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Der Erbe.
Roman
von
Friedrich Gerstäcker.
Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.
Zweiter Band.
Jena,
Hermann Costenoble.
1867.
Inhaltsverzeichniß.
Seite
1. Am Krankenbett 7
2. Zwei Glückliche 24
3. Frau Heßberger 54
4. Neben der Werkstätte 86
5. Die Werbung 112
6. Staatsanwalt Witte zu Hause 136
7. Bei der Leiche 164
8. Der Raubmord 185
9. Die Untersuchung 222
10. Verschiedene Eindrücke 248
11. Rath Frühbach 275
12. Die Nachbarin 296
13. Das Geständniß 323
1.
Am Krankenbett.
Ungleich der stürmischen oder doch bewegten Unterhaltung im unteren
Theil des Schlosses verhandelten die Personen im oberen, in Benno's
Krankenstube, und Benno selber saß mit hochgerötheten Wangen in seinem
Bett und lauschte der Erklärung Baumann's, der vor ihm auf einem kleinen
Tische die mitgebrachte Maschine stehen hatte und jetzt ihre Wirksamkeit
beschrieb.
»Aber woher haben Sie das wunderliche Ding, Baumann?« sagte der Knabe
mit blitzenden Augen, denn sein ganzes Interesse war geweckt worden.
»Doch nicht selber gefertigt? Das sieht ja gerade so aus, als ob es
schon über hundert Jahre alt wäre.«
»Das ist es auch vielleicht, lieber Baron,« erwiederte der junge
Mechanikus, »und eine nicht ganz werthlose Antiquität, die dem alten,
reichen Salomon gehört.«
»Aber was, um Gottes willen, stellt es vor? Was bezweckt es? All' die
vielen Räder, die schwere Kugel dann und die Hebel!«
»Es sollte ein altes Problem lösen,« lächelte Baumann, »das =perpetuum
mobile=.«
»Um vielleicht durch ein =perpetuum immobile= zu beweisen, daß es auch
das Gegentheil geben müsse,« lachte Benno, der seine Krankheit ganz
vergessen hatte. »Wie komisch das ist! Es rührt und regt sich ja gar
nicht.«
»Weil es noch nicht in Gang gebracht ist,« erwiederte Baumann; »wenn das
aber geschieht -- und wir wollen das gleich einmal thun --, so kann ich
Ihnen versichern, daß es ununterbrochen fortläuft und kein Aufhören mehr
zu berechnen ist, die Zeit natürlich ausgenommen, wo sich das Material
selber abnutzt und die Räder ausgeleiert werden -- ein Nachtheil, der
allen Menschenwerken anhängt, ob er sie nun später oder früher ereilt.«
»Und wie kommen Sie dazu, Baumann?«
»Es war die erste Arbeit, die mir, seit ich mich selbstständig etablirt
habe, anvertraut wurde,« sagte der junge Mechanikus, »und ich glaube,
ich habe meine Aufgabe ehrenvoll gelöst, denn der alte Salomon
versicherte mir, er hätte das kleine Werk schon in alle größeren Städte
Deutschlands, zu den berühmtesten Arbeitern gesandt, ohne es je reparirt
zu bekommen. Die Antwort von Allen habe gelautet, sie wollten lieber
etwas Aehnliches neu herstellen, als den Fehler finden, der hier die
Räder verhinderte, fortzuarbeiten. Und doch lag das Ganze nur an einer
Kleinigkeit, an einem falsch eingesetzten Rädchen, das vielleicht
einmal eine ungeschickte Hand beim Reinmachen herausgenommen und, da es
Aehnlichkeit mit einem andern hatte, nicht wieder an die rechte Stelle
brachte. Das aber störte natürlich die Arbeit des ganzen Werkes, weil
seine Zähne etwas weiter aus einander stehen.«
»Und Sie fanden den Fehler?«
»Gewiß, und Sie sollen sich jetzt selber überzeugen, wie günstig und
glatt es geht. Drei Tage und drei Nächte habe ich es schon bei mir im
Zimmer in Gang gehabt; es arbeitet vortrefflich, und ein Ablaufen des
Räderwerkes ist, so lange die Räder selber in Ordnung bleiben, gar nicht
denkbar.«
Er hatte dabei die Messingkugel auf einen bestimmten Punkt gelegt und
ließ sie dort auf einen Hebel fallen; dadurch kam das ganze Räderwerk
in Gang, und die Kugel selber wurde langsam, aber in genau abgemessener
Weise nach und nach und von Zahn zu Zahn wieder hinauf an ihre alte
Stelle gebracht, um ihren Kreislauf dort von Neuem zu beginnen. Jedesmal
aber, wenn sie den Punkt erreichte und dann wie vorher ab und auf den
Hebel traf, brachte sie das Ganze von Frischem in Gang.
Kathinka, die sich noch im Zimmer befand, hatte der kleinen Maschine, an
der sich Benno nicht satt sehen konnte, mit vielem Interesse zugeschaut,
aber doch dabei manchmal aus dem Fenster gehorcht, denn es war ihr
fast, als ob sie unten die scharfe, keifende Stimme des Fräuleins von
Wendelsheim hörte. Was war da wieder vorgefallen -- und sicher trug
wieder der Baron Bruno daran die Schuld, der eben dort zum Thore
hinaussprengte, oder hatte wenigstens die Ursache gegeben. Sollte sie
selber jetzt hinuntergehen? Es war wohl besser, sie wartete noch eine
kurze Zeit, bis der Sturm ein wenig ausgetobt; sie mochte der »Tante«
nicht muthwillig in den Weg laufen.
Eine Viertelstunde verging noch so, und Benno konnte nicht müde werden,
das kleine Kunstwerk zu beobachten, das, freilich immer nur eine
Spielerei, doch dem Verfertiger alle Ehre machte, als plötzlich die Thür
rasch geöffnet wurde und Tante Aurelia einen Blick in's Zimmer warf.
»So,« rief sie dabei, »und Du sitzest noch hier, die Hände im Schooß,
und weißt gar nicht, daß unten Alles auf dem Kopfe steht? Und Benno soll
seinen Thee wohl ebenfalls kalt trinken, Mamsell, heh? Haben wir Dich
deshalb in's Haus genommen und die langen Jahre gefüttert, um nur eine
Hofdame aus Dir zu machen, die sich Morgens in Staat wirft und dann den
ganzen Tag spazieren geht?«
»Ich wußte nicht, daß es schon so spät war,« sagte Kathinka schüchtern
und glitt an der Zornigen vorbei aus der Thür, während die Tante ihr
nachzankte: »Und wozu hast Du Deine Augen, als Dich selber darum zu
bekümmern und nach der Uhr zu sehen, Du nachlässiges Ding Du! Den jungen
Leuten nachlaufen, ja, das kann sie, aber zu sonst ist sie auf der
Gotteswelt nichts nutz, und ich erlebe doch hoffentlich auch noch die
Zeit, wo wir die Bürde hier vom Halse los werden!«
Kathinka hatte wahrscheinlich nicht die Hälfte der harten Worte mehr
gehört, denn sie war in Schreck und Scham die Treppe hinabgesprungen.
Benno aber, als sie die Thür wieder schloß, jedenfalls um ihr
nachzugehen und ihre Strafpredigt fortzusetzen, seufzte recht tief auf
und sagte traurig: »Das arme, arme Mädchen! Sie ist so gut und brav,
arbeitet von früh bis spät und pflegt mich, wie es eine Mutter nicht
besser könnte, und nie ist die Tante mit ihr zufrieden; immer und ewig
zankt sie und macht ihr unser Haus zu einer Hölle. O, daß ich nur gesund
wäre und ihr beistehen könnte! Aber wenn ich nur laut reden will, sticht
es mich hier so in der Brust, und ich muß dann stundenlang regungslos
auf meinem Kissen liegen.«
»Ich glaube,« sagte Baumann leise, »das gnädige Fräulein Tante zankt
mit Jedermann und braucht täglich einen gesunden Skandal, um sich
bei frischen Kräften zu erhalten. Es ist auch so eine Art =perpetuum
mobile=, das ich aber, aufrichtig gesagt, lieber nicht repariren möchte,
wenn es einmal aufhören sollte zu arbeiten.«
»Sie haben recht, Baumann,« lächelte Benno, »und ihre Zunge ist die
Kugel, die stets auf's Neue das ganze Räderwerk in Bewegung setzt, denn
schon nach den ersten Worten arbeitet sie sich selber in die größte
Aufregung hinein. Nur mit mir zankt sie nicht, so gern sie es auch
manchmal möchte, und daß Sie mich besuchen, scheint ihr auch nicht
angenehm zu sein.«
»Ich habe wenigstens noch nie einen freundlichen Blick oder Gruß von ihr
bekommen.«
»Dessen können sich überhaupt nur wenig Menschen rühmen,« seufzte Benno.
»O, warum sich und Anderen das Leben so schwer machen! Es ist doch so
schön und, ach, so kurz!«
Kathinka trat herein und brachte den Thee, setzte ihn aber nur auf
den Tisch und verließ augenblicklich das Zimmer wieder. Sie hatte
rothgeweinte Augen und wollte die wahrscheinlich nicht vor den jungen
Leuten sehen lassen.
Baumann's Blick haftete auch mit innigem Mitleiden auf ihr; sie war so
jung und so unglücklich schon, stand so ohne Schutz und Freunde da,
und ertrug doch Alles mit so stiller Demuth, ohne ein einziges Wort
der Widerrede! Er hatte auch wirklich einen bittern Fluch gegen die
»steinerne Tante« auf den Lippen, verbiß ihn aber, um Benno nicht wehe
zu thun, und setzte nun langsam die Maschine außer Gang und zurück neben
seinen Hut.
»Sie wollen doch noch nicht fort, Baumann?« fragte Benno rasch. »Du
lieber Gott, dann bin ich ja ganz allein, denn Kathinka hat die Tante
weggejagt und Bruno ist ja auch wieder fortgeritten, er wäre sonst gewiß
noch einmal heraufgekommen.«
»Ich kann noch etwas bleiben, lieber Baron, aber ich fürchte, Sie regen
sich zu sehr auf. Sie sehen jetzt schon so blaß aus.«
»Weil ich mich über die Tante geärgert habe,« sagte der Knabe. »Weshalb
zankt sie immer mit der armen Kathinka -- ich bin ja auch gar nicht
krank mehr, nur noch schwach, wie mir der Doctor selber gesagt hat, und
nur ausruhen soll ich mich, recht ordentlich ausruhen, damit ich wieder
zu Kräften komme -- könnt' ich nur fort von hier!«
»Aber wohin?« fragte Baumann.
»Bruno hat mir versprochen,« fuhr der Knabe mit leuchtenden Blicken
fort, »wenn er jetzt das viele Geld von seiner großen Erbschaft bekommt,
was ja nur noch wenige Wochen dauert, dann macht er mit mir eine Reise
nach Italien. Dort ist weiche, warme Luft, dort erhol' ich mich gewiß
in so viel Tagen, wie hier in Monden, und dann nehmen wir Kathinka als
Krankenpflegerin mit -- ja, Baumann, gewiß! Ich habe es schon Alles
mit meinem Bruder ausgemacht -- ich brauche noch Pflege unterwegs,
wenigstens in der ersten Zeit -- aber die Tante,« setzte er lächelnd
hinzu, »die lassen wir hier in dem alten, öden Schlosse, wo es mir immer
ist, als ob die Mauern über mir zusammenbrechen müßten, und dann kann
sie nicht mehr mit Kathinka zanken, und sie wird wieder heiter und
glücklich werden und wieder lachen -- ach, Baumann, Sie sollten sie
einmal lachen hören, wie herzlich, wie lieb das klingt! Aber,« setzte er
leise hinzu, »es ist schon lange her, daß ich es nicht mehr gehört habe,
und es thut mir doch so wohl.«
Er lag viele Minuten still und regungslos, und Baumann, das Herz
von innigem Mitleiden mit dem Armen erfüllt, wagte selber nicht das
Schweigen zu brechen. Welchen Trost hätte er ihm auch geben können?
Endlich sagte Benno wieder:
»Wo nur der Vater heute sein mag, daß er nicht ein einziges Mal zu mir
heraufkommt, und er weiß doch, wie ich mich immer freue, ihn hier zu
sehen -- aber freilich,« setzte er seufzend hinzu, »bei mir hier oben
ist es so langweilig, und er hat so wenig Geduld -- da ist die Kathinka
besser, und wenn sie dürfte, säße sie halbe Tage lang an meinem Bett
und erzählte mir ihre wunderhübschen Geschichten. Ach, sie kann so schön
erzählen, Baumann, und wenn sie es thut, seh' ich all' die Personen, die
sie beschreibt, all' die Feen und Elfen mit ihren lieben Gestalten um
mein Bett stehen, und es wird mir dann so wohl, o, so wohl...«
Er sank zurück, Todtenblässe deckte seine Züge, er war ohnmächtig
geworden, und Baumann zog jetzt die Klingel, um Hülfe herbeizurufen,
aber nur die Magd erschien. Das gnädige Fräulein Tante war unten in
den Ställen und zankte sich gerade mit einer der Viehmägde, Fräulein
Kathinka war aber in den Garten geschickt, um dort die Blumen zu
begießen.
Benno erholte sich jedoch, wie ihm nur Baumann ein nasses Tuch um die
Stirn legte, rasch von selber wieder; aber er war jetzt so schwach
geworden, daß er nach Ruhe verlangte.
»Ich will schlafen,« sagte er leise, indem er dem Freund die
Hand reichte -- »heute bin ich recht elend, aber wenn Sie wieder
herauskommen, finden Sie mich von allen Schmerzen frei -- dann beginnt
eine glückliche Zeit. Leben Sie wohl, mein guter Baumann!« Er drehte
sich ab und legte sich auf die Seite. Baumann sah nur noch die
eingefallenen Wangen, die hohlen Schläfe und geschlossenen Augen. Es war
ihm, als ob er einen Todten verließ, als er, seine Maschine im Arm, die
Thür des Zimmers hinter sich zudrückte.
Er stieg langsam die Treppe hinunter und betrat durch eine Seitenthür
den Garten -- es wurde unten im Park an dem einen Theile der Mauer
gebaut, und er wußte, daß er dort hinaus ein bedeutendes Stück seines
Weges abschneiden konnte --, aber er mußte an dem Gartensaal vorüber,
und als er die Thür desselben passirte, bemerkte er den alten Freiherrn,
der dort, die Stirn noch immer an die Glasscheibe gelegt, stand und
anscheinend hinaus in den Garten sah. Im ersten Momente wollte er ihn
auch anreden und ihm sagen, daß Benno wieder eine Ohnmacht gehabt. Der
Kranke schlief aber jetzt gerade; wenn der Baron hinaufging, störte er
ihn nur wieder. Das vorher gerufene Mädchen würde es schon der Tante
sagen; er selber beschloß, nichts davon zu erwähnen. Nur als er
vorüberging, zog er seinen Hut ab und grüßte den alten Herrn, dessen
stieres Auge auf ihm haftete -- aber ob er ihn trotzdem nicht sah? Er
dankte wenigstens nicht, noch gab er irgend ein Zeichen der Erkennung.
Still und regungslos stand er an der Glasthür und starrte, wie in das
Leere, in die grünen Büsche und Sträucher hinein. Dem jungen Mann wurde
es auch ganz unheimlich, als er ihn da so stehen sah. Was um Gottes
willen war vorgegangen, das den alten, sonst so strengen und kalten
Herrn dermaßen erschüttern und von seiner nächsten Umgebung ablenken
konnte!
»Soll mich der Himmel vor Macht und Reichthum bewahren,« flüsterte
Baumann leise vor sich hin, als er durch die laubigen Gänge des Parkes
schritt, »wenn ich sie solcher Art mit meinem Seelenfrieden erkaufen
mußte! Wie kummervoll der Mann aussieht! Hat er vielleicht von dem
neuen Anfall des jüngsten Kindes gehört und sorgt sich darüber? -- armer
Vater! -- Oder ist es etwas Anderes, das ihn drückt? Wenn so, dann
müßte er es auch allein tragen, denn er hat keinen Freund, dem er sich
anvertrauen könnte oder wollte.« Er war wohl ein »vornehmer Herr,« aber
er stand allein, trostlos allein in der weiten Welt, und Niemand half
ihm seine Lasten tragen, und doch war der Glanz und Prunk, der ihn
umgab, und das Meiste von alledem, nur noch gemacht, wie Baumann recht
gut wußte. Ein übertünchtes Elend, um Rang und Stand mit den letzten,
fast erschöpften Kräften aufrecht zu erhalten, und das Alles ohne die
Spur von häuslichem Glück und Frieden, und nichts in dem großen, öden
Schlosse, als Stolz, Haß und Unfriede, und dazwischen den lauernden Tod
am Krankenbett des Sohnes!
Baumann war, in seine trüben Gedanken vertieft, rasch durch den
Park jener Stelle zugeschritten, an welcher, wie er wußte, die Mauer
niedergeworfen worden und eben neu aufgebaut werden sollte. Er hatte
auch auf seine Umgebung wenig oder gar nicht geachtet, als er plötzlich
ein lichtes Kleid durch die Büsche schimmern sah und gleich darauf
Kathinka erkannte. Sie kam gerade, eine große, aber jetzt leere
Gießkanne in der Hand, von den ihr anvertrauten Beeten her und wollte
nach dem Schloß zurück. Als sie Baumann bemerkte, war es auch fast, als
ob ihr Fuß einen Moment zögerte; sie wäre ihm in der That am liebsten
ausgewichen, denn ihre Augen zeigten noch Spuren von vergossenen
Thränen, und sie scheute sich, die den Fremden sehen zu lassen; aber es
ging nicht mehr, er war schon zu nahe herangekommen, und Baumann selber
ging auf sie zu, um ihr den Unfall mitzutheilen, der Benno während ihrer
Abwesenheit betroffen.
»Du lieber Gott,« rief sie erschreckt aus, »der arme junge Mensch! O,
nicht einen Augenblick sollte er allein gelassen werden -- sie wissen ja
gar nicht, wie krank er ist, sie können es nicht wissen, oder sie würden
anders handeln. Ich will gleich zu ihm.«
»Lassen Sie ihn jetzt,« sagte Baumann freundlich; »er ist eingeschlafen,
und die Ruhe wird ihm gut thun; er bedarf ihrer.«
»Er wird bald von allen seinen Leiden ausruhen,« sagte Kathinka traurig
-- »bald und für immer.«
»Halten Sie seinen Zustand wirklich für so gefährlich?«
»Ich fürchte, ja. Er hat die letzten Tage an Kräften in erschreckender
Weise abgenommen, und seine Augen haben einen so unheimlichen Glanz
bekommen.«
»Der arme, arme Benno, wie wenig Freude hat er noch im Leben gehabt, und
so jung schon sterben -- sterben jetzt, da vielleicht in dem Reichthum
seines Bruders und dem neu erwachenden Glanz des Hauses auch ein
besseres Dasein für ihn beginnen könnte! Glauben Sie nicht?« fuhr er
fort, als Kathinka leise mit dem Kopf schüttelte. »Bruno würde gewiß
freundlich mit ihm sein, er ist von Herzen gut und hat ihn lieb.«
»Ja,« sagte Kathinka, »Bruno schon, aber die Tante ist der böse Geist im
Hause, der kein Glück und keinen Frieden aufkommen läßt, und ich selber
hätte es auch schon lange verlassen, wenn ich nicht Benno's wegen
bliebe. Aber er hat sich so an mich gewöhnt, daß er ganz unglücklich
sein würde, wenn ich ginge -- sonst lieber trocken Brot unter Fremden
essen,« setzte sie leise hinzu.
»Sie haben ein schweres Leben hier im Hause, mein armes Fräulein,« sagte
Baumann mitleidsvoll, »und ich begreife da wirklich die Tante nicht,
denn sie hat Benno lieb, das zeigt sich in Allem, und doch kränkt sie
ihn so oft durch Sie. Er sagte mir selber heute, daß ihn das Zanken
wieder krank gemacht.«
»Ich muß zum Hause zurück,« erwiederte Kathinka ausweichend. »Benno
könnte aufwachen und nach mir verlangen, und meine Arbeit ist hier
beendet. Leben Sie wohl, Herr Baumann!« Und mit leichten Schritten eilte
sie den Gang hinab dem Schlosse zu.
Fritz Baumann verließ den Park heute mit recht schwerem Herzen. Er hatte
den kranken Knaben wirklich liebgewonnen, und wie lange konnte es noch
dauern, bis er in der kühlen Erde ruhte! Dann kehrte auch er nicht mehr
in den Schatten dieser Bäume zurück, dann war auch ihm der Weg hieher
abgeschnitten, denn er fühlte recht gut, daß ihn der Baron wie die Tante
hier nur Benno's wegen duldeten. Er selber würde sie auch nie aufgesucht
haben.
Er stand noch und sah zu dem Schloß nachdenkend zurück, das gerade hier,
bei einer Biegung des Weges, durch die dichten Wipfel sichtbar wurde,
als er plötzlich das schmerzliche Winseln und Heulen eines Hundes
und scharfe Peitschenschläge auf dessen Rücken hörte. Es war der
Revierförster, der seinen Dachs an der Leine hatte und aus irgend einem
Grund jämmerlich abprügelte.
»Du großer Gott,« sagte Baumann fast unwillkürlich vor sich hin, »ist
das ein trostloser Platz hier -- nicht einmal ein Hund kann sich da wohl
fühlen! Ich will dem Himmel danken, wenn ich ihn nicht mehr zu betreten
brauche!« Und rasch ausschreitend, erreichte er bald darauf die
Parkbrücke und gleich dahinter die freie Straße, wo er ordentlich
aufathmete, als ob er einem Gefängniß entwichen sei.
2.
Zwei Glückliche.
Bruno von Wendelsheim war in scharfem Trab in die Stadt zurückgeritten,
aber heute wahrlich in keiner so gedrückten Stimmung, als er sonst wohl
das väterliche Haus verlassen; denn jenes ruhige Gefühl überkam ihn
dabei, das uns immer ergreift und beherrscht, wenn wir nach langen,
peinigenden Zweifeln über irgend einen wichtigen Abschied unseres Lebens
zu einem bestimmten und festen Entschlusse gekommen sind.
Liebe -- wann hatte er Liebe je in seinem Vaterhaus gefunden? Nie, nie!
Nur mit Furcht war er erzogen und geleitet worden, nur Furcht hatte er
vor dem strengen alten Herrn gekannt, bis er heranwuchs und auch diese
abschüttelte. Dann war nichts geblieben, als das Bewußtsein, daß er dem
Manne, als seinem Vater, Achtung und Gehorsam schuldig sei -- aber nur
Gehorsam so weit, als es nicht sein eigenes Lebensglück, seine ganze
Zukunft betraf, die zu leiten er durch seine Härte und Gleichgültigkeit
schon des Rechtes verlustig gegangen war.
Als er heute Morgen hinaus nach Wendelsheim ritt, war er denn auch nur
darauf gefaßt gewesen, nach seiner Erklärung einem Sturm von Vorwürfen
und Zornesworten zu begegnen, die ja auch kaum ausbleiben konnten, da er
zum ersten Mal es wagte, nicht allein vollkommen unabhängig seinem Vater
entgegenzutreten, nein, ihn sogar an seinem verwundbarsten Punkt, seinem
alten Adelsstolz, seinem unantastbaren Stammbaum zu verletzen. Daß er
gänzlich unvorbereitet darauf war, ihn, statt aufbrausend und wüthend,
nur weich und schmerzbewegt, ja, wie gebrochen zu finden, läßt sich
denken; er würde es nie im Leben für möglich gehalten haben, und so
überrascht, so erschüttert selbst fühlte er sich davon, daß er sogar für
einen Moment schwankend in seinem Entschluß wurde, um von dem alten Mann
den Schmerz zu nehmen, bis die Tante mit ihrem kalten, höhnischen Blicke
in's Zimmer trat und mit ihrem Augenblick Alles, Alles zurückrief, was
er in seinem Leben hier erduldet.
Seine ganze, ihm abgestohlene und mißhandelte Jugend lag bei ihrem
Anblick vor seinen Augen; all' die Thränen, die er im Stillen geweint,
all' der heimliche Ingrimm, den sie in die Kindesbrust gepflanzt und
mit ihm groß gezogen, aber immer nur genährt, nie auch selbst durch
ein freundliches Wort gemildert hatte, und gerade das Bewußtsein, ihrem
starren, keines guten Gedankens fähigen Herzen noch einmal einen Streich
zu versetzen, sie endlich einmal fühlen und wissen zu lassen, daß ihre
Herrschaft vorbei sei und sie aufgehört habe, den Knaben zu meistern,
warf alles Mitleid für den Vater über Bord. Er sah nur seine geopferte
Jugend, fühlte nur, zum ersten Mal in seinem Leben, das Bewußtsein in
sich erwachen, zu _vergelten_, und in der wonnigen Empfindung, gerade
dieser Frau den Fehdehandschuh hinwerfen zu können, gerade ihr zu
zeigen, daß ihr Regiment über ihn aufgehört und sie darauf verzichten
müsse, ihn als Knaben zu behandeln, vergaß er selbst den Schmerz des
Vaters über das ihm zugefügte Leid.
Jetzt war es geschehen, der Würfel gefallen, und ihm blieb nichts weiter
übrig, als nach seinem Gefühl zu handeln.
Damit trabte er auf seinem Weg dahin, und noch nie war ihm der Himmel so
blau, die Erde so frisch und maiengrün, die Luft so mild, der Vögel Sang
so lieb erschienen, wie gerade heute, wo er nicht allein zum ersten Mal
seinem Herzen folgen, sondern auch eine heilige Pflicht erfüllen durfte,
die ihn lange gedrückt.
Daß ihn Rebekka liebte -- wie konnte es ihm Geheimniß bleiben, da des
Mädchens ganze Seele ja in dessen Augen lag? Und wenn es ihn bis jetzt
nur immer in das Haus, in das trauliche Stübchen des alten Salomon zog,
so verließ er es auch jedesmal mit den bittersten Vorwürfen gegen sich
selbst, daß er eine Leidenschaft nähre und unterhalte, der er, wie
er damals dachte, nie gerecht werden durfte. Und doch war er nicht
im Stande, jenen Zauber zu meiden, den Rebekka schon selber auf ihn
ausübte, und der alte Salomon schüttelte wohl oft, von ihm ungesehen,
den Kopf, wenn er mit dem Mädchen am Instrument saß und die Tochter
dann, glücklich in der Nähe des Geliebten, mit jubelnder Stimme ihre
Lieder sang.
Er, der alte Salomon, kannte die Verhältnisse der Menschen draußen auf
dem Schauplatz, den wir die Welt nennen; er kannte sie besser wohl als
tausend Andere, denn er hatte mit allen Schichten der Bevölkerung und
besonders mit den Großen und Vornehmen verkehrt, und er war von ihnen
geschmeichelt und auf Händen getragen oder auch unter die Füße
getreten worden, gerade wie man ihn gebrauchte. Er kannte aber auch die
Ansichten, den Stolz und Hochmuth dieser Leute, die, was ihren Stammbaum
betraf, doch hätten zu dem Juden mit Neid und Bewunderung aufsehen
müssen, denn keiner von allen leitete so weit zurück als dessen
Abstammung, die zu Abraham hinaufreichte. Aber ihre Standesvorurtheile
machten sie blind -- blind gegen Alles, nur nicht gegen ihren eigenen
Werth, und Salomon wußte gut genug, daß sie, so hoch sie sich selber
überschätzten, eben so tief den Juden verachteten, den sie wohl
gebrauchen und benutzen konnten, wo er ihren Zwecken diente oder ihnen
nöthig wurde, dem sie aber sonst nie verstattet hätten, auch nur in ihre
Nähe sich zu wagen, viel weniger denn auf gleichen Rang, auf gleiche
Stufe mit ihnen zu treten.
Und was sollte da aus einer Liebe werden, die er im Herzen der Tochter
gegen Einen jenes, ihnen stets fremd gebliebenen Stammes sich entwickeln
sah? Er fürchtete das Hoffnungslose einer solchen Leidenschaft, aber
wagte, aus Liebe zu dem einzigen Kinde, nicht einmal einen Einspruch zu
thun, ja, ihr nicht einmal die Gefahr zu nennen, in der sie schwebe, aus
Furcht nur, die Gefahr gerade dadurch erst heraufzubeschwören.
Er mochte den jungen Officier wohl leiden: er war anders, als die
Uebrigen seines Standes und Gewerbes, und hatte sich seit der Zeit,
wo er zufällig einmal Rebekka im Laden ihres Vaters gesehen und kennen
gelernt, stets so achtungsvoll und dabei so einfach und herzlich
betragen, daß er es nicht über sich gewinnen konnte, ihn abzuweisen --
und doch wäre es vielleicht besser, viel besser gewesen. Damals nun, als
er zu ihm um das Anlehen kam und er es ihm verweigerte, glaubte er den
Zeitpunkt gekommen, wo er ein Verhältniß abbrechen konnte, das anfing
ihm Sorge zu machen. War einmal das Capitel »Geld« zwischen ihm und
Rebekka besprochen und verhandelt worden, dann wußte er recht gut, daß
der Zauber schwinden mußte, der bis jetzt auf der seltenen Erscheinung
des Geliebten gelegen -- aber er hatte sich geirrt. Bruno fühlte das
selber; er wagte das Wort nicht auszusprechen, und wenn er auch fast
verzweifelnd das Haus verlassen mußte, das einzige Wesen auf der weiten
Welt, das ihn wirklich liebte, sollte nie einen Schatten auf seiner Ehre
sehen.
Damit war der ganze Plan des alten Salomon in Trümmer gegangen und das
gerade beschleunigt, was er vermieden haben wollte -- eine Erklärung der
Beiden, ein Erkennen und Sichbewußtwerden des Gefühls, das nun natürlich
nicht mehr zurückgehalten werden konnte. Was nun kam -- er mußte der
Sache ihren Lauf lassen, sah aber die Zukunft, trotzdem daß seine Frau
und Rebekka darin schwelgten, in einem trüben, traurigen Licht -- und
er war ein Mann, der viel, viel erlebt hatte und sich nicht so leicht
in etwas täuschen ließ. -- Aber wo blieb indessen der Baron? Seit jenem
Tage, an welchem er den Wechsel erhalten, waren acht, waren vierzehn
Tage verflossen, ohne daß er sich im Hause Salomon's wieder hätte sehen
lassen. Rebekka erwartete seine Rückkunft mit heißem Sehnen, der Vater
zählte ebenfalls die Tage, aber aus einem andern Grunde; denn jeder
schwindende Tag bestätigte nun mehr und mehr seine Ueberzeugung, daß
Baron von Wendelsheim doch endlich selber eingesehen habe -- leider,
leider nur zu spät für sein armes Kind --, der reiche Baron passe nicht
in die Familie des Juden.
Bruno von Wendelsheim ritt indessen fröhlich seine Bahn entlang. Er war
mit sich im Reinen, und wenn er auch wochenlang gekämpft und das Für
und Wider erwogen, jetzt kannte er nur ein einziges Ziel: das Haus der
Geliebten, und dem eilte er entgegen, so rasch ihn sein altes Pferd nur
tragen konnte.
An seiner Wohnung hielt er an, um vorher sein Thier einzustellen und
dann den Weg zu der Judengasse zu Fuß zurückzulegen; der alte
Salomon hatte ja keine Stallung, und ein Officierspferd dort wäre
nur aufgefallen. Dann reinigte er sich erst von dem Staub der Straße,
überraschte auch seinen Burschen etwas durch den Vorwurf, daß er die
Knöpfe der neuen Uniform lange nicht blank genug geputzt und den Rock
selber nicht sauber ausgebürstet habe -- denn sonst achtete er nie so
viel auf sein Aeußeres, um deshalb je mit ihm zu zanken.
»Haben Sie Ihre Mappe schon nachgesehen? Es sind auch heute Morgen
wieder ein paar Briefe gekommen, Herr Lieutenant,« sagte der Bursche,
als Wendelsheim gerade das Zimmer verlassen wollte.
Bruno trat noch einmal zum Tisch zurück und öffnete die Mappe; es waren
drei Briefe -- zwei Rechnungen -- er konnte das liniirte Formular schon
durch das Couvert unterscheiden und kannte derartige Zuschriften nur
zu gut; der dritte -- kopfschüttelnd und rasch brach er ihn auf --
wahrhaftig, er enthielt wieder den geheimnißvollen Fünfthalerschein,
ohne weitere Andeutung, woher er kam, und auch das nämliche Siegel
wieder, mit einem Fünfgroschenstück zugedrückt. Auch die Handschrift der
Adresse war die nämliche wie früher. Wer, um Gottes willen, konnte nur
der Geber dieser sich regelmäßig folgenden Geschenke sein, und durfte
er sie länger annehmen, ohne sich vielleicht für spätere Zeiten eine
lästige Verbindlichkeit aufzuladen? Aber es schien jetzt eben so
unmöglich, sie zurückzusenden, als früher -- denn wohin? Der Brief war
hier in der Stadt jedenfalls, ohne Angabe des Inhalts oder Namens des
Absenders, in einen Briefkasten geworfen und von der Post befördert
worden.
Oft und oft hatte er auch schon daran gedacht, sich durch die Zeitung
gegen derartige Zusendungen, die ihm jedesmal ein unangenehmes Gefühl
hervorriefen, zu verwahren, sich aber immer gescheut, das öffentlich zu
thun. Brauchte er denn aber seinen Namen zu nennen? So viel Leute gab es
sicherlich nicht in der Stadt, die anonym fünf Thaler verschickten. Wenn
er nur den Anfangsbuchstaben seines Namens darunter setzte, genügte das.
Nicht einmal die Zeitungsexpedition brauchte zu wissen, wer die Annonce
einrückte -- sein Bursche sollte sie hintragen und nur abgeben -- das
Geld für die Insertionsgebühren konnte er hineinwickeln -- das war das
Beste -- weshalb hatte er es nicht schon lange gethan? Ohne sich auch
weiter zu besinnen, setzte er sich an seinen Tisch und schrieb auf einen
Zettel:
»Der Unterzeichnete verbittet sich jede weitere Zusendung von
Fünfthalerscheinen; das überschickte Geld ist wieder bei ihm
abzuholen. Wo, wird der Absender wohl wissen.
W.«
»So,« sagte er, als er den ungefähren Betrag für den Abdruck
hineinwickelte, »das hier trägst Du gleich auf die Expedition des
Tageblatts und giebst es nur ab -- verstanden?«
»Sehr wohl, Herr Lieutenant.«
»Und wenn Dich Jemand dort fragt, von wem die Annonce kommt, so nennst
Du keinen Namen -- Du weißt es nicht.«
»Sehr wohl, Herr Lieutenant.«
»Und wenn ich um acht Uhr noch nicht da sein sollte, brauchst Du nicht
länger auf mich zu warten.«
»Sehr wohl, Herr Lieutenant.«
Lieutenant von Wendelsheim verließ seine Wohnung und schritt, alle
anderen Gedanken von sich abschüttelnd, als nur die lieben, glücklichen
an sein schönes Ziel, die Straße hinab.
Am Seitenwege, von seinem Hause gar nicht weit entfernt, grüßte
ihn wieder eine ältliche Frau, und er sah sie, gedankenlos den Gruß
erwiedernd, von der Seite an. Er kannte sie auch, hatte sie wenigstens
oft auf der Straße gesehen; sie mußte jedenfalls hier in der Nähe wohnen
-- was kümmerte ihn die Frau!
Die Frau blieb aber noch lange, als er schon die Straße hinab und um
die Ecke verschwunden war, stehen und sah ihm nach, und ein paar große,
helle Thränen glänzten dabei in ihren Augen. Doch sagte sie nicht ein
Wort, kein Laut kam über ihre Lippen, und nur still und schweigend
wandte sie sich ab, drückte die zusammengefalteten Hände auf die Brust
und verfolgte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung, als die war,
welche der Lieutenant eingeschlagen hatte.
Lieutenant von Wendelsheim beschleunigte indessen seine Schritte, um aus
dem Menschengewühl der Hauptstraße zu kommen, und erst als er in die nur
zu gut gekannte Seitengasse einbog, ging er langsamer, denn übergroße
Eile wäre hier zu sehr aufgefallen. -- Jetzt betrat er endlich
das Judenviertel wieder, mit seinem ekelhaften Schmutz und fatalen
süß-säuerlichen Geruch, der ihn jedesmal zwang, das Taschentuch an die
Nase zu nehmen, und mußte hier wirklich Acht geben, um nicht an die
überall umher spielenden, schauerlich schmutzigen Kinder anzustreifen,
die allerdings nicht solche Rücksicht auf ihre Kleider nahmen. Scheue
Blicke voll Ekel und Abscheu warf er auch nach rechts und links in die
düsteren Spelunken hinein, die von Unrath strotzten und ihre faulen
Dünste aushauchten. -- Und diesem Volk entstammte Rebekka! -- wie ein
eisiges Gefühl zuckte es ihm durch's Herz -- aber kaum eine Secunde
lang. Das hier war ja nur der Abschaum der Masse, der Auswurf des
ganzen zurückgesetzten und durch Jahrhunderte hindurch mißhandelten und
unterdrückten Stammes, und welche edle Blüthen er treiben konnte, o,
sein Mädchen, seine Rebekka war ihm da ja der schönste, der herrlichste
Beweis!
Ohne weiter nach links oder rechts zu sehen, eilte er seine Bahn
vorwärts die Straße entlang und athmete erst wieder auf, als er die
Erweiterung und damit den besseren Theil derselben erreichte. Von da ab
hatte er auch nicht mehr weit zu dem Haus des alten Salomon, und wenige
Minuten später stand er auf der Schwelle.
Als er die Thür öffnete, sah er den alten Mann, der in seinem Laden, den
Kopf in die Hand gestützt, vor einem dicken Buche saß und darin las.
Als er das Oeffnen der Thür hörte, hob er den Kopf, fuhr aber im
nächsten Augenblicke schon erschreckt von seinem Sitze empor. Er hatte
den Lieutenant erkannt, und so unerwartet mußte er ihm gekommen sein,
daß er es ordentlich in den Gliedern fühlte und sich wieder hinsetzen
mußte -- er hatte für den Augenblick die Kraft verloren, aufrecht zu
stehen.
»Mein lieber alter Freund! nicht wahr, ich bin lange geblieben, um
mein Versprechen einzulösen?« rief Bruno und ging, ihm die Hand
entgegenstreckend, auf ihn zu.
Der alte Mann nahm die Hand, aber er sagte leise: »Der Herr Baron hat
nur versprochen, wiederzukommen, wenn die Zeit um ist, um die Wechsel
einzulösen; ich weiß von nichts Anderem?«
»Von nichts Anderem, Salomon? -- und Rebekka?«
Der alte Salomon schwieg und schaute lange und still vor sich nieder;
er sah auch heute bleich und eingefallen aus -- oder machte das nur das
halbe Dämmerlicht des düstern, gewölbeartigen Ladens? Endlich stand er
langsam auf.
»Setzen Sie sich, Herr Baron,« sagte er ernst, aber nicht unfreundlich,
»ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden; nicht Jude zu Baron, sondern Mann
zu Mann oder, wenn Sie lieber wollen, wie Mensch zu Mensch, wie Vater zu
Sohn -- ich bin alt genug dazu, Gott weiß es, und Sie wissen, daß ich es
immer gut gemeint habe mit Ihnen und Ihnen manchen guten, vernünftigen
Rath gegeben die letzten Jahre -- wollte der Herr, daß er gefallen wäre
auf guten Boden!«
»Aber, bester alter Freund....!«
»Setzen Sie sich einen Augenblick, Herr Baron, es ist gut, daß wir
allein sind,« unterbrach ihn der alte Mann; »wir können auch keine
Störung gebrauchen und wollen keine. Ich werde den Laden schließen,
Herr Baron -- wie haißt Geschäft, wir Beide haben auch ein Geschäft mit
einander, was ist wichtiger, als ob ich einen alten saracenischen Dolch
oder einen Pfeifenkopf verkaufe.«
Salomon ließ keine Einrede gelten, zündete die Lampe an, ging vor die
Thür, schloß selber die eisenbeschlagenen Läden, verriegelte die eben
so verwahrte Thür oben und unten, drehte den Schlüssel um und kam
dann langsam zu dem jungen Officier zurück, der ihn nach all' diesen
feierlichen und mit der größten Ruhe ausgeführten Vorbereitungen doch
nicht ganz ohne Herzklopfen erwartete. Als er dann wieder zur Lampe
trat, zog er seinen Stuhl dem des Barons gegenüber, setzte sich und
begann ohne weitere Umschweife.
»So, Herr Baron, jetzt sind wir zu Dreien: der liebe Gott und Sie und
ich, weiter Niemand -- braucht auch nie ein Mensch weiter auf der Welt
zu wissen, was wir hier mitsammen haben gesprochen -- und nun will ich
Ihnen etwas sagen. Sie haben betreten mein Haus -- nicht meinen Laden,
mein' ich, wo ich mache Geschäfte und verkehre mit aller Welt, nein, das
eigentliche innerste Heiligthum meines Hauses -- auch nicht als Baron
oder Cavalier, sondern als Freund vom alten Salomon, denn Barone oder
Cavaliere kommen sonst nicht dahin. Sie haben dort gesehen mein Kind,
meine Rebekka, und mein Kind hat Sie gesehen, und der Vater hat Sie gern
gehabt, weil Sie ein gutes Gesicht und ein gutes Herz haben, und die
Tochter hat Sie gern gehabt -- nicht als Baron oder Cavalier, sondern
als Freund vom Vater -- und als Freund von sich. Sie haben mit ihr
gemusicirt und gesungen -- schöne Lieder, brave Lieder; mir altem Manne
ist dabei das Herz aufgegangen, und ich habe mir gesagt: Kein böser
Mensch kann so spielen, kann solche Musik machen, und der alte Salomon
ist eingeschlafen in seiner Wachsamkeit, bis es war zu spät. Jetzt ist
er aufgewacht, und er muß mit Ihnen reden, damit kein Unglück geschieht,
nicht im Laden oder Geschäft, sondern im eigenen Hause.«
»Aber lieber, bester Salomon, deshalb bin ich ja gerade selber hieher
gekommen!« sagte Bruno.
»Sind Sie?« wiederholte der alte Mann und sah ihn scharf und forschend
an. »Nun, desto besser dann, um so leichter und schneller werden wir
damit zu Stande kommen. Aber lassen Sie mich ausreden -- ich muß reden,
denn ich habe es die ganzen langen Wochen auf der Seele gehabt und es
hat mir das Herz beinahe abgedrückt -- ich muß reden, meinet-, Ihret-
und Rebekka's wegen.«
»Und kann ich Euch nicht vielleicht vorher durch eine ganz einfache und
bestimmte Erklärung beruhigen?« sagte Bruno.
Der alte Mann sah ihn rasch und forschend an. »Durch welche?« fragte er.
»Ich bin heute hieher gekommen, um bei Euch um die Hand Rebekka's
anzuhalten.«
Salomon schwieg; er war augenscheinlich im ersten Moment überrascht und
wußte nicht gleich, was er erwiedern sollte. Aber der kalte Verstand
des alten Juden ließ sich nicht so rasch durch ein erwachendes Gefühl
bewältigen; er hatte diesen Fall vorhergesehen, wenn auch vielleicht
nicht in so bestimmter Weise ausgesprochen, und mit ruhigen, fast
klanglosen Worten entgegnete er endlich:
»Da haben wir's -- gerade wie ich vermuthet habe: heißes Blut und
kleiner Verstand wirft den Wagen in den Sand. So hören Sie, Herr Baron,
was ein alter Mann zu Ihnen sagt: die Erklärung macht Ihrem Herzen Ehre,
und sie thut mir gut, weil sie mir beweist, daß ich mich nicht ganz in
Ihnen geirrt. Sie glauben, Sie haben Ihr Wort gegeben, und Sie wollen es
halten. Als Cavalier wollen Sie es halten und als gewöhnlicher Mensch
-- aber es geht nicht. Sie werden wohnen auf dem Schlosse Wendelsheim
-- wir werden wohnen in der Judengasse, und damit hab' ich gesagt Alles,
was zu sagen ist. Sie werden haben wollen die Rebekka zur Frau, aber Ihr
Herr Vater ist ein vornehmer, ist ein strenger Herr -- er wird lachen,
wenn Sie es ihm erzählen zum ersten Mal -- er wird weinen, wenn Sie es
ihm erzählen zum zweiten Mal, und er wird Ihnen seinen Fluch geben, wenn
Sie es erzählen zum dritten Mal. Aber die Tochter des alten Salomon soll
einziehen in ihre neue Heimath nicht mit des Vaters Fluch, nein, mit
des Vaters Segen. Noch ist es Zeit, noch ist die Wunde nicht so tief
geschlagen, daß nicht Jahre im Stande wären, sie zu heilen, und deshalb
habe ich heute mit Ihnen gesprochen. Sie sind jetzt -- lassen Sie mich
ausreden, Herr Baron, ich bitte Sie -- Sie sind jetzt nichts als ein
armer Lieutenant, der Schulden gemacht hat, und glaubt, er wäre dem
alten Salomon eine Verbindlichkeit schuldig, weil er sie für ihn
bezahlt. Es spricht das für Ihr gutes Herz, aber nicht für Ihren
Verstand. Sie werden sein in kurzer Zeit ein reicher Mann selber, ein
Baron von altem Adel und Stammbaum -- aber wenn Sie wirklich heiratheten
des alten Juden Tochter würden Sie sich fühlen geschlagen und
unglücklich Ihr ganzes Leben lang. Ich freue mich, daß Sie gekommen sind
zu mir und um die Hand meiner Rebekka angehalten haben -- wenn sie es
auch nie erfahren wird --, ich bin stolz darauf, aber damit lassen Sie
die Sache zu Ende sein. Ich liebe Sie, Herr Baron, ich glaube, Sie
sind ein guter Mensch -- aber ich liebe mein Kind mehr, und, Gott der
Gerechte, wer kann's mir übel deuten? Sie würde sich unglücklich fühlen
und elend sein, wenn sie in das alte Schloß einzöge und der alte Baron
sagte: »Ich will nichts von ihr wissen -- es ist des Juden Tochter!« Und
Sie würden sich unglücklich fühlen, denn Sie sind der Sohn vom Vater,
vom alten Herrn Baron; und die Diener und Mägde im Schlosse würden
die Achseln zucken, und die Pferdejungen im Stalle von der Mißheirath
sprechen, und der alte Salomon würde sich am unglücklichsten von Allen
fühlen, denn er hält sein Kind lieb und werth, und wenn er einen
Stolz hat auf der Welt, so ist es Rebekka -- und sein ehrlicher,
unbescholtener Name.«
»Und darf auch _ich_ jetzt reden, Salomon?«
»Reden Sie,« sagte der alte Mann resignirt: »ich habe gesprochen, und es
ist nicht mehr als recht, daß ich auch die Entgegnung höre.«
»Ihr wißt, Salomon,« erwiederte Bruno, ohne sich auf eine Widerlegung
des eben Gesagten einzulassen, ja, ohne sie nur zu versuchen, »wie ich
in meines Vaters Hause erzogen, wie von dem Vater selber, wie von der
Tante besonders behandelt bin; ich habe Euch das schon manchmal, wenn
wir hier unten plaudernd saßen, erzählt -- Euch erzählt, weil Ihr der
Einzige waret, zu dem ich Vertrauen fassen konnte.«
»Ich weiß es, ich weiß es,« nickte der alte Mann -- »ich weiß es auch
von anderen Leuten, denn es konnte kein Geheimniß bleiben und ist viel
gesprochen darüber in der Stadt. Das Fräulein Tante -- die Gnädige muß
sein eine liebe Frau -- Gott der Gerechte soll mir behüten -- aber das
ändert an der Sache nichts.«
»Doch, Salomon, doch,« rief Bruno; »mein Vater hat nie etwas gethan, um
sich meine Dankbarkeit und Liebe zu verdienen -- ich bin aufgezogen in
meines Vaters Hause nicht wie der älteste Sohn vom Hause, nein, wie ein
lästiger Fremder, dessen man sich nun einmal nicht entledigen kann.
Und Liebe? Niemand hat Liebe zu mir gehabt. Endlich aber ist die Zeit
gekommen, wo ich selbstständig in das Leben trete, und beim Himmel, ich
will selbstständig handeln! Ich habe ein Herz gefunden, das mit ganzer,
treuer Liebe an mir hängt, das einzige Herz auf dem weiten Erdenrund,
und das wenigstens soll mir nicht verloren gehen alberner Vorurtheile
und eines rostigen Stammbaumes wegen. Ich bin frei und mein eigener
Herr, sobald ich mein vierundzwanzigstes Jahr erreicht, also in wenigen
Wochen. Meinen Abschied hab' ich schon eingereicht und werde die
Ausfertigung desselben in den nächsten Tagen erhalten. Dann bindet mich
nichts mehr an diese Stadt, als die Regelung meiner Geschäfte, die ich
mit gutem Gewissen Euch, meinem alten, bewährten Freund, überlassen
kann; ich selber ziehe fort. Mag mein Vater, mag die Tante das alte,
öde Schloß bewohnen, ich will meinem Gott danken, wenn ich die düsteren
Mauern nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu betreten brauche. Weit hinweg
von hier ziehe ich, in ein fernes Land -- nach Italien -- aber nicht
allein. Meine Gattin führe ich dorthin mit mir -- meine Rebekka. Gebt
mir Euer Kind, Salomon -- ich will es auf Händen tragen mein ganzes
Leben lang -- gebt mir Rebekka, und Ihr sollt es nie, nie bereuen, mir
vertraut zu haben!«
Der alte Mann saß schweigend und wie gebrochen vor dem Officier auf
seinem Stuhle. Er antwortete nicht -- er nickte nur still und traurig
vor sich hin mit dem Kopf; endlich sagte er leise:
»Ich hab' es mir gedacht -- ich hab' es mir gedacht -- junges Blut,
junges Blut! Und wenn Sie nachher reich sind und vornehm, und andere
vornehme junge Damen sehen, die Sie hätten heirathen können und mit
denen Sie auch glücklich und zugleich geachtet und hochangesehen gewesen
wären, dann kommt die Reue, und mein armes Kind, das fühlt das dann mit
und härmt und grämt sich und sorgt sich ab -- und der Vater, der
das schon lange gesehen hat, rauft sich die Haare und den Bart und
verwünscht, daß er damals nicht hart gewesen, hart wie ein Stein.«
»Gebt mir Euer Kind, Vater!« drängte Bruno. »Wollt Ihr es jetzt gewiß
unglücklich machen, weil Ihr in dem Wahn lebt, daß es später einmal
unglücklich werden könnte? Rebekka liebt mich -- sie hängt mit ganzer
Seele an mir, und ihr reiches Herz müßte brechen, wenn Ihr diese Liebe
aus ihrer Brust reißen wolltet -- gebt mir Eure Rebekka, Vater!«
Noch immer sagte Salomon kein Wort, und der düstere Schein der Lampe nur
warf sein Licht auf seine bleichen, wie von tiefem Schmerz durchfurchten
Züge. Endlich flüsterte er leise:
»Er hat recht -- ihr Herz würde brechen -- es soll sein -- es soll sein,
der liebe Gott hat's so gewollt und der liebe Gott mag's weiter führen.
Sie wird ihre Eltern verlassen und den Glauben ihrer Väter -- Du sollst
Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, aber sie wird Gott
nicht verlassen, wenn sie auch unter anderen Formen zu ihm betet -- er
hat's selber gewollt -- er hat's selber gewollt.«
»Salomon....«
Der alte Jude stand auf; er hob den Lampenschirm zurück, daß deren Licht
jetzt voll auf Bruno's Züge fiel, und sah dann lange und ernst in die
bittenden, aber guten und ehrlichen Augen des jungen Mannes; und jetzt
erst -- jetzt zum ersten Male flog ein leichter Schimmer über sein
eigenes Antlitz. Bruno hielt auch den Blick fest aus, und während jetzt
sogar ein Lächeln um die feingeschnittenen Lippen des alten Mannes
zuckte, sagte er: »Und der Baron will des Juden Tochter freien?«
»Des Juden Tochter, und er ist stolz darauf, Vater; er will glücklich
werden und sie glücklich machen!«
»Jehovah hat's gewollt -- _ich_ kann's nicht hindern,« nickte der alte
Mann -- »dann kommen Sie zu Rebekka und fragen Sie das Mädchen selber.
Sagt Sie Ja -- der alte Salomon wird nicht sagen Nein -- er hat es
leider nie gethan, wo es vielleicht besser gewesen wäre. Kommen Sie, daß
wir der Sache ein Ende machen.«
Und die Lampe aufgreifend, trug er sie zur Hinterthür, öffnete dort,
löschte die Lampe aus, schloß die Thür wieder hinter sich, riegelte
sie, hing noch ein Schloß daran und schritt dann mit dem jungen Mann der
wohlbekannten Treppe zu.
Und wie klopfte Bruno das Herz, als er die Stufen hinanstieg, und wie
langsam ging ihm der Vater -- wie gern wäre er ihm vorausgeeilt! Aber
Salomon, der sich das wohl denken konnte, hatte die Hand auf seinen Arm
gelegt und ließ ihn nicht rascher vorwärts, als er selber ging.
»Geduld,« sagte er dabei, »Geduld, junger Mann; es ist ein ernster
Schritt, den Sie thun, und da ziemt keine Hast -- der ernsteste
Schritt, den ein Mann thun kann -- Gott der Gerechte weiß es, und kein
Rückschritt möglich -- außer durch ein Thor des Jammers und Herzeleids
für zwei verfehlte Leben. Gehen Sie ihn langsam und mit Bedacht. Und
jetzt noch,« fuhr er plötzlich fort, »ist eine Umkehr möglich -- noch
weiß Rebekka nicht, daß wir kommen -- noch läßt sich vielleicht....«
»Vater,« bat Bruno, »Gott will es, daß sich zwei Herzen, die sich auf
ewig angehören sollen, finden -- wollen Sie da eingreifen?«
»Nein,« sagte der alte Mann feierlich, »es ist auch jetzt zu spät;
sie hat uns -- sie hat Ihre Stimme schon gehört -- also wie Er will,
vorwärts denn.«
Und oben öffnete sich die Thür. »Vater,« rief Rebekka's Stimme, »bist Du
das?«
»Ich bin es, mein Kind,« sagte der alte Mann.
»Und kommst Du allein? Mit wem sprichst Du?«
»Ich komme nicht allein, Rebekka, ich bringe Dir Jemanden.«
Wieder wollte Bruno voraus, aber der alte Mann ließ ihn nicht; er hielt
ihn fest am Aermel, und oben wurde die Thür wieder zugeschlagen. Gleich
darauf hatten Sie die obere Etage erreicht.
»Und darf ich jetzt hinein?«
»Gehen Sie,« sagte der Alte, »es hilft mir doch nichts. Einen Augenblick
könnt' ich es noch hinauszögern, nicht länger -- was liegt an dem
Augenblicke -- 's ist ein Tropfen im Meere -- gehen Sie.«
Bruno hatte sich schon lange von ihm losgemacht, die Thür geöffnet und
den schmalen Vorsaal durchschritten. Dort im Zimmer stand Rebekka, wie
sie gewöhnlich ging, in einem blüthenweißen Kleid, die rabenschwarzen
Locken auf den vollen Nacken niederfallend, und diese Art von Tunica
durch einen jener zierlichen russischen Platina-Gürtel zusammengehalten.
So stand sie da -- ein Bild jungfräulicher Scham und Liebe -- die
Arme halb dem Nahenden entgegengestreckt, und doch auch wieder den
elastischen Körper wie scheu zurückgebeugt, als ob sie ihm entfliehen,
ihn meiden wolle.
»Rebekka,« rief Bruno, die Arme nach ihr ausbreitend, »Rebekka -- süßes,
herziges Lieb -- willst Du mein sein -- willst Du mir angehören für Dein
ganzes Leben und Freud' und Leid mit mir tragen, Lust und Schmerz --
willst Du mein Weib sein und Dein Herz mir geben?«
»Mein Herz?« sagte Rebekka mit leiser Stimme, die aber wie ein Choral in
Bruno's Ohren klang. »Mein Herz -- hab' ich es denn noch? Ist es nicht
längst schon Dein?« Und als er auf sie zuflog und sie in seine Arme,
an seine Brust drückte, da lehnte sie ihr Haupt wie müde an ihn und
flüsterte: »Bruno -- mein lieber, lieber Bruno -- o, wie danke ich Dir,
daß Du gekommen bist -- wie werd' ich es Dir ewig danken!«
Und die Mutter saß in der Ecke, und die hellen Thränen liefen ihr über
die Wangen nieder; und der Vater stand mit gefalteten Händen vor ihnen
und sah mit Schmerz und Lust zugleich das junge, jetzt so glückliche, so
überselige Paar. Dann nahm er langsam ihre Hände, legte sie in einander
und sagte freundlich: