möglich machen konnten.
Drinnen in der Werkstatt hörte sie eine Stimme, aber sie achtete nicht
darauf. Der Besuch, der zu ihr kam -- verschleierte Damen gewöhnlich,
manchmal in Begleitung von jungen Herren -- traf erst in viel späterer
Stunde und bei vollständig angebrochener Dunkelheit ein; was früher kam,
wollte nur Stiefel oder Schuhe haben.
Da klopfte es plötzlich, und wie sie ein halb erstauntes »Herein!«
rief, stand, auch schon mit prasselndem Donner, eine fremde Frau auf
der Schwelle, deren Züge sie sich nicht einmal, mit anderen Personen im
Kopfe, gleich zurück in's Gedächtniß rief. Der Frau selbst schien aber
gar nichts daran gelegen, sie lange über sich in Zweifel zu lassen,
denn sowie sie nur die Schwelle betrat, sagte sie schon mit ihrer etwas
tiefen Altstimme, den Raum dabei mit den Blicken überfliegend:
»Guten Tag, Frau Heßberger! Ich hab' mit Ihnen zu reden.«
»Madame Müller, so wahr ich einst selig zu werden hoffe!« rief Frau
Heßberger, und nicht einmal in gekünsteltem Erstaunen aus, denn so gut
und genau sie die Frau kannte, so lange Zeit war verflossen, seit sie
dieselbe nicht gesehen. »Ei, was verschafft mir denn die Ehre eines so
unverhofften Besuches? Freue mich doch wirklich sehr!«
»Wollen wir erst abwarten,« sagte Madame Müller, noch immer den
triefenden Schirm in der Hand, mit dem sie schon eine lange nasse Gosse
über Leder und Leisten gezogen und jetzt anfing, einen kleinen See in
der Stube zu bilden. »Thut mir leid, daß ich das Zimmer naß mache, aber
ich weiß nicht, wohin mit dem Schirm; geben Sie einmal einen von den
Blumenuntersetzern her -- das Wetter ist schuld.«
Frau Heßberger gehorchte wunderbarer Weise augenblicklich der
Anforderung und würde dadurch besonders die Lehrjungen, wenn sie hätten
Zeugen sein können, sehr in Erstaunen gesetzt haben; die Madame Müller
stellte deshalb ihren Schirm dort ein, denn sie war selber viel zu
reinlich und hielt bei sich zu Hause zu sehr auf Ordnung, um eine andere
Stube zu beschmutzen. Sobald sie ihr »Regendach« aber untergebracht sah,
drehte sie sich auch gegen des Schuhmachers Gattin um.
»So -- und jetzt haben wir ein paar Worte mit einander zu wechseln,
Madame Heßberger, wenn es Ihnen recht ist,« sagte Madame Müller, aber
gleich in einem so entschiedenen Ton, daß man ihm wohl anhörte, sie
würde eben reden, ob es recht wäre oder nicht.
»Wir Beiden, Madame Müller? Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen? Sie
stehen ja da an der Thür....«
»Sagen Sie einmal, Frau Heßberger,« fuhr die Frau fort, ohne die
Einladung weiter zu beachten, »was haben Sie denn von mir in der Stadt
erzählt, wenn ich fragen darf?«
»Ich? Von Ihnen?« sagte des Schusters Frau, doch nicht mit einem recht
reinen Gewissen, denn sie sprach gewöhnlich sehr viel über andere Leute
und nie etwas Gutes, und fühlte sich natürlich nicht so recht sicher,
daß irgend eine oder die andere Bemerkung einem oder dem andern der
Betreffenden zu Ohren gekommen sein konnte. Jedenfalls mußte sie erst
einmal hören, um was es sich eigentlich handle. »Und was sollte ich
von Ihnen gesprochen haben? Was hätte ich denn eigentlich sprechen oder
erzählen können? Ich weiß ja doch gar nichts von Ihnen!«
»Desto schlimmer, Frau Heßberger, desto schlimmer,« rief Madame Müller,
keineswegs gesonnen, sich auf solche summarische Weise abspeisen zu
lassen; auf anfängliches Leugnen war sie überdies gefaßt. »Aber aus der
Luft greifen's die Leute nicht, das ist nicht möglich, und Ihre Zunge
kenn' ich, die ist in der ganzen Stadt bekannt!«
»Hören Sie, Madame Müller,« sagte Frau Heßberger, doch jetzt auch ein
bischen warm werdend, obgleich sie noch immer sehr zurückhielt, denn
sie mußte erst wissen, auf was die Frau eigentlich abzielte, »beleidigen
brauche ich mich hier in meinem eigenen Hause nicht zu lassen, denn wenn
ich in der Stadt bekannt bin....«
»So? Aber zu _mir_ schicken Sie die Leute in das eigene Haus!« fuhr die
Frau Müller, den rechten Arm in die Seite stemmend, fort. »Ich soll
mich im eigenen Hause beleidigen und verunglimpfen lassen, nicht wahr?
Dagegen haben Sie nichts, o, Gott bewahre, das ist ja nur die Frau
Müller, eine allein stehende Frau und Wittwe -- jawohl, die muß sich
Alles gefallen lassen! Aber der liebe Gott hat mir auch eine Zunge
gegeben, mit der ich mich wenigstens vertheidigen kann, und die will ich
denn auch gebrauchen, so lange mir der Herr die Kraft läßt.«
»Daß Sie eine gute Zunge haben, Madame Müller, hat Ihnen noch Niemand
abgestritten,« sagte die Frau Heßberger, jetzt ebenfalls gereizt.
»Und Sie brauchen mir die wahrhaftig nicht vorzuwerfen, Frau Heßberger,
Sie am allerwenigsten!« rief der Gegenpart wieder, und zwar lauter, als
es die Umgebung eigentlich nöthig machte.
»Aber wär's Ihnen denn nicht gefällig, Madame Müller, jetzt einmal
zu sagen, was Sie von mir wollen?« sagte die Frau Heßberger mit einem
ironischen Knix.
»Jawohl, Frau Heßberger,« erwiederte die Dame, gerade in der Stimmung,
ihr den Knix mit Zinsen zurückzugeben, »wie Sie befehlen -- oder möchten
Sie mich lieber gleich hinauswerfen? Aber dann wollen wir doch einmal
sehen, ob die Gerichte nicht eine arme, allein stehende Frau schützen!«
»So, Madame Müller, und wissen Sie, daß ich jetzt gleich hingehen und
Sie verklagen kann, wenn Sie mir mit den Gerichten drohen?«
»Ja, gehen Sie nur, Frau Heßberger, gehen Sie nur,« rief die Frau Müller
in Eifer, »wenn Sie Einem die Worte im Munde herumdrehen wollen! Aber
dann wird sich auch zeigen, was Sie dem alten Schlabbermaul, dem Herrn
Rath Frühbach, von mir und meinem Kinde erzählt haben, daß ich es
umgetauscht hätte und daß mein Kind nicht mein Kind, sondern ein Kind
vom Baron von Wendelsheim wäre -- Sie schlechte Person Sie....«
»Was?« sagte die Frau, jetzt wirklich erstaunt und in dem Gegenstand
ganz die »schlechte Person« überhörend (sie bemerkte auch in dem
Augenblicke kaum, daß ihr Gatte im Frack in's Zimmer trat). »_Ich_ hätte
dem Rath Frühbach erzählt, Sie hätten ein Kind umgetauscht und Ihre
Tochter wäre die Tochter vom Baron?«
»Wenn die Damen so freundlich sein wollten,« sagte Heßberger, der mit
seinem gewinnendsten Lächeln die alte Fettmütze zwischen den Fingern
zerdrückte, »nur ein klein wenig leiser zu schreien -- die Lehrjungen
drin spitzen die Ohren und horchen, und brauchen doch wahrhaftig nicht
zu wissen, über was wir hier conserviren.«
»Meinethalben kann's die ganze Stadt wissen,« sagte Frau Müller mit
Würde; »ich habe ein reines Gewissen, und von Ihnen, Herr Heßberger,
lasse ich mir den Mund noch lange nicht verbieten, Sie wären nicht der
Mann danach!«
Heßberger warf ihr, als sie vornehm über ihn wegsah -- und sie war auch
wenigstens einen halben Kopf größer als er --, einen tückischen Blick
zu, hütete sich aber wohl, sie noch mehr zu reizen, und sagte mit
seiner freundlichsten Stimme: »Würde ich mir auch gar nicht unterstehen,
verehrte Madame. Aber wollen Sie sich denn nicht platzen? Die ganze
Sache scheint mir übrigens, so viel ich bis jetzt davon gehört habe,
auf einem Mißverständniß zu beruhen, denn meine Frau kann doch unmöglich
etwas derartiges obschönes Gerede mit dem Herrn Rath Früh....«
»Ich habe überhaupt mit dem Herrn Rath Frühbach noch in meinem Leben
kein Wort gesprochen!« rief hier die Frau Heßberger dazwischen. »Seine
Frau kommt manchmal zu mir -- eine liebe, gute Seele, die sich die Karte
legen läßt und wissen will, ob sie 'was in der Lotterie gewinnt oder ob
ihr Mann eine Anstellung als Director kriegt, aber nie ist auch nur der
Name der Madame Müller in ihrer Gegenwart über meine Zunge gekommen!«
»Und der Rath Frühbach soll aus freien Stücken zu mir hinaus nach
Vollmers kommen und sich noch dazu einen lebendigen, wirklichen Major
mitbringen, wenn an der ganzen Sache kein wahres Wort wäre? Das machen
Sie einer Andern weis, aber mir nicht, verehrte Frau Heßberger! Ich will
gar nicht behaupten, daß ich zu den Gescheidtesten gehöre, aber so dumm
bin ich denn doch, Gott sei Dank, noch lange nicht!«
»Was denn für ein Major?« sagte die Frau Heßberger, aufmerksam werdend.
»Ein Major von Hansen oder Halsen, wenn Sie's wissen wollen, ein alter
Herr, der ehrwürdig genug aussah, um gescheidt zu sein -- und von
solchen Leuten muß man sich solche Dinge sagen lassen! Aber damit ist
die Sache nicht abgethan, Frau Heßberger, damit ist sie wahrhaftig noch
nicht abgethan! Ich bin eine ehrliche Frau, und Alles, was ich habe, ist
mein ehrlicher Name, und den lasse ich mir noch lange nicht von jeder
hergelaufenen Person abschneiden!«
»So, Madame Müller,« rief jetzt des Schusters Frau, deren Geduld
ebenfalls scharf auf die Neige ging, »jetzt möcht' ich nur wissen, ob
Sie mich etwa mit der »hergelaufenen Person« meinen, denn wenn Einer von
uns eine hergelaufene Person ist....«
»Entschuldigen Sie, meine Damen,« fuhr hier Heßberger dazwischen, der
alle Ursache hatte, einen drohenden Ausbruch zu vermeiden, »wenn jener
Herr Geheimer Rath etwas Derartiges gegen Sie geäußert hat, Madame
Müller, so sind Sie vollständig berechtigt, böse darüber zu werden, jede
anständige Frau würde das. Aber dann seien Sie auch so gut und
theilen uns genau mit, was er von uns gesagt hat, dann können wir uns
verdefendiren, und den Herrn Geheimen Rath wollen wir nachher schon
kriegen.«
Madame Müller zögerte einen Moment. Sie fühlte vielleicht, daß sie ein
wenig zu weit gegangen sein mochte. Das Verlangen des Schusters war auch
zu vernünftig, um eine Einwendung zuzulassen. Die Heßbergers mußten erst
erfahren, was sie gesagt haben sollten, und dann sich vertheidigen; das
war in der Ordnung, und Madame Müller auch nur eigentlich in der ersten
Hitze ein wenig wirr in die Geschichte hineingefahren. Sie sah sich
deshalb, als erste Einleitung in ein ruhigeres Geleise, nach einem Stuhl
um, den ihr Heßberger bereitwillig hinschob, und sagte dann: »Gut, ich
will Ihnen die Sache erzählen, wenn mir auch die Galle noch einmal dabei
überläuft; ach, daß ich mir so 'was muß auf meine alten Tage gefallen
lassen, wo mir in der Jugend kein Mensch einen Vorwurf machen konnte!
Aber ich will wissen, ob der alte grauhaarige Schwätzer die Wahrheit
gesprochen oder ob er gelogen hat, und wenn ich damit bis hinauf zum
König gehen müßte.«